Äther-Rebellion

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Judge Fredd
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Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » So 11. Dez 2016, 17:48

In der Stille der Nacht
In dem Versuch, einen Aufstand der Renegaten niederzuschlagen, konfiszierte das Konsulat von Ghirapur alle nicht genehmigten Geräte von den Erfindern der Stadt. Der Zugang zu Energiequellen wurde drastisch eingeschränkt und eine Sperrstunde verhängt.

Yahenni, eine äthergeborene Salonlöwin und Philanthropin, ist dem Tod nur noch Augenblicke entfernt. Mit dem verzweifelten Wunsch, nicht einsam aus der Welt zu scheiden, stolpert Yahenni nach der Sperrstunde durch die verlassenen Straßen und sucht nach dem, was jedem Äthergeborenen zustehen sollte: einer letzten Feier, ehe man stirbt.


I

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Ich muss irgendjemanden finden, der bei mir ist, wenn ich sterbe. Ich brauche jemanden, der das, was von meiner Schulter noch übrig ist, zusammenhält. Ich brauche jemanden, der Zeuge wird, wie es mich im einen Augenblick noch gibt und im nächsten dann nicht mehr. Eine liebevolle Stimme, die flüstert: „Du bist sicher. Es ist gut, Yahenni. Lass los, wenn du bereit bist.“ Ich brauche jemanden. Egal wen.

Ich werde jemanden finden, auch wenn es mich umbringt.

Es ist dunkel, und ich bin die Einzige, die unter den Traufen des Bronzeviertels umherstolpert. Die Durchfahrtstraßen sind leer, die Stände geschlossen und verlassen. Es gibt kein Licht, das mir Gesellschaft leistet – nur das, was mein eigener Körper abstrahlt. Keine Erfinder (Notstandsverordnung #89-A), kein Äther (Notstandsverordnung #89-B) – und da bin ich nun und torkele umher wie ein betrunkener Bandaren, vergeblich auf der Suche nach jemandem, der mit mir feiert, während ich sterbe. Zu lange war ich in meinem Penthouse eingesperrt gewesen, und nun da die Notstandsverordnung #89-C in Kraft ist, hätte mich mit Sicherheit auch niemand besucht.

Ich nehme nur ein einziges weiteres Wesen auf der Straße wahr. Ein schrecklich darbender Gremlin liegt unter einem Fahrzeug zu meiner Linken, die Pupillen ob der Dunkelheit der Nacht stark geweitet und der Bauch vor Hunger tief eingesunken. Er folgt mir schon die letzten zwanzig Minuten. Ich schaue weg. Wir beide riechen nach Tod.

Jeder Äthergeborene verdient eine vorletzte Feier, doch zur Zeit gibt es niemanden, der irgendetwas feiern würde.

Ich spüre, wie sich mein linker Handrücken in einer Wolke auseinandertreibenden Äthers auflöst. Diese Freisetzung ist beruhigend und wirkt der Anspannung entgegen. Der Rest meines Körpers sehnt sich danach, das Gleiche zu tun. Es wäre so leicht.

Ich stolpere über ein Stück eines platt gefahrenen Lieferservos. Ein Teil meines Fußes bleibt daran hängen. Ich höre den Gremlin darauf zuhuschen und sich an den kümmerlichen Überresten meiner selbst laben, die nun an der Hülle des Servos haften. Unter den Äthergeborenen gibt es eine häufige Warnung: Gremlins jagen dich zwar nicht, aber sie warten gern und geduldig.

Ich stolpere weiter. Ich habe noch fünfzehn Minuten.

Ich frage mich, was ich wohl war, bevor ich gelebt habe. Habe ich meine Ewigkeiten damit zugebracht, ein ums andere Mal durch die Große Verbindung zu fließen? Habe ich Städten zu Energie verholfen? Habe ich Gremlins genährt? Welche traurige Endlosigkeit erwartet mich wohl, wenn ich sterbe ...

Urplötzlich trifft es mich, wie ein Zug, der in völliger Geräuschlosigkeit auf ein Hinderns prallt.

Ich werde allein sterben.

Meine Panik lässt mich schneller vorantaumeln. Wohin, weiß ich nicht. Wenn ich meine Sinne öffne (die eigenartigerweise nie schärfer waren – Daumen hoch für die Nekrose!), kann ich Menschen wahrnehmen, die sich in ihren Wohnungen verbergen. Jeder von ihnen riecht nach Unbehagen. Weit verteilt und voneinander abgeschnitten. Was einst das beste Vergnügungsviertel Ghirapurs war, ist nun angesichts der stadtweit geltenden Sperrstunde mit Brettern vernagelt, geschlossen und verrammelt. Das einzige Geräusch auf diesen Straßen sind meine Schritte, als ich auf der Suche nach irgendeiner Ansammlung von Menschen umherstolpere. Keine Sperrstunde wird mich von meinem Geburtsrecht abbringen. Ich habe eine letzte Feier verdient und ich werde sie finden – und wenn es mich umbringt.

Ich schaue hinter mich zu dem Gremlin. Er erwidert meinen Blick voller Hunger. Ich gerate in Panik.

Es kommt tatsächlich so. Ich werde allein sterben.

Ich werde allein sterben.

Ich werde allein sterben.

Ich drücke meine noch etwas intaktere Hand gegen ein Gebäude, um mich abzustützen, und gehe schneller. Meine Haut hält mich lose umfangen ... Ich werde von losen Fäden aus Rauch und dahinbröselnder Asche zusammengehalten. Ich halte an und konzentriere meine Sinne. In der Ferne rieche ich den feuchten Filz der Verzweiflung, eine mineraldurchtränkte Entschlossenheit und trotzige Tamarinden ...

Moment! Ich kenne diesen Tamarindenduft!

Ich wanke auf das empathische Aroma zu. Es ist nur ein paar Blocks entfernt.
__________

II

Je älter ich wurde, desto mehr wurde mir nach und nach bewusst, wie viel Zeit genau mir noch bleibt. Ich schätze, es ist der gleiche Sinn, der Wesen mit Organen und Körperöffnungen mitteilt, wann sie essen müssen oder erkältet sind oder ihre Blase zu leeren haben. Als ich einige Wochen alt war, wusste ich, dass mir noch etwa vier Jahre blieben. Als ich ein Jahr alt war, wusste ich, dass es noch ungefähr drei Jahre und ein Monat waren. Und vor einer Weile wusste ich genau, dass es noch zweiundzwanzig Tage waren. Jetzt weiß ich: Mir bleiben noch zwölf Minuten. Ich weiß es und es ist entsetzlich.

Der Duft nach Tamarinden wird stärker. Ich sehe die Mauern des Museums der Erfindungen vor mir. In den letzten Wochen war es von Dutzenden von Bannern des Konsulats übersät gewesen, doch nun ist dort auf der Vorderseite des Gebäudes, wo die Banner herabgerissen wurden, nur noch ein kahler Fleck. An der Stelle der Banner ist ... etwas anderes. Ich bewege mich weiter darauf zu, und in der Dunkelheit mache ich frische Farbe aus, die im Sternenlicht schimmert.

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Ich erkenne das Zeichen der Renegaten: ein umgekehrtes Konsulatssymbol mit ausschweifenden Linien am Boden, als würde dort etwas zerfließen. Sie nennen es den undichten Turm. Ein Symbol der Hoffnung, dass der Äther dazu bestimmt ist, zu den Menschen zurückzukehren.

Auf der anderen Straßenseite bemerke ich eine menschliche Gestalt, die letzte Hand an ihr Graffiti anlegt.

Mein Herz macht einen Sprung – ich kenne diese Person! Das ist Nived, mein liebster Essenslieferant!

Ah, Nived! Was für ein Kerl! Ich habe ihn seit meiner Feier vor der Erfindermesse nicht mehr gesehen! Extravagante Büfetts, intime Mahlzeiten – es gibt nichts, was Nived nicht zubereiten kann. Ich hatte ihn für meine vorletzte Feier gebucht ...

Eine Woge der Traurigkeit spült über mich hinweg. Unter den derzeit herrschenden Umständen hatte ich meine eigene Feier absagen müssen. Ich hatte meine eigene vorletzte Feier absagen müssen.

„Nived!“, flüstere ich hörbar. Nived zuckt zusammen und blickt mich mit geweiteten Augen an. Sein Gesicht ist voller Farbe und ein notdürftig zusammengeflickter Hackmesser-Apparat an seinem Handgelenk befestigt. Ich bin entzückt. Schau sich nur einer meinen Freund den Rebellen an!

Er legt einen Finger an die Lippen. Pst. Ich kann mich später noch freuen. Ich keuche und stolpere näher. Noch sieben Minuten. Meine Beine geben nach, als ich Nived erreiche. Meine Stimme bebt. Das Sprechen fällt mir schwer, doch das hier ist unfassbar wichtig. Das könnte sehr wohl das letzte lebende Geschöpf sein, dem ich begegne, und es ist Zeit, Buße zu tun, solange ich noch kann.

„Yahenni? Bist du das?“, fragt er, während er hastig seine Farbe zusammenrafft. Er kniet sich zu mir auf den Boden.

„Das, was noch von mir übrig ist“, scherze ich halbherzig. „Es freut mich zu sehen, dass du deinen Bürgerpflichten nachkommst.“

„Dein Körper ... Was ...?“

„Ich habe nicht viel Zeit. Nived ... Ich wollte mich entschuldigen, Teuerster.“

„Wofür denn?!“

Die Woge der Qual spült erneut über mich hinweg. Mir bleibt so wenig Zeit. Meine Worte müssen Eindruck hinterlassen. Ich lege die Hand auf Niveds Schulter.

„Es tut mir leid, dass ich ... abgesagt habe ... weniger als einen Tag vor meiner Feier ...“

„... Ist das dein Ernst?“

Mein Körper zittert vor Schwäche und Verdruss. „Ich sterbe! Natürlich ist das mein Ernst!“

„Das ist doch lächerlich ...“

„Ich habe großen Respekt vor Stornierungsbedingungen.“

Mit einem Mal wird unser Aufenthaltsort von einem empathischen Gestank überflutet.

„HALT! KEINE BEWEGUNG!“, ruft eine befehlsgewohnte Stimme hinter einer Ecke hervor.

Wieso habe ich diese Person nicht gespürt?! Ein massiger Vollstrecker des Konsulats („Die Ehrbaren“ – dass ich nicht lache!) biegt um die Ecke des Museums. Sein Blick ist starr auf Nived gerichtet. „Sie sind verhaftet wegen Verunstaltung und Vandalismus!“

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Nived will die Biege machen, aber der Vollstrecker wirft ihm ein Gerät an die Schulter. Von oben nähern sich von nahen Schienen vier Kugeln, die einen hellen, blauen Energiefunken abgeben. Nived schreit, zuckt zusammen und fällt zu Boden.

„NIVED!“

Ich spüre, wie mir ein jähes Schluchzen entfährt. Mein Körper – Niveds Körper? – Mein Körper? – wird von einem stechenden Schmerz durchzuckt und mein Kopf füllt sich mit bitterer Angst. Rauch schwebt von den versengten Kleidern meines Freundes fort. Meine Empathie könnte mich umbringen, denke ich abwesend durch den Schleier des Schreckens meines Freundes (oder meines eigenen?).

Ohne meinem Weinen Beachtung zu schenken, geht der Vollstrecker des Konsulats zu Nived hinüber. Meine Sinne erhaschen ihn und seine psychische Witterung. Seine Gegenwart ist, als würde man über einem tiefen Abgrund stehen. Ein plötzliches Bewusstwerden einer großen Abwesenheit. Der Vollstrecker, der über dem Körper meines Freundes aufragt (dem besten Koch in Ghirapur, du Bastard), ist ein ausgetrockneter Brunnen mit einem kaum wahrnehmbaren Geruch nach Sadismus und glänzendem Messing. Ich bin zu schwach zum Weglaufen, und die Furcht meines Freundes überflutet meine Sinne.

Der Messinggeruch wird von dunkler Neugier erwärmt. Ich wünschte, ich könnte mich übergeben. Ich wünschte, ich könnte den Gestank des Herzens dieser Person aus meinem Inneren tilgen und ihn ausspeien.

Ich sehe, wie sich Nived leicht regt und der Vollstrecker das Energiegerät erneut anschaltet.

Alles riecht nach Schrecken und morbider Freude, und ich kann nichts tun.

Nived versucht, sich zu bewegen.

Niemand ist hier, der uns helfen könnte. Wir sind allein.

Der Vollstrecker aktiviert das Gerät. Das helle Leuchten gefährlichen Äthers schlägt einen zuckenden Bogen auf meinen Freund zu. Nived ist völlig reglos.

„Lass ihn in Ruhe“, stoße ich schwach hervor.

Der Vollstrecker rührt sich nicht. Es ist zu dunkel, um etwas zu sehen, doch ich spüre, wie er abschätzig lächelt. Der bewusstlose Körper wird erneut unter Strom gesetzt.

„Aufhören! Du wirst ihn noch umbringen!“

Mit aller Kraft rappele ich mich auf und versuche, auf den Vollstrecker zuzustürmen, doch ich sinke wieder zu Boden. Ich bin meinem eigenen Tod zu nahe. Drei Minuten. Der Vollstrecker wendet sich um und sieht mich an. Ich bin nur eine Handbreit entfernt, rauchend, zerfallend, vergehend.

Der Vollstrecker kniet sich zu mir herunter. Das Leuchten des Äthers, der aus mir entweicht, erhellt die grausamen Linien seines Gesichts von unten und verzerrt sein leeres Lächeln. „Du bist diese ... Yahenni, richtig? Ich habe dein Bild in einem Pressebericht gesehen.“ Ich zittere. „Ich suche nach sechs Personen, die mit den Renegaten sympathisieren. Eine ist die Tochter der Verbrecherin Pia Nalaar.“

In meinem Kopf dreht sich alles. Ich habe diese Tochter kennengelernt ... Chandra hieß sie? Ich habe sie erst vor einigen Wochen gesehen. Was haben sie und Nissa nur getan, um schon nach so kurzer Zeit so viel Aufmerksamkeit des Konsulats auf sich zu ziehen?

Der Vollstrecker richtet sich zu voller Größe auf und schnaubt: „Ich werde diesem Abschaum hier den Garaus machen, wenn du mir nicht sagst, was du weißt.“ Er tritt gegen Niveds reglosen Körper.

Ich bebe vor Zorn.

Der Vollstrecker tritt erneut nach Nived. „Was bedeutet dir schon ein bewusstloser Renegat, du Schwächling?“

Ich mobilisiere das allerletzte Quäntchen Kraft, das noch in mir steckt, und kämpfe mich hoch. Mein Bein zittert, als ich meinen noch verbleibenden Fuß belaste, und meine rechte Hand juckt vor Wut. Ich blicke dem Vollstrecker in die Augen und flüstere mit meinem letzten Atem:

„Er ist mein Koch.“

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Ohne Vorausplanung, ohne genauere Überlegung und ohne der Stimme meines Gewissens in meinem Hinterkopf Beachtung zu schenken, kralle ich die rechte Hand in den Nacken des Vollstreckers und ziehe. Das gleißende Leuchten von Essenz tropft aus seiner Haut und in meine Hand.

Der Vollstrecker schreit auf, und die Ausgelassenheit, die ich verspüre, gleicht von ihrer bloßen Wucht her der Flut seines unbändigen Schmerzes.

Ich kann den Schrei nicht unterdrücken, der mir im Einklang mit dem seinen entfährt. Ich spüre alles, was der Vollstrecker spürt. Er stirbt, und es fühlt sich an, als würde ich sterben, und es tut weh und es ist elend und ich bin gleichzeitig Mörderin und Ermordete.

Durch die Schreie des Vollstreckers hindurch erinnere ich mich der rachsüchtigen Grausamkeit, die er nur Augenblicke zuvor zur Schau getragen hat.

Ich muss das hier ganz zu Ende bringen, wenn ich überleben will.

Nach endlosen sieben Sekunden öffne ich die Hand und der Vollstrecker fällt zu Boden. Sein lebloser Körper liegt nun neben dem bewusstlosen Nived.

Alles an mir kribbelt. Nach dem Schmerz bildet sich in mir eine Blase panischer Beklemmung. Warum hat das eben wehgetan?! Warum habe ich all das gespürt, was dieser widerliche Vollstrecker beim Sterben verspürte? Als ich das erste Mal etwas anderem Essenz entzogen hatte, hatte ich nur Freude am Leben empfunden. Warum also sollte dies nun anders sein?

Die Antwort legt sich bleischwer auf meinen Verstand. Als ich das erste Mal etwas anderem Essenz entzogen hatte, hatte es sich dabei nicht um eine Person gehandelt. Heute jedoch hatte ich eine Person getötet.

... Ich bin eine Mörderin ...

Der Gedanke fühlt sich fremd an. Er wird von dem überschattet, was mit meinem Körper geschieht. Mein Körper fühlt sich seltsam ... übersättigt an. Angenehm vollgestopft. Ich habe zwei Hände. Ich habe zwei Füße. Ich stehe hoch aufgerichtet da und strecke mich. Die Risse sind aufgefüllt und meine Dermis fühlt sich etwas vollständiger an. Die Dringlichkeit in mir hat nachgelassen. Ich bin ... satt? Glaube ich? Ich horche in mir nach der Zeit, die mir noch bleibt.

Ganze zwölf Tage.

Oh.

Ich habe wenige Minuten zu ganzen zwölf Tagen ausgedehnt – zum Preis eines Lebens. Ich tat, was ich tun musste, um zu überleben. Ich habe getötet, um mich selbst zu retten. Oder?

Ein Geräusch holt mich in die Gegenwart zurück. Ich lasse meine Sinne wandern und spüre Menschen, die sich schnell auf uns zubewegen – die Verstärkung des Vollstreckers muss uns gehört haben. Rasch verstaue ich Nived sicher hinter einem verlassenen Marktstand in der Nähe. Hinter der Absperrung gut verborgen springt mein Verstand von Gedanke zu Gedanke.

Was, wenn ich gar nicht sterben muss? Was, wenn das die Lösung ist, die ich so dringend gebraucht habe? Ich muss das jetzt erst einmal so durchziehen. Ich muss ruhig bleiben und ich darf mir keine Sorgen darüber machen und ich muss akzeptieren, dass ich wenigstens die schlechten Menschen töten kann, wenn ich schon um meines Überlebens willen töten muss.

... Aber wenn das die Regeln sind, nach denen ich leben will, dann verdiene auch ich den Tod.

Ein leises Wimmern entfährt mir.

Ich kann mir keine Schwäche erlauben. Nicht jetzt, da ich eine Möglichkeit gefunden habe, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Ich bin es leid, auf diesen furchtbaren Zug zu warten, auf dass er mich mitnehmen möge.

Ich habe noch zwölf Tage! In diesen zwölf Tagen kann ich noch so viel machen!

Doch wenn ich mit diesen zwölf Tagen wirklich etwas anfangen will, muss ich Menschen finden, an deren Seite ich stolz streiten möchte. Wenn ich mit ihnen zusammenarbeite und die schlechten Menschen töte, wäre mein Verbrechen in den Augen meiner Mitgeschöpfe doch gesühnt, oder?

Die Lüge tröstet mich. Mein Ziel ist klar. Ich muss die Renegaten finden. Ich muss die Tochter einer Verbrecherin finden. Ich muss die Elfe mit den endlosen Augen finden.

Es gibt nur eine Person in dieser Stadt, die mehr über ihre Verstecke weiß als ich.

Gonti.
__________

III

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Nachdem ich Niveds bewusstlosen Körper zurück in mein Penthouse geschafft habe, dauert es eine volle Stunde, den Vollstreckern aus dem Weg zu gehen, durch Gassen zu schleichen und Treppen hinabzusteigen, um die Privatresidenz des berüchtigten Verbrecherfürsten Gonti zu erreichen. Wir Äthergeborenen sind eitel, weil wir es sein müssen, doch Gontis Eitelkeit kennt keine Grenzen.

Dank meiner bescheidenen Berühmtheit (wenn Sie jemals berühmt werden wollen, so empfehle ich Ihnen, reich zu werden, Ihr Geld jenen mit einer traurigen Geschichte zu spenden und anschließend viel darüber zu reden) werde ich ohne große Umschweife in das Versteck eingelassen. Die Residenz ist im Grunde ein Palast, der von außen als Lagerhaus getarnt ist. Auf meine Bitte hin, mit Gonti sprechen zu dürfen, nicken die Sicherheitsleute an der Tür und willigen ein, mich zu ihm zu führen.

Auf unserem Weg komme ich nicht umhin, den unermesslichen Reichtum dieses Ortes zu bestaunen. Normalerweise würde ich so etwas als kitschig bezeichnen, doch ehrlich gesagt verdient dieser Grad, so völlig überzogen mit Geld um sich zu werfen, meinen Respekt. Gontis Residenz ist ein Wunder an gestohlener Opulenz, flirrendem Filigran und unrechtmäßig erworbenem Zierrat. Ich betrete eine große Eingangshalle, an deren Ende sich ein Konferenztisch befindet, und zwischen mir und ihm liegt ein gewaltiger Raum voller flauschiger Teppiche und luxuriöser Sofas. Auf den Sofas fläzen sich neue Renegaten neben alten Vertretern der Verbrechersyndikate. Sie schlürfen Tee und tauschen Geheimnisse aus, während ihre Blicke mich auf meinem Weg durch die Halle verfolgen. Ein Automat serviert Essen und sorgt dafür, dass die Gäste sich wohlfühlen. Es gibt kaum einen besseren Ort, um eine Sperrstunde zu verbringen.

Ich werde an den verstreuten Schurken und Tunichtguten vorbei und durch eine glitzernde Doppeltür hindurchgeführt. Dieser Raum ist so gestrichen, dass er wie ein ländliches Idyll wirkt: Laubbehangene Bäume und verspielte Bäche zieren ein Deckengemälde, das die Große Verbindung zeigt. Entlang der Wände sind prunkvolle Pferche mit einem kleinen Streichelzoo voller Tierkonstrukte. Ein mechanischer Fuchs und ein Hirsch aus Drahtgeflecht stolzieren adrett über dicke Läufer in der Nähe. Igitt. Ich verabscheue Inneneinrichtungen, die absichtlich exzentrisch gestaltet sind. So sehr man es auch versucht: Langweiliger Geschmack lässt sich nie kaschieren. Hinter der nächsten Tür probt ein schillernder Akrobat Posen, während er von der Decke hängt, und dahinter befindet sich ein ewig langer Apothekerschrank voller erlesener Ätherduftwässer. In den Fluren stehen Vitrinen um Vitrinen mit schimmernden Geräten, auf denen keinerlei Siegel auf eine Massenproduktion hindeutet. Alles ist geheim, alles ist gestohlen und alles ist sicher vor der gierigen Hand des Konsulats.

Am Ende dieses verschwenderischen Labyrinths ist eine milchige Glastür. Die Sicherheitsleute treten beiseite und bedeuten mir, hindurchzugehen. Das tue ich und eine Dampfwolke hüllt mich ein. Ich begreife, dass ich vor einem großen, tiefen Becken mit warmem Wasser stehe: ein Bad, das nach Jasminaroma duftet. Die Wände bestehen aus behauenem Kupfer, und mein Spiegelbild wird durch mein eigenes Leuchten verwaschen und unzählige Male vervielfacht – und durch das Leuchten des Äthergeborenen, der vor mir im Wasser sitzt.

Gonti ist untergetaucht, das Gesicht mit einer goldenen Maske bedeckt. In der Mitte seiner Brust befindet sich ein eigenartiger Metallklumpen.

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Seltsam. Ich glaube nicht, dass ich das sehen sollte.

Meine Gedanken rasen, als Gonti eine Woge empathischer Überraschung ausstößt und sich rasch erhebt. Bäder sind unter unseresgleichen nichts gänzlich Unbekanntes ... doch eines, das hauchdünn mit dem Leuchten gestohlenen Äthers überzogen ist, ist es durchaus. Ich frage mich, wie es wohl ist, sich nach einem langen Arbeitstag in einer Wanne zu entspannen, die mit der gleichen Substanz gefüllt ist, aus der man selbst besteht. Es muss dem wundervollen, flüchtigen Rausch gleichen, den auch ein Hauch von Ätherduftwasser erzeugt ... nur für den ganzen Körper. Kein Wunder, dass Gonti reich bleibt. Man braucht definitiv eine Menge Geld von vielen Verbrechersyndikaten, um diese Marotte zu pflegen.

Während ich vor mich hin grübele, zieht Gonti sich einen entzückend flauschig wirkenden Bademantel über.

Ich stelle mir vor, wie schnell Unterhaltungen zwischen gesunden Äthergeborenen auf organische Wesen wirken müssen. Ein umgehendes empathisches Verständnis führt zu einem Gespräch, das sich weniger darum dreht, was jemand empfindet, und mehr darum, warum dem so ist. Man verschwendet kaum Zeit und die Sprache ist nicht sonderlich poetisch. Poesie ist etwas für Leute, die erklären müssen, was sie nicht auszudrücken vermögen.

Gonti streicht den Bademantel glatt und neigt den Kopf.

„Sie riechen nach Schuld. Es stinkt.“

Verflucht. Ich dachte, ich hätte das gut verborgen. Na schön. Dann packen wir mal die Karten auf den Tisch, schätze ich. „Das Konsulat hat mich an meine Grenzen geführt, mein Teuerster, und dies ist das Ergebnis.“

Gonti führt mich in etwas, was wie eine private Version des Raumes aus flauschigen Teppichen und Sofas wirkt, durch den ich am Anfang hineingekommen bin. Ich versuche, ihn so zu deuten, wie er meinen eigenen Gefühlszustand zu lesen versucht. Er bemerkt meine Aura aus Neugier und fragt sich, ob es sich lohnt, nachzuhaken. Einen Wimpernschlag später spüre ich, wie Gonti sich für Gleichgültigkeit entscheidet. „Wenn Sie nach Schutz suchen, kann ich Ihnen nicht helfen. Ich habe schon genug Banalitäten und Ärgernisse, die mir die Zeit stehlen.“

„Ich suche nach etwas, was uns beiden helfen würde“, sage ich und strahle Ernsthaftigkeit aus.

Das findet Gonti faszinierend. Er durchquert den Raum zu einem großen Sofa vor einer wunderschönen Statue. Das Kunstwerk, das auf einem Podest hinter ihm steht, scheint aus dem Himmel selbst gemacht zu sein. Ich will nicht wissen, wie wertvoll es wohl sein mag. Er setzt sich galant auf das Sofa vor dem beeindruckenden Stück.

Oberflächlich wirkt Gontis Geruch ungeduldig und etwas verärgert, doch darunter lauert ein leichter Hauch von Verzweiflung. Bittere Beklemmung. Der Geruch endet auf einer Note aus Grauen.

Auch sein Zug trifft wohl bald ein. Ich frage mich, wie diese brandneue Herz funktioniert.

Ich strahle zaghafte Zuvorkommenheit aus. Die Schärfe spitzbübischen Korianders.

„Sie suchen nach Rebellion?“, fragt Gonti.

„Ich suche nach den Menschen Chandra und Pia Nalaar.“

Manche Äthergeborene sind begnadete Lügner. Ich spüre, wie Gonti seine Aura mit einem Nebel grasiger Ambivalenz überflutet, um ein Erkennen seiner an der Oberfläche liegenden Gefühle zu unterbinden. Er traut mir nicht. Ich antworte mit einer Brise aus Kameradschaft und Veilchen. „Wir helfen einander, wenn wir ihnen helfen. Und abgesehen davon ...“

Ich beuge mich vor und spreche leise genug, damit die Sicherheitsleute vor der Tür mich nicht hören können.

„Wenn Sie mir sagen, wo sie sich verstecken, werde ich das Geheimnis Ihres künstlichen Herzens für mich behalten. Sie wollen doch sicher nicht, dass das Konsulat es beschlagnahmt.“

Die grasige Ambivalenz zerstiebt zu alarmiertem, beißendem Pfeffer und einer leisen Enttäuschung über törichte Sicherheitsleute.

Ich strahle überwältigendes Vertrauen mit einem Unterton von Neid darin aus. Gonti antwortet mit einem Nicken und einer nach Dhal duftenden Selbstzufriedenheit.

Dieser Neid, den ich zeige, kann Aufschluss über mein Geheimnis geben. Ich spüre nun, wie Gonti zu berechnen versucht, wie viel meiner Dermis ich im Vergleich zu damals, als er mich in zum letzten Mal in einem Pressebericht gesehen hat, noch habe. Er stößt eine plötzliche Überraschung aus, als er erkennt, wozu ich imstande bin.

„Essenzsauger sind selten“, sagt er. „Ich habe bislang nur zwei von ihnen getroffen. Wie haben Sie es erkannt?“

„Von allein. Nicht alle von uns haben so viel Glück, ihre eigenen Herzen bauen zu können.“

Es ist mir egal, ob er meine Lüge spüren kann. Ich war vier Wochen alt. Eine zwergische Freundin hatte eine Hyäne auf eine Feier mitgebracht ... Ich habe das Tier gestreichelt und es ist einfach passiert. (Es war ein Unfall. Wirklich. Depala hat das verstanden und mir vergeben.).

„Kommen Sie zur Sache, Yahenni. Wie fühlt es sich an, wenn Sie es tun?“

Die Frage lässt mich zögern. Nach dem Zwischenfall mit dem Vollstrecker erkenne ich, dass Depalas Haustier eine Anomalie war. Es ist etwas vollkommen anderes, einen Menschen zu töten. Zum einen kann ich seinen Tod spüren. Doch es fühlt sich andererseits auch so an, als würde ich einem vielversprechenden jungen Talent jemanden vorstellen, der sein Leben verändern wird. Es fühlt sich an, als würden meine Freunde stundenlang unter den Sternen tanzen. Es fühlt sich an, als würde mein Geschäftspartner einen Handel abschließen. Es fühlt sich an wie von sattem Rosenduft schwangere Begeisterung und der dankbare Zimthauch eines jungen Forschers, dem ich ein dringend benötigtes Stipendium zukommen lasse. Es fühlt sich an wie der Blitz, der zwei künftige Geliebte trifft, die einander über einen Raum voller Menschen hinweg ansehen.

Es fühlt sich wie all dies an ... und ebenso wie unvergleichliches Leid. Der Schock meiner eigenen Geburt. Depalas Schrei, als ich versehentlich ihr geliebtes Haustier töte. Mein Unternehmen, das in einer Nacht mehr Geld verliert, als die meisten Leute ihr ganzes Leben lang besitzen werden. Das empathische Erleben der Depression eines Nachbarn durch die gemeinsame Wand unserer Häuser hindurch. Die Trauer darüber, jung zu sein und nicht zu verstehen, warum Farhal, Vedi, Dhriti, Najm und einfach alle Mitglieder meiner Familie aus Äthergeborenen starben und starben und starben ...

Die zwei Sekunden meines ziellosen Sinnierens werden von einem spöttischen Auflachen unterbrochen. „Kein Wunder, dass Sie nach Schuld riechen“, tadelt Gonti.

„Mein Seelenleben hat Sie nicht zu interessieren.“

Ich werde von einem Klaps entzückten Amüsements getroffen. Honig und Cashewnüsse – wie wunderlich er mich doch findet.

„Sollte Ihnen erneut der Sinn nach dem Töten stehen, könnten Sie unserer Stadt dienlich sein. Durch die Sperrstunde und die Beschränkungen der Ätherversorgung sind meine Auftraggeber ganz enorm am weiteren Betreiben ihrer Geschäfte gehindert. Wir sind selbstverständlich weiterhin innovativ, aber es bleibt eine Tatsache, dass die Ausgangssperre und die Konfiszierung unseres persönlichen Besitzes wie ein Fluch auf unserer Stadt lastet. Ghirapur braucht ein gemeinsames Aufbegehren der Renegaten. Ich werde Ihnen sagen, wo sich Nalaar befindet, und Sie werden sie und ihre Renegaten warnen, dass ich das Konsulat zu ihrem Versteck sende.“

Ich setze mich gerade hin. „Warum?!“

Ich werde von dominantem und beleidigtem Adlerholzgeruch getroffen. „Sie müssen zum Handeln gezwungen werden. Warnen Sie sie, um sie dazu zu bringen, sich gegen das Konsulat zu wenden. Greifen sie zuerst an, müssen weniger meiner eigenen Kämpfer sterben.“

Ich weiche mit gedämpftem Gehorsam zurück. Man wird kein Verbrecherfürst, indem man schlecht im Verhandeln ist.

„Sie finden die jüngere Nalaar und ihre Verbündeten in einer Zuflucht im Statuengarten. Sagen Sie ihnen, dass sie in Gefahr sind. Machen Sie ihnen Angst, damit sie handeln. Sie sind nun ein Ungeheuer. Es sollte Ihnen also zur zweiten Natur geworden sein, Leuten Angst zu machen. Versuchen Sie bitte, sie nicht auszusaugen, Yahenni!“

Unsere Unterhaltung hat kaum zwei Minuten gedauert.
__________

IV

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Am folgenden Tag laufe ich zielstrebig zum Statuengarten, um Nalaars Versteck zu finden. Es mag leichter sein, sich bei Tageslicht zu bewegen, als des nachts umherzuschleichen, doch die allgegenwärtige Präsenz des Konsulats ist noch immer beklemmend. Niemand schlendert mehr einfach nur durch die Straßen, und die Geschwindigkeit des täglichen Lebens wirkt noch gehetzter als zuvor. Die Reise von meinem Penthouse zum Statuengarten ist hektisch und wortlos. Wenn Chandra und Nissa (und ihre Gefährten) genug getan haben, um das Konsulat zu verärgern, muss es sich lohnen, ihnen zu helfen. Ich kann meine restlichen Tage ebenso gut damit verbringen, anderen eine Hilfe zu sein.

Der Statuengarten ist ein gewaltiges Arboretum in der Nähe des Aradara-Bahnhofs. Zwei Dutzend riesiger Statuen aus anmutig geschwungenem Metall säumen die Straße. Eine jede stellt einen der berühmtesten Erfinder Ghirapurs dar. Die Tradition, Erfinder untersterblich werden zu lassen, begann mit den Aradaras: der Mutter und dem Sohn, die das Prinzip des äthergetriebenen Zugs perfektioniert hatten. Hier als Statue verewigt zu werden, ist die höchste Ehre, die einem Erfinder zuteil werden kann. Die Aradaras erschufen ihren Zug kurz nach dem Ätherumschwung, und die Statuen derer, die den Verfeinerungsprozess des Äthers überhaupt erst entdeckt hatten, stehen dicht im Garten hinter ihnen. Ich bin seltsam angerührt, als ich zusehe, wie die Sonne schwach durch die dünnen Wolken auf die Gesichter jener Menschen scheint, die für die Erschaffung meines eigenes Volkes verantwortlich sind.

Es ist seltsam: Je mehr ich mich dem Zeitpunkt meines Todes nähere, desto schärfer sind meine Sinne. Dieses Auf und Ab von Gefühlen gleicht einem Gang durch ein Museum. Die Kunstwerke sind ordentlich arrangiert und schon von Weitem zu erkennen. Ich nutze meine Sinne, um zu versuchen, das Versteck meiner Freunde aufzuspüren. Hoch droben in einer gewaltigen Statue eines Vedalken-Erfinders fühle ich einen schwachen Anflug von Ungewissheit und Besorgnis. Das müssen sie sein.

Ich schlendere auf die Staue zu und beginne, eine Leiter an ihrer Rückseite hinaufzuklettern. Dieses Ding ist riesig. Ich frage mich, warum ich nie so etwas Gewaltiges gebaut habe, als ich noch eine Angestellte war.

Ein Klirren. Ich erstarre. Ein umfunktionierter Sicherheitsautomat patrouilliert durch den Garten auf die Bahnstation zu. Dieses dumme, gefühllose Stück Altmetall hat mich zu Tode erschreckt. Ich bin mir recht sicher, dass die Maschine mich nicht bemerkt hat, und klettere weiter nach oben.

Beim Aufstieg blicke ich prüfend in mein Inneres. Noch elf Tage. Wie viel Zeit erhalte ich wohl mit jedem Leben dazu, das ich stehle? Ist es sicher, nur das Konsulat ins Visier zu nehmen? Werde ich genug Zeit haben, Gutes zu tun, wenn erst einmal alles vorüber ist?

Ein unerträglicher Schmerz durchzuckt meinen Körper. Seine Wucht lässt mich beinahe die Hände hochreißen, aber ich bin so kurz vor der Luke in der Nähe der Spitze. Ich höre etwas über mir:

„Irgendetwas ohne Gehirn kommt die Leiter hinauf.“

Wie rüde.

Die Stimme gehört zu jemandem, der sich nach Regen und Stein und einer Menge unbeantworteter Fragen anfühlt. „So etwas ist mir noch nie untergekommen ... Ich glaube, dieses Etwas kennt euch beide?“ Die Person klingt männlich und befindet sich in der Kammer oben, wo sie mit jemandem spricht, den ich nicht sehen kann. Der Schmerz dessen, was auch immer mit mir geschieht, hindert mich am Weiterklettern.

„Jetzt mach schon die Luke auf, verflucht!“ Eine weibliche Stimme. Sind das ... Ringelblumen?

Der neugierige Regen-auf-Stein-Mann fährt fort: „Wer auch immer es ist, er wurde von einem Verbrecherfürsten hergeschickt.“

„Ich glaube, es wäre am besten, wenn wir uns anhören, was er zu sagen hat.“ Ich kenne diesen Geruch! Orangenblütenöl! Das ist Nissa!

„Nissa! Ich bin es, Yahenni!“, rufe ich durch den Schmerz dessen, was der Regen-auf-Stein-Mann mit mir anstellt.

Über mir höre ich Fußgetrappel. Der Schmerz in meinem Körper verschwindet, und ich höre wieder den Mann, der nach Regen riecht. „Chandra, lass sie hinein.“

„Yahenni!“, ruft Chandra, während sie die Luke öffnet und mich hindurchzieht. Die Kammer in der Spitze der Staue ist erstaunlich geräumig. In der einen Ecke sind fünf Pritschen angebracht, und am Boden liegt ein Haufen Kissen als behelfsmäßige Sitzgelegenheit. Ein Sack voller Ausrüstung, auf dem ein Holzstab thront, liegt in einer anderen Ecke.

Ein Fremder in einem noch fremdartigeren Mantel mustert mich, als ich hineinklettere. Sein Verstand schwirrt vor Neugier. Ich beschließe sofort, dass er offenkundig ein Schnüffler mit ausgezeichnetem Geschmack in Sachen Kleidung ist.

Ich winke kurz. „Hallo, Nissa. Hallo, Chandra.“

Die Elfe lächelt. Sie ist genauso verstörend schön, wie ich sie in Erinnerung habe. Chandra steht in der Nähe und winkt zurück. „He, Yahenni. Danke für die schöne Feier neulich.“

„Ich bin froh, dass Sie da waren. Wie ich hörte, haben Sie Ihre Mutter gefunden.“

„Ja, wir konnten sie befreien. Sie trifft sich gerade mit einigen anderen Renegaten.“

Ich schüttle den Kopf. „Eine Schande, dass sie sich mit diesem Kerl Tezzeret anlegen musste. Er ist grässlich.“

„Er ist ein Trottel“, speit Chandra aus.

„Sie können ruhig vor mir fluchen, Teuerste. Ich schwöre, ich werde es Ihrer Mutter nicht verraten.“ Chandra lächelt.

Hinter ihr sehe ich zwei weitere Menschen. Eine Frau in einem dunklen Kleid sitzt entspannt, aber gereizt auf einem Stuhl. (Ist das Fell am Saum dieses Halsbands? Wie barbarisch. Wer tut denn so was?) Ein massiger Muskelprotz mit einem prächtigen Backenbart späht durch ein Loch in der Wand nach draußen.

„Das ist Yahenni. Wir können ihr vertrauen“, stellt mich Chandra der Gruppe vor. Ich hebe den Kopf in dankbarem Stolz. „Yahenni, dieser Mann dort ist Jace, die Frau ist Nissa, die andere Frau ist Liliana und der Mann dort in der Ecke ist Gideon.“

„Seltsame Freunde haben Sie hier“, scherze ich.

„Wenn du die hier schon komisch findest, dann solltest du erst mal die Riesenkatze sehen“, sagt Chandra.

„... Katze?“

„Sie steht gerade mit Frau Pashiri für unsere Lebensmittelrationen an“, sagt Nissa.

„Ich verstehe.“

Das tue ich nicht.

„Wir haben keine Zeit“, lenke ich ab. „Sie alle müssen sofort verschwinden. Das Konsulat wird hier einfallen, wenn Sie sich nicht aus dem Staub machen.“

Die Energie des Raumes füllt sich mit Aufmerksamkeit. Die vier Menschen und die einzelne Elfe tauschen kurze Blicke aus. Sie mögen zwar wachsam sein, doch ihr Geruch birgt keine Spur von Furcht. Nur das Gefühl, sich wappnen zu müssen.

„Wenn sie kommen, sollten wir uns kampfbereit machen“, sagt Nissa entschlossen.

„Zunächst sollten wir entscheiden, ob wir einen Kampf wollen“, fügt Jace hinzu.

„Tezzeret könnte bei ihnen sein“, sagt die Frau in dem dunklen Kleid grimmig.

„Es ist nicht die Art von Kampf, den man gewinnen kann“, sage ich mit Nachdruck.

Der Geruch der Gruppe teilt sich sofort. Entschlossener Kreuzkümmel. Ein innerliches, genervtes Aufseufzen. Eine beklommene, aber zuversichtliche verwesende Leiche (Moment. Was?!).

„Warum hat ein Verbrecherfürst Sie zu uns geschickt?“, fragt mich der Mann namens Jace.

Woher weiß er davon? „Gonti ist der Einzige in der Stadt, der mehr Verstecke kennt als ich. Daher ging ich zu ihm, um Ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Ich möchte mich der Sache der Renegaten anschließen, und ich wusste, dass dies möglich ist, wenn ich Sie alle finde.“

Die Spannung der Gruppe weicht nicht. Wir werden das anders machen müssen.

„Mein Penthouse ist sicher. Es gibt genug Sicherheitsvorkehrungen, dass Sie alle unerkannt bleiben können. Ich bringe Sie noch heute Nacht dorthin, und Sie können dort Ihr weiteres Vorgehen besprechen. Weder Gonti noch das Konsulat werden wissen, dass Sie mich begleitet haben.“

„Wir können Yahenni vertrauen“, sagt Nissa mit fester Stimme.

Die anderen schauen einander rasch an. Gideon nickt und der Rest beginnt, die Sachen zusammenzupacken. Die Frau im dunklen Kleid erhebt sich geschmeidig und mustert mich.

„Hat Ihr Penthouse mehr als fünf Zimmer?“, fragt sie. Die Frau riecht nach feuchtem Humus und einem bewundernswert gesunden Selbstbewusstsein.

„Teuerste, ich würde nirgendwo mit weniger als sieben schlafen“, erwidere ich. Sie nickt anerkennend und streckt eine Hand aus.

„Erfreut, Sie kennenzulernen, Yahenni“, sagt sie.

Ich schüttle ihr die Hand. „Ich freue mich, Ihnen zu Diensten zu sein, Teuerste.“

Empathisch beobachte ich das Gebiet um die Statue herum.

„Ich werde als Erste die Leiter heruntersteigen“, sage ich. „Folgen Sie mir.“

Ich öffne die Luke und klettere die Leiter hinunter. Ich spüre, wie die anderen mir folgen.

Der Wind bauscht meinen Mantel. Während meinem schlimmen Unwohlsein gestern (vor dem Saugen der Essenz) hatte ich ihn als meine Kleidung zum Sterben ausgewählt. Ich spüre, wie das frisch gestohlene Leben durch mein Sein fließt und meine Stimmung wehmütig wird. Mir wird von bittersüßem Vergnügen warm. Nun kann ich diesen Mantel doch noch weiter tragen.

Es ist ein langer Weg nach unten. Das Statuengarten ist still. Die Vögel, die hier für gewöhnlich nisten, sind fort, ebenso wie die Menschenmengen, die sonst auf diesen Straßen flanieren.

Im Schatten dieser Erfinder hier ist es schaurig. Auf meinem Weg die Leiter hinab sehe ich die Umrisse der Statue des großen äthergeborenen Erfinders Rajul in der Ferne. Er entwickelte eine der ersten medizinischen Technologien für nicht-organische Wesen. Rajul ist nach wie vor eine Inspiration. Es hat mich stets getröstet, ihn unter den bedeutendsten Namen unserer Zeit zu wissen. Ich bin dankbar, dass meine Art in jener Stadt, die uns hervorgebracht hat, nie als Außenseiter behandelt wurde. Die große, hoch aufragende Statue Rajuls ist eine kühne Bestätigung dafür, dass wir hierhergehören. Er tat nur, was auch jeder andere Erfinder hier getan hat ... und das, als er zwei Jahre alt war.

Ich bin nur wenige Körperlängen vom Boden entfernt und spüre, wie die anderen über mir miteinander sprechen und die Leiter weiter hinuntersteigen, aber meine anderen Sinne werden von einem plötzlichen Dröhnen in der Ferne abgelenkt, das mich schwindeln lässt. Ich greife fester nach der Leiter und schaue mich um, woher das Geräusch kommt.

Meine Wehmut verwandelt sich in Furcht.

Das Aufheulen eines Motors kommt schnell näher. Ich sehe einen einzelnen Kreuzer des Konsulats um die Ecke des Gartens auf unsere Statue zu beschleunigen. Ich verkrampfe mich alarmiert. Das Fahrzeug verlässt die Hauptstraße und pflügt durch den Garten. Was tut es da?! Die Sperrstunde hat noch nicht begonnen! Wir sind in Sicherheit!

Es sei denn, Gonti hat den Vollstreckern bereits einen Tipp gegeben. Und dann wären wir wahrlich in Schwierigkeiten. Die Geschwindigkeit und die Richtung des Kreuzers machen schmerzhaft klar, dass Gonti keineswegs auf irgendetwas wartet. Das Konsulat kommt geradewegs zur Leiter.

Ich kann nie im Leben vor einem Kreuzer des Konsulats davonlaufen, auch wenn ich den Boden erreiche.

Und wenn wir zurück nach oben klettern, sitzen wir in der Statue in der Falle.

Ich habe keine Zeit, Fragen der Moral abzuwägen.

Das Fahrzeug fährt auf die Leiter der Statue zu. (Hat dieser Vollstrecker vor, uns zu rammen?!).

Ich drehe meinen gesamten Körper herum, strecke die Füße aus und meine Linke greift nach der Sprosse. (Was um alles in der Welt treibe ich da?)

Das ist eine schlechte Idee. (Das ist die schlechteste Idee überhaupt – ich habe noch nie in meinem Leben etwas auch nur annähernd Athletisches getan.)

Ich strecke die Hand aus und spüre ein unvertrautes Ziehen in der Handfläche. (Ich werde spüren, wie er stirbt. Ich werde spüren, wie er stirbt, aber ich habe keine andere Wahl.)

Und ich springe.

Und ich lande auf der Haube des Fahrzeugs.

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Einige Sekunden der Qual.

Einige Sekunden der Ekstase.

Sein Schmerz ist mein und meine Euphorie ist mein und es fühlt sich an, als würde ich ertrinken.

Es erfordert beachtliche Anstrengung, doch diesmal schreie ich nicht auf.

Das Fahrzeug schlingert von der Statue fort, als der Vollstrecker im Inneren tot über dem Lenkrad zusammenbricht.

Ich krümme mich zusammen und rolle mich von dem Gefährt herunter.



Einen Augenblick ... Bin ich am Leben? Ich bin am Leben. Ich bin am Leben und habe zwei Menschen an einem Tag getötet, und was sollen denn die Leute von mir halten –

Oh.

Nun habe ich noch zweiundzwanzig Tage zu leben.

Erstaunlich. Abscheulich. Ich weiß nicht mehr so recht, wer ich eigentlich bin.

„Yahenni! Was ist passiert? Geht es dir gut?“, ruft eine weibliche Ringelblumenstimme in der Nähe. Sie alle müssen den Boden erreicht haben. Ich drehe mich um und sehe drei Menschen und eine Elfe, die mich etwas schockiert und besorgt anschauen, während die Frau im violetten Kleid es irgendwie schafft, trotzt ihrer hohen Schuhe die Leiter höchst anmutig hinabzusteigen.

Das Fahrzeug liegt verbeult am Fuß der anderen Statue. Der Vollstrecker, den ich getötet habe, hängt reglos und erbärmlich aus der Seite heraus. Meine Hände beginnen zu zittern, und ich begreife in einem kleinen Winkel meines Bewusstseins, dass meine Begleiter von dem, was ich gerade getan habe, nicht im Mindesten beunruhigt sein können. Das ist noch gar nichts. Sie haben Schlimmeres gesehen.

Ich möchte schreien.

Ich möchte schluchzen.

Ich möchte nach Hause.

„Keine Panik. Mir geht es gut.“ Meine Stimme bricht, als ich antworte.

Die anderen entspannen sich, als sie sich umsehen und sich rasch neu konzentrieren.

Chandra nickt, dreht sich um und geht zielstrebig los.

Nissa blickt von ihr zu mir und eilt dann herbei, um mir aufzuhelfen.

Sie schaut in die Richtung, in die Chandra gegangen ist. „Ich glaube nicht, dass Chandra wirklich weiß, wohin sie geht. Sie ist einfach losgelaufen.“

Ich richte mich auf. Schüttle meinen Mantel aus.

„Gideon, kannst du bitte Chandra zurückrufen?“, fragt Nissa mit gewohnter Sanftheit.

Er formt mit den Händen einen Trichter und ruft: „CHANDRA, FALSCHE RICHTUNG!“

Der Rotschopf in der Ferne hält an und dreht sich zurück zu uns. Ich sehe zu, wie Nissa kurz die Augen schließt und in die entgegengesetzte Richtung deutet.

„Sage Chandra, dass Yahennis Haus in dieser Richtung liegt, und lasse Jace Ajani, Pia und Frau Pashiri mitteilen, wo wir sind“, weist sie ihn beiläufig an. Gideon nickt und geht zu den anderen hinüber.

Ich bin allein mit Nissa.

Sie hilft mir mit Leichtigkeit auf und blickt mich beunruhigt an. „Sind Sie verletzt?“

„Körperlich nicht.“

Emotional? Ich fühle mich unwiderruflich zerstört. Nissa blickt mich mit zartem Mitgefühl an ... doch unter ihrer Sorge glüht ein Funken Überraschung. Ich spüre, wie sie ihn unbewusst austritt. Hatte sie unter der Ebene ihrer eigenen Wahrnehmung etwa nicht damit gerechnet, dass es mich mitnimmt, jemanden zu töten?

Ihre Stirn legt sich mit ehrlicher, kupferner Sorge in Falten.

„Sagen Sie mir, was ich tun kann, um Ihnen zu helfen.“

Ich will mit den Achseln zucken, doch stattdessen stehe ich nur unglücklich und schweigend da. Dieser Funke, den ich gespürt habe, ist tot, ausgelöscht von einer Flut von Nissas eigener Empathie. Die Elfe bewegt sich auf mich zu, die Schultern mitleidig gesenkt. „Yahenni, Sie haben genug gelitten.“

Sie schließt die Augen.

Ich spüre einen fernen, klanglosen Gesang. Ein Strom aus Energie wird zart irgendwo unter mir angehoben – tut Nissa das? – und irgendwo in die Nähe meiner Schulter geleitet. Ich spüre einen ermutigenden Strom des Lebens meiner eigenen Stadt in mich hineingleiten, tröstend und angenehm. Er heilt mich nicht, doch er hilft. Eine Erinnerung daran, dass ich Teil eines viel kleineren Ganzen bin.

„Ich habe heute zwei Menschen getötet, Nissa. Ich hatte keine Wahl. Sie beide wollten mich zuerst töten. Ich –“ Meine Stimme bricht. „Ich will niemandem mehr Essenz entziehen. Wenn ich es tue, dann spüre ich ... alles.“

Die warme Energie, die von der Elfe in meine Schulter strömt, fühlt sich wunderbar an. Ich unterdrücke ein Schluchzen.

„Sie müssen so wenig von mir halten“, sage ich mehr zu mir als zu ihr. „Wie können Sie es nur ertragen, ins Haus einer Mörderin zu gehen, um sich dort zu verstecken?“

„Sie sind meine Freundin“, sagt sie sanft. Es ist kaum wahrnehmbar, doch ihre Stimmung pickt um das Wort herum wie ein Vogel um ein Samenkorn. Prüfend. Berührend, entscheidend, einen Entschluss fassend.

Gnädiges Orangenblütenöl erfüllt den Raum zwischen uns. Ich halte inne, um seine Bedeutung zu ergründen und zu spüren, was Nissa zu sagen versucht.

... Auch sie hat Fehler gemacht.

Ich blicke zu den vier Menschen, die auf uns zukommen. Es sind gute Menschen. Vielleicht bereuen auch sie etwas.

Die sanfte Energie wärmt mir noch immer die Schulter. Ihre Güte erlaubt es einem Gedanken, in meinem Bewusstsein zu erblühen, und ich verstehe ihn überdeutlich. Diese Leute sind wie ich.

Zweifellos werde ich gezwungen sein, erneut zu töten, ebenso wie sie gezwungen sein werden, anderen Leid zuzufügen. Doch diese Leute, diese Renegaten ... Letztendlich helfen sie mehr, als dass sie schaden. Unser Leid ist unvermeidlich, doch genau wie diese Fremden besitze ich erhebliche Macht, in der Welt mehr Gutes zu erschaffen als Böses. Und wenn ich danach handle, wird es sich dann nicht atemberaubend anfühlen?

Ich denke an meinen zukünftigen Tod.

Ich habe noch zweiundzwanzig Tage zu leben.

In zweiundzwanzig Tagen kann ich so vieles tun. Welch ein wundervoll langes Leben.

Nissas Gegenwart ist wie ein Baldachin aus Orangenblüten.

„Danke, Nissa.“

„Gern geschehen, Yahenni.“

Ich drehe mich zu den anderen und winke sie herüber, während der süße Fluss aus Energie sich wieder im Land unter mir verliert. „Zu mir geht es hier entlang.“

Veröffentlicht in Magic Story on November 30, 2016

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Judge Fredd
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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Di 20. Dez 2016, 18:40

Die folgende Geschichte ist leider wieder ein recht langweiliger Lückenfüller. Wer sie lesen will hier bitte:

Ruhige Momente
Spoiler:
Unter dem Druck der Maßnahmen des Konsulats werden die Wächter in ihren Bemühungen gehindert, herauszufinden, was der gefährliche Kunsthandwerker Tezzeret plant. Da Tezzeret noch immer die Leitung des Konsulats innehat, werden die Wächter zunehmend in den Konflikt hineingezogen, der zwischen rebellierenden Renegatengruppierungen und Regierungstruppen brodelt. Zwischen zwei Scharmützeln sucht Gideon Jura nach der feinen Grenze zwischen berechtigtem Eingreifen und ungefragter Einmischung.

Gideon schaute lange in seinen Becher. Die Dinge, die überall im Multiversum gleich blieben, versetzten ihn immer wieder in Erstaunen. Sicher, hier wurde der kaapi heiß und schaumig serviert und seine Textur und sein Geschmack unterschieden sich vom ravnicanischen Kaffee, den Jace zu jeder Mahlzeit in seinem Refugium tassenweise in sich hineinzuschütten schien, doch der bittere Biss des Getränks und der kribbelnde Schub, den es einem müden Geist versetzte, waren dieselben.

Gideon blickte von seinem Sitz aus auf. Das kleine Café, in dem er sich befand, bot eine gute Übersicht über den geschäftigen Platz vor ihm. Anmutige Architektur rahmte einen blauen Himmel ein, der mit wirbelnden Wolken betupft war. Ein opulenter Brunnen betonte die verspielte Anmutung des gesamten Platzes. Gideon stellte sich den Ort vor, wie er voller Leute war und wie es zweifellos vor dem harten Durchgreifen des Konsulats der Fall gewesen sein musste – ein krasser Gegensatz zu den wenigen Passanten, die nun mit gesenktem und fest auf ihren Pfad gehefteten Blick über die Freifläche hasteten.

Selbst unter den derzeitigen politischen Spannungen strahlte die Stadt Ghirapur.

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Wochen waren vergangen, seit die Wächter nach Kaladesh gekommen waren. Wochen seit ihrem Zusammenprall mit Tezzeret, seit dem Durchgreifen des Konsulats und der Beschlagnahmung der Erfindungen. Sie hatten sehr viel Zeit damit verbracht, sich verborgen zu halten, von Zuflucht zu Zuflucht zu ziehen, Pia und den Renegaten zu helfen, wo sie nur konnten, und nach weiterführenden Hinweisen auf Tezzerets Pläne zu suchen.

Und noch immer war Gideon sich nicht sicher, ob sie überhaupt hier sein sollten.

Jaces und Lilianas Entsetzen über die Anwesenheit Tezzerets schien echt, doch beide konnten kaum etwas Aussagekräftiges dazu beitragen, welche Bedrohung er denn nun konkret darstellen sollte. Ja, dass Tezzeret sich in die Politik und die Regierung Kaladeshs einmischte, war zweifellos bedenklich und für Gideon auch Grund genug, der Sache zumindest nachzugehen. Doch Tezzerets Verbindung zu den Streitkräften Kaladeshs zusammen mit dem Zwist zwischen dem Konsulat und den Renegaten machte die Dinge ... kompliziert. Die Eldrazi und die mit ihnen einhergehende Bedrohung auf Zendikar und Innistrad zu vernichten, war nichts gewesen, worüber man sich lange hätte schwierige Fragen stellen müssen. Doch sich auszumalen, wie sein Sural durch die surrenden Zahnräder in Kaladesh gebauter Automaten schnitt und wie er den Kampf gegen Konsulatskräfte aufnahm, die lediglich versuchten, die Gesetze ihres Landes zu hüten ...

Das war schon wesentlich komplizierter.

Gideon nippte an seinem Kaffee. Ein guter Befehlshaber musste einen kühlen Kopf bewahren, selbst in der Hitze des Gefechts. Den Drang nach sofortigem Handeln gegen das Ergebnis einer kritische Betrachtung des laufenden Konflikts abwägen. Wie er diese ruhigen Momente schätzte, die sich zwischen den Kämpfen der letzten Tage ergaben. Er holte tief Atem.

Reduziere es aufs Wesentliche.

Die Wächter sind auf Kaladesh, um herauszufinden, welche Bedrohung Tezzeret darstellt, und sie zu neutralisieren.

Gideon schüttelte den Kopf. Selbst das war nicht ganz richtig. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann waren sie um Chandras willen hier.

Er war wegen Chandra hier. Seiner Freundin.

Tezzeret war ein zusätzlicher Grund, eine Bedrohung, die sie hier überhaupt erst entdeckt hatten. Ja, inzwischen war Tezzeret es, weshalb sie hier waren. Doch Chandra war der eigentliche Grund, aus dem sie alle hierhergekommen waren – und Pia war der Grund, aus dem Chandra geblieben war. Sie waren es, weshalb die Wächter an der Seite der Renegaten kämpften. Die Feinde meiner Feinde sind meine Verbündeten – aber sollten die Wächter in diesem regionalen Konflikt Partei ergreifen? Sollten die Wächter die Streitkräfte der Rebellen stärken oder hätten sie lieber mit den Behörden Kaladeshs, mit Baan und dem Konsulat, kooperieren sollen, um die Gefahr, die von Tezzeret ausgeht, ans Tageslicht zu bringen? Eine Bedrohung, von der Gideon nach wie vor nicht die allergeringste Vorstellung hatte?

Doch wie hätte er mit Baan zusammenarbeiten können, nachdem er erfahren hatte, was das Konsulat Chandras Eltern angetan hatte? Wie hätte er Pia im Stich lassen und Chandras Vertrauen in ihn verraten können?

Gideon dachte an seine Jugend zurück – zu Unrecht von jenen in Ketten gelegt, die behaupteten, das Recht auf ihrer Seite zu haben. Er dachte an seine Zeit auf Ravnica zurück, als er seine Hieromagie zugunsten der Boros gewirkt und auf der Seite des Gesetzes gekämpft hatte. Er hatte diesen Konflikt schon so viele Male gesehen: jene, die für das Recht kämpften, gegen jene, die sich ihm widersetzten. Er hatte schon auf beiden Seiten dieses Kampfes gestanden.

Und nun schien er weniger zu wissen als je zuvor.

Ein kleiner Thopter ließ sich auf seinem Tisch nieder. Er runzelte die Stirn und streckte die Hand danach aus. Der Thopter schwebte auf seine Handfläche, wo seine Ätherspulen dreimal pulsierten – lang, kurz, lang –, ehe er wieder in den Nachmittag davonflog. Gideon seufzte. Pia hatte Neuigkeiten.

Der ruhige Moment war vorbei. Gideon trank seinen Kaffee aus und stand auf, um sich auf den verschlungenen Rückweg zu Yahennis Penthouse zu machen.
__________

Stunden später

Er fand sie auf dem Dach. Zuerst dachte er, ihr Haar stünde noch immer in Flammen, doch als er näher kam, erkannte er, dass nur die Sonne auf eine Weise auf dem Rot und Orange tanzte, die sie zum Schimmern brachte. Sie saß mit dem Rücken zu ihm auf der Brüstung und ließ die Beine darüber baumeln. Er trat neben sie und folgte ihrem Blick über die Stadt. Yahennis Penthouse lag hoch genug, um ihnen ein spektakuläres Panorama zu bieten, und Gideon fragte sich kurz, mit welchen Mitteln es einem Geschöpf, dessen Lebensspanne derart kurz war, wohl gelingen mochte, einen solchen Reichtum anzuhäufen – und dann wischte der Anblick Ghirapurs seine Gedanken fort. Verschlungene Straßen und hoch aufragende Gebäude erstreckten sich vor ihm, Metall und Chrom glänzten im schwindenden Sonnenlicht und leuchteten vom Blau des Äthers, das heller wurde, je mehr die Schatten sich verdichteten.

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„Deine Heimat ist sehr schön.“ Gideon lehnte sich gegen die Brüstung.

„Das hier war einmal meine Heimat. Vielleicht ist sie das noch immer. Ich bin nicht sicher.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und schaute unbeirrt zum Horizont.

„Weißt du, dass das bei all dem Chaos das erste Mal ist, dass ich mir die Stadt richtig ansehen kann?“ Gideons Blick schweifte vom Horizont zu der Kopfsteinpflasterstraße unter ihnen. „Sie ist wunderschön, Chandra.“

Chandras Miene verfinsterte sich. „Nur leider im Augenblick durch diese dummen Banner des Konsulats ruiniert, die aus jedem Fenster und von jedem Gebäude hängen, an dem man sie anbringen konnte.“ Sie warf die Hände in die Luft. „Wie können sie die überhaupt so schnell herstellen? Das ergibt keinen Sinn.“

Gideon seufzte. „Chandra ...“

„Und warum warst du so still in dieser Besprechung vorhin? Du hast einfach nur meine Mutter reden und die nächsten Angriffe der Renegaten planen lassen, ohne auch nur einmal deine Hilfe anzubieten.“ Chandra drehte sich um und funkelte Gideon an. „Dein Schweigen war höllisch laut, Gids. Wir sind hier, um das Konsulat zu stürzen, und du –“

„Nein, das sind wir nicht.“ Gideon zögerte, nur einen Augenblick. Sollte er seine Worte beschönigen oder die Wahrheit sprechen?

Sein Blick traf den Chandras. Ihr Starren brannte seine Zweifel fort. Sprich geradeheraus. Immer.

„Wir sind deinetwegen hier.“

Das Flackern eines Flämmchens zuckte durch Chandras Haar und Gideon spürte Hitze aufwallen. „Oh, also seid ihr nur hier, weil ich – was? – gerettet werden musste?“

„Wir sind hier, weil du uns wichtig bist, Chandra.“ Gideon lächelte. Sanft. Freundlich. „Wir alle haben einen Eid geschworen, Wache zu halten. Und das bedeutet, dass wir auch aufeinander achtgeben. Wir passen aufeinander auf.“ Er legte die Stirn in Falten. „Selbst auf Liliana. Glaube ich.“

Chandra lachte – aufrichtig, aber dennoch mit einem gewissen Unterton von Verdrossenheit. „Warum hast du dann nichts gesagt, als meine Mutter ihre Pläne zum Sturz des Konsulats vorgestellt hat? Wenn du auf mich aufpassen willst, dann auch auf sie. Ich will ihr helfen. Ich muss ihr helfen. Und dazu brauche ich deine Hilfe.“

Chandra schnaubte frustriert. „Du weißt schon, was ich meine. Oder?“

Gideon schwang sich auf die Brüstung und setzte sich neben Chandra. „Ja. Das tue ich, Chandra. Wir wollen dir helfen. Ich will dir helfen. Aber der Fokus der Wächter liegt auf Tezzeret. Nicht auf dem Konsulat.“

Chandra machte ein nachdenkliches Gesicht. „Aber Tezzeret ist das Konsulat. Zumindest im Moment.“ Ihre Augen wurden schmaler. „Und das Konsulat verdient es, zu brennen.“

Gideon schüttelte den Kopf. „Lass dein persönliches Sinnen nach Rache nicht unsere wahren Ziele hier verschleiern, Chandra.“

Chandra fuhr zu Gideon herum. Hinter ihren Augen funkelte Ärger. „Du sagst, du willst auf mich aufpassen, Gids. Aber bist du hier als der Wächter Gideon oder als mein Freund Gideon?“

Gideon seufzte. „Ich ... Ich weiß es nicht. Ich hatte gehofft, das könnte das Gleiche sein.“

Ein paar Flüche kamen Chandra über die Lippen, ehe sie sich zwang, den Rest herunterzuschlucken, einen Schrei ausstieß und eine Feuerlanze in den sich verdunkelnden Himmel schickte. Gideon sah davon ab, sie dafür zu tadeln, dass sie dadurch möglicherweise ihren Aufenthaltsort verriet.

Die beiden schwiegen eine Weile.

Schließlich durchbrach Gideon die Stille.

„Ich kenne nicht die Einzelheiten dessen, was zwischen dem Konsulat und deinen Eltern vorgefallen ist. Ich weiß nicht über alles Bescheid, was hier auf Kaladesh gewesen ist. Aber als dein Freund weiß ich, dass ich nichts weiter will, als dich vor diesem Schmerz zu beschützen und dir zu helfen, Gerechtigkeit zu finden.“

Ein feines Lächeln huschte über Chandras Gesicht. Gideon lächelte ebenfalls und zog dann die Brauen zusammen.

„Aber das heißt nicht, dass wir sie einfach alle in Brand stecken.“

Chandra verdrehte die Augen. „Immer willst du mir nur vorschreiben, was ich nicht in Brand stecken darf.“

„Das ist nicht wahr. Manchmal schreibe ich dir auch vor, was du anzünden sollst.“

Unwillkürlich musste Chandra kichern. „Du und deine dummen Regeln.“

Gideon schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass einem das alles wie unbedeutende Kleinigkeiten vorkommen kann, aber auch die sind wichtig.“ Gideon deutete über die Stadt. „Wir können nicht einfach so von Welt zu Welt reisen, uns in fremde Angelegenheiten einmischen und über die Leute urteilen und ihnen unseren Willen aufzwingen. Andernfalls wäre der Unterschied zwischen uns und irgendwelchen tyrannischen Magiern am Ende bedenklich klein.“

Chandra warf Gideon einen skeptischen Blick zu. „Zitierst du da gerade meinen Eid?“

Gideon zuckte die Schultern. „Vielleicht übst du einen gewissen Einfluss auf mich aus.“

Chandra lachte ein Lachen, das zu einem Schnauben wurde. „Für einen gesetzestreuen, unverwundbaren Soldaten denkst du ganz schön viel nach.“

„Für einen menschlichen Feuerball bist du ganz schön gütig und mitfühlend. Wir alle sind mehr als nur unsere Kräfte, Chandra.“

Chandra sah auf ihre Hände hinunter. Kleine Funken tanzten ihr über die Fingerspitzen. Gideon nahm die Hände hoch. Seine Linke fuhr über den Sural, der an seinem rechten Handgelenk befestigt war.

„Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, Grenzen zu setzen und Grenzen zu erkennen. Sonst zahlt man selbst und alle, die einem lieb und teuer sind, den Preis für den eigenen Hochmut.“

Fragen lauerten in Chandras Blick. Gideon holte tief Luft und versuchte, mit ihr zu sprechen, um ihr die Geschichte erzählen, die er bislang noch niemandem erzählt hatte – doch seine Vergangenheit blieb ihm eine schwere, unbewegliche Last in der Magengrube. Die beiden saßen da, während die Stille sich ausbreitete und die Sonne hinter dem Horizont versank. Als die letzten Lichtstrahlen verschwunden waren, spürte er, wie sich ihre Hand auf seine Schulter legte. Er lächelte darüber, dass sie eine Geste wählte, die ihr von ihm bestens bekannt sein musste.

„Ich vertraue dir, Gideon Jura.“ Chandra drückte Gideons Schulter tröstlich. „Und sosehr ich es auch hasse, werde ich versuchen, mich darauf zu konzentrieren, Tezzeret aufzuhalten ... Fürs Erste. Vielleicht. Ich kann‘s nicht versprechen.“ Chandra stand von der Brüstung auf und sprang zurück aufs Dach. „Aber ich werde trotzdem auch weiterhin meiner Mutter und den Renegaten helfen. Nicht als Mitglied der Wächter, sondern als Pia Nalaars Tochter.“

Auch Gideon erhob sich. „Das solltest du. Verbringe etwas Zeit mit deiner Mutter. Abgesehen von allem anderen verdienst du es, mit ihr zusammen zu sein. Außerdem hilft uns die Kenntnis über die Pläne der Renegaten, wenn wir gegen Tezzeret vorgehen.“ Gideon ging auf die Stufen zu, die vom Dach hinunterführten. „Wir sollten uns mit den anderen Wächtern und vielleicht auch mit Ajani beratschlagen, wie wir erfahren können, was Tezzeret plant, und dem einen Riegel vorschieben.“

Chandra blickte ihm einen Augenblick nach. „He, Gids.“ Gideon drehte sich um. „Du bist mir auch wichtig.“

Chandra schloss zu ihm auf, knuffte ihn in den Arm und rauschte dann an ihm vorbei die Stufen hinunter. Gideon seinerseits versuchte, seiner sich zuschnürenden Brust keine Beachtung zu schenken, während er ihr nach unten folgte.
__________

Tage vergehen

„Wir müssen reden.“ Kochend vor Zorn warf Gideon die Tür zu. Liliana verdrehte die Augen, während sie durch den Raum schlenderte.

„Nur zu. Rede. Frei von der Leber weg.“

„Wir töten nicht.“

„Nein. Der große Katzenmann tötet nicht.“ Liliana öffnete den großen Kleiderschrank, den Yahenni den Wächtern zur Verfügung gestellt hatte, und begann, ihn zu durchwühlen. „Nicht mehr“, sagte sie in einer unheimlich überzeugenden Nachahmung des Planeswalkers. Sie verdrehte erneut die Augen. „So rechtschaffen. So geheimnisvoll.“

„Auch wir tun das nicht.“ Gideon machte einen Schritt nach vorn, schloss die Schranktür und zwang Liliana so, ihn anzusehen. Liliana lachte.

„Ähm. Es tut mir leid. Ich scheine mich zu erinnern, gesehen zu haben, wie du in Thraben Gegner wie Grashalme niedergemäht hast.“

„Das waren Ungeheuer der Eldrazi. Hier handelt es sich um Menschen.“

„Also töten wir nur hässliche Dinge? Denn auf den Kleinen träfe das durchaus zu.“ Liliana öffnete die Schranktür wieder und setzte ihre Suche fort. Gideon geriet vor lauter Unglauben schier ins Stottern.

„Wir töten nur, wenn wir müssen! Und das gerade eben –“

„Das gerade eben war eine von den Situationen, in denen wir ‚es mussten‘. Diese Konsulatstruppen hatten uns gesehen. Uns erkannt. Uns angegriffen. Glaubst du dass sie, wenn wir sie – was eigentlich? – niedergeschlagen hätten, wie von Zauberhand vergessen hätten, dass sie uns aus diesem Penthouse haben kommen sehen?“

Liliana zog eine lange, weiße Kurta aus dem Schrank, betrachtete sie kurz prüfend und warf sie sich über die Schulter. „Es ist nicht meine Spezialität, Leuten die Erinnerungen zu rauben, und du lässt unseren Gedankenlöscher auf diesen albernen kleinen Erkundungsmissionen durch die Gegend rennen. Ich habe nur das getan, worin ich am besten bin.“ Sie wandte sich um und schenkte ihm ein ernstes Lächeln. „Der Tod ist nur ein Werkzeug in unserem Arsenal. Ich bin einfach nur besonders gut im Umgang mit ihm.“

„Der Tod ist ein Werkzeug, dessen Verwendung wir um jeden Preis vermeiden sollten. Das mag für dich als Todesmagierin etwas schwer zu verstehen sein.“ Gideon merkte, wie er seine Hände zu Fäusten ballte und sie wieder öffnete. Er holte tief Atem.

„Oh, bitte. Weißt du, wie viele Leute ich nicht getötet habe, seit wir hier sind?“ Liliana warf Gideon die Kurta zu. „Und außerdem: Würdest du dich etwas mehr wie die Einheimischen kleiden, wären wir vielleicht gar nicht erkannt worden.“

Gideon fing das Hemd auf und funkelte Liliana an. Tief durchatmen. Stumm faltete er das Hemd zusammen. Sie versucht, dich zu provozieren. Er legte das Hemd auf eine Liege in der Nähe.

„Du brauchst gar nicht anzufangen, mir die Schuld an diesen Toden zu geben. Ich übernehme die Verantwortung für sämtliche Leben, denen ich ein Ende setze.“ Ein weiteres Mal verdrehte Liliana die Augen. Gideon sah sie weiter unverwandt an. „Ich will dir vertrauen, Liliana. Aber das fällt mir schwer, wenn du die grundlegendsten Prinzipien dessen, was wir tun, so verletzt.“

„Wir wissen ja nicht einmal, was es ist, was wir hier machen.“ Lilianas Gesichtsausdruck wechselte schlagartig von sarkastisch zu todernst. „Wir verschwenden unsere Zeit damit, Konsuln und Renegaten zu spielen, wo wir doch eigentlich Tezzeret beseitigen sollten.“

„Du hast recht.“ Es bereitete Gideon ein gewisses Vergnügen, nun zu sehen, wie Liliana ungläubig zurücktrat und ihn argwöhnisch musterte. „Deshalb lasse ich Jace das Konsulat beschatten, um herauszufinden, was Tezzeret eigentlich vorhat. Deshalb untersuchen Nissa und Yahenni den Ätherfluss in der Stadt, um herauszufinden, von wo aus Tezzeret seine Taten wohl plant. Es ist schwierig, jemanden aufzuhalten, wenn man nicht weiß, wo er sich versteckt.“

Liliana schnaubte. „Was ist mit Chandra, die ihre Mutter begleitet, um die Renegaten zusammenzutrommeln? Und dem Katzenmann, der die Großmutter aus dem gleichen Grund begleitet? Gehört dies ebenfalls zum Auftrag der Wächter?“

„Es kann nicht schaden, Verbündete unter den Renegaten zu haben, wenn es zum Kampf kommt.“ Gideons Stimme ließ die Überzeugung seiner Worte vermissen.

„Ah, natürlich. Also warten wir nur auf eine Armee, die du befehligen kannst. In einem irgendwie nicht-tödlichen Kampf. Gegen Kräfte, die Menschen ausschicken, um uns einzufangen oder zu ermorden.“

Liliana trat dicht an Gideon heran und schaute ihm ins Gesicht.

„Ich kann dir versichern, Gideon, dass Tezzeret nicht nach den gleichen Regeln spielen wird. Und wenn wir ihn nicht aufhalten, wird er sehr viel mehr Menschen töten als ich.“

Sie sprach kaum lauter als ein Flüstern, ihre Worte nur ein sachtes Wispern in der Luft. „Immerhin gibt es nur einen, den ich auf dieser Welt wirklich töten will. Und er hat das so was von verdient.“ Damit wandte sie sich ab und ging auf die Treppen zu.

„Was hat er dir angetan?“

Gideons Worte ließen Liliana innehalten und sich umdrehen. Sie zog fragend eine Augenbraue hoch.

„So wie du sprichst, muss er dir etwas angetan haben. Irgendetwas Persönliches.“ Gideon erwiderte ihren Blick, sein Gesicht eine Maske ruhiger Überzeugung.

„Er war der Anführer einer interplanaren Verbrecherorganisation, die gefährliche Güter von Welt zu Welt geschmuggelt hat. Seine Grausamkeit und sein Wahnsinn werden nur noch durch seinen Hang übertroffen, Freunde und Feinde gleichermaßen zu manipulieren und zu ermorden. Er hat ganze Dörfer niedergebrannt, nur um ein Exempel zu statuieren.“

Gideon schüttelte den Kopf. „Das ist das, weshalb du glaubst, dass ich ihn aufhalten wollen würde. Warum willst du ihn aufhalten? Um ihn zu töten?“

Einen Augenblick lang wirkte Liliana aufrichtig sprachlos. Gideon musterte sie aufmerksam. Er sah etwas in ihren Augen aufflackern, eine Entscheidung, die hinter diesen Seen aus Violett getroffen wurde.

„Er hat jemandem wehgetan, der mir wichtig ist. Etwas zerstört, was mir gehörte.“ Die Worte klangen nüchtern, doch darunter hörte Gideon Zorn und Hass.

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„Bleib mir einfach aus dem Weg und ich werde ihm und dieser ganzen Scharade ein Ende setzen.“

Liliana wandte sich um und stolzierte unter dem klappernden Stakkato ihrer Absätze die Treppe hinauf.

Gideon seufzte und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Er war sich sicher, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Doch er war sich auch sicher, dass er von Liliana bislang noch nie so viel von der Wahrheit gehört hatte.
__________

Tage später, Bomat-Viertel

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Das Konsulatsfahrzeug raste auf ihn zu. Das Kreischen von metallenen Rädern auf Stein zerrte ihm an den Ohren.

Einatmen.

Gideon richtete die linke Schulter auf das Fahrzeug aus, das direkt auf ihn zuhielt, und hob die Arme in Abwehrhaltung, während er breitbeinig in Stellung ging, um sich für den Aufprall zu wappnen.

Sieh den Feind an.

Seine Haut schimmerte, Wellen goldenen Lichts liefen über seinen gesamten Körper. Dieses Fahrzeug unterschied sich nicht so sehr von einer wütenden Hydra, die durch eine Stadt auf Theros wütete – nur dass Gideon anstelle wilder, bestienhafter Augen in dem flüchtigen Moment vor dem Zusammenstoß die schreckgeweiteten Pupillen des Fahrers sah.

Ausatmen.

Das Fahrzeug prallte auf Gideon. Er spürte, wie er mit immenser Wucht nach hinten geschoben wurde. Er grub die Hacken in den Boden und wirbelte dabei Splitter zerberstender Pflastersteine auf. Das Fahrzeug wurde in Stücke gerissen, Trümmerteile umwirbelten ihn, Zahnräder und gezacktes Metall peitschten um seinen durch Magie undurchdringlich gemachten Körper, und goldene Lichtstrahlen tanzten, als ihm all diese Bruchstücke entgegengeschleudert wurden. Selbst inmitten des Chaos des explodierenden Fahrzeugs blieb Gideons Blick fest auf den Fahrer gerichtet, und als der unglücksselige Mann nach vorn flog, während sein Fahrzeug um ihn herum in Stücke ging, griff Gideon nach ihm und schützte ihn mit den Armen vor den umherfliegenden Wrackteilen, während er sich drehte, um den Vorwärtsdrall des Piloten abzumildern.

Nur ein Wimpernschlag. Im einen Augenblick raste ein stolzes Fahrzeug des Konsulats durch die Straßen. Im nächsten lag ein Haufen Schrott vor Gideon, der den sehr verwirrt dreinblickenden Piloten noch immer in den Armen hielt.

„Du kannst jetzt wohl Feierabend machen.“ Gideon setzte den Piloten ab und klopfte ihm freundlich auf die Schultern.

Wenn der Pilot denn reagierte, so ging es darin unter, wie der Hieb einer gewaltigen Metallfaust Gideon erwischte. Er wurde durch die Luft und durch die Wand eines Gebäudes in der Nähe geschleudert. Der Pilot schaute auf und sein Blick traf auf das leere Starren eines stahlgrauen Automaten, der zwölf Fuß hoch über ihm aufragte und der mit dem Rot und Gold des Konsulats verziert war.

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Der Pilot erstarrte einen Augenblick und floh dann so schnell er konnte in die entgegengesetzte Richtung, während der stahlgraue Automat auf das Loch in der Wand zustapfte, hinter dem Gideon lag. Sein Marsch wurde unterbrochen, als ein weiterer Automat – unverwechselbar ähnlich in seiner Bauweise, aber aus goldenem Metall – heranstürmte und ihn Kopf voran rammte. Das Konstrukt des Konsulats erlangte das Gleichgewicht wieder, und die beiden Maschinen begannen zu ringen, während eine kleine, weibliche, in Blau und Burgunder gekleidete Gestalt auf das Loch zuhuschte.

„Gideon! Geht es dir gut? Es tut mir so leid. Ich habe das zweite Konstrukt nicht gesehen!“

Gideon kletterte aus den Trümmern, schüttelte den Kopf und klopfte sich den Staub von den Schultern.

„Mir geht es gut, Saheeli – obwohl ich etwas beunruhigt bin, dass du das übersehen konntest.“ Gideon deutete auf die hoch aufragenden, miteinander ringenden Behemoths. Der Automat des Konsulats hatte gerade einen sauberen Treffer gelandet und den goldenen durch eine weitere Wand gedroschen.

Saheeli zuckte die Schultern. „Sie sind erstaunlich leise für ihre Größe.“ Sie hob die Hände und Gideon spürte eine Woge aus Mana, als sie in Richtung der Überreste des Fahrzeugs gestikulierte. Gideon schaute voller Bewunderung zu, wie sich die Einzelteile zu zwei perfekten, kleineren Nachbildungen der beiden kämpfenden Automaten zusammensetzten. Nach einer weiteren Handbewegung Saheelis stürzten die beiden neuen Konstrukte sich ins Getümmel, kletterten über den Automaten des Konsulats, um Ätherleitungen zu kappen und an seiner Panzerung zu zerren, während der goldene Automat seinen unbarmherzigen Angriff fortsetzte. Saheeli machte eine stoßende Geste und der goldene Automat ahmte sie nach. Er durchschlug die Brust der Maschine des Konsulats und riss ein verworrenes Knäuel aus Röhren und Glas aus ihr heraus, während flüssiger Äther umherspritzte. Der Automat ging erst auf die Knie und dann mit ohrenbetäubendem Lärm zu Boden. Saheeli reckte triumphierend die Faust.

„Das ist typisch für die Bauweise des Konsulats. Robust, aber berechenbar. Die Energiequelle ist bei allen Einheiten immer an der gleichen Stelle.“ Gideon setzte zum Sprechen an, doch das Geräusch heraneilender Schritte ließ sie beide sich dieser neuerlichen Bedrohung zuwenden. Sein Sural entrollte sich, und ihr filigranes Metall begann, sich zu verformen.

Eine gewaltige, in einen Mantel mit Kapuze gehüllte Gestalt sprang von einem nahen Dach und landete beinahe geräuschlos vor ihnen. Gideon und Saheeli traten instinktiv einen Schritt zurück, ehe Gideon erleichtert ausatmete, als er das blaue Auge erkannte, das unter der Kapuze hervorlugte. „Ajani. Was machst du hier?“

Ajani richtete sich zu voller Größe auf. „Wir haben den Tumult gehört.“

„Wir alle haben den Tumult gehört.“ Gideon drehte sich um und sah Liliana hinter einem Gebäude hervorschlendern, gefolgt von Jace. Aus einer anderen Straße traten Nissa und Yahenni um eine Ecke, gerade als auch Chandra und Pia aus einer Seitengasse gerannt kamen.

„Verdammt, Gids! Hier sieht es ja aus, als wäre ich hier gewesen.ׅ“ Chandra musterte die noch immer rauchenden Trümmer und Überreste, die auf der Straße verstreut waren, und die vielen Löcher in den umliegenden Mauern und Gebäuden. „Ihr habt hier aber ganz ordentlich Sachen zerschlagen.“ Sie winkte einer nicht zu erkennenden Gestalt hinter dem Loch zu, durch das Gideon vor wenigen Augenblicken geschleudert worden war. Ein schwaches „Hallo!“ klang zurück.

Gideon hustete und versuchte, die Aufmerksamkeit der Gruppe wieder auf sich zu lenken. „Danke, dass ihr uns zu Hilfe geeilt seid, aber wenn ihr alle den Lärm gehört habt, dann ist zweifellos Verstärkung auf dem Weg hierher. Wir sollten uns mit Saheeli in der neuen Zuflucht treffen und –“

„Es ist keine Zeit mehr.“ Saheeli trat in die Mitte der Versammlung. „Wie ich Gideon gerade sagen wollte, bevor all dies geschehen ist: Ich weiß, wo sich Tezzeret versteckt.“ Leichte Unruhe machte sich in der Gruppe breit. Gideon hob die Hände und blickte dann zu Saheeli. Saheeli fuhr fort.

„Er hat sich in eine private Werkstatt eingeschlossen, die im zentralen Ätherturm verborgen ist. Dort hält er die Siegerin der Erfindermesse fest und dort arbeitet er an etwas, was mit ihrer Erfindung zu tun hat.“

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„Das passt du dem, was wir erfahren haben.“ Nissa trat vor und nickte. Auch Yahenni sprach. „Fräulein Nissa und ich haben kürzlich einen ungewöhnlichen Ätherstrom bemerkt, der vom Knotenpunkt zu dem Reservoir dort abgezweigt wird.“

„Dann stürmen wir doch einfach den Turm und erledigen Tezzeret!“ Chandra schien bereit, sofort loszulaufen, aber Saheeli schüttelte den Kopf.

„Das Laboratorium wird zweifellos streng bewacht. Außerdem hat er die Siegerin der Erfindermesse bei sich. Sie – also Rashmi – ist meine Freundin.“ Saheelis Stimme stockte leicht. „Wir müssen reingehen, sie befreien und wieder verschwinden. Ich kann das nicht allein tun, aber vielleicht mit ein oder zwei anderen von euch ...“

„Wenn es sich um eine Infiltration handelt, sollte Jace gehen.“ Gideon nickte seinem Freund zu. „Er ist auch am besten dafür geeignet, herauszufinden, was Tezzeret vorhat ...“

„Ich gehe.“ Liliana drängte sich an Jace vorbei und stand nun zwischen ihm und Gideon. „Wenn Tezzeret dort ist, dann bin ich es auch.“

Saheeli blickte von Jace zu Liliana zu Gideon. Jace wirkte überrascht, doch Gideon sah, wie sich seine Schultern unmerklich senkten – ein Nachlassen von Anspannung und Nervosität. Gideon starrte Liliana an. Ihre ungerührte Miene gab nichts preis. Die Sekunden verrannen. Jeder Augenblick ohne Entscheidung lastete schwerer auf Gideons Schultern.

Ich will dir vertrauen. Kann ich dir vertrauen?

Saheelis Stimme unterbrach seine Gedanken. „Wir müssen uns entscheiden. Jetzt.“

„Also schön. Liliana wird gehen.“

Saheeli nickte zufrieden und machte sich auf den Weg zum Bronzeviertel. Liliana folgte ihr.

„Liliana“, rief Gideon ihr nach. „Tue das Richtige.“

Gideon sah unzählige mögliche Erwiderungen unter ihrem ruhigen Äußeren. Eine wurde an die Oberfläche und über den Platz zu ihm getragen: „Ich tue das, was getan werden muss.“

Gideon sah, wie die beiden in einer Seitenstraße verschwanden. Ein tiefes Knurren von Ajani lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Gruppe.

„Wir sollten sie so gut unterstützen, wie es uns möglich ist.“

Gideon nickte dem Leoniden zu. „Ajani hat recht. Wenn wir für eine Ablenkung sorgen, können wir vielleicht einige von Tezzerets Kräften auf uns ziehen.“

„Ich glaube, wir können etwas noch Besseres tun.“ Pia lächelte erst und zeigte dann ein Grinsen, das immer breiter wurde, während sie weitersprach. „Wenn das hier so wichtig ist, wie Saheeli sagt, dann könnten auch andere Ziele gerade verwundbar sein. Vielleicht greifen wir also nicht nur der Ablenkung wegen an, sondern können etwas erobern, was wichtig für uns ist.“

„Ich nehme an, du hast schon etwas im Sinn?“

„Wir nehmen den Ätherknoten ein.“ Pias Augen leuchteten vor Aufregung. „Wenn wir Erfolg haben, könnten wir die Energiezufuhr für den Turm und das, woran Tezzeret arbeitet, unterbrechen. Wir könnten außerdem die Erfinder der Renegaten und das Volk mit Äther versorgen. Es wäre ein symbolischer und ein materieller Sieg.“

„Das klingt gut ... aber wenn wir Erfolg haben, kann es keinen Zweifel geben, dass Tezzeret und Baan ihre größten Waffen auffahren werden, um uns aufzuhalten. Ich habe schon Schlachten geschlagen, in denen wir unsere Ressourcen aufgewandt haben, um Ziele einzunehmen, die wir nicht halten konnten. Ich möchte das ungern auch hier geschehen sehen.“

„Oh, das Konsulat hat nicht die einzigen mächtigen Erfindungen auf seiner Seite.“ Pias Lächeln war so breit wie immer – mit einer ordentlichen Prise verschwörerischer List. „Auch wir haben an etwas Großem gearbeitet. Alles, was uns fehlt, ist der Äther, um es anzutreiben und fertigzustellen.“

„Verzeihung.“ Ajanis raue Stimme durchbrach die Unterhaltung. „Da sind Geräusche ein paar Straßen weiter. Es sind wahrscheinlich die Streitkräfte des Konsulats – in großer Zahl.“

„Dann sollten wir in die Gänge kommen. Frau Nalaar und Chandra – mobilisiert die Renegaten. Nissa, Jace und Ajani – ihr kommt mit mir. Wir werden für Aufruhr sorgen, bis die Renegaten bereit für ihren Angriff sind. Zuschlagen, abhauen und verschwinden. Sobald die Renegaten dann bereit sind, werden wir mithilfe von Jaces Telepathie und Pias Thoptern den Angriff auf den Ätherknoten koordinieren.“ Pia wandte sich zum Gehen, während die restlichen Planeswalker zu Gideon traten.

Chandra jedoch stand still mit verschränkten Armen da. „Wirklich, Gids? Du ziehst in den Krieg gegen das Konsulat und ich darf nicht mitkommen?“

Gideon schüttelte den Kopf.

„Du unterstützt Liliana und Saheelis Mission, Tezzeret auszuschalten, indem du für Ablenkung sorgst.“

Chandra verdrehte auf eine Weise die Augen, die stark an die Lilianas erinnerte. „Nenn es, wie du willst. Es klingt, als würdet ihr es ein paar Leuten heimzahlen, die es wirklich verdienen.“

In der Ferne wurde das Klappern von Metall und das Stampfen von Stiefeln lauter. Gideon schenkte dem keine Beachtung und sah weiter Chandra an. „Wir brauchen deine Feuerkraft für den eigentlichen Angriff auf den Ätherknoten. In der Zwischenzeit bin ich mir sicher, dass die Renegaten – und deine Mutter – deine Inspiration und Anwesenheit mehr brauchen.“

Chandra warf Pia einen Blick zu. Diese lächelte und nickte. Mit leichter Panik in den Augen schaute Chandra zurück zu Gideon.

„Gids. Nein, nein, nein, nein. Du weißt, dass ich schlecht darin bin, andere zu irgendwas zu beflügeln. Im Redenhalten und im Sprechen und so.“

„Du wirst das toll machen. Sag einfach das, was du im Herzen trägst. Oder sag gar nichts.“ Gideon lächelte breit, offen, ehrlich. „Führe sie durch dein Beispiel an. Und durch deine Stärke.“

Chandras Augenbrauen zogen sich in einem Ansturm von Sorge zusammen, aber sie zuckte die Schultern, nickte knapp und wandte sich dann zum Gehen. Die Geräusche sich nähernder Konsulatskräfte waren nun deutlich zu hören, und Gideon ließ seinen Sural lose und bereit herabhängen. Er sah zu, wie Ajani in ein Versteck auf dem Dach sprang, und er bemerkte, wie Nissa ihren Stab bereit machte, während bereits Ranken aus den Lücken zwischen den Pflastersteinen sprossen, und Jace ... nun ja, einfach nur dastand. Und dann ein Schimmer, so flüchtig, dass er nicht sicher war, ob er ihn wirklich gesehen hatte. Hm. Gedankenmagie: Daran würde sich Gideon wohl nie so ganz gewöhnen können.

„Sie sind hier! Haltet sie auf!“ Der Ruf eines Vollstreckers hallte über den Platz. Gideon machte seine Waffe bereit, während das charakteristische Licht bereits über seinen Körper zuckte.

Der Moment der Ruhe war vorüber.
Veröffentlicht in Magic Story on Dezember 7, 2016

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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Di 20. Dez 2016, 19:12

Wer sich das ersparen will, kann hier eine kurze Zusammenfassung lesen.
Spoiler:
Die Wächter strolchen auf Kaladesh herum und suchen nach Tezzeret. Gideon sinniert in feinster Star-Trek-Captain-Manier darüber nach ob sich die Wächter wirklich in die Politischen belange dieses Planeten einmischen sollen/dürfen während Chandra ihrer Renegatenmutter eifrig bei der Planung des Umsturzes hilft.
Lilliana bringt ein paar Konsulatswächter ums Eck, was Gideon gar nicht erfreut.
Aus irgendwelchen Gründen sucht sich Gideon dann doch Streit und vermöbelt am helllichten Tag, mit Hilfe von Saheeli, Konsulats-Soldaten und -Automaten. Was für ein Zufall, die anderen Wächter sind bloß ums Eck und stoßen dazu.
Alle erfahren, dass sich Tezzeret sich im zentralen Ätherturm versteckt und Rashimi als Geisel hält, während er mit ihrer Erfindung spielt (hoffentlich nur mit der).
Die Wächter teilen sich auf. Saheeli und Liliana machen sich auf um Tezzeret auszuschalten. Chandra und ihre Mutter wollen mit den Renegaten den zentralen Ätherknoten direkt angreifen und einnehmen. Der Rest will unter der Führung von Gideon Ablenkungsangriffe wo anders starten um die Soldaten des Konsultas abzulenken.
Alle laufen los. Fortsetzung folgt.

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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Mo 2. Jan 2017, 20:51

Durchbruch


Tezzerets albtraumhafte Konfrontation mit Pia Nalaar war nur eine Ablenkung für etwas noch viel Ungeheuerlicheres. Während Ghirapur und die Wächter sich auf diese Weise täuschen ließen, konfiszierten die Vollstrecker des Konsulats die preisgekrönten Erfindungen und brachten sie gemeinsam mit ihren Erfindern in das Inquirium im Turm. Seither hat man nichts mehr von ihnen gehört. Unter ihnen befand sich auch die elfische Ätherseherin Rashmi, die von der Annahme ausging, sie hätte die Chance ihres Lebens erhalten: mit der Unterstützung des Konsulats ihren Materietransporter weiterzuentwickeln. Nun jedoch sollte sie die Wahrheit erfahren ...

„Ätherschweißer“, sagte Rashmi. Nach einem Surren und einem dreimaligen Klicken bewegte sich der Assistenzautomat der Werkstatt klappernd zu ihr herüber.

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„Danke.“ Rashmis Finger steiften über die winzigen Metallklauen des Automaten, als sie das Werkzeug entgegennahm. „Das ist alles.“ Er zirpte zweimal und machte sich auf den Rückweg in seine Ecke im makellosen Inquirium im Turm. Rashmis Blick folgte ihm sehnsüchtig, doch da kam weder ein fragender Blick zurück noch ein zum Nachdenken anregender Kommentar, und da war auch niemand, dessen Gegenwart ihr Zuversicht geschenkt hätte.

Rashmi seufzte. Sie vermisste ihren Vedalken-Assistenten Mitul. Wenn er den Transporter jetzt nur hätte sehen können. Er wäre vor dem riesigen Bogen zurückgewichen, der um Längen größer war als jener Ring, den sie angefertigt hatten. Er hätte beim Begutachten des abnehmbaren Modulkerns mehrfach rasch geblinzelt, erst mit dem einen, dann mit dem anderen Auge. Er wäre zweifellos verärgert gewesen, dass er die Experimente verpasst hatte, doch sein Verdruss wäre wie eine Wolke über ihn hinwegzogen, ehe er damit begonnen hätte, wie wild einen neuen Eintrag in sein Tagebuch zu kritzeln. Mitul hatte nie zugelassen, dass seine Gefühle seine Arbeit beeinflussten. Rashmi hingegen musste diese Kunst erst noch erlernen.

Selbst als sie das letzte Teil des Äthermodulators verschweißte, wurde ihre Stimmung nicht besser. Da sie nun an ihn gedacht hatte, war Rashmi sich ziemlich sicher, dass nichts ihre Laune würde heben können, außer wenn ihr Freund in der Tür erschienen wäre. Es schien allerdings immer unwahrscheinlicher, dass das je passieren würde. Es war nun vier Wochen her, seit sie darum gebeten hatte, Mitul mit an Bord zu holen, und bei jeder Gelegenheit erinnerte sie die Funktionäre an ihre Bitte. Doch ihre Antwort war immer die gleiche: „Sie konzentrieren sich auf Ihre Erfindung, und wir kümmern uns um den Rest.“

Und genau das taten sie auch größtenteils. Seit Rashmis Ankunft im Inquirium war jeder Augenblick optimiert und genau festgehalten worden. Sie war von einer ganzen Schar eilfertiger Automaten und Funktionäre des Konsulats umgeben, die ihr auf Geheiß ihres Gastgebers Tezzeret jeden Wunsch von den Augen ablasen. Sie brachten ihr warme Mahlzeiten mit den Aromen von Fenchel, Kreuzkümmel und Safranwurz und auch saubere Kleidung, die nach Lilien duftete. Sie passten die Temperatur, den Ätherdruck und die Luftfeuchtigkeit an. Die blitzsauberen, goldenen Kistchen, die an der Wand der Werkstatt aufgereiht waren, wurden beständig neu aufgefüllt und die Qualität ihres Inhalts überprüft. Jeden Morgen fand sie einen glänzenden Satz neuer und perfekt angeordneter Werkzeuge vor, die nur darauf warteten, von Rashmis Händen zum allerersten Mal benutzt zu werden. All dies war mehr, als sie sich hätte wünschen können. Und dennoch ...

Während sie sich umblickte, fragte sich Rashmi, ob die anderen Erfinder die gleiche einsame Entzauberung empfanden wie sie selbst. Sie hätte sie gefragt, wenn sie denn gekonnt hätte, doch während der Arbeitszeit waren keine Unterhaltungen gestattet. Tezzeret verlangte eine Atmosphäre stiller, konzentrierter Produktivität. Wie er so oft wiederholte: „Albernes Geschwätz wird nicht geduldet. Jeder von euch, der kindischen Tratsch dem Vorzug vor seinem Erfindergeist gibt, wird nach draußen zu den geistlosen Massen außerhalb meines Inquiriums verbannt.֧“

Die einzigen Gespräche, die gestattet waren, waren die, die sich um die Erfindungen drehten. Doch das alles hatte sich nach Tezzerets erster Überprüfung ihrer Fortschritte in grünen Rauch aufgelöst. Der Anblick der leeren Werkbank der Luftfahrtingenieurin Sana machte jedes Quäntchen an Kameradschaft zunichte, das sich zwischen den Gewinnern des Wettbewerbs hätte bilden können. Dies war die Chance seines Lebens für jeden Einzelnen hier, doch nur für einen unter ihnen würden all seine Träume in Erfüllung gehen.

Rashmi beendete ihre Schweißarbeit und schloss das Zugangspanel des Bogens. Sie wischte sich die Hände an ihrem Rock ab und trat zurück, um den Transporter kritisch zu mustern – genau so, wie Tezzeret es tun würde. Sie war entschlossen, nicht der nächste vergessene Name an einer verlassenen Werkbank zu werden. Die Integrität der Struktur war zufriedenstellend, die Träger an Ort und Stelle und jede der Ätherleitungen verstärkt. Sie warf einen raschen Blick auf den Zeitplan auf ihrem Schreibtisch. Er würde jeden Augenblick hier sein. Sie sagte sich selbst, dass sie bereit war. Ich verdiene es, hier zu sein. Sie wollte daran glauben.

Die Tür des Inquiriums schwang auf und Rashmi hielt den Atem an.

Flankiert von einem Gefolge aus Funktionären in reich verzierten Konsulatsroben schritt Tezzeret

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Sein Eintreten hatte den gleichen Effekt, als hätte man ein gleißendes Licht auf eine Schar fressender Gremlins gerichtet. Sämtliche Bewegungen im Inquirium froren ein. Aller Augen richteten sich auf den Mann mit der Metallhand.

Ich verdiene es, hier zu sein.

„Fortschritte.“

Tezzerets Schritte hallten durch den Raum, als er forsch über den polierten Boden eilte. „Zeigt mir Fortschritte.“ Er wirbelte auf der Ferse zu einem Zwerg herum, dessen Name Bhavin war, wie Rashmi kürzlich erfahren hatte. Er war berühmt für seine gewaltigen Automaten, die geschickte Bauarbeiter waren und sogar auf nonverbale Kommandos hörten. Sein hoch aufragendes Konstrukt hatte ihm beim Wettstreit den vierten Platz eingebracht. „Nun?“ Tezzeret beugte sich vor. „Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“

„Sicher.“ Bhavin deutete auf seine Erfindung. „Ich habe seit dem letzten Mal große Fortschritte gemacht. Ich habe die Funktionalität des Schraubschlüsselaufsatzes verbessert. Er ist nun in der Lage, Kräften von bis zu –“

„Verbessert?“ Tezzerets Tonfall ließ Rashmi zusammenzucken. „Es interessiert mich nicht, was du verbessert hast. Mich interessiert, was du Neues erschaffen hast.“

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„Ah ...“ Bhavin trat von einem Fuß auf den anderen. „Die Gelenke sind neu angebracht worden. Wegen der Anforderungen, die Sie an die Maximalbelastung gestellt hatten, musste ich sicherstellen, dass die wirkenden Kräfte nicht die Kugellager beschädigen, während –“ Sein Mund stand sperrangelweit offen, als er nun auf seine Erfindung starrte.

Tezzeret hatte mit seiner eigenen Kralle nach der massiven Hand am Ende des linken Armes des Automaten gegriffen und bog den Arm gegen das Gelenk nach hinten. Das Metall wurde zerknüllt wie Papier, kreischend und schreiend wie ein waidwundes Tier. Rashmi hatte noch nie jemanden gesehen, der Metall auf diese Weise verbog – nicht ohne ein Werkzeug. Tezzerets Metallklaue glänzte im Licht, das durch die Fenster fiel, und ein Schauder fuhr Rashmis Rücken herab.

Tezzeret machte einen Schritt zurück und neigte den Kopf, als würde er ein Kunstwerk betrachten. „Die Kugellager sind beschädigt. Du meintest, du hättest sie verbessert, damit sie nicht beschädigt werden können.“

Bhavin erbleichte. „Ja, Tezzeret, aber das war unter normalen Bedingun–“

„Du hast versagt. Raus hier.“

An den anderen Werkbänken wurde entsetzt nach Luft geschnappt.

„Aber, Großer Konsul, bitte. Ich –“

„Raus. Hier.“ Tezzeret deutete mit einem langen Metallfinger zur Tür. „Abführen.“

Drei Funktionäre reagierten mit einer unvermittelten, gemeinsamen Bewegung, wie man sie auch an einer Gruppe gleichgeschalteter Automaten hätte beobachten können.

„Warten Sie.“ Bhavin wehrte sich gegen ihren Griff. „Meine Erfindung! Was ist mit meiner Erfindung?“

„Dieses Stück Schrott gehört nicht dir.“ Tezzeret trat gegen den Automaten. „Alles, was in diesem Inquirium gebaut wird, gehört dem Konsulat.“

„Nein!“ Bhavin griff nach dem Türrahmen, doch die Funktionäre bogen ihm den Arm auf den Rücken. „Bitte!“, rief er. „Das ist alles, was ich habe. Bitte lassen Sie es mich mitnehmen.“ Sein herzerweichendes Flehen hing in der stickigen, schmierölschwangeren Luft, während er in den Gang gezerrt wurde.

Rashmi griff nach dem großen Metallrahmen ihres Transporters. Sie klammerte sich daran fest, bis ihre Fingerknöchel weiß wurden, als könnte ihr Griff verhindern, dass sie von ihrer Schöpfung getrennt wurde.

„Enttäuschend“, murmelte Tezzeret. Und dann lauter: „Fortschritte! Ist das zu viel verlangt? Ihr seid alle Erfinder oder etwa nicht?“ Während er durch den Hauptgang des Inquiriums schritt, wandten sich Blicke so rasch von ihm ab, wie der Schweif eines Pferdes Fliegen verscheuchte. „Ihr wollt mir doch nicht erzählen, dass das das Beste ist, was diese Welt zu bieten hat? Ich habe die Sieger der wunderbaren Erfindermesse hier, und was machen sie? Haufen um Haufen aus Müll.“ Er umrundete Rashmis Werkbank. „Ihr seid angeblich Genies, doch ihr müsst mich erst noch überzeugen, dass ihr mehr seid als nur ein Raum voller Idioten.“ Seine Augen waren geweitet und von roten Äderchen durchzogen – und ihr Blick direkt auf Rashmi gerichtet. „Zeigt mir Fortschritte oder verschwindet!“

Rashmi starrte auf die bebende Gestalt ihres Mäzens – reglos und atemlos –, bis es ihr schließlich gelang, einen ausreichend klaren Gedanken zu fassen, um unhörbar zu flüstern: Ich verdiene es, hier zu sein. Sie holte Luft. Sie war auf so etwas vorbereitet. Auf seine Wutausbrüche. Die waren nichts Neues, und sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie musste sich auf ihre Erfindung konzentrieren. Ihre Arbeit würde für sich selbst sprechen. Mit einiger Mühe wandte sie sich von Tezzeret ab. Jetzt sind es nur noch wir beide. Sie drückte den Transporterbogen ein letztes Mal mit der Hand. Zeigen wir ihm, was in uns steckt.

Rashmi räusperte sich. „Die Skalierung ist fertig. Sie sehen hier den neuen Rahmen, der wie verlangt dank seiner Größe in der Lage ist, etwas von den Ausmaßen eines Mechakolosses zu bewegen. Das Metall ist dreifach verstärkt, um der Reibung zu widerstehen, die beim nicht-linearen Transport fester Materie entsteht. Das strukturelle Äthergerüst wurde erweitert, um dem größeren Transportvolumen gerecht zu werden. Die ersten Testläufe waren erfolgreich.“ Als sie fertig war, holte sie tief Luft und hielt dann den Atem an.

„Hier scheint es etwas Fortschritt zu geben.“ Tezzerets Stimme war gepresst, aber frei von Wut. Rashmi erlaubte sich, auszuatmen. Doch es war ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, dass sie da verspürte. So schnell Tezzerets Wutausbruch verraucht war, so schnell folgte der nächste. „Doch etwas Fortschritt ist nicht genug! Was macht ihr Leute denn hier den ganzen Tag? Ihr verschwendet meine Zeit. Wo ist der Modulkern?“

Rashmi wappnete sich. Sie wusste, dass ihre Antwort nicht zufriedenstellend sein würde. „Ich habe begonnen, daran zu arbeiten, aber –“

„Begonnen? Begonnen! Er sollte längst fertig sein!“

Rashmi wich zurück. „Es war keine Zeit. Diese letzten Wochen dienten der Skalierung, und der Modulkern erfordert –“

„Ausreden.“ Tezzeret wedelte mit seiner Hand aus Fleisch. „Und nicht einmal gute. Du benimmst dich, als wäre jede kleine Bitte, die ich äußere, eine gewaltige Unmöglichkeit. Aber ich bin dein Mäzen und du die Gewinnerin des Erfinderwettstreits. Die GEWINNERIN! Von dir erwarte ich am meisten. Und das zu Recht. Ich bin sicher, die anderen stimmen mir da zu.“ Niemand sagte etwas. „Der Modulkern muss fertigwerden. Er hat oberste Priorität. Ist das klar?“

„Ja“, brachte Rashmi hervor. „Es gibt noch ein paar kleinere Schwierigkeiten zu beseitigen, doch er sollte innerhalb des von Ihnen festgesetzten Zeitplans fertig sein.“

„Oh, nun ist das Erfüllen der Minimalanforderungen also schon etwas, womit man sich brüsten kann?“

„Das habe ich so nicht ... Nein. Er sollte schon vorher fertigwerden. Ich muss nur noch die Rückkopplung unter Kontrolle bringen, die auftritt, wenn ich den externen Fokuspunkt von der Haupteinheit des Transporters abkopple.“

„Die Rückkopplung?“ Tezzerets Stirn legte sich in Falten. „Und da dachte ich doch glatt für einen Moment, dass du eine fähige Erfinderin wärst. Aber dein Verstand ist derart unterentwickelt, dass er nahezu nutzlos ist.“ Er fuhr mit seiner Metallhand über das Drahtgeflecht des Transporters. Das Geräusch ließ Rashmis Zähne schmerzen. „Du arbeitest hier an einem nicht-linearen Transporter, doch du hast dabei die ganze Zeit in den Grenzen linearer Gesetze gedacht. Denke mal lieber hierüber nach: Was passiert mit der Reibung im mehrdimensionalen Raum?“

Selbst wenn sie versucht hätte, es zu verhindern, so hätte Rashmis Verstand sich dennoch mit der Frage beschäftigt. Sie konnte einem wissenschaftlichen Rätsel einfach nicht widerstehen. Zuerst verstand sie nicht, worauf er hinauswollte, doch dann traf es sie. Unwillkürlich schnappte sie nach Luft.

„Ah, da ist es. Sie hat es endlich begriffen“, sagte Tezzeret gedehnt.

Rashmi bemerkte seinen Spott kaum. Sie war zu tief in Gedanken versunken – an der Schwelle zu einem Durchbruch. „Wenn ich einen Dämpfer in die Ätherschleife einfüge, erlaubt es dieser dem externen Fokuspunkt, die Einspeisung zu steuern und Punkte anzuvisieren, ohne dass der Energiekompensator überlädt, und dann –“

„Dann wird es funktionieren“, sagte Tezzeret. „Natürlich wird es das.“

Berechnungen huschten durch Rashmis Verstand. „Wir werden mehr Äther brauchen. Mindestens doppelt so viel. Wegen der erhöhten räumlichen Dimensionalität.“

„Na schön.“ Tezzeret schaute eine scheinbar zufällig ausgewählte Gruppe von Funktionären an. „Verdreifacht die Ätherversorgung des Inquiriums.“

„Sofort, Großer Konsul.“ Der Tezzeret am nächsten stehende Funktionär nickte eifrig.

„Ähem.“ Eine zweite Funktionärin trat vor und räusperte sich. „Ich möchte anmerken, dass eine Erhöhung dieses Ausmaßes die Umleitung einer beachtlichen Menge Äther nötig macht, die derzeit anderen Zonen zugewiesen ist. Das könnte ein Problem werden, wenn –“

„Ich sehe da kein Problem“, herrschte Tezzeret sie an.

„Nun, es ist nur so, dass –“

„Keine AUSREDEN mehr!“ Die Adern an Tezzerets Schläfen pulsierten. Er holte tief Luft und senkte die Stimme. „Hör mir zu. Es gibt nichts Wichtigeres als die Arbeit, die hier in diesem Inquirium stattfindet. Das ist die oberste Priorität des Konsulats. Ist das klar?“

Die Funktionärin glättete ihre Robe. „Selbstverständlich, Großer Konsul, aber –“

„Geh.“ Tezzeret winkte in Richtung der Tür.

„Gehen?“ Die Funktionärin machte bestürzt einen Schritt nach hinten.

„Ja. Du bist entlassen.“ Sie blieb wie angewurzelt stehen. „Deine Dienste werden nicht länger gebraucht.“ Sie regte sich noch immer nicht. „Abführen.“ Tezzeret machte eine Geste und die Funktionäre am dichtesten bei ihr reagierten sofort darauf: Sie packten sie an den Armen und schafften sie nach draußen. „Und erhöht die Ätherversorgung.“

„Ja, Großer Konsul.“

Rashmi stand mit offenem Mund da, als Tezzeret sich zu ihr umdrehte. „Wenn die Zonen den Äther brauchen, dann kann ich –“

„Nein!“ Tezzeret schlug mit der Metallhand gegen den Bogen des Transporters. „Das ist alles, was zählt. Du wirst den Äther bekommen, den du brauchst, um nach einem beschleunigten Zeitplan zu arbeiten. Wenn ich das nächste Mal den Fortschritt hier überprüfe, wirst du diesen Haufen Schrott“, er deutete auf Bhavins gewaltigen Automaten, „durch das Inquirium bewegen.“

Rashmi schluckte und nickte zögerlich.

„Falls nicht, wird dein Projekt abgebrochen.“ Damit schritt Tezzeret zur Tür. Die verbleibenden Funktionäre folgten ihm hinaus.

Rashmi verlor sämtliche Kraft. Das Wort „abgebrochen“ hallte in ihrem Kopf wider. Ein Flüstern kroch ihr den Rücken hinauf und Blicke folgten ihr, als sie zu ihrem Schreibtisch ging und sich in den Stuhl sinken ließ. Sollte es so sein? Dort auf ihrem Schreibtisch lehnte der ursprüngliche Transporterring an der Wand. Sie strich mit den Fingern über den Draht.

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Als sie ihn dort abgestellt hatte, hatte er ihr als Inspiration für ihre Arbeit dienen sollen. Sie war in diesem Augenblick so hoffnungsvoll und so stolz gewesen. Es hatte sich angefühlt, als würden ihre Träume wahr werden. Und nun? Rashmi atmete langsam und lange aus. Sie hatte es sich zum Ziel gemacht, die Welt zu verändern, und das wollte sie noch immer. Hier war ihre Gelegenheit. Sie würde sie nicht vergeuden.
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Vier Wochen später

Wenn es auch sonst wenig Positives über ihren Mäzen zu sagen gab, dann doch dies: Rashmi war noch nie in ihrem Leben so gefordert worden.

Sie hatte sich im Laufe der letzten Wochen oft gefragt, wo sie – und ihr Transporter – wohl wären, wenn sie nicht unter dem Druck gestanden hätte, den Tezzeret so kunstfertig aufbaute. Hätte sie ihren Zeitplan nicht so umgestellt, dass sie drei von vier Nächten durcharbeitete, hätte sie nicht angefangen, ihre Nahrung in Form von festen Riegeln einzunehmen, die von Automaten verteilt wurden, die ihre Arbeit nur so lange unterbrachen, dass sie ein paar Bissen zu sich nehmen konnte, und hätte sie nicht gerade nur so oft geduscht, um geringfügig besser zu riechen als ein Banda – dann wäre sie jetzt nicht hier, um das letzte Bauteil in ihr Meisterwerk einzupassen.

Rashmi hing in einem Geschirr unweit der Spitze des Transporterbogens, ein Ätherschweißgerät in der einen und ein Sensormodul in der anderen Hand. Bis auf das Zischen erhitzten Äthers war es still im Inquirium. Einen Tag, nachdem Tezzeret zum letzten Mal aufgetaucht war, waren alle anderen Erfinder aus dem Turm entfernt worden. „An einen neuen Ort“, hatte einer der Funktionäre versprochen. Rashmi war davon nicht überzeugt.

Sie hätte gern gesagt, dass sie sie vermisste, doch in Wahrheit bemerkte sie ihre Abwesenheit kaum. Die Stille und die Abgeschiedenheit waren so wie immer. Der Einzige, den sie vermisste, war Mitul.

Ihre Schweißnähte trafen aufeinander, nachdem sie nun einmal um den Sensor herumliefen, und Rashmi legte den Schalter um, um den Ätherfluss zu stoppen. Während das heiße Metall abkühlte, lehnte sie sich in ihrem Geschirr zurück und begutachtete ihr Werk. Das war es. Sie war fertig.

Es erschien unmöglich, doch es war die Wahrheit. „Ich bin fertig.“ Die Worte waren weniger als ein Hauch, doch sie erfüllten das gesamte Inquirium. Urplötzlich röteten sich Rashmis Wangen und Aufregung machte sich in ihrer Brust breit. „Ich bin fertig!“ Sie ließ den Kopf zurückfallen und breitete die Arme aus, um sich ganz in ihr Geschirr zu hängen. Das federnde Kabel, das sie trug, hüpfte unter ihrem übermütigen Lachen, während sie im Schatten ihrer Schöpfung baumelte.

Sie stieß einen Jubelschrei aus. Dieses Gerät, das sie gebaut hatte, war wunderschön. In ihrer Eile, es fertigzustellen, hatte sie nie innegehalten, um es sich zu betrachten – nicht so. Der Schwung des Metalls, die verschlungenen Drähte als Träger der blau leuchtenden Ätherleitungen, die gewaltige Größe ... Es war bezaubernd, es war überwältigend, es war alles.

Ein Sonnenstrahl tanzte über die letzte perfekte Schweißnaht, und Rashmi erlaubte sich ein Lächeln. Als ihre Lippen sich nach oben zogen, erkannte sie, dass sie das schon seit einer ganzen Weile nicht mehr getan hatte. Doch jetzt war die Zeit, um zu lächeln, die Zeit, um zu atmen. Es war die Zeit, um zu – mit einem Mal spannte sich ihr gesamter Körper an. „Die Sonne!“ Es war Morgen. Der Morgen der Fortschrittskontrolle. Tezzeret war auf dem Weg.

Mit ungeduldigen Händen seilte Rashmi sich ab. Ihre Füße scharrten ungeduldig, noch ehe sie den Boden erreicht hatte.

„Äthergreifer!“, rief sie. Der Assistenzautomat sprang auf und huschte auf ihren Befehl hin zu den Regalen hinüber. Der Transporter war vielleicht fertig, aber noch nicht bereit für eine Vorführung. Sie musste noch immer das Ziel für den Transport einstellen. Bei ihren Tests hatte sie kleine Gegenstände wie Pinzetten und Schraubenschlüssel in eine Kiste auf ihrem Schreibtisch geschickt, doch wenn sie Bhavins Automaten dorthin sandte, würde er die Kiste und ihren Schreibtisch zermalmen und wahrscheinlich durch das Fenster dahinter krachen. Es wäre eine Katastrophe – eine, die sie um jeden Preis vermeiden wollte.

Der kleine Automat wackelte zu ihr herüber, streckte sich und hielt ihr den Äthergreifer hin. Rashmi machte sich nicht die Mühe, ihr Geschirr abzulegen. Sie griff nach dem Werkzeug, kniete sich neben den Modulkern und tauchte mit den Händen in das innere Ätherwerk ein.

Das Grundprinzip, mit dem sie Materie bewegen würde, war das gleiche, das sie bei ihrem ursprünglichen Transporter angewandt hatte: Der Einspeisungspunkt war der hoch aufragende Transporterbogen, ganz so, wie es vorher der Ring gewesen war, und der Zielpunkt war, was auch immer sie im dreidimensionalen Raum auswählte. Der Unterschied zwischen dem Bogen und dem Ring bestand darin, dass der Bogen auf die Auren mehrerer anderer Phantomdimensionen angewiesen war, die ihm die Pfade für die Beförderung vom Einspeisungspunkt zum Ziel vorgaben. Dies sorgte für einen schnelleren Transport exponentiell größerer Objekte.

Mit ausgestreckten Fingern griff Rashmi in die mehrdimensionale Ätherprojektionseinheit im Innern des Modulkerns und ertastete deren Ummantelung – eine Eins-zu-Eins-Repräsentation der Ätherflüsse der Großen Verbindung. Der Teil, den sie spüren konnte, war jener Bereich der Verbindung, der sie unmittelbar im Inquirium umgab. Alles jenseits dessen war unscharf und verschwommen. Das war fürs Erste in Ordnung. Sie musste nur noch den Zielpunkt im Kern auf das andere Ende des Inquiriums einstellen. Und zwar schleunigst.

„Komm schon, komm schon.“ Sie tastete nach der Essenz des Ätherankers, den sie brauchte – eine Aufgabe, für die sie sowohl ihren Tastsinn als auch ihr tieferes Verständnis der Verbindung einsetzen musste. Als sie die Lider schloss, konnte sie durch ihr inneres Auge sehen. Es war, als schaute sie auf ein blassblaues, ätherisches Abbild des Inquiriums. Sie stellte die Projektion so lange auf ihren Fokuspunkt hin schärfer, bis – „Ja!“ Als ihre Finger darüberstrichen, war es, als wäre sie dort: Einen halben Herzschlag lang fühlte sie sich, als stünde sie auf der anderen Seite des Inquiriums.

„Nun musst du nur noch da durch.“

Sie steuerte die körperlose Projektion auf einem gewundenen Pfad durch das Gerüst der Phantomdimensionen im Modulkern und zog sie in Richtung des Ankers, der den Einspeisungspunkt bildete. Sobald sie den Einspeisungspunkt mit diesem Zielpunkt verbunden hatte, würde der Transporter in der Lage sein, Bhavins Automaten durch das Inquirium zu befördern. In Wahrheit ging es jedoch viel weniger darum, tatsächlich etwas zu bewegen, als vielmehr die räumlichen Dimensionen so zu krümmen, dass beide Punkte gleichzeitig am selben Ort existierten. Was für eine aufregende Aussicht!

Auf halbem Weg durch das innere Ätherwerk stieß die Projektion gegen etwas. Um ein Haar wäre sie Rashmi entglitten. „Nein, nein, nicht jetzt.“ Sie drehte die Projektion und drängte sie mit einem sanften Ziehen. Sie hing an einer der Phantomdimensionen fest. „Wir haben keine Zeit für so was.“ Sie zog stärker, stärker, stär– ihre Hand rutschte ab. Plötzlich fühlte sich alles falsch an. Ein starker Schwindel packte sie. Sie versuchte, sich zurückzuziehen, doch was auch immer sie festhielt, war zu stark.

Es war, als würde sie in eine Wanne voll Eiswasser geworfen.

Sie hätte geschrien, wenn sie ihre Stimme gefunden hätte – wenn sie die Stelle an sich hätte ausmachen können, von der aus eine Stimme unter gewöhnlichen Umständen hätte kommen sollen. Doch sie konnte weder ihre Lippen noch ihre Lungen noch irgendeinen anderen Teil ihres Körpers finden. Alles, was sie noch kannte, waren die unzähligen Dimensionen. Sie waren nicht länger Phantome oder Variablen in einer Gleichung. Sie waren echt. Und es gab so viele von ihnen.

Rashmi fühlte sich so klein und dennoch fühlte sich ihre Essenz gleichzeitig unfassbar gewaltig an.

Sie musste lange dort gehangen haben – gelähmt, überwältigt von Staunen und Verzücken – , doch wie lange, das wusste sie nicht. Zeit existierte nicht.

Und dann bewegte sie sich. Oder zumindest ihre Umgebung begann, sich zu verlagern. Das Gefühl einer Bewegung mochte fehlen, aber die Hinweise darauf, dass sie stattfand, waren dennoch absolut überzeugend. Sie schaute auf eine Stadt, doch keines der Gebäude wirkte vertraut. Die Formen, die Farben, die Architektur: Alles war so eigentümlich. Und dann war sie in einem Wald oder vielleicht einem Dschungel voller Ranken und dickblättriger Pflanzen, die miteinander um die Vorherrschaft zu ringen schienen. Sie erhaschte einen Blick auf einen gewaltigen Felsen, der in die Form eines Diamanten geschlagen war. Er hing in der Luft, als gäbe es keine Schwerkraft. Dann ein weiter, offener Himmel voller tiefvioletter Wolken und ein Bergmassiv, das von Schnee bedeckt war, durch den gelbe Blumen hindurchwuchsen. Die Bilder – oder vielmehr Eindrücke – kamen nun schneller. Einer ging in den nächsten über: stille Herdfeuer, unermessliche Wüsten, geschäftige Marktplätze voller fremdartiger Menschen und Waren, das Maul einer Bestie, ein sternenbesetztes Firmament. Mehr, als sie zählen konnte. Mehr, als sie je kennen würde.

Rashmi war gerührt. Dieser Ort, diese Orte: Sie hatte immer gewusst, dass sie dort draußen waren. In all ihren Jahren der Experimente zum Materietransport hatte sie sie gespürt, gerade außerhalb ihrer Reichweite. Sie hatte an sie geglaubt, obgleich sie keinerlei Beweise für ihre Theorien gehabt hatte. Und nun war sie hier. Etwas schwoll tief in ihrem Inneren an. Etwas, wodurch sie sich lebendiger und verletzlicher fühlte als je zuvor. Es brachte die Empfindung von Tränen mit sich, obwohl sie nicht in der Lage war, welche zu vergießen.

Sie hätte für immer an diesem wundersamen Ort – an diesen atemberaubenden Orten – bleiben können.

Von irgendwoher hörte sie ein Geräusch. Es wiederholte sich. Regelmäßig. Es war ein Rhythmus. Jeder Ton hallte im Kern ihrer Essenz wider. Als sie kristallisierten, erkannte sie, dass die Töne scharf waren. Wütend. Schmerzhaft. Sie waren all das, was dieser Ort nicht war. Sie zerrten an ihr und verlangten nach Ohren, sie zu hören, und nach einem Rücken, um ein Schaudern zu empfinden, und nach Haaren, die sich aufrichten konnten. Jeder Schlag im Takt zog sie weiter von jenem Ort weg, an dem sie sich befand, und tiefer in den Körper hinein, den sie beinahe vergessen hatte. Weiter weg.

Und dann war sie Rashmi – die Elfe, die tränenüberströmt am Boden des Inquiriums kniete, die Hände tief im Ätherwerk des Modulkerns. Das Geräusch wurde klarer. Es waren Schritte. Stakkatohaft und bösartig. Tezzeret. Sämtliches Blut wich aus Rashmis Wangen. Er kam.

Mit einem Ruck zog sie die Hände aus dem Kern und taumelte zurück, als ein tiefes Kreischen aus seinem Inneren ertönte. Die Äthersicherung des Kerns sprühte Funken. Sie schützte sich die Augen, um einen Schwall Äther abzuschirmen, der ihr ins Gesicht spritzte.

„Das ist eines der letzten Dinge, die ich heute Morgen hier sehen wollte.“ Tezzeret baute sich über Rashmi auf. Eine Handvoll Funktionäre flankierten ihn zu beiden Seiten. „Wie meine Erfinderin faul und mit Äther verdreckt auf dem Boden herumliegt.“

„Großer Konsul.“ Rashmi konnte ihre Aufregung über das, was sie gerade gesehen hatte, kaum verbergen. „Ich hatte einen Durchbruch.“ Zusammenhanglose Wortfetzen strömten aus ihrem Mund, während sie sich aufrappelte. „Das, was da draußen ist ... Die Phantomdimensionen. Das sind weitere Realitäten. Die Gebäude. Sie waren nicht – Ich habe noch nie so etwas wie diese Pflanzen gesehen. Sie können nicht von hier sein. Da draußen ist irgendetwas. Ich habe es vorher schon gespürt. Und Mitul auch. Mitul! Wir müssen ihn hierherbringen. Er wird das verstehen. Er hatte Theorien. Brillante Theorien. Die Möglichkeiten ... Hier geht es nicht mehr nur um Materietransport. Hier geht es darum, unser Wissen über ... über ... die Existenz selbst zu vertiefen.“

Von irgendwoher tief aus den Eingeweiden des Mannes, der vor ihr stand, kam ein dumpfes und dröhnendes Grollen. Es begann leise und wurde zu etwas Finsterem, das sich anfühlte, als kröche es in Rashmis Gedärm hin und her. Dann erkannte sie, dass Tezzeret lachte. Er lachte sie aus. Aber warum? „Oh, es ist ein so amüsanter Anblick, wie kleine Geister sich abmühen, wenn sie mit Dingen konfrontiert werden, die so viel größer sind als das, was sie verstehen können.“ Tezzeret schüttelte fröhlich den Kopf, ehe sich auf einen Schlag sein gesamtes Verhalten änderte und seine Augen sich zu schmalen Schlitzen verengten. „Ist der Transporter fertig?“

„Ja“, stieß Rashmi verwirrt hervor.

„Gut. Endlich hast du mal etwas richtig gemacht.“

„Aber es geht nicht mehr um den Transporter. Verstehen Sie denn nicht –?“

„Verstehst du denn nicht?“ Tezzeret beugte sich vor. „Nein, natürlich nicht. Wie denn auch. Dein Blickwinkel ist so entsetzlich begrenzt.“ Tezzeret winkte seinen Funktionären. „Bringt diesen Schrotthaufen von einem Konstrukt hier herüber. Es ist Zeit, dass wir sehen, was das Gerät hier kann.“

„Jawohl.“ Die Funktionäre bewegten sich rasch auf Bhavins Werkbank zu.

„Warten Sie.“ Rashmi konnte nicht glauben, was Tezzeret tat. „Es ist zu gefährlich. Wir verstehen noch nicht vollständig, welchem Druck wir die Phantom–“

„Du kannst gehen.“ Tezzeret winkte mit seiner Hand aus Fleisch.

„Was?“ Schrecken packte Rashmi.

„Du hast deine Aufgabe erfüllt.“ Tezzeret streichelte die Drähte des Transporters mit seiner Metallklaue. „Diese großartige Schöpfung gehört nun mir. Und daher bin ich mit dir fertig.“

Rashmis Instinkte schrien sie an. Sie durfte diesem Mann nicht ihren Transporter überlassen. Da war etwas in seinen Augen – etwas, was die Glut ihrer zunehmenden Beklemmung weiter und weiter anfachte. Sie musste das, was sie erschaffen hatte, beschützen. Mehr noch: Sie musste alles, was sie gerade gesehen hatte, beschützen – all diese Orte, all dieses Leben ...

„Das Konstrukt, Großer Konsul.“ Die Funktionäre rollten Bhavins massives Konstrukt unter den Bogen.

„Gut. Bringt nun die Elfe nach draußen.“

„Jawohl.“ Die Funktionäre begannen, Rashmi zu umzingeln.

„Warten Sie.“ Rashmis Herz raste. Sie musste etwas tun. „Er ist nicht fertig.“ Während sie sprach, fasste sie einen Plan. Wenn sie ihn hinhalten und den Kern von den Phantomdimensionen lösen konnte, würde er ihnen nichts tun können. „Eine Äthersicherung ist durchgebrannt.“ Sie streckte die ätherverschmierten Arme aus. „Genau bevor Sie reinkamen.“

Tezzeret straffte den Rücken. „Du meintest, er wäre fertig.“

„Das war er. Das ist er. Ich muss nur noch ein Ersatzteil einbauen.“

„Du hast mich belogen.“ Das war keine Frage. „Niemand belügt mich.“

Das hämmernde Pochen in Rashmis Brust breitete sich auf ihren Bauch aus, doch sie hielt sich tapfer. „Ich habe nicht gelogen. Er ist fertig. Ich muss nur eine kleine Anpassung vornehmen.“

„Ich glaube, du hast da etwas missverstanden.“ Ein Muskel in Tezzerets Wange zuckte. „Niemand belügt mich, denn ich setze dem Leben all derer, die es tun, ein Ende.“

Mit einem Mal konnte Rashmi nicht mehr atmen. Es war, als hätte sich ihr ein Ätherschraubstock um die Eingeweide gelegt.

„Ich war mehr als geduldig mit dir. Doch meine Geduld ist zu Ende. Und das heißt, dass es dein Leben auch ist.“

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Rashmi wich in Richtung des Bogens zurück und überlegte, wie lange es wohl dauern würde, die Projektion der Verbindung aus dem Modulkern zu reißen, doch ehe sie handeln konnte, hob Tezzeret einen Finger und der feste Griff zweier Funktionäre legte sich um ihre Arme. Tezzeret schritt vorwärts, den Blick fest auf Rashmi gerichtet. „Repariere es. Sofort. Wenn du das schaffst, denke ich vielleicht darüber nach, dich dein beschränktes kleines Leben weiterführen zu lassen.“

Seine Worte versetzen sie in Panik, stärkten jedoch gleichzeitig ihre Entschlossenheit. Es ließ sich unmöglich länger leugnen, welche Art von Mann Tezzeret war. Sie war solch eine Närrin gewesen. Die ganze Zeit über waren alle Anzeichen dafür da gewesen. Sie hatte gesehen, auf welche Weise er die anderen behandelt hatte – und auch sie selbst. Doch sie hatte versucht, sich einzureden, dass alles gut war. Sie hatte dies so verzweifelt als ihre Chance sehen wollen, die Welt zu verändern, dass sie seine Wutausbrüche ignoriert und so getan hatte, als hätte sie die Gewalt nicht gesehen. Sie hatte sich selbst eingeredet, dass er sie nur antrieb, weil er ihr Bestes wollte. Sie hatte sich eingeredet, dass er ein guter Mäzen war. Doch in Wahrheit war er ein Monster.

Nun war es an ihr, diese Orte da draußen vor diesem Monster zu beschützen – selbst wenn es sie das Leben kostete. Rashmi holte tief Luft. Sie würde den Transporter nicht reparieren. Sie würde ihn zerstören. „Ich brauche mein Werkzeug.“ Sie versuchte, sich aus dem Griff der Funktionäre zu befreien.

„Hältst du mich für einen Dummkopf?“, spie Tezzeret aus. Rashmi erstarrte. „Ich kann sehen, wie dein kleiner Verstand arbeitet. Ich kann den Gestank deiner Absichten riechen. Du willst ihn zerstören.“ Rashmi versuchte, ihr Entsetzen über die Zielsicherheit seiner Aussagen zu verbergen. „Ich weiß, dass du das tun willst. Nur zu. Tu es. Doch wenn du es tust, dann sei dir gewiss, dass ich erst dich umbringe und dann deinen kleinen Freund – Mitul war sein Name, richtig? – herschaffen lasse, um den Transporter zu vollenden. Er sollte ja ausreichend mit deiner Arbeit vertraut sein. Und anschließend werde ich ihn auch umbringen.“

„Nein!“ Rashmi sträubte sich gegen den Griff der Funktionäre. Nicht Mitul. Nicht der sanftmütige, aufrichtige, mitfühlende Mitul. „Das können Sie nicht tun!“

„Endlich scheine ich zu dir durchzudringen“, höhnte Tezzeret. „Dann passen wir mal besser auf, dass du auch so schön motiviert bleibst.“ Er rief mit dem Wink eines Fingers aus Fleisch zwei Funktionäre herbei. „Ihr beide da holt den Vedalken Mitul her. Sofort.“

„Ja, Großer Konsul.“ Die Funktionäre eilten aus dem Inquirium.

„Nein!“ Rashmi geriet in Panik. Ihr Atem kam in schnellen Stößen. Der Raum neigte sich erst nach rechts, dann nach links. Hätten die Funktionäre sie nicht an den Armen festgehalten, hätte sie sich nicht auf den Beinen halten können.

„Wenn du nicht fertig bist, sobald sie mit deinem Freund zurückkommen, werdet ihr beide sterben.“ Tezzeret nickte den Funktionären zu, die Rashmi festhielten. „Lasst sie los.“

Das Glänzen des polierten Bodens. Das Gelenk eines Automaten. Die Drähte des Transporters. Als Rashmi nach vorn stolperte, sah sie jeden Aspekt des Inquiriums als separat und isoliert an. Ihr Verstand weigerte sich, die Teile zusammenzusetzen. Es war zu brutal, es als Ganzes zu sehen.

„Nun?“ Tezzeret baute sich vor ihr auf. „Worauf wartest du?“

Sie wartete nicht. Sie war gelähmt. Sie konnte nur noch an Mitul denken. Er würde an diesem Morgen an seinem Tisch im Käferinquirium sitzen. Er kam immer sehr früh. Sie fragte sich, an welchem brillanten Gerät er wohl gerade arbeitete. Hitze wallte in ihrer sich zuschnürenden Kehle auf. Er konnte nicht einmal ahnen, dass die Streitkräfte des Konsulats auf dem Weg zu ihm waren. Keine Warnung. Keine Erklärung. Sie würden gewalttätig und laut sein. Sie würden ihm wehtun. Das war ungerecht. Mitul hatte nie einer Fliege etwas zuleide getan. Und nun würde er ihretwegen leiden.

Nein, das würde er nicht. Das musste er nicht. Beweg dich, sagte Rashmi zu sich selbst. Für Mitul. Beweg dich. Ihre Gedanken rasten, während sie auf die Werkzeugkammer zustolperte. Es musste eine Möglichkeit geben. Es musste irgendetwas geben, was sie tun konnte, um sie beide zu retten: die Dimensionen, die sie gesehen hatte, und ihren lieben Freund. Sie zwang ihren Verstand, die Lage zu analysieren und das Problem, vor das Tezzeret sie gestellt hatte, als eng umrissenes Logikrätsel zu betrachten. Doch wie sie es auch anstellte, kam sie immer zum gleichen Ergebnis: Es gab keine Möglichkeit, beides zu retten. Sie würde eine Wahl treffen müssen.

Und sie würde Mitul wählen.

Es tut mir so leid. Diese Worte waren für all das Leben an all jenen Orten bestimmt, die sie gesehen hatte. Vielleicht hätten diejenigen da draußen es verstanden. Vielleicht hätten sie das Gleiche für einen Freund getan.

Während sie sich an der Tür zur Werkzeugkammer festhielt, suchte Rashmi in den glänzenden goldenen Kästchen nach einer neuen Äthersicherung. Mechanisch nahm sie die Sicherung an sich, die sie benötigte, trug sie zu ihrem Schreibtisch, öffnete das Logbuch und schrieb die Seriennummer auf. Eine Träne rollte ihr die Wange herab. Sie wischte sie fort, doch die zweite und die dritte tropften leise auf den Metallring ihres ursprünglichen Transporters, der noch immer an der Wand hinter ihrem Schreibtisch lehnte. Der Anblick des Ringes sorgte für weitere Tränen. Wie konnte es nur so weit kommen? Das alles hätte niemals so geschehen sollen. Nichts davon. Wenn irgendjemand ihr damals in ihrem Käferinquirium gesagt hätte, dass sie hier landen würde – mit einem Mal wurde Rashmis Mund trocken und ihre Hände feucht. Das Käferinquirium ... Sie hatte das Rätsel gelöst.

Ihre Hände bewegten sich bereits und rissen von einer Seite des Logbuchs eine Ecke ab. Sie wusste, dass Tezzeret sie aus der Ferne beobachten musste, doch sie wagte es nicht, sich umzudrehen und nachzusehen. Wenn er erkannte, was sie vorhatte, würde er sie töten. Das stand außer Frage. Doch wenn sie diese Sache durchzog, ohne seine Aufmerksamkeit zu wecken, konnte sie Mituls Leben womöglich retten. Das war genug, um alles zu riskieren.

Sie kritzelte eine kaum lesbare Nachricht: Du bist in Gefahr. Lauf. Lass dich nicht von ihnen in den Turm bringen.

Sie knüllte den Zettel zu einem Ball.

„Was machst du da?“ Tezzerets Stimme ließ ihren Herzschlag stocken.

„Ich nehme eine Berechnung vor.“ Die Festigkeit ihrer Stimme überraschte sie ebenso wie ihre Lautstärke.

„Du meintest, du würdest nur ein Ersatzteil einbauen wollen.“ Tezzerets Ungeduld war offensichtlich. Seine Schritte hallten über den Boden. Sie kamen näher. Rashmi legte einen Schalter um und stellte den Transporter an. „Du hast nichts von Berechnungen gesagt. Hast du mich angelogen? Schon wieder?“

„Ich muss sicherstellen, dass die Sicherung nicht ein zweites Mal zerstört wird.“ Rashmis Stimme war kräftig. Dank ihres Drangs, Mitul zu beschützen, hatte sie ihren Mut zurückgefunden. „Ich kann es mir nicht leisten, dass dieser Test fehlschlägt. Das haben Sie mir deutlich gemacht.“ Sie wusste, dass ihre Erwiderung ihn ärgern würde, doch genau das sollte sie auch. Sie sollte ihn vom Transporterring ablenken.

„Ich beginne, an deinem Selbsterhaltungstrieb zu zweifeln.“ Er ging um Bhavins ehemaligen Schreibtisch herum, wie sie am Klang seiner Schritte erkennen konnte.

Während sie mit einer Hand in ihr Logbuch schrieb, um den Schein aufrechtzuerhalten, öffnete sie mit der anderen das Kontrollpanel des Transporters und griff hinein. Es waren nur ein Dutzend Zielpunkte abgespeichert, weswegen es leicht war, den Ätherfaden zu finden, der sich an den Weg zurück ins Käferinquirium erinnerte. Das war das Ziel ihres ersten erfolgreichen Materietransports gewesen. Sie würde es nie vergessen – und ebenso wenig der Ring. Sie befestigte den Faden und klappte das Panel zu. Bitte sei da, flehte sie Mitul schweigend an. Bitte finde das hier.

„Genug gerechnet.“ Tezzerets Metallfaust knallte zu ihrer Rechten auf den Tisch. „Es wird Zeit für die Demonstration.“ Sein Atem war heiß auf ihrem Nacken.

Ihre Hand befand sich über dem Ring, doch wenn sie das Papier jetzt fallen ließ, würde Tezzeret es sehen. Sie würde ihn erneut ablenken müssen. Sie holte Luft und wappnete sich. „Es ist Zeit, wenn ich sage, dass es Zeit ist. Ich bin die Erfinderin.“

„WAS HAST DU GESAGT?“ Tezzerets Stimme klang, als käme sie durch einen Verstärker. Sie hatte erreicht, was sie wollte. Er war abgelenkt. Er knallte den Deckel des Logbuchs zu und verfehlte nur knapp ihre Fingerspitzen. Rashmi tat, als würde sie nach Luft schnappen, und ließ gleichzeitig den kleinen Ball aus Papier durch den Ring fallen. Er verschwand.

Tezzeret packte sie an dem Geschirr, das noch immer um ihre Hüfte lag, und drehte sie grob zu sich herum. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Du bist ein Nichts. NICHTS.“ Speichel sprühte aus seinem Mund und bedeckte ihr die Wangen wie heißer Tau. „Du bist nur hier, weil ICH will, dass du hier bist. Du bist am Leben, weil ICH es so will. Du wirst tun, was ich dir sage, oder ich werde dich UMBRINGEN.“ Er wartete nicht auf eine Antwort. Er zerrte sie am Geschirr durch das Inquirium zum Transporter, wo Bhavins Automat unter dem Bogen stand, bereit für die Demonstration.

Rashmi wehrte sich nicht. Es gab keinen Grund, es noch länger hinauszuzögern. Sie hatte alles getan, was sie konnte. Sie hatte Mitul eine Gelegenheit zur Flucht verschafft. Was auch immer als Nächstes geschehen würde, war zwischen ihr und diesem Monster.

„Bau das Teil ein!“ Tezzeret warf Rashmi zu Boden.

Ihre Knie prallten hart auf. Tränen schossen ihr in die Augen, doch sie blinzelte sie fort. Er sollte sie nicht weinen sehen. Nein. Nicht dieser Mann. Nicht dieser Mann, der ihr gesagt hatte, sie wäre ein Nichts. Der ihre Genialität beleidigt hatte. Er war es, der ein Nichts war. Er hatte vielleicht Macht und Kontrolle, doch sie dienten nur dazu, das zu verbergen, was er in Wahrheit war – oder vielmehr das, was er nicht war. Ihm fehlte alles, was zählte. Er war gar nicht zu jenem wissenschaftlichen Arbeiten fähig, das ihr so leicht fiel. Er hätte diesen Transporter nie bauen können. Deshalb hatte er sie hierhergebracht. Er brauchte sie. Er war ein nutzloser Egomane, der ohne sie völlig versagen würde. Und sie würde nicht zulassen, dass dieser nutzlose Mann sie tötete.

Das, was sie tun musste, dauerte nur ein paar Augenblicke. Sie setzte die Äthersicherung ein und nahm die notwendigen Einstellungen am Modulkern vor, indem sie den Einspeisungspunkt mit einem gespeicherten Zielpunkt verband. Dann lockerte sie die Verbindung gerade so sehr, dass sie in Reaktion auf den Sog des Transports zurückschnellen würde. „Fertig.“ Sie stand auf und prüfte die Klammer an ihrem Geschirr. Sie war fest.

„Weg da.“ Tezzeret stieß sie mit der Schulter beiseite. „Ich werde den Transporter bedienen.“

Rashmi biss sich auf die Zunge, um sich davon abzuhalten, ihm für seine vorhersehbare Arroganz zu danken. Das war genau das, worauf sie gehofft hatte, damit dieser Plan überhaupt aufgehen konnte. Sie machte einen Schritt zu den langen Fenstern hin, den Blick auf den Flaschenzug in der Nähe gerichtet.

Tezzeret klopfte stolz mit seiner Metallklaue auf Bhavins Automaten, der unter dem Bogen des Transporters stand. „Es ist Zeit.“ Er trat an die Seite und griff nach dem Hebel am Bedienpanel. „Dieser Moment bedeutet etwas, was du unmöglich begreifen kannst. Dies ist mein Moment.“

Er hatte keine Vorstellung, wie sehr er sich irrte.

Tezzeret zog den Hebel. Rashmi atmete ein. Der Automat verschwand.

Rashmi atmete aus. Die Sicherung im Inneren des Modulkerns brannte durch, schloss den Kern kurz und gleichzeitig tauchte der Automat wieder auf – über der Metallkiste, die sie so viele Male als Zielpunkt verwendet hatte. Bhavins Meisterwerk, das viel zu groß war, um in die Kiste hineinzupassen, zerquetschte diese unter sich, krachte durch den Rahmen von Rashmis Schreibtisch und zersplitterte das riesige Glasfenster dahinter. Die Druckveränderung und die peitschenden Ätherwinde saugten Papiere und Werkzeuge hinaus in den Himmel über Ghirapur.

„WAS HAST DU GETAN?!“ Tezzeret war außer sich vor Wut. Er stürmte auf sie zu, von Äther aus der geplatzten Leitung bedeckt. Doch Rashmi war vorbereitet. Sie befestigte das Geschirr am Kabel des Flaschenzugs. Ehe sein starrsinniger Verstand herausfinden konnte, was sie vorhatte, sprintete sie zu dem klaffenden Loch und sprang in den sprudelnden Äther darunter.

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Alles, was als Nächstes geschah, beruhte auf schierem Instinkt. Sie purzelte durch die Luft. Wind peitschte ihr in den offenen Mund und raubte ihr den Atem und brannte ihr in den Lungen. Sie schloss den Mund. Durch die eiskalten Tränen, die ihr aus den Augen rannen, wurde die Straße unter ihr erkennbar. Sie schloss die Augen. Das federnde Kabel über ihr straffte sich und sie spürte das elastische Ziehen. Ihr Körper wurde nach oben geschleudert und wieder nach unten gerissen. Und dann noch einmal. Noch einmal. Sie öffnete die Augen, als die Bewegung aufhörte. Sie hing geradewegs über dem Dach eines Konsulatskreuzers. Sie griff nach der Klammer an ihrem Geschirr und zwang ihre zitternden Finger, sie zu lösen.

Ihre Beine reagierten nicht schnell genug, als dass sie auf ihnen hätte landen können. Sie fiel flach auf das glänzende Metalldach. Steh auf! Halb kroch sie, halb rollte sie sich von dem Fahrzeug herunter. Ihre Schulter traf zuerst auf die Pflastersteine.

Überall um sie herum herrschte Aufruhr. Menschen schrien. Funken flogen. Thopter surrten. Und von oben zeterte Tezzeret. Rashmi rappelte sich auf und rannte los. Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte, aber sie wusste, dass sie in Bewegung bleiben musste. Sie musste von hier verschwinden. So weit weg wie möglich. Fort von ihm.

Ihre Beine brannten und ihre Lungen schrien, doch sie würde nie anhalten. Nie.

Jäh schoss eine Wand aus Metall vor ihr hoch. Sie wich aus und drehte sich nach links. Noch eine Wand. Dieses Mal prallte sie dagegen, ehe sie erneut einen Haken schlagen und in eine andere Richtung rennen konnte – in eine dritte Wand hinein. Sie fuhr herum. Sie war umzingelt. „NEIN!“ Sie drosch mit den Fäusten auf das Metall ein. „Nein!“ Sie würde ihn nicht gewinnen lassen.

Hände griffen nach ihren Schultern und drehten sie herum. Rashmi hob die Fäuste. Bereit zum Kampf. Bereit zum Töten, falls es denn nötig werden sollte.

„Es ist schon gut, Rashmi. Ich bin es. Du bist in Sicherheit.“

Rashmi blinzelte. Nichts ergab einen Sinn. Wie? Wo? „Saheeli?“

„Wir sind in meinem Konstrukt. Es bringt uns an einen Ort, wo niemand uns findet.“ Rashmi konnte die Bewegung unter ihren Sohlen spüren, die nicht länger auf der Straße, sondern auf einem Metallboden ruhten. „Es ist vorbei, Rashmi. Du bist in Sicherheit. Du bist in Sicherheit.“ Saheeli wiederholte die Worte, bis Rashmis Atem sich so weit verlangsamt hatte, dass sie sprechen konnte.

„Mitul?“ Krächzend stieß sie den Namen ihres Freundes hervor.

„Er ist in Sicherheit“, sagte Saheeli.

Rashmi fiel in Saheelis Umarmung, als die Anspannung sich endlich löste.

„Das war ein ziemlich dramatischer Abgang.“ Rashmi blickte auf und sah eine fremde, in Schwarz gekleidete Frau.

„Es war großartig“, sagte Saheeli.

„Ich persönlich bin etwas enttäuscht“, sagte die Frau in Schwarz. „Mir war versprochen worden, dass ich ein bisschen Spaß mit Tezzeret haben würde.“

Bei der Erwähnung seines Namens zog sich alles in Rashmi zusammen. „Saheeli“, sagte sie und griff nach dem Arm ihrer Freundin. „Er hat den Transporter. Aber es ist nicht nur ein Transporter. Du hattest recht. Ich wusste nicht, was das, was ich da baute, für Auswirkungen haben würde. Aber ich glaube, er wusste es. Er muss es gewusst haben. Genau wie ...“ Rashmi brachte ihren Satz nicht zu Ende und sah Saheeli an. „Du wusstest es.“ Sie machte einen Schritt zurück und fühlte sich wie völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Ihre Gedanken rasten, und sie wagte es kaum, die einzelnen Teile dieses Puzzles zusammenzusetzen.

Sie schaute von ihrer Freundin zu dem Metall, das um sie herum in die Höhe geschossen war. Sie musterte seinen einzigartigen, farbenfrohen Glanz. Dann wanderte ihr Blick zu der Frau in Schwarz. Sie nahm ihren fließenden dunklen Rock in sich auf, der aus einem Material war, wie sie es noch nie gesehen hatte, und die Linien auf ihrer Haut – blass, aber nicht zufällig, in einer Sprache, die Rashmi nicht kannte.

Ihr Herz schlug schnell. Sie blickte zurück zu Saheeli, doch dieses Mal sah sie wirklich hin und ließ ihre Wahrnehmung tief in den Äther sinken. Es war mehr ein Gefühl als irgendetwas anderes, und kaum hatte sie es verspürt, wusste sie auch schon, dass sie es kannte und woher. Wenn er zugegen war. Plötzlich fühlte Rashmi sich sehr unwohl, sehr klein und sehr verängstigt. „Saheeli. Du hast es gewusst.“

Saheeli sprach kein Wort.

Das Konstrukt hielt ruckartig an. „Endlich.“ Die Frau in Schwarz stand auf. „Hier drin ist es so gemütlich wie in einer der Besprechungen des Fleischklopses.“ Sie sah zu Saheeli. „Nun, willst du mich nicht rauslassen?“

Mit einer simplen Geste teilte Saheeli das feste Metall, und die Frau in Schwarz trat hinaus in die Tiefe dessen, was wie ein dunkles Lagerhaus aussah.

Saheeli räusperte sich und wandte sich zu Rashmi. „Sie alle warten auf uns.“

„Wer?“ Rashmis Stimme hallte in der Stiller wider, so unsicher wie sie selbst. „Was geht hier vor, Saheeli? Wo sind wir?“

„Willkommen bei den Renegaten, meine Freundin. Ich habe dir viel zu erzählen.“

Veröffentlicht in Magic Story on Dezember 14, 2016

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Judge Fredd
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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » So 29. Jan 2017, 18:04

Die Revolution beginnt
In seinem Streben nach Macht hat Tezzeret sich zum Großen Konsul erhoben und hält die Stadt Ghirapur nun in seinem eisernen Griff. Doch es gibt jene, die sich weigern, seine Tyrannei zu erdulden. Die abtrünnigen Erfinder planen einen Angriff auf den Ätherknoten. Ein Sieg würde die nötige Energie für ihre Erfindungen liefern – und für ihre Rebellion.

Ghirapur erfand sich unablässig neu. Beständig wurden Gebäude abgerissen und neu errichtet: höher, aus besseren Materialien und mit ausgefeilteren Methoden. Beinahe jeder Block und jeder Platz war in den vergangenen Jahren auf irgendeine Weise renoviert oder instand gesetzt worden. In der Stadt gab es nur wenig Raum für Geschichte und noch weniger für Nostalgie. In den meisten Vierteln roch der Staub nach Bauarbeiten und Schweiß. Es blieb nie genug Zeit, dass der Geruch nach altem Holz oder verwittertem Messing sich festsetzen konnte. In Ghirapur bestand kaum eine Gelegenheit für Verfall.

Und dennoch gab es solche Orte. Schmale Gassen, in die zu viele Schatten zu fallen schienen, bestimmte Plätze, für die offenbar nur selten Baugenehmigungen erteilt wurden, gewisse Flecken, die die meisten aus reiner Gewohnheit zu meiden wussten. Chandra Nalaar folgte ihrer Mutter zu einer dieser vergessenen Chausseen. Sie hatte sich eine Kapuze übers Haar gezogen und hielt den Blick fest auf den Boden vor sich gerichtet.

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„Diesen Ort gibt es schon seit Jahrzehnten, weißt du.“ Pia Nalaars Stimme war sanft und ruhig. „Er gehörte all diese Zeit einer Familie von Äthergeborenen. Sie hielten ihn instand. Kiran ... Wir kamen oft hierher. Vor langer Zeit.“

Chandra schaute nicht auf. „Warum sind wir hier, Mutter?“

„Gonti sorgt dafür, dass die Patrouillenrouten des Konsulats nicht an diesem Ort vorbeiführen. Hier werden wir Leute finden, die unserer Sache zugetan sind.“ Pia blickte zu einem unbeschilderten Eingang und atmete den Duft von Fett, Rauch und Gewürzen ein. Die Tür schwang an gut geölten Scharnieren auf und eine Flut aus Licht und Geräuschen ergoss sich auf die Straße.

Chandra schlug die Kapuze zurück, als sie den Klub betraten. Zwei Dutzend runde Tische, umgeben von Kissen und kleinen Hockern, standen im Halbkreis um eine niedrige Bühne herum, die vielleicht knapp einen Fuß hoch war. Auf jedem Tisch spendete eine Lampe allen möglichen Arten von Leuten, die sich flüsternd unterhielten, buntes Licht.

Auf der Bühne entlockte ein Chikaraspieler bei gedämpfter Beleuchtung seinem Instrument mit dem Bogen sanfte Töne – er war nur ein Teil des Ambientes und nicht das Zentrum der Aufmerksamkeit. Pia winkte ihm beim Eintreten zu und hob zwei Finger. Der Musiker nickte verstehend.

„Sieh dich um, Chandra.“ Pia lächelte. „Einige der größten Erfinder, Piloten und Denker Ghirapurs. Sie brüten darüber, was sich auf der Messe zugetragen hat, und sie warten nur auf den richtigen Funken, der ihren Antrieb zündet. Sie sind von Natur aus aufmüpfig, aber wir brauchen eine echte Rebellion.“

Chandra nickte. „Also was nun? Wirst du eine kleine Rede halten? Sie ein bisschen aufstacheln? Das klingt nach einem Plan.“

Pia lächelte. „Ehrlich gesagt haben sie bereits alle von mir gehört. Von wegen Erste Renegatin und all das. Sie zeigen sich immer noch unentschlossen. Also müssen sie etwas anderes zu hören bekommen. Chandra, ich möchte, dass du das erledigst.“

Chandra öffnete den Mund, aber kein Ton kam heraus. Sie schloss ihn, öffnete ihn erneut und versuchte es noch einmal. „Mutter, nein. Das ist nicht ... Ich bin nicht gut darin, Leute zu etwas zu beflügeln. Ganz im Ernst. Was soll ich denn auch sagen? Sie kennen mich doch gar nicht.“

„Da irrst du dich. Sie kennen dich. Sie wissen, was du hier bereits für uns getan hast, und sie wissen, woher du stammst.“ Pia winkte erneut dem Chikaraspieler zu, der sein Stück beendete und nach einer kleinen Verbeugung zu leisem Applaus die Bühne verließ. „Sag ihnen einfach, was du fühlst. Sie haben schon genug Gründe. Sie brauchen nur noch jemanden, der den Funken entfacht.“

„Ja, aber ...“ Chandra hielt inne, als sie sah, wie sich sämtliche Blicke im Klub auf sie richteten. Einige waren hoffnungsvoll, andere mutlos, manche wütend, andere leer. Doch beinahe jeder lächelte zumindest ein wenig, als er sie erkannte. „Ja. Den Funken entfachen. Schon dabei“, murmelte sie zu sich selbst, während sie zaghaft auf die kleine Bühne trat.

„Hallo. Ich bin ... Na ja, ihr wisst ja sicher, wer ich bin. Chandra Nalaar. Pias Tochter.“ Eine Pause. „Ähm ... Kirans Tochter.“ Um ein Haar wären die Worte nicht gekommen, doch sie holte noch einmal tief Luft, als sie das Murmeln und das Kopfnicken der Menge vor ihr sah.

„Manche von euch kannten ihn sicher.“ Weiteres Nicken. „Manche von euch ... Ich schätze, manche von euch kannten ihn besser als ich. Und wisst ihr was? Das ist nicht in Ordnung so! Dass ihr meinen Vater kennenlernen durftet und ich nicht. Dass ihr mit ihm zusammenarbeiten und lachen durftet und ich nicht. Sie haben ihn mir weggenommen. Und meiner Mutter. Und als sie sich entschloss, sich dagegen zu wehren, da habt ihr alle ... sie einfach gelassen. Sie haben ihn ihr weggenommen. Also kämpfte sie natürlich. Aber ihr? Ihr noch nicht. Ihr habt sie allein kämpfen lassen, weil sie euch noch nicht genug weggenommen hatten.“

Die Menge wurde etwas lauter. Einige schienen sich angegriffen zu fühlen, doch niemand stand auf, um zu gehen. Chandra fuhr fort. „Nun, heute haben sie euch den Rest weggenommen. Eure Arbeit, eure Bemühungen, eure Werkzeuge ... Alles. Sie haben sich alles genommen, weil es das ist, was sie tun. Und ihr sitzt immer noch hier herum, esst und trinkt und beklagt euch, ohne etwas zu tun. Was haben sie euch weggenommen? Was müssen sie euch denn noch wegnehmen?“

Sie stockte. Sie starrte in ein Spiegelmeer aus Augen und Schutzbrillengläsern über teilnahmslosen oder missmutigen Gesichtern. „Vergesst es“, murmelte sie. „Ich sollte gehen.“

Die Leute standen auf und stritten sich schon, kaum dass sie sich erhoben hatten. Chandra stapfte von der Bühne. „Es tut mir leid, Mutter. Das war keine gute Idee. Ich ...“

Pia lächelte und legte ihrer Tochter eine Hand auf die Schulter. „Sch. Warte einfach ab.“

Eine wütende junge Frau kam auf Chandra zu und reckte einen Finger in die Luft. „Ja, tut mir leid wegen deines Vaters, aber was sollen wir denn machen? Sie haben mir mein Schiff weggenommen. Das Einzige, womit ich mich hätte wehren können, habe ich nicht mehr. Du willst, dass ich kämpfe? Wie denn?“

Sie ballte die Fäuste. „Ich –!“ Pia legte ihr besänftigend eine Hand auf den Rücken. Sie biss klackend die Zähne zusammen und spürte, wie sich ihr die Härchen im Nacken aufrichteten.

Die Menge brachte murmelnd ihre Unterstützung für die aufgebrachte Frau zum Ausdruck. „Sie haben mein ganzes Werkzeug. Meine Werkstatt ist völlig leer“, sprang ihr ein ältlicher Zwerg bei.

„Drei Jahre habe ich an meinem Generator gearbeitet! Und nun haben sie ihn mir weggenommen, zusammen mit meinen Bauplänen und meinen ganzen Prototypen! Mir ist nichts geblieben!“

Gäste sprangen auf, diskutierten miteinander und machten ihrem Ärger Luft. Der Funke hatte sich rasch entfacht, und binnen Minuten drohte ein Aufstand in dem Klub auszubrechen und sich auf die Straße auszuweiten. Die Gäste hatten Chandra weitestgehend vergessen. Sie zog sich zu ihrer Mutter zurück und blickte zögernd drein.

„Also ... was jetzt?“

„Tja, jetzt ...“ Pias Worte verklangen. „Oh. Das war nicht Teil des Plans.“

Ein extravagant gekleideter Äthergeborener, der von einem Paar Leibwächter flankiert wurde, glitt aus einem Alkoven in den Raum hinein. Er wedelte mit der Hand und sofort beruhigte sich die Menge, als wäre ihr Ärger von einem kalten Hauch der Angst erstickt worden.

Der Äthergeborene sprach leise, beinahe in einem Flüstern. „Freunde, bitte. Solch ein Aufruhr! Sie wissen so gut wie ich, dass dieses Etablissement der Ruhe und der Entspannung gewidmet ist. Üblicherweise würde ich nun die Störenfriede bitten, doch lieber zu gehen.“ Der Äthergeborene wandte sich zu Pia, und das Feuer in seinen Augen wurde augenblicklich schwächer. „Allerdings ist es so: Ihre Beschwerden haben mich nicht kalt gelassen. Einige von ihnen mögen sogar Gewicht haben. Und ich glaube, ich kann Ihnen helfen. Bitte gesellen Sie sich zu mir.“ Er winkte Pia, Chandra und einer Handvoll anderer Gäste zu, ihn in ein Hinterzimmer zu begleiten. Gleichzeitig traten Wachen an die Eingangstür. Sie legten die Hände an die Waffen – sie zogen sie noch nicht, aber die damit getroffene Aussage war klar. Chandra sah zu Pia und fragte wortlos, ob es Zeit war, einen Abgang hinzulegen – und zwar einen dramatischen. Pia schüttelte den Kopf.

Beinahe wie Schafe folgten Chandra und die anderen dem Äthergeborenen in das Hinterzimmer. Einer der Leibwächter betätigte einen in den Verzierungen des Raumes verborgenen Hebel und eine kleine Tür schwang auf, hinter der ein Tunnel und eine nach unten führende Treppe zum Vorschein kamen. Der Äthergeborene ging ohne weitere Erklärungen voran.

Der Tunnel war eng, aber hell von Ätherlampen erleuchtet. Statt der feuchten, staubigen Luft, die man in einem unterirdischen Gang erwarten würde, war es hier warm und es roch nach einem halben Dutzend verschiedener Gerichte aus den Küchen unterschiedlicher Völker.

„Ich bin sicher, dass ich die Frage bereuen werde, aber wohin bringen Sie uns?“ Die Pilotin spielte nervös mit ihren Armschienen und musterte misstrauisch die engen Wände.

„Haben Sie es noch nicht erraten? Wir werden uns mit dem wohl bestbehütetsten Einwohner Ghirapurs am wohl bestbehütetsten Ort der ganzen Stadt unterhalten. Und wir werden eine Lösung finden, die weitere Störungen unterbindet.“

„Sie bringen uns zu Gonti.“ Es war nicht wirklich eine Frage.

Chandra erstarrte. „Was? Augenblick mal, nein. Das findet hier nicht statt. Gonti hat uns bereits einmal verraten. Wir gehen.“ Sie hob glühende Fäuste. „Wenn es nötig ist, mache ich mir meinen eigenen Ausgang.“

Der Äthergeborene neigte amüsiert den Kopf. „Pyromagie in einem schmalen, entflammbaren Gang? So verzweifelt ist die Lage noch nicht. Und außerdem sind wir da. Sie können Gonti Ihre Einwände persönlich vortragen.“ Er drückte eine Tür auf, hinter der ein prachtvolles Arbeitszimmer lag. Ein einzelner Äthergeborener saß mit gefalteten Händen am Kopf einer langen Tafel.

„Sie haben länger gebraucht als erwartet. Zeit ist etwas sehr Kostbares für uns. Setzen Sie sich.“

Einige aus der Gruppe bewegten sich, doch Chandra trat nicht über die Schwelle. „Sie haben uns an das Konsulat verraten. Warum sollten wir auf irgendetwas hören, was Sie zu sagen haben?“

„Lieber Äther im Himmel, meine Teure! Danke. Es ist so selten, dass ich einen Menschen ob seiner Kurzsichtigkeit korrigieren darf. Ich habe Sie zum Handeln getrieben. Ich habe vorsichtiges und akribisches Planen unmöglich gemacht. Was übrig blieb, war schiere Entschlossenheit. Und hier sind Sie nun. Bereit, entschlossen zu handeln. Warum setzen Sie sich nicht?“ Gonti deutete auf einen leeren Stuhl. Pia saß bereits in dem daneben.

„Lassen Sie mich sehen, ob ich Sie recht verstehe“, fuhr Gonti fort und legte die Fingerspitzen zu einem kleinen Dach aneinander. „Sie haben keine Werkzeuge. Sie haben keine Schiffe. Sie haben keinen Äther. Alles, was in irgendeiner Form als Waffe gegen das Konsulat dienen könnte, wurde beschlagnahmt.“

Gonti winkte hinter sich und eine Wache öffnete eine breite Tür zu einem Lagerraum, in dem es glitzerte und glänzte. „Glücklicherweise verfüge ich über einige Erfahrung darin, das Konsulat von meinen Habseligkeiten fernzuhalten.“

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Gonti stand auf und verbeugte sich anmutig. „Als Ghirapurs berühmtester Sammler des Außergewöhnlichen glaube ich, das zu haben, was Sie für Ihren kleinen Aufstand benötigen.“ Er nickte Pia zu. „Ich biete es Ihnen an – im Geiste meiner ... Bürgerpflichten.“

„Kommen Sie zum Punkt“, sagte Chandra. „Wie lautet Ihr Preis?“

Gontis Augen glitzerten wie Sterne im Winter. „Ich schätze, das wird davon abhängen, wie sehr wir einander nützen. Meinen Sie nicht auch?“
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Sram kaute gedankenverloren auf einer winzigen Feinzange herum, während er aus den schrägen Fenstern des Kontrollraums im Ätherknotens schaute. Die Gerüste und Laufstege unter ihm waren von leuchtenden Ätherleitungen erhellt, die die gesamte Anlage durchzogen. Ein Elf hatte ihm gegenüber den Ätherknoten einst als das schlagende Herz Ghirapurs beschrieben. Melodramatisch, aber als Metapher präzise genug.

Vor seinen Augen flackerte eine der leuchtenden Röhren und wurde dann dunkel.

„Druckabfall im Knotenpunkt 12“, sagte einer von Srams Konstrukteuren.

Der Tonfall des Ingenieurs war ruhig, aber der Kontrollraum von hektischem Treiben erfüllt. Das war der vierte Knotenpunkt, der an diesem Abend eine „Fehlfunktion“ aufwies, und der zweite, bei dessen Ausfall Sram persönlich zum Augenzeugen geworden war.

„Leiten Sie auf die 13 und die 9 um“, sagte Sram. „Veranlassen Sie vorerst noch keine Reparatur.“

Die Wartungsmannschaften, die zur Behebung der ersten beiden Fehlfunktionen losgeschickt worden waren, hatten nichts Ungewöhnliches gefunden, und ein Abgesandter des Konsulats hatte vor einer Stunde an Srams Tür geklopft und ihm mitgeteilt, es gäbe irgendeine Art von Problem im Ätherknoten und sie bräuchten ihn – den Architekten des Gebäudes –, um es zu lösen. Hier war er nun also, kaute an seiner Zange und suchte nach Hinweisen auf Schäden oder Sabotage, anstatt einen Becher warmer Safranmilch zu trinken und sich bettfertig zu machen.

Die Zuweisung des Äthers war in der Regel öde. Die Betreiber des Knotens leiteten die Ätherreserven der Stadt dorthin, wo sie gebraucht wurden. Die Einrichtungen des Konsulats hatten Priorität, danach kamen die verschiedenen Viertel in der Reihenfolge ihres Bedarfs. Idealerweise wurde der Äther gleichmäßig verteilt und alle waren zufrieden. Als der Bau des Messegeländes begonnen hatte, war der Anteil der „untergenutzten“ Viertel durch einen Erlass des Konsulats verringert worden und das Murren – Srams und das der Bürger der Stadt – hatte begonnen. Doch das war nur eine Notmaßnahme, versicherte er sich. Nur vorübergehend – ganz zweifellos.

Seit dem harten Durchgreifen des Konsulats waren Notmaßnahmen zur Norm geworden. Schlimmer noch – zur Politik. Viertel erhielten Äther nur nach direkter Anweisung des Konsulats – oder eben auch nicht – und alle weniger als sonst üblich. Stattdessen waren die Konstrukteure im Knoten angewiesen worden, die Versorgung der Einrichtungen des Konsulats zu erhöhen.

„Leitender Konstrukteur“, sagte seine Assistentin Rajni hinter ihm.

„Hhrm?“, machte er.

„Konsul Kambal möchte Sie sprechen“, sagte Rajni.

Sie hatten sicherlich keinen Konsul aus dem Bett geholt, um sich mit Fehlfunktionen zu befassen. Hier ging es um etwas anderes.

Sram stellte das Kauen ein und drehte sich mit der Zange im Mund um.

Da stand Kambal – Konsul Kambal – mit seinem durchdringenden Blick und seinen allgegenwärtigen Begleitern, die ihn umsorgten. Dicke Schwaden aus Kampfer- und Sandelholzduftwasser durchzogen den Raum. Der Mann musste seinen Mantel darin eingeweicht haben. Der für einen Menschen recht klein gewachsene Konsul ragte dennoch über Sram auf und schien dabei sichtliches Vergnügen zu empfinden.

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„Konsul“, sagte Sam um die Zange herum.

Kambals Schnauzbart zuckte wohlwollend.

Srams Vorgesetzte hatten ihm stets gesagt, das Herumkauen auf Sachen beim Nachdenken wäre seine schlimmste Angewohnheit: Es war unprofessionell, unhygienisch und rüpelhaft, zeigte es doch seine Missachtung für seine Position und seine Werkzeuge gleichermaßen. Nun war Sram der leitende Konstrukteur und die meisten dieser früheren Vorgesetzten entweder im Ruhestand oder immer noch mit technischen Aufgaben auf der mittleren Führungsebene betraut. Viele von ihnen unterstanden nun ihm.

Kambal, der Konsul der Allokation, war der Einzige seiner Vorgesetzten, der Sram nach wie vor Anweisungen gab. Srams Abneigung gegen den Mann wurde nur noch von Kambals Verachtung für Sram übertroffen.

„Leitender Konstrukteur“, sagte Kambal. „Ich hatte nicht erwartet, Sie in der Nachtschicht vorzufinden.“

Sram nahm die Zange aus dem Mund.

„Fehlfunktionen“, sagte er. „Ich hatte meinerseits auch nicht damit gerechnet, dass der Konsul der Allokation sich den ganzen weiten Weg hierher bemüht, nur um mit dem Aufseher der Nachtschicht zu plaudern – wenn Sie mir diese Bemerkung verzeihen.“

„Es handelt sich um eine dringende Angelegenheit“, sagte Kambal. „Und nun sind Sie ja hier, damit wir sie besprechen können.“

Er deutete auf die innere Wand des Kontrollraums, auf der ein Ätherflussdiagramm die Versorgung verschiedener Stadtteile anzeigte. Die Viertel Ghirapurs leuchteten nur noch matt oder waren ganz dunkel. Die Einrichtungen des Konsulats strahlten.

„Etwas am heutigen Tag“, sagte Kambal, „erhielt diese Einrichtung eine Versorgungsanfrage vom Turm. Sie wurde ignoriert.“

„Ich habe sie nicht ignoriert“, sagte Sram. „Ich habe sie sehr sorgfältig gelesen und daraus geschlossen, dass es sich bei ihr um einen Fehler handeln muss. Ich habe diesbezüglich bereits eine Anfrage gestellt. Sobald ich die berichtigte Anweisung erhalte, kann ich –“

„Es handelt sich mitnichten um einen Fehler, leitender Konstrukteur“, sagte Kambal. „Der Große Konsul hat die Anweisung persönlich unterzeichnet.“

Sram konnte ein Schnauben nicht unterdrücken.

„Mit allem gebührenden Respekt, Konsul – haben Sie die Anweisung gelesen? Es handelte sich um einen konstanten Strom auf unbestimmte Zeit und in einer Höhe, die die Vorräte der Stadt in weniger als einer Woche aufbrauchen würde. Das war ein Fehler.“

„Nein, leitender Konstrukteur. Das war ein Befehl.“

Srams Erfahrung nach schloss das eine das andere kaum aus.

„Konsul“, sagte er. „Wir müssten die Versorgung zum Großteil der Stadt unterbrechen. Selbst zu anderen offiziellen Einrichtungen. Ich habe nicht die Befugnis ...“

„Ich verlasse mich auf Ihre Expertise bei den notwendigen Anpassungen“, sagte Kambal. „Befugnis erteilt.“

Also war dieses schleimige Schlitzohr hierhergekommen, um einen von Srams Untergebenen einzuschüchtern, eine völlig empörende Anweisung zu befolgen.

„Kambal, nein. Das kann ich nicht tun. Das ist eine Verletzung meiner Dienstpflichten.“

„Sie haben Ihre Befehle, leitender Konstrukteur“, sagte Kambal. „Führen Sie sie aus oder jemand anders wird es tun.“

„Schriftlich“, sagte Sram. „Ich möchte das schriftlich haben. Mit Ihrer Unterschrift.“

Kambal funkelte ihn einen endlosen Augenblick lang an. Sein Schnauzbart zuckte.

Der Kontrollraum erbebte.

„Was –“

„Explosion am Knotenpunkt 9“, sagte ein Konstrukteur.

„Verdammt!“, sagte Sram. Er drehte sich zum Fenster um. Ein gleißend blauer Sprühnebel erhellte kurz die Nacht, um dann zu zerstieben. „Bericht!“

Die Konstrukteure ratterten technische Details über Druckspitzen, Umleitungspläne und das Ausmaß des Schadens herunter.

„Sram, was geht hier vor?“, herrschte Kambal ihn an.

„Sie gehen jetzt“, sagte Sram. „Sofort.“

Kambal machte große Augen.

„Wir sprechen später über diese Versorgungsangelegenheit“, sagte er. „Verteidigen Sie in der Zwischenzeit diese Anlage.“

Natürlich.

Der Konsul wirbelte herum und verschwand mit seinen Bediensteten die Treppe hinauf – zweifellos zu einem Luftschiff auf dem Dach. Gut.

Der Boden erbebte erneut, und diesmal erhellte das blaue Leuchten der Explosion den gesamten Raum. Sie kam aus größerer Nähe. Die 23?

„Explosion bei der 23!“

Ich hab‘s immer noch drauf, dachte Sram.

Es wurde nun lauter im Kontrollraum. Warnsignale erklangen. Konstrukteure schickten Reparaturmannschaften aus und koordinierten die Umleitungen. Sicherheitsleute berichteten von mehreren Eindringlingen an verschiedenen Stellen.

Sram steckte sich die Zange wieder in den Mund und hörte zu. Er versuchte, die genaue Form des Angriffs zu verstehen. Die 9 und die 23. Nicht entscheidend. Sicherlich nicht irreparabel, selbst angesichts der Größe der Explosionen. Die Renegaten hatten keinen guten Anfang gemacht, falls sie vorhaben sollten, den Betrieb des Knotens zu stören.

Falls.

Die 9 und die 23 waren eine lausige Wahl, um den Knoten zu sabotieren. Das machte sie allerdings zu guten Orten, um Löcher in die Wände zu sprengen, ohne irgendetwas Wichtiges zu beschädigen.

„Abschalten“, sagte er um die Zange herum. „Vollständig abriegeln.“

„Vollständig abriegeln“, kam die Bestätigung.

Vielleicht wollten sie Äther absaugen und die Explosionen dienten dazu, die Wachen der Anlage abzulenken, während sie anderswo so viel Äther abzweigten, wie sie nur konnten, und sich anschließend damit aus dem Staub machten. In diesem Fall unterschätzten sie, wie leicht die Konstrukteure einen Großteil der Anlage abriegeln konnten.

Sram wandte sich an Kailash, einen Zwergin, die die Sicherheitskräfte befehligte, welche das Gebäude bewachten. Er nahm die Zange aus dem Mund.

„Hauptmann, diese Explosionen könnten unsere Verteidigungsanlagen durchbrochen haben.“

„Verstanden“, sagte sie.

Einer der Konstrukteure, eine Vedalken mit kurz geschorenem Haar, wandte sich von ihrer Station ab.

„Die Abriegelungsautomatik reagiert nicht“, sagte sie. „Die Leitungen sind noch immer offen.“

„Ist das überhaupt möglich?“, fragte ein anderer Konstrukteur, ein junger Mensch, der gerade erst seine Ausbildung beendet hatte.

Sram schloss die Augen und rief sich die Baupläne des Knotens in Erinnerung. Manchmal träumte er von ihnen.

„Ja“, sagte er. „Wenn jemand sie aufgestemmt hat.“

„Aber wie? Befinden sich die Abschaltungsmechanismen nicht innerhalb der Rohre?“, fragte der junge Mensch. Die Jungspunde, die noch nach den Lehrbüchern rochen, die sie für die Prüfung gewälzt hatten, kannten die Pläne fast genauso gut wie Sram. Doch ihnen fehlte die praktische Erfahrung.

„Wie lange kann ein Äthergeborener den Atem anhalten?“, fragte Sram.

„Sie atmen ni–“

„Ganz genau“, sagte Sram. Einst, vor vielen Jahren, hatte er einen Äthergeborenen erwischt, der in den Ätherleitungen gelebt hatte. Er war nicht umhingekommen, seinen Starrsinn zu bewundern. „Schalten Sie die Pumpen ab. Sofort!“

Dies war eine Maßnahme der drastischeren Art. Es würde Stunden dauern, die Pumpen wieder in Betrieb zu nehmen. Doch drastische Maßnahmen schienen jetzt angebracht.

Konstrukteure riefen knappe Bestätigungen. Die schwache, allgegenwärtige Vibration der Pumpen verebbte. Dafür es gab andere Geräusche: ein metallisches Ächzen und ein dumpfes Pulsieren. Kämpfe?

„Hauptmann, wie ist unser Sicherheitsstatus?“

„Sie sind drin“, sagte Kailash. „Mehr kann ich nicht sagen. Sie haben irgendetwas da draußen, was unsere Relais-Thopter aus der Luft holt. Wir sind auf Bodentruppen angewiesen.“

Seine Leute und die Kailashs erstatteten ihm fortwährend Meldung. Sie redeten durcheinander, während weiter Kampfgeräusche erklangen.

„Sie haben irgendeine Art von Impulswaffe –“

„Abschaltung bestätigt. Beginne mit der Umleitung –“

„– unsere eigenen Automaten haben sich gegen uns gewandt –“

„Die Sicherheitstüren reagieren nicht!“

„– Ausrüstung, wie wir sie noch nie gesehen haben!“

„– ich glaube nicht, dass sie einen Flammenwerfer hatte, aber da war Feuer –“

„– kriechen aus den Rohren–“

„Hammerfäuste! Sichert die Türen!“

Sram starrte aus dem Fenster. Er konnte Aktivität auf der südlichen Plattform ausmachen. Irgendeine Art von Mechanismus wurde dort aufgestellt. Es gab einen Blitz und ein gedämpftes fump, fump –

Er duckte sich gerade noch rechtzeitig, als zwei Greifklauen von der Größe eines Ballistabolzens in einem Schauer aus Glas durch die Fenster des Kontrollraums brachen. Seine Konstrukteure gingen in Deckung.

Die Kabel der Greifklauen zogen sie zurück nach hinten, und die drei Finger der einen gruben sich in die Wand. Es war ein kurzes, hohes Aufheulen zu hören, als sie sich festkrallten. Ein paar Schritte entfernt tat die zweite Klaue das Gleiche.

Sram griff nach der Klaue neben sich und hielt die Zange in dem Versuch bereit, das Ding auseinanderzunehmen. Es versetzte ihm einen stechenden Schock, heftig genug, um ihm die Finger taub werden zu lassen und ihn von weiteren Versuchen dieser Art abzuhalten.

Dann gab es ein lautes, schwirrendes Geräusch. Sram wagte einen Blick aus dem Fenster.

Aus der Dunkelheit raste eine kleine, zwischen den beiden Kabeln hängende Gondel drohend auf ihn zu. In ihr befand sich etwa ein Dutzend Renegaten mit Waffen und Werkzeugen, die Sram nicht genau erkennen konnte.

Die Sicherheitstüren des Kontrollraums gaben dem Angriff mit der Hammerfaust nach und weitere Renegaten strömten hindurch, unterstützt von übergelaufenen Automaten des Konsulats. Kailash und ihre Leute wehrten sich nach besten Kräften und gingen doch zu Boden.

Die Gondel krachte gegen die Wand des Kontrollraums und die Renegaten eilten aus ihr hervor. Bald waren mindestens zwei Waffen auf jeden seiner Konstrukteure gerichtet und drei auf ihn. Viele der Renegaten kannten ihn. Sie wussten, dass er derjenige war, der die Ätherversorgung zu ihren Vierteln während der aktuellen Krise abgeschnitten hatte. Er konnte ihnen ihren Zorn nicht verübeln.

Eine der Renegatinnen aus der Gondel trat vor und nahm die Schutzbrille ab – eine ältere Frau mit einer Aura der Autorität. Sram kannte sie aus der Arena.

Er richtete sich auf.

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„Pia Nalaar“, sagte er. „Dann haben Sie also in dieser Sache das Sagen?“

Sie lachte ihn an, wenn auch nicht bösartig.

„Niemand hier hat das Sagen“, sagte sie. „Aber Sie haben etwas, was uns gehört. Wir sind hier, um es uns zurückzuholen.“

Sein Blick schweifte durch den verwüsteten Kontrollraum, in dem es von Renegaten wimmelte.

„Nalaar“, sagte er etwas leiser. „Meine Leute sind keine Soldaten. Ich mache mir Sorgen, dass einige der Ihren uns gegenüber wegen der Allokationen der letzten Zeit einen Groll hegen.“

„Das tun sie“, sagte sie. „Sie werden trotzdem gut behandelt werden. Darauf haben Sie mein Wort.“

„Dann ergebe ich mich“, sagte Sram. „Der Ätherknoten gehört Ihnen.“

Fürs Erste.
__________

Was war eine vernünftige Zeitspanne, um Streitkräften des Konsulats die Kontrolle über einen Ätherknoten abzuringen? Rashmi war sich da nicht sicher, aber die Angriffstruppen der Renegaten waren nun schon seit Stunden fort. Es schien ihr, als sollten sie jeden Augenblick zum Lagerhaus zurückkehren, ob nun siegreich oder nicht. So oder so blieb Rashmi und Mitul nur wenig Zeit, das Luftschiff fertigzustellen.

Das Licht in dem geräumigen Lagerhaus war gedämpft. Teilweise, um Äther zu sparen – er würde den Renegaten bald ausgehen, wenn sie die Knoten nicht unter ihre Kontrolle bringen konnten –, und teilweise, um nicht die Aufmerksamkeit der Luftpatrouillen des Konsulats auf sich zu ziehen.

Inmitten des weiten, schattenverhangenen Raums stand das gewaltige Luftschiff, das beinahe so groß wie das Lagerhaus selbst war: die Tezzerets Untergang.

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Das Luftschiff war der nächste Schritt im Plan der Renegaten: den Ätherknoten sichern, mit dem so gewonnenen Äther das Schiff antreiben und dann mit der Tezzerets Untergang einen Angriff auf den Turm des Konsulats fliegen. Die Renegaten würden diesen entsetzlichen Mann zur Strecke bringen und dabei die Planare Brücke zerstören.

Die Planare Brücke: So hatten sie – die Planeswalker, wie Saheeli sie ihr vorgestellt hatte – Rashmis Materietransporter genannt. Sie verwendeten den Begriff wie ein Schimpfwort. Immer wenn er ausgesprochen wurde, breitete sich Beklemmung im Raum aus. Sie tuschelten miteinander über die Gräueltaten und das Chaos, das Tezzeret mit Rashmis Erfindung in seinem Besitz anrichten würde. Jedes Szenario war finsterer als das davor.

Deshalb war sie hier. Wenn das Himmelsschiff, bei dessen Bau sie geholfen hatte, zur Zerstörung der Planaren Brücke führte, wäre sie nicht länger für die Bedrohung verantwortlich, die ihre Schöpfung für all diese Welten darstellte, welche es dort draußen gab.

Und dann wäre sie fertig. Sie würde ihre Werkzeuge an den Nagel hängen und mit dem Erfinden aufhören. Dies hier wäre das Letzte, was sie je herstellen würde, was Schaden anrichten konnte.

Im sanften Licht der Lampe, die Mitul über die Motorklappe des Luftschiffs hielt, drehte Rashmi ihren Schraubenschlüssel, um die Kondensatorhalterung festzuzurren. Bei jeder Drehung senkte sich das Gefühl von Endgültigkeit tiefer in ihre Eingeweide. Drei Bolzen noch.

„... wenn du dich nicht für diese Forschungsrichtung der Ätherologie interessierst, dann habe ich noch an einem weiteren Ansatz gearbeitet. Dieser ist etwas theoretischer.“ Mituls Stimme bahnte sich ihren Weg in Rashmis Bewusstsein. Er hatte die ganze Zeit gesprochen und die nächsten Forschungsarbeiten erläutert, von denen er hoffte, dass sie sie gemeinsam angehen würden. Die Planeswalker hatten Rashmi und Mitul das Versprechen abgenommen, dass sie ihre Forschungen zum Materietransport einstellen würden. Seither war Mitul eifrig dabei, ein neues Projekt zu finden. „Die Idee, dass Äther sich durch die Zeit bewegt, ist weitestgehend unerforscht. Ich glaube, wir könnten auf diesem Gebiet große Fortschritte erzielen. Meinst du nicht auch?“

„Vielleicht könnten wir das“, murmelte Rashmi abwesend. Sie blickte ihrem Freund in die ernsten Augen. Das Schwerste bei dieser ganzen Angelegenheit würde sein, ihn zu verlassen. Doch wenn sie einen neuen Weg finden wollte – einen, der nicht zu Leid und Zerstörung führte –, hatte sie keine andere Wahl, als fortzugehen. „Hast du einen guten Satz Schraubenschlüssel, Mitul?“

„Welche Größe brauchst du denn?“ Hilfsbereit wie eh und je wandte er sich der nahen Werkbank zu. „Vielleicht einen mit einem abgewinkelten Griff?“

„Nein, nicht für mich. Ich meine, hast du deinen eigenen Satz?“

„Oh.“ Mitul legte verwirrt den Kopf schief. „Ich benutze deinen.“ Er räusperte sich. „Ich hoffe, das macht dir nichts aus.“

„Natürlich nicht“, sagte Rashmi eilig. „Du solltest ihn weiter benutzen.“ Sie würde ihm ihre Schraubenschlüssel geben. Sie würde ihm all ihre Werkzeuge überlassen. Sie konnte sich keine anderen Hände vorstellen, die sie führten, wenn sie fort war.

Noch ein Bolzen.

Rashmi griff nach der hinteren Ecke der Halterung, aber ihre Hände begannen zu zittern. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Jetzt war keine Zeit für so etwas. Doch es war nicht ihre Hand, die zitterte. Das Beben kam vom Boden unter ihren Sohlen. Es wurde stärker und fühlte sich an, als würde im nächsten Moment ein Haufen Riesen durch die Wände des Lagerhauses brechen. Die Renegaten. Sie waren zurück.

„Der Knoten gehört uns!“, hallte der Ruf durchs Dachgebälk. Mit einem lauten Ächzen wurden die gewaltigen Tore aufgeschoben.

„Sie haben es geschafft.“ Mituls Augen weiteten sich anerkennend. Er hatte sich der Widerstandsbewegung mit einer Leidenschaft und Bestimmtheit angeschlossen, die Rashmi bewunderte. Rashmi nickte und zwang sich zu einem Lächeln.

„Renegaten!“, hallte Pia Nalaars Stimme von der anderen Seite des Luftschiffs. „Renegaten, versammelt euch!“

Mitul blickte flehend zu Rashmi. „Geh schon“, sagte sie. „Ich mache das hier noch fertig und komme gleich nach.“

Mitul zögerte.

„Wir haben es geschafft!“, rief Pia unter weiteren Jubelrufen.

Rashmi konnte das Funkeln in Mituls Augen sehen. Er wollte da draußen sein. „Nun geh schon“, ermutigte sie ihn. So würde es ohnehin leichter als ein richtiger Abschied. Sie würde sich davonstehlen, ehe irgendjemand sie nach vorn rufen konnte. Saheeli hatte sie gebeten, an der Taufzeremonie teilzunehmen, doch das war das Letzte, was Rashmi wollte. Es war Zeit für sie zu gehen.

„Ich halte dir einen Platz frei.“ Mitul lächelte und eilte zum Heck des Luftschiffs. Rashmi hob die Hand, um ihm stumm zum Abschied zuzuwinken.

Auf der anderen Seite des Lagerhauses fuhr Pia fort: „Heute haben wir uns jenen gestellt, die uns unterdrücken wollen, und wir haben ihnen gezeigt, dass wir stärker sind als sie!“ Triumphierendes Gebrüll. „Doch unser Kampf ist noch nicht vorbei. Er hat gerade erst begonnen. Das, was wir am Knoten erreicht haben, wird uns bei dem helfen, was wir als Nächstes tun müssen.“

„Tezzeret zur Strecke bringen!“, rief jemand. Weitere Stimmen nahmen den Ruf auf, während Rashmi mit einer letzten Drehung des Schraubenschlüssels ihre Arbeit beendete. Es fühlte sich sehr endgültig an.

„Tezzeret gehört nicht hierher“, sagte Pia zu den Renegaten. „Er ist ein Lügner und Betrüger, der sich an die Macht geschlichen hat. Er ist ein Tyrann, der nicht herrschen darf. Und es ist an uns, ihn zur Strecke zu bringen!“

Die Erwiderung war ohrenbetäubend.

„Und das werdet ihr auch“, flüsterte Rashmi. Sie verriegelte die Antriebsklappe. Die Tezzerets Untergang war vollendet.

Mit einer Ecke ihrer Kleidung wischte sie Staub und Öl von dem goldenen Metall. „Viel Glück.“ Nach einem letzten, festen Wischen wandte sie sich zum Gehen. Dann blieb sie wie angewurzelt stehen – irgendetwas an der Klappe erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie hielt inne, beugte sich vor und blinzelte, um es besser zu erkennen. Da war etwas in das Metall eingraviert, das erst jetzt, nachdem sie die Schmutzschicht entfernt hatte, sichtbar war. Zwei Buchstaben, sorgfältig von geschickter Hand eingeritzt: K. N.

Rashmi stockte der Atem. Kiran Nalaar. Das musste es sein. Pias verstorbener Partner und der Erfinder, der dieses Schiff vor so langer Zeit entworfen hatte. Rashmi strich mit den Fingern über die Gravur und entfernte sanft den Rest von Schmutz und Öl, als könnte ihre Zärtlichkeit das Schicksal seiner Schöpfung wiedergutmachen. Es tut mir leid, was daraus geworden ist. Sie drückte die Finger gegen die Buchstaben. Ich weiß, wie es ist, mit ansehen zu müssen, wie eine der eigenen Schöpfungen dazu eingesetzt wird, Leid zuzufügen.

Eine Woge ätherischer Energie stieg von dem Metall auf und ein helles, blaues, wirbelndes Leuchten füllte Rashmis Blickfeld aus. Ihr Herz machte einen Sprung. Sie kannte dieses Gefühl. Es war das wundervollste Gefühl überhaupt. Sie hatte es nur ein einziges Mal gespürt, als sie den Prototyp von Avaati Vyas Ätherverfeinerer im Museum der Erfindungen berührt hatte. Auf dem Schild hatte „Nicht berühren“ gestanden, aber sie hatte sich nicht zurückhalten können. Sie hatte mit den Händen über das Metall gestrichen und das Nächste, woran sie sich erinnerte, war, dass der Geist des Erfinders sie überwältigt hatte.

Herzensprojekte taten das: Erfinder, die ihr ganzes Herzblut in ihre Arbeit steckten, hinterließen einen winzigen Teil von sich selbst in ihren Erfindungen. Kirans Hände waren die ersten gewesen, die dieses Metall geformt hatten. Es war sein Verstand gewesen, der diesen Entwurf ersonnen hatte, und nun strömte seine Essenz durch das, was er erschaffen hatte.

Rashmi wurde von seinem Geist übermannt. Von seiner Liebe zum Fliegen. Hoch über der Stadt zu schweben. Mit nichts, was ihn je aufhalten könnte. Seine Leidenschaft, etwas zu erschaffen und etwas zu bauen, was niemand vor ihm je gebaut hatte. Seine Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten und Risiken einzugehen. Und dann noch etwas – etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. Kiran hatte das inbrünstige Verlangen, die Freiheit zu verteidigen, etwas erschaffen zu können. Jenen die Stirn zu bieten, die der Innovation Grenzen setzen wollten. Den Erfindergeist zu schützen, den er so sehr liebte.

Es war, als hätte sie den Atem angehalten und als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen, und nun, da ihre eigenen Empfindungen zu ihr zurückkehrten, taumelte Rashmi von dem Luftschiff fort. Nachbilder in leuchtendem Blau tanzten ihr hinter den Lidern und raubten ihr das Gleichgewicht. Ein Paar Arme fing sie auf. „Sie rufen nach dir.“ Es war Mitul. „Sie möchten, dass du auf die Plattform kommst.“

Rashmi versuchte, ihre Stimme wiederzufinden, um zu protestieren, doch ihre Sinne waren noch immer leicht benebelt und ihre Gedanken rasten. Mitul führte sie um den Bug des Schiffes herum und drängte sie, die Stufen zur Plattform hinaufzusteigen.

Pia streckte ihr die Hand entgegen. „Und hier ist sie, die führende Ätheringenieurin Rashmi, um unser Luftschiff zu taufen.“ Als erneuter Jubel aufkam, legte Pia Rashmi einen Arm um die Schultern. „Rashmi hat mehr durchgemacht, als die meisten von uns sich vorstellen können“, sagte Pia. „Sie wurde von Tezzeret selbst gefangen gehalten und hat sich ihre Freiheit erkämpft.“ Dies löste Laute aus, mit denen die Menge Rashmi ihre Unterstützung zusicherte. „Ich sage, sie hat sich das Recht verdient, dieses Schiff seinem Untergang zu weihen.“ Pia reichte Rashmi eine Glasflasche voll leuchtendem Äther. „Erweise uns die Ehre. Lass uns diesem Ungeheuer ein Ende bereiten!“

Rufe wie „Vernichtet ihn!“ und „Nieder mit dem Tyrannen!“ und „Tezzerets Untergang!“ ließen Rashmi den Blick von der Menge abwenden. Es waren so viele Menschen – ein wahres Meer aus Gesichtern –, und sie alle blickten sie an. Rashmi starrte sie ihrerseits an – sie, die Renegaten. Doch in diesem Augenblick war dies nicht das, was sie sah. Sie sah Erfinder. Jeder Einzelne von ihnen war hier, weil er an den Erfindergeist glaubte. Der gleiche Geist, den sie durch Kiran gespürt hatte. Er pulsierte noch immer in ihr, hell und leidenschaftlich.

Es war mehr an diesem Luftschiff, mehr an dieser Revolution, als sie sich zu sehen gestattet hatte. Sie hätte ihre Furcht gewinnen lassen. Sie hätte sich eingeredet, dass es bei all dem nur um Zerstörung ging. Sie hätte sich nicht mehr irren können.

„Mach nur“, sagte Pia.

Rashmi ging ein winziges Stück nach vorn und hielt dabei die Flasche fester, damit sie ihr nicht aus den schwitzenden Fingern rutschte. „Hallo.“ Ihre Stimme klang rau und klein in der kühlen, trockenen Weite. Sie versuchte es erneut, diesmal lauter. „Hallo.“ Niemand antwortete. Sie räusperte sich. „Ich werde dieses Schiff taufen, so wie Pia mich gebeten hat. Aber ich glaube, zunächst braucht es einen neuen Namen.“

Die Menge regte sich unbehaglich und murmelte. Pia suchte Rashmis Blick. Ihr Lächeln war etwas zu breit, und sie flehte sie mit den Augen an, das zu tun, weshalb sie hier war.

Das war es, weshalb sie hier war.

„Tezzerets Untergang“, sagte Rashmi. „Das klingt schon gut. Besonders in meinen Ohren. Vertraut mir.“ Ein paar trockene Kicherlaute. „Und er trifft die Sache. Das ist das, was wir tun müssen: die Herrschaft dieses Monsters beenden. Und das werden wir auch. Das werden wir.“

Ein einzelner Schrei.

„Aber letzten Endes ist das gar nicht, weshalb wir hier sind – zumindest nicht nur. Wir sind nicht hier, um zu kämpfen, um Dinge niederzureißen und um zu zerstören. Das tun wir, weil wir es tun müssen. Weil es nötig ist, wenn wir etwas bewahren wollen. Und etwas bewahren ist das, was wir wirklich tun wollen. Wir sind hier, um unsere Stadt zu retten. Um ihren Geist zu verteidigen – den Erfindergeist. Das ist es, was auf dem Spiel steht. Wir sind Erfinder. Wir erschaffen. Wir erbauen. Wir fügen der Welt etwas hinzu, anstatt ihr etwas zu nehmen.“

Vereinzelte zustimmende Rufe erklangen als Widerhall auf Rashmis Worte.

„Tief in uns wissen wir alle, wer wir sind. Aber wenn ihr eine Erinnerung braucht, dann denkt an den Mann, der dieses Schiff entworfen hat: den großen Erfinder Kiran Nalaar.“ Alle Blicke wandten sich zu der Frau, die neben Rashmi stand. Rashmi spürte, wie sich Pia neben ihr aufrichtete. „Niemand verkörperte den Erfindergeist mehr als Kiran. Er lebte, um zu erschaffen. Und er glaubte an das Recht eines jeden Einzelnen, sich frei entfalten zu dürfen. Er baute dieses Schiff nicht, um etwas damit zu zerstören, sondern nur, um etwas damit zu entdecken. Und es ist meine größte Hoffnung, dass wenn all dies vorüber ist – wenn wir dieses Monster zur Strecke gebracht haben, wenn wir gesiegt haben –, dass Kirans Schiff dann ein Zeichen der Hoffnung darstellt. Dass es seinen und unseren Erfindergeist in jeden Winkel der Welt tragen wird. Deshalb taufe ich dieses Schiff auf den Namen Kirans Herz.“ Rashmi hob die Flasche mit Äther über den Kopf. „Auf dass wir nie vergessen mögen, wer wir sind.“ Sie zerschlug die Flasche am Bug des Luftschiffs und die mystische blaue Substanz ergoss sich über das glänzende goldene Metall.

Jubel brandete auf, und in Rashmis Augenwinkeln sammelten sich Tränen. Pia legte ihr die Hände auf die Schultern. „Danke. Tausend Dank.“ Sie ergriff Rashmis Hand und erhob sie unter tosendem Applaus.

„Für den Erfindergeist!“, rief eine Stimme aus der Menge. Rashmi erkannte die Stimme und fand Mitul, der die Faust nach oben reckte. Ihre Blicke trafen sich, und sie lächelte ihrem Freund zu. Sie wusste, dass es keinen Abschied geben würde. Sie waren Erfinder, Forscher auf dem aufstrebenden Gebiet temporaler Ätherabstraktion, und sie würden nicht zulassen, dass Tezzeret ihnen das nahm.

Veröffentlicht in Magic Story on Januar 2, 2017

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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Mi 1. Feb 2017, 19:49

Die folgende Geschichte ist wieder mal ziemlich langatmig. Wer nicht weiß was er mit seiner Zeit anfangen soll; bitte sehr.

Verbrennen
Spoiler:
Die Renegaten Kaladeshs haben sich gegen Tezzerets korruptes Konsulat erhoben. Von Pia und Chandra Nalaar angeführt, vom Verbrechergenie Gonti ausgerüstet, mit Erfindern und Ätherpiraten verbündet und von den Planeswalkern der Wächter unterstützt haben sie den strategisch entscheidenden Ätherknoten Ghirapurs erobert. Nun müssen sie ihn gegen den Gegenangriff des Konsulats halten, bis das Luftschiff Herz von Kiran mit Treibstoff befüllt werden kann.

Der Taktiktisch der Himmelsfürst war ein beindruckendes Schaustück brillanter Ingenieurskunst, meisterhaft gefertigter Verzierungen und der schier unerschöpflichen Geldmittel des Konsulats. Er zeigte in überdeutlicher Klarheit, wie wenig vielsprechend der Kampf zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung verlief.

Auf dem Tisch vor Dovin Baan glitten mechanische Figuren über Straßen, die je nach ihrem Viertel passend eingefärbt waren – hier das Grün von Kujar, dort das Blau von Bomat. Filigrane Puppen in Gestalt von fünf Mechakolossen surrten, machten vorsichtige Schritte und umzingelten auf umständlichen Wegen jene zierliche Spitze, die den Ätherknoten darstellte. Die steilen Strahlen der Morgensonne fielen durch die Bullaugen und warfen tiefe Schatten zwischen die kniehohen Gebäude aus Messing und Blech.

An der Decke hing eine etwa armlange Replik des Kreuzers Himmelsfürst von Beschlägen am Ende einer Ansammlung von Kabeln, Seilzügen und Servos. Aus Reihe um Reihe winziger Bullaugen drang die simulierte Innenbeleuchtung.

Auf einer roten Ecke des Bronzeviertels schaltete eine weitere Figur ihr Licht aus und verschwand in der Karte. Eine dunkle Markierung, deren Form einer Stecknadel glich, glitt die Straße entlang, um den Platz der Figur einzunehmen. Ganz am Rande seiner Wahrnehmung lauschte Baan dem Bericht, der ihm von dem Techniker zu seiner Linken zugeflüstert wurde: „Die Automaten der Verstärkungseinheit 6-3 haben ihren Äther verbraucht. Die Piloten haben die Kanonenläufe unbrauchbar gemacht und ziehen sich zurück.“

Auf der anderen Seite des Kommandodecks war der Oberste Preisrichter Tezzeret – inzwischen vom Konsulat für die Dauer der derzeitigen Krise zum Sondergroßkonsul ernannt – viel zu sehr damit beschäftigt, eine Ordonnanz anzuschreien, um auch nur einen Gedanken an diesen jüngsten Rückschlag verschwenden zu können.

Der Große Konsul schien jeden Tag mehr Zeit damit zu verbringen, in großer Lautstärke auf kurze Entfernung zu kommunizieren. Bedauerlicherweise ließ sich die Wirkung seiner Ausbrüche, die – wie Baan bemerkt hatte – nicht häufiger als einmal in der Stunde vorkamen, nicht bestreiten. Seit dem Ausbruch der Krise arbeitete der Kommandostab über seinem üblichen Effizienzniveau. Jedes seiner Mitglieder glich einer straff gespannten Feder und sie alle bemerkten systemische und situative Fehler bewundernswert schnell und machten sich dann schleunigst auf, diese Angelegenheiten zu bereinigen, noch ehe sie dem Großen Konsul selbst auffielen.

Die Ordonnanz, eine stämmige Zwergin, die einen Arm voll handgeschriebener Berichte trug, blinzelte, als ein Speicheltropfen ihre Wange streifte. „Die Patrouille hat keinen Äther mehr“, wiederholte sie. „Die Renegaten im Knoten haben die Versorgung gekappt und zu irgendeinem Projekt umgeleitet –“

„Der Himmel steh mir bei!“, knurrte Tezzeret. „Wenn ich von dir noch eine weitere Ausrede höre. Nur. Eine. Dann werde ich höchstpersönlich deinen Kopf durch die –“

Baan trat mit scharf auf den Stahlplatten des Decks klackenden Absätzen vor. Dass der Große Konsul das Leben einer Botin bedrohte, als wäre sie irgendeine dahergelaufene Verbrecherin statt einer Staatsdienerin, würde unausweichlich die moralische Autorität des Konsulats bei allen anderen untergraben. Nicht die gesetzlich vorgeschriebene Autorität natürlich, doch das eine wurde oft mit dem anderen verwechselt.

„Das ist der potenzielle Nachteil einer zentralisierten Ätherversorgung.“ Baan bemühte sich, seine Stimmer so neutral wie möglich klingen zu lassen – flach, unbesorgt, vollkommen grau. So kühl und gesichtslos wie die Nebel, die tief unter ihnen vom Vinday aufstiegen.

Tezzeret wandte sich von der Ordonnanz ab und marschierte um den Taktiktisch herum. Der Kommandostab wich ihm aus und hantierte geschäftig mit Reglern und kinetischen Messgeräten.

„Uns wurde zugesichert, dass die Einrichtung ausreichend gut bewacht wird“, fuhr Baan fort. „Konsul Kambal gab an, eine Besetzung durch regierungsfeindliche Elemente sei – ich zitiere – ‚so gut wie ausgeschlos–‘“

Tezzeret funkelte Baan an. Die Haut um seine Lippen zog sich straff, vorzeitig ergrautes Haar ergoss sich ihm über die Schultern und die dunkelroten Tätowierungen auf der Stirn kräuselten sich. Baan hatte die Bedeutung dieser Zeichen noch nicht herausfinden können, obgleich er viele untätige Momente in der letzten Woche mit dem Nachsinnen darüber verbracht hatte. Sie entstammten keiner Tätowierungstradition, die auf Kaladesh bekannt war, und es war unwahrscheinlich, dass Tezzeret sie selbst entworfen hatte. Zwar waren die Kenntnisse in der Ingenieurskunst des Großen Konsuls stets beeindruckend, doch Ästhetik war kaum etwas, womit er sich aufhielt.

Es erschien wie ein Wunder, dass niemand im Kommandostab – oder tatsächlich auch keiner der Konsuln – Tezzerets Herkunft infrage stellte. Tätowierungen unbekannten Ursprungs, die physikalisch unmögliche Belastbarkeit und Leitfähigkeit jenes Metalls, aus dem seine Armprothese bestand, seine bisweilen eigentümliche Aussprache. Diese fraglose Akzeptanz würde zweifellos enden, sobald erst die Kunde von Rashmis Durchbruch öffentlich bekannt wurde. Die Möglichkeiten, die ihr Gerät aufzeigte, würden mit Sicherheit das Vorstellungsvermögen der gesamten Bevölkerung in neue Höhen schrauben. Ganze Bibliotheken voller spekulativer Literatur würden verfasst werden.

„Ich sollte dir die Zunge herausreißen“, herrschte Tezzeret ihn an.

Baan hob langsam eine Augenbraue und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Er ließ seine Stimme höflich-neugierig klingen. „Ist das so?“

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Die Nasenlöcher des Großen Konsuls blähten sich, während er Obszönitäten ausstieß. Bösartig und dies vielleicht sogar in schockierender Weise, aber bar jeglicher kreativen Vorstellungskraft. Nicht, dass es ein lohnenswertes Unterfangen gewesen wäre, hier nähere Unterscheidungen zu treffen, nahm Baan an. Hinter Tezzerets Schulter zuckte ein Mitglied der Brückenmannschaft zusammen und zog den Kopf tiefer zwischen die Schultern.

Als der Große Konsul endlich verstummte, wandte Baan ihm wieder seine Aufmerksamkeit zu. Leise, damit niemand außer ihnen beiden es hören konnte, sagte er: „Ich nehme die Effizient Ihrer Strafpredigten zur Kenntnis, wenn es darum geht, die Mannschaft wach- und folgsam zu halten. Ich hingegen zeige mich eher ... unbeeindruckt.“

Der Zorn verschwand so schnell aus Tezzerets Gesicht, als wäre er nie da gewesen. Seine Augen, kalt und berechnend, verengten sich zu gleißenden Diamantsplittern. Eben noch war Baan der Große Konsul nicht gefährlich erschienen. Nun jedoch war da ein Glimmen in seinen Augen, das den Wunsch ausdrückte, etwas so lange zu verbiegen, bis es knirschte und knackte und sich wand ... um es dann an genau diesem Punkt zu halten, nur um zu sehen, was es wohl tun würde.

Einer seiner Mundwinkel zog sich nach oben, obwohl Baan sich nicht vorstellen konnte, was der Mann gerade derart komisch fand. „Der Ätherknoten muss unter unserer Kontrolle stehen“, sagte der Große Konsul mit seiner gewohnten Sprechstimme. „Wir bezahlen dich, um Schwachstellen zu finden. Mach deine Arbeit. Finde eine Möglichkeit. Setz sie in die Tat um.“

Baan atmete langsam ein. Es war zehn Stunden her, seit er einen Plan ersonnen hatte, doch er war außerstande gewesen, jemanden von Bedeutung dazu zu bringen, ihn sich anzuhören. „Wenn ich dürfte?“, sagte er und gestikulierte in Richtung des Taktiktischs. Der Große Konsul nickte barsch.

Baan trat an den Tisch und hantierte mit der Steuerung. Ein Großteil der mechanischen Stadt verschwand im Tisch, bis nur noch die Gebiete um den Ätherknoten herum zu sehen waren. Die Barrikaden der Renegaten, durch Stecknadeln mit dunklen Köpfen markiert, bildeten eine störende, unregelmäßige Ausbuchtung über den sanft geschwungenen Straßen, Gleisen, Kanälen und Ätherröhren der Stadt. Am Knoten selbst befanden sich eine kleine Ansammlung von Nadeln sowie sechs mechanische Figuren aus glänzendem Messing, von denen jede mit einem farbigen Banner gekennzeichnet war.

Baan deutete auf die Aufstellung der Renegaten um den Knoten herum. „Sie haben einen Großteil ihrer Kräfte am Knoten positioniert. Ein direkter Angriff wäre ... verheerend. Die Erste Renegatin befehligt die Verteidigungsstellungen persönlich.“

Die ausgestreckten Metallklauen des Großen Konsuls schlossen sich klickend zu einer groben Annäherung an eine Faust. „Pia Nalaar.“

„Ja“, bestätigte Baan. Pia Nalaar, Partnerin von Kiran, Mutter von Chandra. Alle drei waren vor zwölf Jahren und sieben Monaten für tot erklärt worden. Es hatte ihn beunruhigt, zwei der drei lebend anzutreffen. Also hatte er sich in die Archive begeben. Doch dort fand er nur die Sterbeurkunden, genau so, wie er sich an sie erinnerte. Ort des Todes: Bunarat. Todesursache: Brandstiftung. Bezeugt durch: Hauptmann Dhiren Baral.

Baan betätigte die Steuereinheit und ein Lichtkegel fiel auf einen Punkt in den Stellungen der Renegaten: jenes schmale Nadelöhr, das den Ätherknoten mit den von ihnen kontrollierten Stadtteilen verband. „Ihr Fokus auf die Verteidigung des Knotens macht den Korridor zu ihren Kameraden recht schutzlos. Ausreichender Druck von beiden Seiten sollte es uns erlauben, den Knoten einzukesseln.“

Tezzeret ragte drohend auf ungleichen Fäusten über dem Tisch auf und funkelte die schwarzen Nadeln an, die die Verteidigung der Renegaten darstellten. „Keine Belagerung, Baan. Mit jeder Minute geht mehr Automaten und Fahrzeugen der Äther aus. Allein die Mechakolosse funktionstüchtig zu halten –“

„Ich sage voraus, dass sie ihre Verteidigung um den Knoten abziehen werden, um diesen Korridor offen zu halten. Der Architekt ihrer Verteidigungsstrategie neigt zu einer gewissen ... zweidimensionalen Denkweise. Ich halte es für wahrscheinlich, dass es sich dabei um den ... um unseren Gast Herrn Jura handelt.“ Tezzeret hob ob dieser Heuchelei eine Braue und spähte zum Kommandostab. Falls irgendjemand Baans Betonung auf dieses Wort bemerkt hatte, so blickte er nicht auf.

„Meinen Nachforschungen zufolge war er ein Befehlshaber in der Infanterie. Man darf bezweifeln, dass er über Erfahrung mit gegnerischen Luftstreitkräften verfügt.“ Er drehte an einem Knopf und eine Reihe schwarzer Nadeln an Straßenkreuzungen fuhr ein Stückchen höher aus der Tischplatte heraus. „Das hier sind bemannte Barrikaden aus wuchernden Pflanzen. Diese wurden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von ihrer elfischen Komplizin Nissa erschaffen.“

Baans lange Finger betätigten die Kontrollen wie ein Konzertsitarist, als er Legionen in Bewegung setzte. „Ihre Verteidigung erstreckt sich weitestgehend entlang dieses äußeren Perimeters – mit einer Reserve im Knoten. Unser Zangenangriff“, die tickenden Figürchen schoben die schwarzen Nadeln an der Engstelle der Position der Renegaten ein Stück nach hinten, „wird diese Reserve herauslocken.“ Die Nadeln, die um den Knoten versammelt waren, glitten davon, um ihre im Rückzug befindlichen Kameraden zu verstärken. „Und nun ...“

Ein Schwarm Miniaturthopter erwachte am Heck der Himmelsfürst schwirrend zum Leben. Sie eierten über den Tisch, um sachte oben auf dem Modell des Ätherknotens aufzusetzen.

Baan nickte und trat von den Reglern und Kontrollhebeln zurück. „Transporter voller Inspektoren. Ich bin einigermaßen zuversichtlich, dass ein Luftangriff hinter Herrn Juras Position ihn unvorbereitet treffen wird. Wir landen auf den oberen Decks und arbeiten uns nach unten vor. Sollten nicht-lethale Ladungen Glimmerbiss und Ätherimpulse die Verteidiger nicht außer Gefecht setzen, so werden Sprengsätze am effektivsten sein. Wenige Renegaten tragen eine vollständige Panzerung, und es besteht kaum die Gefahr, dass Schrapnelle den Knoten selbst beschädigen.“

Tezzeret wandte sich ihm zu, den Kopf leicht schräg und einen abschätzenden Blick in den Augen. „Baan, du überraschst mich. Welch ein ungewöhnlich blutrünstiger Vorschlag. Für deine Verhältnisse.“

„Dieser Vorschlag ist vom richtigen Zeitpunkt seiner Umsetzung und einer großen Beharrlichkeit dabei abhängig“, erwiderte er kühl. „Falls die Renegaten sich weigern, sich zurückzuziehen oder sich zu ergeben, müssen sie beiseite gefegt werden, ehe sie das Feuer auf unsere Inspektoren eröffnen können. Todesfälle sind an dieser Stelle schlicht unvermeidbar. Es ist besser, wenn es sich dabei um militante Renegaten als um unsere eigenen Leute handelt.“

Der Große Konsul lächelte zustimmend. „Kannst du mir versichern, dass das funktioniert?“

Baan runzelte die Stirn. „Natürlich nicht. Ich kann nur Vorhersagen auf der Grundlage meines gegenwärtigen Wissensstandes treffen. Ich rechne mit einer Erfolgsaussicht von 85 %.“

Tezzeret trommelte mit seinen fleischlichen Fingern gegen die Tischkante und stieß sich dann von ihr ab. Er warf einen gleichgültigen Blick auf das Modell des Ätherknotens und die Messingfiguren mit ihren farbigen Fähnchen. „Wie steht es mit deinen Gästen, Baan? Sie verkomplizieren die Dinge.“

„Ich würde schätzen, dass jeder von ihnen etwa zwölf bis dreißig Inspektoren entspricht – abhängig von ihren jeweiligen Fähigkeiten und ihrer Ausbildung. Glücklicherweise hatte ich die Gelegenheit, ihre Schwächen ausloten zu können. Am kritischsten ist ihre Uneinigkeit über die Führung. Gideon und Jace halten sich gleichermaßen für den alleinigen Anführer. Weiterhin hat Herr Beleren –“

„Ich kenne seine Schwächen.“ Tezzeret zeigte für einen kurzen Moment die Zähne, so humorlos wie eine Kobra, die mit der Zunge den Wind schmeckte.

„Keiner der beiden Männer traut Liliana. Sie wiederum hält wenig von Gideon. Ihre Beziehung zu Jace ist etwas schwieriger zu begreifen – eine sonderbare Mischung aus Beschützerinstinkt und Abscheu. Ich vermute, sie könnte es selbst nicht erklären, würde man sie danach fragen.

Abgesehen von der Führung ist die größte Schwäche der Gruppe die Tochter der Ersten Renegatin. Sie lässt sich leicht zu unüberlegtem Handeln hinreißen, wodurch die anderen sie übermäßig zu schützen versuchen. Besonders Gideon und Nissa.“

Der Große Konsul griff nach einem Sprachrohr, das über ihm hing. „Verbindungsoffizier Baral aufs Kommandodeck. Sofort“, brüllte er in das Rohr. Baan hörte die Worte durch die Gänge des Schiffs hallen.

„Dein Plan ist akzeptabel.“ Tezzeret betrachtete seinen künstlichen Arm und fuhr einmal der Länge nach mit dem Finger darüber. Unter seiner Berührung zerfloss das fremdartige Metall wie Wasser. „Ich werde ihn ein wenig verbessern. Die Nalaars haben noch andere Schwächen.“

„Ich bin neugierig“, setzte Baan an. „Was bedeuten die Tätowierungen auf Ihrer Stirn?“

Tezzeret schaute auf, um ihn von oben bis unten zu mustern und wohl zu versuchen, seine perfekt neutrale Haltung zu deuten. „Sie sollen mich an eine Schuld erinnern.“ Einer seiner Mundwinkel zuckte freudlos nach oben. „Ich frage mich da etwas, Baan: Welche Schwächen erkennst du, wenn du mich ansiehst?“

Baan dachte kurz darüber nach. „Ich fände es in dieser Angelegenheit klüger, meine Schlussfolgerungen für mich zu behalten.“

Der Große Konsul bellte ein kurzes, scharfes Lachen. „Du bist recht gescheit.“

Baan vermutete, für Tezzerets Verhältnisse war dies eine Art Kompliment.

Baral schepperte in voller Kampfmontur über das Kommandodeck, den Helm unter den Arm geklemmt. Er blieb vor den beiden stehen und salutierte zackig. „Baral. Wie befohlen.“ Nach einem Augenblick fügte er hinzu: „Großer Konsul.“

„Du hast schon mit den Nalaars zu tun gehabt“, sagte Tezzeret.

Ein gequältes Grinsen breitete sich auf Barals Gesicht aus und verwandelte seine vernarbte Wange in ein Ödland aus Schluchten und Kratern. „Das habe ich.“

„Sie gaben damals zu Protokoll, die gesamte Familie wäre verstorben“, sagte Baan.

Die Augen des Chefinspektors verengten sich. Er warf einen Blick zu Tezzeret, der überraschenderweise und ganz entgegen seines sonstigen Charakters schwieg. Schließlich knurrte Baral: „Das Feuer, das das Mädchen gelegt hatte. Es hat die Sache ... unübersichtlich gemacht. Wir haben die Mutter erst später unter den Überlebenden entdeckt.“

„Ach wirklich?“, sagte Baan ausdruckslos. „Es bereitet mir Sorge, dass dies in den Protokollen nicht erwähnt wird.“

„Papierkram ist Ihre Sache, Minister“, grollte Baral. „Ich verdiene mein Geld mit arbeiten. Würden Sie einen Tag auf den Straßen verbringen –“

„Baral“, unterbrach Tezzeret. „Ich möchte, dass du sie ablenkst.“

Der Blick des Chefinspektors wanderte zwischen den beiden hin und her, während offenkundige Verwirrung ihm die Lippen krümmte. „Großer Konsul?“

„Ärgere die Nalaars. Locke sie vom Ätherknoten weg. Sie und so viele ihrer Freunde wie nur möglich.“

Baral schnaubte amüsiert durch seine entstellte Nase. „Nichts leichter als das. Und dann?“

Tezzeret winkte ab. „Was auch immer du willst.“

Der Chefinspektor hob seine verbleibende Augenbraue. „Was auch immer, ja?“

Der Große Konsul ließ seine Metallklauen aneinanderklicken. „Verräter am Konsulat, Baral. Magier mit einer gewalttätigen Vergangenheit. Wenn sie sich nicht ergeben wollen ...“ Er hob mit gleichgültiger Miene seine Hand aus Fleisch, die Finger flach ausgestreckt.

Baral straffte sich und zwischen seinen Lippen blitzte ein Eckzahn auf. Baan vermochte sich nicht zu entscheiden, ob es ein Lächeln oder Hohn war. „Sicher. Man kann ja gefährliche Magier nicht einfach so frei herumlaufen lassen.“ Er wandte sich zum Gehen.

„Nimm deine Schwadron mit“, sagte Tezzeret. „Und Minister Baan.“

Baral knurrte und setzte sich den Helm so beherzt auf, dass dessen Rand ihm auf die Schulterplatten knallte. „Hangar Sieben, Minister“, kam es hohl darunter hervor. „Wir starten in zehn Minuten.“ Dann stapfte er unter dem lauten Knallen seiner metallbeschlagenen Stiefel auf dem Deck davon.

Baan wandte sich zum Großen Konsul um. „Erklären Sie mir das.“

„Baral ist ein Bluthund“, sagte Tezzeret und blickte zum Tisch zurück. „Du bist seine Leine. Lass ihn beißen, nicht Fangen spielen.“

So weit logisch. Baan verlagerte sein Gewicht auf sein anderes Bein. „Was ist mit meinem Plan?“

„Ich werde seine Ausführung überwachen. Mach dir keine Sorgen“, sagte Tezzeret unheilvoll. „Ich überlasse dir den Ruhm. Erfolg oder Niederlage.“ Der Große Konsul beugte sich über die Modelle auf dem Tisch. Seine Klauen kratzten feine Linien in das polierte Messing.
__________

Mutter ist oben, schätze ich.

Dort sind auch die ganzen anderen wichtigen Leute. Gonti und Kari und Saheeli und vermutlich noch ein paar andere, deren Namen nicht auf -i enden. Sie ist im Moment ganz in ihrer Rolle als Erste Renegatin aufgegangen. Also ist sie gerade nicht meine Mutter. Sie ist eine Ingenieurin, die ein Problem löst. Alle dort oben in der Spitze des Ätherknotens versuchen, herauszufinden, wie sie dem Konsulat in den Hintern treten können.

Ich gähne, denn ich habe schon wieder nicht genug geschlafen. Jede Nacht seit der Machtübernahme träume ich nur von Flammen und Schreien – Albträume, wie ich sie sonst nur im Keralberg-Kloster hatte.

Ich blicke hinaus auf Ghirapur und versuche, die verschwommenen Orte in meinem Kopf den scharf umrissenen vor mir zuzuordnen. Ich bin daheim, aber jemand hat sämtliche Möbel umgestellt.

Ich habe den Wasserturm nicht finden können, auf den ich immer geklettert bin. Ich erinnere mich, dass er das größte Gebäude weit und breit war. Von dort oben haben wir uns die Luftschiffrennen angeschaut – ich und meine Freunde. Die langweiligen offiziellen zur Mittagszeit oder die, die die älteren Kinder des Nachts austrugen, bei denen sie unter schrillem Getöse durch die Straßen rasten, bis die Verkehrswacht des Konsulats auftauchte. Manchmal fegten sie auch über meinen Turm hinweg oder darum herum, und ich musste mich festhalten, als heißer Blitzgeruch an mir vorbeisauste.

Alles ist größer. Die weißen Steinwände und die flachen Dächer, über die ich gerannt bin, sind unter Messing und Türkis und Schnörkeln verschwunden, die in der Mittagssonne schimmern und glitzern.

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Der Wind riecht nach einer Fantastillion verschiedener Gerichte und nach Staub und Metall und nach Äther. Auf der anderen Straßenseite, hinter den Barrikaden, plärren die Panharmonika des Konsulats noch immer den „Hochzeitsmarsch der Gremlins“ in doppeltem Tempo als Endlosschleife. Sie haben sie die ganze Nacht durchlaufen lassen, und nachdem der Mond untergegangen war, hatte Nissa zu weinen angefangen und sich die Hände über die Ohren gepresst.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte helfen, aber meine Hände gehorchten mir nicht richtig. Sie flatterten einfach nur um sie herum wie Pfauenfedern und bestimmt habe ich wieder etwas Dummes gesagt.

Jace setzte sich zu ihr. Sie sprachen einen Moment und seine Augen blitzten auf. Sie rollte sich in einer riesigen Zimmerpflanze zusammen und wachte erst auf, als die Sonne auf sie fiel.

Ich vermisse Mutter.

Ich hatte sie schon so lange vermisst, aber ich war darüber hinweggekommen. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, völlig am Boden zerstört durch die Gegend zu laufen. Das ist schon irgendwie komisch, da ja wahrscheinlich jeder glaubt, ich wäre schon die ganze Zeit über völlig kaputt, aber für so ungefähr zwei Jahre konnte ich nicht einmal richtig atmen.

Jetzt ist sie wieder da. Irgendwo über mir, nur ein kleines Stück entfernt. Sie ist so beschäftigt mit diesem Krieg ... Ich sehe – höre – sie nur, wenn sie mich zudeckt. Wahrscheinlich glaubt sie, dass ich schlafe, weil es so spät ist, wenn sie mit ihren ganzen Besprechungen fertig ist, aber ich bin immer wach, drehe mein Gesicht im Kissen weg, halte den Atem an und warte darauf, dass sich sich auf die Kante der Liege setzt.

Doch das tut sie nie, und ich kann nicht mehr darüber hinweg sein.

Ich will, dass sie mich so umarmt wie in der Arena. Nur zehn Minuten über irgendwas redet, was nichts mit dem Konsulat zu tun hat, mir ihre Hände auf die viel zu bleichen Wangen legt und mich tadelt, weil ich einen Sonnenbrand bekomme und sie nicht. Ich möchte verschüttetes Öl und Brandlöcher vom Strom auf ihrem Mantel riechen. Ich möchte, dass sie mir die Haare flicht, wie sie es immer getan hat, bevor ich in dem Sommer, in dem es so heiß gewesen war, meinen Kopf mit der Heckenschere bearbeitet hatte. Ich kam aus dem Gebälk geklettert und drehte mich ganz stolz und genoss den Wind auf meinem Nacken und sie fing zu weinen an. Dann holte sie Nani Jalbalas alte Schere und schnitt es gerade und sagte mir, ich würde toll aussehen. Ganz erwachsen.

Ich will ihr erzählen, wie es mir so ergangen ist und was ich aus mir gemacht habe, weil sie nur die Chandra kennt, die immer alles vermasselt.

Das letzte Mal, als sie mich sah, habe ich etwas vermasselt. Ich habe das Konsulat zu uns geführt.

Meinetwegen ist Vater tot.

Ist es das? Gibt sie mir die Schuld? Redet sie deshalb nicht mit mir? An ihrer Stelle würde ich es genauso machen. Ich gebe mir ja auch die Schuld.

Das war es, was das Reinigende Feuer mir gezeigt hat, damals auf Regatha. Als ich zuletzt Albträume hatte. Ich dachte: Ich bin verantwortlich, ich habe es getan, ich habe einen Fehler gemacht und jetzt sind alle tot. Vater. Die Leute aus dem Dorf. Mutter. Deshalb brennt die Kälte nicht mehr. Deshalb hat die Flamme geflüstert: „Dir kann vergeben werden.“ Aber ich habe mir nie vergeben.

Es war sowieso nur ein blödes Feuer. Man konnte nicht mal Nüsse darauf rösten.

Das Deck hinter mir knarzt. Schritte. Ich wische mir über die Augen, denn was, wenn es jemand ist, den ich nicht kenne? Oder schlimmer noch: jemand, den ich kenne.

Was, wenn es Nissa ist?

Ich denke nicht viel an das, was ich auf Ravnica getan habe. Jedes Mal, wenn ich es tue, möchte ich mich zusammenrollen und mir eine Decke über den Kopf ziehen. Sie war immer bloß nett zu mir und ich – Es ist nur so, dass du mich die ganze Zeit über so angestarrt hast. Ich konnte sehen, wie ein kleiner Teil von ihr da gestorben ist.

Meine Wangen und mein Haar entzünden sich. Ich schlage die Flammen aus. Die Schritte nähern sich. Langsamer.

Dann kamen wir hierher, nach Kaladesh, und alles, was ich gemacht habe, war, sie wegen meiner Mutter anzuschreien. Ich habe kein Stück an sie gedacht. Warum ist sie überhaupt gekommen, nachdem ich dafür gesorgt habe, dass sie sich so schlimm –

O Mist. Ich habe sie umarmt, als wir nach Mutter gesucht haben. Zweimal. Ohne darüber nachzudenken, denn wann mache ich das schon? Obwohl ich doch weiß, wie sehr sie zusammenzuckt, wenn jemand sie auch nur im Vorbeigehen streift. Sie muss in Gedanken bestimmt an die Decke gegangen sein. Ich bin so ein –

„Chandra?“ Eine laute, tiefe Stimme, zögernd.

Oh. „He, Gids.“

Er lehnt sich auf das Geländer, nur ein paar Schritte entfernt, auf seine großen, muskulösen Oberarme. In dieser lockeren Haltung sind seine Augen auf einer Höhe mit meinen. „Wie geht es dir?“

Ich schaue auf die Straßen hinaus. Abgesehen von den Panharmonika ist alles still und leer. Hunderttausend Menschen verstecken sich in ihren Häusern und warten, dass der Monsun losbricht. Heißer Wind weht mir die Haare aus der Stirn. „Mir geht‘s gut.“

Ein kleiner Atemzug entfährt ihm, halb Lachen, halb Seufzen. „Chandra, es ... Es geht mich nichts an. Das weiß ich. Es tut mir leid. Du hast viel durchgemacht. Heimzukommen. Zu erfahren, dass deine Mutter am Leben ist ... Das ist etwas Gutes, aber trotzdem etwas, woran man sich erst einmal gewöhnen muss. Dann der Mann, der ... Der Mann, der versucht hat, dich zu ermorden. Und nun tobt ein Bürgerkrieg in deiner Heimat. Das ist mehr, als irgendjemand in zwei Monaten zu verarbeiten haben sollte.“

„Was willst du mir denn damit sagen? Dass ich nicht ganz zurechnungsfähig bin? Ist es das?“ Zittern meine Hände? Meine Hände zittern. Hört verdammt noch mal damit auf.

Ich spüre den Blick des großen, mitfühlenden Gideons auf meinen Schultern. Seine Stimme wird noch leiser. Über das rasend schnelle Zwischenspiel des „Hochzeitsmarschs der Gremlins“ murmelt er: „Ich will damit sagen, dass du ... Dinge sehr tief empfindest. Das ist etwas, was ich ... Etwas, was toll an dir ist. Wenn du jemanden zum Reden brauchst oder nur mal Dampf ablassen möchtest ... dann bin ich da, ja? Wann auch immer.“

Er ist so verdammt aufrichtig. Das mochte ich an ihm, als wir uns kennenglernt haben. Nachdem ich nicht mehr böse auf ihn war. Eine sehr aufrichtige, alle herumkommandierende, immerzu predigende, nachsichtige, nervige, entzückende Spaßbremse. Mit Muskeln an allen möglichen interessanten Stellen. Und Augen mit einer Million Farben, wie eine Landschaft von ... irgendeinem Maler, der richtig gut Landschaften malen kann. Und Bauchmuskeln, auf denen man Käse reiben könnte, und auf keinen Fall habe ich mir sechs Monate lang vorgestellt, mit den Händen darüberzustreichen. Zumindest nicht mit seinem Wissen.

Es fühlt sich an, als wäre das eine Ewigkeit her. War ich da wirklich erst neunzehn? Also ein Kind? Ich frage mich, wie alt er war. Oder ist. Beides wäre in Ordnung. Ich kann rechnen. Meine Mutter ist Ingenieurin.

Ich gähne erneut, so sehr, dass mir Tränen in die Augen schießen. Ich weiß nicht, warum ich ihn frage: „Gideon, weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?“ und durch meine Haare hindurch schräg ansehe.

Er schaut rasch auf und öffnet den Mund, doch dann hält er inne und schüttelt den Kopf. „Sehr gut sogar.“

„Ich habe kürzlich daran denken müssen.“

Er schaut auf die Straßen hinaus. „Warum denn?“

„Ich träume wieder.“ Ich wende den Blick ab, in den Wind hinein, und er brennt mir in den Augen.

Er atmet ein und versucht, es ganz beiläufig klingen zu lassen. „Ich verstehe.“ Er hängt komisch über dem Geländer und kratzt sich den Bart. „So wie der Traum, den du schon mal hattest –?“

„Auf Diraden. Ja.“ Diraden, wo die Nächte ewig dauerten und wir in einem Dorf voller Arschgeigen gemeinsam in einem durchhängenden Feldbett hatten schlafen müssen, das nach Schimmel gerochen hatte. Ich war schweißgebadet und keuchend aufgewacht und hatte die Zähne zusammengebissen, damit ich nicht aufschrie, weil ich schon wieder träumte, wie Bunarat brannte. Und seine großen Arme hatten sich um mich geschlossen und mich in dieser furchtbaren Gegenwart anstelle dieser Vergangenheit aus einem Albtraum festgehalten, und er hatte nicht wieder losgelassen, bis mein Zittern vorbei war.

„Es tut mir leid“, sagt er leise auf dem Deck und wird rot. „Das hätte ich nicht tun sollen. Nicht ohne zu fragen. Ich bin aufgewacht und du hast so ... gelitten.“

„Ja, das habe ich.“ Ich knuffe seinen Arm, aber ich lege mich dabei nicht voll ins Zeug. Es ist mehr so ein Stups. Aber immerhin auch nicht bloß ein sachtes Antippen. „Wenn ich nicht einverstanden gewesen wäre, dann kannst du mir aber so was von glauben, dass ich dir das gesagt hätte. Und anschließend hätte ich dich angezündet.“

„Ich habe mich schon gefragt, warum du in letzter Zeit so müde wirkst.“ Er knibbelt ein bisschen abblätternde Farbe vom Geländer. Eine Flocke löst sich und wird vom Wind davongeweht. „Damals hast du mir erzählt, dass du von einem Ort stammst, auf dem Magie – insbesondere Feuermagie – verboten wäre. Dass deine Familie versucht hat, sie zu verbergen. Dass du dafür verantwortlich warst, dass ein Dorf niedergebrannt ist, und für den Tod deiner Eltern.“ Er sucht nach Worten. „Du hast den ... Schatten einer Wahrheit gestanden.“

Mein Bewusstsein bringt alte Gedanken zurück, vernebelt und voller Löcher. Eine dunkle Zelle, von schimmerndem Mondlicht auf Wasser erhellt und von Zaubern, die mich am Wirken meiner eigenen Magie hindern sollten. Du stellst dich den Dingen, die du getan hast, sagte er, und akzeptierst die Last der Verantwortung für deine Taten. Ohne Lügen oder Ausreden. Was hast du getan, dass du diese Geister mit dir herumtragen musst?

Nur einen Augenblick lang bin ich wieder in dieser Zelle. Mir ist übel und ich schäme mich so. Ich frage mich, ob es einen Eimer gibt, in den ich mich übergeben kann, und wenn nicht, wohin ich mich am besten abwende, um seine Schuhe nicht zu treffen.

„Ich kannte dich nicht, Gids. Nicht gut genug. Damals noch nicht. Alles, was ich gesagt habe, war wahr ... Es war nur nicht die ganze Wahrheit. Die wichtigsten Teile habe ich dir erzählt. Das Feuer. Die Schreie und die ... Gerüche und wie es sich angefühlt hat. Dass es alles meine Schuld war. W-wie sie meinetwegen alle sterben mussten.“ Ich räuspere mich, um das Brechen meiner Stimme zu verbergen, das er wahrscheinlich sowieso gehört hat, aber nie etwas sagen würde, weil Gideon einfach so ist. Ich wische mir mit zitternder Hand über die Nase, schniefe und putze alles an meinem Schal ab.

Er seufzt und schiebt seine Hand neben meine auf dem Geländer. Wir berühren uns noch nicht ganz. Es ist nur ein ... Angebot. Ein Teil von mir will es annehmen und sich daran festhalten. „Nun“, sagt er. „Das, was du zugegeben hast, muss wohl ausgereicht haben. Das Reinigende Feuer wollte, dass du deine Verantwortung akzeptierst. Und nicht bis ins Letzte alles beichtest.“ Er macht eine Pause. „Zumindest wurde mir das so gesagt. Ich bin nicht so hindurchgeschritten wie du.“

Ich lächele und greife nach oben, um ihm das Haar zu wuscheln. Ich muss mich dafür auf die Zehenspitzen stellen, und das ist in gepanzerten Stiefeln gar nicht so leicht. „Ein braver Kerl wie du hätte sich darüber keine Sorgen machen müssen.“

Seine Arme spannen sich an. „Ich wünschte, das wäre wahr.“ Er schaut mich an und dreht dann seinen Kopf zur Seite wie ein scheues Hündchen. „Ich bin für Dinge verantwortlich, die ich nicht wiedergutmachen kann.“

Meine Hand wandert langsam unter meine Nase, und ich tue so, als wollte ich mir ein Niesen wegreiben. Meine Finger riechen nach seinem Haar. Wie Kräuter, die hier nicht wachsen. Riecht so der Wind auf Theros?

„Ich habe ein Museum in die Luft gejagt“, platzt es aus mir heraus. WAS?

Er blickt mich mit großen Augen an. „Was?“

Zieh es durch, Chandra. „Nicht mit Absicht! Als wir uns kennenlernten. Auf Kephalai. Weißt du nicht mehr? Das Heiligtum der Sterne. Ich hatte versucht, die Drachenschriftrolle zu stehlen? Deswegen hast du mich verhaftet. Das Gefängnis. Die Schlangenkopfkerle. Diese Nummer?“

Er zuckt zusammen.

Warte, halt, falsche Richtung, hau den Rückwärtsgang rein, argh! „Du hattest recht. Als du meintest, ich würde Unschuldigen Leid zufügen. Ich ... Ich weiß nicht, ob das für die Wachen gilt. Ich traue Wachen nicht. Nicht mehr. Vielleicht habe ich es nie getan. Aber das Heiligtum war voller Leute, und –“

Als die Wände einstürzten, dachte ich an die ganzen Menschen, die ich dort drinnen gesehen hatte. Die Großmütter, die auf eine Vitrine deuteten und meinten, wie sie sich an damals erinnerten und dass es da eine lustige Geschichte gäbe – genau so, wie Frau Pashiri es sagen würde –, und die Kinder verdrehten die Augen, wippten unruhig auf ihren ausgetretenen Schuhen hin und her und suchten nach einem Ort, zu dem sie rennen konnten, irgendwohin, wo es nicht staubig und vergilbt, sondern voller Licht und unvorstellbarer Dinge war. Die Steine prasselten auf sie alle herab. Meine Schuld. Keine Absicht, aber meine Schuld. Noch ein Fehler, bei dem ich alles vermasselt hatte.

Ich glaube, ich habe zu lange nichts gesagt, denn er macht einen Schritt auf mich zu. „Chandra.“ Diesmal legt er seine Hand auf meine. Sie ist warm und trocken und voller Schwielen. „Du hast das nicht gewollt.“

„Aber ich habe es getan, Gids. Weißt du, wenn ich in der Wanne sitze, kommt diese Erinnerung manchmal einfach so wie aus dem Nichts hoch. Ich fahre zusammen und sage: ‚Dumm!‘. So richtig laut. Und dann lasse ich mich unter das Wasser sinken. Und von da dann wird das Bad meist zu einem Dampfbad ...“ Wann habe ich überhaupt das letzte Mal gebadet? Nach den letzten paar Wochen muss ich riechen wie ein Goblin-Schmied. „Ausgerechnet du müsstest doch wissen –“

„Ich weiß.“ Er zieht die Hand weg und fährt sich durchs Haar, um wieder glatt zu streichen, was ich in Unordnung gebracht habe. Ich will es gleich noch mal zerstrubbeln. „Chandra, du hast damals nicht an sie gedacht. Jetzt tust du es. Dass du es jetzt bereust, bedeutet ... Na ja, dass du erwachsen geworden bist. Und dass du zu den Guten gehörst. Im Grunde.“

Ich drehe mich weg und tigere über das Deck. Da drüben an der Treppe steht eine Zierpflanze – Jasmin, der in voller Blüte steht. Ich zupfe ein weißes Blütenblatt ab und zwirbele es zwischen den Fingern. „Es bedeutet, dass ich ein Taugenichts bin, Gids.“

Er holt erneut Luft und gibt ein Ächzen von sich. „Manchmal“, sagt er, „ist das so, ja. Tut mir leid. Aber du ... gibst immer dein Bestes. Das hilft zwar nicht immer, aber es zählt. Es bedeutet, dass du es wiedergutmachen kannst.“

Meine Lippen verziehen sich. Das Blütenblatt rutscht mir aus den Fingern und wird vom Wind davongetragen. „Wie auch immer ... Worauf ich hinauswill, ist, dass das, was auch immer du getan hast, nicht so schlimm sein kann wie alles, was ich getan habe. Und wenn das Reinigende Feuer jemanden wie mich durchlässt, dann hätte jemand wie du – jemand, der krankhaft über alles nachdenkt – keine Schwierigkeiten gehabt, und wenn es das nicht sehen konnte, ist es auf jeden Fall ein dummes Feuer und ich bin froh, dass ich es kaputtgemacht habe.“ Die Worte hören auf, aus mir hervorzuströmen, und ich hole Atem.

Er schaut mich ungläubig an. „Das war es, worauf du hinauswolltest?“

„Vielleicht nicht, als ich angefangen habe zu reden, aber jetzt schon.“ Ich verschränke die Arme vor der Brust und funkele ihn mit gespielt finsterem Blick an. „Fühlst du dich jetzt besser oder nicht?“

Gids blinzelt. Dann lacht er, tief und und aus vollem Hals. „Das tue ich, ja. Danke.“ Er tritt zurück und späht zum Turm hinauf. „Aber ich sollte wieder nach oben. Nachschauen, wie die Verteidigung vorangeht. Wenn du irgendetwas brauchst, dann frag nur. Ja?“

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Ich brauche meine Mutter. Ich will neben ihr sitzen, ihre Arme und Schultern und Hüfte gegen meine stoßen spüren, während sie mit einer Hand isst und mit der anderen Gleichungen aufschreibt. Ich will Methi Thepla essen, das sie nur für uns gemacht hat, obwohl sie es immer ein bisschen anbrennen lässt. Ich will den Kopf gegen ihre Schulter legen. Ich will ihre Arme um mich spüren, weil es so lange her ist.

Er ist fünf Schritte weit entfernt, als ich über das Geländer rufe: „Warte! Das ist dumm, aber ich könnte eine – eine Umarmung gebrauchen. Wenn es dir nichts ausmacht. Ich weiß, das ist schräg. Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, dass ich kaum Zeit mit meiner Mutter verbracht habe. Nicht einmal einfach nur zehn Minuten, und –“

„Chandra.“

„Du musst das nicht tun. Umarmungen sind ja auch etwas durch und durch Persönliches, oder? Ich meine, du hast mir das Leben gerettet und so, aber das ist keine Umarmung. Jeder würde jeden retten. Das macht man eben so. Vielleicht nicht Lili. Und außerdem habe ich dich auch gerettet. Also zählt das nicht mal –“

„Chandra.“

„Und ich weiß, um eine Umarmung zu bitten, ist nicht normal. Man sollte sie eigentlich anbieten. Es gibt so Momente, wenn ich jemanden ansehe, und dann ist das, als würde da so eine Art Anziehungskraft wirken oder so. Als würde ich es einfach wissen, aber ich weiß es gleichzeitig auch nicht, verstehst du? Tut mir leid. Ich sage das alles ganz falsch und –“

„Chandra.“

Zittere ich schon wieder? Ich balle meine zuckenden Finger zu Fäusten. Was zum Teufel, Chandra! Ich schlucke schwer, fahre mir über die Augen und drehe mich um. Er steht mit ausgebreiteten Armen da und lächelt. Seine Finger winken ein „Na komm schon her, du großes Dummchen“.

Na gut. Jetzt muss ich ganz ruhig bleiben. Langsam zu ihm gehen, als wäre das ja alles gar nicht so schrecklich wichtig – Schwups! Und schon bin ich bei ihm, meine Arme um seine Hüften. Ich bin mir völlig sicher, dass ich nicht zu ihm hinüber gerannt bin. Es soll mir also bloß keiner erzählen, Teleportationsmagie existiere nicht mehr.

Er ist so verdammt groß. Mein Kopf passt unter sein Kinn. Er riecht nach Schweiß und Öl, die Schmutzschicht eines langen Tages, an dem er schwere Sachen geschleppt hat.

Ich vergrabe mich wie ein kleines Kätzchen in seinen Armen, lege meinen Kopf gegen seine Brust und schließe die Augen. Sein Herz pocht an meinem Ohr. Er umschlingt mich völlig, trotz der Rüstung und allem. Sein Atem kitzelt mich oben auf dem Kopf.

Es ist lange her, dass jemand mich so gehalten hat. Hätte Gids das vor vier Jahren getan, hätte es mich an allen möglichen Stellen gekribbelt, an denen mir das gut gefällt. Jetzt fühlt es sich nur ...

... sicher an.

Ein sachtes Klappern von Porzellan.

Ich öffne ein Auge, luge über einen dicken Bizeps und sehe – O MIST.

Ich will Gideon zurückstoßen, aber er ist so groß, dass stattdessen ich rückwärts stolpere. Ihm klappt die Kinnlade herunter, er macht einen Schritt nach hinten und schaut mich entsetzt an. O nein, Gids, du hast doch gar nichts gemacht ...

„Ich wollte euch nicht stören.“

Nissa stellt einen Teller mit Auberginen-Kartoffel-Curry auf eine der Bänke. Ihr Blick ist gesenkt, und vorsichtige, lange Finger schieben Porzellan über Stahl. In ihrer Armbeuge liegt eine große, perfekt reife Mango. Ihr Zopf weht im Wind.

„Das tust du nicht.“ Ich taste nach dem Geländer, greife zu, halte mich gerade. „Wir unterhalten uns nur und –“

„Dann beachtet mich einfach gar nicht.“ Sie zieht den Stiel der Mango ab – hat sie sie in ihrer Kleidung wachsen lassen? – und legt die Frucht neben den Teller. „Ich habe das hier mitgebracht, falls du hungrig bist.“ Sie richtet sich auf und blickt mich geradeheraus an – ruhig und mit gefalteten Händen. Endlose Jahre zeitlosen Grüns.

ZWINKERN. ATMEN. Vermassele das bloß nicht. Unterhalte dich einfach ganz normal mit ihr.

„Gids kam her, um nachzusehen, wie es mir geht, und wir haben zu reden angefangen, und da war dieses eine Mal, da hat er mich verhaftet, weil ich ein Museum in die Luft gejagt hatte –“ DU VERMASSELST DAS „– aber eigentlich wollte er das gar nicht, und dann waren wir auf einer Welt, wo wir gegen diesen gruseligen Vampir von der Sorte ‚Ich bin aber ein ganz feiner Herr, Gnädigste‘ gekämpft haben, und dann habe ich an meine Mutter gedacht und –“

Sie senkt den Blick, die Lider mit den langen Wimpern schließen sich. „Erzähl mir später davon, wenn du möchtest. Bitte entschuldigt mich.“ Sie dreht sich um, umrahmt von dem Jasminstrauch. All seine Blüten haben sich fest geschlossen, grün und versiegelt.

Wie schaffe ich es nur, immer alles so zu vermasseln? Innistrad explodiert? Alles gut, danke. Mit Nissa reden? Ein menschliches Wrack.

Das kann doch nicht meine Hand sein, die auf ihre Schulter fällt und sie bei dieser Berührung zum Zusammenzucken bringt, denn ich weiß es doch besser, oder? „G-geh nicht“, stammle ich. „Ich meine, du bist sauer. Ich habe dich sauer gemacht.“

„Nein?“, sagt sie, vorsichtig das Wort ausprobierend. „Nein. Es gibt so vieles, was ich nicht ... verstehe. Aber ich bin nicht deinetwegen verärgert. Glaube mir.“

Sie hebt eine Hand und schiebt meine brennenden Finger sachte von ihrer Schulter. Ihre sind kühl und riechen nach den Früchten des Sommers, nach Freudenfeuern bei Sonnenuntergang und nach Regen in der Dämmerung. Oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. „Sei unbesorgt.“

„CHANDRA NALAAR!“

Es ist wahrscheinlich echt ziemlich lustig, wie wir beide zusammenfahren.

Ich sollte mich erschrockener darüber zeigen, dass es Nissa erschreckt, als ich beim Herumfahren ihren Arm streife, aber ich bin zu sehr damit beschäftigt, über Ghirapur hinauszuspähen, weil der „Hochzeitsmarsch der Gremlins“ endlich verstummt ist undich diese Stimme kenne.

„Ich weiß, dass du mich hören kannst.“. Ein tiefes Rasseln, verstärkt und blechern, hallt von dem Stein und dem Stahl um uns herum wider.

„Wer ist das?“ Gids. Er schiebt seine Schulter vor mich und blickt finster über die glänzenden Dächer. Seine Peitschenschwerter fahren aus.

Ich versuche, „Baral“ zu sagen, aber meine Kehle ist voller Brackwasser.

„Ich habe mich da etwas gefragt. Hast du deinen Freunden die Geschichte erzählt? Wie du deinen Papi getötet hast? Wie du dafür gesorgt hast, dass Mami für fünf ... lange ... Jahre ... in eine Zelle gesperrt wurde?“

Alles wird weiß. Funken sprühen mir aus den Augen. Es ist mir egal.

„Mami und ich haben uns jeden Tag unterhalten. O ja, das haben wir. Ich habe sie an alles erinnert, was du getan hast. Jeden Tag. Hat sie dir das erzählt?“

Mutter?

„Vielleicht hat sie sich zu sehr geschämt.“

Nein!

„An manchen Tagen hat sie geweint. Als ich ihr erzählt habe, wie deine Flammen Papi verschlungen haben. Wie er schreiend gestorben ist, als seine Haut schwarz wurde und aufplatzte. Wie er im Angesicht des Todes darüber geflucht hat, dass du je geboren wurdest.“

„DAS IST EINE VERDAMMTE LÜGE!“ Es klingt schrill und abgehackt. Die Stimme einer Elfjährigen.

Gideon ruft zum Turm hinauf. Irgendetwas über Späher, Thopter. Ich weiß es nicht. Blitze zucken über meinem Kopf und Staubwolken wallen von den Dächern auf der anderen Straßenseite auf.

Baral lacht. „So viele sind an jenem Tag gestorben, du kleines Monster.“

„Ich bringe ihn um. Ich werde ihn verbrennen.“ Die Worte kommend fauchend durch zusammengepresste Zähne und fallen wie Sterne herab.

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„Das ist es, was er will.“ Das Einzige, was ich neben dem Donnern meines Herzens hören kann, ist Nissas Stimme. Warum ist sie noch hier? Warum sollte sie hierbleiben?

„Ich kann das nicht zulassen.“ Meine Hände sind zu Fäusten geballt, lodernd und von Flammen umhüllt. „Halte mich nicht auf. Ich kann nicht zulassen, dass er –“

Aus dem Augenwinkel sehe ich ihre Hände über meinen Armen schweben, ohne mich zu berühren.

„Ich weiß“, sagt sie. „Ich werde dir helfen.“
__________

Gideon rief zu den oberen Decks hinauf: „Alle in Alarmbereitschaft! Das könnte ein Ablenkungsmanöver sein!“ Er blinzelte in die Mittagssonne und nahm das bestätigende Winken zur Kenntnis. Er drehte sich um. „Chandra –“

War fort.

Über das Dröhnen verstärkten Lachens hörte er das Donnern ihrer Stiefel auf den Treppen, das Kreischen von Metall auf Metall, als sie stolperte, weil sie zu schnell um eine Ecke rauschte, und Flüche.

„Du hättest sie aufhalten sollen!“ Er hastete zum Geländer und beugte sich darüber.

Nissa war auf der Treppe, die nach unten führte. Ein Fuß schwebte in der Luft, als sie ob seines Ausrufs anhielt. „Warum?“, fragte sie.

Er ballte die Fäuste. „Das ist ... Sie wird sich noch umbringen. Sie einfach so zu rufen? Er lockt sie direkt in einen Hinterhalt. Sie denkt nicht nach. Sie lässt sich nur von ihren Gefühlen leiten, und wir sollten diejenigen sein, die –“ Sein Magen drehte sich um, von einem Dolch aus Eis getroffen und im freien Fall hängend. Warum war er noch nicht halb die Treppe hinunter?

Nissa legte den Kopf schräg. „Das ist, wer sie ist, Gideon.“

Tief unten schoss ein flackernder, roter Flammenstoß aus dem Knoten und schnürte ihm für die langen Augenblicke, die Chandra in der Luft war, die Kehle zu, weil sein Herz einen solchen Satz nach oben machte. Dann purzelte sie über das angrenzende Dach und rappelte sich auf, noch immer Verwünschungen ausstoßend.

„Jura!“ Eine Stimme von oben, schwach im Wind. „Die Mechakolosse rücken auf unsere Stellungen vor!“

„Ich –“ Er wollte Chandra nachlaufen. Oder?

Er kniff die Augen zusammen, sog langsam die heiße Mittagsluft durch die Nase ein und konzentrierte sich auf die Gerüche von Öl und Rauch. Das blecherne Blöken des Mannes am Lautsprecher verklang. Ein Beben pflanzte sich durch seine Füße fort, als in der Ferne ein dumpfes Donnern ertönte.

Es kommt eine Zeit, mein Junge, hallte Hixus‘ Stimme aus längst vergangenen Tagen in ihm wider, da du dich zwischen jenen entscheiden musst, die du beschützen willst, und jenen, du du beschützen musst.

Er öffnete die Lider, blickte in die endlosen Augen Nissas und atmete durch den Mund aus, um die Luft mühsam in Worte zu pressen, die wie Asche schmeckten. „Pass auf sie auf.“ Sie nickte und verschwand.

Er hastete die Stufen hinauf und versuchte, nicht über die flüchtigen Wimpernschläge nachzudenken, als er eine winzige, wilde, kostbare Sonne fest gegen seine Brust gedrückt hatte.
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Barals Stiefel krachten bei seiner Landung knirschend durch die oberste Schicht des Pflasters und die Luft wich ihm aus den Lungen. Binnen Sekunden war er auf den Beinen und rannte weiter. Alles lief genau nach Plan.

Doch er wurde bereits langsamer. Keuchen, Atemzüge wie eine Faustvoll Nadeln, die ihm die Luftröhre hochkamen. Er hatte nie zuvor in Rüstung rennen müssen. Zumindest nicht mehr als ein paar Dutzend Schritte. Gerade genug, um auf Armeslänge an irgendeinen Möchtegernmagier heranzukommen, der dachte, seine Fähigkeiten verliehen ihm einen Reichweitenvorteil.

Er war alt. Schwerfällig. Langsam.

Er hatte das Gefühl in seinem linken Arm nie wiedergewonnen. Oh, er hing stumm an seiner Seite und bewegte sich nach Jahren schmerzhafter Bemühungen wieder gehorsam. Doch er konnte sich nie sicher sein, ob er eine Waffe oder einen Suppenlöffel auch wirklich fest genug hielt. Einmal hatte im Winter sein Ärmel Feuer gefangen, als er zu dicht an der Heizung in den Barracken gestanden hatte. Er hatte nur darüber lachen können, als er auf das bereits zerstörte, verkohlte, stinkende Fleisch gestarrt hatte. Es war einfach zu lustig. Er trug sogar den Helm weniger als vor der Zeit, da das kleine Monster ihm sein halbes Gesicht weggebrannt hatte. Es war nur zu einem weiteren Mittel zur Einschüchterung geworden, etwas, wovor angeklagte Magier zurückzucken konnten.

Sie hatte ihn ruiniert.

Baral schepperte die Gassen entlang – links, rechts, wieder links. Baan hatte ihn diese Reihenfolge auf dem Flug hierher verflucht viel zu oft wiederholen lassen. Um ihn herum waren die Gebäude nicht mehr neu und glänzend, sondern wurden langsam durch den an ihnen nagenden Verfall zu Schutt und Staub. Schweiß sammelte sich in seinem Kragen, heißer Atem ließ die Luft in seinem Helm stickig werden.

Hinter ihm wütete und fluchte das Nalaar-Mädchen. Wüste Obszönitäten hallten die steinernen Gassen entlang.

Er grinste. Sie war größer, als er sie in Erinnerung hatte, doch auf ihren Verstand schien das nicht zuzutreffen. Noch immer schrie sie herum und schlug lieber um sich, wenn es klüger gewesen wäre, einfach zu schweigen. Seit ihrer Heimkehr war sie in eine Falle nach der nächsten getappt. Und deshalb würde er gewinnen.

Deshalb würde er sie vernichten.

Der Ort war Baans Vorschlag gewesen. Ein Labyrinth aus alten, leer stehenden Steingebäuden am Fluss, deren Gärten längst vertrocknet und verweht waren. Nichts Entflammbares weit und breit.

Er bog um eine Ecke, tippte an das filigrane Drahtgeflecht an seinem Helm und brüllte über die Schulter: „All diese Zeit hat deine Muttergelitten. Sie hielt dich für tot.“

Sie kam um die Ecke gerannt, umgeben von einem blutroten, kometenhaften Nimbus. Sie bleckte die Zähne, als sie die Finger auffächerte, ihren Arm ausstreckte und zustieß.

Die Luft zwischen ihnen entzündete sich augenblicklich, ein saugendes Brüllen, gegen dessen Zug er sich stemmen musste. Ein Vorhang aus weißgoldenem Feuer raste auf ihn zu wie der Aradara-Express.

Er hob eine Hand, breitete die Finger unter einer Korona aus eisigem Blau aus und ließ die Flammenwolke mit einem abfälligen Wink vergehen. Einzelne Fünkchen tanzten die Straße entlang, fanden jedoch in dem Staub und in den Steinen keine Nahrung.

„Und was hast du getan, während sie vor sich hin rottete?“, höhnte er. „Dein Leben irgendwo in der Fremde genießen?“ Er duckte sich um die Ecke, während sie stolperte und fluchte und Funken aus ihrem brennenden Haar stoben.

Ein hohes, fröhliches Glucksen wollte ihm aus dem Bauch aufsteigen, als er von ihr wegrannte, doch er schluckte es hinunter. Er hatte dreißig Jahre damit verbracht, die Dinge zu unterdrücken, die nun in ihm aufstiegen.

Die Luft vibrierte vom Surren von Thopterflügeln. Sie waren fast am Zielpunkt. Seine Schwadron würde hinter dem Monster auftauchen, damit die Falle –

Er wirbelte um die nächste Ecke und kam schlitternd zum Stehen.

Die Straße war von einer Mauer aus rotschwarzem Gestrüpp, Dornen mit Widerhaken und wuchernden, smaragdgrünen Blättern blockiert.

Das ... Das war vorher noch nicht hier gewesen.

Er drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um dem Mädchen seinen gepanzerten Stiefel in den Magen zu rammen. Es sackte würgend in sich zusammen.

Er stolperte zurück und hob sein Schwert, während sein Opfer in den Staub kotzte. Die Flammen, in die es gehüllt war, nahmen ein fiebriges Gelb an, als er vorstürmte und die Klinge schwang.

Der gepanzerte Unterarm des Mädchens schnellte hoch, um den Schlag abzufangen. Funken stoben, als Metall über Metall kratzte.

Der linke, von Feuer umgebene Arm der wehrhaften Wildkatze schwang herum ... und verfehlte ihn um Längen.

Beinahe hätte er gelacht.

Dann spie sie Galle auf die Straße und senkte die linke Schulter, um sie ihm vor die Brust zu stoßen. Ein leises Schnalzen war zu hören. Sie sog pfeifend Atem ein.

Er stolperte nach hinten in eine wütende Hitze.

Sie hat die Dornen in Brand gesteckt!

Mit seinem toten linken Arm riss er sich den brennenden Umhang von den Schultern und warf ihn auf die Straße.

Er musste irgendwie um sie herumkommen. Sie durfte ihn nicht zurück in das Feuer zwingen.

Das Summen von Thoptern wirbelte Steinchen aus dem alten Pflaster auf. „Hauptmann!“, rief eine Stimme über den Lärm, flach und blechern durch die Verstärkung.

Das Mädchen knirschte mit den Zähnen, während Funken aus seinen Augen sprühten und es versuchte, ihn mit seinem linken Arm zu treffen – aber es schnappte nur mit vor Schmerz glasigen Augen nach Luft. Der Arm baumelte ihm schlaff an der Seite.

So.

Er schwang sein Schwert nach der Korona der rothaarigen Teufelin und versuchte, ihren Arm zu treffen. Sie taumelte viel zu weit zurück. Keine ausgebildete Kämpferin. Nur ein zorniges Kind.

Ein wirbelnder Feuerball erwachte in ihrer linken Hand und ... sie fiel hart auf das Pflaster, vom toten Gewicht ihrer Gliedmaße in den Staub gezogen.

Er wusste, wie sehr ein unbeweglicher Arm das Gleichgewicht störte. O ja, das wusste er sogar sehr genau.

Die flackernden Schatten von Thopterflügeln glitten über ihn hinweg, als er sein Schwert hob. Das Metall war so geschmiedet, dass es Hitze bis zu einem gewissen Grad widerstand, doch das grellweiße Gleißen der Renegatin hatte es bereits zum Glühen gebracht und verkrümmt. Er ließ es auf ihren Hals niederfahren.

Sein Arm wurde aufgehalten und ließ sich nicht bewegen.

Er sah hin – umschlungen von einer flammenden Ranke? –, und mehr als diesen Fehler brauchte sie nicht. Das Feuer, das sie in der Hand hielt, brach auf. Brennende Blütenblätter leckten über seine Rüstung und sengten sich durch sein Visier.

Er blinzelte Rauch weg und lachte hustend. Dem Geruch in seinem Helm nach zu urteilen, hatte er gerade seine andere Augenbraue verloren. Das Mädchen krabbelte auf dem Rücken von ihm weg und keuchte vor Schmerzen, als es seinen tauben Arm hinter sich her zog. Über ihm flogen die Thopter seiner Schwadron heran und zogen dabei Streifen aus weißem Dampf über den blauen Himmel.

In einem Hagel von Schutt sprossen drei Ranken aus der angrenzenden Straße empor. Sie schlangen sich um die Kabine des Haupttransporters und hielten einen der flatternden Flügel fest. Die Maschine geriet ins Trudeln, ihr Antrieb heulte auf und sie raste in ein Gebäude.

Er wandte den Blick von dem Feuerball ab. Das Gebäude stürzte ein und spie dabei eine Woge aus fahlem Staub aus, der sich auf seine Rüstung senkte.

Sein Blick huschte zu den Dächern. Dort!

„Zweihundert Meter südlich!“, rief Baral über den Lärm und deutete auf die Gestalt. „Elfe auf dem Dach!“

Der zweite Thopter wirbelte herum und entfesselte gezackte, gegabelte Blitze. Donnergrollen hallte über der Stadt.

Ein Wall aus schwarzer Erde und Pflanzen erhob sich hinter der Elfe und türmte gewaltige Mengen an Holz und Erde um sie herum auf. Die Blitze vergingen daran. Die Pflanzen schossen nach oben und wurden zu einem vierbeinigen Ungeheuer, das sich schützend über seine Herrin duckte.

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Brüllend schnappte die Bestie nach dem Unterstützungsthopter. Die Elfe sprang anmutig auf die Straße und rannte zu dem Nalaar-Mädchen. Es stolperte auf die Beine, rotes Haar von fahlem Staub erstickt, in den Tränen tiefe Linien zogen. Ob aus Schmerz oder Zorn wusste er nicht zu sagen. Es spielte auch keine Rolle.

Diese Falle war nicht richtig zugeschnappt. Wäre die Elfe nicht hier gewesen, hätte er die Situation vielleicht noch retten können, aber – keine Zeit dafür. Er winkte dem letzten Thopter zu und löste seine geschwungene Unterarmklinge, um sie blindlings auf die beiden Frauen zu schleudern.

Der Thopter senkte sich zur Straße und wirbelte einen Sturm aus Staub auf.

Baral legte seinen Greifer an und zielte. Baan beugte sich aus der Kabine, musterte missmutig die Lage und fuhr dann unsicher zurück, als Barals Greifhaken sich am Fahrkorb verfing.

Die Elfe hatte das Mädchen erreicht, das mit bebenden Nasenflügeln auf sie zutaumelte. „Ich kann meinen Arm nicht bewegen, ich kann meinen Arm nicht bewegen!“, keuchte es mit weit aufgerissenen Augen.

„Es ist schon gut“, sagte die Elfe und strich ihm mit den Händen über die Schultern. „Er ist nur ausgerenkt. Lass mich ...“

Der Greifer hakte sich ein und zog ihn hinauf, als das Nalaar-Mädchen einen grellen Schmerzensschrei ausstieß.

Baral schwang sich in die Kabine, als der Pilot abhob. „Ich will, dass ein Mechakoloss auf die Elfe angesetzt wird. Sofort!“, bellte er.

Baans Blick fuhr über ihn hinweg. Er griff nach einer Ersatzklinge und befestigte sie an seinem Unterarm, so beiläufig, als ob er es jeden Tag tat. Wann hatte er das gelernt? „Hauptmann Baral!“, rief Baan über das Dröhnen des Motors. „Wir sind nicht autorisiert, einen –“

„Wir müssen sie zermalmen“, knurrte er. Er krallte sich mit seiner toten Linken an den Griff an der Decke und lehnte sich in den Wind, um hinter sich zu blicken. Der andere Thopter stieg auf und senkte die Nase, als er beschleunigte –

Das Elementar der Elfe machte einen Satz von der Straße und krallte ihn sich vom Himmel.

Er spie dem Feuerball einen Fluch entgegen. Nur verfluchte Erde! „Die Sintflut könnte dieses verdammte Ding wegwaschen –“

„Wir sind ein Ablenkungsmanöver!“, beharrte Baan.

Er trat mit gebleckten Zähnen von der Kante zurück und ragte drohend über dem Minister auf. Baan blickte ihn kühl an. „Sie haben kein Gefühl in Ihrem linken Arm. Ich habe drei Möglichkeiten ausgemacht, um dieses Wissen zu nutzen, Sie völlig bewegungslos zu machen.“

Lange Sekunden funkelten sie einander an.

„Jetzt sind es vier“, sagte Baan.

„Na schön“, schnaubte Baral.

Er tippte dem Piloten auf die Schulter und machte eine kreisende Geste mit der Hand. Während der Thopter eine Kehre flog, griff Baral sich ein Megafon von den Halterungen mit Ausrüstung und postierte sich an der Einstiegsluke.

Das Nalaar-Mädchen funkelte zu ihm herauf und wischte sich im Licht der brennenden Dornenwand über die Augen. Die Elfe stand neben ihm, eine Hand leicht auf die verletzte Schulter gelegt.

„Weiß sie es, kleine Pyromagierin?“, rief er zu ihnen hinunter. „Hast du es ihr erzählt? Von dem Dorf, das deinetwegen niedergebrannt ist? Von den Schreien der Kinder?“

Das Monster kreischte nur auf, hoch und irr und mit loderndem Haar. Ein weißer Flammenstoß schoss nach oben.

Der Thopter konnte ihm nicht rechtzeitig ausweichen.

Baral ertastete und spürte die roten Fäden, die die Flammen zusammenhielten. Seine Finger versenkten sich in das Geflecht und rissen es auseinander. Das Feuer zerstreute sich wirkungslos in alle Winde.

Neben ihm versteifte sich Baan.

Das Mädchen schrie Obszönitäten zu ihnen hinauf, während im Abwärtssog Sternenkonstellationen in seinen Augen kreisten.

Baan riss das Megafon an seinen Mund. „Diese Geräte sind nur für den Außeneinsatz zertifiziert. Eine Fehlfunktion könnte ernsthafte Verletzungen an der Wirbels–“

Sie gestikulierte sehr eindringlich zu ihm hinauf.

„Ich bin nur an der Sicherheit aller Bürger interessiert“, sagte Baan beleidigt.

Baral schlug dem Minister das Megafon aus der Hand. Es trudelte ins Nichts hinaus. „Sie ist abgelenkt. Bring mich irgendwohin, wo ich vom Ätherknoten aus zu sehen bin.“ Er grinste. „Irgendwo, von wo aus wir Mami dazu inspirieren können, sich zu uns zu gesellen.“

Baan hielt seinen prüfenden Blick einen Augenblick auf ihn gerichtet und schaute dann aus der Kabine, als sie sich von der Straße entfernten. „Die nächste Phase der Operation hat begonnen.“

Baral folgte seinem Blick. Hoch über ihnen erhoben sich jene winzigen dunklen Flecken, bei denen es sich um Thopter handelte, von den Decks der Himmelsfürst.

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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Mi 1. Feb 2017, 20:29

FORTSETZUNG
Spoiler:
Gideon stieß den alten Mann beiseite und hatte gerade noch genug Zeit, nach oben zu schauen, bevor der gewaltige Stahlfuß auf ihn niederkrachte.

Dunkelheit.

Knirschen. Das Kreischen von Metall auf Metall, Vibrationen durch Stein und Staub.

Tageslicht, von träge abwärts wirbelnden Staubkörnern gedämpft.

Er griff nach oben, packte die zerborstene Kante des Pflasters und zog sich aus dem Loch. Der alte Mann, der am Straßenrand lag, starrte ihn mit offenem Mund an. Gideon grinste ihm zuversichtlich zu und klopfte sich mit einer Hand den Staub aus dem Haar. „Es ist schon gut“, sagte er mit gespielter Fröhlichkeit. „Ich bin unzerstörbar.“ Der Boden bebte, als der Fuß des Mechakolosses erneut herabfuhr. Er würde Nissa für ihre gemeinsamen Übungsstunden damals auf Ravnica danken müssen.

Nissa. Chandra. Wo waren sie?

Keine Zeit dafür. Auf die Füße, Hoplit. Beobachte die Lage. Bleibe in Bewegung. Ergreife die Initiative.

Er rappelte sich auf. Staub fiel von seiner Kleidung ab. Er stolperte über die Kante des Fußabdrucks, den der Mechakoloss im Pflaster hinterlassen hatte. Ein Windstoß trieb ihn vorwärts, als die Maschine in weitem Bogen mit ihrem Hammerarm nach seinem Kopf schlug und dabei einen Kreuzer zerquetschte und diesen die Straße entlangschleuderte. Gestalten auf der behelfsmäßigen Barrikade ein Stück die Straße hinunter duckten sich zu beiden Seiten weg. Der Kreuzer krachte erst unter dem Kreischen zerreißenden Metalls in das Hindernis und hüpfte dann weiter die Straße entlang wie ein zerknüllter Ball aus Messing und Kristall.

Nun, Hoplit, anscheinend stapft gerade ein großer mechanischer Mann die Straße entlang und wirft parkende Fahrzeuge auf die Position der Renegaten vor uns. Vier weitere Giganten sind dort draußen. Drei auf dieser Seite, zwei auf der anderen. Du weißt aber nicht genau, wo. Straßen einer Stadt sind wie Schluchten, und du stehst am Grund von einer. Taktisch gesehen der schlechteste Punkt überhaupt. Wasser und Feuer fließen nach unten.

Was machst du da, Gideon? Es stehen Leben auf dem Spiel, und du stehst hier offen rum wie ein Kind bei seinem ersten Übungskampf.

Zuerst musst du verstehen, was vor sich geht.

Er brauchte einen erhöhten Aussichtspunkt. Es würde zu lange dauern, auf ein Dach zu klettern. Die Frontlinie hätte sich dann schon längst weiterbewegt. Wäre Ajani hier, könnte er –

Konzentriere dich auf das, was möglich ist.

Der Mechakoloss war die Frontlinie und er überragte die Dächer. Gideon sprintete hinter ihm her und achtete genau auf den Takt der bebenden Schritte der Maschine. An einem ihrer Beine befanden sich Leitersprossen, wohl für Wartungsarbeiten oder Inspektionen.

Gideon visierte eine an, stieß sich ab –

– und verfehlte sie –

– und hatte kaum genug Zeit, seine Hände um die nächste darunter zu bekommen, während seine Finger golden gegen das schmerzhafte Ziehen aufleuchteten.

Das Bein des Mechakolosses schwang nach vorn und ließ Gideon in der Luft baumeln, während seine Füße durch den Staub geschleift wurden.

Jace hätte das besser geplant. Chandra hätte das besser geplant.

Unter schwerem Knarzen verlagerte der Mechakoloss sein Gewicht auf dieses Bein. Es beugte sich unter ihm. Gideon hatte kaum Zeit, seine Füße wegzuziehen.

Es war mühsam, zur Hüfte der Maschine hinaufklettern. Er musste ein weiteres Mal innehalten, als das riesige Bein sich unter ihm beugte.

Vier Straßen links von ihm beharkte ein zweiköpfiger Mechakoloss mit Röhren als Armen eine Gruppe von Renegaten mit seinen Wasserwerfern. Eine Welle aus gesichtslosen, gepanzerten Inspekteuren folgte ihm. Schlagstöcke droschen mit kaum verhüllter Begeisterung auf umgeworfene Renegaten ein. Benommene und blutige Körper wurden in Richtung übergroßer Gefangenentransporter geschleift.

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Eine Gruppe aus drei Renegaten kletterte über ein Dach, als der Koloss mit den Wasserwerfern vorbeizog. Eilig stellten sie ein röhrenförmiges Gerät an der Kante des Dachs auf. Mit einem dumpfen Aufprall rammte es einen Speer durch den Arm des Dings. Während die Renegaten einen winzigen Augenblick zögerten, hob der Pilot des Mechakolosses den Arm, um den Schaden zu begutachten.

Der Arm barst auf und Wasser spritzte in alle Richtungen. Die Harpuniere huschten davon.

Bei einem Blick auf die in Auflösung begriffenen Linien der Renegaten konnte Gideon nun auch die anderen Mechakolosse sehen – sie waren viel näher, als es ihm lieb gewesen wäre. Auf ihre Panzer prasselte ein beständiger Beschuss aus Explosionen, Blitzen und Flammensäulen ein. Vor Gideons Augen sauste ein Thopter, der auf sichtlich hastige Weise mit dem Blau der Renegaten versehen worden war, an einen der Kolosse heran und rammte dessen Schultermechanismus. Die Arme des Kolosses kamen mitten im Schwung zum Stehen. Vom Thopterpiloten war keine Spur mehr zu sehen.

Ein riesiges Insekt landete auf Gideons Schulter.

Beinahe wäre Gideon von der Leiter gefallen, ehe er bemerkte, dass das Vieh aus Messing und bunter Seide bestand. „Hallo!“, piepste eine blecherne Frauenstimme. „Du bist ‚Fleischklops‘, ja?“

„Also ...“

„Die ‚Weiße Katze‘ meinte, das wäre nicht dein Codename, aber die ‚Königin der Nacht‘ hat darauf bestanden, dass er es wird.“

Er blickte an dem metallenen Insekt vorbei. Tief unter ihm winkte ihm eine dunkelhäutige Elfe von der Straße aus zu. Sie hatte die Hände vor den Mund gelegt und ein metallener Schmetterling klammerte sich an ihr Handgelenk. Sie deutete darauf und bewegte die Lippen.

„Sprich einfach mit Herrn Wackel“, wiederholte sein Schmetterling knisternd.

„Hallo?“, machte er vorsichtig und winkte zu ihr herunter. Das metallene Insekt wackelte mit den Fühlern.

„Ja, hallo! Nenn mich einfach Schattenklynge. Mit einem Y, wenn es dir nichts ausmacht – danke.“ Gideon klammerte sich gerade an der Hüfte eines gewaltigen Metallmannes fest, doch diese Unterhaltung war schnell zum Surrealsten geworden, was ihm heute widerfahren war. „Da der ‚Manteljunge‘ unterwegs ist, bin ich für die Kommunikation zuständig.“

„Wo ist Liliana?“, fragte er den Schmetterling.

„Die Königin der Nacht“, sagte Schattenklynge ernst und entschlossen.

Drei Straßen rechts von ihm stolperte einer der anderen Mechakolosse. Der lebende Grünholzbaum, der seine Wirbelsäule bildete, schrumpfte zusammen und wurde schwarz. Jäh gesprossene Pilzwucherungen übersäten seine Rinde.

„Schon gut“, sagte er. „Ich habe sie gefunden.“

Die Maschine fiel auf ein Knie und heulte wie ein verwundeter Bär auf, als ihre Rinde verrottete. Haltloses Metall fiel auseinander. Brackige Flüssigkeit lief aus jedem ihrer Gelenke.

In einem Schwung schwarzer Seide erschien Liliana auf einem der Dächer, stellte einen hohen Schnürstiefel auf die Brüstung und hob eine behandschuhte Hand über den Kopf. Sie schnippte mit den Fingern und der Mechakoloss verwandelte sich in einen Haufen Schrott zu ihren Füßen.

Freudiges Gebrüll drang von den Renegaten von der Straße herauf. Sie verneigte sich überschwänglich und warf der Menge Kusshände zu.

„Bloß aus Neugier: Hat Lili– hat die ‚Königin der Nacht‘ alle unsere Codenamen ausgesucht?“

„O ja. Sie war unfassbar hilfreich.“

„Das ist ... toll.“ Der Mechakoloss verlagerte plötzlich sein Gewicht und ächzte, als sich sein Torso drehte. Gideon duckte sich unter einem vorbeigleitenden Rohr hindurch und lehnte sich vor, um zu sehen, was vor ihnen lag.

Der Mechakoloss näherte sich einem weiteren geparkten Fahrzeug und hob den Hammerarm, um es in Richtung der Renegaten zu stoßen, die ein Stück die Straße hinunter standen.

Die Menge, die vor dem Wasserwerfer geflohen war, war nun vor der Barrikade eingekesselt und versuchte, durch das Loch zu fliehen, das der zuvor vom Koloss geschleuderte Kreuzer in sie hineingeschlagen hatte, während die Reihen gesichtsloser Inspektoren des Konsulats sie in die neue Schusslinie drängten.

Ein auf sie gestoßenes Fahrzeug würde sie zerschmettern.

Was hast du vor, dagegen zu unternehmen, Hoplit?

Er musterte die Oberfläche des Mechakolosses. Solides Metall. Keine offensichtlichen Mechanismen oder Schwachpunkte – außer dem Gelenk, mit dem die Beine am Torso befestigt waren. Dort war eine große Lücke zwischen den Panzerplatten, damit die Gliedmaßen sich bewegen konnten. Im Inneren konnte er gewaltige Zahnräder sehen, die sich im ätherblauen Licht ihrer Energieversorgung drehten.

Er blickte auf seinen Sural. Dann wieder zu den sich drehenden Zahnrädern.

Zu dem mechanischen Schmetterling sagte er: „Du solltest Herrn Wackel hier lieber losfliegen lassen.“

„Alles klar“, kam es krächzend aus dem Lautsprecher. Ein paar pfeifende Töne erklangen und das Insekt flatterte davon.

Er schaute zu der Lücke in der Panzerung, holte ein paarmal tief Luft und ließ sich in die Zahnräder fallen. Die Dunkelheit wurde von goldenem Licht überflutet.

Viel zu lange war da Schmerz, Lärm und Bewegung.

Metall kreischte und die Welt stellte sich auf den Kopf.

Er fiel seitlich in die goldene Dunkelheit. Tausende winzige Messer ritzten ihm Beine und Arme, drückten sich ihm in die Wirbelsäule und füllten ihm den Mund mit dem Geschmack von Kupfer.

Sein Kopf prallte gegen eine Wand.

Stille.

Atemzüge hallten in der Dunkelheit.

Dann ... atmete er noch?

Ein Teil der Schwärze lichtete sich. Ein warmes Leuchten stach ihm in die Augen. Chandra ...?

Ein grinsendes Gesicht verdunkelte die Sonne. „Wer ist ein großer Held?“ Schattenklynge-mit-einem-Y.

Sie zog ihn aus einem rauchenden Grab. Die zerschmetterten Überreste meisterhaft gefertigter Zahnräder rollten von ihm herunter, als er aufstand. Sein Brustpanzer, verbogen und durchlöchert, hing noch einen Augenblick an einem Schulterriemen und klapperte dann auf die Straße.

Der Mechakoloss lag ausgestreckt da. Er war mit dem Kopf voran in ein Gebäude gekracht. Das Bein, aus dem Gideon gerade geklettert war, war abgerissen worden. Eine Armee junger Leute und mechanischer Kreaturen kletterte auf dem Wrack herum und zerrte ganze Hände voll nützlicher Materialien aus ihm heraus, die sie untereinander teilten.

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„Ich hab sie gefunden, Fräulein Klynge“, rief ein Vedalken-Junge und winkte mit einer sechsfingrigen Hand. Hinter ihm kletterten die Piloten der Kriegsmaschine – eine Gruppe von vier mürrisch dreinblickenden Zwergen in ölverschmierten Konsulatsuniformen – aus einer Luke.

„Ausgezeichnete Arbeit, Fleischklops“, grinste Schattenklynge und klopfte ihm auf eine nackte, zerschundene Schulter. „Wie oft kannst du das machen?“

Gideon schaute über die Straße zu den drei verbleibenden Mechakolossen und dem Himmel voller Schiffe. „Nicht oft genug.“

Liliana rauschte heran, musterte ihn langsam von Kopf bis Fuß und legte geziert eine Hand auf die Hüften. „Ich sehe, du hast dein letztes Hemd verloren.“

Sein Blick richtete sich auf einen Schwarm Konsulatsthopter, der auf den oberen Plattformen des Ätherknotens ankam – schwirrend und kreisend wie ...

Sein nächster Atemzug kam gepresst und mit einem Anflug von Schwindel wie der letzte, den man nimmt, ehe man im Wasser versinkt.

... wie Harpyien über Akros.

„Zurück zum Knoten!“, schrie er und rannte los. „Schnell, schnell!“
__________

Ich bringe ihn um.

Ich stolpere über Steine. Bordsteinkanten. Die Schulter pocht. Der Magen krampft sich zusammen.

Ich strauchele. Reiße mir Knie und Handflächen auf. Hoch mit dir! Los!

Ich komme nicht vom Fleck. Niemals. Bastard.

Die Welt ist ein Tunnel. Dunkel bis auf den kreisenden Thopter. Lachen klingt aus ihm heraus. Worte.

Mami. Papi. Monster. Tot. Leiden. Mord. Monster. Dorf. Feuer. Kinder. Monster.

Ich höre sie nicht mehr. Kann sie nicht zu Gedanken zusammensetzen. Nur Geräusche. Nur noch Zunder.

Keine Tränen mehr. Nur Feuer, kalt und weiß. Reinigend.

Ich werde die Fäulnis aus ihm herausbrennen. Aus dieser ganzen Stadt.

„Chandra, lass mich.“ Nissa. Atemlos hinter mir.

Sie sollte nicht hier sein. Sollte mich nicht so sehen.

Eine gewaltige Wurzel erhebt sich aus dem Boden und und streckt sich hinauf zum Dach. Der Thopter schwebt irgendwo da vorn. Keckernd.

Ich rapple mich auf. Schmutz klebt mir an den brennenden Fingern, meine Stiefel schlurfen auf feuchtem Holz. Zerschundene Finger klammern sich an die Kante des Dachs und hinterlassen blutige Abrücke.

Der Himmel ist endlos und voller Schiffe. Die Straßen stehen in Flammen.

Metallene Riesen stapfen durch das Feuer. Menschenmengen fliehen vor ihnen. Thopter schwirren in Schwärmen wie Mücken um den Ätherknoten herum. Die oberen Decks ragen über uns auf.

Dort ist Mutter.

Die Thopter landen dort. Krachen und Blitze. Rennende Gestalten. Sie fallen.

... Mutter?

„Schau hin. Was. Du. Getan. Hast.“

Baral. Sein verunstaltetes Gesicht, zerteilt von einem schiefen Grinsen. Der abhebende Thopter wirbelt mir Staub in die Augen. „Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn du da gewesen wärst.“ Sonnenlicht spiegelt sich auf der Schneide seiner Klinge. Er richtet sie auf mein Gesicht. „Oder vielleicht wären auch noch mehr von ihnen tot.“

Ich spüre, wie sich mir die Haare auf der Kopfhaut aufrichten. Siedend heißes, eiskaltes Licht überflutet das Dach.

„Du bist immerhin nicht besonders treffsicher. Ist es nicht so, Monster?“

„Verpiss dich“, flüstere ich und jage sein Gesicht in die Luft.

Mein Wall aus weißem Feuer wird vom Wind zu kleinen Scharen von Kerzenflämmchen verwirbelt.

„Wirst du das nicht langsam leid?“ Er senkt eine leuchtende Hand und öffnet das Visier seines Helms. „Selbst Hunde können mehr Kunststückchen.“

Das Dach erbebt. Von einer Seite donnert Nissas Elementar heran, macht einen Satz –

– und fällt in einer kleinen Lawine aus Trümmern, schwarzer Erde, grauer Steine, weißem Holz und grünen Blättern auseinander. Baral schnippt sich mit einer leuchtenden Hand ein Klümpchen Erde von der Schulter. „Das ist Ghirapur. Bring keinen Matsch zu einem Roboterkampf mit.“

Eine Woge aus Metall erhebt sich hinter ihm und strömt über das Dach. Räder aus Messing und Beine aus Stahl, Flammenwerfermündungen und funkensprühende Antennen.

„Finde Ruhe“, murmelt Nissa, ihre Hand nur ein warmer Hauch auf meinen Schultern – hier und gleich wieder fort.

Dann ist sie in der Luft und stößt eine dünne Klinge durch die Augen eines Automaten, rollt sich ab, trifft einen anderen mit einen Ellenbogen, zerquetscht einen dritten mit der Sohle ihres Wanderstiefels, verteilt weiter Hiebe und Stiche. Eine Blüte im Wind aus singendem grünen Stahl mit harten, verlässlichen Muskeln. Als würde sie den Boden nur aus reiner Höflichkeit berühren.

Warte.

Augenblick mal.

Das ist Wahnsinn.

Nissa hat ein Schwert?

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Der untere Teil ihres Stabes rollt über das Dach und gegen meine Zehen.

Ich blinzle und Baral ist über mir. Er holt aus.

Links. Rechts. Mist! Feuer! Stolpern. Zurück, zurück!

Grelles Sonnenlicht. Eis schneidet mir in den Arm.

Ein Zurücktaumeln. Ich bin auf den Knien. Eine Pfütze auf dem Dach. Ein silbriges Kräuseln, rote Fraktale explodieren. Ich sehe sein Schwert auf mich herabfahren wie ein Echo.

Wegrollen!

Wind streift mein Ohr.

Ich drücke Macht in die Pfütze hinein und sie zerbirst zu einer Wolke. Seine verschwommene Gestalt schnaubt und stolpert zurück, um sich das Wasser vom Gesicht zu wischen.

Ich weiß, was ich tun muss.

Die Dachplatten verflüssigen sich zu dampfendem Teer. Er brüllt vor Schmerz auf und stößt die Klinge nach vorn durch die Schwaden.

Thopterflügel stottern über mir. Donner kracht. Geht es Nissa gut? Wo ist –?

Ich fahre vor dem plötzlichen Schatten einer Wolke zurück. Stechende Nadeln aus Eis zerkratzen mir die Stirn.

Aus Reflex ein Feuerpfeil zurück in die gleiche Richtung. Ein blauer Impuls löst ihn in Funken auf.

Er humpelt lachend durch den Teer. Die linke Hälfte der Welt löst sich in einen roten Nebel auf. Ich wische danach, aber er geht nicht weg. Nur meine Hand wird davon glitschig.

Seine Klinge ist weiß wegen der Luft um mich herum. Atem hallt aus dem Drahtgeflecht an seinem Helm.

Das Gebäude wackelt unter uns. Er knurrt und taumelt, hält aber nicht an. Weit hinter ihm erhebt sich Vaters Schiff neben dem Ätherknoten. Zerborstene Gerüste und zerrissene Ankertaue trudeln darum herum.

Nicht genug Luft. Kann nicht atmen. Ich stolpere keuchend umher. Kämpfen wir schon seit Stunden? Minuten?

Ich werfe Flammen mit meiner linken Hand. Als er sie auflöst, schlage ich ihn mit meiner rechten Faust in sein blödes Gesicht.

Sein blödes, von Metall bedecktes Gesicht. Ich schreie, als es knirscht.

„Dummes Monster“, murmelt er und tritt nach mir. Fest.

Schmerz explodiert in meinem Bauch.

Ich würge heißen, stinkenden Schleim hoch. Ich habe Mühe, Luft zu holen. Jeder Atemzug ist die reinste Qual. Ich weine nicht, weil ... Scheiß auf diesen Kerl.

Ich muss aufstehen.

Er humpelt zu mir herüber. Seine Stiefel sind schwarz und rauchen. Er stinkt nach Innistrad nach dem Kampf. Nach Bergen von brennendem, grässlichem, verzerrtem Fleisch.

Die Luft kommt nicht. Nissa. Hilf mir.

Er hebt das Schwert.

Ich krieche. Hilf mir. Nissa.

Die Klinge fährt herab. Ich will wegschauen. Ich will mich bewegen.

EIN SCHEPPERN.

Ich öffne ein Lid zu herabregnendem Messing. Ein metallener Vogel, verbeult und schier entzweigehauen, wie es mein Hals nicht ist. Er rollt über das Dach, verstreut dabei die Zahnräder aus seinem Inneren. Sein Pfeifen wird erst zu Seufzern, dann zu Stille.

„Bleib von diesem Kind weg, du Sohn eines Esels!“, donnert Frau Pashiri.

Ich stütze mich auf zitternden, blutigen Armen hoch. Sie ist auf dem Knoten, nur eine Plattform von uns entfernt, und reckt Baral drohend die Faust entgegen. Ajani ist neben ihr, die Axt in Händen, die Ohren flach angelegt und das eine Auge zu einer gewaltigen, schwarzen Kugel geweitet.

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Ich kann nur schwachen Rauch ausstoßen, Funken fallen mir von den Augen.

Die Menge im Knoten rennt zu den klaffenden Luken der Herz von Kiran. Halb fertige Geschütze blitzen auf und schicken den Reihen gesichtsloser Inspektoren Funken und Blitze entgegen. Thopter des Konsulats lassen leuchtende Lufttorpedos fallen, die auf breiten Kondensstreifen aus zischendem Gas zum Leben erwachen.

„Schütze!“, brüllt Baral zu seinem Thopter hinauf und wirft eine nutzlose Klinge beiseite. „Erledigen Sie die Biotronikerin!“

Da ist ein Kreischen in meinem Kopf und vielleicht stoße ich es aus, weil er sich zurück zu mir dreht. Ich bin auf den Beinen und alles wird zu grellem Blauweiß, Mondlicht in einem Spiegel, ein wolkenloser Wüstenhimmel und ich sende Ströme blendender Flammen hinauf zu den schwirrenden Flügeln und dem glänzenden Messing –

Barals Hände schließen sich um meine Fäuste.

Alles hört auf. Magie stirbt.

„Schau dir an, was du getan hast“, schreit er mich an. „Sieh hin!“ Um mich herum ist überall Mana, aber ich kann es nicht greifen. Es ist schlüpfrig wie Öl auf Wasser. Ich versuche, es zu fassen zu bekommen, doch seine Hände lassen es mir entwischen. Er versucht, meine Arme zu verdrehen, mich zu brechen. „Selbst dein Papi wusste es. Als ich ihm die Klinge zwischen die Rippen stieß. Ich sah es in seinen Augen, als er verblutete. Wie er sich für dich geschämt hat.“

Gegabeltes, weißes Licht zuckt über den Knoten.

Ajani ist nichts als Wut und holt aus, während Frau Pashiri vom Geländer fortstolpert. Die Thopterblitze prallen von seiner Klinge ab. Einmal. Zweimal.

„Das ist genau das Gesicht“, grinst Baral. Sein Atem riecht nach billigem Fleisch und zu viel gesüßtem Chai, nach Wochen einsamer Mahlzeiten. Meine Arme wehren sich gegen ihn. „Verzweiflung. Genau wie damals in der Arena, Monster. Als meine Klinge an deinem kleinen Hals lag.“

Das dritte Krachen erschüttert die Welt.

Frau Pashiri taumelt und fällt. Rauchfarbene Zöpfe flattern auseinander.

Er lacht. „Gibt es irgendwen , den du nicht auf dem Gewissen hast?“

Irgendwie liegen meine blutigen Hände plötzlich um seine Kehle, finden die Lücken im Metall und drücken zu, so fest ich nur kann. Gesplitterte Nägel und blutige Daumen graben sich in die geschwollene Masse. Ich glaube, ich schreie. Meine Kehle ist wund.

Er schmettert mir die behandschuhten Hände gegen die Schläfen – immer und immer wieder –, und ich stürze in einen Tunnel, an dessen Ende nur Funken sind.

Als ich etwas anderes als meinen Herzschlag höre, donnert eine blecherne Stimme: „... verhaftet wegen Verschwörung, Verrat und tätlichen Angriffs. Gehen Sie auf die Knie und legen Sie die Hände hinter den Kopf.“

Baral kichert und spuckt in den erstarrenden Teer. Er hat Mühe, einzuatmen.

Über mir ist ein Luftschiff des Konsulats. Ein Dutzend Kanonen sind auf mich gerichtet.

Ich habe es vermasselt. Schon wieder. Alles brennt.

„Chandra.“ Nissa ist neben mir, auf ihre Klinge gestützt. Sie blutet und ist versengt, ihr Zopf halb aufgelöst. Pulsierende, leuchtende Splitter heißen Metalls zischen in den ungebändigten Locken. Jade fließt ihr aus den Augen, als sie mich ansieht. Zitternde Finger streifen über die klaffende Wunde an meinem Kopf.

„Du musst jetzt gehen“, sage ich rau und rappele mich auf.

Ich bin kein Monster.

Aber ich könnte eines sein.

Ich raffe die Luft um mich herum zusammen, setze sie in Brand und drücke zu. Zwischen meinen Händen entzünden sich Funken wie gleißende, goldene Fischwärme. Sie erschauern wie wild und werden weiß wie Arsen. So habe ich es schon tausende Male zuvor getan.

Baral schiebt sich den verbeulten Helm vom Kopf. Er scheppert über das Dach. Baral lächelt. „Ich habe deinen Papi getötet, Renegatin“, sagt er. „Ich habe dein Tantchen getötet.“

Der Wind frischt auf. Mehr Luft. Mehr Hitze. Ich halte sie fest. Drücke, bis sie sich nicht mehr bewegen kann. Bis aller Atem fort ist. Ich knirsche mit den Zähnen. Mein Licht hat nun die Farbe von Eis und wirft scharfe blaue Schatten.

„Und jetzt werde ich dich töten.“ Er zieht einen Dolch aus der Scheide an seiner Schärpe. Ein einfacher Dolch, mit alten Flecken und einem verkohlten Griff. „Und das Beste daran – das Allerbeste daran – ist, dass du nichts dagegen tun kannst.“

Es ist so leicht. Ich hätte schon früher daran denken sollen. Wir hatten es in Barals Falle versucht, aber da war ich zu wütend gewesen. Jetzt ist alles klar. Überdeutlich, einfach und verzweifelt klar.

„Es gibt etwas, was ich tun kann“, sage ich ihm.

Ich kann es wiedergutmachen. Für Frau Pashiri. Für Vater. Für Mutter. Für die alten Frauen und die kleinen Kinder, die ich im Heiligtum der Sterne getötet habe. Für ein Leben voller Fehlschläge. Für all die schrecklichen Dinge, die ich getan habe. Für all die Leute, die ich enttäuscht habe. Die Luft zwischen meinen Händen ist voller Sterne, tanzend und sengend heiß. Lichtstrahlen huschen kratzend durch mein Blickfeld.

„...etwas, was ich immer tun kann ...“

Ich kann Baral vernichten. Die Schiffe und die Mechakolosse. Tezzeret und das Konsulat. Ich könnte ganz Ghirapur auslöschen, wenn ich wollte. Es ist so leicht. Ich muss es nur erst aufstauen und dann entfesseln. Ich muss nur loslassen.

Denn jetzt spielt es doch ohnehin keine Rolle mehr, oder? Alles ist ruiniert.

Lass los.

Schließ die Augen.

Lass es geschehen.

Lass es vorbei sein.

Es spielt keine Rolle.

Ich schließe meine schmerzenden Augen vor Kaladesh und flüstere: „Ich kann brennen.“

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Arme von hinten. Der Duft nach Blumen und ein sanfter Wind an meinem Ohr. „Aber nicht allein.“

Nissa?

„Ich werde dir wehtun. Lass mich los.“

Ihre Arme drücken fester zu. „Nein.“

„Ich kann das nicht mehr. Lass mich los.“ Meine Sterne brennen die Tränen fort, doch meine Stimme ist hoch und wankend. Die Worte stolpern übereinander, als ich zu zittern beginne. Ich falle auseinander. „Bitte lass mich einfach gehen.“

„Das kann ich nicht. Wenn du uns so verlassen willst, dann wirst du mich mitnehmen müssen.“

„Das ist nicht –“ Ich kann jetzt nichts sagen. Da ist nur Licht und ihre Stimme.

„Geh nicht“, sagt sie.

Frau Pashiri zuckt und stürzt, die Zöpfe ineinander verknotet, den Blick auf mich geheftet, mich anflehend, in Sicherheit zu laufen. Vater krümmt sich zusammen, die Hände über dem roten Loch in seinem Magen verkrampft, sein Blick auf mich gerichtet, mich anflehend, in Sicherheit zu laufen. Tot. Meinetwegen.

„Verlass mich nicht“, sagt Nissa sanft. „Du wirst geliebt.“

Der tosende Wind zwischen meinen Händen reißt mir einen See aus den Augen. Funken, Glut, schwappendes Salzwasser.

Ich höre auf, weiter Energie hineinzuzwängen. Ich lasse das Quetschen sein. Die Sterne hüpfen und zittern zwischen meinen Händen. Das Licht flackert. Silberblaue Funken schwirren umher wie wütende Fliegen und zischen wie Öl in einer Pfanne.

Etwas stimmt nicht.

Das Feuer ist seltsam. Es wird noch immer heißer und fällt in sich zusammen. Es brennt von allein. Es brennt von selbst, ohne dass ich etwas tue. Ich blinzle und Lichtfetzen zerreißen die kurze Finsternis.

Es wächst noch immer.

Ich lasse die Hitze frei – vorsichtig, langsam –, aber sie schnappt nach mir, begierig, aus jener Falle zu entkommen, die ich für sie gebaut habe. Ein Zünglein einer unfassbar heißen Flamme leckt zwischen meinen Fingern hervor. Ich erhasche es gerade noch und lege meine Hände fester um das tobende blaue Licht. Baral schnappt nach Luft. Irgendwo in der Nähe beben und knirschen einstürzende Gebäude.

„Ich schaffe es nicht“, sage ich. Mein Herz hämmert mir gegen die angeknacksten Rippen. „Da stimmt etwas nicht. Es wird nicht weniger.“

„Chandra“, sagt sie. „Erinnere dich daran, wie es sich anfühlt zu schwimmen. Du hast mir auf Ravnica davon erzählt. Beschreib es mir noch einmal. Erzähl mir, wie es sich anfühlt zu schweben. Nur Blau und Luft über dir. Alles ist kühl und still ...?“

Ich schließe die Augen und bin zehn Jahre alt. Die Luft ist schwül und stickig. Zu heiß zum Schlafen. Mutter und Vater liegen gemeinsam im Gras, atmen langsam und berühren sich trotz der Sommerhitze im Schlaf. Ich schleiche mich davon und krieche die moosigen Steine hinunter. Ich lasse mich rückwärts ins Wasser gleiten und es kriecht mir in die struppigen Haare, kühl auf meiner verschwitzten Kopfhaut. Es schnürt mir die Kehle zu.

„Da ... Da war dieser Steinbruch, zu dem wir immer gegangen sind. Er war überwuchert. Ganz grün. Nachts ging ich hinaus und ließ mich treiben. Die Sterne spiegelten sich im Wasser. Weiß und blau und gelbrot. Flecken von Grün und zartem Rot, wie Geister in weiter Ferne. Die sanften Wellen hallten von den Felsen wider. Der Klang meines Atems kehrte dort zu mir zurück und wurde leiser und leiser. Als würde alles von mir abfallen. Wenn ich still genug dalag, war es, als ... Als wäre ich in ihrer Mitte. Als würde ich inmitten der Sterne schweben.“

„Da ist eine Laterne auf dem Wasser – zwischen den Sternen. Sie ist das Hellste, was man sehen kann. Kannst du dir das vorstellen?“

Eine rein weiße Fackel, die ruhig und reglos brennt und verzerrte Winkel aus Eislicht auf die schattenverhangenen Felsen wirft. „Ja.“

„Die Flamme wird kleiner“, wispert Nissa wie Wind durch Laub. „Es ist Nacht. Es ist Zeit, dass Lichter, die für die Erde bestimmt sind, verlöschen. Dass nur noch Geister und Sterne dir Licht spenden. Das Wasser schlägt sanft gegen dich. Es ist kalt auf deiner Stirn. Das Licht verglimmt.“

Das wilde Gleißen hinter meinen Lidern wird schwächer. Ich treibe mit geschlossenen Augen dahin. Wenn ich atme, rieche ich den feinen Duft von Kiefern und Nachtblumen aus ihrem Haar. Ich wanke. Ein tanzendes Licht auf stillem Wasser. Warme Arme über meinem Bauch halten mich und lassen mich nicht davontreiben.

„Du bist ein Licht im Wasser“, sagt Nissa, während sie mich hin und her wiegt und meine Schultern wie träge Wogen rollen lässt. „Aber nur ein kleines. Eine winzige Flamme, die in der Nacht flackert. Spürst du es? Du treibst. Ein kostbares Licht auf endlosen Wassern. Und die Sterne warten auf dich.“

Das Licht flackert und erlischt.
__________

Baral fluchte, als das Nalaar-Mädchen in die Arme der Elfe fiel. Eines seiner Augen war blutunterlaufen und vor Erschöpfung eingefallen, das andere mit getrocknetem Blut von der Schwertwunde verklebt, die er ihm auf der Stirn versetzt hatte. Seine Wangen waren sonnenverbrannt und tränenüberströmt.

„Ich kann nicht aufstehen“, sagte es mit dünner und vom Schreien heiserer Stimme. „Meine Beine ... Es ist wie auf Zendikar.“

„Dann werde ich dich tragen“, sagte die Elfe.

Er hatte sie beinahe gehabt. Reize ein Monster, bis es vor Wut und Schmerz rast, und es wird sich mit Sicherheit selbst das eigene Bein abbeißen. Er hatte Hunderte von Magiern dazu gebracht, in den Zellen des Dhunds zu zerbrechen, dort in der vergessenen Dunkelheit, wo niemand einzuschreiten wusste.

„Na schön.“ Er humpelte auf sie zu und schonte dabei das Bein, das sie versengt hatte. Manchmal musste man sich eben die Hände schmutzig machen. Wie der Vater, so die Tochter. Er verstärkte den Griff um die fleckige alte Klinge. „Alles, was du hast, ist Feuer. Was willst du denn tun, wenn du schon nicht brennen willst?“, spottete er. „Mich noch mal schlagen?“

Ein Baum rammte von links in ihn hinein.

Auf seiner Brust knackten die metallen Streifen und irgendetwas splitterte.

Er blinzelte Sterne weg. Das Atmen wurde ihm zu einer schmerzhaften Mühsal.

Er lag zusammengekauert an der Brüstung des Daches. Auf der anderen Seite hielt die Elfe nun das schlaffe Mädchen in den Armen. Über ihnen ragte ihr neu erschaffenes elementares Untier auf und schüttelte Blut von einer Wurzelfaust von der Größe eines Thopters. Dann schüttelte es sich überall und die Blätter auf seinem Rücken fauchten wie ein wütender Tiger.

„Geh“, sagte die Elfe kalt und wandte sich ab.

Hinter ihnen senkte sich das Brüllen des Thopters dem Boden entgegen.

Stiefel scharten sich um seinen Kopf.

Baans Stimme erklang über dem Surren der Flügel, präzise und teilnahmslos. „Mehrere gebrochene Rippen und ein Haarriss des Schlüsselbeins. Leichte Gehirnerschütterung. Verletzungen der Luftröhre und des Kehlkopfes. Verbrennungen zweiten Grades an Rücken, Gesicht und Füßen. Verbrennungen dritten Grades am linken Bein. Inspektoren, eine Trage bitte.“ Ein Chor kehliger Bestätigungen, als Barals Schwadron sich schleunigst daranmachte, die Anweisung zu erfüllen.

Baan ging neben seinem Kopf in die Hocke und achtete peinlich darauf, dass seine Schuhe nicht blutig wurden. „Genau deshalb bestehe ich auf die korrekte Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen. Wäre diese Brüstung hier nicht gewesen ...“

„Halten Sie den Mund!“ Baral schnaubte und stieß einen flachen, hilflosen Atemzug aus seiner schmerzenden Brust.

Baans Augen verengten sich und er atmete scharf ein. „Hauptmann Baral“, sagte er scharf. „Ihren Berichten von vor zwölf Jahren zufolge starben Fräulein Nalaar und ihre Eltern bei einem Brand, der durch eine Brandstiftung seitens Fräulein Nalaar ausgelöst wurde. Ihren Aussagen vom heutigen Tage nach – die ich mit gewissenhaftester Sorgfalt aufgezeichnet habe – haben Sie Kiran Nalaars Leben selbst ein Ende gesetzt, Pia Nalaar ohne Verhandlung in ein Gefängnis verbracht und anschließend versucht, die Hinrichtung ihrer Tochter in eine Art ... Spektakel für die Arena zu verwandeln.“

„Die Nalaars waren Ätherschmuggler. Das Mädchen hat eine Gießerei zerstört.“

„Verbrechen, derentwegen man sie vor ein Gericht stellen und gerecht hätte bestrafen sollen. Nichts davon ist jedoch ein Kapitalverbrechen.“

„Verdammt, Baan! Sie ist eine Pyromagierin!“

„Sie ist eine Bürgerin“.

„Ein Monster!“, schnappte er und die Worte raubten ihm den Atem. „Alle Magier sind Monster“, flüsterte er gen Himmel.

Baan seufzte und legte die Fingerspitzen aneinander, die Unterarme quer über den Knien. Sein Gesicht war ernst und voller Übelkeit erregendem Mitleid. „Leitender Inspektor Dhiren Baral, ich beschuldige Sie des Mordes – wahrscheinlich in mehreren Fällen, die alle erst noch aufgedeckt werden müssen – und des versuchten Mordes in einem Falle. Ich beschuldige Sie der unrechtmäßigen Gefangennahme in einem Fall und – vermutlich auch hier – weiteren Fällen, die bislang noch nicht entdeckt wurden. Weiterhin beschuldige ich Sie der Fälschung öffentlicher Aufzeichnungen in mehreren Fällen, mit der ausdrücklichen Absicht, Ihre Verbrechen zu verschleiern.

Sie sind eine Schande für Ihre Uniform und ein verstörendes Zerrbild jener Ideale, die das Konsulat verkörpert. Obgleich ich Ihre Vergehen für mehr als empörend halte, sieht das Gesetz vor, dass selbst Sie von einem ordentlichen Gericht abgeurteilt werden müssen. Ich weise Sie darauf hin, dass alles, was Sie von nun an sagen, als Beweismittel in die offiziellen Berichte aufgenommen werden wird.“

„Sie entkommen“, krächzte Baral. „Die Elfe und die Pyromagierin. Sie müssen sie erledigen.“

Baan neigte den Kopf. „Falsch. Unsere Mission ist abgeschlossen und war erfolgreich. Der Ätherknoten wurde zurückerobert. Unsere verbleibenden Einheiten werden sich nun neu formieren, um ihn gegen den wahrscheinlichen Fall eines Gegenangriffs zu verteidigen. Werden Sie sich jetzt abführen lassen oder haben sie vor, sich auf ein weiteres Handgemenge mit dem Gebüsch einzulassen?“

Die Luft strömte aus ihm heraus. Das war es also gewesen. Er legte sich zurück und schaute zu den sich auftürmenden Wolken hinauf. „Ich werde das nicht vergessen, Baan.“

„Ausgezeichnet. Ich wiederhole mich nur sehr ungern.“
__________

Gideon kniete sich hin, den Rücken ihr zugewandt. „Klettere hinauf.“

„Du musst das nicht tun.“ Ihre Stimme war schwächer, als er sie je gehört hatte, dumpf und leblos.

„Das ist schon in Ordnung, Chandra. Breite Schultern, weißt du? Jede Menge Platz.“ Er hoffte, es klang so fröhlich, wie es klingen sollte.

Ihr Gewicht verteilte sich auf seinem Rücken. Er atmete schnell und leise ein, als ihre Knie und Ellenbogen gegen die wunden Stellen dort drückten. Er schob die Unterarme unter ihre bloßen Knie, als dünne Arme sich um seine Schultern schlossen. Jede ihre Fingerspitzen war verbrannt, Handflächen und Knöchel mit fleckigen Bandagen umwickelt. Die Unterarme unter seinem Kinn waren voller hässlicher Schnitte von herumfliegendem Stahl und Glas.

„Fertig?“, fragte er.

„Klar“, murmelte sie.

„Und hoch mit dir“, keuchte er und rappelte sich auf. Sie wog nicht viel. Nicht wirklich. Er war ... müde. Ihre pochende Fieberhitze fühlte sich gut auf den roten Prellungen unter seinem Hemd an.

Er trug sie die Flure des verlassenen Wohnhauses entlang. Bröckelnde, vom Schimmel feuchte Wände waren von wilden Konstellationen ätherblauer Lichtkapseln übersät.

Die Herz von Kiran hatte die Flüchtlinge aus dem Ätherknoten ins Bronzeviertel, einem Gebiet der Renegaten, in Sicherheit gebracht. Nun hing sie über einer breiten Straße zwischen hohen und baufälligen Stahlwerkstätten. Fahrzeuge und Züge fuhren unter ihr entlang, während an Geschirren hängende Schweißer Teile der beschädigten Panzerung austauschten. Ein beständiges, blechernes Dröhnen behelfsmäßiger Flakgeschütze im Hintergrund vertrieb die Luftschiffe des Konsulats. Immerhin war es nicht mehr der „Hochzeitsmarsch der Goblins“.

Eine Gruppe Renegaten hatte sich in der Halle vor ihnen versammelt und flüsterte untereinander.

„... alles ging schief, als die Tochter ...“

„... ich weiß nicht, ob die Dinge nicht anders gelaufen wären ...“

„... hat die Erste Renegatin nicht schon genug gelitten?“

„... ich habe gehört, sie hat alles vom Knoten aus mit angesehen ...“

Bei ihrem Eintreten blickten sie auf und verstummten unter seinem funkelnden Blick. Chandra vergrub das Gesicht zwischen seinen Schultern. Ihre Arme drückten fest zu. Flache, warme Atemzüge streiften ihm über den Rücken.

Sie wandten sich zur Treppe und ließen die Gruppe zurück. Auf halbem Weg nach unten zog sie eine Hand weg und fuhr mit einer Leichtigkeit und einer Sanftheit über seine Schultern, bei der sich ihm die vielen Härchen auf seinen Armen aufstellten. „Hast du die überall? Die Prellungen, meine ich? Die siehst aus, als wärst du eine Treppe voller Faustschläge runtergefallen.“

Er lachte kurz auf, sowohl um ihretwillen als auch um seiner selbst. Der Klang hallte einsam die Treppe auf und ab. „Ich fürchte schon.“

„Ich dachte, du bist unzerstörbar.“

„Ich musste mir etwas Außergewöhnliches einfallen lassen. Aber ich bin hier. Also bin ich technisch gesehen immer noch nicht ... äh, kaputtbar.“ Er wandte sich zur nächsten Tür, hinter der sich so etwas wie ein Lazarett befand.

„Ich glaube nicht, dass das ein Wort ist.“

„Ich bin mir sicher, Jace kennt mindestens sechs Wörterbücher auswendig. Sobald Hauptmann Zev ihn zurückbringt, werden wir ihn fragen.“ Er nickte dem Renegaten zu, der die Tür vor ihnen bewachte und nun für sie öffnete.

Frau Pashiri lag in einem durchhängenden Bett. Sie hatte die Hände vor dem Bauch zusammengekrampft, die Augen geschlossen. Sie wirkte bleich und ausgezehrt, aber sie atmete. Ajani saß neben ihr. Eine seiner gewaltigen Tatzen bedeckte ihre beiden Hände. Er hielt den Kopf konzentriert gesenkt. Eine schwache Aura silbernen Lichts umgab sie beide. Kraft floss pulsierend von ihm zu ihr.

Chandra erschauderte bei dem Anblick. „Ich ... Ich kann das nicht tun“, flüsterte sie. „Bring mich zurück, Gids.“

Ajanis Licht wurde schwächer. Er blickte auf und musterte sie, während er ruhig durch die Nase einatmete. „Du bist sehr krank, Chandra“, sagte er.

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„Was? Ich fühle mich nicht –“

„Das wirst du. Schon sehr bald. Der Schaden ist kaum wahrnehmbar, aber großflächig. Und schwer. Du und Nissa, ihr braucht beide Behandlung. Gideon, bringst du sie später her?“

Er nickte. Chandra öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder wortlos und wandte den Blick ab. Nissa hatte sie durch die halbe Stadt zum Bronzeviertel getragen. Sie war die meiste Zeit über gerannt, schweigend und auf der Hut vor Inspektoren des Konsulats. Nachdem sie sie Gideon übergeben hatte, war die Elfe zu einem Flecken sonnenbeschienenen Grases getaumelt und in einen erschöpften Schlaf gefallen.

Ajani stand auf und deutete auf den Stuhl. „Bitte setz dich. Sie hat vorhin nach dir gefragt.“

Gideon ließ sich vor dem Stuhl auf ein Knie fallen und sie glitt darauf. Ihre Hand zitterte in der Luft über Frau Pashiris Händen. „Ist sie ...?“

„Großmutter wird wieder gesund werden. Es wird eine Weile dauern. Solange ich in der Nähe bin, wird sie keiner erschlagen.“ Ajani machte eine Pause und musterte sie. „Das war nicht deine Schuld, Chandra.“

Sie schaute zur Wand. „Ich ... Das weiß ich.“

„Vielleicht“, sagte er. „Es bleibt zu hoffen, dass du das tust. Aber du musst es trotzdem hören.“

Ihre Hand berührte die Frau Pashiris. „Möchtest du, dass wir gehen?“, fragte Gideon.

Chandras Finger schlossen sich um die der alten Frau. „Sie ist heute meinetwegen beinahe gestorben. Schon wieder. Ich bin nicht einmal zwei Monate zu Hause und habe sie schon zweimal fast getötet.“ Tränen stiegen ihr in die Augen und pulsierten im Schlag ihres Herzens. „An dem Tag, als ich weggelaufen bin, hat sie mich gedeckt. Habe ich das jemals erzählt? Ich durfte mich an dem Ort verstecken, an dem sie gearbeitet hat. Sie hat Baral und seine Leute abgelenkt. Und ich habe sie nicht einmal gefragt, was damals passiert ist, seit ich zurückgekommen bin. Ich meine ... Haben sie sie auch ins Gefängnis geworfen wie Mutter?“

„Nein“, knurrte Ajani. „Sie war frei. Als deine Mutter entlassen wurde, haben sie –“

„Aber ich habe nie danach gefragt!“, schnaubte sie und hieb sich mit der Faust aufs Knie. Sie kämpfte sich schwankend auf die Beine, machte einen Schritt auf die Tür zu und brach zusammen. Ajani fing sie mit einem Arm auf. „Verdammt!“, sagte sie durch zusammengebissene Zähne. „Ich kann nicht einmal ... Ich will nur ... Ich will nur weg. Ich sollte nicht hier sein. Ich verdiene es nicht –“

Am anderen Ende des Flurs wurde eine Tür zugeschlagen. Sie schaute auf und schnappte nach Luft.

Frau Nalaar lief zügig auf sie zu, den stechenden Blick fest auf sie geheftet. Fetzen von altem, feuchten Papier flatterten hinter ihr auf, von Rauchsträhnen durchsetztes Haar wehte ihr nach wie ein Banner.

Gideon schlüpfte neben Chandra und ließ sie seinen Unterarm packen. „Ich habe sie“, murmelte er Ajani zu. Der Leonide nickte und zog sich zurück.

„Ich habe es vermasselt“, flüsterte sie. „Das tue ich immer. Sie ist böse auf mich und das zu Recht. Ich bin furchtbar, Gideon. Ich weiß gar nicht, warum du mich überhaupt festhältst.“

Drei ungerechte, ungewisse, unverzeihliche Worte erklangen in Gideons Verstand. Worte, die nicht mehr zurückgenommen werden konnten, sobald sie erst einmal ausgesprochen waren.

„Sprich mit ihr“, sagte er stattdessen.

Chandra richtete sich so gerade auf, wie sie konnte. Mit einer zitternden Hand klammerte sie sich an seinen Unterarm, um sich abzustützen. Sie blickte nicht auf, sondern sah nur zu, wie die Füße näher kamen.

„Kind“, sagte Frau Nalaar mit einer hohen Stimme so gespannt wie eine Leiersaite.

„Mutter, ich –“

Frau Nalaar riss sie in eine wilde Umarmung, die sie zurückstolpern ließ. „Ich will dich nicht noch einmal verlieren.“ Ihre Stimme war heiser und bebend geworden. Ein leiser, klagender Ton entfuhr Chandra.

Sie zog sich zurück und blickte Chandra in die Augen, legte dunkle Hände auf sonnenverbrannte Wangen und drückte ihre Stirn gegen die ihrer Tochter, als Tränen über die alten Trauerfalten liefen, die sich in ihr Gesicht gegraben hatten. „Verstehst du mich? Ich will nicht. Ich würde daran zerbrechen. Ich liebe dich.“

Chandras Augen füllten sich mit Tränen. „Wenn du zu weinen anfängst, muss ich auch weinen“, sagte sie schluchzend mit zitternden Mundwinkeln.

Gideon schloss die Tür hinter sich, drückte sich die Handballen in die eigenen, stechenden Augen und warf einen Blick zu Ajani. „Frau Pashiri wird wieder gesund?“

Er war nie gut darin gewesen, den Gesichtsausdruck von Leoniden zu deuten, doch es schien ihm, als würde der andere Mann lächeln. „Das zu hören, verspricht bessere Heilung als jede Magie.“

„Aber sie ist bewusstlos.“

Ajanis Schwanz wedelte waagerecht in einer ausweichenden Geste. „Oft hört man im Schlaf wahre Dinge.“

Das Trappeln von Stiefeln donnerte über den Gang: eine Gruppe von Renegaten in behelfsmäßigen Uniformen, die miteinander über Prüflisten, Geschütze und Stellungen stritten. Gideon und Ajani tauschten einen schiefen Blick und danach ein kaum wahrnehmbares Schulterzucken aus, um sich dann mit verschränkten Armen und breiten Schultern, die jeden Zugang versperrten, vor die Tür zu stellen.

Der Zwerg an vorderster Stelle hatte den gequälten Gesichtsausdruck eines Schreibers. „Wir müssen sofort mit der Ersten Renegatin sprechen“, sagte der Mann grummelig. „Es ist dring–“

Gideon brachte ihn mit einer Handbewegung und einem Kopfschütteln zum Schweigen. „Nur zehn Minuten."
Veröffentlicht in Magic Story on Januar 4, 2017

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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Mi 1. Feb 2017, 21:00

Hier sonst wieder eine kurze Zusammenfassung:
Spoiler:
Nachdem die Rebellen den Ätherknoten eingenommen haben, macht sich das Konsulat daran ihn zurück zu erobern.
Dovin Baan plant den Angriff und bekommt von Tezzeret Baral zur Seite gestellt.
In der Zwischenzeit befinden sich Chandra, Nissa und Gideon auf dem Luftschiff "Herz von Kiran", das wohl gerade am Ätherknoten vollgetankt wird oder so ähnlich. Gideon und Chandra plauschen über die Vergangenheit und offensichtlich bahnt sich eine Romanze zwischen den beiden an. Nissa platzt in die traute Zweisamkeit, was aber nicht weiter schlimm ist, weil in diesem Moment sowieso die Konsulatstruppen angreifen. Baral stachelt Chandra an und lockt sie weg, Nissa folgt um ihr zu helfen.
Gideon kämpft (mit ein bisschen Unterstützung von Lilliana - die plötzlich aus dem Nichts auftaucht) gegen Metall-Ungetüme und wird sogar verletzt.
Nissa und Chandra stellen Baral, wobei Nissa hautsächlich sorgenvoll dabei zusieht, wie ihre Freundin verkloppt und beleidigt wird. Zum Schluss hilft sie doch ein bisschen. Bis dahin hat Baral aber schon Nissa halb tot geschlagen und Frau Pashri niedergeschossen. Ja, genau die. Sie und Ajani sind nämlich auch plötzlich da und der große Leonide ist genau so entschlussfreudig wie Nissa.
Endlich taucht dann Dovin Baan auf - der plötzlich cool geworden ist - und verhaftet Baral. Weiß der Teufel woher dieser plötzliche Sinneswandel kommt.
Für das angeschlagene A-Team ist es aber gut, denn sie können sich zurück ziehen.
Der Ätherknoten wurde in der Zwischenzeit vom Konsulat eingenommen. Kein Wunder, wenn bei fünf anwesenden Planeswalkern eine damit beschäftigt ist, sich verprügeln zu lassen, zwei ihr dabei zusehen, eine den Jubel der Menge genießt nachdem sie einen popeligen Roboter ausgeschaltet hat und der Letzte schließlich beim Kampf nur halb bei der Sache ist weil er dauernd an seine Freundin in Gefahr denkt.

Die Renegaten ziehen sich zurück und lecken ihre Wunden. Chandra macht sich Sorgen ob Mami stolz auf sie ist. Gideon macht sich Sorgen um Chandra. Ajani macht sich Sorgen um Frau Pashri. Die wieder macht sich Sorgen um das Renegantentum. Und die Reneganten machen sich Sorgen um ihre Anführerin, die wiederum um ihre Tochter besorgt ist.

Falls es wen interessiert; ich mache mir Sorgen ob es so lahm weiter geht.
Zuletzt geändert von Judge Fredd am Mi 1. Feb 2017, 21:06, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von snotl » Fr 3. Feb 2017, 12:27

Judge Fredd hat geschrieben: Falls es wen interessiert; ich mache mir Sorgen ob es so lahm weiter geht.[/spoiler]
:lol: Da muss mehr Action rein!
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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Vindicator » Do 9. Feb 2017, 00:23

snotl hat geschrieben:
Judge Fredd hat geschrieben: Falls es wen interessiert; ich mache mir Sorgen ob es so lahm weiter geht.[/spoiler]
:lol: Da muss mehr Action rein!
Ähhh OK? Was soll denn noch alles passieren?

Psst - Das Sommerset trägt den Titel "Hour of Devastation" - klingt das nach genug Action?
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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Do 9. Feb 2017, 11:34

Mit lahm meinte ich eigentlich nicht das Fehlen von Action, sondern den Stiel der Geschichte. Dieser überdramatische, und elend lange Kampf zwischen Baral und Chandra, der dann im Endeffekt sowieso auf nichts hinaus läuft, zum Beispiel. Auch dass sie versuchen mit aller Gewalt eine total unpassende Romanze hinein zu dremmeln. Ich meine jetzt mal im Ernst - Gideon und Chandra ??? WTF. Mal davon abgesehen, dass er ihr Daddy sein könnte, kommt das ziemlich unerwartet. Was passiert als nächstes macht sich Ajani an Lilliana ran?
Dazu kommt noch diese ewige Unentschlossenheit des großen Anführers. Auf Zendikar hat er noch ganze Armeen sehenden Auges in aussichtslose Schlachten gegen überlegene Monsterscharen geführt und hier zaudert er schon wenn nur die Gefahr besteht, dass sich die Renegaten und das Konsulat zu sehr verkloppen.
Ich denke die verschiedenen Autoren sollten mal ihre Charaktere gleich schalten.

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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Do 9. Feb 2017, 11:54

Der Himmel über Ghirapur


Während die Renegaten sich auf die Erstürmung des Ätherknotens vorbereiteten, verfolgte die Himmelspiratin Kari Zev einen anderen Plan: Äther auf die bestmögliche Weise zu beschaffen, die sie kannte, indem sie den begehrten Stoff direkt von den Schiffen des Konsulats abzapfte. Stets auf einen Ausweichplan bedacht begleitete Jace die junge Kapitänin auf ihrer Mission.

Als das Konsulat den Ätherknoten von den Renegaten zurückerobert, schränkt es den Luftverkehr ein und droht damit, den Plan der Renegaten, Tezzeret selbst anzugreifen, zum Scheitern zu bringen. Es ist nun an Jace und Kari, den Renegaten die Gelegenheit zu verschaffen, die sie brauchen.


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Trotz ihrer gerade einmal fünfzehn Jahre war Kari Zev schon lange genug Piratin, um bereits mehr als genug sonderbare Dinge gesehen zu haben. Manchmal war sie an sonderbare Orte gereist und hatte sonderbare Leute getroffen, und manchmal war das Sonderbare auch zu ihr gekommen. Vielleicht gehörte das einfach zum Piratenleben dazu. Auch wenn Kari nicht mit Gewissheit zu sagen vermochte, wo der genaue Grund nun lag, hatte sie das Sonderbare immer rasch als eine ganz wunderbare Quelle ungeahnter Möglichkeiten aufgefasst.

Und deshalb befand sich die berüchtigte junge Kapitänin an Bord eines Luftschiffs des Konsulats, das Äther sammelte, und schmuggelte Kanister aus dessen Laderaum in ihr Schiff – und das Ganze unter dem wohlwollenden Blick von Handlangern des Konsulats, während sie dabei die ganze Zeit über die Stimme in ihrem Kopf zurate zog.

Natürlich sah das Konsulat nichts davon, zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Was es zu sehen bekam, war ein verbündetes Schiff des Konsulats mit einer loyalen Mannschaft des Konsulats, die auf offizielle Order des Konsulats gekommen war, um Äther für das Konsulat abzuholen.

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Das ist ein hübscher Trick, Jace. Ich kann kaum glauben, dass er funktioniert. Das ist die letzte Kiste“, dachte sie, obwohl es sich noch immer eigenartig anfühlte, etwas zu jemandem zu denken. Doch was war schon normal an diesem Auftrag?

Sie ging leicht in die Knie, drückte die Wange gegen das mit Drahtgeflecht verzierte Seitenpaneel der Kiste und hob ihr Ende davon an. Durch zusammengepresste Zähne stieß sie einen kurzen, abgehackten Atemzug aus. Als die Ladung sich von der polierten Oberfläche des Decks löste und das Gewicht der Kiste sich ihr in die Finger grub, erklang Jaces Stimme in ihrem Kopf.

Bringen wir das einfach hinter uns. Ich rate allerdings von weiteren Spielereien ab.“

Spielereien?“ Sie schlurfte rückwärts, während sie die stumme Unterhaltung fortsetzte und vertraute auf ihren Kistenpartner, sie sicher über die Planke zu geleiten, die den Spalt zwischen diesem und ihrem Schiff überbrückte. „Was für Spielereien? Als loyale Kapitänin des Konsulats habe ich bloß meine Ansichten über diese dreckigen Renegaten kundgetan.“

Die Illusion, die dich, deine Mannschaft und dein Schiff verschleiert, wirkt nur auf einer rein visuellen Ebene. Ich sage nur, dass du ihnen keinen Grund geben solltest, misstrauisch zu werden. Links von dir befindet sich eine Wache. Der Mann ist über diesen Austausch nicht erfreut.“

Kari musste nicht hinschauen, um zu wissen, dass die Wache sie beobachtete, aber natürlich tat sie es trotzdem. Es handelte sich um einen schlaksigen Offizier mit runden Schultern und Grau an den Schläfen. Kari nickte ihm zu, als sie auf die Planke traten.

Er folgt dir hinüber“, erklang Jaces Stimme erneut.

Ausgezeichnet“, dachte sie. „Ich habe noch viel mehr zu sagen.“

Ich merke, wenn du Witze reißt, weißt du.“

Aber es treibt dir schon den Schweiß auf die Stirn, oder?“, neckte ihn Kari.

Endlich befanden sie sich an Bord ihres Schiffes. Die Drachenlächeln sah jedoch gerade mehr wie ein Wolkenschnitter des Konsulats aus. Selbst Kari konnte Jaces Illusion nicht durchschauen. Hoffentlich konnte dieser Offizier, der nun auf sie zukam, als sie und ihr Partner die Kiste auf Deck absetzten, das ebenso wenig.

Kari rieb sich die tauben Finger und wandte sich zu dem Offizier, der einen ganzen Kopf größer war als sie. „Kann ich Ihnen helfen?“ Er blickte sich auf dem Schiff um, und zwar auf eine Weise, als wollte er sie wissen lassen, dass er nach etwas suchte.

Er ist ein Leutnant“, teilte Jace ihr telepathisch mit.

„Leutnant“, sagte sie und dann erneut: „Kann ich Ihnen helfen?“

Der Offizier neigte den Kopf nach unten, um sie anzuschauen. Er begann, etwas zu sagen, doch seine Worte wurden abgeschnitten, als ein Kreischen über sie hinwegfuhr, und er sprang zurück, als würde er einem Angriff ausweichen. „Ein Affe!“, sagte er und sah nach oben. Ein zweites Kreischen ertönte.

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„Jupp“, bestätigte Kari. „Irgendwer muss das Schiff ja steuern.“

Offenkundig erleichtert stieß der Offizier ein nervöses Kichern aus. Kari konnte der Versuchung nicht widerstehen. „Was ist denn so witzig?“, fragte sie in völlig ernstem Ton. Ein langer Augenblick folgte, in dem das Lächeln des Offiziers nach und nach dahinschwand, bis er nur noch dastand und den Blick misstrauisch zwischen Kari und dem Affen hin und her pendeln ließ. Karis Gesicht blieb humorlos, und sie genoss jede Sekunde dieses Moments.

„Ich erlaube mir nur einen kleinen Spaß mit Ihnen, Leutnant“, sagte sie, hakte einen Daumen unter die Rangschärpe, die sie quer über der Brust trug, und brachte sie kräftig zum Schnalzen. „Das hier ist mein Schiff.“

Er legte den Kopf zur Seite und runzelte die Stirn. „Verzeihen Sie, aber Sie scheinen mir recht jung für eine Kapitänin.“

Kari setzte ihre beste Miene der Marke „Ich dulde hier keine Faxen“ auf. „Junge, es gibt hier zwei mögliche Realitäten: Entweder bin ich zu jung und daher keine Kapitänin. Oder ...“ Sie ließ erneut ihre Rangschärpe schnalzen. „Ich bin tatsächlich Kapitänin und Sie zweifeln gerade meine Autorität an. Nun, an welche dieser Realitäten ist es wohl sicherer für Sie zu glauben? Vielleicht gibt es einen Grund, dass Sie immer noch Leutnant sind. Denken Sie darüber mal nach.“

„Verzeihung, Kapitänin. Ich wollte Sie nicht beleidigen.“

Kari griff nach oben und tat, als striche sie dem Offizier ein Stäubchen von der Schulter. Sie musste ihre gesamte Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht laut loszulachen. „Ich weiß. Hätten Sie mich beleidigen wollen, hätten Sie eine völlig neue Art der Realität kennengelernt. Und nun weggetreten.“ Sie wandte ihm den Rücken zu und bellte niemand Bestimmtem einen Befehl zu: „Bereit machen zum Ablegen! Dieser Abschaum von den Renegaten muss büßen!“

Nachdem der Leutnant gegangen war, ließ Kari die Planke einholen. Bald wuchs der Spalt zwischen den Schiffen, als Kari ablegte. Kaum fand sie die Distanz ausreichend groß, dachte sie: „Du kannst den Trick jetzt fallen lassen. Wir sind weit genug weg.“ Und ehe sie ihre Gedanken zu Ende formulieren konnte, löste sich ihre Konsulatsuniform auf, gemeinsam mit den Flaggen des Konsulats an ihrem Schiff. Sie war nicht mehr Kari Zev, Blablabla des Konsulats, sondern wieder Kari Zev, die Piratin. „Beeindruckend, Jace. Wirklich. Und jetzt komm an Deck, wenn du unsere Beute begutachten willst.“

Während sie auf den Mann mit der Kapuze wartete, tigerte sie an Deck umher. Obwohl es niemals wirklich fort gewesen war, war sie froh, ihr Schiff zurückzuhaben. Es war zwar nicht ihr erstes Schiff, doch aufgrund seines geschwungenen Bugs, dem es auch seinen Namen verdankte, war es ein wahrhaft wunderschönes. Sie liebte es. Mehr noch: Sie liebte es, hier oben zu sein. Hier war es frischer und freier, und alles gehörte ihr.

Steuerbords entdeckte Kari einen Schwarm Himmelswale, der nur wenige Meilen entfernt durch eine wirbelnde Ätherströmung schwamm. Es handelte sich um etwa ein Dutzend dieser prachtvollen Kreaturen, die dem Ätherfluss über den Himmel folgten. Unter ihnen waren Junge, die zwischen ihren gewaltigen Eltern mit einer Sorglosigkeit umhertollten, die Kari zum Lächeln brachte.

„Du hättest das vorhin nicht tun sollen“, sagte Jace, als er sich zu Kari gesellte, die bei den Kisten stand, und es dauerte einen Augenblick, bis sie sich an den tatsächlichen Klang seiner Stimme gewöhnt hatte. „Es war ein unnötiges Risiko, diesen Offizier zu reizen. Du weißt, dass dem so ist.“

„Ein Risiko? Ja, ich schätze schon. Aber ich hätte es mir andernfalls nie vergeben können.“ Ihre Hand deutete von der Richtung, aus der sie geflogen kamen, zu dem Stapel Kisten hinter ihr. „Du verstehst das, oder?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das tue“, gab Jace zurück, doch Kari hörte schon nicht mehr zu. Der beschutzbrillte Affe Ragavan beobachtete ihren Wortwechsel von der Spitze des Kistenstapels aus, und Kari pfiff ihn zu sich herüber.

„Komm, Ragavan, mein Prinz. Werfen wir mal einen Blick hinein.“ Kari fummelte am Schloss, und als der Riegel zur Seite glitt, war es der Affe mit dem weißen Fell, der den Deckel anhob. Mit einem Lächeln begrüßte Kari das willkommene blaue Leuchten, das über sie alle hinwegwusch.

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Sie fasste in die Kiste und zog die zylindrische Form eines Ätherkanisters daraus hervor. Das Licht, das von ihm ausging, stammte von einem Glasfenster in der Mitte seines Metallgehäuses, und Kari musterte seinen wirbelnden, gasförmigen Inhalt. Dann tauchte über ihrer Schulter Jaces Gesicht auf.

„Hast du etwas anderes als Äther erwartet?“

„Nein. Ich genieße nur den Augenblick. Das solltest du auch. Schließlich verdanken wir das alles deiner Illusion“, sagte sie und reichte Jace den Kanister, der ihn mit offenkundiger Neugier an sich nahm. Dann rief sie einen weiteren Befehl: „Sichern wir diese Ladung hier! Bringt sie nach unten!“

Nach einem kurzen Augenblick begann die Plattform in der Mitte des Decks sich in den Laderaum im Bauch der Drachenlächeln abzusenken. Kari schwang sich auf eine der anderen Kisten, setzt sich und ließ die Beine über die Kante baumeln.

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An Jace gewandt, der die Fahrt nach unten nicht einmal wahrzunehmen schien, sagte sie: „Weißt du, als ich an Bord meines ersten Schiffs – der Sonnenjäger – war, sagte mein Kapitän mir immer, dass das, was einen guten Piraten ausmacht, sein Instinkt zum Aufspüren und Nutzen günstiger Gelegenheiten ist. Wenn man den nicht hat, meinte mein Kapitän, dann ist man nur ein Dieb mit einem Schiff.“ Sie hielt inne. „Was ich damit sagen will, ist, dass du mit uns kommen könntest, wenn diese Sache mit dem Konsulat und dem Großen Konsul vorbei ist. Jemand mit deinen Talenten ist bestimmt sehr nützlich.“

Keine Reaktion. Vielleicht hatte er sie nicht gehört. Die Plattform kam im engen Laderaum unter Deck zum Halten.

Kari setzte an, die Frage zu wiederholen, ließ es dann jedoch bleiben. Stattdessen sah sie zu, wie er den Zylinder in den Händen drehte, als inspizierte er ihn nach irgendeiner verborgenen Bedeutung, die in seinem Inneren versiegelt war. Es war nur Äther, doch Jace schien völlig entrückt.

Dann endlich kam von ihm ein „Entschuldige, hast du etwas gesagt?“

Nicht weiter wichtig, dachte sie. Stattdessen erwiderte sie: „Du bist nicht so von der Piratensorte, oder?“

Der Kanister hörte auf, sich in Jaces Händen zu bewegen. Er lächelte. „Nicht? Und wofür hältst du mich dann?“

„Na ja ...“ Kari lehnte sich vor, stützte die Ellenbogen auf die Knie und musterte Jace. „Jedenfalls nicht für einen Piraten.“

„Ich schätze nicht. Doch was bedeutet das genau? Ein Pirat zu sein? Wie kommt es, dass du Freude an diesem Lebensstil hast?“

„Wie kommt es, dass irgendwer irgendwas macht?“ Kari zuckte die Schultern. „Ich weiß bloß, dass ich mir nicht vorstellen könnte, etwas anderes zu machen. Was auch immer nötig ist, dass dieses Schiff weiterfliegen kann: Ich werde es tun. Und dieser ganze Äther“, sie hämmerte mit einer Faust auf die Kiste, auf der sie saß, „bringt mir genug ein, dass mir der Himmel zumindest noch eine kleine Weile offensteht.“

Jace legte den Kanister zurück an seinen Platz, als wäre er plötzlich kontaminiert. „Du hast vor, diesen Äther an die Renegaten zu verkaufen? Lass mich eines klarstellen: Ich bin mit dir gekommen, weil ich dachte, du könntest dabei helfen, das Blatt zu wenden. Ich kann dir bei deinen Besorgungen helfen, aber du solltest wissen, dass ich wegen Tezzeret hier bin.“

Das war etwas zu anklagend für Karis Geschmack. Besonders auf ihrem eigenen Schiff. „Pass auf, Jace. Pia und ich stehen uns ziemlich nahe. Sie ist wie eine zweite Mutter für mich. Aber sie kennt mich gut genug, um zu verstehen, dass ich nicht um die Freiheit kämpfe – und schon gar nicht umsonst. Ich werde für das Ziel der Renegaten auf Kaperfahrt gehen, aber die Wahrheit ist, dass dieses Schiff oder gar eine ganze Flotte nicht von selbst in der Luft bleiben kann.“ Sie hämmerte erneut mit der Faust auf die Kiste. „Das bedeutet es, Pirat zu sein!“

Ihr Gesicht wurde heiß und sie war sich bewusst, dass ihre Stimme in den letzten Sekunden um einiges lauter geworden war. Sie holte Luft. „Hör zu: Morgen kurz vor Tagesanbruch arrangiere ich die Übergabe mit einem von Pias Verbündeten. Du solltest mitkommen.“
__________

Man nannte sie die Vogelhäuschen. Kari hatte Jace erklärt, dass es sich dabei um den Sammelbegriff für die Gruppe von Hangars auf den Dächern einiger der höchsten Gebäude Ghirapurs handelte. Dorthin war sie als kleines Kind gegangen, um tagaus, tagein den Luftschiffen zuzusehen. Das Ganze war ein einziges Wirrwarr aus Laufstegen und Treppen, die eine große Zahl von Lagerräumen und Werkstätten miteinander verbanden, deren Ausmaße von winzig bis höhlenartig reichten. Das alles erinnerte Jace an einen umgekehrten Ameisenhaufen.

Im Dämmerlicht war es düster, bis auf ein lang gezogenes Ätherwölkchen, das sich dicht an der Stadt vorbeibewegte. Jace war dankbar für sein blassblaues Licht, das genügte, damit er die Kanten und Konturen entlang ihrer kurvenreichen Route erkennen konnte.

Dann sah Jace, wie ein gelbrotes Licht im Raum vor Kari auftauchte. Sofort bereitete er den gleichen Illusionszauber vor, den er auch schon auf dem Konsulatsschiff verwendet hatte, und hielt sich bereit, sie beide zu verschleiern, falls es nötig werden sollte. Er wartete ab. Dann hörte er über den beißenden Wind Karis gedämpfte Stimme: „Ukti, bist du das?“

„Kari“, ertönte eine fremde Stimme, rau und hart. Sie klang nicht vollkommen unfreundlich – eine Tatsache, die Jace mit rasch zum Einsatz gebrachten telepathischen Fühlern als solche bestätigte. „Ich bin überrascht, dich hier zu sehen“, fuhr die Stimme fort.

„Warum? Was ist passiert?“, fragte Kari.

„Pias Gruppe hat den Ätherknoten verloren. Sie ist jetzt in alle Winde verstreut. Manche aus ihr sind hier aufgetaucht, aber nicht diejenigen, die du sehen willst.“

„Zeig sie mir“, sagte Kari. Die Tür schwang auf und gab den Blick auf eine alte Zwergin preis, das Gesicht voller Altersfalten, aber hoch aufgerichtet und kräftig.

Jace folgte Kari in einen großzügigen Raum mit niedriger Decke, der wie ein Restaurant mit runden Metalltischen eingerichtet war. Soweit Jace sehen konnte, umgaben breite Fenster den Raum, deren Vorhänge jedoch zugezogen waren.

„Das ist der Erste Start“, teilte Kari Jace mit. „Ein Restaurant und Klub für Aeronauten. Meine Eltern brachten mich ein paarmal hierher, als ich noch ein Kind war.“

„Du bist immer noch ein Kind, Kari“, fuhr Ukti das Mädchen an. „Was ist denn die Piraterie für ein Leben für eine Fünfzehnjährige?“

„Meins“, antwortete Kari mit so kühler Stimme, als hätte sie genau diese Antwort mit genau dem gleichen Grad an Rechtfertigung schon ein Dutzend Mal oder öfter gegeben. Einige Atemzüge lang war es, als wäre ein unsichtbares, starres Tau zwischen Karis Augen und denen der alten Zwergin gespannt, während sie einander eisig anstarrten.

Schließlich schnaubte Ukti und wandte sich um, um die beiden durch den Bewirtungsbereich zu führen und im Gehen Stühle zu verrücken. Bald betraten sie eine Vorratskammer. Die Regale waren nur halb gefüllt, doch anhand der Mischung aus Gerüchen, die ihnen entgegenschlug, hätte Jace etwas anderes vermutet. Am anderen Ende der Kammer griff Ukti hinter ein Gewürzregal und fand dort etwas an der Wand. Eine Reihe tiefer Klickgeräusche war zu vernehmen, offenbar aus dem Inneren der Wand heraus. Dann zog Ukti an einer Ecke des Regals, das auf Rollen lautlos nach innen schwang und den Weg in einen schwach erleuchteten, engen Raum freigab. Darin befand sich eine noch engere Treppe mit steilen, flachen Stufen, die zum Geräusch gedämpfter Stimmen hinaufführten. Jaces mentalem Sondieren nach waren dort oben fünf Bewusstseine.

„Hier entlang“, sagte Ukti mit einer müden Geste.

„Danke, Ukti“, sagte Kari. Sie setzte den Fuß auf die erste Stufe, doch ehe Kari die Treppe hinaufsteigen konnte, griff Ukti nach ihrem Handgelenk und warf ihnen einen gestrengen Blick zu.

„Hört zu“, sagte Ukti. „Ihr seid zwei von einer kleinen Handvoll Leute, die diesen Ort kennen. Er ist mein Heiligtum. Behandelt ihn mit Respekt.“

Jace stieg hinter Kari die Treppe hinauf. Unter ihnen schloss Ukti die Geheimtür. Nun kam das einzige Licht aus einem runden Loch in der Decke, wo die Stufen endeten. Während Jaces Füße nach jeder neuen Stufe tasteten, dachte er an sein eigenes Refugium auf Ravnica. Es war sein Rückzugsort vor der drückenden Verantwortung als Lebender Gildenbund und er hatte sich mehr und mehr darauf verlassen. Ihm war die Wichtigkeit eines solchen Ortes also bestens vertraut.

Sein Kopf tauchte durch das runde Portal in einem Raum auf, der viel zu klein für seine derzeitige Belegschaft war. Eine schnelle Zählung bestätigte seine erste Einschätzung: Kari mitgerechnet drängten sich nun sechs Leute auf einer Fläche, die nicht größer war als die der Vorratskammer, die sie gerade durchquert hatten. Alle sprachen durcheinander, und jeder schien mehrere Unterhaltungen gleichzeitig zu führen. Inmitten all dessen befand sich seine eigene Begleiterin. Der Lärm war ein wenig zu viel, und Jace beschloss, sich auf den letzten, unsicheren Schritt in den Raum hinein zu konzentrieren. Er dachte noch darüber nach, wie er ihn am besten anging, als sich ihm aus der Menge heraus eine breite, behandschuhte Hand entgegenstreckte. Dahinter eine Stimme: „Das ist knifflig. Nimm meine Hand.“

Jace tat, wie ihm geheißen. Ein starker Griff schloss sich um seine Hand und er wurde in den Raum gehievt.

Dann hörte er Karis vertraute Stimme. „Komm doch rein, Jace.“ Sie bahnte sich ihren Weg zu ihm herüber und sein Blick wanderte von ihr fort, um den überfüllten Raum in sich aufzunehmen. Jeder Zentimeter jeder Wand schien mit etwas bedeckt zu sein, was Jace als Ausrüstung und Werkzeug zum Fliegen ausmachte. Manches davon sah sehr alt aus. Zu seiner Linken erstreckte sich ein Regal, das zu einer Werkbank wurde, und auch dieses war von allen möglichen winzigen Metallteilen und Instrumenten bedeckt. In der hinteren Ecke saß jemand in einem alten, abgewetzten Sessel. Ein weiterer Sessel in der anderen Ecke nahm den verbleibenden Raum ein.

„Ich bin mir nicht sicher, dass ich noch weiter reinkommen kann.“

„Nein?“ Kari grinste und legte ihm einen Arm um die Schultern. „Krähen!“ Die Unterhaltungen im Raum wurden leiser, als sich alle Augen auf Kari richteten. „Das hier ist Jace. Er ist ein Freund der Ersten Renegatin, was bedeutet, dass er auch mein Freund ist. Er ist ein begabter junger Mann und ein vielversprechender Schmuggler.“

Als die Unterhaltungen nun wieder aufgenommen wurden, befand sich Jace mit einem Mal irgendwie mitten darin. Kari berichtete von ihrem Überfall zuvor, und danach kamen die Vorstellungen. Man nannte sie die Rennkrähen. Sie waren eine Aeronautengesellschaft gewesen, die Luftschiffrennen in der Stadt veranstaltet hatte, doch als sich die Dinge mit dem Konsulat zum Schlechteren gewandelt hatten, hatten sie als Gruppe beschlossen, sich aktiver in die Politik einzubringen. Sie waren mit Pia am Ätherknoten gewesen, als gestern alles in die Binsen gegangen war.

„Es ist folgendermaßen“, sagte Kari. „Ich soll heute noch eine Lieferung machen, aber wie es aussieht, stehen die Dinge etwas komplizierter, als ich gehofft hatte. Wie schlimm ist es?“

Eine Zwergin erhob sich. Um ihren Hals lag ein roter Schal mit purpurnen Verzierungen, und eine weiße Tätowierung zog sich von ihrem rechten Auge über Stirn und Wange. Sie hatte sich selbst als Depala vorgestellt. „Das Konsulat hat sich vom Bronzeviertel zum Turm ausgebreitet. Sie haben sich um die Himmelsfürst herum formiert.“

„Die Himmelsfürst“, wiederholte Kari nach einem kurzen Augenblick.

„Jaׅ“, sagte Depala nickend. „Schau es dir an. Laksha! Zeig ihnen, was du uns gezeigt hast.“

Die Frau, an die Depala sich gewandt hatte, drehte sich um und schob eine kleine Tür in Form eines Zahnrades auf. Jace hatte sie bei seinem ersten Blick durch den Raum übersehen, doch es handelte sich um eine sehr kleine Tür mit einer Öffnung, die der Frau gerade bis zur Brust reichte. Sie musste sich ducken, um hindurchzugehen. „Kommt schon“, sagte sie, aber Jace, Kari und Depala konnten sich nur um die Tür versammeln und zu der Frau hinauslugen, die sich über einen Apparat beugte, der auf einer niedrigen Plattform an der Außenseite des Dachbodens ruhte. Der Frau schien das alles nichts auszumachen.

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„Dort“, sagte sie. „Seht es euch selbst an.“ Und dann zwängte sie sich zwischen ihnen hindurch zurück auf den Dachboden. Der Apparat war eine Ansammlung von Linsen in einem Messingrahmen, und als Jace an der Reihe war, durch sie hindurchzuschauen, war sein gesamtes Blickfeld von der Enormität dessen ausgefüllt, was nur die besagte Himmelsfürst sein konnte: ein gewaltiges Kriegsschiff, das schwer wie eine Sturmwolke in der Luft hing. In der wachsenden Helligkeit der Morgendämmerung konnte Jace Verbände kleinerer Geleitschiffe erkennen, die das Flaggschiff umkreisten.

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Als er wieder zur Gruppe drinnen stieß, schüttelte Depala gerade den Kopf. „Auf keinen Fall kommt die Herz von Kiran da durch“, sagte sie und drehte den winzigen Propeller der Replik.

Danach sagte eine Weile lang niemand etwas, und das einzige Geräusch wurde von Laksha verursacht, die die Zahnradtür wieder schloss.

„Kari“, sagte die Zwergin. „Wir versuchen, eine Möglichkeit zu finden, der Herz von Kiran etwas Zeit zum Abheben zu verschaffen. Sie ist unsere größte Hoffnung gegen den Turm, aber diese Blockade hat die Renegaten komplett auf den Boden verdammt. Wir können nicht einmal unsere Rennschiffe erreichen.“

„Ihr habt also keinen Plan“, sagte Jace.

Depala warf die Hände in die Luft. „Genau das ist, woran wir hier tüfteln. Wir brauchen Schiffe – so einfach ist das.“

Zugegebenermaßen fühlte Jace sich angesichts all des Geredes über Luftschiffe ein wenig außerhalb seines Elements, doch ihm fiel etwas ein, was die junge Kapitänin nach ihrem gemeinsamen krummen Ding gesagt hatte. „Wie steht es um deine Flotte, Kari? Du hast vorhin deine Flotte erwähnt.“

„Ist das wahr?“, fragte er große Mann, der Jace in den Raum gehoben hatte. Ein Hauch von Zuversicht kam in seiner Stimme auf.

Kari warf Jace einen Blick zu. Er hatte das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben, doch seiner Frage folgte sogleich eine weitere. „Kannst du ihr eine Nachricht zukommen lassen? Kari?“

„Das würde nur wenig nützen.“ Sie lehnte sich gegen die Werkbank und blickte auf ihre Schuhe, während alle anderen sie anschauten. „Sie befindet sich in der Nähe von Lathnu“, sagte Kari. „Aber sie ist dieser Tage nicht gerade flugtauglich. Diese Himmelsfürst ist genau das, als was du sie beschrieben hast, Depala: ein Monster. Sie wurde als Piratenjäger entworfen, und das und mehr war sie auch. Als sie mit meiner Flotte fertig war, war die Drachenlächeln das einzige Schiff, das ihr entkommen ist. Ihr findet den Rest zu einer Million Teile zerschlagen in den Straßen des Dorfes, das sie zerstört hat, um an uns heranzukommen.“

Dann deutete Kari in die Richtung der Himmelsfürst, als würde sie sie durch die Wand hindurch spüren. „Ich konnte nur tatenlos dabei zusehen, wie dieses Ding einfach davongeschwebt ist, als wäre es auf einer Vergnügungsfahrt.“

Erneut herrschte Schweigen im Raum. Dann trat Jace auf Kari zu. „Waren es viele Schiffe?“, fragte er.

„Vierzehn, die Drachenlächeln mitgezählt.“

„Und wie gut kanntest du sie?“

„Sehr gut.“ Sie hob eine Augenbraue. „Warum?“

Jace erlaubte sich ein Lächeln. „Dann haben wir keine Zeit zu verschwenden. Ich habe da eine Idee.“
__________

In der Nacht war die Ätherströmung nahe an die Stadt herangerauscht und hatte den gleichen Schwarm Wale mit sich gebracht, den Kari gestern während ihres krummen Dings gesehen hatte. Mit den Fingerknöcheln auf das Schandeck an Steuerbord gestützt lehnte sie sich vor, um die Giganten von der Seite ihres Schiffes herab zu betrachten. Mit offenen Mäulern wechselten sich die Wale dabei ab, große Mengen Äther einzusaugen, und auf ihrer Haut leuchteten zahllose Flecken im warmen Schein des Äthers auf.

Von dort aus schweifte Karis Blick über die weitläufige Stadt. Ein Aufwind peitschte ihr das ungleichmäßig lang geschnittene Haar derart plötzlich gegen die rechte Schulter, dass Ragavan unter einer Litanei verärgerter Töne auf die linke huschte. Unter dem Kiel des Schiffes ersteckte sich ein Schleier dünner Wolken über einen Großteil des Himmels, und jene Teile der Stadt, die durch ihn hindurch zu erkennen waren, wirkten beinahe ätherisch verklärt.

Selbst aus dieser Höhe konnte Kari den Turm mit der Doppelspitze erkennen, der als höchstes Gebäude der Stadt über Ghirapur aufragte. Er war von mehreren Schwadronen um ihn kreisender Luftschiffe der Vollstrecker umgeben, und so sehr Kari auch versuchte, sie zu zählen und sich ihre verschiedenen Bauweisen und Panzerungen einzuprägen, wurde ihr Blick wieder und wieder zu jener schwebenden Masse hinaufgezogen, die den Luftraum zwischen dem Turm und dem Bronzeviertel dominierte: die Himmelsfürst.

Alles, was sie tun mussten, war, sie lange genug von ihrer Stellung wegzulocken, um für ein ausreichend großes Fenster zu sorgen, damit das Luftschiff der Renegaten – die Herz von Kiran – einen Angriff auf den Großen Konsul im Turm selbst fliegen konnte. Der Plan bestand daher darin, das Flaggschiff des Konsulats abzulenken. Auf sie zu. Kari kam es vor, als verfolgte sie dieses Schiff über die ganze Welt, und nun sollte sie es mit offenen Armen willkommen heißen. Mit einem Mal war sie sich bewusst, wie kalt und dünn die Luft hier oben war, auch wenn ein Teil von ihr mehr Trost darin fand als in der Aussicht, sich erneut mit der Himmelsfürst anlegen zu müssen.

Und dann war da noch ein anderer Teil von ihr – der der Piratenkapitänin, der Genugtuung für die Vernichtung ihrer Flotte forderte. Es war jener Teil von ihr, der eine wütende Hitze ihren Hals hinaufsandte, bis diese in scharfen, gezischten Worten überbrodelte, die sich ihren Weg durch zusammengebissene Zähne bahnten. „Fürst des Himmels, ja?“ Ihr Blick wanderte zurück zu den fliegenden Walen. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie das genauso sehen.“

Kari fand ihre Piraten im Laderaum, wo sie sich in zwei Reihen gegenübersaßen. Es war hier gedrängter als üblich, da ihre Beute aus Äther den meisten Platz einnahm.

Sieben der Piraten gehörten zur Mannschaft der Drachenlächeln, fünf waren Rennkrähen. Sie alle hatten Flugrucksäcke umgeschnallt, die sich jedoch vom Modell her von Pirat zu Pirat unterschieden. Kari nutzte den Augenblick, um die Kapitänin zu geben. Sie stolzierte den schmalen Gang zwischen den beiden Reihen auf und ab und nickte aufmunternd in alle Richtungen, bevor sie ihr Schwert zog und sich an ihre Leute wandte.

„Aufgemerkt! Unsere Aufgabe ist es, Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Für genug Aufruhr zu sorgen, damit ihr Flaggschiff uns bemerkt. Glaubt ihr, ihr schafft das?“ Begeisterte Zustimmung ertönte. „Gut. Denkt daran: Das hier ist die Drachenlächeln“, sagte sie und breitete die Arme zu beiden Seiten aus. „Heute ist jeder von euch einer ihrer blitzenden, spitzen Zähne! Und jetzt ist die Zeit reif, um dem Konsulat zu zeigen, wie scharf diese Zähne sein können!“

Der Jubel ihrer Piraten folgte ihr aus dem Laderaum, und sie ließ ihn noch einige Zeit in ihren Gedanken nachhallen, ehe sie sich auf den Weg auf die Brücke machte.

Bei ihrem Aufbruch aus den Vogelkäfigen an diesem Morgen hatte Depala mehr als deutlich gemacht, dass sie die Drachenlächeln während dieser Mission steuern wollte. Von Kari nach dem Grund gefragt hatte Depala einfach nur gesagt: „Weil du weißt, dass es der Platz ist, an den ich gehöre.“ Das entsprach wohl der Wahrheit. Kari hatte sie schon Rennen fliegen sehen, und es gab keinen Zweifel daran, dass die Zwergin eine der besten Pilotinnen Ghirapurs war.

Kari hatte ohnehin vorgehabt, Depala darum zu bitten, die Steuerung zu übernehmen, doch das hatte sie nie ausdrücklich gesagt. Als die Kapitänin nun die Brücke betrat, musste sie daher lächeln, als sie die Zwergin bereits am Steuerknüppel vorfand. Hinter ihr schnallte sich Jace in seinem Sitz fest.

Kari setzte Ragavan an seinen Platz in einer Nische über dem Pilotensessel. Nachdem sie sich angeschnallt hatte, fragte sie: „Seid ihr beide bereit?“

„Ich warte nur auf dein Zeichen“, sagte Depala.

„Jace?“, sagte Kari und drehte sich auf ihrem Sitz zu ihm.

„Wenn ich mich zwischen Ja und Nein entscheiden muss, dann neige ich zum Ja. Wenn es sich da aber eher um ein Spektrum handelt ...“

„Depala!“, rief Kari, während sie sich die Pilotenbrille über die Augen schob. „Mach uns den Meteor!“

„Sehr wohl, Kapitänin“, sagte die Zwergin, bevor sie sich durch das trichterförmige Ende einer Kommunikationsröhre, die von der Decke der Brücke hing, an die Mannschaft wandte. „Es geht los.“ Dann hielten die Maschinen mit einem tiefen Seufzen an, und noch ehe die Propeller das Drehen eingestellt hatten, fiel das Schiff in die Tiefe. Luft rauschte um den Rumpf herum, und binnen Sekunden erstickte ihr lauter werdendes Brausen alle anderen Geräusche. Ihr Gurt hielt Kari sicher an ihrem Platz, doch es fühlte sich an, als rollte ihr Magen lose in ihrem Unterbauch herum – eine Unannehmlichkeit, an die sie gewöhnt war, und selbst Jace, der mit geschlossenen Augen dasaß, schien damit fertigzuwerden, als wäre es nichts.

Jetzt wird die Zeit knapp, schätzte Kari. Jeden Augenblick würde Depala die Maschinen neu starten. Durch das runde Fenster der Brücke sah Kari nichts außer weißen Fetzen, die vor einem blauen Himmel vorbeirauschten. Wolken, vermutete sie, doch dafür schienen sie sich zu schnell zu bewegen. Wenn du bitte so freundlich wärst, Depala.

Dann senkte sich die Nase des Schiffes und die Brücke führte plötzlich einen Sturzflug an. Auf einmal kam die sich schnell nähernde Stadt in Sicht, ebenso wie die Oberseiten Dutzender Schiffe des Konsulats, die in mehrschichtiger Formation flogen und von ihrer Position aus unmöglich zu zählen waren. Die abrupte Änderung der Schwerkraft drückte Kari und ihr Innerstes in den Sitz, und alles, was sie tun konnte, war, die Panik zu beobachten, die innerhalb der Formation ausbrach, während die Schiffe sich ob ihres Herannahens hektisch verteilten. „Schau nur, wie sie auseinanderstieben“, drang Depalas Stimme durch ihr manisches Gelächter.

„Wie steht‘s mit den Motoren, Depala?“, sagte Kari auf eine Weise, die nur wenig mit einer Frage zu tun hatte.

„Sekunde noch.“ Sie hatte vielleicht ein bisschen zu viel Spaß hieran. „Und ...“ Die Hand der Zwergin schoss vorwärts und zog an dem Hebel, mit dem man die Motoren anließ. Das Schiff gehorchte, wie Kari es nie anders erwartet hätte, und sie spürte das Surren seiner vier Rotoren, wie sie im Einklang arbeiteten.

Die Drachenlächeln schwebte zwischen den ersten Schiffen des Konsulats und durch die Lücke in der Blockade hindurch. „Auf geht‘s!“, rief Depala laut. Sie zog am Steuerknüppel, und das Schiff flog eine enge Kurve, die es aus seinem senkrechten Sturzflug brachte. Dann war die Drachenlächeln inmitten der Flotte des Konsulats und die Pilotin musste sich zwischen den feindlichen Schiffen hindurchfädeln. Es war keine Zeit, Atem zu schöpfen, doch das galt auch für die Konsulatsschiffe, die noch immer mit ihrem kollektiven Ausweichmanöver beschäftigt waren.

Nun konnte die eigentliche Aufgabe beginnen. „Halte dich zwischen ihnen, bis wir ausschwärmen“, sagte Kari. „Sie werden kaum das Feuer eröffnen, wenn sie dabei ihre eigenen Schiffe treffen könnten.“

„Ich habe kaum eine andere Wahl. Sie sind überall!“, knurrte Depala. „Wenn du die Mannschaft ausschwärmen lassen willst, solltest du das lieber bald tun.“

Kari löste ihren Gurt. „Es bringt uns nichts, wenn die Himmelsfürst keine Notiz von uns nimmt. Versuche nur, so nahe wie möglich heranzukommen.“ Die junge Kapitänin erhob sich aus ihrem Sitz und griff sich das Sprachrohr. Ihre Worte hallten durch die schmale Röhre überall auf das Schiff und zu ihrer Mannschaft im Laderaum. „Macht euch bereit dort unten! Schwärmt aus, sobald sich die Luke öffnet! Seid wie Bienen – fallt über sie her!“

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann drang eine blecherne Stimme aus der Röhre: „Bienen? Gerade eben waren wir noch Zähne. Spitze, scharfe Zähne. Was denn nun, wenn ich fragen darf, Kapitänin?“

Das war gut. Sie waren bester Dinge. „Wie wäre es mit Bienen mit Zähnen? Wie klingt das?“

„Ziemlich furchteinflößend.“

„Ausgezeichnet!“, wollte Kari sagen, doch das Wort wurde zu einem glucksenden Schlucken, als das Luftschiff sich jäh zur Seite neigte. Sie fing sich an der Lehne des Kapitänssessels auf. „Wie wär‘s nächstes Mal mit einer kleinen Vorwarnung?“, fragte Kari über Depalas Schulter gebeugt.

„Unwahrscheinlich, Kapitänin.“ Depala ließ das Schiff steil aufsteigen und dann heftig stampfen. „Schau es dir mal an.“ Es war nicht nötig, dass sie irgendwohin zeigte, denn als sie aus ihrer Kehre herauskamen, war Karis Blickfeld von der gewaltigen Masse der Himmelsfürst ausgefüllt. Sie hing dort beinahe vollkommen bewegungslos zwischen zwei Gebäuden in der Luft wie ein Raubvogel, der sich auf einem unsichtbaren Ast niedergelassen hatte.

„Da ist sie“, sagte die Kapitänin tonlos, während ihre Augen sich zu Schlitzen verengten.

Sie wandte sich an den Illusionisten, der noch immer reglos mit zusammengekniffenen Augen verharrte und nun weiß wie eine Marmorstatue war. Sie musste zugeben, dass er besser mit dem freien Fall fertig wurde, als sie angenommen hatte. „Jace! Jace!“ Als seine Lider sich öffneten, bellte Kari: „Bist du noch bei uns?“

Er nickte. „Ich bin bereit, sobald ihr mich braucht.“

„Das will ich wirklich hoffen. In der Zwischenzeit brauche ich dich, damit du die Luke zum Laderaum öffnest, um die Mannschaft auszusetzen. Drehe so lange an diesem Rad, bis es nicht mehr weitergeht.“ Sie deutete auf eine metallene Scheibe, die an der niedrigen Decke über Jaces Kopf hing. „Ragavan, zu mir!“ Der Affe eilte über die Netze an der Wand zu ihr herüber, und als er auf ihrer Schulter ankam, war Jace bereits mit seiner Aufgabe beschäftigt.

„Wo gehst du hin?“, rief er über das Quietschen des starrsinnigen Rades hinweg.

Sie streifte sich einen Flugrucksack über, und Ragavan musste ziemlich herumturnen, um den Riemen des Geschirrs zu entkommen. „Ich gehe nach oben und versuche, mein Deck sauber zu halten!“, sagte Kari und zog den letzten Riemen des Gerätes um ihre Taille zu. Dann stürmte sie davon. Ihre Stiefel hallten auf den Metallplatten des Hauptkorridors und einer steilen Treppe wider. Oben bahnte sie sich ihren Weg durch einen niedrigen, halbrunden Gang, der sich der chaotischen Szene öffnete, die sich um sie herum abspielte – allein ihretwegen.

Schiffe rasten aus allen Richtungen an ihnen vorbei, und Kari fühlte sich, als bewegte sie sich vor der hektischen Kulisse in Zeitlupe. Oder vielmehr so, als befände sie sich im Inneren eines ausgeklügelten Uhrwerks, das zu stark aufgezogen worden war. Flüge mit hohem Tempo waren nichts Neues für Kari, doch sie musste zugeben, dass Depala etwas aus der Drachenlächeln herausholte, was selbst sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Sie macht mir lieber nicht mein Schiff kaputt.

Am Heck des Schiffes angekommen war sie dankbar, die Kabine im Rücken zu haben, die sie vor den heftigsten Windböen schützte. Sie verankerte sich mit dem Kabel und der Winde an der Unterseite ihres Flugrucksacks an der Reling. Dann spähte sie nach unten, als die ersten ihrer Piraten sich aus dem offenen Laderaum warfen. Sie tauchten als verschwommene Punkte zu zweit oder zu dritt auf, bis alle zwölf von ihnen in der Luft waren, von Rucksäcken ähnlich ihrem eigenen getragen.

Gut gemacht, Jace, dachte sie.

Danke“, sagte Jace. Das Wort erschreckte sie mit seiner Unmittelbarkeit. Wie schon zuvor hatte es sich direkt in ihrem Verstand manifestiert, doch es war, als würde er die ganze Zeit hinter ihr stehen. „Dieses Rad war ziemlich störrisch.“

Verdammt, Jace!“, dachte sie. „Wie lange lungerst du schon in meinem Kopf herum?“

Ich lungere nicht. Ich wollte dich gerade wissen lassen, dass die Aufgabe erledigt ist.“

Karis Blick huschte von einer Piratengruppe zur nächsten, während sie sich durch die Linien des Konsulats bewegten wie wütende ... Bienen. Dann wieder zu Jace: „Jetzt möchte ich, dass du die Luke wieder schließt. Bleib danach irgendwo, wo ich dich erreichen kann. Wenn ich das Zeichen gebe, weißt du, was du zu tun hast.“

Natürlich.“

Erinnerst du dich noch an alles, was ich dir gezeigt habe?“

An jede Einzelheit.“

Tja, dann wollen wir hoffen, dass wir es nicht brauchen.“ Kari sah dabei zu, wie ein Schiff des Konsulats unvermittelt ins Trudeln geriet, als ein benachbartes Schiff es mit einer Harpune traf, die für ein paar ihrer Piraten bestimmt gewesen war. Steuerbords kollidierten drei Konsulatsschiffe während einer wilden Verfolgung eines einzelnen Piraten – einem von Depalas Leuten, wie es aussah.

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„Die Dinge laufen ganz gut so weit, meinst du nicht auch, mein Prinz?“ Kari stupste den Affen mit dem Kopf an. Ragavan keckerte zustimmend, während Kari rasch eine kleine Liste durchging.

Die Blockade durchbrochen? Erledigt.

Die Formation des Konsulats aufgebrochen? Erledigt.

Ihre Liste wurde jedoch von einer Explosion über ihr unterbrochen. Ragavan und sie wurden auf Deck geschleudert, und während sie einen Arm hochhielt, um ihr Gesicht zu schützen, schaute Kari auf und sah einen äthergeborenen Piraten aus einer sich schnell ausbreitenden Wolke von etwas springen, was einmal ein Konsulatsschiff gewesen war.

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Der Äthergeborene salutierte lässig während seines Abstiegs, bevor er unsanft auf einem weiteren Schiff des Konsulats landete.

„Unglaubliches Chaos angerichtet? Das stimmt, Ragavan: Erledigt“, sagte Kari, während die Drachenlächeln ihren Flug durch die Blockade fortsetzte. „Aber noch nicht genug. Das Flaggschiff – das einzige Schiff, worauf es ankommt – hat sich noch nicht bewegt. Und nichts hiervon bringt irgendwas, wenn diese Himmelsschnecke nicht die Verfolgung aufnimmt. He!“ Karis Hand fuhr an ihren Kopf, wo Ragavan an einer Haarsträhne zog. Der Affe kreischte und deutete auf die Straßen unter ihnen.

„Schon gut. Du hast meine Aufmerksamkeit.“ Dutzende Vollstrecker des Konsulats mit Flugrucksäcken oder auf einsitzigen Gleitern stürzten sich in den Kampf. Die meisten flogen schützend vor die Schiffe. Doch nicht alle von ihnen.

Siehst du das, Kari?“, fragte Jace. „Depala hat eine Gruppe von Vollstreckern auf Abfangkurs entdeckt.“

Sechs von ihnen, ja“, erwiderte Kari. Sie prüfte ihr Verankerungskabel mit einem kurzen Ziehen. „Können wir sie abschütteln?“

Depala meint, sie tut, was sie kann.“

Kari zog ihr Schwert. „Mein Prinz – nicht du, Jace – Gefechtsstation.“ Ragavan schob sich seine Schutzbrille vor die Augen und huschte in eine Tasche, die dort zwischen Karis Schulterblättern befestigt war, wo sich ihr Flugrucksack vom Rücken wegwölbte. „Es ist Zeit, dass wir bei diesem Kampf dabei sind.“

Als die ersten drei Vollstrecker an der Backbordseite der Drachenlächeln aufstiegen, war Kari bereits in der Luft. Die mechanischen Flügel ihres Rucksacks schwirrten wild, als sie sie über das Deck trugen, und während sie flog, rollte sich ihr Kabel mit einem hohen Surren ab.

Die drei Vollstrecker wurden von identischen Gerätschaften mit vier Propellern in der Luft gehalten und waren mit Netzwerfern des Konsulats bewaffnet, die sie eng an die Brust drückten. Es machte keinen Sinn, darauf zu warten, von diesen drei Nasen in die Zange genommen zu werden. Also hieß Kari sie mit aller Gastfreundschaft, die sich für eine Piratenkapitänin ziemte, an Deck willkommen. Sie raste direkt auf sie zu.

Oder vielmehr direkt an ihnen vorbei.

Wie erwartet stoben die Vollstrecker bei Karis Ansturm auseinander, und sie sauste geradewegs durch sie hindurch. Das Kabel schien eine Grenze in der Luft zu bilden und trennte zwei von ihnen vom dritten. Kari sah dies und lehnte sich in eine scharfe Wende um die zwei herum. Bevor das Kabel schlaff werden konnte, drückte sie die Kabelbremse und raste zurück auf das Schiff zu.

„Ragavan, halt dich fest!“, rief Kari. Ihr Kabel umfing den einen mit einem lauten Schnappen an der Brust, wodurch Kari auf den zweiten zugeschleudert wurde, einen verdutzten Zwerg, der seine Waffe nicht rechtzeitig heben konnte. Mit dem ersten Vollstrecker im Schlepptau taumelten Kari und der Zwerg auf das Deck der Drachenlächeln. Waffen schlidderten davon, und sie rangen in einem Wirrwarr aus Flügeln und Propellern miteinander, während das Schiff sich mal zur einen, mal zur anderen Seite neigte.

Es gab einen dumpfen Aufprall, als Karis Ellenbogen auf die Wange des Zwerges schlug, und eine halbe Sekunde lang war er außer Gefecht. Kari schubste ihn weg und war im nächsten Augenblick bereits wieder in der Luft.

Der erste Vollstrecker hatte sich gerade mit Hilfe des dritten aus Karis Kabel befreit, und sie verschwendete keine Zeit, sie beide umzustoßen.

Der Sieg war jedoch flüchtig, denn die drei anderen Vollstrecker auf Abfangkurs gesellten sich zu ihren Kameraden. Einer aus der Gruppe – scheinbar eine hochrangige Offizierin – schwebte vor Kari herab.

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Kari sandte ihre Gedanken an Jace aus: „Irgendwelche Fortschritte?“

Und als Antwort kam: „Die Himmelsfürst hat sich nicht bewegt. Wie steht es oben?“

„Übergeben Sie Ihr Schiff“, befahl die Offizierin.

An Jace: „Nicht gut. Irgendeine Chance, dass du deinen Teil des Plans umsetzt?“

Von Jace: „Gib mir einen Augenblick.“

Kari trat auf die Offizierin zu. „Lassen Sie Ihre Konsuln wissen“, rief sie, „dass ich, Kari Zev, Kapitänin der Drachenlächeln, meine Flotte hierhergebracht habe, um die Stadt einzunehmen.“ Ich hab‘s gleich.

Ein blauer Blitz zuckte, und was auch immer die Offizierin entgegnen wollte, wurde von dem gewaltigen Spektakel erstickt, dass sich nun abzuspielen begann. Plötzlich trieben Schiffe hinter Gebäuden hervor. Keine Schiffe des Konsulats, sondern Piratenschiffe.

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Sie bewegten sich zu zweit oder zu dritt, und wie die Vollstrecker auch konnte Kari nur zusehen – völlig gebannt, denn sie kannte jedes Einzelne von ihnen. Die Messinghammer und die Dämon von Vahd. Die Eiswind und die Drachen. Und weitere. Es kamen immer mehr. Selbst die Sonnenjäger – natürlich die Sonnenjäger. Ihre Flotte war zu ihr zurückgekehrt und sie versammelte sich, um den Luftraum über einem Platz der Stadt zu füllen, damit ihre Flanken von beiden Seiten von Gebäuden geschützt waren. Im einen Augenblick war die Drachenlächeln noch allein gewesen, und im nächsten nun war sie nur eines unter Dutzenden von Schiffen. Das war Jace. Das wusste sie. Oder vielmehr die Erinnerungen, die sie mit Jace geteilt hatte. Dennoch konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass das Konsulat nun deutlich unterlegen war. Die Vollstrecker schienen ihre Einschätzung zu teilen, denn überall um Kari herum erhoben sie sich in die Luft, um sich vor den Piratenschiffen zurückzuziehen.

Die Offizierin blickte von Kari zu den Schiffen und dann wieder zu Kari. Und noch ehe Kari die nächste spöttische Bemerkung über die Lippen kam, schoss der Netzwerfer. Seine Unvermitteltheit erwischte Kari völlig unvorbereitet, und einen Herzschlag lang stand sie einfach nur da, während das Netz sich entfaltete, um sie einzufangen.

Doch es sollte sie nie erreichen. Aus der Tasche auf ihrer Schulter heraus machte Ragavan einen Satz. Er stieß sich von Karis Kopf ab und warf sich in das heranfliegende Netz. Er verfing sich sofort darin und fiel ohne seine übliche Anmut mitsamt dem Netz auf das Deck.

Im nächsten Wimpernschlag machte sich die Offizierin davon – und mit ihr das Netz, in dem Karis Prinz gefangen war.

„Ragavan!“, kreischte Kari. Sie hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Sie machte vier Schritte, während derer sie ihr Schwert vom Deck klaubte, um dann an der Seite ihres Schiffes herunterzuspringen. Als die Flügel ihres Flugrucksacks zum Leben erwachten, durchtrennte ein Schlag ihrer Klinge das Kabel zum Schandeck.

Kari jagte der Offizierin nach, und die Entfernung zwischen ihnen verkürzte sich rasch. Sie flog niedrig heran und sah, dass Ragavan noch immer in dem Netz festsaß, das nun an der Hüfte der Offizierin hing. „Halte durch, mein Prinz. Ich komme dich holen“, murmelte sie und wünschte, der Affe wäre wie Jace in der Lage, Gedanken zu lesen.

Als Kari die Offizierin eingeholt hatte, flog sie von unten an sie heran, und noch ehe ihre Gegnerin reagieren konnte, hatte Kari sich an ihr festgekrallt, sodass sie Auge in Auge durch die Luft wirbelten. Die Offizierin wollte Kari abschütteln, doch diese schlang ihre Beine um die der Konsulatsdienerin.

„Runter von mir!“, spie die Offizierin aus.

„Nicht solange du meinen Affen hast!“

„Du wirst uns noch beide umbringen!“

Kari zwinkerte der Offizierin zu und rammte ihr Schwert in einen der vier wirbelnden Propeller, die die Soldatin in der Luft hielten. Abgehacktes Klacken und Klicken ertönte und Funken stoben, als der Propeller sich an Karis Klinge selbst in Stücke schlug. Sofort wurde ihre Flugbahn wirr – eine Entwicklung, die durch die Faustschläge, die die Offizierin Kari versetzte, noch verschlimmert wurde.

Doch Kari hielt sich fest und rammte den Kopf gegen den Kiefer der Offizierin. Schmerz durchzuckte ihren Schädel, aber die Schläge hörten auf und es gelang ihr, so weit die Kontrolle über ihre Flugbahn wiederzuerlangen, dass sie sie ein klein wenig beeinflussen konnte. Die unbeschädigten Propeller zogen den Rucksack zu einer Seite, und obwohl Kari mit ihrem eigenen dagegenhielt, flogen sie beide einen Halbkreis, der sie in Richtung eines der projizierten Piratenschiffe, durch den Rumpf der Sonnenjäger hindurch und hinter die Flotte führte.
__________

„Kari antwortet nicht“, sagte Jace, der die Augen vor dem Wahnsinn, der sich auf der Brücke abspielen musste, geschlossen hielt. „Sie bewegt sich zu schnell, als dass ich ihr Bewusstsein erreichen könnte.“

„Konzentriere dich nur auf deine Projektionen!“, herrschte Depala ihn an.

Und natürlich war das genau das, was Jace tat. Er war zwar körperlich in seinen Sitz hinter der zwergischen Pilotin geschnallt, doch sein Verstand arbeitete fieberhaft daran, die gewaltige und komplexe Illusion aufrechtzuerhalten, die er allein aus Karis Erinnerungen erzeugt hatte – zuzüglich ein paar Duplikaten, um das Ganze so richtig spektakulär aussehen zu lassen. Es war eine große Anstrengung, die eine Menge Konzentration und einen Großteil seiner Aufmerksamkeit erforderte.

„Die Himmelsfürst wird niemals reagieren, wenn sie durchschauen, dass ...“, setzte Depala an, beendete den Satz jedoch nicht.

Jace wollte es nicht riskieren, die Augen zu öffnen – besonders nicht jetzt. „Was geht denn vor sich?“

„Das kannst du sicher erraten.“

Das konnte er, doch Depala sprach es trotzdem aus. „Die Himmelsfürst nähert sich mit einer Eskorte, um die Flotte anzugreifen. Falls die Leute der Ersten Renegatin ihre Gelegenheit nicht erkennen, werden sie und ich hiernach ernsthaft miteinander zu reden haben.“

„Wie soll unsere Flotte reagieren?“, fragte Jace.

„Halte sie an ihrer Position. Wir sollten nur eines von vielen Schiffen unter ihnen sein.“

Jace war sich plötzlich eines Lichts gewahr, das hinter seinen Augenlidern zuckte. Er versuchte, die visuelle Sinneswahrnehmung aus seinem Bewusstsein zu verbannen, doch dann schien die ganze Welt weiß zu werden und ein Geräusch, als würde der Himmel aufreißen, dröhnte ihm in den Ohren. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Illusion, um sie zusammenzuhalten, auch wenn er den metallischen Geschmack, der ihm den Mund füllte, nur schwerlich ignorieren konnte.

Von irgendwo weit entfernt hörte Jace seinen Namen. Das Geräusch klang panisch, während es sich immer und immer wieder wiederholte. Er zwang sein Bewusstsein zurück auf die Brücke, wo die Welt in der Schräge hing und Depala nach ihm rief.

„Ich bin hier, Depala“, sagte er, was nur bedingt stimmte. Ein Teil von ihm hielt noch immer die Flotte zusammen. „Wurden wir getroffen?“

„Jace! Ich bin blind!“, rief die Pilotin.

„WAS?!“

„Übernimm die Steuerung!“

Obwohl das Schiff sich aufbäumte und rollte, gefiel Jace die Aussicht, selbst am Steuerknüppel zu sitzen, ganz und gar nicht. Es war einfach nicht genug Zeit, das erforderliche Können aus Depalas Verstand zu ziehen. Stattdessen erwiderte er einen Gefallen. Während ihres freien Falls in die Blockade hatte Jace eine Panikattacke verhindert, indem er die vollkommene Zuversicht in Depalas Bewusstsein angezapft hatte. Nun holte er sie in seinen Verstand.

„Ich kann sehen!“, sagte Depala. Ohne einen Augenblick zu vergeuden, zog sie die Drachenlächeln anmutig nach oben.

„Was hat dich geblendet?“

„Die Blitzkanone auf diesem Ding!“ Und wie zur Veranschaulichung begann das Flackern aufs Neue. Diesmal wich Depala scharf aus, um dem Lichtbogen zu entgehen. Währenddessen schwebte die Himmelsfürst näher. Jace hatte in der Zwischenzeit das Gefühl, dass seine Kontrolle über die Illusion jeden Augenblick zusammenbrechen würde.

„Sie scheint uns trotz deiner Illusionen sehr zu mögen“, sagte Depala.

„Das hier ist immer noch das Schiff von Kapitänin Zev.“

„Ich will ihr nicht sagen müssen, dass wir es kaputtgemacht haben.“
__________

Als Kari, Ragavan und die Offizierin des Konsulats auf der anderen Seite von Jaces Illusion auftauchten, waren sie noch immer in ihren wilden Luftkampf verstrickt. Die Offizierin trat wütend nach Kari, die versuchte, an das Netz mit Ragavan zu gelangen. Der Affe wiederum griff durch das Netz und beschäftigte sich damit, die Taschen der Offizierin zu filzen.

Kari war beinahe frei, als die Offizierin die junge Kapitänin mit der Sohle ihres schweren Stiefels am Knie erwischte und diese nach unten riss, sodass sie an Karis Schienbein entlangkratzte. Keuchend biss Kari sich auf die Lippen.

Der Schmerz unterbrach ihre Konzentration, und sie bemerkte, dass ihre Flugbahn sie in einen Ätherwirbel hineingeführt hatte. Und in diesem Strudel bewegten sich gewaltige Gestalten. Sie schwammen.

Himmelswale.

Es waren Kreaturen ohne Bosheit oder räuberische Triebe, doch das half nur wenig gegen das Gefühl von völliger Bedeutungslosigkeit, das Kari in diesem Augenblick erfasste. Plötzlich wurde ihr die Kehle trocken und sie bemerkte, dass ihr Mund offen stand.

Auch die Offizierin musste wohl mit irgendeiner Krise zu kämpfen haben, denn ihre Augen waren geweitet. In diesem Moment erinnerte sich Kari ihres Prinzen. Sie wand das Netz von der Hüfte der Offizierin und drückte sich von ihrer störrischen Widersacherin weg.

Sobald sie frei war, hielt sie Ragavan fest. Einer der Wale bewegte sich durch die Luft auf sie zu, und einen Moment lang blickte Kari ihm geradewegs ins Antlitz. Sein Maul schien endlos groß zu sein und die Barten, die seinen Unterkiefer säumten, wirkten wie Schluchten. Bei dem geringen Maß an Aufmerksamkeit, das der Wal auf sie verwendete, hätte sie ebenso gut ein Staubkorn sein können.

Dann erklang Jaces Stimme in Karis Kopf. Sie klang irgendwie weit entfernt, doch sie rief ihren Namen.

Jace!“, antwortete sie.

Die Himmelsfürst ist genau über uns. Die Herz von Kiran ist noch immer am Boden. Wir halten nicht mehr länger durch.“ Er klang ausgelaugt und ausgezehrt.

Nein!“ Sie würde nicht zulassen, dass der Drachenlächeln – dem letzten Schiff ihrer Flotte – das gleiche Schicksal widerfuhr. Sie warf dem Wal einen letzten Blick zu, wirbelte herum und raste auf ihr Schiff zu.

Doch dann hielt sie inne. Und plötzlich sah sie sie. Die günstige Gelegenheit.

Jace, öffne die Ladeluke. Und wenn ich das Zeichen gebe, soll Depala meine Ladung über Bord werfen und steil aufsteigen.“

Den Äther über Bord werfen? Habe ich dich richtig verstanden?“, fragte Jace. Seine Worte drangen kaum bis in ihren Geist vor.

Das ist für meine Flotte.“

Sie sauste aus der illusionären Flotte heraus und wurde vom gewaltigen Rumpf der Himmelsfürst vor sich erwartet, der drohend vor ihr aufragte. Er füllte den Himmel aus, ein metallenes Spiegelbild des Himmelswals hinter ihr.

Wir sind gleich unter dir, Kari“, sagte Jace, und Kari sah, wie ihr Schiff aufstieg, um ihr entgegenzufliegen.

Werft die Ladung ab!“, dachte Kari so laut sie konnte, während sie an den Gurten und Riemen ihres Rucksacks herumpfriemelte. Die Kisten fielen aus der Luke des Schiffs und überschlugen sich, sodass die Kanister selbst aus ihnen herauspurzelten.

Jetzt galt es. Kari riss sich den Flugrucksack von den Schultern und schleuderte ihn nach unten, sodass er in die Glaskanister krachte. Blaue Wölkchen stiegen auf, und als weitere Kanister zersprangen, wuchsen sie zu einer großen Wolke zusammen, die sich spiralförmig ausbreitete. Das sollte genug sein, um ihre Aufmerksamkeit zu erwecken.

In der Zwischenzeit drückte Kari sich Ragavan an die Brust und glitt auf das Deck der aufsteigenden Drachenlächeln. Ihr Schienbein schrie vor Schmerzen, als sie über die metallische Oberfläche des Decks schlidderte. Schließlich prallten Ragavan und sie hart gegen die hintere Reling.

Kurs halten“, dachte Kari und war froh, nicht laut sprechen zu müssen.

Ein paar Augenblicke verstrichen. Dann sah Kari zu, wie Jaces illusionäre Flotte – ihre Flotte – flackerte und zerplatzte, als einer der Himmelswale durch sie hindurch auf den Äther zuschwamm. Und gleich vor der riesigen Kreatur war die Himmelsfürst.

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Während kleinere Schiffe des Konsulats noch ausweichen konnten, blieb der Himmelsfürst keine andere Wahl, als den Versuch zu unternehmen, ihrem Namen gerecht zu werden, als der Wal sie mit voller Kraft rammte. Es war kein ausgeglichener Kampf. Metall kreischte und wurde zusammengedrückt, und von überall stieg Rauch in den Himmel auf. Der Wal bewegte sich unbeeindruckt weiter, während das Flaggschiff des Konsulats einen Augenblick lang wie ein verirrter Ballon in der Luft hing, ehe es sich auf eine Seite neigte und langsam zu Boden driftete.

„Mein Prinz!“, sagte sie. „Komm schau dir das mit mir an.“ Sie half ihm, sich aus dem Netz zu befreien und setzte ihn sich auf die Schulter. Und dann legte Kari völlig erschöpft die Arme auf die Reling und sah sich die letzten Atemzüge des Monsters aus Metall an.

Sie nahm an, dass sie nun besser von hier verschwinden sollten. Sie wollte gerade den entsprechenden Befehl geben, als Jaces Stimme erneut ihr Bewusstsein fand. Diesmal waren seine Worte wesentlich lebendiger, als sie erwartet hatte. „Hast du das getan?“

Das war der Wal, Jace. So hart schlage ich nicht zu.“

Veröffentlicht in Magic Story on Januar 11, 2017

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Judge Fredd
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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Sa 18. Feb 2017, 09:30

Bruchstellen


Nach dem katastrophalen Verlust des Ätherknotens entkamen die Wächter und einige ihrer Verbündeten unter den Renegaten mit Hilfe des gerade vom Stapel gelaufenen Luftschiffs Herz des Kiran. Jace trennte sich vom Rest der Gruppe, um der Piratin Kari Zev zu helfen, die Luftverteidigung des Konsulats zu stören. In der Zwischenzeit nähert sich die Mannschaft der Herz des Kiran Ghirapurs Ätherturm, wo sich Tezzerets Operation ihrem vorgesehenen Abschluss nähert.

Gideon hob ein Fernrohr an die Augen. Linsen drehten sich und die Himmelsfürst kam scharf in Sicht. Das Schiff des Konsulats hing in der Luft, die Nase gen Boden gerichtet, und zog eine Rauchwolke hinter sich her – es war, als würde sich das Augenlid eines Riesen schließen. Das Schiff sank in Zeitlupe vom Himmel und zog sanft an den Dächern Ghirapurs vorbei. Im Sinken zog es eine Handvoll kleinerer Luftschiffe des Konsulats an wie eine kranke Königin ihre Zofen.

„Sie ist fort“, sagte Gideon. „Und die Blockade mit ihr. Jace und Kapitänin Zev waren erfolgreich.“

Chandra lümmelte neben ihm am Bug der Herz des Kiran, den Rücken gegen die Reling gestützt. „Dann brauchen wir den Ätherknoten nicht mehr. Wir haben alles, was wir brauchen, gleich hier. Wir können Tezzeret direkt angreifen.“

„Unser Ziel ist die Weltenbrücke“, sagte Gideon. Zu sehen, wie Chandra müde an der Reling lehnte, ließ ihn zusammenzucken. Ihr Kampf mit Baral hatte ihr viel abverlangt. „Und du bist nicht in der Verfassung für irgendwelche Zweikämpfe.“

Chandra zog die Beine an die Brust. „Es geht mir gut.“

Gideon hob erneut das Fernglas und beobachtete den langsamen Absturz der Himmelsfürst. Er hoffte, ihr Aufprall würde so sanft wie ihr Absinken sein und dass es Warnsirenen und Evakuierungsmaßnahmen geben würde. Die Bewohner dieser Welt – selbst das Konsulat – waren nicht böse. Er wollte nicht, dass noch irgendwem ein Leid geschah – er wollte nur die Fertigstellung des Artefaktes verhindern.

„Das Mädchen hat recht.“ Liliana hatte es sich auf einem Liegestuhl bequem gemacht. Ein Sonnensegel spendete ihr Schatten. „Wir sollten keine weitere Gelegenheit verstreichen lassen, Tezzeret auszuschalten.“

„Wenn wir das Gerät abschalten, halten wir damit auch die Bedrohung auf“, meinte Gideon.

„Mach dir nichts vor“, sagte Liliana. „Das Gerät bedeutet letzten Endes rein gar nichts.“

„Wenn es verschwindet, verschwindet auch Tezzeret. Wir können aber so oder so noch nicht angreifen. Der Turm ist nach wie vor schwer bewacht. Wir machen erst weiter, wenn die Erfinder uns ein paar bessere Möglichkeiten eröffnet haben.“

Wie aufs Stichwort kam Pia Nalaar vom Unterdeck herauf. „Wir haben euch etwas zu zeigen.“

Gideon folgte den anderen die Stufen hinunter und warf noch einen letzten raschen Blick über die Schulter. Hinter dem herabsinkenden Wrack der Himmelsfürst erhob sich der leuchtende Ätherturm, wo gerade Stück für Stück die Weltenbrücke zusammengesetzt wurde.
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Der Bauch der Herz des Kiran war eine kompakte Kammer, die von einem Netz aus mit Drahtgeflecht verzierten Trägern eingerahmt war. Gideon spürte, wie nahe seine Füße nichts als Luft waren, als der Wind durch die Schweißnähte der Luke im Metallboden pfiff. Er dachte darüber nach, wie lange ein Sturz ganz hinunter bis zum ach so festen Boden wohl dauern würde, während sein Körper dabei von nichts anderem umgeben war als endlos weitem, rauschendem Raum. Dann beschloss er, dass es unklug war, sich darüber Gedanken zu machen, und er hörte auf der Stelle damit auf.

Saheeli und Rashmi standen neben etwas, was mit einer Plane abgedeckt, lang wie ein Sarg und an einem Ende spitz zulaufend war.

Pia trat vor. „Mit dem Sieg über die Himmelsfürst wurde die Blockade ausgedünnt. In ein paar Stunden sollten wir in der Lage sein, die Herz des Kiran durch den Abwehrring zu fliegen und den Weg zum Turm des Konsulats frei zu machen. Sobald wir drin sind, ist das hier wohl die beste Möglichkeit, Tezzerets Pläne zu vereiteln.“

Sie zog die Plane zurück. Von der Decke hing ein glänzendes, schlankes Fluggerät mit spitzer Nase. Es war so lang, wie Gideon groß war, und hatte einen beachtlichen Propeller am Heck.

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„Rashmi und Saheeli haben einen speziell modifizierten Thopter gebaut“, sagte Pia. „Seine Ladung besteht aus einem Ätherdisruptor – einem Gerät, das in der Lage ist, die Brücke ein für alle Mal außer Betrieb zu setzen.“

Saheeli öffnete ein Panel oben an dem Gerät und legte sein kompliziertes Innenleben frei. „Wir haben alle Teile, die wir hatten, dafür aufgewendet, aber es sollte funktionieren. Der Disruptor wird einen einmaligen Energieschub erzeugen, der den inneren Ring der Brücke lahmlegen wird. Die Struktur der Weltenbrücke wird weitestgehend intakt wirken, aber sie wird nutzlos sein, weil ihr Kernmechanismus vollständig zerstört sein wird. Tezzeret wird mit nichts dastehen.“

Rashmi sah aus, als wäre sie bereit, den Thopter mit bloßen Händen auf Tezzeret zu schleudern. „Ich nenne ihn Hoffnung von Ghirapur“, sagte sie betont ruhig.

Gideon nickte. Rashmi musste angesichts dessen, was aus ihrer Arbeit auf der Messe geworden war, höchst bestürzt sein. Nun hatte sie all ihre Genialität in etwas fließen lassen, was die Monstrosität, zu der ihre frühere Arbeit geworden war, vernichten sollte – eine elegante, neue Erfindung, die eigens dazu gebaut worden war, ihre vorherige Arbeit ungeschehen zu machen. „Er sieht schnell aus“, sagte Gideon.

„Schnell genug, um an gewöhnlicher Luftverteidigung vorbeizukommen“, sagte Rashmi. „Vorausgesetzt wir können nahe genug an den Turm heran, um ihn loszuschicken.“

„Es gibt da immer noch ein Problem: das Geschütz“, sagte Pia. „Unsere Kontakte bei den Renegaten haben uns berichtet, dass die Handwerker des Konsulats eine gewaltige, äthergetriebene Kanone am Fuß des Turms aufgestellt haben, die über genug Zielgenauigkeit und Reichweite verfügt, um alles auszuschalten, was fliegt. Einschließlich der Hoffnung von Ghirapur. Oder der Herz des Kiran.“

„Können wir ihnen nicht die Versorgungslinien abschneiden?“, fragte Saheeli. „Ihnen noch einmal den Äther wegnehmen?“

„Damit werden sie rechnen“, sagte Pia. „Wir sehen Patrouillen überall entlang der wichtigsten Versorgungslinien.“

„Dieses Geschütz“, sagte Liliana und knibbelte an einem Fingernagel herum. „Wird es von lebenden Geschöpfen bedient?“

Gideon fuhr zu ihr herum, gereizt von der Art, wie sie das lebenden so besonders betont hatte. „Wir verletzen niemanden, den wir nicht verletzen müssen, Liliana“, sagte er. „Ich möchte, dass jede Möglichkeit ausgelotet wird.“

Liliana legte den Kopf schief und warf Gideon einen Blick zu, der verriet, wie unfassbar gelangweilt sie von seiner Naivität war.

„Wir sind nicht hier, um den Bewohnern dieser Stadt den Tod zu bringen“, sagte Gideon, nun an die Gruppe gewandt. „Wir sind hier, um Tezzeret aufzuhalten, und die Hoffnung von Ghirapur ist unsere beste Möglichkeit dazu. Doch bevor wir dieses Geschütz nicht ausgeschaltet haben, werden wir abgeschossen werden, bevor wir auch nur in seine Nähe kommen.“

„Ich habe vielleicht eine Möglichkeit, es auszuschalten“, sagte Pia. „Aber ich werde Unterstützung brauchen. Einen Bodentrupp.“

„Ich komme mit dir mit, Mutter“, sagte Chandra sofort.

Gideon dachte darüber nach, wer noch an Bord bleiben würde und welche Fähigkeiten sie hätten, falls Chandra wirklich ging. Er schüttelte den Kopf. „Wir brauchen dein Feuer hier auf dem Schiff, Chandra. Wir werden uns einem ganzen Schwarm von Angreifern aus der Luft gegenübersehen, wenn wir den Turm anfliegen. Wir müssen den Weg für die Hoffnung freihalten.“

„Ich dachte eigentlich an Nissa“, sagte Pia leise und tätschelte Chandras Hand. „Jemand, der mir helfen kann, die Ätherleitungen auszumachen.“

Chandra ballte die Hände zu Fäusten. Gideon konnte ihr beharrliches Wispern gerade so hören: „Ich muss dabei sein. Um mich zu vergewissern, dass du sicher bist.“

„Du willst dabei sein, um mich zu beschützen?“, flüsterte Pia mit einem leisen Lächeln.

„Ich habe dich schon einmal enttäuscht“, sagte Chandra. „Dich und Vater. Ich werde das nicht wieder zulassen.“

„Ich begleite den Bodentrupp“, sagte Ajani. „Sei unbesorgt, kleine Kerze. Ich halte allen Schaden von ihm fern.“

Chandra stellte das Schmollen ein und schloss die Arme erst rasch, aber heftig um Ajanis Hüfte, um sie dann vor der Brust zu verschränken. Pia legte mütterlich eine Hand um Chandra.

Gideon nickte entschlossen. „Dann bleibt da noch das Problem Tezzeret selbst.“

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Liliana blickte mit plötzlichem Interesse auf.

„Er wird den Angriff kommen sehen“, sagte Gideon. „Und er wird in der Lage sein, ein mechanisches Gerät wie die Hoffnung von Ghirapur im Nu zu deaktivieren.“

„Überlasst ihn mir“, sagte Liliana.

Gideon war misstrauisch. „Wir müssen ihn nur ablenken.“

Liliana zupfte einen ihrer Seidenhandschuhe zurecht. „Ich glaube, es ist sehr ablenkend, wenn einem das Fleisch von den Knochen gezogen wird.“

Eine Ader pulsierte auf Gideons Schläfe. „Es tut mir leid“, sagte er zur Gruppe. „Könntet ihr Liliana und mir bitte einen Augenblick Zeit geben?“

Die anderen tauschten Blicke aus und gingen dann im Gänsemarsch die Stufen hinauf, um Liliana und Gideon allein im Laderaum zurückzulassen.

Als sie weg waren, ließ Liliana ihre beiläufige Belustigung fallen. „Ich bin hier deine beste Chance, und das weißt du auch. Du meintest, wir sind hier, um Tezzeret aufzuhalten. Halten wir ihn also auf.“

„Wir wollen nur, dass Tezzeret nicht in der Lage ist, Türen zwischen Welten zu öffnen.“

Liliana kicherte spöttisch. „Solange Tezzeret weiß, dass dieses Weltenbrücken-Artefakt möglich ist, wird er vor nichts haltmachen, um es erneut zu erschaffen. Er wird dieses Ding wieder und wieder bauen, jeden verletzen, der dazu nötig ist, und jede kleine Erfinderwelt plündern, bis er es hat.“

„Bist du dir da sicher?“

„So würde ich das an seiner Stelle auch machen.“

„Wir nehmen Kontakt zu Jace auf. Er könnte irgendetwas mit Tezzerets Verstand anstellen.“

Lilianas Erwiderung klang überraschend giftig. „Auf keinen Fall. Bei ihrem letzten Aufeinandertreffen hat Tezzeret ihn gefoltert–“ Sie unterbrach sich, glättete ihre Gesichtszüge und fuhr dann ruhiger fort. „Du willst nicht, dass der Erfolg deinen Plans von einer Situation auf Leben und Tod zwischen den beiden abhängt.“

Gideon runzelte die Stirn. Jace schien für Liliana immer ein heikles Thema zu sein.

„Ich gehe und lenke Tezzeret ab“, sagte Liliana, „und der Rest von euch feuert dieses Ding auf die Brücke ab. Das ist das beste Vorgehen. Das ist das einzig mögliche Vorgehen.“

Gideon richtete sich zu voller Größe auf. „Na schön. Aber ich komme mit dir.“

„Nein. Das wirst du ganz sicher nicht.“

„Es ist völlig ausgeschlossen, dass du dich allein und unbeaufsichtigt mit ihm anlegst.“

„Das ist die einzige Art und Weise, wie das läuft. Das Konsulat würde jeden einzelnen Schläger in der Nähe losschicken, sobald es dich sieht. Ich kann Tezzeret auf eine Weise in ein Duell zwingen, wie es sonst kein anderer kann.“

„Dann geben wir dir eine Waffe mit. Noch einen Disruptor oder irgendetwas anderes. Du schleichst dich mithilfe einer List rein und du hältst die Brücke auf.“

Liliana schüttelte den Kopf. „Die Erfinder sagten doch bereits, dass sie alle Vorräte aufgebraucht haben, um dieses Gerät zu bauen. Und wenn Tezzeret irgendeine Art von Falle oder Hinterhalt wittert, wird er sich nicht mit mir einlassen. Dann werde ich ihn nicht ablenken können. Ich muss allein und unbewaffnet gehen oder dein ganzer Plan fällt auseinander.“

Gideon holte tief Luft. So schmerzhaft es auch war, sah er dennoch die Wahrheit in ihren Worten. „Ich möchte, dass du jede andere Möglichkeit auslotest, bevor du ihn tötest.“

„Selbstredend“, sagte Liliana süßlich.

Die Wächter hatten sich zusammengefunden, um die gleichen Feinde zu bekämpfen, dachte er. Nicht um alles so zu machen, wie er es machen würde. „Ich fasse es nicht, dass ich mich damit einverstanden erkläre.“

Liliana klopfte ihm auf die fleischige Schulter. „Du hast alle Möglichkeiten ausgelotet.“
__________

Fast zwei Stunden waren vergangen, seit die Herz des Kiran sie am Boden abgesetzt hatte. Pia kannte die Namen der Straßen in diesem Viertel, doch da es nun auf ihnen von Streitkräften des Konsulats nur so wimmelte, hatte sie größte Mühe, sie wiederzuerkennen. Nissas Augen nahmen die Ätherleitungen jedoch bestens war, und Ajanis Nase warnte sie, wenn sie den Soldaten zu nahe kamen. Ihre kleine Gruppe arbeitete sich durch Seitengassen voran, um den Truppen des Konsulats auszuweichen.

In der Ferne schoss ein Energiestrahl in die Höhe und ließ einen Wirbler der Renegaten zerbersten. Von ihrem Aussichtspunkt aus konnten sie das Geschütz selbst zwar nicht sehen, aber sie hatten sehr wohl gesehen, wie sein Strahl alles auflöste, was er anvisierte. Er hatte dafür gesorgt, dass Piloten der Renegaten sich aus ihren zerstörten Luftschiffen warfen und Thopter zu Wolken aus Äther und Rauch aufgelöst wurden.

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Das Geschütz war ihr Ziel. Doch zunächst mussten sie einen Renegaten-Kontakt treffen.

Als sie zwischen zwei Gießereien des Konsulats entlangschlichen, lugte ein eichhörnchengroßer Automat einem Fenster über ihnen hervor. Er huschte über die Backsteine auf sie zu, hielt an und neigte den kupfernen, verschnörkelten Kopf. Dann eilte er an der Wand entlang davon und bog um eine Ecke.

„Gnädige Frau?“, bat Nissa.

Pia nickte und sie gingen dem Automaten nach.

Sie verfolgten ihn bis zum Hintereingang einer Anlage des Konsulats und hielten an einer Tür inne. „Hier drinnen“, flüsterte Pia.

„Gnädige Frau, dieses Gebäude ist mitten auf der Hauptätherleitung errichtet worden“, warnte Nissa.

Ajani schnüffelte an der Tür – erst einmal und dann gleich noch einmal, um sich richtig zu vergewissern – und wurde danach sichtlich ruhiger. „Großmutter.“

Pia klopfte. Oviya Pashiri öffnete und strahlte die drei an.

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„Ist das Paket fertig?“, fragte Pia.

Frau Pashiri bat sie in das Gebäude, während der kleine Automat ihr auf die Schulter hüpfte. Von außen wirkte der Ort wie ein Lagerhaus des Konsulats, im Inneren jedoch befand sich eine Werkstatt und eine Ladebucht der Renegaten.

Die Biotronikerin führte sie zu einer Metallkiste, die beinahe so groß war wie die alte Frau selbst, und klopfte dagegen. „Alles zusammengebaut und fertig zur Auslieferung.“

Ajani schaute die Kiste an und kräuselte die Nase. „Sind wir uns bei dieser Sache sicher?“

„Ich denke, du wirst feststellen, dass es genau das Richtige ist“, sagte Frau Pashiri.

Ajani beugte sich zu der Kiste und machte sich bereit, sich die schwere Last auf den Rücken zu hieven. Doch Nissa hatte die Kiste bereits an sich genommen. Sie hatte sich ganz einfach anheben lassen. „Ich habe sie“, sagte Nissa.

Ajani blinzelte. Und nickte. „Was genau ist da drin, Großmutter?“

„Eine Waffe gegen das Konsulat“, sagte Frau Pashiri. „Die erst angewandt werden soll, sobald ihr nahe genug an diesem garstigen Geschütz seid.“

Pia umarmte Frau Pashiri. „Danke, meine Liebe.“

„Pass auf dich auf.“

Sie gingen wieder zur Tür hinaus, nur um festzustellen, dass die Straße inzwischen voller erfinderischer Renegaten war, allesamt bis an die Zähne mit ätherbetriebenen Gerätschaften bewaffnet. Sie standen in Formation da und schauten befehlsbereit auf Pia.

„Oh, und ich habe ein paar Freunde benachrichtigt.“
__________

Chandra sandte vom Bug aus Feuerstöße los. Eine Schwadron Thopter mit nadelspitzen Schnäbeln, die bereit waren, die Herz des Kiran aufzuspießen, wurden von Chandras Schüssen getroffen und explodierten. Brennende Trümmer flogen umher. Chandra stellte sich siegessicher auf die Fersen, doch sie spürte die Knie unter sich nachgeben und geriet ins Stolpern.

Saheeli, die neben ihr am Bug stand, stützte sie. „Geht es dir gut?“

„Es geht schon“, sagte Chandra. Es klang wie ein Fluch, wenn auch mehr gegen ihren eigenen Körper als gegen Saheeli gerichtet. Sie spähte nach oben. „Da kommen noch mehr –“

Eine weitere Schwadron surrte auf sie zu, doch Saheeli wirkte einen Zauber und verwandelte ihre edlen Metalle in schwerfälliges Blei. Die Thopter taumelten, trudelten und plumpsten harmlos, weich und stumpf gegen die Hülle der Herz des Kiran.

„Du bist gut“, sagte Chandra, als der Weg für das Luftschiff frei war. „Hast du je darüber nachgedacht, diese Talente auch außerhalb Kaladeshs anzuwenden? Wir könnten dich gut gebrauchen.“ Sie schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Mist! Ich klinge ja schon wie Gideon!“

Saheeli lächelte. Sie schaute zu dem Turm in der Ferne, der nun deutlich zu erkennen war. „Ich weiß es nicht. Im Augenblick mache ich mir hauptsächlich Gedanken um diesen Kampf hier auf unserer Welt.“

„Wir werden Tezzeret schon aufhalten. Und dann wird all das hier vorbei sein. Ganz sicher. Ich bin zwar nicht gut darin, Reden zu halten, aber das glaube ich wirklich.“

„Du bist besser darin, Leute zu motivieren, als du vielleicht denkst.“ Saheeli zog ein Fernrohr hervor, doch anstatt hindurchzusehen, drehte sie es in den Händen, während die Maschinen der Herz des Kiran unter ihren Sohlen summten. „Aber es sind so viele Leute diesem Tyrannen gefolgt. Ohne ihn zu hinterfragen. Er ist aufgetaucht und die Leute haben ihm einfach die Kontrolle über alles überlassen, was er wollte. Hast du je das Gefühl gehabt, die ganze Welt gegen dich zu haben?“

„Üblicherweise glaube ich, dass jede Welt gegen mich ist. Aber ich weiß, was du meinst.“

„Selbst wenn es uns gelingt, ihn aufzuhalten ... Ich weiß nicht. Es gibt Bedrohungen da draußen, jenseits von Kaladesh. Tezzeret ist der Beweis dafür. Aber es wird auch hier noch genug zu tun geben.“

Chandra zuckte die Schultern. „Falls du je deine Meinung ändern solltest ...“ Sie erinnerte sich daran, wie Jace und Gideon nach Regatha gereist waren, um sie um Hilfe beim Kampf gegen die Eldrazi zu bitten. Es fühlte sich an, als wäre das schon eine Ewigkeit her. Auch sie hatte ihr Angebot zunächst abgelehnt. Es war nie leicht, sein Zuhause – was auch immer man als solches betrachtete – zu verlassen.

„Es tut mir leid wegen deines Vaters“, sagte Saheeli unvermittelt. „Ich erinnere mich, davon gehört zu haben, als es ... Als er starb. Ich war jung damals – wie du.“ Sie schaute durch das Fernrohr in Richtung des Turms. „Seine Stimme wäre jetzt sehr hilfreich gewesen.“

„Danke“, sagte Chandra. „Er hätte dich sicher auch ziemlich toll gefunden.“

Gideon kam über eine Leiter von unten herauf. „Die Verteidigung des Konsulats fällt in sich zusammen“, sagte er. „Liliana hat mit ihrer Infiltration begonnen und der Bodentrupp ist auf dem Weg. Ist die Hoffnung von Ghirapur bereit?“

„Ich habe sie dreimal überprüft“, antwortete Saheeli. „Und der Ätherturm ist geradewegs vor uns. Unser Ziel ist in Sicht.“

Chandra knuffte Gideon die Schulter. „Werden wir das wirklich durchziehen?“

„Solange unsere Freunde am Boden in der Lage sind, rechtzeitig das Geschütz auszuschalten.“

Chandra nickte ernst. „Das werden sie schon.“

Die Herz des Kiran erbebte durch einen harten Stoß am Heck.

Saheeli und Gideon schauten einander an. „Was war das denn?“

„Wahrscheinlich bloß eine ... Turbulenz“, sagte Chandra.

Gideon quittierte diese Theorie mit einer erhobenen Augenbraue.

„Verirrte Zugvögel?“ Sie zuckte die Schultern.

Saheeli blinzelte, sprachlos ob dieser noch kühneren Theorie.

„Der Schädel eines wirklich gigantischen Riesen – na schön, ich gehe nachsehen.“
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Das Geschütz war umstellt. Von Wachautomaten. Bewaffnete Friedensschreiter zum Schutz der Ätherleitungen. Konsulatsfahrzeuge, unter deren Ketten das Mosaik der Straße knirschte.

Pia rief Befehle. Nissa stellte den riesigen Metallbehälter auf der Straße ab und Pia errichtete eine Verteidigung darum herum. Ajani stürmte mit seiner Doppelaxt vor, stieß einen Automaten aus dem Weg und hieb einen anderen in zwei Teile. Nissa hob ihren Stab und die Straße bäumte sich auf, als sich die Erde darunter erhob und zu einem Netz aus Schlingpflanzen erblühte. Während einer der Automaten nach unten gezogen wurde, kletterten Renegaten auf ihn, um Fehlfunktionshämmer und Bindefallen gegen ihn einzusetzen.

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Das Geschütz richtete sich gegen den Boden aus. Es leuchtete mit einer blauen Hitze und feuerte auf die Geste eines Offiziers hin. Der Strahl versengte die Straße und hinterließ einen Krater in den Pflastersteinen. Pias Renegaten hatten sich vor dem Schuss in Sicherheit bringen können, aber nur knapp.

Vor ihnen ragte nun ein gewaltiger, herbeirollender Friedensschreiter auf, dessen Chassis mit den roten Bannern des Konsulats geschmückt war, die ihm von den Schultern bis zu den Ketten reichten. Er stand zwischen ihnen und dem Fuß des Geschützes und drehte sich in der Hüfte, um nach Feinden Ausschau zu halten. Von jener Plattform aus, wo der Kopf des Dings hätte sein sollen, legten Soldaten des Konsulats Werfer an und feuerten mit Stacheln versehene Pfeile in die Menge. Pia rief und deutete.

Eine junge Elfe stürmte vorwärts und rannte unter den Rumpf des Friedensschreiters. Mit einem raschen Dolchhieb und einem triumphierenden Lachen durchtrennte sie eine freiliegende Treibstoffleitung unter dem Chassis. Als die Elfe sich zum Zurücklaufen umwandte, verfingen sich die Dornen an den Ketten des Schreiters jedoch an einem Fetzen ihrer Tunika und zerrten an ihr. Sie verlor den Halt und fiel zur Seite, um nun auf die Stacheln zugezogen zu werden, während sie versuchte, sich zu befreien.

Pia hörte Ajani rufen: „Schattenklynge!“
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Tausende winzige Fluchtinstinkte fuhren Chandras Wirbelsäule hinauf, während sie Wolken rohen Äthers in den Laderaum des Schiffes folgte. Nebel hüllte den Fuß der Treppe ein und sie hörte ein pfeifendes Zischen – die Art von Geräusch, die man niemals hören wollte, während man sich an Bord eines äthergetriebenen Fahrzeugs Hunderte von Fuß über dem Boden befand.

Sie sah den Eindringling erst, als sie in jenen Teil des Laderaums kam, der die Hoffnung von Ghirapur beherbergte. Dort stand Dovin Baan. Beinahe alles andere war von Ätherdampf verborgen.

„Als ich das erste Mal zu Ihnen und Ihren Kameraden kam, Mönchin Nalaar“, sagte Dovin, „hatte ich vorgehabt, Sie um Hilfe zu bitten. Ich sehe nun, dass mein Plan von einem schlimmen Fehler behaftet war.“

Durch den Dampf konnte Chandra die Zugangsluke sehen. Irgendeine Art von mechanischem Greifer hatte ein kleines Loch in den Bauch des Luftschiffs geschnitten und so einer einzelnen Person Zugang in den Laderaum gewährt. Anschließend hatten die Greifer den Rumpf dann wieder versiegelt, aber bei diesem ganzen Prozedere war eine Treibstoffleitung durchtrennt worden. Das defekte Rohr versprühte nun Äther in sämtliche Richtungen.

Chandra zog sich die Handschuhe stramm und trat auf Dovin zu. „Runter vom Schiff meines Vaters.“

Dovin hielt eine Zange hoch. Sachte von ihren Backen gehalten war ein Stück zerfetztes Metall – ein winziger Drahtkäfig, der ein kompaktes, energiereiches Modul in sich barg. Er stammte aus dem Ätherdisruptor – und damit aus dem entscheidenden Bauteil der Hoffnung von Ghirapur. Und gerade als Chandra erkannte, worum es sich dabei handelte, zerquetschte Dovin es.

„Nein!“, rief Chandra.

„Mein Fehler ist nun ausgemerzt“, meinte Dovin. „Und ich habe den Fehler in eurem Plan gefunden: ein einziger, leicht zerstörbarer Mechanismus, der den Schlüssel zu eurer gesamten Operation bildet.“

Es war nicht nur der Kern des Disruptors. Durch den Ätherdampf hindurch konnte sie sehen, dass das Innere der Hoffnung von Ghirapur überall verteilt war.

Chandra hüllte sich in Feuer und stürmte auf Dovin zu.
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Der Friedensschreiter rumpelte weiter in einer geraden Linie auf die Renegaten zu. Schattenklynge musste ein Lenkkabel anstatt der Energieversorgung durchtrennt haben. Während sie mitgeschleift wurde, versuchte Schattenklynge, sich aus ihrer Tunika zu befreien, doch die Ketten fraßen sich in den Ärmel und zerrten ihren Arm gefährlich nahe an sich heran.

Ajani brüllte auf und rannte mit der Axt voran auf die Elfe zu. Er schlug eine Salve von Projektilen mit dem Axtblatt zur Seite und hackte in einer fließenden Bewegung auf die Ketten des Friedensschreiters ein, um Schattenklynge zu befreien.

„Weiße Katze!“, rief Schattenklynge. „Dank-aaargh!“

Ihre Tunika war frei, doch die knirschenden Mechanismen am Unterbauch des Fahrzeugs rollten dennoch nach wie vor über sie beide hinweg. Zahnräder drohten, wie stumpfe Messer durch ihr Fleisch zu schneiden. Ajani warf sich schützend über sie. Sie spannten sich beide an und warteten auf das gewaltige Gewicht, das sie zermalmen würde, als eine tiefe Dunkelheit sich über sie legte ...

... und dann war da Licht. Metall kreischte, als der Friedensschreiter ächzte und sich zur Seite neigte. Eine Kette schleifte funkensprühend über die Straße, während die andere sich frei in der Luft drehte. Nissa stand unter dem Chassis. Sie hielt mit den Armen die riesige mechanische Bestie in die Höhe gestemmt, ein Wirrwarr aus sehnenartigen Ranken um den Leib geschlungen, die ihren Kraftakt ermöglichten.

Ajani und Schattenklynge rollten sich weg und sprangen in Sicherheit. Als sie davonhasteten, ließ Nissa den Friedensschreiter krachend fallen. Mechanismen ächzten, Zahnräder schlugen Funken und der Friedensschreiter machte einen unbeholfenen Schwenk nach links, wo er in ein Gebäude krachte.

„Bringt das Paket!“, rief Pia.

Da der Friedensschreiter nun aus dem Weg war, hatten sie eine kurze, freie Sichtlinie auf den Fuß des Geschützes – doch Letzteres konnte sie nun seinerseits ebenfalls leicht ins Visier nehmen. Während die Kanone sich drehte, eilten Erfinder mit der Kiste vorwärts und stellten sie unmittelbar vor dem Geschütz ab, dessen gefährliches Ende bereits vor angestautem Äther glühte.

„Freilassen!“, rief Pia.

Die Erfinder zerrten an den Verschlussklammern der Kiste. Schlösser klickten und Nähte platzten auf, um zunächst nur einen absonderlichen Chor aus Schnauben, Schnüffeln und dem Kratzen winziger Klauen freizugeben.

Die Lademechanismen des Geschützes drehten auf und sangen vor Energie. Das Ende des Geschützlaufs knisterte vor sengender Hitze. Renegaten stoben auseinander, als der Strahl feuerbereit war.

Die Schlösser öffneten sich und die Seiten des Behältnisses klappten auf. Dutzende von Gremlins strömten aus der Kiste heraus.

Sofort ergossen sie sich über die Straße und richteten die Schnauzen auf das Geschütz.

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„FEUER!“, brüllte der Geschützoffizier.

Doch es war zu spät. Gremlins schwärmten die Träger des Geschützturms hinauf und versengten das Metall mit ihrem säurehaltigen Geifer. Die Kanone feuerte und riss ein rauchendes Loch in die Straße, doch währenddessen hieben Gremlins mit ihren Krallen Rohre und Äthertanks auf und labten sich an den reichen Äthervorräten im Bauch des Geschützes.

Soldaten versuchten, sie mit Pfeilwerfern und blankgezogenen Waffen abzuwehren, aber ihre Strategie fiel rasch in sich zusammen und sie begannen, alle vorhandenen Ausgänge aus dem Geschützturm zu nutzen.

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Die gesamte Operation wurde zu einem Festmahl für Gremlins. Das aufgerissene und leer gefressene Geschütz wurde dunkel und der Kanonenlauf sackte ohne Äther nutzlos nach unten.

Die Renegaten jubelten.

Pia grinste und nickte ihrer Bodentruppe zu. „Das war unser Teil“, sagte sie. Sie blickte zum Himmel. „Nun hängt alles von der Hoffnung von Ghirapur ab.“
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Es war hoffnungslos. Die äußere Hülle des modifizierten Thopters war intakt, doch das spielte keine Rolle – seine kostbare, komplizierte Ladung war zerstört.

Chandra schleuderte Feuerstöße an der Hoffnung vorbei, um den Eindringling Dovin dazu zu bringen, sich dichter an die Wand zurückzuziehen, doch sie konnte in dem nebligen Raum kaum etwas erkennen. Sie feuerte wild und erhellte so kurzzeitig ihren Vorstoß gegen Dovin, aber es war ihr bislang anscheinend nur gelungen, Teile der Herz des Kiran in Brand zu stecken. Dovin war jedem ihrer Zauber ausgewichen.

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„Das Luftschiff hat beachtliche Mengen an Treibstoff verloren“, sagte Dovin ruhig. „Zu Ihrer eigenen Sicherheit schlage ich vor, es bald zu landen.“

Chandra konnte nichts treffen, was sie nicht sehen konnte. Wütend zog sie sich die Schutzbrille über die Augen, nur um gerade noch mitzubekommen, wie Dovin sich leicht verneigte.

„Zu diesem Zeitpunkt sollte die Mannschaft besser die erforderlichen Evakuierungsprotokolle einleiten“, sagte er. „Leben Sie wohl.“

Und dann begann er zu flimmern und zu verblassen. Er verließ diese Welt.

„Nein!“ Chandra schleuderte einen letzten Feuerstoß, der jedoch einfach durch die verschwindende Gestalt des Vedalken hindurchflog. Er war fort.

Hinter sich hörte sie, wie Saheeli die Stufen zum Laderaum hinuntereilte. „Die Mannschaft meint, wir verlieren Treibstoff. Was ist denn hier unten –“ Sie musste den ausgeweideten Thopter gesehen haben, denn sie unterbrach sich. „O nein! O nein, o nein ...“

Chandra öffnete den Mund und gab ein Geräusch von sich, das mehr Lautstärke als Vokabular enthielt.
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Gideon folgte den anderen in den Laderaum hinunter. Er verschaffte sich einen raschen Überblick: Das Chassis der Hoffnung von Ghirapur war wie eine Karkasse aufgeschlitzt. Teile des Disruptors lagen im Laderaum verstreut wie herausgepickte innere Organe. Saheeli hatte hastig die Ätherleitung der Herz des Kiran zusammengeschweißt, doch die Rohre zischten an den Verbindungsstücken noch immer. Das ganze Luftschiff grollte und stampfte, und Höhenwarnglocken läuteten schrill.

Chandra klopfte mit den Knöcheln gegen den Thopter. „Also“, sagte sie durch zusammengebissene Zähne. „Können wir ihn immer noch starten?“

„Er wird wahrscheinlich fliegen“, sagte Saheeli. „Aber wozu? Ohne den Disruptor ist er nur eine leere Hülle.“

Chandra blickte finster drein. „Vielleicht sollten wir die Brücke einfach rammen.“

Gideon setzte zu einem Einwand an, doch Saheeli war schneller. „Das klappt nicht“, sagte sie. „Dovin hat das Treibstoffsystem zerstört. Die Herz des Kiran wird schnell schwächer. Wir können zwar in Reichweite gelangen, aber keine hohe Geschwindigkeit aufnehmen. Außer dem Thopter haben wir nichts.“

„Aber jetzt kann man ihn nicht mehr zünden“, sagte Chandra.

Alle Blicke wandten sich zu Gideon. Er holte Luft und versuchte, irgendeine Möglichkeit zu finden, all diese Leute vor der traurigen Wahrheit zu schützen. „Wir müssen die Sache abblasen“, sagte er. „Wir müssen uns irgendetwas anderes einfallen lassen.“

Rashmi ergriff das Wort. „Liliana ist immer noch dort unten.“

„Meine Mutter auch!ׅ, sagte Chandra. „Und Nissa und Ajani! Der Rest der Renegaten! Unsere Freunde und unsere Familien zählen auf uns!“

„Wir werden keine andere Chance mehr kriegen“, murmelte Saheeli.

Gideon verschränkte die Arme und schaute zur Decke. Er wünschte, er könnte jeden auf dieser Welt auf dieses Schiff befördern und dann alles mit den Armen umfangen. Um all diese weichen, anfälligen Leute in eine undurchdringliche Umarmung schließen. Jeder in seinem Leben schien stets in Situationen zu geraten, die nur zeigten, wie verwundbar sie alle waren.

Chandra strich mit der Hand über das glatte Chassis des Thopters. „Ich habe eine ganz, ganz schlechte Idee.“ Sie warf Gideon einen Blick zu und steckte dann den Kopf in die Luke des Thopters.

„Was hast du –?“, setzte Gideon an. Als er ihrem Gedankengang zu folgen begann, hob er die Hände. „Nein. Was? Nein. Chandra. Auf gar keinen Fall.“

„Es könnte klappen“, sagte Chandra. Ihre Stimme hallte aus dem Inneren der Kabine wider. Sie zog den Kopf wieder heraus. Sie hatte dieses halbe Chandra-Grinsen im Gesicht, doch sie zitterte. „Aus nächster Nähe könnte ich der Disruptor sein. Als ich gegen Baral gekämpft habe – bevor Nissa mich rausgezogen hat –, war ich gerade dabei, einen Zauber zu vollenden ...“ Sie hielt inne. Ihr Atem kam scharf und schnell. „Kleine Sache. Großer Knall.“

Gideon schüttelte den Kopf und versuchte, die Idee fortzuwischen wie Kerzenrauch. „Das wird so nicht stattfinden. Leute. Ich brauche andere Optionen. Jetzt sofort.“

Doch Chandra kletterte bereits in die ausgehölte Hoffnung von Ghirapur und faltete ihre Gliedmaßen zusammen wie eine Spinne.

„Bei allen Göttern! Komm verdammt noch mal da raus!“, brüllte Gideon. „Auf keinen Fall. Das kann nicht ... Das kann nicht klappen.“ Er hasste, wie wenig überzeugt er davon war.

Saheeli warf Rashmi einen schiefen Blick zu. „Wir müssten einige Umbauten vornehmen, um die neue Belastung auszugleichen ...“ Rashmi nickte. „Und wir müssten die Nase auspolstern, um so viel vom Aufprall abzufedern wie möglich ... Ein Drahtgestell vielleicht?“

Chandras Stimme erklang aus dem Inneren des Thopters. „Kein Auspolstern.“ Es gab ein Scheppern, als sie von innen gegen die kupferne Spitze des Thopters trat. SCHEPPER. Ihr Fuß brach durch die Front des Thopters. SCHEPPER.

Gideons Lachen klang ungläubig. „Chandra! Du würdest als Blutfleck an der Wand enden! Der Aufprall allein würde dich umbringen!“

Chandras Gesicht tauchte aus dem Inneren des Thopters auf. Sie lachte nicht. „Sie haben uns einen Weg frei gemacht. Sie zählen auf uns. Jetzt oder nie.“ Sie zuckte die Schultern. „Ich entscheide mich für jetzt.“

Diese Strategie war mehr als lächerlich. Wie groß die Explosion auch sein mochte, die Chandra erzeugten konnte: Das hier war nicht einmal ein schlauer Notbehelf. Das war sinnloser Selbstmord. Warum sollte sie diese Tat überhaupt auch nur in Betracht ziehen–

Gideons Herz zog sich zusammen. Natürlich. Die Welt, auf der sie sich befanden ... Der Name des Schiffes, auf dem sie waren ... Natürlich fühlte sie sich verantwortlich. „Chandra“, sagte er so sanft wie möglich. „Nichts davon wird deinen Vater zurückbringen.“

Es gab kein Feuerwerk. Nur eine Reihe von Worten, die zurückgeschossen wurden. „Halt dein verfluchtes Maul, was meinen Vater angeht.“ Und sie setzte sich mit schnalzendem Riemen die Schutzbrille auf.

Gideon trat einen Schritt zurück. Saheeli und Rashmi sahen einander mit einem stillen, geteilten Hui an.

„Es tut mir leid“, sagte Gideon. „Es ist nur ... Das ist nicht die Zeit für dich, dich beweisen zu müssen. Du bist müde. Du hast bereits so viel Zorn verbraucht.“

Chandra schaute ihn einfach nur durch die Gläser der Schutzbrille an. „Mein Zorn ist eine erneuerbare Energiequelle.“

„Wir finden eine andere Möglichkeit.“

„Lass mich wissen, wenn dir eine einfällt. Ich gehe.“

Saheeli und Rashmi hielten bereits Schweißgeräte und Metall bereit, um den Thopter umzubauen.

Gideon betrachtete die Szene einen langen Augenblick und versuchte, diese entsetzliche Situation einzufrieren, damit sie nicht noch weiter aus dem Ruder laufen konnte. Er stapfte durch den Laderaum und schritt um den Thopter herum. Er steckte den Kopf in die Kabine und nahm Maß, wobei er den von Chandra beanspruchten Platz einberechnete. Er seufzte und suchte nach irgendeiner anderen Antwort.

Schließlich nahm er seinen Sural vom Gürtel und hängte ihn an die Wand. Er blickte Chandra an.

„Du gehst nicht allein.“

Veröffentlicht in Magic Story on Januar 18, 2017

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Re: Äther-Rebellion

Beitrag von Judge Fredd » Di 21. Feb 2017, 22:32

Marionetten


Während die übrigen Wächter sich an der Rebellion der Erfinder beteiligen, hat Liliana die düstere Aufgabe übernommen, sich des eigentlichen Problems auf Kaladesh anzunehmen: des Planeswalkers Tezzeret.

Vor langer Zeit und auf einer weit entfernten Welt war eine junge Liliana Vess durch die Bäume eines dunklen Waldes geschlichen, während um sie herum eine Schlacht getobt hatte. Das Krächzen der Raben und die Schreie der Sterbenden hatten sie in die Wälder begleitet und der Pfad ihres Lebens hatte eine andere Richtung eingeschlagen. Die Straßen Ghirapurs unterschieden sich so sehr vom Caligo-Wald auf Dominaria wie die heutige Liliana von jenem naiven, hoffnungsvollen und zu allem bereiten Mädchen.

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Aber Krieg war Krieg. Surrende Thopter nahmen den Platz der Raben ein (wofür Liliana außerordentlich dankbar war), während Schreie sich mit dem Klang der Entladungen von Ätherkanonen und flinkgeschmiedeten Sprengsätzen vermischten.

Ihre Mission damals war das Leben gewesen: ein Heilmittel für jene sonderbare Krankheit zu finden, die ihren Bruder an die Schwelle des Todes geführt hatte. Heute war ihre Mission der Tod – ihre Aufgabe und ihr ständiger Begleiter. Der Tod Tezzerets. Nichts anderes zählte – nicht die Bemühungen der Renegaten Kaladeshs, nicht die Einmischung ihrer verbündeten Planeswalker, nicht das Streben des Konsulats nach der Wiederherstellung der Ordnung.

Tezzeret musste sterben.

Natürlich musste er sterben, und es war absurd, dass Gideon dabei so zimperlich war. Immerhin hatte sie, bevor diese ganze Sache auf Kaladesh angefangen hatte, ohnehin geglaubt, er wäre bereits tot. Ihn jetzt zu töten, bedeutete einfach nur, ein loses Ende festzuzurren, das von einer unglücksseligen Angelegenheit auf Ravnica von vor vier Jahren übrig geblieben war.

Liliana hatte damals für den Drachen gearbeitet und Jace gegen Tezzeret aufgebracht, in dem Versuch, die Kontrolle über ein interplanares Konsortium an sich zu bringen. Jace hatte Tezzerets Verstand zerrüttet und ihn zum Sterben auf irgendeiner weit entfernten Welt zurückgelassen. Ein loses Ende. Tezzeret hätte sie heimgesucht, hätte Jace heimgesucht und hätte zweifellos alles noch komplizierter gemacht.

Sie seufzte und blickte sich in dem Chaos um, das die wütenden Renegaten Ghirapurs angezettelt hatten. Es war auch so schon alles kompliziert genug, und sie hatte jede Menge ungelöster Schwierigkeiten. Tezzeret und Jace. Garruk und den Kettenschleier. Bolas und ihre Dämonenpakte. Der verfluchte Rabenmann. Selbst die Ereignisse im Caligo-Wald hatten bestimmte Fragen unbeantwortet gelassen. Ein verworrenes Knäuel nach dem anderen und jedes von ihnen hatte seine eigenen losen Enden. Sie hielt inne und blickte auf die Leiche eines unglücksseligen Renegaten, die schlaff und mit gebrochenen Gliedern im Wrack eines kleinen Kopters lag. Sie winkte mit einer Hand in seine Richtung und ein neuer Zombie rappelte sich mühsam auf.

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Sie fühlte sich ein wenig besser.

Wo er lediglich ein loses Ende gewesen war, als sie erstmals von seiner Anwesenheit hier erfahren hatte, so war Tezzeret inzwischen eine deutliche Gefahr – nicht nur für diese Welt, sondern für alles, wie weit sein Ehrgeiz noch reichen mochte. Wenn Rashmi irgendeine Ahnung hatte, wovon sie redete – und sie war klug, also hatte sie das vermutlich –, dann baute Tezzeret so etwas wie ein altmodisches Weltenportal, etwas also, was in der Frühgeschichte Dominarias für unermesslich viel Unheil gesorgt hatte. Soweit sie wusste, waren derlei Dinge eigentlich unmöglich geworden, seit das Multiversum sich ... verändert ... hatte.

Doch dem Strudel aus Energie nach zu urteilen, der nun um den Ätherturm herumwirbelte, schätzte Liliana, dass Tezzeret dieses Portal tatsächlich aktiviert hatte. Das konnte nichts Gutes bedeuteten.

Gideon sprach zwar eine Menge darüber, interplanare Bedrohungen zu bekämpfen, doch obwohl Tezzeret gleich hier war, schien er ihn irgendwie nicht töten zu wollen. Stattdessen hatten er und Jace und die anderen sich vollends in diesen Krieg und in diese Rebellion verstricken lassen. „Das geht uns doch einen Dreck an“, murmelte sie. Nicht, dass das erklärte Ziel der Wächter sie ernsthaft scherte, aber die Rebellion war zu einer gewaltigen Ablenkung von dem geworden, was wirklich wichtig war.

„Ich“, sagte Liliana zu sich selbst mit einem bitteren Lächeln.

Sie hieß den Zombie, ihr zu folgen, und schmunzelte bei dem Gedanken daran, dass Gideon dies keineswegs gutgehießen hätte. Doch sie würde einen Leibwächter brauchen, wenn sie zu Tezzeret gelangen wollte.

Und ich werde zu Tezzeret gelangen, dachte sie.
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Glücklicherweise hatte es Liliana nicht mehr weit, denn ihr neuer Freund zog eine Menge Aufmerksamkeit auf sich. Es war jedoch die beste Art von Aufmerksamkeit: Die Leute rissen den Mund auf und wichen erschrocken zurück, deuteten entsetzt auf sie und blieben ihr tunlichst aus dem Weg.

Man könnte meinen, sie hätten noch nie zuvor eine Nekromagierin gesehen.

Sie wusste jedoch, dass das nicht ewig so sein würde. Früher oder später würden einige Soldaten des Konsulats beschließen, dass sie und ihr Zombie eine echte Bedrohung ihrer vielgepriesenen Ordnung waren und sich zwischen sie und den Ätherturm stellen. Daher brachte sie die verbleibende Entfernung hinter sich, so schnell sie nur konnte, bis sie schließlich auf eine Barrikade stieß, an der ihr ein Dutzend Soldaten des Konsulats den Weg versperrte. Ein unnatürlicher Wind, der zweifelsohne von dem wirbelnden Strudel über ihr erzeugt wurde, übertönte den Befehl des zwergischen Hauptmanns, doch seine Bedeutung war klar: Halt. Kehren Sie um.

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Mit einem kaum merklichen Nicken schickte Liliana den Zombie auf eine Position vor ihr, um die Soldaten beschäftigt zu halten, bis sie sich selbst um sie kümmern konnte.

Sich um sie kümmern?“ Liliana konnte fast hören, wie Jace ihr Handeln infrage stellte – genauer gesagt dachte sie sogar einen Augenblick lang, seine Stimme erklänge wirklich in ihrem Kopf. Ein einziger Zauber hätte den Soldaten das Leben entziehen und sie ihrem Gefolge aus wandelnden Leichen hinzufügen können, und sie hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass ihr dies gelingen würde. Mana stieg wie Galle in ihr hoch, befeuert von ihrem Hass auf Tezzeret, bereit für den kommenden Kampf. Es wäre leicht gewesen, diese Soldaten zu töten, doch erstaunlicherweise war das nicht ihr Plan. Vielleicht färben Jace und – sie schauderte ein wenig – General Fleischschild auf mich ab.

Speere hoben sich und Ätherwaffen leuchteten blau auf, als sie sich weiter der Barrikade näherte. Dann erkannte ein aufmerksamer Soldat das wahre Wesen ihrer Begleitung und stieß einen ganz entzückenden Kraftausdruck aus, der selbst über das Heulen des Windes zu hören war.

„Das ist dein Stichwort“, murmelte sie und schickte den Zombie voraus, während sie auf die Soldaten zuschritt. Violett-schwarze Energie knisterte um ihre Hände und schlug Funken auf ihrem Kleid.

Dann brandete ihre Magie wie eine Woge des Todes nach vorn und spülte über die Soldaten hinweg. Sie war vorsichtig: gerade genug Mana, um ihnen die Luft aus den Lungen zu saugen, bis ihnen schwarz vor Augen wurde und ihnen die Knie nachgaben. Gerade genug, um sie aus dem Weg zu schaffen, während sie und ihr Begleiter den Turm betraten, aber nicht genug, um sie zu verwelkten Hüllen werden zu lassen. Beinahe wünschte sie, Jace wäre hier, um ihre Sorgfalt und Zurückhaltung zu bezeugen.

Der Zombie räumte die Barrikade aus dem Weg und Liliana betrat den Ätherturm.
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Zurückhaltung war nicht unbedingt zielfördernd. Sie beraubte sie der Gelegenheit, ein ganzes Gefolge aus Zombieleibwächtern um sich zu scharen. Viel wichtiger noch: Sie ließ Leute hinter ihr am Leben, die ihr den Rückzug versperren konnten, sobald Tezzeret tot war. Wie leicht es doch wäre, dachte sie, als sich eine geisterhafte schwarze Hand um den Hals eines weiteren Wachpostens legte. Einfach etwas fester zuzudrücken und dem Genick des Mannes einen kleinen Ruck zu geben, um noch eine Seele in die gähnende Leere zu schicken. Jace und Ritter Fleischklops würden es nie erfahren. So leicht.

Doch sie seufzte, ließ die eigene Hand sinken und sah zu, wie der Wachposten zusammensackte und sich dabei an die Kehle griff und nach Atem rang – unfähig, auch nur einen Finger zu rühren, um sie aufzuhalten. Sie klopfte ihm auf den Helm, als sie an ihm vorbeiging.

Und dann war sie drin. Es war ein gewaltiger Raum, der von dem riesigen Ring von Tezzerets Weltenportal beherrscht wurde. Präziser ausgedrückt war das Portal ein Ring innerhalb eines Rings, der sich wiederum in einer vage ringförmigen Struktur befand, welche aus Wirbeln und leuchtenden Rohren und etwas, was wie reiner Zierrat aus Drahtgeflecht aussah, bestand. Tezzeret stand mit dem Rücken zu ihr gleich unter den inneren Ringen und hantierte an einem Teil des Geräts herum. Dahinter öffnete eine zersplitterte Glaswand den Raum den heulenden Winden, während ein gelbroter Sonnenuntergang den Himmel färbte.

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Sie warf beide Hände nach vorn. Die Zeichen ihrer dämonischen Pakte leuchteten beinahe so hell wie der Äther in dem Portal. Die Zeit der Zurückhaltung war vorbei. Ein tosender Sturm rauchiger Schwärze schoss durch den Raum auf Tezzeret zu und formte sich zu einer spektralen Klaue, die ihm die Seele aus dem Fleisch reißen und ihn zur Strecke bringen würde.

Im letzten Augenblick jedoch löste sich eine Masse scharfkantigen Metalls aus den Haufen von Schrott entlang der Ränder des Raums und stellte sich zwischen Tezzeret und den Tod, der auf ihn zuraste. Lilianas Zauber fraß sich in die Masse hinein, aber nicht hindurch, und sie schien gänzlich unbeeindruckt, als sie sich zu einer vage menschenähnlichen Gestalt zusammensetzte.

Erst jetzt wandte Tezzeret sich um. Seine Hand aus Fleisch und Knochen brachte gerade irgendeine Anpassung an seinem Ätherium-Arm zu Ende. Er schien von ihrer Ankunft und sogar von ihrem Angriff unbeeindruckt.

„Vess“, sagte er. Seine Stimme hallte in dem gewaltigen Gewölbe wider. „Hat er dich geschickt? Warum? Um mich zu auszuspionieren?“

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Liliana blinzelte. Das war kaum der bösartige Gegenangriff, mit dem sie gerechnet hatte – und auf den sie vorbereitet war. „Wer?“

Tezzeret zuckte die Schultern. Er zog den Ärmel seiner Robe wieder nach unten, sodass er einen Großteil seines Ätherium-Arms bedeckte und ein seltsames Leuchten verbarg, das dem Lichtsog aus dem Portal zu gleichen schien. Erst danach widmete er ihr seine volle Aufmerksamkeit. Er hob eine Augenbraue.

„Nein“, sagte sie. „Du hast es in der Arena gesehen. Ich bin mit ihnen hier.“

„Natürlich bist du das. Baans kleiner Fehler. Wie hat er sie gleich genannt? Die Wächter?“ Er keckerte. „Sind sie hier, um mein prächtiges Tor zu sehen?“ Eine ausladende Geste mit seiner Metallhand schloss den Ring hinter ihm und um ihn herum ein.

Liliana schlenderte nach links und brachte etwas Abstand zwischen sich und den Haufen Schrott von einem Konstrukt, das ihn gerettet hatte und nun in ihre Richtung schlurfte. „Ich dachte, es sei Rashmis Tor.“

Tezzerets Gesicht verzog sich vor Zorn. „Diese Idiotin? Sie hatte doch keine Ahnung, was sie da entdeckt hatte!“

Liliana lächelte. Sein Temperament war seine Schwäche, und an seinem Ego zu kratzen, schien der sicherste Weg zu sein, ihn die Kontrolle verlieren zu lassen. „Da wäre ich mir nicht so sicher“, sagte sie.

„Was? Glaubst du, sie hat die Blinden Ewigkeiten gesehen? Du glaubst, sie hat verstanden, wie ihre Erfindung dazu verwendet werden kann, Welten miteinander zu verbinden? Sie würde für immer und ewig Vasen quer durch Ghirapur schicken, wenn ich ihrem mickrigen Verstand nicht die richtige Richtung vorgegeben hätte.“ Er schloss nun die Lücke zwischen ihnen, als wollte er Liliana von seiner kostbaren Erfindung fernhalten.

Violettes Licht pulsierte durch die Linien auf Lilianas Haut. „Du solltest es besser wissen, als eine Frau wie sie zu unterschätzen.“ Während er gerade unaufmerksam war, schleuderte sie ihm zur Unterstreichung dieses Punkts einen fokussierten Strahl entgegen, der an dunkle Blitze erinnerte. Er riss die Metallhand hoch, um den Angriff abzuwehren und seine Energie zu zerstreuen. Sie musste dichter heran.

„Na gut“, knurrte er. Der metallene Koloss schlurfte näher und hob zwei faustartige Brocken über das, was wohl sein Kopf sein sollte. Tezzeret sprach ungerührt weiter, als wäre nichts geschehen. „Und wie steht es mit deinen neuen Freunden? Haben sie irgendeine Idee, in was sie sich da verstrickt haben?“

Ein Schauer aus Metall ging scheppernd nieder und prasselte auf Lilianas Zombieleibwächter ein, verschonte jedoch sie selbst. Der Zombie sprang den wandelnden Metallhaufen an, als Tezzeret näher kam.

„Natürlich nicht“, sagte Liliana. Trotz allen Zögerns und aller Zurschaustellung von Misstrauen hatten die anderen Wächter sie in ihrer Mitte willkommen geheißen. Tatsächlich hatte der Einzige, der es hätte besser wissen können – Jace –, sie sogar noch ermutigt, ihr zu vertrauen.

„Du hast sie alle um den kleinen Finger gewickelt, oder?“, sagte Tezzeret.

Liliana lächelte nur, richtete einen einzelnen leuchtenden Finger auf ihn und schoss einen weiteren Energiestrahl auf ihn ab.

Er winkte mit der Metallhand, und ein Strom scharfer Metallsplitter pfiff durch die Luft und fing ihren Angriff ab. „Selbst Beleren?“, fragte er. „Es fällt mir schwer zu glauben, dass er vergessen hat, was du ihm angetan hast.“

Liliana runzelte die Stirn. „Jace und ich ...“ Sie hielt inne und beschloss, ihren Satz damit zu beenden, an den Rändern von Tezzerets Seele zu nagen und seine Lebenskraft zu verringern.

Blaues Licht schimmerte in der Luft zwischen ihnen und ihre Magie verschwand in kleinen, azurblauen Funken. „Oder hat er es vergessen?“, fragte Tezzeret. „Seine Erinnerungen wirken so zerbrechlich.“

„Er hat bestimmt nicht vergessen, was du ihm angetan hast.“ Zwei knisternde Energiestöße kurz hintereinander verliehen ihren Worten Nachdruck. Einer wurde von Tezzerets lebendem Metallhaufen abgefangen, der sich von dem Zombie losriss, und er selbst fing den anderen mit seiner Metallhand auf – wenn auch mit offenkundiger Anstrengung.

„Zu schade, dass er dich nicht begleitet hat.“ Tezzeret breitete die Arme weit aus. Zwei Ströme aus Metallsplittern ähnlich denen, die sich in Lilianas Zombie gebohrt hatten, erhoben sich schlangengleich hinter ihm. „Wir hätten ein tolles Wiedersehen feiern können.“

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Er hatte sich verwundbar gemacht. Eine spektrale schwarze Hand erschien aus dem Nichts, griff nach seiner Brust und ließ ihn zurücktaumeln und heftig keuchen, während die Metallsplitter zu Boden regneten. Doch sie hatte Macht gegen Geschwindigkeit getauscht, und er war noch nicht geschlagen.

Sein Atem ging allerdings schwer und seine Stimme war kratzig. „Bist du sicher, dass Beleren nicht derjenige ist, der dich manipuliert?“, fragte er. „Der dich ausschickt, seine Kämpfe auszufechten und seine Rache zu üben?“

„Niemand hat mich ausgesandt.“ Ich habe es auf mich genommen, das zu tun, was niemand von ihnen tun wollte, dachte sie. Meine Entscheidung. Oder?

„Bist du sicher?“, fragte Tezzeret, als könnte er ihr innerliches Zögern sehen. „Vielleicht spielt er dich aus und schleicht sich in deine Gedanken ein.“

Lilianas Zombie stellte sich recht geschickt beim Auseinandernehmen des Schrottkolosses an, doch sie wollte eigentlich, dass er Tezzeret zusetzte. „O bitte“, sagte sie. „Jace glaubt gern, er sei das große Genie, aber wenn er mich ansieht, wird er zu einem Schuljungen.“ Doch ihre Worte klangen nicht so überzeugend, wie sie es sich gewünscht hätte.

„Ich glaube, er hat dich weich werden lassen, Vess. Die Nekromagierin, die ich vor vier Jahren kannte, wäre an der Spitze einer Zombiearmee hier hereinspaziert. Und sie hätte überlebt, um davon berichten zu können.“ Tezzeret deutete mit seiner Hand aus Fleisch auf einen Stapel Baumaterialien und etwas erwachte zum Leben.

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Die Anstrengung, die sein Zauber ihm abverlangte, zeigte sich in seinem Gesicht, und sie stürzte sich auf die Gelegenheit. Sie spürte, wie Blut sich in den Zeichen auf ihrer Haut sammelte, als sie sich eines winzigen Teils der Macht des Kettenschleiers bediente. „Du weißt ja nicht, wovon du redest“, knurrte sie, als ein Impuls dunkler Energie sich von ihr aus wie eine kräuselnde Welle ausbreitete. Die Welle prallte von Tezzeret ab und wandte sich wieder in ihre Richtung, nachdem sie das Leben aus seinem Körper gerissen hatte. Liliana griff danach und rief diesen Funken Lebenskraft, dieses Fragment einer Seele in ihre wartenden Arme. Tezzeret fasste sich an die Kehle und fiel auf die Knie – und schon stürzte sich ihr Zombie mit Zähnen und Klauen auf ihn.

Sie krümmte die Finger in der Luft und versuchte, einen besseren Griff um die Magie zu erhalten, die sein Leben umfangen hatte und es nun wie einen zappelnden Fisch heranzog. Oh, wie sehr sie das genoss!

Sie hörte noch ein lautes Surren, ehe ihr auch schon ein adlergroßer Thopter vor dem Gesicht entlangschwirrte, sie streifte und dadurch zum Zurücktaumeln brachte und eine klaffende Wunde auf ihrer Stirn hinterließ. Sie hörte, wie Tezzeret nach Luft schnappte, und sah gerade rechtzeitig auf, um Zeugin zu werden, wie er den Zombie von sich schleuderte und sich mit vor Wut lodernden Augen aufrappelte. Zwei Thopter nahmen eine schwebende Position über seinen Schultern ein.

„Warum kämpfen wir, Vess?“ Er holte mehrmals angestrengt Atem, während sie wieder auf die Beine kam. „Hat deine Liebe für Beleren dich glauben lassen, du seist so eine Art Heldin?“

Sie knirschte mit den Zähnen und schluckte ihren Zorn herunter. „Ich versichere dir, meine Beziehung zu Jace hat nichts mit Romantik oder Zuneigung zu tun.“ Auch ihr Atem ging schneller, doch die Energie, die sie Tezzeret entzogen hatte, durchströmte sie. „Und welche Art von Heldin verwendet schon Magie wie die meine?“ Ihr Zombie sprang ihn erneut an.

Tezzerets riesige Metallklaue schnitt in einem großen Bogen durch das verwesende Fleisch des Zombies und zog Fäulnis und Innereien hinter sich her. „Er hat dich also wirklich nicht geschickt?“

„Jace? Natürlich –“

„Nicht Beleren.“

Sie standen einander in einem Augenblick regloser Stille gegenüber.

„Oh“, hauchte Liliana. „Oh. Du bist auf Bolas‘ Geheiß hier.“

Ein verächtliches Grinsen verzerrte sein Gesicht. „Sag mir bitte, dass du das nicht erst jetzt begriffen hast.“

Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Ein Teil von ihr hatte es vermutet, doch sie hatte es nicht glauben wollen. Es erklärte allerdings, warum er am Leben war und sein Verstand unversehrt zu sein schien. Und nun ist alles noch um so vieles schlimmer, dachte sie, als sie Tezzerets heranschwirrenden Thoptern auswich.

„Also hat er dich um den Finger gewickelt“, sagte sie. Wie er es mit jedem tut.

Tezzeret schnaubte. „Ich arbeite daran, eine Schuld zu begleichen. Dank deines Freundes.“ Jace war nur eine Figur in ihrem Spiel gewesen, doch die Verletzung, die er Tezzeret zugefügt hatte, war nicht von der Art, die man so einfach vergeben konnte.

„Und dann was?“

Tezzeret zuckte die Schultern, aber Liliana sah einen vertrauten Übermut in seinem Blick.

Sie lachte. „Du hast große Pläne, es ihm heimzuzahlen? Nicol Bolas? Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht einmal du so dumm bist.“

„Selbst wenn ich solche Pläne hätte, würde ich sie dir kaum verraten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Bolas deinen Verstand freilegt und ihn liest wie ein Buch.“

Das war kein angenehmer Gedanke. Sie erwiderte ihn mit einer Salve nekrotisierender Energie – genug, um ihm das Fleisch von den Knochen fallen zu lassen, seine Seele leer zu trinken und ihn zu einer schrumpeligen Hülle am Boden zu machen, solange sie nur irgendwie seine Verteidigung durchdringen konnte. Doch ein weiterer Strom Metallsplitter fing einem Bienenschwarm gleich einige ihrer Schüsse ab. Seine Gegenzauber neutralisierten weitere, und einer ging völlig fehl, als ein Thopter ihr in die Magengrube flog und die Luft aus ihr herauspresste. Dennoch wurde Tezzeret auf die Knie gezwungen, wo er keuchte und würgte und das, was von dem Zombie noch übrig war, es schaffte, ihn am Boden zu halten.

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Blut strömte ihr nun über die Haut – nicht von irgendeiner Verletzung, die er ihr zugefügt hatte, sondern von der Anstrengung ihres Zauberns und des Tributs, den sie dem Kettenschleier zollen musste. Sie taumelte – nur ein wenig –, als sie auf ihn zuging und dort, wo er lag, über ihm aufragte.

Sie stellte ihm einen Stiefelabsatz auf die Kehle, gleich über dem Schlüsselbein. „Also was?“, herrschte sie ihn an. „All das hier für ihn? Was hat er denn damit vor?“

Tezzeret starrte keuchend und voller Furcht und Wut auf dem bleichen Gesicht zu ihr hoch.

„Eine transplanare Transportgesellschaft?“, fragte sie. „Ein neuer Versuch in Sachen Unendliches Konsortium?“ Doch sie wusste es besser: Bolas Pläne waren nie so klein gewesen. Das hatte sie sogar schon auf Ravnica gewusst, als sie ihm dabei geholfen hatte, seine Pläne zu verfolgen.

Tezzeret gelang ein Keckern. „Vielleicht solltest du ihn das fragen.“

Lilianas Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Aber ich habe dich doch gleich hier.“

„Du weißt, dass er nie mehr verrät als nötig. Er würde mir nie das gesamte Ausmaß seiner Pläne anvertrauen.“

„Nun, dann kannst du mir sagen, wo ich ihn finde.“

„Damit du es ihm heimzahlen kannst? Vielleicht bist du doch so dumm, wie ich dachte.“

„Wer hat denn etwas darüber gesagt, gegen ihn zu kämpfen?“, fragte Liliana. „Sag mir, wo er ist.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob er es zu schätzen weiß, wenn ich das ausplaudere.“

Liliana legte etwas mehr von ihrem Gewicht in ihren Absatz und zwang ein raues Husten aus seiner Kehle.

„Es tut mir sehr leid, dass ich deine Schweigsamkeit nicht gutheißen kann.“

Tezzeret keuchte und bekam ganz offensichtlich kein Wort heraus. Sie verringerte den Druck gerade so weit, dass er atmen konnte. „Spuck‘s schon aus, Tezz.“

„Du solltest es wissen. Du bist schon einmal dort gewesen.“

Sie legte die Stirn in Falten und dachte an all die Welten, die sie bereits besucht hatte. „Welche?“

Tezzeret wollte husten, aber aus seiner Kehle kam keine Luft. Er versuchte vergeblich, Töne von sich zu geben. „R– Ra–“

Mit einem ungeduldigen Seufzer hob sie den Fuß und suchte nach einem anderen Schwachpunkt an seinem metallenen Körper, in den sie ihren Absatz bohren konnte.

„Razaketh“, keuchte er.

Überall auf ihrem gesamten Körper verspürte sie mit einem Mal ein sachtes, aus Furcht geborenes Kribbeln. Zwei Dämonen, die Macht über sie besaßen, waren dank des in ihre Haut geritzten Vertrages noch übrig. Kothoped und Griselbrand waren dank des Kettenschleiers recht einfach zu bezwingen gewesen. Die Macht des Kettenschleiers hatte jedoch einen Preis, wie das Blut verriet, das noch immer von ihrer Haut auf Tezzerets Gesicht und Brust tropfte. Razaketh war stärker als die beiden anderen.

Sie hatte vorgehabt, Jace und die anderen Wächter irgendwann dazu zu bringen, Razaketh entgegenzutreten. Sie hatte jedoch gehofft, sie besser zu kennen – zu erfahren, wozu sie imstande waren, sicherzugehen, die richtigen Saiten anzuschlagen, um sie dazu zu bewegen, das zu tun, was sie wollte –, bevor sie sie auf die Reise schickte. Auf die Reise nach ...

„Amonkhet“, sagte sie laut. „Er ist auf Amonkhet.“

Tezzeret schluckte schwer und unter sichtlichen Schmerzen. Gut.

„Das ist das Ende, Tezzeret.“ Sie breitete die Hände über ihm aus und sammelte das Mana für den Zauber, das jenes bisschen Leben, welches er noch in sich trug, aus ihm heraussaugen sollte.

„Ist es das?“

Er schaute an ihr vorbei. Sie duckte sich in Erwartung eines weiteren heranrasenden Thopters. Es flog tatsächlich etwas auf sie zu – etwas viel Größeres als Tezzerets vogelartige Thopter –, und es wirbelte von außerhalb der zersplitterten Glaswand auf den Turm zu.

Die sogenannte Hoffnung der Renegaten. Die Wächter hatten ihre Aufgabe also doch erfüllt, das Luftschiff an der Blockade des Konsulats vorbei dicht genug heranzufliegen, um den Ätherdisruptor in Gang zu setzen. Überraschend, aber sehr zufriedenstellend.

„Ich denke, gleich ist es so weit“, sagte sie. Sie bewegte sich hinter etwas, was wie eine stabile Wand wirkte, und ließ Tezzeret im Griff ihres Zombies zurück.

Doch etwas stimmte nicht: Als sie sich hinter der Wand duckte, erhaschte sie einen Blick auf flammendes rotes Haar an der Spitze des übergroßen Thopters. Chandra? Was zur Hölle

„Wir werden sehen“, sagte Tezzeret, und dann –

Dann waren da Flammen.
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Chandras Faust war wie ein glühender Stern, der Gideons Brust trotz des leuchtenden goldenen Lichts, das seinen Körper vor der Hitze abschirmte, versengte. Er hielt sie eng an sich gedrückt und konnte die Anstrengung in jedem ihrer Muskeln spüren, als sie die Flamme erschuf und unter ihren Willen zwang.

„Fast geschafft“, sagte er. Das schillernde goldene Leuchten breitete sich über den Rest seines Körpers aus – die magische Macht, die ihn schon vor zahllosen Verletzungen bewahrt hatte. Würde sie reichen?

Sie nickte kaum merklich und die Hitze wurde noch stärker.

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„Chandra“, sagte er.

Sie antwortete nicht. Vielleicht hatte sie ihn nicht gehört, vielleicht war sie zu sehr auf die lodernde Sonne konzentriert, die sie in ihrer Handfläche hielt.

„Ich bin froh, dass du hier bist“, sagte er. „Ich bin froh, dass du Regatha verlassen hast. Die Wächter ... Alles. Ich bin –“

„Gids“, sagte sie durch zusammengepresste Zähne. „Ich ... Ich lasse gleich los.“

Er zog sie dichter an sich. Der Aufprall war nur noch einen Herzschlag entfernt. Das goldene Licht umfing sie nun beide – es klappte! –, aber die Hitze ...

„Ich habe dich“, sagte er. „Du bist in Sicherheit.“

„Ich weiß“, sagte sie. Ihre andere Hand berührte seinen Arm, und das war genug.
__________

Gleißendes weißes Licht, eine Eruption sengend heißer Luft, zerbröckelnder Stein und Staubwolken. Ein Sturz. Schreie. Schmerz – zu viel verdammter Schmerz.

Als ihr Blick wieder klar wurde, fand Liliana sich halb unter den Trümmern der Werkstatt begraben. Überall um sie herum waren Schutt und zersplittertes Metall, und die Mauer, hinter der sie Zuflucht gesucht hatte, war weitestgehend zerstört. Eine gewaltige Rauchsäule erhob sich dort, wo Tezzerets Tor gestanden hatte. Kein Zombie regte sich als Antwort auf ihren mentalen Ruf. Also machte sie sich eigenhändig daran, sich zu befreien. Sie war blutverschmiert und wegen des Kettenschleiers und ihrer kleineren Verletzungen etwas benebelt.

Mit jedem Stein, den sie anhob und zur Seite warf, stieß sie einen neuen farbenfrohen Fluch aus. Sie hatte Tezzeret nicht getötet, als sie die Gelegenheit dazu gehabt hatte, und wenn sie diese Explosion überlebt hatte, dann wahrscheinlich auch er. Er würde entkommen. Zurück zu Bolas – oder er würde sie jetzt finden und töten, während sie ... nicht ganz bei Kräften war.

Und die dumme Chandra ist losgegangen und hat sich selbst umgebracht, dachte sie. Das war nicht der Plan. „Was für eine Verschwendung“, sagte sie zu sich selbst. „Können sie denn ohne mich gar nichts richtig machen?“

Aus dem Schutt befreit stolperte sie auf die Überreste von Tezzerets Portal zu. Wenn er oder Chandra oder sonst irgendein Hoffnungsschimmer noch am Leben waren, würde sie sie dort finden. Unterwegs musste sie gelegentlich anhalten, um einen Splitter oder Trümmer oder einen Haufen Metall beiseitezuschieben und sich den Weg frei zu machen, nach wie vor von der leisen Zuversicht getrieben, vielleicht doch jemanden zu finden.

„Ich wäre völlig zufrieden, eine Leiche zu finden, die mir hilft, diesen Schrott wegzuräumen.“

Jemand, der mir ohne Widerworte gehorcht, dachte sie. Jemand, den ich vollkommen unter Kontrolle habe. Auf diese Weise ist es so viel einfacher.

Tezzerets Worte klangen in ihrem Kopf nach: „Du hast sie alle um den kleinen Finger gewickelt, oder?“ Das ist der Plan, dachte sie. Aber nichts verläuft nach Plan.

Der ganze Sinn darin, nach Kaladesh zu kommen, war gewesen, Chandras Nützlichkeit einzuschätzen. Sie ist nicht sehr nützlich, wenn sie tot ist nun gut, zumindest weitaus weniger.

Wenn sie den Rest ihrer Dämonen töten wollte, ohne sich selbst dabei umzubringen – wenn sie jemals frei sein wollte –, dann brauchte sie mehr als Zombies. Sie brauchte mächtige Verbündete, und die hatte sie gefunden. Doch es war alles so kompliziert.

Sie hörte ein Husten. Und inmitten des Staubs und des Rauchs, der träge über dem Wrack des Portals aufstieg, erkannte sie flammendes rotes Haar und eine Messingschutzbrille. Sie war am Leben.

Liliana wurde schneller, knickte einmal um, schenkte dem Schmerz keine Beachtung und erreichte endlich Chandra.

„Chandra“, schalt sie. „Was in den neun Höllen war –“

Chandra half Gideon neben sich auf die Beine. Er ragte vor ihr auf und zupfte ihr ein verdrehtes Stückchen Drahtgeflecht aus dem Haar. Sie beide sahen aus, als ... Nun ja, als wäre ein Gebäude über ihnen zusammengestürzt, und Liliana vermutete, dass sie nicht viel besser aussah.

„Fleisch ... Klops .... Kerl“, stammelte Liliana.

Chandra sah Gideon nicht in die Augen, lächelte aber, als sie Liliana bemerkte. Gideon folgte ihrem Blick.

„Liliana!“, sagte er. Er trat vor und hob erst die Hand, nur um es sich dann doch noch rechtzeitig anders zu überlegen, bevor er ihrer Schulter diese fleischige Last aufbürdete. Er kratzte sich verlegen am Kopf. „Hast du ... Ähm ... Hast du ihn gefunden?“

Liliana runzelte die Stirn. „Er ist entweder unter diesem Schutt begraben oder heim zu seinem Meister gerannt.“

Schweigend betrachteten die drei Planeswalker einen langen Augenblick die Trümmer.

„Wo ist Jace?“, fragte Liliana schließlich. „Wir müssen wirklich reden.“

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Veröffentlicht in Magic Story on Januar 25, 2017

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