Shadows over Innistrad

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Shadows over Innistrad

Beitrag von Vindicator » So 1. Nov 2015, 11:49

Auf das zweite Set von Zendikar müssen wir zwar noch bis Mitte Jänner warten - und somit werden wir auch noch einige Zeit auf Zendikar verbringen. Bei der Übertragung des GP Indy gab es gestern aber schon die Ankündigung für Hauptset Nummer 2 in dieser Saison.

Mit April 2016 werden wir uns also auf Innistrad einfinden, und ein weiters Mal gegen Vampire, Werwölfe und dunkel Sekten antreten. Möge Avacyn unserern armen Seelen gnädig sein ...
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Rotfuchs » So 1. Nov 2015, 20:55

Passend zu Halloween
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Vindicator » Mi 4. Nov 2015, 07:24

uSXmso6JbG_EN.png

Was wissen wir bis jetzt?

Block Daten:
  • Set Name: Shadows over Innistrad
  • BlockSet: 1 of 2 in the Shadows over Innistrad block
  • Number of Cards: 297
Set Symbol:
kAekVN1Ydr.png

Termine
  • Prerelease: April 2-3, 2016
    Release: April 8, 2016
    Launch Weekend: April 8–10, 2016
    Game Day: April 30–May 1, 2016




ProTour:
  • Pro Tour Shadows over Innistrad: April 22-24, 2016
    Pro Tour Shadows over Innistrad Location: Madrid, Spain
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mi 4. Nov 2015, 18:18

Na bin schon sehr gespannt. hab den ersten Inistrad Block ja leider verpasst.

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Vindicator » Mi 2. Mär 2016, 22:49

Langsam wird's ernst ... und die Spoiler Saison beginnt. Ich hab da eine Karte gefunden von der ich jetzt schon schwer begeistert bin und hoffe das vllt in der nächsten Standard Saison wieder mal ein Control Deck in meiner Deckbox sein wird.

Was haltet ihr von der Karte?
braininabottle.jpg
braininabottle.jpg (35.41 KiB) 3166 mal betrachtet
"Brain in a Bottle"
2
Artifact
1, T: Put a charge counter on Brain in a Bottle, you may cast an instant or sorcery spell with converted mana cost equal to the number of charge counters on Brain in a Bottle from your hand without paying its mana costs.

3, T: Remove X charge counters from Brain in a Bottle: Scry X.
Zum einen kann man über die Scry Fähigkeit die Anzahl der Counter gut kontrollieren, zum anderen - und das ist viel wichtiger - kann man so auch eine Sorcery mit Instant Speed abfeuern. Das sollte sich doch was machen lassen. ;)
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Do 3. Mär 2016, 11:01

klingt cool. Die Karte ist sicher der Wahnsinn in Kombination mit der Schwall-Fähigkeit aus Eid der Wächter. Auch sicher super mit Card-draw-spells zu kombinieren.

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Di 8. Mär 2016, 12:46

Hallo liebe Magic-Fans. Ich habe mal eine Frage zu den Storys.

Den Zendikar-Block (bzw. die Geschichte dahinter) habe ich samt und sonders im Forum gepostet.
Ist das weiter gewünscht oder stört das wen? Ich persönlich lese die Geschichte hinter den Karten sehr gerne, will aber nicht alle anderen zwangsbeglücken.
Bitte gebt mir ein kurzes Feedback.
PS: wir könnten ja auch ein Unterforum mit Storyline oder so einrichten.

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Rotfuchs » Di 8. Mär 2016, 15:19

Also mich stört die Hintergrundgeschichte nicht, ein wenig Fluff kann nicht schaden. Da es sich um sehr umfangreiche Texte handelt, komme ich nicht dazu alle zu lesen bzw. überfliege sie manchmal nur. Aber trotzdem ist sie nicht uninteressant.
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Vindicator » Di 8. Mär 2016, 21:04

Ich finde es auch super das du das übernommen hast und das wir alles unter einem Dach haben. Einen Bereich für den Innistrad Block hab ich dir schon eingerichtet - ich glaube es ist ja schon was veröffentlicht.

Nachdem wir uns mit Siebenmeilenstiefeln dem Release nähern werde ich zeitnah Mechaniken und Einschätzungen posten. In der Zwischezeit lasse ich euch mal das hier ;) :
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mi 9. Mär 2016, 20:57

Na dann mach ich mal weiter.

Für alle interessierten gibt's eine Übersicht über die Welt auf der die kommenden Geschichten spielen.
Man erfährt auch ein bisschen was über die bisherige Geschichte. Schließlich sind erfahrene Magic-Spieler nicht das erste Mal auf Innistrad.

http://magic.wizards.com/de/story/planes/innistrad-0

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mi 9. Mär 2016, 21:07

Los geht's. Sehr spannend diese hier.

Unter dem silbernen Mond


Halana und Alena leben als Fährtenleserinnen, Jägerinnen und Wächterinnen tief im dunklen Forst am Rand der Provinz Kessig – in jenem Forst, den man den Ulvenwald nennt. Innistrads uralter Forst ist ihr Reich, und lange standen sie als Bollwerk zwischen den Unschuldigen jenseits seiner Grenzen und den Schrecken in seinem Innern. Doch neuerdings beginnt sich im Wald etwas zu regen ...

„Kennt ihr das Gefühl? Dieses Schaudern?“ Bauer Warin stand vor dem langen Tisch der Ältesten, neben sich seine rundliche Frau, deren Augen weit aufgerissen waren. Beide hatten den Ältesten den Rücken zugekehrt, um sich den Bürgern von Gatztow zuzuwenden, die sich in den beengten Räumlichkeiten des Gemeindehauses versammelt hatten. Halana saß neben Elena auf dem Stuhl am dichtesten an der Tür und beobachtete die Vorgänge.

„Als würde einem ein Käfer den Nacken hinaufkrabbeln.“ Warin schauderte, als er sprach. „Geradewegs vom Haaransatz aus hoch auf den Kopf.“

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Es war schon eigenartig, dachte Hal, dass er ausgerechnet heute von diesem Gefühl sprach. Bis zu diesem Morgen hatte sie noch nie zuvor jemanden von so etwas reden hören und nicht einmal gewusst, dass eine solche Empfindung überhaupt möglich war. Sie war damit erwacht: Etwas kitzelte sie am Nacken und kroch ihr den Hals hinauf. Es hatte ihr eine gewisse Unruhe beschert, was für sich genommen bereits ausgesprochen merkwürdig war. Daher war auch der schiere Umstand, dass jenes Gefühl, das sich mit ihr aus ihrem Bett in ihrem Lager, durch den Wald und bis in diese Siedlung hineingeschlichen hatte, so bald schon erneut Erwähnung fand, seltsam genug, dass er einen neuerlichen Anflug dieser Empfindung auslöste. Sie unterdrückte ein eigenes Schaudern.

„Es ist so deutlich, dass man nicht umhinkommt, sich zu fragen, ob da wirklich etwas ist, wisst ihr?“ Bauer Warin kratzte sich eifrig am Hals. Als sie ihn dabei ansah, bemerkte Hal, dass sie das Gleiche tat. Sie faltete beide Hände im Schoß. „Etwas Schreckliches könnte einem unter die Haut gefahren sein und man würde es nicht einmal merken!“

Viele der Einheimischen zuckten zusammen und rutschten verunsichert auf ihren Stühlen herum, während sie sich ebenfalls zu kratzen begannen.

„Ja, ja.“ Der Älteste Kolman wedelte mit der feisten Hand, als wollte er eine Fliege verscheuchen. „Wir alle kennen das Gefühl, Warin, doch was hat das damit zu tun, dass du heute hier vor den Rat getreten bist?“

„Alles!“ Bauer Warin drehte sich um, um alle anwesenden elf Ältesten anzusehen. Üblicherweise waren es zwölf, aber die Älteste Somlon war mit dem zweiten Tag der Begräbnisrituale beschäftigt, die Frau Maria in den Heiligen Schlaf führen sollten. „Wegen dieses unheimlichen Gefühls weiß ich auch, dass ich recht habe!“

„Recht womit, Warin?“, fragte der Älteste Kolman.

„Nun spuck‘s schon aus!“, polterte der Älteste Glather.

„Eine unserer Kühe ist besessen!“ Das Weib des Bauern schien sich nicht länger beherrschen zu können. „Sie ist wahnsinnig geworden! Mitten in der Nacht. Und sie hat die andere gefressen! Aber vorher hat sie sie erst noch über die halbe Weide geschleift. Ich habe die Spuren mit eigenen Augen gesehen. Kaum auszumalen, was das arme Tier erduldet haben muss. Und dann hat die wahnsinnige Kuh sie einfach aufgefressen. Außer Knochen und Zähnen hat sie nichts übrig gelassen.“

Einige der versammelten Städter schnappten entsetzt nach Luft.

„Und woher weißt du, dass die erste Kuh die zweite gefressen hat?“, fragte der Älteste Kolman mit geheuchelter Geduld.

„Ich habe heute Morgen mit eigenen Augen das Blut an ihrem Maul gesehen!“

Noch mehr entsetztes Luftholen.

Hal blickte zu Alena. Sie brauchten keine Worte, um sich zu verständigen. Sie beide wussten, dass der Hof der Warins am Rand der Siedlung lag. Sie beide wussten, dass er an den Ulvenwald angrenzte. Und sie beide wussten, welche Bestien sich erst unlängst wieder in ihrem Wald umtriebig zeigten und welches Unheil damit drohte. Binnen nur eines halben Mondes hatten Hal und Alena jeder drei Lykanthropen erlegt und zudem gerade erst in der letzten Nacht gemeinsam ein ganzes Rudel ausgehoben – ein kleines zwar, aber eben dennoch ein Rudel. Doch diese Begegnungen hatten weit genug von Gatztow entfernt stattgefunden, als dass man sich deswegen hätte beunruhigt zeigen müssen: Hal war einem fernen Heulen auf halber Strecke des Laubenwegs gefolgt und Alena am Schnackhügel auf die Pirsch gegangen. Nun indes verrieten die Blicke, die sie wechselten, dass es Grund zu der Annahme gab, dass die Bestien übermütig wurden und sich langsam einen Weg zu den Rändern des Waldes bahnten – und damit zu den Städten und zu den Menschen. Das war nicht hinnehmbar. Der Ulvenwald war Alenas und Hals Reich, und sie würden nicht zulassen, dass seine finsteren Schrecken aus ihm hervorbrachen, um den Unschuldigen Leid anzutun.

„Unsere Talismane!“ Das Aufheulen von Warins Weib lenkte Hals Aufmerksamkeit wieder in den vorderen Bereich des Raums. „Sie hat unsere nutzlosen Talismane angefertigt!“ Die Bäuerin streckte vorwurfsvoll einen Finger aus und deutete auf Frau Evelin, die nach Luft schnappte und nach dem Talisman um ihren Hals griff. „Sie hat sie angefertigt und sie haben versagt!“

„Es kann nicht an den Talismanen gelegen haben!“ Der Mann neben Evelin sprang auf, um ihr beizustehen. „Frau Evelin stellt die besten und wirkungsmächtigsten Talismane her, die dieser Ort – nein, dieses ganze Land – jemals gesehen hat!“

„Ruhe!“, rief der Älteste Kolman und haute mit der fleischigen Faust auf den Tisch. Man schenkte ihm jedoch keinerlei Beachtung.

„Wie erklärt ihr euch dann die besessene Kuh?“, trumpfte die Warin auf. „Die Spuren, die zeigen, dass sie die andere um unseren Hof herumgezerrt hat? Die Knochen, die sie zurückließ, nachdem sie sich den Wanst vollgeschlagen hatte?“

„Jawoll!“, rief jemand von hinten.

„Die Talismane haben versagt“, fiel eine andere Stimme ein.

„Daran kann es keinen Zweifel geben: Die Talismane haben versagt und unsere Kuh war besessen.“ Dass sich so viele Bürger um sein Banner scharten, schien Bauer Warin neuen Mut geschenkt zu haben. „Wir sind die Opfer der Nachlässigkeit von Frau Evelin.“ Er hielt seinen eigenen Talisman hoch und beschwor die Ältesten und den Rest der Einheimischen gleichermaßen: „Wir können keine weitere Nacht ohne einen richtigen Talisman verbringen.“

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Zustimmendes Raunen ertönte.

Es war für Hal nur nachvollziehbar, dass die Bürger schlechten Talismanen die Schuld für die Ereignisse gaben. Dass sie glaubten, dass ihre Kuh von einem bösen Geist besessen war. Dies waren Dinge, die sie verstanden. Dies waren Dinge, die sie verhindern konnten. Dinge, die nicht jenes zerbrechliche Gleichgewicht bedrohten, das ihrem Glauben nach in ihrer Welt herrschte. Sie lebten nicht in derselben Wirklichkeit wie Alena und Hal. Die Städter sahen nicht, was in der Dunkelheit und in den Wäldern geschah. Sie lebten in einer Welt, die vom Licht des Engels Avacyn behütet war. Sie glaubten, vor Dingen wie Werwölfen sicher zu sein. Doch selbst in Avacyns Welt waren die Werwölfe nie vollständig ausgerottet gewesen. Es gab seit jeher Lykanthropen im Ulvenwald, wenn auch in beträchtlich geringerer Zahl. Hal und Alena wussten das. Sie hatten das fremdartige Heulen der Lykanthropen gehört, das durch die Bäume drang und das in den finstersten Ausläufern des Forsts gleichsam ein fester Bestandteil der Szenerie war.

Bei dem Gedanken an jenes Heulen rutschte Hal unruhig in ihrem Stuhl hin und her, während das unbehagliche Gefühl in ihren Nacken zurückkehrte. Ein Heulen war es, was sie gehört und was die ungebetene Empfindung überhaupt erst hervorgerufen hatte. Zuerst hatte sie geglaubt, es nur geträumt zu haben. Der Kampf mit dem Rudel in jener Nacht hatte sie bis in ihre Träume verfolgt. Es war schon einige Zeit her gewesen, dass sie und Alena einem ganzen Rudel gegenübergestanden hatten. Und es war schon einige Zeit her, dass sie so vielen Lykanthropen in so kurzer Zeit begegnet waren. Als sie im Bett gelegen hatte, hatte Hal ihre Mäuler, ihre Muskeln und ihre Läufe vor sich gesehen, und insofern war sie nicht überrascht gewesen, dass sie beim Erwachen geglaubt hatte, ein Heulen zu hören.

Doch nun, da sie die weit aus den Höhlen hervorquellenden Augen von Warins Weib sah, sorgte sie sich, dass dieses Heulen nicht nur in ihrem Kopf und mehr als bloß eine Erinnerung oder ein Traum gewesen war: das Geräusch einer wirklichen und leibhaftigen Bestie. Genau jener Bestie, die es gewagt hatte, diese Ortschaft zu betreten und sich an Warins Vieh gütlich zu tun. Dies durfte kein zweites Mal geschehen. „Wollen wir?“, formte Alena mit den Lippen.

Ihre Miene hellte sich auf, denn das Feuer der Jagd war in ihr bereits entzündet.

Gemeinsam standen sie auf. Hals Finger kribbelten vor Spannung und ihr Blick war fest auf den Griff der nahen Tür gerichtet – jene Tür, die im nächsten Wimpernschlag aufflog.

Der Schankwirt Shoran und seine Gattin Elsa stürmten in den Gemeindesaal.

„Läutet die Stadtglocke!“, rief Elsa.

„Sie ist fort“, sagte der Schankwirt.

„Sie ist tot!“, fügte Elsa hinzu. „Er hat sie umgebracht!“

Sämtliche Ordnung, die der Älteste Kolman in den letzten Augenblicken mühsam wieder hatte herstellen können, war aufs Neue dahin. Die Städter heulten und kreischten und sprangen von ihren Stühlen auf.

„Oh, das arme Mädchen“, klagte Elsa. „Überall war Blut. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was er ihr alles angetan hat. Ich wusste ja, dass er ein verkommener und bösartiger Mann ist. Schon von dem Augenblick an, als sie diese Stadt und die Schänke betraten, wusste ich es.“

„Die Palters“, flüsterte Hal Alena zu.

Alena nickte bestätigend.

Es war unübersehbar, wer die Opfer und die Beschuldigten waren: die Palters aus Gaven. Sie waren derzeit die einzigen Gäste in der Schänke und noch dazu die einzigen, die in den letzten drei Monden dort überhaupt eingekehrt waren. Hal und Alena waren selbst erst vor einer Woche auf den Katharer und seine Gattin gestoßen, wie sie die tiefen Pfade des Ulvenwalds in der Nähe des Laubenwegs entlangwanderten. Natürlich hatten Hal und Alena ihnen geholfen und natürlich hatten sie die beiden aus dem verwunschenen Forst nach Gatztow geleitet und sich dabei nicht weniger als drei Wölfen, eines Ghuls und einer besessenen Eiche erwehrt.

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Hal lächelte bei dem Gedanken daran, wie flink Alena sich des Baumes entledigt hatte. Die äußerst kundige Fährtenleserin hatte im Lauf des letzten Jahres ihre Fertigkeiten als zupackende Ringerin derart beachtlich verbessert, dass Hal nicht überrascht gewesen wäre, wenn sie auch völlig allein mit einem gewaltigen Skaab fertig würde.

Die Palters hatten Hal und Alena freundlich gedankt – oder zumindest Herr Palter, denn seine zierliche Gattin war ob der Gefahren beim Durchqueren des dunklen Walds so verängstigt gewesen, dass sie sich regelrecht in ihren Reitmantel verkrochen und dessen Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Palter, der erklärt hatte, ein Katharer aus dem Lunarch-Rat zu sein, bestand darauf, Hal und Alena ein Schutzamulett auszuhändigen, von dem er behauptete, es selbst viele Male eingesetzt zu haben, um ihn bei seinen Pflichten als Wächter des Mausoleums zu unterstützen. Hal und Alena hatten den Gegenstand höflich entgegengenommen, aber er hatte nur wenig Bedeutung für sie. Sie glaubten nicht, solcherlei Tand zu brauchen – nicht, wenn sie einander hatten.

„Läutet die Glocke!“, forderte Shorans Gattin ein weiteres Mal. „Ein Mörder treibt in unserer Stadt sein Unwesen!“

Hal hätte keinen der beiden Palters je für einen Mörder gehalten. Der Katharer war freundlich und seine Gattin äußerst gefällig, auch wenn sie etwas zerbrechlich wirkte. Könnte auch dies der Lykanthrop gewesen sein? Es hatte ganz den Anschein.

„Komm schon“, zischte Alena und deutete auf die nicht länger versperrte Tür. Die beiden Schankleute waren tiefer ins Getümmel hineingelaufen und nun von Städtern umringt, die nach weiteren Einzelheiten der grausamen Geschehnisse gierten.

Hal und Alena schlüpften flink durch die Menge, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie waren wohl bewandert darin, sich unauffällig zu bewegen, und mit zwei schnellen, behänden Schritten zur Tür heraus und auf der Pflasterstraße.

„Also er –“, setzte Hal an.

„Oder sie“, sagte Alena.

„Ja. Oder sie“, fügte Hal hinzu. „Das könnte das Werk eines Rudels gewesen sein. Eines weiteren Rudels ...“, sinnierte sie. „Das wären dann zwei Rudel ziemlich dicht beieinander in nur einer einzigen Nacht. So etwas ist schon recht lange nicht mehr vorgekommen.“ Sie warf Alena einen Blick zu, den diese nicht erwiderte, so versunken war sie in ihre eigenen Gedanken. „Wie auch immer“, fuhr Hal fort. „Der einzelne Lykanthrop oder das Rudel griffen mindestens zweimal in der letzten Nacht innerhalb der Grenzen Gatztows an. Einmal die Kuh auf dem Hof der Warins.“

„Und einmal Frau Palter in der Schänke der Shorans.“

Hal hielt unvermittelt inne und schlug die Hände vor den offenen Mund. Gerade war ihr etwas klargeworden.

„Was ist?“, fragte Alena über die Schulter.

„Es ist bestürzend. So viel steht fest.“ Hal beeilte sich, um zu Alena aufzuschließen. „Die Städter liegen zwar falsch mit ihren Vermutungen über eine besessene Kuh, doch sie lagen gar nicht so falsch, was den Mörder von Frau Palter anbelangt.“

Alena legte fragend den Kopf schief.

„In der Schänke“, wiederholte Hal Alenas Worte.

„In der Schänke ...“, sagte Alena. Hal konnte es hinter ihrer Stirn arbeiten sehen. „Im Zimmer der Palters ... Hinter einer verschlossenen Tür.“

„Ohne dass ein zerschlagenes Fenster oder Spuren eines Einbruchs erwähnt worden wären“, sagte Hal.

Im Gleichschritt änderten sie die Richtung und rannten zur Schänke der Shorans.
__________

Die Glocke der Stadt läutete beständig weiter, weit länger, als dass sie damit als irgendeine Art von Alarm von Nutzen gewesen wäre.

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Dem Geräusch nach zu urteilen, so schien es Hal, hatte Elsa Shoran das Seil selbst in die Hände bekommen, das sie wohl dem Glockenläuter entwunden haben musste. Sollte dies der Fall sein, dann umso besser: Die Ältesten wären dann nun ihrerseits damit beschäftigt, Elsa das Seil wieder zu entwinden, wodurch Hal und Alena mehr Zeit blieb, die Zimmer der Palters zu durchsuchen.

Sie schlichen sich am Tresen im Eingangsbereich vorbei und den daran anschließenden Flur entlang. Hal nickte in Richtung der einzigen Tür, die einen Spalt breit offen stand – zweifellos hatten der aufgelöste Schankwirt und seine Gattin sie nicht wieder geschlossen, nachdem sie entdeckt hatten, dass es an diesem Ort zu einem Mord gekommen war. Hal betrat den Raum als Erste, Alena folgte ihr. Keine rührte die Tür an.

Der metallische Geruch nach Blut stach Hal bereits beim ersten Atemzug in der Kehle. „Hier entlang“, flüsterte sie und ging an einem umgekippten Stuhl in dem kleinen Vorraum vorbei und nach hinten in Richtung des spärlich beleuchteten Schlafzimmers. Sie spürte Alenas Anspannung. Obwohl die Kerzen gelöscht und die Vorhänge zugezogen worden waren, gab es genug Licht, dass sie beide die Blutlache am Boden erkennen konnten. Alena, so wusste Hal, war nicht aus Furcht angespannt. Sie war nicht die Art von Mädchen, die sich vor dem Anblick von Blut ängstigte. Die Ruhe war ihre Art, ihre Sinne zu schärfen. Hal hatte viele ihrer eigenen Fähigkeiten im Fährtenlesen allein dadurch gelernt, dass sie Alena beobachtet hatte. Sie ahmte Alena nun nach und blieb ihrerseits still stehen, damit sie mehr der Hinweise in ihrer Umgebung in sich aufnehmen konnte. Während sie die große, dunkle Lache betrachtete, kreisten ihre Gedanken um die Frau, der dieses Blut gehört hatte. Hal erlaubte ihren Gedanken nur einen Augenblick, bei ihr zu verweilen, und in diesem einen Augenblick gestattete sie sich, Schmerz und Mitleid für Frau Palter zu empfinden. Sie war eine Unschuldige, der das Leben von jemandem geraubt worden war, dem sie voll und ganz vertraut hatte. Hal schaute kurz zu Alena hoch. Wie entsetzlich diese letzten Augenblicke gewesen sein mussten. Wie schrecklich die Erkenntnis. Doch sie dufte sich nicht derart tristen Überlegungen hingeben. Das würde nur der Aufgabe schaden, die sie nun als Nächstes beginnen mussten.

Vorsichtig, um die Blutlache nicht zu berühren, ging Hal am Rand des kleinen, rechteckigen Zimmer entlang und schritt es einmal im Uhrzeigersinn ab. Alena wählte die entgegengesetzte Richtung. Drei Hinweise fanden sich sofort: ein zerrissenes Stück Spitze, eine umgestoßene Kerze in einer Pfütze ihres eigenen Wachses sowie ein silberner Knopf. Der Knopf war es auch, der Hals Aufmerksamkeit fesselte. Als sie das Zimmer einmal abgegangen war und wieder mit Alena zusammentraf, wies sie dorthin, wo er in der Nähe des Blutes am Boden lag. „Sag es mir, falls ich mich irre“, meinte sie. „Aber trug Katharer Palter nicht eine grüne Weste mit drei Knöpfen wie diesem hier, als wir ihn im Wald trafen?“

Alenas Blick war düster. „Ich fürchte, dein Erinnerungsvermögen ist so unbestechlich wie immer.“

„Dann ist es also wahr“, sagte Hal. „Seine Verwandlung fand in diesem Raum statt. Er tötete seine eigene Gattin und floh dann über den Hof der Warins, wo er erneut einen Happen zu sich nahm, um danach im Wald zu verschwinden.“

„Es hat ganz den Anschein“, sagte Alena. Hal konnte jedoch an ihrer Stimme hören, dass sie nicht überzeugt war. Nicht restlos.

„Was ist?“, fragte Hal. „Was ist dir aufgefallen?“

Alena deutete auf die Blutlache. „Ich komme nicht umhin, mich zu fragen: Das Blut ist hier – so viel davon auf dem Fußboden –, aber was ist mit den Knochen, den Fleischfetzen, dem Haar und dem Stoff? Mit den Dingen, die die Bestie nicht verschlungen haben würde?“

Hal machte einen Schritt zurück und versuchte, alles noch einmal unvoreingenommen zu betrachten. Alenas Frage war wichtig. Doch ehe Hal eine Antwort finden konnte, zog etwas anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich. Hinter Alena befand sich eine Schranktür, die gerade so weit geöffnet war, dass Hal erkennen konnte, was sich dahinter befand. Bei dem Anblick schlug Hals Herz schneller. Alena bemerkte es sofort. Sie runzelte die Stirn und warf danach einen Blick über die Schulter. Beide starrten für eine lange Zeit in den Schrank hinein. In ihm stand ein Stuhl. Es war ein ganz gewöhnlicher Stuhl – abgesehen davon eben, dass er in einem Schrank stand. Doch dies allein wäre noch kein Grund zur Beunruhigung gewesen und hätte Hals Herz nicht dazu veranlasst, wie wild gegen ihre Brust zu hämmern. Es waren die Lederriemen und Gürtel, die von dem Stuhl herunterhingen – mehr als ein Dutzend in allen möglichen Längen, zerrissen und zerfetzt –, die sie hatten aufmerken lassen. Und es gab drei Schlösser, eines auf der Sitzfläche des Stuhls und zwei am Boden.

„Damit steht es fest“, sagte Alena.

„Er wusste es“, sagte Hal.

„Natürlich tat er das.“ Alenas Stimme war schneidend. „Wir müssen ihn aufhalten. Wir sollten –“

Doch sie konnte ihren Gedanken nie zu Ende bringen, denn in einer geschmeidigen Bewegung legte Hal ihr den Arm um die Taille, zog sie sich an die Brust und in die Schatten hinein. Gemeinsam verharrten sie dort mucksmäuschenstill. Sie waren mit dieser Art des Versteckens so sehr vertraut, dass ihr Atem sich instinktiv anglich und flach und geräuschlos wurde, damit er selbst für die scharfsinnigsten Kreaturen nur noch schwer wahrzunehmen war.

Es war die Stille gewesen, die Hal aufgeschreckt hatte. Oder zumindest das Fehlen jenes Lärmens, das bis eben gerade unablässig zu hören gewesen war. Die Glocke wurde nicht länger geläutet. Das bedeutete, dass die Untersuchung des Mordes begonnen hatte. Widerhallende Schritte und gedämpfte Stimmen bestätigten es: Die Bürger Gatztows waren auf dem Weg zum Tatort und damit zu ebenjenem Raum, in dem sich Hal und Alena nun in eine Ecke drückten.

Das Quietschen der Tür zur Schänke verriet Hal und Alena, dass sie nicht den gleichen Weg hinausnehmen konnten, auf dem sie hereingekommen waren. Zumindest nicht, ohne Verdacht zu erregen. Sie hatten es sich zur festen Regel gemacht, den Bewohnern solcher Ortschaften wenn irgend möglich aus dem Weg zu gehen. Die Einheimischen duldeten Hal und Alena. Sie duldeten die Gegenwart der Fährtenleser in Gatztow, wann immer die beiden in die Stadt kamen, weil sie Besuchern und Einheimischen bei ihren Reisen durch den Ulvenwald halfen. Gleichzeitig jedoch wussten die Städter, dass Hal und Alena im dunklen Forst lebten, und aus diesem Grund wurden sie als „die Anderen“ betrachtet. Man warf ihnen Blicke zu, tat ungeheuerliche Vermutungen mit flüsternder Stimme kund und murmelte im Vorbeigehen Gebete. Hal nahm in den Witterungen derer, in deren Nähe sie kam, Furcht und Ablehnung zu gleichen Teilen wahr. Es würde kaum etwas Gutes daraus erwachsen, von ihnen am Ort eines Verbrechens angetroffen zu werden.

Alena nickte zu dem Fenster am hinteren Ende des Schlafzimmers, jenes, das auf die Straße hinausging. Hervorragend. Hal lächelte ob Alenas stets verlässlicher Anpassungsfähigkeit, die sie aus allerlei brenzligen Lagen zu befreien wusste. Auf ihrem Weg hinaus schloss Hal sorgsam und leise die Tür zu dem Schrank. Es gab keinen Grund, dass die Einheimischen das Ding darin sahen. Es hätte sie nur verängstigt und erschüttert. Und es gab keinen Grund, solcherlei Furcht anzufachen, wie sie zweifellos durch den kleinsten Hinweis auf die Anwesenheit eines Lykanthropen entstehen würde. Die Menschen mussten nicht glauben, dass sie gejagt wurden, denn das wurden sie auch nicht. Hal und Alena würden sich um diese Sache kümmern. Sie würden die Unschuldigen beschützen. Es war an ihnen, mit dem Ulvenwald und seinen Bedrohungen fertigzuwerden. Und das würden sie.

Sie öffneten das Fenster genau in jenem Augenblick, als die äußere Zimmertür aufgestoßen wurde. Das Kratzen von Holz auf Holz, als sie das Fenster danach rasch wieder schlossen, wurde von schweren Schritten und aufbrausenden tiefen Stimmen übertönt, als die Ältesten und einige andere Städter ins Zimmer strömten. Hal und Alena kletterten zur Gasse hinunter, ohne dass einer der Einheimischen etwas davon ahnte.
__________

Sie hatten nicht viel Zeit. Die Sonne senkte sich schon dem Horizont entgegen, als sie ihr Lager tief im Ulvenwald erreichten. Jede legte schnell und geschickt ihr Silber an. Natürlich trugen sie stets eine kleine Klinge bei sich – es wäre töricht gewesen, gänzlich unvorbereitet zu sein –, doch bis vor Kurzem schien es keine Notwendigkeit für eine zusätzliche Bewaffnung gegeben zu haben. Nun sahen beide einen Grund, beinahe alles mitzunehmen, was sie hatten: Pfeile mit versilberten Spitzen, Schwerter, Speere und Dolche. Das Metall leuchtete voll Macht.

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Nachdem sie sich ausgestattet hatten, verließen sie ihr Lager wieder. Gemeinsam bahnten sie sich einen Weg durch das Labyrinth aus Dornenhecken, die Hal als Schutz um ihr Zuhause gepflanzt hatte, und machten sich auf in den dunklen Wald.

Alena war die Erste, die Katharer Palters Fährte aufnahm. Sie war oft die Erste, die einen Geruch witterte. Ihre Nase – wenn auch klein und so vollkommen rund, dass ihre gesamte Miene erstrahlte, wenn Alena lachte – war fein und untrügerisch. Ihre Fähigkeit war gut ausgebildet. Hal fand den Geruch nur Augenblicke später, erkannte ihn aus dem Zimmer in der Schänke wieder und sah einen Wimpernschlag danach die Fußspuren. Die Fährtenleserinnen pirschten dem mordlüsternen Lykanthropen nach.

Seine Spuren führten um die knorrigen Bäume herum und verrieten ihnen, dass er sich entweder verirrt oder – was wahrscheinlicher war – mit sich und dem Tier in seinem Inneren gerungen hatte. Hal vermutete, dass es ebenjenes Ringen war, das ihn dazu getrieben hatte, Gaven zu verlassen. Er musste auch dort getötet haben. Wahrscheinlich mehr als einmal. Doch als er sich des Grauens, das er verursacht hatte, gewahr geworden war, hatte er jenen Menschen, deren Leben er aufs Schrecklichste beeinflusst hatte, mit Sicherheit nicht mehr unter die Augen treten können. Also war er geflohen. Das war kein ungewöhnliches Verhalten. Nicht für einen Lykanthropen. Ungewöhnlich war, dass er seine Gattin mitgenommen hatte. Die arme Seele. Hal konnte dieses Verhalten nicht mit jenem Eindruck von Freundlichkeit und Mitgefühl in Einklang bringen, den sie von Palter erhalten hatte, als sie im Wald auf das Ehepaar gestoßen waren. Sie wollte den Katharer nicht vorverurteilen. Womöglich hatte er vorgehabt, Frau Palter in der Sicherheit einer neuen Siedlung zurückzulassen, weit weg von jeglichem Misstrauen, das ihr wegen seiner Handlungen entgegenschlagen könnte. Irgendwo, wo er glaubte, dass sie eines Tages einen Neuanfang wagen und glücklich werden könnte. Vielleicht hatte er vorgehabt, sich danach im Wald zu verstecken ... oder Schlimmeres. Sie stellte sich vor, dass es das war, was sie tun würde, wenn der Fluch – nicht auszudenken! – jemals sie befallen sollte. Sie wollte und konnte Alena nicht in Gefahr bringen. Sie würde fortgehen. Sie hätte keine andere Wahl, als weit, weit fortzugehen. Und das in dem Wissen, dass ihr Herz sich nie wieder davon erholen würde. Vielleicht wäre die Tat selbst auch schon genug, um ihr Herz dazu zu bringen, nicht länger zu schlagen. Welch eine Gnade das wäre. Wenn es das war, was Palter zu tun versucht hatte, dann empfand Hal nichts als tiefes Mitleid für ihn. Solange zumindest, bis sie an Frau Palters Blut auf dem Boden dachte. Ungeachtet seiner Absichten hatte Palter die Frau, die er liebte, verraten. Seine Stärke hatte nicht ausgereicht und seine Schwäche sie das Leben gekostet.

Als würden sie darauf antworten, wie sich Hals Gefühle wandelten, wandelten sich auch die Spuren des Katharers. Es wurde klar, wo seine Verwandlung stattgefunden hatte: Im einen Augenblick folgten Hal und Alena noch den Stiefelabdrücken eines Menschen, im nächsten schon den Tatzen einer Bestie. Sie hielten sich an den Weg, den der Lykanthrop genommen hatte, bis sie plötzlich an eine Kreuzung gelangten. Hal und Alena musterten die geteilte Spur zu ihren Füßen, die dank des Lichts des silbernen Mondes sichtbar war.

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Von dort aus, wo sie standen, war der Katharer Palter in zwei verschiedene Richtungen gegangen, zweifellos zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten. Das erste Mal musste er den einen Weg eingeschlagen haben, und dann irgendwann – nahe oder fern jenes Kreuzungspunkts hier, doch das war schwer zu sagen – umgekehrt und in die andere Richtung gegangen sein.

„Nach Osten Richtung Gatztow oder nach Westen in den Wald“, sagte Alena. „Wie es scheint, hat unsere Bestie einen innerlichen Kampf ausgetragen.“

Hal nickte. Auch wenn sie ihre eigenen Gedanken nie laut ausgesprochen hatte, überraschte es sie nicht, dass Alena und sie zu demselben Schluss gekommen waren. „Also“, sagte Hal. „Wohin ist er zuerst gegangen? Wo ist er jetzt?“

„Hat ihn seine Gier in die Stadt getrieben, aus der er dann irgendwann geflohen ist?“ Alena blickte in den Wald hinein.

„Oder hat er versucht, der Gier zu widerstehen, nur um dann von seinen Gelüsten doch noch zurück in die Siedlung getrieben zu werden?“ Hal blickte in Richtung der Ortschaft.

„Wir müssen –“, setzte Alena an.

„In die Stadt gehen“, beendete Hal den Satz.

Sie rannten los.

Der Punkt, an dem die Spuren aus dem Ulvenwald herausführten, lag am Rand der Gemarkung des Hofes der Warins. Das war wenig überraschend. Lykanthropen kehrten für gewöhnlich gern zu Jagdgründen zurück, die sich in der Vergangenheit als beutereich erwiesen hatten. Doch Palter hatte in dieser Nacht noch nicht hier gefressen. Zumindest noch nicht. Der Beweis dafür war, dass die verbliebene Kuh der Warins auf der anderen Seite der Weide stand – mit dem Rücken zu den Spuren, die Hal im Mondlicht erkennen konnte. Sie waren genau so, wie Warins Weib sie beschrieben hatte: breit und gewunden, als wäre ein schwerer Körper durch das hohe Gras geschleift worden, immer und immer wieder im Kreis, was die Grashalme niedergedrückt hatte. Das arme Tier.

Hal ging die Spuren ab und verfolgte den Weg, den der Lykanthrop wahrscheinlich genommen hatte. Das war eigenartig für eine derart bestialische Kreatur. Warum hatte sie nicht einfach gefressen? Vielleicht hatte Palter selbst dann noch gegen seine Triebe angekämpft. Ein Bild dessen, wer der Katharer Palter war, begann sich, in ihrem Kopf zu formen. Er war ein guter Mann, ein freundlicher Mann, ein Mann der Kirche. Seine Absichten waren gut, wie es schien, selbst wenn er nicht bei Sinnen war.

„Ich habe seine Witterung ganz und gar verloren.“ Alenas Worte holten Hal in die Gegenwart zurück. Als sie sich Alena auf der Suche nach der Spur des Lykanthropen anschloss, erinnerte sie sich daran, dass Absichten ohne Taten nichts zählten. Alena und sie würden den Werwolf töten müssen.

„Ein Mord! Es hat einen Mord gegeben!“ Elsa Shorans Stimme hallte durch die Nacht. „Es ist der Glockenläuter! Ach, der arme Orwell ist tot!“

Dann begann die Glocke zu läuten. Erneut wurde das Seil zweifellos von Frau Elsa selbst gezogen.

Alena und Hal verschwendeten keine Zeit. Noch ehe Elsas Stimme verklungen war, huschten sie wie zwei Schatten durch die Nacht. In dunklen Alkoven verborgen näherten sie sich der Menge an Städtern, die sich um die Glocke versammelt hatte. Ebenso vorsichtiges wie lautloses Positionieren erlaubte es ihnen, durch das Gewimmel von Schultern und Hälsen hindurch die dunkle Blutlache am Boden zu Füßen des Glockenturms zu erkennen. Es war unverwechselbar das gleiche Muster. Dies war das Werk von Palter. Der Lykanthrop hatte erneut getötet.

Wie als Bestätigung von Hals Schlussfolgerung ertönte ein Heulen aus dem Ulvenwald. Ohne ein Wort eilten Alena und Hal in Richtung des Forsts. Bevor sie jedoch außer Sichtweite des Platzes waren, warf Hal einen Blick zurück über die Schulter. Etwas an dem Anblick nagte an ihren Gedanken. Nun jedoch blieb keine Zeit, um sich zu fragen, was genau es war. Sie wandte sich wieder den Bäumen zu. Sie waren auf der Jagd.

Nachdem sie über den Hof der Warins in den Forst zurückgekehrt waren, war es leicht, die großen wölfischen Spuren wiederzufinden. Sie folgten der Fährte über den Punkt hinaus, wo sie sich teilte. Dieses Mal gingen sie nach Westen, tiefer in den Wald hinein. Hal erkannte, wohin der Weg sie führte: zum Wall des alten Auerbrück, der verlorenen Hauptstadt. Ein Ort voller Geister und streunender Werwölfe. Vielleicht würden sie mehr Gegner zu Gesicht bekommen als nur den, den sie verfolgten. Im Laufen fasste Hal nach dem Heft ihres Lieblingsdolchs, bereit, ihren Wald zu verteidigen.

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Plötzlich hob Alena die Hand und blieb unvermittelt stehen. Hal stieß beinahe mit ihr zusammen, doch es gelang ihr, gerade noch rechtzeitig abzubremsen und den Blick auf das zu richten, was Alena zum Anhalten gebracht hatte. Dort vor ihnen auf dem Waldboden lag die Leiche des Glockenläuters. Orwell war totenbleich, die Haut welk durch das Fehlen von Blut in seinem Körper – einem Körper, der größtenteils unversehrt war. Es wirkte, als hätte man seine Gliedmaßen sorgfältig in ganz bestimmten Winkeln ausgestreckt. Und um ihn herum waren Unterholz und Gras niedergedrückt, als wäre etwas Schweres darüber hinweggeschleift worden.

Etwas stimmte hier nicht. Es sollte keine Leiche geben. Die Bestie hätte fressen sollen.

Hal und Alena schärften sämtliche Sinne, als sie den Ort des Geschehens abschritten – Alena an den Rändern und Hal den Schleifspuren folgend. Sie wusste es, noch ehe sie ihr Vorhaben beendet hatte. Die Form, das Aussehen der Biegungen: Diese Spuren bildeten das gleiche Muster wie die auf der Weide auf dem Hof der Warins. Das ergab keinen Sinn. War dies das Ergebnis irgendeines Rituals? War das Abgehen dieser einen Form etwas, was Palter tat, um den Drang zu unterdrücken, etwas verschlingen zu müssen? Mit was für einer Art von Lykanthrop hatten sie es hier zu tun?

Hal schaute zu Alena, um ebendiese Frage zu stellen, doch Alena starrte unverwandt auf einen Ort tiefer im Wald, der nur spärlich vom Mondlicht erhellt wurde. Hal folgte Alenas Blick, und dann sah sie sie auch: eine zweite Leiche. Als sie näherkamen, sahen sie, dass das Gleiche, was man dem Glockenläuter angetan hatte, auch Frau Evelin, der Talismanmacherin, widerfahren war: die Glieder ausgebreitet, das Gras niedergedrückt. Und gleich dahinter befand sich die Leiche der Ältesten Somlon. Und wieder: dasselbe Muster im Gras, dieselbe Anordnung von Armen und Beinen.

„Die Älteste Somlon hat sich um –“, setzte Hal an.

„Die Begräbnisriten gekümmert“, ergänzte Alena.

„Aber sie hat offenbar nie Gelegenheit dazu erhalten. Sieh nur.“ Hal deutete auf eine Einzelheit, die ihre Hand zittern ließ. Es war die Spitze der Bluse der Ältesten Somlon. Sie passte zu dem Stück Spitze, das im Zimmer der Palters zurückgelassen worden war. Und dort, am abgerissenen Ärmel, konnten sie jenen Riss sehen, wo der Fetzen, den sie gefunden hatten, passen würde.

„Wenn die Älteste Somlon das Opfer in der Schänke war“, sagte Alena.

„Wenn es ihr Blut war“, fügte Hal hinzu.

„Was ist dann mit Frau Palter?“

Erneut überkam Hal das unbehagliche Gefühl, und dieses Mal fuhr ihr das Kribbeln ohne Umschweife vom Rückgrat bis in den Schädel hinauf. Das Schaudern, das sie durchdrang, wurde von den Schwingungen jenes Heulens verstärkt, das in diesem Augenblick durch die Nacht wehte.

„Und was ist mit Palter?“, fragte Hal.

„Ich glaube, es ist an der Zeit, das herauszufinden“, sagte Alena. Sie eilte in Richtung des Heulens davon. Hal folgte ihr.

Im Laufen bemerkte Hal, dass sie sich entlang einer anderen Spur bewegten. Sie passte ihre Richtung daran an. Es waren Stiefelabdrücke. Palters Stiefelabdrücke? Etwas fügte sich in ihren Gedanken zusammen.

„Was ist los, Hal?“ Selbst durch die Bäume hindurch und selbst im vollen Lauf hatte Alena die Veränderung an Hal bemerkt.

„Der Augenblick der Verwandlung.“ Hals Gedanken rasten wie ihre Beine, setzten die Lösung des Rätsels Stück für Stück zusammen und mühten sich, eine Antwort auf eine Frage zu finden, von der sie nicht wusste, wie sie sie stellen sollte. „Wenn es dort geschehen ist“, japste sie. „Im Wald –“

„Das ist es“, stieß Alena zwischen zwei Atemzügen hervor. „Wir beide haben die Beweise gesehen. Seine menschlichen Spuren und dann seine wölfischen.“

„Nein.“ Hal schüttelte den Kopf. „Wir haben Stiefelabdrücke gesehen. Und wir haben Pfotenabdrücke gesehen. Unabhängig voneinander.“

„Ja“, sagte Alena ungeduldig.

„Wenn sie von denselben Füßen verursacht wurden“, fuhr Hal fort, „wo sind dann die Stiefel?“

Alena verlangsamte ihr Vorpreschen, fast unmerklich zwar, doch Hal bemerkte es. Sie hatte die Aufmerksamkeit des Mädchens. Hal deutete auf den Boden zu ihren Füßen. „Und warum sehen wir hier erneut Stiefelabdrücke?“

Alena starrte im Laufen auf den Boden und nahm das Bild der Spuren in sich auf.

„Was wenn“, begann Hal, als sie fand, dass Alena genug Zeit gehabt hatte, die Teile selbst zusammenzusetzen.

„Es nicht Palter ist?“, brachte Alena die Frage zu Ende.

„Was, wenn der Lykanthrop –“ Frau Palters Name blieb an Hals Lippen hängen, denn in jenem Augenblick, als sie ihn aussprechen wollte, hatten sie einen Hügel erklommen, von dem aus sie eine kleine Lichtung überblicken konnten. Und auf dieser Lichtung war etwas, was wie ein behelfsmäßiger Altar aus verwittertem Stein aussah.

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Der Altar war uneben und schlecht verarbeitet. Auf ihm lag der gute Katharer Palter.

Hinter ihm stand, mit ins Gesicht gezogener Kapuze wie damals bei ihrer ersten Begegnung im Wald, Frau Palter. Sie hatte die Arme über dem Körper ihres Gatten erhoben und sprach eine Anrufung. Eine dämonische Anrufung. Hal erkannte die Silben und die kehligen Laute. „Ormendahl. Ormendahl! ORMENDAHL!“ Der Name war deutlich. Diese Frau war einen Pakt mit dem Grauen eingegangen.

„Bes, bitte.“ Hals Herz machte einen Sprung beim Klang der schwachen Stimme. Der gute Katharer Palter war noch am Leben!

„Sei still!“, fauchte seine Gattin. Sie zog eine Klinge.

Hal und Alena machten einen Satz vorwärts und rannten auf die kleine Lichtung zu. Frau Palter blickte beim Geräusch ihres Näherkommens auf, konnte aber nur noch einen raschen Blick auf ihre Gestalten erhaschen, ehe sie sie auch schon zu Boden warfen.

Obwohl ihr Leib zuckte und ihre Arme mit mehr Kraft, als Hal ihr es zugetraut hätte, wild um sich schlugen, gelang es ihnen, sie am Boden festzuhalten. Alena zog ihre eigene Klinge.

„Nein!“, rief Katharer Palter vom Altar aus. „Tut ihr nichts!“

Hal spähte zu ihm hinauf. „Sie hat versucht, Sie umzubringen.“

„Lasst sie gehen. Bitte. Sie weiß es nicht. Oh, sie weiß nicht, was sie tut.“

„Sie war es, nicht wahr?“, fragte Alena und drückte Frau Palter die Klinge an den Hals. „Sie hat sie getötet. Sie alle.“

Der Katharer leugnete es nicht.

„Das Blut in Ihrem Zimmer in der Schänke heute Morgen ... Das war das Blut der Ältesten Somlon, oder? Sie wussten, wozu sie fähig ist, als Sie Gaven verlassen und sie nach Gatztow gebracht haben. Sie haben versucht, sie in dem Schrank festzuhalten, aber die Riemen konnten das Böse, das Besitz von ihr ergriff, nicht binden.“ Alena sprach eine Wahrheit nach der anderen aus. „Und dann ist sie entkommen. Sie versuchte, auf dem Hof der Warins zu töten. Sie brachte ihre dämonischen Zeichen auf dem Boden auf, doch Sie haben sie aufgehalten. Danach verloren Sie jedoch die Kontrolle. Sie folgten ihr durch die Stadt, unfähig und unwillig, sie davon abzuhalten, ihre Opfer einzusammeln. Also brachten Sie sie hierher. Um die Opfer ebenso zu verbergen wie die Täterin. Eine nach der anderen haben Sie die Leichen bewegt. Drei Leichen, Palter. Sie hat drei Unschuldige getötet.“

„Es ist meine Schuld!“, klagte Katharer Palter. „Es ist alles meine Schuld. Das Mausoleum stand unter meinem Schutz. Was auch immer in jener Nacht daraus entkommen ist, ich hätte es aufhalten können.“

Hal bezweifelte dies stark. Den Namen des Dämons – Ormendahl – hörte sie nicht zum ersten Mal. Und den Geschichten nach zu urteilen, war er kein Dämon, den ein einzelner Mausoleumswächter, ganz gleich, wie gutherzig und wohlmeinend er auch sein mochte, allein hätte aufhalten können.

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Zum dritten Mal in dieser Nacht empfand sie Mitgefühl für Palter. Doch dies war nicht genug, um auch nur in Erwägung zu ziehen, Frau Palter ziehen zu lassen. Sie war verloren. Das, was sich da unter Hals und Alenas Griff wand, war nicht mehr Frau Palter. Doch das hätte er niemals verstanden. Hal nickte Alena zu, die sich für den Gnadenstoß wappnete. Genau in jenem Augenblick indes fiel Palter, der sich wohl aufzurichten gedachte, vom Altar herunter, um schwer auf Hal und Alena zu landen.

Ihr gemeinsamer Griff lockerte sich gerade genug, damit die Verfluchte sich befreien konnte. Frau Palter sprang auf, und Hal spürte, wie sich Macht in den Gliedern dieser so zierlich scheinenden Person zusammenballte. Sie öffnete den Mund weit und brüllte Hal und Alena an. Das Geräusch ähnelte dem Heulen eines Werwolfs. Ein Gedanke packte Hal, als sie und Alena auf die Frau zustürzten. Was ist mit dem Werwolf? Die Teile dieses Mosaiks passten noch immer nicht zusammen. Die Spuren im Wald: Sie hatten deutliche Wolfsspuren gesehen. Die Kuh, die verschlungen worden war: Sie war richtiggehend aufgefressen worden, sodass nur die Knochen und die Zähne zurückgeblieben waren. Das war doch nicht das Werk von Frau Palter, oder?

Hals Überlegungen führten dazu, dass sie ein flinkes Ausweichmanöver von Frau Palter übersah, das sie leicht unterbunden hätte, hätte dem Handgemenge, in das sie verwickelt war, ihre volle Aufmerksamkeit gegolten. Frau Palter bewegte sich geschickter, als es ihr eigentlich hätte möglich sein sollen, und noch ehe Hal sich wieder gefangen hatte, entwischte die Dämonenpaktiererin aus ihrer Reichweite. In einer einzigen, fließenden Bewegung warf sie ihren Gatten um und stieß ihm ihre Klinge in die Brust.

Hal und Alena waren über ihr, bevor sie die Klinge herausziehen und erneut zustechen konnte, doch der Schaden war bereits angerichtet. Das schwächer werdende Gurgeln des guten Katharers bestätigte dies.

Es war beinahe unmöglich, Frau Palter daran zu hindern, wieder auf die Beine zu kommen. Jede ihrer Bewegungen waren durch ihren Dämonenpakt von einer derartigen Kraft erfüllt, dass es einiges an Mühe kostete, auch nur einen ihrer Arme am Boden festzuhalten. Doch Hal und Alena waren in Übung. Es ähnelte dem Ringen mit einem Monstrum aus dem Modergrab, und inzwischen schenkte Hal dieser körperlichen Auseinandersetzung tatsächlich vollste Aufmerksamkeit. Obwohl Frau Palter mit aller Kraft aufzustehen versuchte, gelang es ihr gerade, ihren Kopf zu heben. Und dabei rutschte ihr die Kapuze herunter. Das erste Mal, seit sie ihr im Forst begegnet waren, erblickten Hal und Alena ihr Gesicht. Es war durch die Macht des Dämons, die sie wieder und wieder durchflossen hatte, grauenhaft entstellt, und das wie geschmolzen wirkende Fleisch war derart entsetzlich, dass Hal aufschrie. Frau Palter lächelte. Dann begann sie mit einer neuen Anrufung. Das helle Blau ihrer Augen wurde zu einem dunklen, glitzernden Schwarz, das sich rasch über das Weiße ausbreitete. Hal schaute zu Alena, die ähnliche Mühe hatte, Frau Palter festzuhalten, wie sie selbst. Es gab nichts, was sie tun konnten, als die Verfluchte all die dämonische Macht zusammennahm, die sie heraufbeschworen hatte, und sie von sich stieß.

Hal wurde durch die Luft geschleudert, bis sie mit der Flanke gegen den Stamm eines dicken Baums prallte. Schmerz fuhr ihr durch die Schulter und eine Seite ihres Kopfs, als sie am Boden zusammenbrach.

Sie versuchte, sich aufzurappeln, ihre Glieder unter ihren Willen zu zwingen und ihren Blick dazu zu bringen, sich auf eines statt auf drei Bilder zu fixieren. Der Schmerz in ihrem Kopf glich einer Klinge, die durch ihren gesamten Körper getrieben worden war und sie am Boden festnagelte. Doch das konnte sie nicht zulassen. Das würde sie nicht zulassen. Denn vor sich sah sie, wie Alena unter einem Hieb nach dem anderen, mit dem Frau Psalter auf sie eindrosch, ihr Ende zu finden drohte. Zwar sprang Alena jedes Mal aus dem Weg, doch jenem Quell der Stärke, der endlos durch die Verfluchte hindurchfloss, war sie auf Dauer nicht gewachsen. Und dann griff Frau Palter nach ihrer Klinge.

„Nein!“ Hals Schrei war trotz der Verzweiflung, die ihn nährte, kaum zu hören. Sie kämpfte gegen die Schwäche in ihren Gliedern an und wuchtete sich auf die Beine. Doch sie war nicht schnell genug. Frau Palters Klinge stieß herab.

Hals erstickter Schrei wurde nie gehört, denn er wurde vom Knurren eines Lykanthropen übertönt. Frau Palters Klinge wurde aufgehalten und die Dämonenanbeterin durch einen einzelnen Schlag mit der Tatze des Wolfs von den Beinen geschleudert. Ihr Blut spritzte von den Zähnen und Klauen der riesigen Bestie in alle Richtungen.

Alena rollte aus dem Gemenge und sogleich war Hal an ihrer Seite. Gemeinsam stießen sie die Klingen in die tobende, blutige Gestalt der Frau.

Als der dämonische Fluch aus ihren leblosen Gliedern wich, erschlaffte ihr Leib und sank zu Boden. Hal und Alena standen Schulter an Schulter, Angesicht zu Angesicht mit einem riesigen, hechelnden Lykanthropen.

Ehe sie etwas tun oder auch nur einander ihre Absichten mitteilen konnten, erklang ein Knurren aus den Bäumen zu ihrer Linken. Und danach eines rechts von ihnen. Eines hinter ihnen, zwei voraus. Überall um sich herum sahen sie leuchtende gelbe Augen, in denen sich das Licht des silbernen Mondes widerspiegelte. Sie waren eingekreist. Wie viele mochten es sein? Ein Dutzend, vielleicht zwei.

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Hal spürte, wie Alena sich anspannte. Das war nicht Alenas übliche feste und geerdete Haltung. Das Mädchen war vielmehr starr und stocksteif vor Grauen. Hal hob den blutigen Dolch und suchte den Blick des größten Lykanthropen. Es war derjenige, der vor ihr stand. Falls sie heute Nacht schon sterben sollten, dann nicht ohne einen Kampf.

Doch als sie sich zum Angriff bereit machte, wechselte der Lykanthrop die Gestalt. Es geschah so schnell, dass Hal es kaum bemerkte. Urplötzlich war die Bestie eine Menschenfrau mit harten Zügen und von edlem Wuchs. Der silberne Mond spiegelte sich auf ihrer bleichen Haut und glänzte auf den weißen Strähnen ihres langen Haars. Nie zuvor hatte Hal gesehen, wie sich ein Lykanthrop inmitten der Hitze eines Gefechts zurückverwandelt hatte. Nie. Das war unmöglich. Und dennoch war es gerade geschehen.

Einen Augenblick lang bewegte sich niemand. Dann hob Hal den Dolch und legte ihn sehr vorsichtig und stets den Blick der Frau erwidernd auf den Boden. Alena trat von einem Bein auf das andere und schaute Hal fragend an, tat es ihr jedoch gleich, nachdem sie ihre Zuversicht zur Kenntnis genommen hatte.

Hal glaubte, ein leichtes Nicken von der nackten Frau vor ihnen wahrgenommen zu haben, die sich gleich darauf zum Rest des Rudels umdrehte, das schwer, kampfbereit und hungrig hechelte. Die Frau schüttelte einmal kurz und bestimmt den Kopf. Ein Winseln erklang als Antwort – nur ein einziges –, und dann machte das Rudel kehrt und verschwand zwischen den Bäumen des Ulvenwaldes.

Hal und Alena waren allein mit der Frau, die gerade ihr Leben gerettet hatte.

Hal räusperte sich. Sie wollte sich bedanken, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Stattdessen löste sie ihren Mantel und bot ihn der Frau an.

„Danke.“ Die Frau legte sich Hals Mantel um die Schultern.

„Wir danken dir“, sagte Hal, die endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte.

„Ich habe es nicht für euch getan. Ich habe sie verfolgt.“ Sie nickte in Frau Palters Richtung. „Und andere wie sie. Es gibt zu viele von ihnen in unseren Städten.“

„Dann waren das also deine Spuren“, sagte Alena. „Und du hast auch die Kuh gefressen.“

Die Frau schenkte Alena keine Beachtung. „Wäre es nicht mein Begehr gewesen, ihr elendes Leben zu beenden, hätte ich das eure nicht gerettet.“

Hal erschrak angesichts dieses Bekenntnisses.

„Aber da ihr nun noch am Leben seid“, fuhr die Frau fort, „sage ich euch dies: Ihr dürft niemanden mehr aus meinem Rudel töten.“

„Die Werwölfe?“, fragte Alena.

„Solltet ihr dem nicht nachkommen, werde ich gezwungen sein, gegen euch vorzugehen. Und dann werde ich eurem Leben ein Ende setzen.“ Die Art und Weise, wie sie das sagte, klang weniger wie eine Drohung, sondern vielmehr wie die Feststellung einer Tatsache.

Hal sträubte sich. „Dies ist unser Forst. Der Ulvenwald steht unter unserem Schutz.“

„Wir können keine Werwölfe in unserem Reich dulden“, fügte Alena hinzu.

„Dies obliegt nicht euch“, sagte die Frau. „Und es ist töricht zu glauben, nur ihr beide könntet die Wälder vor dem schützen, was kommen wird. Es ist töricht zu glauben, hier auch nur überleben zu können. Verlasst den Forst, kleine Jägerinnen. Überlasst ihn uns.“

„Das wird nie geschehen.“ Alena ballte die Hände zu Fäusten.

„Was wird kommen?“, fragte Hal ernst.

„Ich weiß es nicht.“

Alena schnaubte, doch Hal ließ sich nicht beirren. Diese Frau hatte etwas an sich, was Hal ihren Worten Glauben schenken ließ.

„Ich weiß es nichtgenau“, sagte die Frau. „Allerdings“, sie deutete auf den Altar und Frau Palter, „habe ich ebenso wie ihr genug gesehen, um zu wissen, dass das, was auch immer dort draußen ist, schlimmer ist als Werwölfe. Diese Welt wird uns bald brauchen. Sie wird den Klang unseres Heulens und die Kraft unseres Rudels willkommen heißen. Wir sind vielleicht die einzige Macht, die sich dem entgegenzustellen vermag, was uns bedroht.“

„Wir werden uns allem entgegenstellen, was den Ulvenwald bedroht“, sagte Alena. „Es gibt nichts, was wir fürchten.“

Die Frau seufzte. „Wenn ihr hierbleibt, werdet ihr sterben.“ Sie warf Hals Mantel von den Schultern. „Ihr habt heute Nacht nur überlebt, weil ich mich eingemischt habe. Nur wegen eines Werwolfs. Bedenkt das. Oder lasst es. Es liegt an euch. Doch wisset, dass ich euch rate zu gehen. Verlasst den Ulvenwald und haltet euch von ihm fern. Und betet, falls das etwas ist, was ihr zu tun pflegt.“

„Wir werden nicht ...“, setzte Alena an, aber die Frau hatte bereits wieder ihre Wolfsgestalt angenommen. Ihre Verwandlung war nicht wie die üblichen grausamen und alles verzerrenden Verwandlungen, die Hal sonst bei Lykanthropen beobachtet hatte. Diese Frau war kein gewöhnlicher Werwolf. Mit einem letzten Knurren wandte sie sich von ihnen ab und schlüpfte in die Bäume.

Hal und Alena blieben im gedämpften Mondlicht tief im dunklen Forst zurück. Ein weiteres Mal überkam Hal jenes unbehagliche Gefühl wie von Fingern, die ihr das Rückgrat hinauffuhren. Sie konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Das Gefühl wurde nicht durch die Lykanthropen verursacht, sondern von etwas vollkommen anderem – etwas, was Hal zurzeit weder kannte noch verstand.

Alena blickte sie an, bereit zum Loslaufen, doch Hal war sich noch nicht sicher, welche Richtung sie nun einschlagen sollten.
__________

Arlinn Kord huschte durch die knorrigen Bäume. Diese törichten Menschen. Wie konnten sie nur so blind sein? Sie hoffte, sie würde nicht gezwungen sein, sie eines Tages zu töten. Sie waren stark und wild. Eigenschaften, die sie sehr schätzte. In einem anderen Leben hätte sie sich womöglich mit ihnen angefreundet. Doch dies war nicht jenes andere Leben. In diesem Leben, das sie führte, konnte Arlinn keine Freunde haben.

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Veröffentlicht in Magic Story on 2. März 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mi 9. Mär 2016, 21:09

Falls sich einige Fragen: "Wer zur Hölle ist Arlinn Kord?"

http://magic.wizards.com/de/story/plane ... rlinn-kord

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mi 16. Mär 2016, 20:38

Augen so mitleidlos und leer


Auf Innistrad hat ein neues Zeitalter des Wohlstands und des Friedens begonnen. Avacyn – ein mächtiger Engel und die Verkörperung der Hoffnung und des Schutzes für die Menschen allerorten – wurde aus ihrem Kerker befreit und hilft den Bewohnern Innistrads, die finsteren Schrecken zurückzudrängen, die auf ihrer Welt lauern. Die Vampire sind auf dem Rückzug, und der Fluch der Werwölfe wurde durch den sogenannten Fluchverstummer gemildert. Dieses magische Gebot Avacyns stellte die betroffenen Lykanthropen vor die Wahl: Entweder sie wurden zu Wölflingen – den wölfischen Dienern Avacyns – oder sie wurden, wenn auch in weitaus selteneren Fällen, vollständig geheilt.

Die Bewohner Innistrads erblühen und gedeihen unter dem gütigen und wachsamen Auge Avacyns, während sie fleißig daran arbeiten, dass der neue Morgen, der für die Menschheit angebrochen ist, kein Ende findet ...


Die Gebete zehntausender Seelen wuschen wie feiner Nieselregen über Avacyn hinweg. Ein flehendes Raunen aus Hoffnung und Angst. Avacyn, wache über meine Kinder. Avacyn, beschere mir eine reiche Ernte. Avacyn, mach, dass dieser Schmerz aufhört. Avacyn, gewähre mir einen schnellen Tod. Avacyn ...

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Sie schwebte in der kalten Luft, die so dünn war, dass ihre Schwingen sie nicht hätten tragen können, wenn nicht auch noch die zusätzlich von ihr zum Einsatz gebrachte Macht gewesen wäre. Sie befand sich an einem ihrer liebsten Rückzugsorte: einem abgelegenen Tal zwischen den höchsten Berggipfeln im Süden Stenzens. Die Kälte war in dieser Höhe allgegenwärtig. Dickes Eis bedeckte beinahe jede Oberfläche und gestattete es keinerlei Leben, hier oben zu bestehen. Avacyn spürte die Kälte nicht. Sie liebte die Abgeschiedenheit und die Reinheit des weiten Raums mit nichts als dem knackenden Eis, dem pfeifenden Wind und dem Flüstern der Gebete als Gesellschaft.

Die Gebete waren immer da, ein beständiges Drängen im Hinterkopf. Gleich nach dem Erwachen waren sie da. Zunächst nur wenige. Leise, zaghaft, suchend. Doch im Lauf der Zeit wurden es immer mehr, und sie wurden immer lauter und flehender. Beschütze uns. Hilf uns. Errette uns.

Hilf mir! Ein aus nackter Angst geborenes Gebet durchbrach das gewohnte Flüstern. Die Stimme einer Frau. Einer gequälten Frau. Avacyn, erhöre mich! Mein Kind! Mein Kind! Bitte! Meine Avacyn! Avacyn richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Gebet und auf die Frau, die es zu ihr aussandte, und sie sah ihr Abbild vor sich, wie sie schluchzend über eine große Lichtung rannte. Avacyn schwebte über den Berggipfeln und stieß dann nach Süden in Richtung Gaven hinab. Obgleich sie tausende Gebete von überall auf der Welt hörte, hatte sie kaum Zeit, sich einzeln um sie zu kümmern.

Am Anfang ihres Daseins stand ein Wort: BESCHÜTZE. Selbst jetzt löste allein der bloße Gedanke daran eine Flut an jenen Bildern aus, die die ersten Augenblicke ihres Daseins begleitet hatten. Das Aufblitzen einer in Herbst und Blut gehüllten Welt und der zahlreichen Räuber, die bereit waren, darüber herzufallen. Vampir und Werwolf. Dämon und Zombie. Geist und Teufel. Jeder von ihnen war in Avacyns Bewusstsein, in ihren innersten Wesenskern, als Bedrohung eingebrannt, die es unbedingt zu bekämpfen und auszumerzen galt. Und die Bilder der Sterblichen in all ihren Formen und Größen, menschlich durch ihre Verletzlichkeit und ihre Hingabe. BESCHÜTZE. Und mit der Zeit wuchs Avacyns Verständnis der Welt und wurde immer facettenreicher. BESCHÜTZE SIE. Dies war der Grund für Avacyns Sein.

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Mit jedem verstreichenden Jahr hatte sich der Zweck ihres Daseins in kristallener Klarheit weiter offenbart. Es war ihr nicht bestimmt, gegen jedes Ungeheuer zu kämpfen oder jegliches Unheil aufzuhalten. Ein solches Werk wäre unmöglich zu vollbringen gewesen. Stattdessen wurde sie zu einem Leitstern und einer Inspirationsfigur, die den Glauben zahlloser Menschen beflügelte, und dieser Glaube kräftigte jene Talismane und Zauber, die die Menschen als Schutz vor dem Bösen einsetzten. Es gab Gelegenheiten, zu denen Avacyn in den Kampf zog, wenn irgendein besonders hartnäckiges oder mächtiges Übel ihre persönliche Aufmerksamkeit verlangte. Doch es waren stets zu viele Kämpfe zu führen und zu viele Gebete zu erhören, als dass Avacyn sich um jedes Einzelne hätte kümmern können.

Ab und an jedoch erreichte sie ein Gebet, das derart voller inbrünstigem Glauben oder tiefer Verzweiflung war, dass Avacyn den Drang verspürte, Hilfe zu leisten. In den frühen Tagen ihres Daseins war ihr dieser Drang kaum bewusst gewesen. Sie hatte einfach nur gewusst, dass sie höchstselbst in bestimmte Ereignisse eingreifen musste. Mit den Jahrhunderten jedoch hatte sie besser beherrschen gelernt, wann und wo sie sich am besten einbrachte. Die Macht des Gebets dieser Mutter – ihre alles verzehrende Furcht, die zu einem wahren Crescendo der Hilfsbedürftigkeit anschwoll – rührte Avacyn. Die Angst dieser Mutter um ihr Kind war rein und ungetrübt, und eine solche Reinheit verlangte nach Avacyns Handeln.

Avacyn eilte durch die unteren Bergtäler Stenzens und folgte einem unbeirrten Pfad hin zu ihrer Bittstellerin. Die Stärke des Gebets der Frau war wie ein Leuchtfeuer in Avacyns Geist. Bald waren die Berge nicht mehr von Schnee, sondern von Bäumen bedeckt. Sie standen nicht mehr unter der Knechtschaft von endlosem Weiß, sondern zeigten nun eine Mischung aus Grün, Braun und Gelbrot, die das Herannahen der Erntezeit ankündigte. Avacyn neigte nicht zur Rückschau, doch sie kam nicht umhin, Zufriedenheit darüber zu verspüren, was seit ihrer Befreiung aus dem Höllenkerker schon alles geschafft worden war. Die Werwölfe waren fort – manche geheilt, andere in Wölflinge und damit in hilfreiche Verbündete für Avacyn und ihre Engel verwandelt. Die Teufel und Dämonen waren verstreut und machtlos. Und die Vampire befanden sich auf dem Rückzug, was seit Avacyns Erwachen bislang nur selten vorgekommen war. Die Menschen waren von der langen Belagerung durch die Dunkelheit befreit und die Zivilisation blühte auf.

Es war ein neues Zeitalter für die Menschen. Ein neues Zeitalter für die Welt. Und Avacyn würde da sein, um die Welt und die Menschen auch weiterhin zu beschützen, wie sie es schon immer getan hatte. Avacyn lächelte nicht gern – sie hatte nie verstanden, wozu es gut sein sollte –, aber sie vermutete, dass es das war, was die Menschen fühlten, wenn sie lächelten. Eine tiefe und anhaltende Zufriedenheit. Es fühlte sich ... richtig an.

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Avacyn bemerkte das schwache Licht der Sonne, die bald hinter dem bewaldeten Horizont versunken sein würde. Die Nacht brach an. Als sie eine karge Lichtung am Rand eines dunklen Waldes erreichte, sah sie eine Frau, die auf einem grasbewachsenen Abhang gleich jenseits der ersten Bäume lag und schluchzend einen Namen hervorstieß. „Maeli! Maeli!“ Die Frau stand auf und ging auf den Wald zu, als Avacyn landete.

„Bittstellerin. Du hast mich gerufen.“ Avacyns Stimme war sanft und beruhigend, doch die Frau wandte sich in jähem Schrecken um, ehe sie begriff, was sie da vor sich sah.

„Avacyn! Du bist gekommen! Du bist gekommen! Mein Kind! Bitte!“ Die Frau redete wirr vor Sorge, und es dauerte eine Weile, bis sie sich beruhigt hatte und Avacyn erzählen konnte, was vorgefallen war. Ihr Kind war von zu Hause weggelaufen und gesehen worden, wie es in den Wald hineinrannte. Die Welt mochte seit Avacyns Rückkehr etwas sicherer geworden sein, doch sie war noch weit davon entfernt, zu einem ungefährlichen Ort zu werden. Insbesondere für Kinder. Die Mutter war gerade im Begriff gewesen, sich selbst auf der Suche nach ihrem Kind in den Wald aufzumachen, obwohl sie ihrer beider Leben damit in Gefahr brachte. Avacyn versicherte ihr, dass sie versuchen würde, das Kind für sie zu finden.

Dies wäre einfach gewesen, wenn das Kind zu Avacyn gebetet hätte. Als sie jedoch nach den Hunderten von Gebeten lauschte, die in ihrem Geist wisperten, hörte sie keines, das von einem Kind stammte, welches sich im Wald verirrt hatte. Doch es gab noch andere Möglichkeiten, das Kind zu finden.

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Avacyn flog über den dunklen Wald hinweg, bis sie seine Mitte erreicht hatte. Sie sammelte ihre Macht in ihrem Speer, dessen metallene Spitze hell zu leuchten begann. Heller, immer heller, bis ihr Licht das der sinkenden Sonne überstrahlte. Avacyn bündelte noch mehr Kraft, um den gesamten Himmel über dem Wald zu erleuchten. Sie hörte Vögel krächzen, kleinere Tiere forthuschen und größere Geschöpfe unter dem Blätterdach unter sich losstapfen, um dem Licht zu entfliehen. Avacyn legte Macht in ihre Stimme.

„Maeli! Ich bin es! Avacyn! Rufe nach mir!“ Ihre Stimme hallte donnernd von den Bäumen des Waldes wider. Dann war Avacyn still. Sie horchte nach dem Rufen eines Kindes und hoffte auf alles andere außer Stille und worauf eine solche Stille hindeuten würde.

Kein Laut drang aus dem Blätterdach des Waldes zu ihr – nur ein Gebet. Avacyn, bitte, ich habe mich verlaufen und es tut mir leid und ich bin ganz nass und ich habe gehört, wie ...Avacyn machte den Aufenthaltsort des Kindes aus und ließ sich zu einem Platz im Wald gleiten, der nur ein paar kurze Augenblicke entfernt war. Es war ein kleines Kind, ein Junge, der sich fest gegen einen Baumstamm schmiegte.

Er blickte sie und ihren leuchtenden Speer an. „Avacyn?“

„Komm zu mir, Kind. Du bist nun in Sicherheit. Ich bringe dich nach Hause.“ Avacyns Stimme war nun noch sanfter, so sanft, wie es ihr überhaupt möglich war. Sie hatte sich Kindern gegenüber schon immer am wohlsten gefühlt. Ihre Unschuld und ihr Ernst machten sie leichter zu begreifen. Der Junge näherte sich ihr, denn er überwand sein Zögern, als Avacyn den Speer zur Seite nahm und ihm den anderen Arm entgegenstreckte. Er lief zu ihr. Sie nahm ihn auf den Arm und flog aus dem Wald heraus.

Sie brauchte nicht lange, um die Mutter an den Ausläufern des Waldes zu finden und ihr das Kind zu übergeben. Beide fielen sich schluchzend in die Arme. Avacyn wünschte, dass jeder Augenblick eines jeden Tages so wäre. Familien, die zueinanderfanden. Furcht, die ausgelöscht wurde. Glück, das entstand. Deshalb gab es sie. Zufrieden, dass ihr Werk getan war, machte sie sich zurück auf den Weg zu ihrer Zuflucht in den Bergen. Ein grelles Leuchten erfasste ihren Körper und trübte ihr den Blick.

Alles vor ihr verdoppelte sich. Die Bäume, die Mutter und das Kind, jeder Grashalm verdoppelte sich, um sich dann sofort erneut zu verdoppeln. Ein hämmernder Schmerz fuhr ihr durch den Schädel und sich vor Schmerzen windend fiel sie zu Boden. Ein Feld weißer Blitze zuckte vor ihren Augen auf, gefolgt von einem Bild zahlreicher fliegender, steinerner Obelisken, in deren Seiten verschlungene Runen eingeritzt waren und die sich im Einklang miteinander bewegten ... und dann sah sie wieder die gewohnte Szenerie vor sich. Avacyn blickte sich rasch zu allen Seiten nach dem Ursprung des Angriffs um. Nur wenige Vampire waren je mächtig genug für etwas Derartiges gewesen. Vielleicht ein Dämonenfürst ...

Ein sachtes Brummen tönte ihr in den Ohren. Ein andauerndes, tiefes Summen, dessen Lautstärke sich nie zu verändern schien. Es war einfach nur ... da. Eine atonale Begleitung zu den Gebeten in ihrem Geist. Avacyns Nacken fühlte sich angespannt an, und in unregelmäßigen Abständen schoss ihr ein unwillkürliches Zittern vom Hals in den Kopf hinauf, als wollte es sie vor einem Angriff warnen. Doch es kam keiner. Sie schüttelte den Kopf in der Hoffnung, dass das Summen verstummen würde, doch es hatte sich beharrlich in ihren Gedanken eingenistet.

Die beiden Menschen kauerten noch immer vor ihr und umklammerten einander. Sie schienen von dem, was Avacyn angegriffen hatte, offenbar nicht betroffen. Als Avacyn hinsah, trockneten die Tränen der Mutter und ihre sanften Züge wurden hart vor Zorn. „Wie konntest du einfach so weglaufen? Was hast du dir nur gedacht? Du dummes Kind!“ Grob stieß sie den Jungen von sich. Das Gesicht des kleinen Menschen verzog sich vor Angst, und er begann zu plärren.

Die Saat der Menschen ist verdorben. Avacyn wusste nicht, woher der Gedanke kam. Er war wie ein Gebet, eine Botschaft, die geradewegs in ihr Bewusstsein gesandt worden war, obwohl sie von keinem Sterblichen stammte. Die Saat der Menschen ist verdorben. Avacyn musterte das Kind aufmerksam, und dort, wo sie eben noch Unschuld gesehen hatte, sah sie nun andere Einzelheiten. Die pockennarbige Haut, die schnodderige Nase, den Schorf und die Kruste, die vom Verfall von Gewebe herrührte. Das verheulte Gesicht mit dem verzweifelten Wunsch nach Bestätigung, nachdem man doch etwas Falsches getan hatte.

Sie blickte zurück zur Mutter, deren Zornesfalten sich bereits wieder glätteten, und die versuchte, ihr weinendes Kind zu beruhigen. Diese Sterblichen bewegen sich von Zorn zu Schuld und wieder zurück – und was haben sie davon? Avacyn blickte zu dem unvermindert weinenden Kind. Wie kurz doch das Leben dieser Sterblichen währt. Heute trug dieses Geschöpf die zarte Gestalt eines Kindes. Morgen schon würde es ein Mann sein – schmutzig, grob und voller Wut und Grausamkeit. Und am Tag darauf würde sein Fleisch bereits von Maden wimmeln. Maden, die sich im Staub wanden ...

Avacyn stolperte ungelenk und mit getrübten Gedanken davon. Sie ließ die beiden Menschen unter sich zurück, als sie sich in die Lüfte erhob und mit einem ungewöhnlichen Mangel an Anmut mal hierhin, mal dorthin schwebte. Sie versuchte, Gebete zu hören, doch jedes Wort wurde von dem Summen übertönt. Angesichts dieses ständigen Lärmens vermochte sie die Gebete nicht mehr zu erhaschen. Stattdessen erklangen immer wieder die gleichen Worte, die wie ein Speer in ihre Gedanken getrieben wurden.

Die Saat der Menschen ist verdorben.

Avacyn floh, auf der Suche nach Schutz vor ihrem eigenen Geist. Sie konnte ihn nirgendwo finden.
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Macher schritt über den abgeschiedenen Hof im inneren Heiligtum der Kirche. Ein beißendes Unbehagen nagte in ihm. Sonst war ihm der Hof ein Ort stiller Einkehr. Ein grüner, schöner Garten, in den er sich vor den Schrecken und dem Leid der Welt zurückziehen konnte, besonders in den kühlen, dunklen Nächten, wenn kein anderer Priester sich hierher verirrte.

Wenn ein Leid jedoch im Inneren der Seele selbst schmerzte, konnte kein Ort ihm Linderung verschaffen.

Macher hielt unter dem silbernen Zeichen Avacyns inne, das auf einer hohen Eisensäule in der Mitte des Hofes angebracht worden war. Unter dem satten, gelbroten Licht des Erntemondes schienen die scharfen Kanten von Avacyns Zeichen sich jeden Augenblick auflösen und auf den moosigen Boden hinabtropfen zu wollen – eine beeindruckende Illusion aus Mondlicht. Machers Gedanken kreisten häufig um das Wesen von Illusionen. Avacyn ist kein Trugbild, oder?

Macher zweifelte natürlich nicht daran, dass es Avacyn tatsächlich gab. Er hatte sie gesehen. Sie und ihre Engel. Es stand außer Frage, dass Avacyn tatsächlich existierte. Doch ist sie es wert, verehrt zu werden? Ist sie unsere Göttin?

Diesen Gedanken konnte er nicht entfliehen.

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Einen Großteil seines Lebens war er ein wahrer Gläubiger gewesen, seit seine Familie ihn noch als Säugling an der Pforte der örtlichen Kirche abgelegt hatte – ein Schicksal, das viele Kinder in diesem Winkel Gavens ereilte. Die Kirche hatte ihn genährt und gekleidet und beschützt und ihn die Gebote Avacyns gelehrt, noch ehe er lesen konnte.

Die Zweifel hatten im letzten Jahr begonnen, als Avacyn auf geheimnisvolle Weise verschwunden war. Es war eine düstere Zeit gewesen, als die Schrecken der Welt auf Gaven eingedrungen waren und es beinahe überrannt hatten. Macher hatte Mikaeus gekannt, den früheren Lunarchen, und jene Nacht, in der er Mikaeus als Zombie gesehen hatte, war die schlimmste seines Lebens gewesen. Doch dann war Avacyn zurückgekehrt, und Gaven war nun so sicher wie eh und je. Sicherer sogar. Warum also erhoben sich nach diesem Triumph solche Zweifel?

Die Gerüchte, wonach Avacyn gefangen genommen und im Höllenkerker eingesperrt worden war – ausgerechnet an jenem Ort, der das Gefängnis so vieler Kreaturen der Finsternis darstellte –, hatten sich wie ein Lauffeuer innerhalb der gesamten Geistlichkeit verbreitet. Die Priester sprachen von Wundern und von Avacyns Macht, die sie aus dem Kerker ausbrechen ließ, um ein neues Zeitalter des Lichts über die Welt zu bringen.

Doch wie konnte man eine Göttin denn überhaupt einsperren?

Unversehens fiel ihm ein Gebet ein und er lächelte reumütig. Avacyn, bitte sei kein Trugbild. Bitte sei echt. Der gelbrote Vollmond leuchtete in der kalten Nachtluft. Avacyns Zeichen war völlig von ihm eingerahmt und schimmerte und tanzte sacht in seinem Licht. Macher verfolgte das Schauspiel wie gelähmt und verlor sich im sanften Schein des Mondes.

Hinter ihm erklang das Geräusch schlagender Flügel.

Macher wirbelte mit offenem Mund herum und sah einen Engel vom Himmel herabsteigen. Stechende weiße Augen, umrahmt von schwarzen glänzenden Schwingen und silberweißem Haar, das im Gelb und Rot des Mondlichts glänzte. Ein langer Speer aus Mondsilber, der weiß mit roten Funken an der Spitze leuchtete, in der Hand. Avacyn. Es war Avacyn selbst, die in den Hof hinabstieg.

Sie landete, legte die Schwingen zusammen und starrte Macher an. Nie zuvor hatte er ihre Augen gesehen. Von elfenbeinernem Weiß waren sie, doch es waren die schwarzen Ränder um die Iris, die seine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Das Schwarz wurde dunkler, um sich auszubreiten wie Seen aus Tinte. Ein wachsendes Chaos, das ...

„Hörst du die Bienen? Hörst du die Rufe?“ Avacyns Worte kamen ihr hastig über die Lippen und brachen den Bann ihrer Augen. Ihr Blick huschte unruhig von einer Seite des Hofes zur anderen.

Macher verstand nicht, wovon sie sprach oder warum sie so verängstigt wirkte. „Avacyn, du bist gekommen! Du bist hier!“, stieß er hervor. Erleichterung übermannte ihn. Er hatte zu Avacyn gebetet, und nun stand sie vor ihm. Er schämte sich seiner Zweifel an der Göttin. Sie ist hier, um mich zurück zum Licht und zur Wahrheit zu führen.

Avacyns Miene veränderte sich. Ihr Blick pendelte nicht länger hin und her, sondern richtete sich stattdessen fest auf Macher. „Du hast gebetet, dass ich kommen würde.“ Ihre Stimme war kalt, brüchig und riss ihn aus seiner Faszination. „Du hast zu mir gebetet. Du hast zu mir gebetet, weil du Zweifel hegtest.“ Nun war da ein Kratzen in ihrer Stimme und ein kurzes Innehalten vor manchen Worten, als würde sie nach etwas horchen – oder auf jemanden. Sie hob den Speer. „Es gibt andere Möglichkeiten, deine Zweifel zu zerstreuen.“ Ihre Lippen verzogen sich zitternd zu einer unbeholfenen Nachahmung eines Lächelns.

Macher zitterte in der Dunkelheit. Er blickte an Avacyn vorbei zum Mond und dessen hellem, gelbrotem Licht und wünschte sich, woanders zu sein.

„Bist du rein?“ Ihre Worte flossen wie Honig.

„Bin ich ... was?“ Macher verstand nicht. Viele Male hatte er sich vorgestellt, wie es wohl wäre, Avacyn zu treffen. Doch niemals war es so gewesen.

„Bist. Du. Rein?“ Jedes Wort war nun so klar und scharf wie eine kristallene Klinge.

„Ja! Ich bin rein!“ Macher war erleichtert. Seine Göttin war zornig auf ihn. Das sollte sie auch sein. Er hatte an ihr gezweifelt. Doch nun waren seine Zweifel verflogen. „Rein in meinem ...“

Ihre Worte übertönten die seinen und ließen ihnen keinen Raum, um gehört zu werden. „Natürlich bist du nicht rein. Wie könntest du auch? Du wurdest geboren.“ Der Zorn in ihrer Stimme, als sie das letzte Wort sprach, war unverkennbar. Sie blickte ihm in die Augen, und erneut sah er die tintige Schwärze aufwallen – eine endlose Schwärze, die ihn zu verschlingen drohte ... Ein Schwindel erfasste ihn. Beinahe wäre er zu Boden gestolpert, und ihre Blicke begegneten einander nicht länger. Die Welt hörte auf zu schwanken. Er richtete sich wieder auf und achtete darauf, sie nicht direkt anzusehen. Göttlichkeit ist nichts, was man anstarren sollte.

„Hast du den Glauben an mich so leichtfertig verloren, Sterblicher?“ Avacyns Lippen verzogen sich auf eine Weise, die bei einem Menschen ein spöttisches Lächeln gewesen wäre.

Macher stotterte, vollkommen unfähig, zusammenhängende Worte zu formen.

Sie schenkte ihm keine Beachtung und fuhr fort. „Die interessantere Frage lautet ...“ Sie hielt inne und blickte zum dunklen Nachthimmel hinauf, als würde der Mond zu ihr sprechen. „Habe ich den Glauben an dich verloren?“ Sie schaute ihm geradewegs in die Augen. Er wollte schreien, doch kein Laut drang ihm aus der Kehle. Ein nasser Strahl floss ihm am Bein herab und bildete eine Pfütze zu seinen Füßen. Schrecken übermannte ihn und er brach auf dem moosigen Boden zusammen, wo er sich mit fest geschlossenen Augen zu einem Ball zusammenrollte.

Selbst durch seine Angst und seine Lider hindurch spürte er ein Leuchten näherkommen. Ein Schauer lief ihm das Rückgrat hinunter, und er schrie. Der Schrei erstarb. Er hörte ein geflüstertes „Bald“, zusammen mit einer federleichten, streichelnden Berührung im Gesicht. Dann erklang das Schlagen von Schwingen und das Leuchten verschwand. Es dauerte lange, bis er die Augen öffnete. Die ganze Nacht lag er zusammengekauert da, eingehüllt in die entsetzliche Gewissheit über das wahre Wesen seiner Göttin.

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Liont erwachte dank einer wunderschönen Wintersonne. Ihr zartes Licht strich ihm übers Gesicht und forderte hartnäckig seine Aufmerksamkeit. Üblicherweise hielten sie die Fensterläden geschlossen, um ein solch frühes Erwachen zu verhindern, doch gestern Abend hatte er das vergessen. Einer der hölzernen Läden hing schief. Darum werde ich mich später kümmern müssen.

Er fragte seine Frau, wie sie letzte Nacht geschlafen hatte, doch sie antwortete ihm nicht. Sie war spät aufgeblieben. Es war ungewöhnlich, dass er sich als Erster erhob. Sonst liebkoste ihn Hilde, bis er wach wurde, oder die plappernden Stimmen der Kinder trieben ihn aus dem Bett und in den jungen Morgen hinein. Er stand auf und schüttelte zerwühlte und zerrissene Laken von sich. Er hatte einen ganzen Tag Arbeit vor sich und wollte dringend damit beginnen.

Sein Geschäft florierte: Nie waren Schmiedearbeiten derart gefragt gewesen. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er am Amboss oder an der Esse, und bald würde er zweifellos einen zweiten Lehrling anstellen müssen. Seit Avacyns Rückkehr im letzten Jahr war die Nachfrage nach neuen Werkzeugen und Pflügen groß. Und seit dem Fluchverstummer konnte Liont diese Nachfrage auch stillen.

Der Fluchverstummer. Alles hatte sich durch ihn verändert. Ein Segen, der durch Avacyns Zauber entstanden war. Manche Werwölfe waren in Wölflinge – Avacyns wölfische Diener – verwandelt worden. Liont hingegen hatte eine vollständige Heilung erfahren, und so sprach er jeden Tag seine Gebete an Avacyn. Er war wieder bei seiner Familie. Wieder daheim. Er konnte in die Stadt gehen und den Menschen in die Augen sehen – ganz ohne Angst. Es war wundervoll, keine Angst mehr zu haben. Nicht länger Grauen und Sorge und eine schwere Last zu verspüren. Und auch kein beständiges, quälendes Rumoren mehr in den Eingeweiden. Er musste nicht mehr zum Mond hinaufstarren und sich fragen, ob die Nacht eine echte und wahre Dunkelheit mit sich bringen würde. All das hatte sich dank Avacyns gütiger Macht in Licht aufgelöst. Er hatte wieder ein Leben. Ein Leben mit seiner Familie.

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Er las seine über den Boden verstreute Kleidung auf und zog sich an. Da muss aber einiges geflickt werden. Ich gebe es Hilde heute Abend. Er ging zu Hilde zurück, um sie zu wecken. Sie war dösig und bewegte sich kaum, und ihre Stimme war schlaftrunken.

„Guten Morgen, Ehegatte.“ Hildes Mund war schmal und klein. Liont hätte ihr gern einen Witz erzählt, um ihr wunderschönes Lächeln zu sehen, doch Hilde hatte morgens nicht den besten Sinn für Humor.

„Ich gehe nach draußen zur Schmiede. Ich muss mit dem Pflug für Nickers anfangen. Die Kinder schlafen noch.“ Hilde antwortete nicht. „Geht es dir gut, Liebes?“ Er sah genauer hin.

Hildes Stimme war noch immer leise und schwach. „Die Blattern blühen draußen."

Liont war froh, dass sie wach war. „Gut, Liebling, gut. Ich bin zur Mittagszeit zurück.“

Ihre Stimme war lauter, kälter. „Liont. Wenn es an der Tür klopft, öffne nicht.“

Liont schauderte es. Wenn es an der Tür klopft ..., doch er schob den Gedanken beiseite. Hilde war bereits wieder eingeschlafen und lag reglos in dem zerwühlten Bett. Sie muss sehr lange aufgeblieben sein.

Er ging zum Bett seiner Kinder und trat dabei auf Splitter aus Holz und Glas, die unter seinen Sohlen knirschten. Hilde wird nicht erfreut sein über diese Unordnung, wenn sie aufwacht. Ich fege das später noch auf .

Als Erstes trat er an die zusammengerollte Gestalt Talias heran. Sie regte sich nicht, und die hellen Augen, in denen sich sonst immer ihre Freude spiegelte, ihn zu sehen, waren geschlossen. Er schüttelte sie sanft, und ihre Augen gingen auf.

„Guten Morgen, Vater.“ Ihre Stimme war teilnahmslos und dumpf. Sie muss so müde sein. Ich werde sie noch schlummern lassen.

„Schlaf weiter, mein Töchterchen.“ Er beugte sich herunter und küsste sie auf die kalte Stirn.

„Vater. Wenn es an der Tür klopft, öffne sie nicht.“ Ihre Stimme wurde kräftiger. Sie klang verängstigt. Als er sich wieder aufrichtete, war sie bereits wieder eingeschlafen.

Liont merkte, dass auch er Angst hatte, aber er verdrängte sie. Es war seltsam, an einem hellen Wintermorgen Angst zu haben, an dem die Sonne so schön kräftig durch die zerbrochenen Fenster und die großen Risse in den Wänden schien. Es ist kalt hier drinnen. Ich werde diese Löcher zunageln müssen.

Er ging leise zur anderen Seite des Bettes, um sich von seinem Sohn zu verabschieden. Kan war ein paar Jahre jünger als Talia und damit im besten Alter, um all die Dinge tun zu wollen, die auch seine Schwester tat, aber so, dass es sie zur Weißglut trieb. An den meisten Tagen rannte er um diese Zeit bereits im Zimmer umher, bis seine Mutter ihm erlaubte, nach draußen zu gehen und im umzäunten Garten zwischen Haus und Schmiede zu spielen. Doch an diesem Morgen lag er nur ruhig und still da.

Als Liont dort stand und seinen schlafenden Sohn betrachtete, flogen die Augen des Jungen auf.

„Guten Morgen, Vater.“ Liont verstand ihn kaum, so schwach war seine Stimme. Liont fragte sich, ob der Junge krank war und ob er einen Heiler brauchte ...

„Vater. Wenn es an der Tür klopft, öffne sie nicht.“ Die Augen des Jungen schlossen sich erneut, und Liont bemerkte, wie still es in diesem Zimmer war – bis auf den schweren Atem eines einzelnen Menschen. Trotz all des Sonnenscheins und des kühlen Winds, der durch die klaffenden Ritzen in den Wänden pfiff, fand Liont es stickig. Da war ein Druck in seinem Kopf, der nicht weichen wollte.

Liont senkte ob des schmerzhaften Dröhnens den Kopf. Der Raum war von einem bitteren, kupfrigen Geruch erfüllt. Er musste raus aus diesem Haus. Drei Stimmen schrien in seinem Kopf auf: „Wenn es an der Tür klopft, öffne nicht.“

Es klopfte an der Tür.

Liont hob den Kopf. Er blickte zur Tür. Nur, dass da keine Tür war. An ihrer Stelle befand sich bloß leere, sonnendurchstrahlte Luft. Wenn es an der Tür klopft, öffne sie nicht. Nicht nur die Tür war verschwunden, auch ihre Angeln waren krumm und verbogen. Ich werde neue Türangeln schmieden müssen. Doch erst muss ich mit Nickers Pflug anfangen, und dann ...

Ein weiteres Klopfen an der Tür. Ein schweres Dröhnen hallte durch den Raum.

Wenn es an der Tür klopft ... Liont blickte erneut zu dem leeren Fleck, wo einst die Tür gewesen war. Irgendetwas stimmte nicht. Warum herrschte solch ein Durcheinander in seinem Haus? Ich habe jetzt keine Zeit, das aufzuräumen. Ich muss zur Schmiede. Es klopfte wieder. Poch. Poch. Poch. Wo kam das nur her? Es gab keine Tür. Schmerz durchzuckte seinen Kopf, so gleißend und grell, dass er ob seiner Heftigkeit zu Boden sank. Als er die Augen fest zusammenpresste, sah er die helle Tür vor seinem inneren Auge. Eine grelle Tür, die rot pulsierte. Er hörte weiteres Klopfen. Ein neuerliches schweres Pochen, und es kam von hinter der roten Tür. Der Tür in seinem Kopf. Er musste sie einfach nur öffnen. Dann würde es aufhören. Alles wäre wieder gut, wenn das Klopfen aufhörte. In seinem Kopf streckte er die Hand aus ... Öffne sie nicht.

Liont griff nach der Türklinke. Sie war aus Metall und klirrend kalt. Er drückte sie herunter, doch sie ließ sich nicht bewegen. Er drückte sie, auch wenn ihm die Hand von der Kälte schmerzte, und er drückte sie erneut mit einem Knurren. Die Klinke bewegte sich.

Liont öffnete die Tür. Die unterdrückte Wirklichkeit brach in sein Sichtfeld ein. Er sah, was hinter der Tür lag.

Nein, nein, nein, nein, nein ... Noch immer auf Knien schwankte er vor und zurück und fasste sich voll Trauer und Zorn mit beiden Händen an den Kopf. Überall war Blut. Auf den Wänden, auf dem Bett, auf dem Fußboden. Seine Hände und sein Körper waren damit bedeckt. Das Blut sickerte durch die zerrissene Kleidung, die er erst vor wenigen Augenblicken angezogen hatte. Er schaute zu Hildes Leichnam, der reglos im Bett lag, und ihrem vor Schreck erstarrten Gesicht.

Wer hatte das getan? Er wusste es. Fieberhafte Bilder stiegen in seinem Bewusstsein auf. Das Knurren, die Schreie, hoch erhobene Klauen im Mondlicht ... Er legte den Kopf in den Nacken und heulte seinen Schmerz der kalten Wintersonne entgegen, jener Sonne, die dem Jagdmond gefolgt war.

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Der Fluchverstummer. Was war mit dem Fluchverstummer geschehen? Das, was er getan hatte, hätte nicht möglich sein dürfen. Er war frei von dem Fluch! Frei! Er knurrte ein Gebet in den Himmel. Avacyn! Warum hast du mich verlassen? Avacyn!

Lange Zeit kniete er schluchzend dort. Er wollte sterben. Er wollte seine Familie zurück. Er wollte das Lachen von Talia und Kan hören. Er wollte hören, wie sie stritten. Er wollte, dass es wieder gestern war. Bitte lass es wieder gestern sein. Lass mich einschlafen und gestern aufwachen. Ich werde aufwachen und ich werde fortgehen. Fortgehen und nie mehr zurückkehren. Lass es nur wieder gestern sein. Lass es ... ... Das Dach seines Hauses zerbarst über ihm.

Liont blickte auf und starrte die Gestalt an, die über ihm schwebte, eine Gestalt mit Flügeln und silbernem Haar und einem großen, leuchtenden Speer. Ist das am Ende ... ? Kann sie womöglich gar ... ?

Seine Stimme krächzte vor Schmerz und konnte kaum die Worte formen: „Bitte ... bitte ...“ Der Engel – vielleicht war es Avacyn selbst – antwortete nicht und schien ihn nicht einmal zu hören. Er richtete den Speer auf ihn. Die Spitze begann zu leuchten. Heller, immer heller. Heller als die Sonne über ihm, und eine schneidende Energie traf ihn an der Brust und brannte Kleidung und Haut fort.

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Er schrie vor Qual und hieß den Schmerz gleichzeitig willkommen. Das ist es, was ich verdiene. Doch vielleicht konnte der Engel seine Familie retten? Seine Sicht verschwamm. Er musste ...

„Gnade, bitte. Gnade für ...“ Sein Mund versagte ihm den Dienst, seine Lippen bewegten sich nicht mehr und sein Flehen versank in der anschwellenden Dunkelheit in seinem Geist. ... für meine Familie. Für meine wunderbare Familie. Bitte. Sie verdient ...

Erneut richtete der Engel den Speer auf ihn. Die Lippen des göttlichen Wesens krümmten sich nach oben, als es die letzten Worte sprach, die Liont jemals hören sollte.

„Gerechtigkeit! Es gibt keine Gnade.“ Der Speer blitzte auf.

Gnade, dachte Liont. Und dann starb er.
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Ein Sturm zieht auf, dachte Sigarda. Blitze zuckten am dunklen Nachthimmel, doch kein Donner war zu hören. Es war ungewöhnlich, einen Sturm mitten im kalten Winter zu erleben, jener Jahreszeit, die vom Jagdmond beherrscht wurde. Die Luft war seit Tagen schwer gewesen und die dunklen Wolken nicht vorübergezogen, und nun waren da Blitze ohne Donner und ein Sturm ohne Regen. Sigarda, die weite Teile des Forsts überblickte, verspürte ein gewisses Unbehagen.

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Sie schwebte in ihrem persönlichen Gemach, wo die kahlen Wände und die vier dicken Pfeiler so gar nicht zu dem berauschenden Ausblick auf das grüne Blätterdach des Forsts passen wollten, das da und dort vom Schnee weiß gesprenkelt war. Sigarda konnte meilenweit in jede Richtung sehen und verbrachte hier oft viele Stunden auf der Suche nach stiller Versenkung. Das Gemach befand sich auf der Spitze eines verlassenen Turms in einem Wald in Kessig, ein Turm, den man vor Jahrhunderten erbaut hatte, als die Menschen noch ehrgeiziger gewesen waren.

Nun hatten sie ihren Ehrgeiz wiedergefunden. Avacyns Rückkehr im letzten Jahr hatte ein neues Zeitalter des Friedens und der Ruhe eingeläutet. Die Menschen hatten sich wieder über das Land ausgebreitet und bauten neue Häuser und Höfe und Städte. Doch in den letzten Wochen wusste man überall im Land von Besorgniserregendem zu berichten. Von Aufständen und Vermissten und Gemetzeln. Ein Schatten hatte sich über die Welt gelegt, und Sigarda wollte den Grund dafür erfahren.

Ein Blitz erhellte den dunklen Himmel, und dann noch einer. Zwischen den Blitzen spürte sie, wie ihre Schwestern sich näherten und nur Augenblicke später in ihrem Heiligtum landeten.

Die grazile Bruna, gewandet in eine leichte Rüstung in Blau und Weiß und einen fließenden Seidenumhang mit einem Saum aus roter Spitze. Sie schwang ihren Stab, dessen Spitze bereits vor Macht leuchtete, als wollte sie einen Feind niederstrecken. Die große Sela, gekleidet in das Rot und Weiß ihres Goldnachtsflugs und die Zwillingsklingen bereits gezogen. Sie sind bereit für den Kampf, dachte Sigarda. Dann dachte sie an ihre andere Schwester – jene, die vor tausend Jahren gestorben war – und erschauderte.

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„Sei gegrüßt, meine Schwester“, sagte Bruna mit einem ungewöhnlich singenden Unterton.

„Du hast nicht auf unsere Rufe geantwortet“, sagte Sela.

Sigarda hatte es nicht als Herbeirufung verstanden. Ein Engel der Goldnacht hatte vor ein paar Wochen verlangt, dass sie Sela besuchen sollte, doch Sigarda war damit beschäftigt gewesen, den Gemeinden Kessigs beim Wiederaufbau zu helfen.

„Ich war mit der Erfüllung anderer Pflichten befasst, Schwester. Mir war nicht bewusst, dass es sich um eine dringliche Angelegenheit handelt. Wie kann ich euch helfen?“ Sigarda fragte sich, ob ein Angriff auf die Engel stattgefunden hatte. Das hätte erklärt, warum Bruna und Sela derart angespannt wirkten.

„Das ist jetzt nicht mehr wichtig“, sagte Sela.

„Jetzt sind wir hier“, sagte Bruna.

Als die beiden Engel in Sigardas Gemach landeten, hatten sie dicht beieinandergestanden, beinahe Schulter an Schulter. Doch nun verteilten sie sich im Raum, eine zu jeder Seite hin. Und die Art und Weise, wie Bruna ihren Stab und Sela ihre beiden Schwerter hielt, rief Sigarda schmerzlich das Fehlen ihrer Sense ins Gedächtnis, die in einem Zimmer gerade einmal ein Stockwerk tiefer lag. Was geht hier vor?

„Wir sind gekommen, um ...“, hob Bruna an.

„Zu reden. Wir haben dich seit langer Zeit nicht gesehen. Schwester“, brachte Sela die Erklärung zu Ende.

Die beiden Engel kamen von der Seite her weiter auf sie zu, ganz am Rand ihres Sichtfelds. Sigarda konnte nicht glauben, dass ihre Schwestern sie angreifen würden, doch die einzig vernünftige Erklärung für ihr Verhalten war, dass sie sich genau darauf vorbereiteten. Sigarda hatte nie gegen eine ihrer Schwestern gekämpft, doch sie war sich sicher, mit Bruna fertigwerden zu können, solange sie nur an ihre Sense gelangte. Bruna war nicht besonders geschickt im Kampf. Ihre Stärken lagen in anderen Bereichen. Sela andererseits ... Sela würde ein Problem sein.

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Weitere Blitze zuckten und ein lautes Donnergrollen ertönte. Als der Donner verklungen war, landete Avacyn in dem Gemach.

Sigarda hatte Avacyn nicht gespürt. Nicht so wie die Ankunft ihrer Schwestern. Sie war nie in der Lage gewesen, Avacyn zu spüren. Avacyn führte sie an, doch sie war keine von ihnen. Das hatte sie vor langer Zeit unter Beweis gestellt. Sigarda konnte Avacyns Macht nicht leugnen oder ihre Fähigkeit, sowohl den Schrecken Innistrads entgegenzutreten als auch die Menschen dazu zu beflügeln, die Schlacht fortzuführen. Aber dennoch vermisste sie ihre Schwester.

Nun befanden sich Bruna und Sela hinter ihr und Avacyn schwebte vor ihr. Groß, größer noch als Sela, mit makelloser Haut wie von Alabaster und atemberaubendem, silberweißem Haar. Ihr Speer aus Mondsilber leuchtete, obgleich Avacyn keine Waffe brauchte, um im Kampf zu bestehen. Würde es zum Kampf kommen, würde Sigarda nicht einfach so klein beigeben, selbst dann nicht, wenn sie gegen Bruna und Sela gleichzeitig anzutreten hatte. Falls Avacyn jedoch gekommen war, um zu kämpfen ...

Falls Avacyn gekommen war, um zu kämpfen, dann war Sigarda tot.

„Sigarda. Das große Werk wird bald verrichtet werden.“ Ein seltsames Surren schwang in Avacyns Stimme mit, beinahe wie ein leises Fauchen oder Summen. Anfangs war ihr Avacyn wie immer vorgekommen, doch nun bemerkte Sigarda einige Auffälligkeiten. Die metallenen Spitzen ihres Speers waren verdreht. Selbst jetzt schien das Metall unter Sigardas Blick zu fließen. Sie fragte sich, welche Art von Macht Avacyn durch ihren Speer lenkte. Noch beunruhigender jedoch waren Avacyns Augen. Sonst waren sie von einem reinen Weiß, doch nun trieben sonderbare schwarze Flecken in ihnen, die undurchdringlich immer wieder das Licht verschlangen.

Die drei Engel hatten ein langes und schwieriges Verhältnis zu Avacyn. Sela, Bruna und Sigarda waren nicht wirklich Schwestern. Nicht so, wie das Wort die Beziehung mancher Menschen zueinander beschrieb. Doch sie stammten aus derselben Essenz und aus derselben Zeit der ersten Dämmerung, und sie kämpften schon seit Langem gemeinsam gegen die Schrecken der Welt. Vor Avacyns Erscheinen – damals vor tausend Jahren – hatte es vier Schwestern gegeben. Eine war der älteste und mächtigste aller Engel gewesen. Bruna. Sela. Sigarda. Und die, deren Namen sie nicht länger aussprachen.

Zunächst hatten sie nicht gewusst, was sie von Avacyn halten sollten. Sie war ein Engel. Einer von ihnen. Und doch wieder nicht. Sie konnten sie nicht spüren, wie sie andere Engel spürten. Sie war kühl, undurchsichtig und zurückhaltend. Sigarda wusste, dass viele Menschen dasselbe von ihr und ihresgleichen dachten: Es gab viele Gründe, weshalb es für Engel schwierig war, enge Bindungen mit Sterblichen einzugehen. Doch untereinander verband sie für gewöhnlich die Freude an einem gemeinsamen Ziel und an jener besonderen Art von Beziehung, die ein Engel nur mit seinesgleichen einzugehen vermochte.

Avacyn hatte keine Verbindung mit den anderen Engeln.

Ihre Macht jedoch war unbestreitbar. Unaufhaltsam, um genau zu sein. Die Schwestern hatten noch nie zuvor einen Engel mit der Macht und dem Selbstvertrauen Avacyns gesehen. Und bei jedem ihrer früheren Zusammentreffen war Avacyns Selbstvertrauen regelrecht betörend gewesen. Stets schien sie sich jeder ihrer Handlungen und jedes ihrer gefassten Pläne voll und ganz sicher zu sein.

Menschen waren nicht die einzigen Geschöpfe, die einen Gott brauchten, an den sie glauben konnten.

Und dann hatte sich Avacyn gegen ihre Schwester gewandt. Es stimmte, dass ihre eigensinnige Schwester ungewöhnliche Handlungen vollzogen und unwillkommene Verbündete gefunden hatte. Manchmal war sie mit Vampiren und Hexen, ja sogar Dämonen und Teufeln gesehen worden. Wir müssen unsere Feinde kennen, wenn wir sie besiegen wollen, pflegte sie zu sagen. Oft misstrauten und verachteten die anderen Engel sie, bisweilen sogar ihre drei Schwestern. Doch das Band zwischen den vieren war eng geknüpft, und obwohl ihre Schwester einen anderen Pfad eingeschlagen hatte, war sie dennoch ihre Schwester gewesen.

Bis ihre Schwester einen Pakt mit einem Dämonenfürsten eingegangen war – eine Tat, die sie alle verdammt hatten. Avacyn hatte sie zur Ketzerin erklärt und damit zur Komplizin ebenjener Ungeheuer, die sie und die anderen Engel geschworen hatten zu besiegen. Die drei Schwestern hatten Avacyn zugestimmt, sich ihr jedoch nicht auf ihrem Kreuzzug gegen ihre dunkle Schwester angeschlossen. Avacyn hatte ihrer Hilfe auch gar nicht bedurft. Vor tausend Jahren hatte Avacyn im Alleingang ihre Schwester und ihre gesamte kleine Schar vernichtet und auch schon die bloße Erwähnung ihres Namens verboten.

Und nun war Avacyn womöglich hier, um Sigarda selbst ein Ende zu bereiten.

„Das große Werk? Damit bin ich nicht vertraut. Erleuchte mich.“ Sigarda verlangsamte ihre Worte und ihren Atem. Sie kämpfte am besten, wenn sie ruhig dabei blieb. Sie konnte Sela und Bruna nicht mehr sehen, doch sie spürte sie hinter sich. Die Luft war schal und schwer, und von irgendwoher drang ein fauliger Geruch zu ihr, den auch der scharfe, frische Duft des dräuenden Sturms nicht zu überdecken vermochte.

„Lange Zeit befand sich die Wahrheit unmittelbar vor uns, aber wir waren blind für sie, Sigarda“, sagte Avacyn. Ob dieses sonderbaren Säuselns schienen sich ihre Worte fast wie eine Schlange zu winden. „Wir kämpfen gegen Ungeheuer. Die Vampire, die Werwölfe, die Zombies und Hexen und Nekromagier und Teufel. Und warum? Weil sie zerstören. Sie plündern und verschlingen. Sie tun dem Land Gewalt an – nur um Chaos zu stiften.“ Avacyn hielt inne und starrte Sigarda an, während ihre Augen ein weiteres Mal schwarz wurden. Sigarda spürte das Zimmer um sich herum schrumpfen, als die Wände näher auf sie zuzurücken schienen.

„Wir bestrafen und töten sie wegen ihrer Untaten. Doch die Untaten der Menschen sind die gleichen.“ Avacyn lächelte, und Sigarda erkannte, dass sie sie in den tausend Jahren, die sie sie kannte, noch niemals zuvor hatte lächeln sehen. Es war kein angenehmes Lächeln. Es war völlig vom Rest ihres Gesichts und ihren Augen losgelöst. Es war, als würde irgendeine unsichtbare Kraft ihre Mundwinkel nach oben ziehen, ohne dass sie selbst Freude oder Glück empfand.

Avacyns Stimme wurde lauter, als sie fortfuhr, und ihre Worte wurden eindringlicher und klarer. Das Säuseln ließ nach. „Sie vermehren sich in ihrem Schmutz, erschaffen neue Diener, um Wälder zu zerstören, verschmutzen das Wasser, lügen und betrügen und morden einander. Was haben sie je Nobles getan? Was haben sie jemals wahrlich Großes erreicht? Wir könnten jedes einzelne sogenannte ‚Ungeheuer‘ auf dieser Welt töten, jeden Vampir, jeden Werwolf, und was würde dann geschehen? Würde dann Frieden herrschen? Würde das Licht dann andauern?“

Avacyn las die Verwirrung und den Abscheu aus Sigardas Miene. Sie lachte. Ein raues Lachen, beinahe keckernd. „Du kennst die Antwort, Sigarda. Du kennst die Wahrheit.“

Und Sigarda kannte die Wahrheit sehr wohl. Die Menschen neigten zu entsetzlichen Taten. Taten voller Bosheit und Nachlässigkeit. Und beides war niederschmetternd. Sie logen und betrogen und mordeten. Doch sie vollbrachten auch Wundervolles. Sie liebten und sie erbauten Dinge. Sie opferten und sie dienten. Es stand ihnen frei, Gutes oder Böses zu tun und Ordnung oder Chaos zu erschaffen, und diese Freiheit machte jede gute Tat so kostbar wie einen schimmernden Diamanten, der in dunkelster Nacht funkelte.

Und außerdem spielte nichts davon eine Rolle. Welche überzeugenden oder spannenden Gründe Avacyn auch immer anführen mochte: Engel verrieten keine Menschen. Es war, als würde Avacyn fordern, dass die Sonne im Westen aufging oder dass die Flut nicht länger steigen oder sinken sollte.

Sigarda antwortete nicht. Sie sah keinen Sinn in einer Antwort. Avacyn war nicht an einer Unterhaltung gelegen. In das Schweigen hinein fuhr Avacyn fort. „Ich verstehe, Sigarda. Es sind grausame Wahrheiten und sehr schwierige. Auch Bruna und Sela haben eine Weile gebraucht, um sie zu begreifen. Doch am Ende sahen sie das Licht.“

Bei der Erwähnung ihrer Namen sprachen die beiden Schwestern.

„Nun glauben wir ...“, sagte die eine.

„Schwester. Das große Werk soll beginnen“, sagte die andere. Sigarda wurde etwas bewusst: Wenn sie ihre Gesichter nicht mehr sehen konnte, vermochte sie nicht zu sagen, welche Stimme zu wem gehörte.

„Wir werden zurückkehren. Bald“, sagte Avacyn. „Wir werden deine Hilfe brauchen. Die Unreinen müssen beseitigt und bestraft werden. Wir werden dem wahren Licht den Weg bereiten. Für uns und andere wie uns, die Frieden schaffen und ihn erhalten können. Stell dir nur vor, Sigarda. Keine Gewalt mehr, kein Krieg, keine Dunkelheit.“

„Ewiges Licht“, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie konnte noch immer nicht sagen, wem sie gehörte. Vielleicht hatten auch beide gleichzeitig gesprochen.

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Avacyn nahm den Speer hoch und richtete ihn auf das steinerne Dach. Ein Strahl entsprang seiner Spitze und das Dach ... verschwand. Vernichtet durch Avacyns Macht. Nur feiner Staub rieselte zu Boden und bedeckte die Engel mit rußiger Asche.

„Bald“, sagte Avacyn und schwang sich zum dunklen, grauen Himmel auf. „Bald“, sagten Sela und Bruna hinter ihr und taten es ihr gleich.

Sigarda stand in ihrem verwüsteten Gemach und sah zu, wie die Blitze über den dunklen Himmel zuckten. Noch immer fiel kein Regen. Tränen strömten ihr aus den Augen und tropften auf den staubigen Steinboden. Sie dachte an ihre dunkle Schwester, die seit tausend Jahren tot war, und fragte sich, warum sie nicht für sie gekämpft hatte. Sie hatte es nicht einmal versucht.

Der Sturm zieht auf. Sigarda dachte an die Engel in ihrer Schar und fragte sich, wer von ihnen womöglich bereits auf Avacyns Seite stand. Sie dachte über Menschen nach, die sich Avacyn entgegenzustellen vermochten. Von ihnen gab es nur wenige. Sehr wenige. Doch Sigarda wusste, dass es keine Rolle spielte, auch falls kein Einziger sich ihrer Sache anschließen sollte. Der Sturm ist hier. Und dieses Mal werde ich kämpfen.
__________

Maeli! Maeli!“ Kelses Stimme hallte durch die immer rascher einsetzende Dämmerung. Wo ist dieses Kind? Kelse spähte in Vorgärten und Büsche. Die meisten anderen Dorfbewohner beachteten sie nicht. Er ist doch nicht schon wieder davongelaufen, sagte sie sich und hoffte, dass es zuversichtlich genug klang, um wahr zu sein. Kelse versuchte, nicht an die Zeit vor ein paar Monden zu denken, als er davongelaufen war. Als Avacyn erschienen war, um ihr Kind zu retten.

Die meisten im Dorf glaubten ihr nicht. Sie und Maeli waren im Dorf nie wirklich geachtet gewesen, besonders nicht, nachdem Hanse gestorben war. Nach seinem Tod war sie nur noch die verschrobene Außenseiterin mit einem Wildfang von Kind, das allzu sehr nach seiner Mutter geraten war. Und als sie in jener Nacht ins Dorf zurückgekehrt war, ihren Kleinen fest an sich gedrückt und von einer Begegnung mit Avacyn stammelnd ... Nun, sie selbst hätte es wahrscheinlich ebenso wenig geglaubt.

Doch Avacyn war gekommen und hatte ihr Kind – ihr einziges Kind – gerettet. Maeli war bei Neumond geboren worden und schon immer besonders gewesen – voller Tatendrang und frei. Die Dörfler hatten recht damit, dass Maeli nach ihr kam. Er sah seinem Vater ähnlich, so sehr sogar, dass es Kelse oft Schmerz und Freude zugleich bereitete, doch sein Wesen war das seiner Mutter: rastlos und begierig auf Abenteuer.

Was sie den Dorfbewohnern in jener Nacht nicht erzählt hatte, war, wie wütend sie auf Maeli gewesen war. Natürlich hatte sie sich Sorgen um ihn gemacht. Große Sorgen. Die Angst, ihn zu verlieren, hatte ihrem Gebet zu Avacyn Kraft verliehen. Einem Gebet, das so mächtig gewesen war, dass Avacyn darauf geantwortet hatte. Als Avacyn ihn zurück in ihre Arme gelegt hatte, war nichts als Erleichterung in ihr gewesen, eine alles überwältigende Freude, die sie in Tränen hatte ausbrechen lassen.

Bis die Veränderung über sie gekommen war.

Sie konnte sie weder beschreiben noch erklären. Binnen eines einzigen Augenblicks hatten all ihre Liebe und all ihre Fürsorge sie verlassen, um in einer wachsenden Dunkelheit zu verschwinden, und sie war ganz von Zorn erfüllt gewesen. Wie von einem Blitz, der in ihr Herz eingeschlagen hatte. Und nicht nur Zorn, sondern eine brodelnde Abneigung und Verachtung. Gefühle, die sie Maeli nie zuvor entgegengebracht hatte. Und viel schlimmer noch: Sie hatte diese Gefühle vor Avacyn zur Schau gestellt. Avacyn, die Maeli gerettet hatte. Die sie gerettet hatte.

Doch genau so, wie Avacyn sie auf dieser dunklen Lichtung einfach zurückgelassen hatte, war auch ihr Ärger verraucht. Er war nie wiedergekehrt, und letzten Endes zählte für Kelse nur, dass sie ihr Kind – ihr großes Glück – zurückbekommen hatte. Jetzt muss ich ihn nur wiederfinden.

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Auf Pfählen am Rand des Dorfes flackerten Fackeln im kalten Winterwind. Die Schatten wurden länger, als die Dämmerung herabsank. Sie biss sich auf die Lippen und fragte sich, wo sie als Nächstes suchen sollte, als sie ein lautes Rufen hinter sich hörte. Erschrocken drehte sie sich um, doch es war nur Maeli, der mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf sie zurannte und glücklich „Mami, Mami!“ quietschte.

Er rannte in ihre Arme und umklammerte sie stürmisch, ebenso wie sie ihn. Du bist alles, was ich auf dieser Welt brauche. Lass die Einheimischen mir misstrauen und mich verachten. Es ist mir gleich. Ich habe dich.

„Wo warst du?“ Sie mühte sich, ihren Ärger darüber, dass sie ihn hatte suchen müssen, nicht zu zeigen. Er erkundete gern die Gegend, und sie wollte auch, dass er das tat. Sie wollte, dass er auf ewig ...

Urplötzlich verloschen die Fackeln. Es lag nicht am Wind. Die kalte Luft war vollkommen ruhig. Maeli umklammerte Kelse, und Kelse legte die Arme um ihren Sohn. Aus dem Dorf ertönte ein Schrei. Dann erhaschte Kelse ein Flackern von oben und sie richtete den Blick zum Himmel.

Über ihnen flogen Engel.

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Vor dem Gelbrot und Purpur des sich verdunkelnden Himmels schwebten die Engel hoch über dem Dorf. Alle von ihnen trugen Waffen – Schwerter und Speere und Stäbe –, und viele dieser Waffen erstrahlten in goldenem oder silbernem Licht. Die Sterne steigen vom Himmel herab, dachte Kelse. Sie schaute zu Maeli herunter, der verzückt und mit offenem Mund nach oben starrte.

Dann richtete einer der Engel seinen leuchtenden Speer auf das Dorf. Ein Lichtstrahl löste sich aus der Spitze und traf eines der Häuser. Das Haus war einige Wimpernschläge in helles Licht getaucht, ehe das strohgedeckte Dach in Flammen aufging. Der Engel richtete den Speer auf ein weiteres Haus. Es gab einen weiteren Lichtblitz und ein weiteres Hochschlagen von Flammen. Andere Engel stießen tief hinab und schwangen ihre brennenden Schwerter. Schreie und Rufe hallten durch die Nacht. Maeli schrie in ihren Armen auf, als aus seiner Verzückung Entsetzen wurde.

Kelse vermochte sich nicht zu rühren. Ihr ganzer Körper war wie erstarrt, ihre Beine am Boden festgewachsen. Einen Augenblick lang dachte sie, dass die Engel hier wären, um Vampire oder Werwölfe oder irgendein anderes Übel auszumerzen. Doch dann sah sie vom Rand des Dorfs aus, wie ihre Nachbarn starben, entweder von Schwertern niedergestreckt oder von dem goldenen Licht und den Flammen verschlungen. Sie töten uns. Maeli schrie auf und durchbrach ihre Lähmung.

„Maeli, mein Lieber, hör mir zu. Du musst wegrennen. Schnell und weit weg, tief in den Wald. Komm nicht zurück. Ganz gleich, was auch geschieht: Schaue nicht zurück. Kehre nicht zurück.“ Kelse hörte ihre eigenen Worte, als würde jemand anderes sie sprechen, und sie war erstaunt, wie ruhig sie klang. Weitere Schreie und der Lärm berstender Dächer erklangen aus dem Dorf.

Maeli schluchzte. „Mama! Ich kann nicht ...“

„Maeli!“ Kelses Stimme war scharf und donnernd. „Du wirst mir gehorchen! Lauf! Lauf los! So schnell, wie du noch nie gelaufen bist! In den Wald!“ Sie löste sich aus Maelis Umarmung und stieß ihn von sich. Der Junge sah sie einen Wimpernschlag lang mit Tränen in den Augen an, ehe er sich umdrehte und durch die Dornen und die Hecken davoneilte, die den Rand des Dorfs säumten. Kelse spürte einen scharfen Schmerz in ihrem Herzen. Lauf, mein Kind!

Kelse blickte auf und bemerkte, dass der Engel, der die Zerstörung begonnen hatte, vom Himmel auf sie heruntersah. Auf sie und an ihr vorbei in den Wald. Nein, du wirst ihn nicht bekommen! Sie begann, den Engel anzuschreien und in die Richtung zu rennen, in der er schwebte.

Avacyn, dachte Kelse. Vielleicht waren die Engel von bösen Geistern besessen oder eine bösartige Macht hatte sich als sie verkleidet. Doch was auch immer geschah, Avacyn würde sie retten. Als sie geradewegs unter dem Engel stand, senkte Kelse den Kopf. Avacyn, höre mein Gebet. Hilf mir. Hilf uns jetzt. Bitte, Avacyn. Du hast mein Kind schon einmal gerettet. Bitte rette es erneut. Rette uns alle.

„Du musst deine Lügen nicht in ein Gebet betten, Kreatur. Ich bin doch hier.“ Kelse hörte die Stimme unmittelbar über sich. Sie blickte auf und sah einen ganz in Schwarz gekleideten Engel, dessen Schwingen in tiefes Rot getaucht waren, die Augen dunkel und mitleidlos – nicht wie der liebevolle Blick, den sie vor ein paar Monden erst darin gesehen hatte. Die Stimme war gleichermaßen vertraut und fremd. Irgendein ungewöhnlicher Zungenschlag verunstaltete die Worte.

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Es war Avacyn. Avacyn war hier. Avacyn zerstörte ihr Dorf.

Nichts hiervon ergibt irgendeinen Sinn. Einen Augenblick lang glaubte Kelse, dass sie womöglich träumte. Sie bemerkte Avacyns Speer und die langen, krummen Klingen, die an einem Zeichen Avacyns angebracht waren, welches hell und wunderschön erstrahlte. Doch das Zeichen war falsch, verzerrt und verdreht, als wäre das Metall irgendwie verdorben. Das ist nicht möglich. Metall lässt sich nicht auf diese Weise verbiegen. All das ist nur ein schlimmer Traum.

Doch sie wusste, dass dem nicht so war. Die Engel hatten sich gegen sie gewandt. Die Engel töteten sie.

„Warum habt ihr uns verlassen?“, schrie Kelse auf. Sie wusste nicht, ob sie zu Avacyn oder dem teilnahmslosen Nachthimmel sprach, doch keiner von beiden antwortete ihr.

Überall im Dorf erklangen Schreie, um dann plötzlich abzureißen, als die Engel ihren Angriff mit Schwert und Feuer fortsetzten. Die Flammen hinter Kelse stiegen höher. Sie verzehrten ihr Dorf, verzehrten all die Orte ihres Lebens. Avacyn schwebte sanft herab. Ihre blutroten Schwingen bewegten sich nicht, ihre Augen waren schwarz hinter schweren Lidern. „Das große Werk beginnt! Wie passend, dass du hier bist, um Zeugin seiner Pracht zu werden.“ Avacyn stockte und blickte an Kelse vorbei. „Wo ist die kleine Kreatur? Sie sollte doch auch hier irgendwo sein.“

„Er ist fort! Außerhalb deiner Reichweite, du verderbte Kreatur.“ Kelse schluchzte und rang mit dem Rauch und ihrer Trauer um Atem. Lauf, Maeli, lauf. Irgendwo muss es einen sicheren Ort geben. Finde ihn, mein Kind, finde diesen Ort!

„Außerhalb meiner Reichweite?“ Avacyn landete kaum einen Schritt vor Kelse. Kelse hörte von irgendwoher ein lautes Summen und hielt sich schmerzerfüllt die Ohren zu. Avacyn streckte eine Hand aus, berührte Kelses Wange, streichelte ihr das bebende Fleisch. „Alles liegt innerhalb meiner Reichweite. Mein Reich kennt keine Grenzen. Und mein Reich ist verdorben. Verfault. Alles muss geläutert werden. Alles muss rein sein.“

Avacyn hielt inne und zog die Hand zurück. „Es spielt keine Rolle. Ich werde die kleine Kreatur schon finden. Ich werde euch alle finden.“ Sie trat einen Schritt zurück und richtete den Speer auf Kelse. „Alles wird brennen. Alles wird bluten.“ Die Spitze des Speers funkelte in rotem und goldenem Licht.

Kelse schloss die Augen. Mein wunderschönes Kind. Das Licht war hell, so hell ...Mein wunderschönes, wunderschönes ......
__________

Avacyn sah zu, wie die Überreste der Sterblichen verweht wurden und die Asche für einen Augenblick umherwirbelte und in der Luft tanzte, ehe sie zu Boden sank. Chaos zu Ordnung. Verderbnis zu Reinheit. So ist mehr Frieden geschaffen, flüsterte der Himmel ihr zu. Die Flüsse, die Bäume, das Gras, der Mond. Alles flüsterte die herrliche Wahrheit.

So lange habe ich dem Flüstern der Lügner gelauscht,, und die Welt hat darunter gelitten. Nun lauschte sie nur noch der Wahrheit. Sie wusste, dass es die Wahrheit war, denn jedes Flüstern sprach von der gleichen Sache, ganz anders als die chaotischen, widerstreitenden Gebete, die sie über Jahrhunderte hinweg gehört hatte. Wie konnte ich nicht erkennen, wie wankelmütig diese sterblichen Kreaturen sind? Ständig ändern sich ihre Worte. Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Nun verstand sie.

Sie blickte zum Mond, und der Mond flüsterte so schöne Worte. Alles wird brennen. Alles wird bluten. Avacyn wiederholte die Worte wie eine besänftigende Melodie, die ihre Gedanken mit Freude erfüllte. Alles wird brennen. Alles wird bluten. Sie lachte und lächelte, als ihre Engel das große Werk fortsetzten und das Dorf in Schutt und Asche legten.

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Veröffentlicht in Magic Story on 9. März 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mo 21. Mär 2016, 20:26

Unerwünscht


Jace Beleren ist auf der Suche nach dem Vampirfürsten Sorin Markov nach Innistrad gekommen, von dem er sich Hilfe bei der Lösung eines Rätsels erhofft. Innistrad ist für ihn jedoch unbekanntes Terrain, und die einzige Person, die er kennt und die ihm womöglich den Weg hindurch weisen könnte, wird sich wahrscheinlich kaum als hilfreich erweisen – insbesondere wenn man berücksichtigt, wie ihre letzte Begegnung ausging

Hufschlag gab einen gemächlichen Takt vor. Die schroffen Berge der Provinz namens Stenzen ragten drohend vor ihnen auf, doch Jaces Ziel lag nicht weit jenseits der Grenze und er hatte genug von den Gedanken seines Fremdenführers gelesen, um zu wissen, dass sie es fast schon erreicht hatten.

„Ich habe keine Ahnung, warum ich mir überhaupt die Mühe mit ihr mache“, sagte Jace. „Ich sollte es besser wissen.“

„Mm“, gab der Fremdenführer zurück. Es handelte sich um einen wettergegerbten, bärtigen Mann, der nicht viele Worte verlor. Jace hatte aus Langeweile damit begonnen, die Stille zu füllen, und war schließlich auf den Grund seines Besuchs zu sprechen gekommen.

„Ich meine, ich habe in meinem Leben viele schlechte Entscheidungen getroffen, und zwar selbst dann, wenn ich nur die zähle, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind. In schrecklich vielen davon taucht sie auf.“

„Hm“, gab der Mann zurück.

Kühler Regen fiel aus zerfaserten Wolkenbändern, und etwas heulte in der Nacht. Jace war erst seit zwei Tagen auf Innistrad, und er hatte es bereits hassen gelernt. Das Einzige, was ihn bislang ein wenig versöhnlich stimmte, war ein neuer Ledermantel, den er sich gekauft hatte, um vor dem Regen und der schlimmsten Kälte geschützt zu sein.

„Verflucht! Ein Teil von mir hofft sogar, dass sie mich hochkant rauswirft und ich sie danach nie mehr wiedersehen muss.“

„Ah“, gab der Mann zurück.

Der Vollmond lugte hinter den Wolken hervor. Sein gewaltiges, silbernes Antlitz trug ein Mal, in dem die Einheimischen einen Reiher sahen. Jace konnte die Ähnlichkeit erkennen.

„Es ist nur so, dass ich diesmal tatsächlich ihre Hilfe brauche“, sagte er.

„Ahhhhh“, gab der Fremdenführer zurück, ein erstickter Laut, den Jace als Anzeichen von Langeweile deutete.

„Tut mir leid“, sagte Jace. „Ich sollte dich nicht mit meinen Schwierigkeiten behelligen.“

Er bereitete einen Zauber vor, um die letzten Augenblicke der Unterhaltung vollständig und sauber aus dem Geist des Mannes auszulöschen.

„Ahhhhhrrrrrrrrrgggggghhhhh“, gab der Fremdenführer zurück. Das war keine Langeweile. Vielleicht Verärgerung?

Jace griff in den Geist des Mannes hinein – und traf auf eine Wand aus schierem, allumfassendem Zorn und das wilde Halbdenken eines Raubtiers.

Er drehte sich zu ihm um, begleitet von Geräuschen, bei denen sich ihm der Magen umzudrehen drohte: das Knacken von Knochen und das Reißen von Stoff. Das Gesicht des Mannes wirkte grauenhaft ausgebeult, ein Auge war übergroß angewachsen und hatte eine gelbe Farbe angenommen, sein Kinn sprang weit nach vorn. Beide Pferde trippelten ängstlich.

„Oh“, machte Jace.

Die Verwandlung war binnen weniger Wimpernschläge vollzogen. Fell spross überall auf dem Leib des Mannes, Klauen brachen ihm aus den Fingern hervor, seine Zähne wurden lang und scharf, und sein Gesicht verlängerte sich zu einer Schnauze. Das Pferd des Führers geriet in Angst, und der Mann – der Wolfsmensch – grub ihm die Zähne in den Hals.

Es war Zeit zu verschwinden.

Jace spornte sein Pferd zu einem Galopp an, vorbei an diesem Ding, das einmal sein Führer gewesen war, und dessen panischem und nun regelrecht schreiendem Reittier. Es war nicht mehr weit. Er konnte es auf eigene Faust dorthin schaffen.

Hinter ihm wurde der Schrei des Pferds von einem feuchten Knirschen abgeschnitten. Der Werwolf heulte aus voller Kehle und erhielt Antwort aus dem Wald um sie herum: Erst ein Heulen, dann zwei und danach noch mehr überlagerten einander, bis Jace die Größe des Rudels nicht einmal ansatzweise einzuschätzen vermochte.

Jace hetzte im gestreckten Galopp über die mondbeschienene Straße, viel schneller, als es sicher gewesen wäre. Vor sich sah er die Lichter eines großen Herrenhauses in geradezu quälend kurzer Distanz, doch eine gähnende Schlucht trennte ihn davon. Er riss die Zügel des Pferds nach links und warf einen raschen Blick zurück.

Mindestens drei grässlich anzusehende Mischwesen aus Mensch und Wolf setzten ihm mit weiten Sprüngen nach. Sie waren nicht wie die Krasisexperimente des Simic-Kombinats, deren einzelne Teile stets zu verraten schienen, dass sie von unterschiedlichen Arten stammten. Menschenähnliche Hände mit scharfen Krallen, muskelbepackte Arme, die von Fell überzogen waren, Wolfsgesichter, die dennoch von einer gewissen Intelligenz zeugten: Diese Geschöpfe waren beinahe vollkommen menschlich und vollkommen wölfisch zugleich.

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Er hatte von Werwölfen gehört, aber gehofft, nie welchen zu begegnen.

Jace ließ sein Pferd so schnell galoppieren, wie er es eben gerade noch wagte, während die Lichter des Herrenhauses seinem Bemühen zu spotten schienen. Die Strecke wand sich um die Schlucht herum, schnitt durch Dickicht und führte über kleine Bäche, die sich rechter Hand unter erstaunlich lautem Plätschern in die Erdspalte ergossen. Über dem Hufschlag seines Pferds und dem rasenden Pochen seines eigenen Herzens hörte er nichts von den Schritten der Wolfskreaturen.

Er ließ einen illusorischen Doppelgänger seiner selbst hinter sich vom Pferd taumeln. Sein Duplikat stand auf und nahm eine Kampfhaltung an, doch die Werwölfe rannten einfach durch es hindurch. Er riskierte einen Blick über die Schulter und sah, wie fünf der Wesen zu ihm aufholten, die Nüstern weit gebläht.

Die Witterung. Natürlich. Sie würden auf nichts achten, was keinen echten Geruch verströmte.

Damit konnte er arbeiten.

Er beschwor eine weitere Illusion herauf, diesmal eine mit Form und Substanz. Ein massiger Bär aus strahlendem blauem Licht nahm hinter ihm Gestalt an, ein Wesen aus reiner Magie anstelle eines bloßen Trugbilds – das jedoch nach wie vor keinen eigenen Geruch besaß.

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Die Werwölfe rannten arglos darauf zu, da sie es wohl für ein weiteres feinstoffliches Phantom hielten. Der Bär richtete sich drohend auf die Hinterbeine auf. Er machte einen Satz und fiel einen der Werwölfe an. Als Jace erneut hinter sich schaute, sah er die beiden Kontrahenten in einem wirren Knäuel aus Fell und Licht zu Boden gehen.

Er wandte sich im Sattel wieder nach vorn und sein Pferd geriet durch die Bewegung aus dem Tritt, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Mehr brauchte es jedoch nicht. Rasch war der Rest des Rudels heran, um ungeduldig mit den Klauen nach ihm zu schlagen und mit den Mäulern nach ihm zu schnappen. Der Atem der Kreaturen, der in der kühlen Nachtluft dampfte, war heiß und faulig.

Jace streckte die Finger seines Geistes aus und ertastete denjenigen seiner Verfolger, der sein Führer gewesen war – derjenige, dessen Gedanken er schon einmal berührt hatte. Mittlerweile war aus ihnen ein einziges Chaos aus Hunger und Zorn geworden, doch Jace erkannte dennoch die Erinnerungen und Neigungen des Mannes wieder, den er angeheuert hatte, um sich von ihm nach Stenzen führen zu lassen. Spannend.

Jaces Geist bahnte sich seinen Weg in den des Werwolfs, der von Gedanken ans Zerreißen und Zubeißen und Fressen zerrüttet war. Aus Sicht des Werwolfs war der Mond am Himmel stark angeschwollen, sein Licht ein kränkliches Rot und der Reiher grell grinsend. Schließlich war die Verbindung geknüpft. Jace hatte die Kontrolle.

Sein Führer sprang zur Seite und schnappte nach einem seiner Rudelgeschwister. Demjenigen, den die dumpfen Gedanken des Wolfsmenschen als Leitwölfin markierten. Jace übernahm die Kontrolle nur für einen winzigen Wimpernschlag, doch das reichte bereits: Die Leitwölfin versetzte ihrem Angreifer ihrerseits einen Hieb. Jaces Fremdenführer, der nun wieder Herr seiner selbst war, knurrte und schlug zurück. Ihre Möglichkeiten der Verständigung waren anscheinend nicht weit genug entwickelt, um so etwas wie Der Gedankenmagier hat mich dazu getrieben zu sagen – auch wenn diese Entschuldigung selbst unter sprachgewandteren Geschöpfen in der Regel nicht fruchtete.

Bald schon umkreisten die beiden Wolfswesen einander. Die Jagd war für sie völlig vergessen, und eine weitere der Kreaturen – der Gefährte der Leitwölfin? Ein neuer Herausforderer? – blieb zurück, um das Duell zu beobachten. So hatte Jace es nur noch mit einem einzigen Angreifer zu tun. Doch der Pfad folgte nun in engen Kurven dem trügerischen Verlauf der Schlucht, und er brauchte seine volle Aufmerksamkeit, um zu verhindern, dass sein Pferd vom Weg abkam.

Das arme Tier hatte mittlerweile vor lauter Erschöpfung und Panik Schaum vorm Maul. Jace konnte den heißen Atem des Werwolfs beinahe schon über seinen Nacken streifen spüren. Er warf einen Blick über die Schulter – er hatte sich das nur eingebildet, doch viel hatte dazu nicht mehr gehört. Die Kreatur stellte sich in den engen Kurven wesentlich geschickter an als Jaces Pferd und holte rasch auf.

Schließlich öffnete sich das Gelände irgendwann vor ihm und die Schlucht knickte zur Seite hin ab, sodass zwischen ihm und den Lichtern des Herrenhauses nur noch ein Stück flache, schlammige Straße lag. Und das war nicht irgendein Herrenhaus, wie er nun erkannte, als er es so vor sich aufragen sah. Es war ihr Herrenhaus. Sein Ziel.

Hoffentlich würde sie ihm verzeihen, dass er noch jemanden im Schlepptau hatte.

Er war schon in Rufweite des Tors, als der Werwolf zuschlug. Eine Pranke fuhr quer über das Hinterteil des Pferdes, dessen Beine seitlich wegrutschten. Jace sprang aus dem Sattel, landete im Schlamm und rollte sich ab. Er rappelte sich auf und rannte los. Hinter ihm attackierte der Werwolf grollend das gestürzte Pferd.

Das Gittertor war geschlossen und verriegelt, kein Türsteher in Sicht und der Hof dunkel. Jace warf einen Blick über die Schulter und sah, wie der Werwolf vom Kadaver des Pferds aufschaute, die Schnauze blutig im Mondlicht. Das Wesen richtete sich auf und schritt auf ihn zu, als wäre ihm das Pferd nun völlig gleich.

Dann würde es also ein kleiner Einbruch werden. Noch besser.

Er mahnte sich selbst zur Ruhe, wandte seine Aufmerksamkeit dem Schloss zu und verdrängte sämtliche Gedanken an das Ungeheuer hinter sich. Jaces Telekinese übte keine sonderlich große Kraft aus. Sie lag nicht über der seiner Muskeln und ihr Einsatz war wesentlich anstrengender. Dafür konnte er sie sehr fein zur Anwendung bringen. Unsichtbare Finger aus geistiger Energie tasteten im Inneren des Schlosses umher, fanden die Stifte und brachten sie rasch in die richtige Position. Das Schloss sprang mit einem Klicken auf, und Jace drückte gegen das wuchtige schwarze Eisentor. Es klemmte – womöglich war es eingerostet –, und er musste es mit aller Macht aufstemmen. Das Tor öffnete sich mit einem Quietschen, das laut genug war, um selbst die Toten aufzuwecken, und Jace stolperte in den Hof hinein, wo er auf ein Knie fiel.

Er drehte sich um, trat das Tor zu und hatte es auf geistigem Wege gerade wieder verriegelt, als auch schon der Werwolf dagegenkrachte. Jace kroch rückwärts davon, fort von den Klauen, die ihn packen wollten. Der Werwolf nahm laut Witterung auf – einmal, zweimal –, und dann war er verschwunden, um irgendeiner anderen Beute nachzujagen.

Etwas bewegte sich hinter ihm. Er stand auf und wandte sich um. In der Dunkelheit, die auf dem Hof des Anwesens herrschte, konnte er eben so ein Dutzend Gestalten ausmachen, die ihn stumm umringten. Nun roch er ihn auch, jenen Geruch von Fäulnis, der den Werwolf abgeschreckt hatte. Eine schnelle Überprüfung mittels seiner Gedankenmagie bestätigte es: In diesen Leibern steckte kein Verstand mehr. Sie waren tot.

Sie drängten ihn lautlos gegen das Tor. Eine Horde Zombies vor ihm, ein Werwolf irgendwo hinter ihm, und über all dem dieser unerbittlich herabstarrende Mond ...

Die Zombies traten kurz auf der Stelle, ehe sie sich wie zu einer Gasse teilten und ihm so einen klaren Weg zur reich verzierten Tür des Herrenhauses aufwiesen. Ein Empfangskomitee. Ihre Gastfreundschaft überstieg seine Erwartungen bei Weitem.

Er schritt an den versammelten Toten entlang und versuchte, nicht weiter auf sie zu achten, während er zum ersten Mal die Zeit fand, das Gebäude eingehender zu betrachten. Es war groß und bot ausreichend Platz für eine größere Sippschaft und deren Bedienstete, aber abgesehen von einem unheimlichen purpurnen Leuchten schien in keinem der Zimmer Licht zu brennen. An einer Ecke erhob sich ein steinerner Turm, der wie ein Anbau aus jüngerer Zeit wirkte, gekrönt von einer kompliziert aussehenden Metallapparatur, deren Zweck sich Jace nicht erschließen wollte. Sie sah aus wie etwas, was ein Elektromagier der Izzet hätte bauen können, ehe man ihn fortschaffte, um ihn einer strengen Überprüfung seiner geistigen Gesundheit zu unterziehen.

Kaum hatte er eine kurze Steintreppe hinauf zum Eingang erklommen, schwang die Tür auf und gab den Blick auf einen dunklen Hausflur frei. Er blieb auf der Schwelle stehen.

„Darf ich reinkommen?“, fragte er.

Ein weiterer Zombie trat hinter der Tür hervor. Dieser trug eine Art makabrer Parodie einer Dienstbotenuniform und bedeutete Jace, ihm zu folgen. Nun gut.

Jace schlug die Kapuze zurück und folgte seinem neuen Führer, überrascht von der Feststellung, dass selbiger etwas muffig, aber nicht verwest roch. Das musste irgendein Zauber sein, um das Gesinde frisch zu halten. Sein Führer geleitete ihn in einen großen, von Mondlicht und Zauberei erhellten Raum, in dem ein halbes Dutzend Zombies umherschlurfte.

Und dort, locker in einen Sessel gefläzt, der schon eher die Bezeichnung „Thron“ verdient hatte, wartete Liliana Vess. Sie schlug einen großen, in Leder gebundenen Folianten zu, in dem sie gerade gelesen hatte, und gab ihn an einen ihrer untoten Diener weiter.

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„Hallo, Jace“, sagte sie. Sie musterte ihn von oben bis unten, unverhohlene Abschätzigkeit im Blick. „Hübscher Mantel.“

Sie stand auf und ging mit der trägen Geschmeidigkeit einer Katze auf ihn zu. Sie blieb stehen, als sie ein winziges Stückchen zu dicht an ihn herangekommen war. Sie schaute ihn aus ihren uralten violetten Augen an und studierte sein Gesicht Detail für Detail. Ihm fiel ein, dass sie sich sehr genau darüber im Klaren sein musste, wie sich seine Muskeln unter der Haut bewegten.

Diesmal sah er ihr in die Augen, trotz der Erinnerungen, die dies in ihm weckte.

Sie fasste nach seinem Gesicht ... und schnippte ihm gegen die Nasenspitze.

„Au! Was –“

„Ich wollte mich nur vergewissern, dass du auch persönlich erschienen bist“, sagte sie.

„Nur dass du es weißt: Ich kann feste Illusionen erschaffen“, sagte Jace und rieb sich die Nase.

„Das schon. Doch ich bezweifle, dass du sie so überzeugend winseln lassen kannst.“

„Ich hatte auf einen herzlicheren Empfang gehofft“, sagte Jace. „Du hast da einige sehr unfreundliche Nachbarn.“

„Ich habe davon gehört“, sagte sie. „Es gibt Schlimmeres dort draußen als Werwölfe.“

„Wie etwa Vampire?“

„Engel“, sagte sie voller Abscheu.

Jace verdrehte die Augen.

„Deine Haltung zu diesem Thema ist bestens dokumentiert“, sagte er. „Ich hingegen wäre dankbar für ein wenig Unterstützung dort draußen seitens eines Engels.“

„Das ist nicht, was...“, sagte Liliana, ehe sie sich selbst unterbrach. „Tja. Ich schätze, es ist deine Sache, wem du vertraust. Aber einem Engel würde ich an deiner Stelle nicht vertrauen.“

„Ich pflege niemandem zu vertrauen“, sagte Jace. „Und nichts, was bisher geschah, hätte mich von dieser Haltung abbringen können.“

„Kluger Junge“, sagte sie. „Möchtest du etwas trinken?“

Liliana ging zurück zu ihrem Thron und setzte sich, während ein Zombie mit einer Flasche heranschlurfte, in der ... etwas ... schwappte.

„Danke, aber ich verzichte“, sagte er.

Liliana goss sich ein Glas ein und nippte daran.

„Nun also“, meinte sie. „Das ist eine Premiere. Was verschafft mir die Ehre?“

„Ich ...“ Jace wog seinen Stolz gegen seine praktischeren Überlegungen ab und gelangte endlich zu einer Entscheidung. „Ich bin hier, um mich zu entschuldigen.“

Liliana hob in gespielter Neugier eine Augenbraue. „Tatsächlich? Wofür denn bloß?“

„Dafür, dass ich Ravnica verließ, obwohl ... die Dinge zwischen uns nicht geklärt waren.“

„Dafür, dass du mich im Stich gelassen hast, meinst du wohl“, sagte sie mit einem grausamen Lächeln. „Um dich dann zusammen mit diesem wandelnden anatomischen Schaubild in irgendeine Hinterwäldlerwelt aufzumachen.“

Sie sprach von Gideon. Jace unterdrückte ein Lachen.

„Ich bezweifle, dass er das als Kompliment auffassen würde.“

„Das ist es aber!“, sagte sie. „Er wird den perfekten Leichnam abgeben, solange er sich nur Zeit zum Sterben nimmt, bevor alles an ihm schlaff wird.“

„Auch das würde er keinen Fall als Kompliment auffassen“, sagte Jace. Sie musste es immer übertreiben.

„Dann bereust du es also, mit ihm gegangen zu sein?“, fragte Liliana.

„Oh, so würde ich das nicht sagen“, antwortete Jace. „Wir haben gute Arbeit geleistet. Wir haben sogar tatsächlich diese ganze Welt gerettet. Mit der Hilfe zweier anderer Planeswalker.“

Er lächelte.

„Stell dir vor: Wir haben einen Eid geschworen, dass wir ... so was auch in Zukunft machen. Uns Bedrohungen für alle Welten entgegenzustellen.“

„Wie reizend“, sagte Liliana. „Höchst heldenhaft. Und ... was kommt jetzt? Bis du hier, weil du fragen möchtest, ob ich mich deiner kleinen Gesellschaft da anschließen will?“

„Nein“, sagte Jace. „Dazu kenne ich dich zu gut.“

Liliana wartete ab. Auch sie kannte ihn nur allzu gut.

„Ich habe natürlich darüber nachgedacht“, sagte er mit einem Achselzucken. „Du könntest ein paar Freunde gebrauchen, die auf dich achtgeben. Aber ich wusste, dass du dich nicht darauf einlassen würdest.“

„All das schert mich nicht“, sagte Liliana. „Weder deine Freunde noch eure Eide.“

„Das hatte ich auch nicht anders erwartet“, sagte Jace.

Liliana seufzte.

„Jace, ich weiß, dass du nicht hier bist, um mich anzuwerben“, sagte sie. „Du bist nicht hier, um mir zu helfen. Du bist nicht hier, um dich zu entschuldigen.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte er und fügte dann hinzu: „Ich habe mich entschuldigt.“

„Du hast es doch selbst gesagt“, fuhr sie fort. „Ich habe dich verraten. Ich habe Garruk verflucht. Ich habe immer noch den Kettenschleier. Ich war dir nie freundlich gesinnt. Nicht wirklich. Und weißt du: Ich hatte auch nie um deine Hilfe gebeten. Hat sich daran auch nur irgendetwas geändert?“

„Nein.“

„Was bedeutet, dass du in Wahrheit hier bist, weil du etwas brauchst. Du weißt, dass ich in gewissen Nöten stecke, und du glaubst, wir könnten eine Abmachung treffen.“

Sie wartete lange genug, bis er ein „Ich ...“ hervorbrachte. Dann schnitt sie ihm das Wort ab.

„Beweise mir das Gegenteil“, sagte sie. Sie stand auf und reckte stolz das Kinn. „Ich verzichte auf deine freimütig gewährte Hilfe, Jace Beleren. Falls du hier bist, um mir ohne Gegenleistung helfen zu wollen, dann dreh dich um und verschwinde durch diese Tür.“

Jace sagte nichts. Selbst wenn es nur ein Bluff war, konnte er es sich nicht leisten, es darauf ankommen zu lassen.

„In Ordnung dann“, sagte Liliana und drapierte sich wieder auf ihrem Thron. „Da wir nun beide wissen, wie viel uns unsere persönliche Geschichte bedeutet ... Was kann ich für dich tun, mein Lieber?“

Sie lächelte, raubtierhaft und verlockend. Sie konnte recht großmütig sein, solange sie die Lage vollständig beherrschte.

„Nur aus reiner Neugier“, sagte Jace. „Hättest du mich wirklich rausgeworfen, wenn ich nur hier wäre, um dir zu helfen?“

„Eine faszinierende Frage“, sagte Liliana. „Vielleicht findest du bei Gelegenheit einmal die Antwort darauf heraus.“

Sie nippte an ihrem Glas und wartete.

„Ich bin auf der Suche nach Sorin Markov“, sagte Jace.

Lilianas Gesicht verriet echte Überraschung. Jace erlaubte sich ein klein wenig Freude darüber.

„Jace, weißt du, was du da verlangst?“, fragte sie. „Weißt du, wer er ist? Was er ist?“

„Ich weiß, dass er ein Vampir ist. Der sogenannte Fürst von Innistrad“, antwortete Jace. „Ich weiß, dass er uralt und mehr als nur ein bisschen zwielichtig ist, und ich weiß, dass er gerade in Schwierigkeiten ist oder Schwierigkeiten verursacht. So oder so muss ich ihn finden.“

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„Warum?“, wollte Liliana wissen.

„Vor Tausenden von Jahren...“

Liliana stöhnte auf.

„Dann also die Kurzfassung. Drei Planeswalker arbeiteten zusammen, um außerweltliche, alles verschlingende Ungeheuer, die man die Eldrazi nennt, auf Zendikar einzusperren. Sorin war einer dieser drei Planeswalker.“

„Tatsächlich?“, sagte Liliana. „Das klingt überhaupt nicht nach ihm.“

„Meine Quelle – einer von Sorins alten Verbündeten – meinte, er hätte es aus einem Anflug von ‚edelsinnigem Eigennutz‘ oder so etwas in der Art getan. Er wusste, dass die Eldrazi sich irgendwann auch ihren Weg nach Innistrad bahnen konnten, weshalb er sich auf ein gemeinsames Unterfangen einließ, sie woanders einzusperren.“

„Und dann ... hast du sie befreit“, sagte sie lächelnd. „Oder trügt mich da meine Erinnerung?“

Er wünschte sich, sie würde sich nicht so köstlich darüber amüsieren.

„Nein“, sagte Jace. „Unter Manipulation und Zwang befreiten zwei andere Planeswalker und ich die Titanen der Eldrazi unabsichtlich aus ihrem Gefängnis. Sorin tauchte kurz auf und verschwand dann wieder, nachdem er versucht hatte, eine Art Sicherheitsvorkehrung zu benutzen, die sie eingesperrt hätte halten sollen. Er hätte sich eigentlich mit einem seiner Verbündeten – meiner Quelle – wieder auf Zendikar treffen sollen, aber er hat sich dort nicht wieder blicken lassen.“

„Das hört sich schon eher nach ihm an“, sagte Liliana.

„Natürlich gibt es jetzt ja auch keine Veranlassung mehr für ihn, nach Zendikar zu gehen“, fuhr Jace fort. „Doch der Planeswalker, mit dem ich zusammengearbeitet hatte, spricht nicht mehr mit mir, und sowohl Sorin als auch das dritte Mitglied des Trios gelten als vermisst. Ich mache mir Sorgen, dass sie das Interesse eines gewissen Drachenplaneswalkers auf sich gezogen haben könnten ... aber davon weißt du wohl selbstverständlich nichts, oder?“

„Ich habe es dir doch schon gesagt: Ich arbeite nicht mehr für ihn.“

„Du hast viele tolle Eigenschaften, Liliana, aber schonungslose Offenheit fällt nicht darunter.“

„Jace“, sagte Liliana. „Hör mir gut zu. Sorin wird dir nicht helfen. Hältst du mich für selbstsüchtig? Hältst du mich für grausam? Sorin hatte Tausende von Jahren, um sich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass Menschen nur Vieh sind und das Leben Sterblicher nicht das Geringste zählt.“

„Du kennst ihn?“

„Ich bin ihm schon begegnet“, sagte Liliana. „Einmal. Kurz nach meiner allerersten Ankunft in Innistrad. Er suchte mich auf, stellte mein Können in der Schlacht auf die Probe und ließ mich wissen, dass ich zu schwach wäre, um eine Bedrohung für ihn darzustellen. Danach erzählte er mir, dass Innistrad ihm gehört und ich mich besser als gesitteter Gast erweisen sollte – ansonsten würde er mich finden und mich umbringen.“

„Herzallerliebst“, sagte Jace. „Wann war das?“

„Vor langer Zeit“, sagte Liliana. „Und ja, diese Art von Zusammenstößen war damals noch wesentlich häufiger. Ich sehe allerdings keinen Grund, weshalb er sich geändert haben sollte. Sorin hat nicht mehr Anlass, dir gegenüber freundlich aufzutreten, als dieser andere Planeswalker, mit dem du geredet hast, und seine Vorstellung von Schweigsamkeit könnte sein, dass er dich einfach umbringt. Geh nicht.“

„Das kommt leider nicht infrage“, sagte Jace.

„Er ist uralt, er ist skrupellos und er ist mächtig. Du hast dich da etwas übernommen.“

„Ich habe mich übernommen?“, fragte Jace. „Du hast gut reden.“

„Ja“, sagte Liliana. Ihre Stimme barg keinerlei Heiterkeit mehr. „Ja, das habe ich. Und ich sage dir: Geh nicht. Er wird dir nicht helfen, und keine noch so schlaue List kann dich davor bewahren, von einem jahrtausendealten Vampir getötet zu werden.“

„Wenn ich es nicht besser wüsste“, meinte Jace, „würde ich meinen, du bist um mein Wohlergehen besorgt.“

„Dreh dir das nicht so hin, als ginge es hier um uns!“, sagte sie. „Du wärst nicht hier, wenn du mir nicht etwas anzubieten hättest. Ich würde gern herauszufinden, was das ist, bevor du losgehst, um dich in Sorins Schwert zu stürzen, wenn es dir nichts ausmacht.“

„Wenn du so besorgt um mich bist, dann komm doch einfach mit. Vielleicht kannst du uns einander vorstellen.“

„Was?“, sagte sie. „Nein. Ich sagte es doch bereits: Ich habe meine eigenen Schwierigkeiten und meine eigenen Lösungen dafür. Und es kümmert mich nicht, wie viel Hilfe du mir im Gegenzug glaubst angedeihen lassen zu können: Nichts davon bringt mir etwas, wenn Sorin uns beide tötet. Sofern wir ihn denn überhaupt finden, wo die Straßen dort draußen doch in noch schlechterem Zustand sind als je zuvor. Ich gehe nirgendwohin.“

„Also schön“, sagte Jace. „Ich hatte gehofft, du könntest mir helfen, aber ich schätze, ich werde wohl der einzigen Spur folgen müssen, die ich habe. Zum Anwesen der Markovs geht es da lang, richtig?“

Er deutete in die Richtung, von der er ziemlich sicher war, dass es sich bei ihr um die richtige handelte.

„Das Anwesen der Markovs?“, sagte sie. Sie verdrehte die Augen, packte sein Handgelenk und bewegte es mehrere Fingerbreit zur Seite. „Jace, das ist ja noch schlimmer!“

„Es ist der Sitz seiner Familie, oder etwa nicht? Sollte seine Familie denn nicht wissen, wo er abgeblieben ist?“

„Weißt du denn überhaupt irgendetwas über Innistrad?“, blaffte Liliana. „Oder hast du einfach nur ‚Anwesen der Markovs‘ auf einer Karte gesehen und dir gedacht: ‚Oh, gut – dort wird man mich ja wohl unmöglich brutal ermorden!‘?“

„Ich habe hier und da ein paar Gedanken gelesen, aber sie stammten von niemandem, der besonders viel wusste“, sagte er. „Warum? Was ist mir denn entgangen?“

„Sorin wird von seinesgleichen geächtet“, sagte sie. „Er ist schon seit mindestens hundert Jahren nicht mehr auf dem Anwesen der Markovs willkommen. Möglicherweise sogar noch länger. Wenn du dort auftauchst und nach ihm fragst, töten sie dich oder tun dir noch Schlimmeres an.“

„Mag sein“, sagte Jace, „aber wenn du mir nicht helfen willst, habe ich kaum eine andere Wahl. Das Anwesen der Markovs ist die beste Spur, die ich habe.“

Liliana setzte sich wieder auf ihren Sessel. Ihre Miene wurde hart, und ihre Augen begannen, purpurn zu glühen.

„Was –“

Ihre Zombiediener wankten nach vorn. Jaces Herz pochte ihm heftig gegen die Rippen.

„Lili, was machst du da?“

Die Zombies kamen weiter auf ihn zu.

„Ich unterstreiche meinen Standpunkt“, sagte sie.

Zu nah. Sie waren ihm zu nah.

Jace sprach einen raschen Unsichtbarkeitszauber, doch die Zombies stolperten weiterhin in seine Richtung. Die Hälfte von ihnen hatte ohnehin keine Augen.

Eine kalte Hand legte sich ihm wie eine Klammer um den Arm.

Er bündelte seine Gedanken, und sein Körper sonderte eine wahre Wolke von illusionären Duplikaten ab. Ein halbes Dutzend Jaces wirkten Sprüche oder hasteten auf das Fenster zu oder unternahmen einen Sturmangriff auf Liliana.

Die Zombies achteten nicht auf sie. Schon spürte er überall zupackende Hände und die Zombiehorde drängte ihn gegen die Wand – klammer Stein, eisiges Fleisch. Finger schlossen sich um seine Arme, seine Beine, seine Kehle. Schlafzauber, illusionäre Fesseln: Für das eine waren die Zombies unempfänglich, für das andere gab es schlichtweg zu viele von ihnen. Jace war hilflos.

Sie würde ihm nicht wirklich wehtun. Zumindest nicht, solange er ihr keinen triftigen Grund dafür bot.

„Lili“, brachte er gequetscht hervor. „Gegen die Toten bin ich zu nichts zu gebrauchen, aber gegen eine ... Nekromagierin kann ich bestehen. Wenn das ein echter Kampf wäre, hätte ich schon längst deinen Verstand benebelt.“

Die Zombiehorde hielt inne, ohne ihn aus ihrem Griff zu entlassen.

„Vielleicht“, sagte sie, erhob sich und ging auf ihn zu. „Aber selbstredend würden sie dich in Fetzen reißen, wenn sie nicht unter meiner Kontrolle stünden. Das wäre zwar nur ein schwacher Trost für mich ... aber ich gehe einmal davon aus, dass für dich dasselbe gilt.“

„Worauf willst du hinaus?“

Sie baute sich vor ihm auf, und die Zombies machten Platz, damit sie auf ihn herabschauen konnte.

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„Diese Welt ist gefährlich“, sagte sie. „Insbesondere für dich. Und du wirst keinen uralten Planeswalker besiegen, dessen Geist du nicht berühren kannst – oder willst.“

In diesem Augenblick wirkte sie höchst fremdartig auf ihn, gebadet in Mondlicht und nekromagische Macht. Manchmal vergaß er, wie alt sie war – mindestens ein Jahrhundert älter als er, ein Relikt aus einer Zeit, als die Planeswalker zugleich mehr und doch weniger gewesen waren als Menschen. Und Sorin war noch weitaus älter.

„Das ist eine Sackgasse“, sagte sie. „Geh nach Hause, Jace. Ich bin sicher, du hast Formulare abzulegen.“

Untote Hände gaben ihn frei. Er richtete sich auf und rieb sich die Kehle. Er verspürte das plötzliche Bedürfnis, ein Bad zu nehmen.

„Es tut mir leid, dich belästigt zu haben“, krächzte er. „Ich mache mich dann mal allein zum Anwesen der Markovs auf.“

Er wandte sich zur Tür.

„Bei den neun Höllen! Du bist ein leichtsinniger Narr!“

Er drehte sich wieder zu ihr um.

„Natürlich bin ich das“, sagte er. „So bin ich doch überhaupt erst an dich geraten. Ich bin dann mal weg.“

Er wandte sich erneut zum Gehen, wobei er versuchte, nicht an Mondlicht und blutige Schnauzen und Lilianas Augen und die Tatsache zu denken, dass er sowohl sein Pferd als auch seinen Führer eingebüßt hatte.

„Sei kein Narr“, sagte sie. „Du kannst morgen früh aufbrechen.“

„Im Ernst?“, fragte er ungläubig. „Nach dieser grandiosen Zurschaustellung wechselseitiger Gleichgültigkeit bittest du mich, die Nacht bei dir zu verbringen?“

Sie ging auf ihn zu und lehnte sich so dicht heran, dass ihre Lippen fast sein Ohr berührten. Es schnürte ihm die Kehle zu.

„Gleichgültigkeit“, wisperte sie, „beschleunigt weder den Puls noch lässt sie einen erröten.“

Er spürte die Wärme ihres Körpers, doch ihr Atem auf seiner Wange war kalt wie Eis. Die Kühle verweilte noch einen Augenblick, als sie sich von ihm löste. Ein vorübergehender Drang floh zurück in die Schatten, wo er hingehörte.

„Bilde dir bitte nicht zu viel auf dich ein“, sagte sie laut. „Ich habe ein Gästezimmer.“

„Ah.“

„Im Keller“, meinte sie. „Um ehrlich zu sein, ist es mehr ein Kerker.“

„Entzückend“, sagte er.

Sie drehte sich um und ging davon.

„Die Diener werden dir dein Zimmer zeigen“, sagte sie. „Gute Nacht, Jace.“

Sie wandte sich im Mondlicht um und schaute aus einer Entfernung zurück zu ihm, die wesentlich größer schien, als sie es tatsächlich war.

„Bis zum Morgen“, sagte sie mit fester Stimme. „Danach bist du auf dich allein gestellt.“

„Ich weiß“, sagte er.

Er zögerte, da er noch etwas hinzufügen wollte, doch er war sich nicht sicher, was. Liliana trat aus dem Strahl Mondlicht heraus und verschwand in der Dunkelheit.

Veröffentlicht in Magic Story on 16. März 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Di 29. Mär 2016, 21:50

Opfer


Tief und dunkel liegt der Zhava-See im Hochland Nefalens unweit der Grenze zu Gaven. Die Dorfbewohner, die am Ufer des Sees leben und in seinen Gewässern fischen, sprechen schon seit langer Zeit von einem Ungeheuer, das in seinen Tiefen haust. Doch trotz des Flehens der Dörfler entsandte die Kirche Avacyns bislang weder einen Katharer noch einen Engel, um sie zu beschützen. Doch wie werden die Einheimischen nun, da in Innistrad der Wahnsinn immer weiter um sich greift, dem Grauen aus dem See die Stirn bieten?

Mia glaubte nicht an die alten Schauermärchen.

Nicht etwa, weil sie nicht an grauenhafte Schrecken glaubte. Ganz im Gegenteil. Sie glaubte an vieles, was selbst die meisten Erwachsenen sich nicht auszumalen wagten. Geister, die die Lebenden heimsuchten. Wiederbelebte Leichen, die von Wahnsinnigen zusammengeflickt worden waren. Werwölfe, gefräßig und wild. Vampire, für die ein Dorf nichts weiter war als eine Auswahl köstlicher Leckerbissen. Sie glaubte an diese Dinge. Dinge, von denen zu sprechen es sich nicht schickte – als ob sie dadurch irgendwie weniger wirklich würden.

Nein, es gab zu viele Schrecken auf der Welt – Schrecken, deren Namen die Dorfältesten nicht auszusprechen gewillt waren –, als dass Mia allzu viel auf das vage und um so hysterischere Geschwätz im Dorf gegeben hätte.

Wilbur war da ganz anderer Ansicht.

„Er ist viel zu wirklich," beharrte er und schlug mit der Faust ins Gras. „Veryl meinte, er hätte ihn einmal gesehen – nur ganz kurz zwar, aber er war so groß wie sein Schiff.“

Mia verdrehte die Augen. „Veryl behauptet auch, er hätte einen Engel geküsst“, sagte sie. „Wie lange hören wir schon die Geschichten über den Gitrog? Und wie viele glaubwürdige Leute haben ihn gesehen? Sind wir nicht ein bisschen zu alt, um an diesen Unsinn zu glauben?“

Wilbur stand auf und schüttelte den Kopf. „Das ist nicht einfach nur eine dumme Geschichte. Du fährst nicht jeden Tag auf den Zhava-See hinaus, Mia. Du siehst nicht, was ich sehe. Besonders in letzter Zeit. Der unnatürliche Nebel. Die schleichende Kälte. In diesen Tiefen gibt es mehr als nur Fische.“

„Ist dies deine fachkundige Einschätzung als Fischer? Als Fischer, der schon fünfzehn ist und noch immer nicht allein raussegeln darf?“

Wilbur wurde rot. „Das hat damit gar nichts zu tun, Mia! Ich meine es ernst, und du bist gemein.“

Mia zuckte die Schultern und ging in Richtung ihrer Herde. Ein paar Tiere hatten sich weiter von den anderen entfernt, als ihr lieb war. „Es hat keinen Sinn, Angst vor der Dunkelheit zu haben, Wil. Du solltest dich lieber vor dem fürchten, was sich in der Dunkelheit befindet.“

Wilbur runzelte die Stirn und eilte ihr nach. „Was ist das? Noch so ein Ausspruch deines oberschlauen Vaters?“ Mia ging nicht darauf ein, aber Wilbur ließ nicht locker. „Der berühmte Jäger, der das Land als nobler Abgesandter des Schildvolks bereist, aber zu beschäftigt ist, sich um die Ungeheuer bei ihm daheim zu kümmern?

Zu beschäftigt für die weinerlichen Wahnvorstellungen kleingeistiger Dörfler!“ Mia wirbelte herum und hob ihren Hirtenstab. „Sieh dich doch um, Wilbur. Nichts hiervon ist wichtig. Dieses Dorf ist nicht wichtig. Wir sind nicht wichtig. Dieser dumme kleine Weiler ist nicht einmal groß genug, als dass ihn irgendwelche echten Gespenster je heimsuchen würden! Wir sind einfach nur ein namenloses Kaff in den Bergen, das sich dank der blühenden Fantasie seiner Bewohner selbst in den Wahnsinn treibt.“

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Sie drehte sich um, blickte zu ihrer Herde und seufzte. Ein Schaf war weit von den anderen weggestromert. Das kleine Glöckchen um seinen Hals klingelte leise, während es den steinigen Hang des Hügels erkundete. Sie ging ihm nach.

„Hat das dein Vater zu dir gesagt, als er dich hier zurückließ? Dass du nicht wichtig bist?“

Mia blieb wie vom Blitz getroffen stehen und warf Wilbur einen wütenden Blick zu. Zu seiner Verteidigung musste man vorbringen, dass er angemessen peinlich berührt wirkte – als wollte er die Worte, die ihm da gerade aus dem Mund gepurzelt waren, am liebsten wieder herunterschlucken. Mia runzelte die Stirn.

„Das hast du nicht so gemeint.“

„Vielleicht doch ...“

„Wir beide wissen, dass du es im Kampf nicht mit mir aufnehmen kannst. Du hast es nicht so gemeint.“

Sie wandte sich von Wilbur ab, ehe er antworten konnte, und lief los, wobei sie ihren Stab über dem Kopf kreisen ließ. Nach einem kurzen Spurt, ein paar scharfen Kommandos und einem Griff mit dem krummen Ende des Stabs nach dem Hals eines sturen Schafs hatte sie einen Großteil ihrer Herde in der Mitte der Weide zusammengetrieben.

Sie warf einen Blick zurück, um zu sehen, ob Wilbur nach Hause gelaufen war. Zu ihrer Überraschung stand er noch immer da. Er sah dumm und hilflos aus.

„Ich habe es nicht so gemeint“, rief er quer über das Feld. Mia seufzte. Ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht.

„Ich weiß.“ Sie stieß einen schrillen Pfiff aus und trieb ihre Schafe auf den Heimweg. Wilbur eilte über das Feld, um zu ihr aufzuschließen.

„Und das liegt nicht daran, dass du mich im Kampf besiegen könntest. Ich meine, das könntest du sicher. Aber das ist nicht der Grund.“ Wilbur ging neben ihr her. Mia lachte.

„Ich weiß, Wil. Deshalb mag ich dich doch.“

Die beiden gingen weiter. Das einvernehmliche Schweigen zwischen ihnen wurde nur vom gelegentlichen Blöken der Schafe unterbrochen.
__________

Später in dieser Woche erwachte Mia in einer kalten, grauen Dämmerung, nur um feststellen zu müssen, dass der Zaun ihres Schafpferchs an einer Stelle eingerissen war. Ein Schaf fehlte, wie eine rasche Zählung ergab. Sie verbrachte den Morgen mit einer ergebnislosen Suche. Wahrscheinlich war ein vorwitziges Schaf aus dem Pferch ausgebrochen, wie es hin und wieder vorkam, und war danach in den Wald gewandert, um sich von Wölfen fressen zu lassen. Mia verfluchte ihr Pech und flickte den Zaun wieder.
__________

Mia ging über den Marktplatz und begutachtete die mageren Waren. Der Marktplatz des Dorfes war nie sonderlich geschäftig gewesen, doch die karge Ernte des letzten Jahres und die immer weniger werdenden Händlerkarren, die über den Bergpass kamen, ließen die Auswahl noch spärlicher ausfallen als ohnehin schon. Selbst die Auslagen mit Fisch schienen leerer. Das beste Angebot war ein trauriger Sack mit Dorsch.

„Schlechter Fang diese Woche, Lehren?“ Mia nickte dem alten Fischer zu.

Lehren schüttelte seufzend den Kopf. „Ich habe nicht viel Zeit auf dem Wasser verbracht. Der Nebel ist dichter als gewöhnlich. Gefährlich.“

„Das ist er allerdings“, krächzte eine Stimme. „Und nicht nur wegen des Nebels. Kluge Fischer halten sich vom See fern.“

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Mia sah, wer dort sprach, und verdrehte die Augen. „Wären alle Fischer so klug wie du, Veryl, dann wären sie mittlerweile verhungert.“

„Wer klug ist, der weiß, dass der Gitrog sich wieder regt!“, verkündete Veryl mit höhnischer Stimme. „Nur ein Narr fischt in seinem See.“

„Ich bin noch nie einem Fischer begegnet, der so viel Angst vor dem See gehabt hätte oder sein eigenes Unvermögen so dringend einem eingebildeten Ungeheuer anlasten wollte.“ Mia nahm sich den fettesten Dorsch aus Lehrens Fang und drückte dem Fischer mit viel Aufhebens einige Münzen mehr in die Hand, als nötig gewesen wären.

„Pass auf, was du hier eingebildet nennst, Mädchen“, grollte eine tiefe Stimme.

Mia drehte sich um, um den Sprecher anzusehen, und stutzte überrascht. Kalim, stämmig über den Rest der Händler aufragend, blickte so streng drein wie eh und je. Dichte Brauen, ein ebenso dichter, dunkler Bart, dicke Arme, gestählt vom Einholen der Netze – das einzig Schlanke an seinem Leib war das geschwungene Fischermesser an seinem Gürtel.

„Es gibt den Gitrog wirklich. Sicherlich ist die Tochter eines Jägers schlau genug, nicht an den Ungeheuern dieser Welt zu zweifeln.“

Mia bemerkte, dass sich weitere Händler und Marktbesucher vorbeugten, um zuzuhören und ihr verstohlene Blicke zuzuwerfen. Sie knirschte mit den Zähnen.

„Die Tochter eines Jägers weiß, dass man zunächst alle anderen Möglichkeiten ausräumt, bevor man wie ein verängstigtes Kind ‚Da! Ein Ungeheuer!‘ ruft.“

Veryl stellte sich hinter Kalim auf. Sein fettiges, blondes Haar fiel ihm in die Augen. „Unhöfliche Worte von einem Hirtenmädchen. Du sprichst, als wärst du die Jägerin.“

„Ich bin mehr Jägerin als du Fischer, Veryl.“ Sosehr sie ihm auch seine Selbstgefälligkeit – und zumindest ein paar Zähne – aus dem Gesicht schlagen wollte, war sie klug genug, nicht die Fäuste zu heben, wenn Kalim in der Nähe war. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit voll auf ihn.

„Bestimmt glaubst nicht ausgerechnet du Veryl, dass er den Gitrog tatsächlich gesehen hat, Ältester Kalim.“

„Ich glaube es. Denn ich habe ihn gesehen.“

Der Marktplatz wurde still und Mia verlor sämtliche Fassung: Sie starrte Kalim mit offenem Mund an. Veryl wollte etwas sagen, doch Kalim legte ihm eine Hand auf die Brust, um ihn zum Schweigen zu bringen, und wandte sich an den gesamten Marktplatz. „Die Ältesten haben sich letzte Nacht beraten und verfügen hiermit, dass das Fischen im See bis auf Weiteres untersagt ist. Wir werden den Erlass noch heute Nachmittag auf dem Dorfplatz aushängen.“ Er hob die Hand, als gequältes Stöhnen und alarmierte Rufe aufkamen. „Die Sicherheit des Dorfes steht an erster Stelle. Außerdem ... habe ich die Kirche Avacyns um Hilfe ersucht.“ Sein Blick fiel wieder auf Mia. „Vielleicht könntest du auch deinem Vater schreiben.“

Schweigen senkte sich über den Platz. Mias Herz schlug schneller, als sie Kalims Blick erwiderte. Trotz der Ruhe und dem beherrschten Äußeren sah sie ihn: den Schrecken, tief und grollend, ein reißender Strom unter seinem ansonsten so entschlossenen Blick. Sie schluckte, als ihr nacktes Grauen die Kehle hinaufkroch und ihr die Luft abschnürte.

„Vater, ich habe endlich Koriander gefunden!“ Mia und Kalim drehten sich um, als Wilbur die Marktstraße entlanggerannt kam. Er wedelte, ein dümmliches Grinsen im Gesicht, mit den grünen Blättern herum – bis er hinfiel und über die Pflastersteine schlidderte. Mia stieß ein nervöses Lachen aus – und bemerkte erst dann, dass sie bis eben noch den Atem angehalten hatte. Um sie herum kehrten die Schaulustigen zu ihren gewohnten Tätigkeiten zurück. Einige lachten Wilbur aus, viele flüsterten und murmelten beim Auseinandergehen, als die Spannung des Augenblicks aufgehoben war.

Kalim nahm den Koriander und fuhr Wilbur durchs Haar. Wilbur blickte sich verschüchtert um, bis er Mia sah. Vom einen Augenblick zum anderen wandelte sich sein Gesichtsausdruck von dümmlicher Scham zu großem Ernst und er legte die Stirn in Falten. Alles gut?, formte er eine stumme Frage mit den Lippen.

Mia blinzelte überrascht und zuckte mit den Schultern. Sie setzte zum Sprechen an, aber Wilbur hatte sich bereits Kalim zugewandt, um ihn schwatzend von ihr und dem Marktplatz wegzuführen. Sie stand einsam da, als eine Welle aus Empfindungen, Gedanken und Fragen über sie hinwegspülte.
__________

„Er hat dich gebeten, deinem Vater zu schreiben?“ Wilbur starrte sie ungläubig an. Mia nickte und rührte langsam im Topf herum. „Aber ... er hasst deinen Vater.“

„Glaub mir. Das habe ich nicht vergessen.“

Mia kostete die Suppe und hielt Wilbur anschließend den Löffel hin. Er nippte, zog ein Gesicht und gab eine weitere Prise Salz in den Topf.

Die beiden kauerten in Mias Hütte in der Nähe eines kleinen Herdfeuers beisammen. Der flackernde Schein tauchte den Raum in warmes Licht, während der Rauch der Kochstelle sich mit dem herzhaften Duft des Hammeleintopfs vermischte. Mia nahm den Topf vorsichtig vom Feuer und stellte ihn auf einem Tisch in der Nähe ab, während Wilbur einen frischen Laib Brot aus seinem Beutel zog. Mia ließ sich auf einen Stuhl fallen und nahm ein Messer von ihrem Gürtel, um das Brot zu schneiden. Wilbur runzelte die Stirn. „Bitte sag mir, dass du das geputzt hast, seit du heute Morgen damit im Schafpferch Seile geschnitten hast. Oder seit du damit den Hammel für den Eintopf zerlegt hast. Oder seit du dir vor drei Monaten die Haare damit geschnitten hast.“

Mias Miene verfinsterte sich ein wenig. „Das ist mein bestes Messer. Vielseitig verwendbar.“

Wilbur zuckte die Schultern, holte ein paar Schüsseln vom nahen Regal und setzte sich, um sich eine gehörige Portion Eintopf aufzutun. „Weißt du überhaupt, wie du ihn erreichen kannst?“ Mia blickte verwirrt auf. „Deinen Vater, meine ich.“

„Ich weiß, bei welchem Zweig des Schildvolks in Durnau er ist“, sagte sie und steckte das Messer weg. Sie tunkte das Brot in den Eintopf und nahm einen Bissen. Sie staunte immer wieder, wie viel besser er schmeckte, wenn Wilbur bei der Zubereitung half.

„Hat er dir je geantwortet?“ Wilbur beobachtete Mia aufmerksam und rührte seinen Eintopf nicht an.

„Ich habe ihm nie geschrieben.“

„Wieso?“

„Ich wollte ihn nicht mit Nichtigkeiten langweilen.“ Mia aß einen weiteren Löffel Eintopf und deutete auf Wilburs Schüssel. Wilbur grummelte und aß seinerseits einen Löffel.

„Wirst du ihm denn jetzt schreiben?“

Mia aß weiter und versuchte, sich ihre Gereiztheit nicht anmerken zu lassen. Wilbur schien sie nicht aufzufallen.

„Glaubst du, dass er kommen wird? Und die anderen mitbringt? Ich meine, ich glaube nicht, dass selbst er es ohne Hilfe mit dem Gitrog aufnehmen könnte ...“

„Ich weiß es nicht!“ Mia schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich weiß nicht mal, ob ich ihm überhaupt schreiben werde.“

„Aber ... ich meine, das ist doch seine Aufgabe, oder? Ungeheuer zur Strecke zu bringen?“

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Mia stand auf und warf verzweifelt die Hände in die Luft. „Wir wissen noch nicht einmal, ob es überhaupt ein Ungeheuer gibt!“

Wilbur glotzte Mia verdutzt an. „Du glaubst das immer noch nicht?“

„Ich weiß es noch immer nicht mit Gewissheit. Es sind doch alles nur Geschichten ...“

Nun stand auch Wilbur auf. Ein leichter Ärger hatte sich in seine Stimme geschlichen.

„Mein Vater hat es gesehen! Veryl hat es gesehen! Mia, ich weiß nicht, warum du dich weigerst –“

„Veryl ist ein Dummkopf, und dein Vater ist ... dein Vater.“ Mia schaute Wilbur in die Augen. Die beiden standen sich mit geröteten Gesichtern und erregten Gemütern am Tisch gegenüber. Ungeachtet der Hitze ihrer Auseinandersetzung kam Mia nicht umhin zu bemerken, dass sie nun einander auf Augenhöhe begegneten. Noch im letzten Sommer hatte sie ihn um eine Handbreit überragt.

„Mein Vater ist was, Mia?“

„Ein Ältester. Es ist seine Aufgabe, erst einmal das Schlimmste anzunehmen“, wich Mia aus.

„Er sagt, dass er ihn gesehen hat. Er erlässt keine Anordnungen, nur weil er das Schlimmste annimmt. Er hat ihn gesehen.“

„Es sei denn, er hat ihn nicht gesehen.“ Mia setzte sich wieder und aß weiter von Wilburs Eintopf.

„Nennst du meinen Vater einen Lügner?“ Der Schmerz in Wilburs Stimme schnitt viel tiefer als das wütende Geschrei zuvor.

„Menschen machen Fehler. Sie sehen Dinge im Nebel. Das war schon immer so. Ein Jäger muss unterscheiden können, ob –“

Wilbur stöhnte. „Hör auf, so zu reden, Mia! Du bist kein Jäger!“

„Und du bist kein Fischer!“ Mias Augen blitzten wütend.

Wilburs Brauen zogen sich kurz zornig zusammen, doch dann glättete sich seine Stirn wieder und er seufzte.

„Keiner von uns ist das mehr. Ein Fischer, meine ich. Nicht, solange keine Hilfe von der Kirche kommt.“ Wilbur ging zum Topf, schnappte sich Mias leere Schüssel und füllte sich neuen Eintopf auf. Mia runzelte die Stirn. Dieser dumme Wil. Er blieb nicht einmal lange genug wütend für einen richtigen Streit. Sie löffelte sich Eintopf in den Mund, während Wil sich wieder setzte.

Beide aßen eine Zeit lang schweigend. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

„Es sind nicht nur Geschichten.“

Mia blickte Wilbur neugierig über ihre Schüssel hinweg an. Wilbur starrte in seine. „Boote werden zerstört. Besitz beschädigt. Und seit Kurzem verschwindet Vieh. Vater meint, wir haben Glück, dass noch kein Mensch zu Schaden gekommen ist.“

Mia hielt inne. Ihr fehlendes Schaf ...

Wilbur blickte auf. „Bitte, Mia. Du musst mir glauben. Oder zumindest so tun. Nur um ... sicherzugehen? Ich ... Ich will nicht, dass dir etwas zustößt.“

Mia zögerte. Wilbur blickte sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit an wie auf dem Markt. Eine Ernsthaftigkeit, die auf einem derart vertrauten Gesicht sonderbar fremd schien. Sie ließ ihn älter wirken. Sie gab ihr das Gefühl ... Mia wusste nicht so recht, was sie in ihr auslöste. Daher schaute sie einfach weg.

„Du hast recht“, seufzte sie. „Ich sage nicht, dass ich überzeugt bin“, fügte sie hinzu, als ihr aus dem Augenwinkel Wilburs wachsende Begeisterung auffiel. „Aber es gibt genug Grund zum Zweifeln. Die Möglichkeit besteht. Und in dem Augenblick, in dem wir uns vom Unwahrscheinlichen zum Möglichen bewegen, müssen wir wachsam sein. Nun sind Wachsamkeit und Fleiß gefragt – wenn du auf Wache bist, ist kein Geräusch harmlos und kein Schatten darf ignoriert werden.“

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„Warum redest du immer so, als würdest du irgendein Handbuch für Jäger zitieren?“ Wilbur stützte den Kopf in die Hand, hob eine Augenbraue und ließ ein schiefes Lächeln über sein Gesicht huschen.

„Ich bin vielleicht noch keine Jägerin, aber in nur zwei Monaten werde ich fünfzehn.“ Mia ging zum Schrank hinüber und begann, darin herumzuwühlen – teils, um etwas darin zu finden, und teils, um nicht weiterhin Wilburs dummes Gesicht sehen zu müssen. Sein dummes, einfältiges, freundliches, süßes Gesicht.

„Du willst dich dem Schildvolk anschließen?“

Mia schob einige alte Pergamente und Bücher beiseite und suchte weiter. „Ich will es versuchen. Ich habe nicht die Absicht, mich den Rest meines Lebens um Schafe zu kümmern. Aha!“ Mia drehte sich um und brachte eine kleine Truhe an den Tisch. Trotz ihrer Schlichtheit wirkte sie robust – Eichenholz, eiserne Beschläge, ein schweres Schloss. Mia griff nach der Kette, die in ihrer Bluse verborgen war, nahm den Schlüssel und schloss die Truhe auf.

„Oh, schau mal einer an.“ Wilburs Augen weiteten sich, als sie eine kleine Armbrust mit silbernen Verzierungen aus der Truhe hervorzog. Die feine Handwerkskunst war selbst im schwachen Kerzenlicht nicht zu verkennen. Heilige Runen verzierten beide Seiten des Griffs. Obwohl sie schlank und leicht war, spürte Mia die Macht dieser Waffe, als sie mit geübter Hand die Sehne spannte. Sie legte die Armbrust an und richtete sie auf das Fenster, während ihr Finger leicht über den Abzug streifte. Ein dumpfes Schwirren erklang, und von der schwingenden Sehne aufgewirbelter Staub flimmerte im flackernden Licht.

„Gehört sie deinem Vater?“

„Sie gehört mir.“ Mia grinste. „Du glaubst doch nicht, dass Olgard, der berühmte Schildträger des Schildvolks, die Peinlichkeit ertragen könnte, eine wehrlose Tochter zu haben, oder?“

„Ich weiß wohl, dass du bei einem Kampf gut zurechtkommst. Ich dachte nur nicht, dass du weißt, wie man schießt.“ Wilbur lehnte sich zurück und bewunderte die Waffe. „Warum hältst du sie unter Verschluss?“

„Waffen fördern Spannungen und Gefahren, selbst wenn es im Vorfeld nicht einmal welche gibt.“ Mia nahm den Köcher mit Bolzen hervor und zählte die Geschosse. „Halte deine Waffe nur bereit, wenn es nötig ist. Ziehe sie nur, wenn du musst.“

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Wilbur schüttelte grinsend den Kopf. „Ich glaube, schon bald kann keiner von uns dir mehr sagen, du sollst nicht wie eine Jägerin reden.“

„Das will ich doch sehr hoffen.“ Mia nahm Armbrust und Köcher und ging zu der kleinen Nische im hinteren Teil des Raumes, wo ihr Bett stand. Als sie zurückkehrte, hatte Wilbur bereits die Schüsseln abgeräumt. Er lächelte ihr zu.

„Danke, Mia. Selbst wenn du das nur für mich tust.“

„Jetzt bilde dir bloß nichts ein.“ Mia grinste ihn an und achtete nicht weiter auf das flaue Gefühl in ihrem Magen.

Wilbur stand auf. „Du wirst schon sehen. Die Kirche wird Hilfe schicken. Oder falls du dich doch entschließt, diesen Brief zu schreiben, kommt dein Vater bald zurück. In der Zwischenzeit werden wir alles tun, was wir können, um den Gitrog in Schach zu halten.“

„Wenn es ihn denn gibt.“ Mia konnte sich nicht zurückhalten. Wilbur überging ihre Bemerkung dankbarerweise.

„Ich vertraue darauf, dass mein Vater alles tut, um uns zu beschützen.“

Wilbur schaute sie wieder ernst an.

„Und ich tue auch alles, um uns zu beschützen.“

Mia ging auf ihn zu, bis ihre Nasenspitzen einander beinahe berührten.

Dann legte sie ihm eine Hand auf die Stirn und gab ihm einen leichten Schubs.

Wilbur lachte überrascht auf und stolperte einen Schritt zurück. Mia verdrehte die Augen.

„Raus aus meinem Haus, Wil. Pass auf, dass der Gitrog dich nicht auffrisst, wenn du im Dunkeln heimgehst.“

Wilbur grinste und winkte ihr zum Abschied, ehe er sich umdrehte und die Hütte verließ. Mia ging zur Tür und sah zu, wie er in der Nacht verschwand.

Ja. Das war die richtige Antwort auf sein dummes Gesicht.
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Die Heiterkeit dieses Abends währte nicht lang. Tage wurden zu Wochen, die kalt und trüb dahinkrochen. Als der Winter nahte, streckte der Nebel seine grauen Hände weiter und weiter vom See her aus, um nach dem Dorf zu greifen, bevor die schwache Sonne ihn zurück zum Ufer treiben konnte. An kälteren Morgen erreichte er sogar Mias Hütte auf dem Hügel.

Mia behielt ihre Armbrust nachts neben ihrem Bett und nahm sich die Zeit, um an ihrer Treffsicherheit zu üben.

In all der Zeit kam kein Jäger der Kirche. Bald blieben die Händlerkarren ganz aus, und mehr und mehr Fischer lungerten zusammengekauert, grummelnd und flüsternd auf dem Marktplatz herum. Mia gab nach und schrieb ihrem Vater. Ein Dutzend Entwürfe zerknüllte sie, bevor sie eine kurze und förmliche Bitte um Hilfe entsandte.

Sie erhielt keine Antwort. Kurz darauf kam auch der Postreiter nicht mehr ins Dorf. Innerhalb von zwei Tagen wurde die Geschichte, der Gitrog habe ihn gefressen, vom Gerücht zur Erzählung zur Tatsache. Mia dachte sich, der arme Bursche hatte angesichts der Kälte vielleicht einfach nicht die beschwerliche Reise in irgendein entlegenes Dorf auf sich nehmen wollen. Wahrscheinlich hatte er stattdessen beschlossen, den Winter in Durnau zu verbringen.

Es gab jedoch eine Menge Gerüchte über den Gitrog, für die Mia keine so einfache Erklärung fand. Bis zum ersten Schneefall waren drei weitere Schafe verschwunden. Jedes Mal war der Zaun an einer anderen Stelle zerstört – als würde jemand die Belastbarkeit ihres Pferchs auszuloten versuchen. Oder, wie Mia sich selbst gemahnte, verängstigte Schafe brachen einfach nur an verschiedenen Stellen des Zauns durch. Doch wovor hatten sie Angst? Beim letzten Mal hatte sie den Zaun des Nachts bersten hören, aber als sie aus der Hütte gestürmt war, die Armbrust in der Hand, war dort nichts weiter zu finden als zersplittertes Holz und beunruhigtes Blöken.

Danach hatte sie sich endlich durchgerungen, den örtlichen Zimmermann darum zu bitten, ihr dabei zu helfen, den Zaun ihres Pferchs zu verstärken, und das Geld, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte, dafür anzurühren. Obwohl sie es hasste, etwas auszugeben, was sie nicht selbst verdient hatte, wusste sie, dass sie Glück hatte, einen solchen Notgroschen zu besitzen. Die Fischer, die schon seit Beginn der Jahreszeit vom See verbannt waren, hatten mit Einsetzen des Schneefalls arge Mühe, ein Auskommen zu finden. Viele vertrauten auf die Hilfsbereitschaft ihrer Nachbarn – doch die kargen Felder des Dorfes brachten kaum genug Nahrung für alle hervor. Die Zahl der Kämpfe in der Dorfschenke nahm zu. Die Flüche auf den Gitrog wurden lauter. Mehr und mehr Dorfbewohner zogen sich früher und früher am Abend in ihre Häuser zurück, versperrten die Türen und vernagelten die Fenster, als der hartnäckige Nebel dichter und dichter herankroch als je zuvor.

Währenddessen schien Wilbur Recht damit zu behalten, als er gemeint hatte, sein Vater würde gewiss etwas unternehmen. Als der Winter strenger wurde, begannen bewaffnete Männer und Frauen auf den Straßen zu patrouillieren. Einige trugen Fackeln und Klingen, doch viele hielten nur eine Mistgabel oder ein Fleischermesser in Händen. Sie trugen stets schwere Mäntel, deren Kapuzen sie sich tief in die Gesichter zogen – zum einen als Schutz vor der Kälte, zum anderen jedoch auch als Uniform. Mia wusste nicht so recht, was ein Bäcker mit einem Brotmesser gegen den Gitrog ausrichten sollte. Es nagte an ihr, bis sie eines Nachmittags den Fehler beging, Wilbur danach zu fragen.

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„Es sind Patrouillen. Zusätzliche Augen. Du hast es doch selbst gesagt, Mia. ‚Wachsamkeit und Fleiß.‘ Wir passen auf und schlagen Alarm, wenn wir etwas sehen.“ Wilbur wirkte gereizt, seine schlaksige Gestalt triefte vor Nässe ob des Regens.

„Ich frage mich nur, ob es tatsächlich etwas nützt.“ Mia fragte sich außerdem, warum er sich weigerte, Mantel und Stiefel auszuziehen. Oder sich zu setzen. Oder zu lächeln.

„Ich habe mich nur gefragt, ob du mir etwas Wolle verkaufst, damit ich nach Hause gehen kann.“

„Du bleibst nicht zum Essen?“

„Manche von uns haben sich noch um anderes zu kümmern als nur um sich selbst.“ Wilbur verschränkte die Arme vor der Brust, und Mia fragte sich, wann er ihr über den Kopf gewachsen war.

„Was denn? Musst du so herumlaufen und deine Angelrute schwingen, um die Leute zu beschützen?“ Die Worte waren schon heraus, bevor ihr Herz sie anflehte, doch bitte lieber zu schweigen.

„Es gibt Dinge, die ich dir nicht erzählen kann. Du hast nur einen oberflächlichen Einblick darin, was wir tun, um das Dorf zu beschützen und um die Menschen am Leben zu halten, und alles, was du tust, ist spotten.“

Die Wahrheit in seinen Worten schabten ihr wie Sandpapier übers Herz und ließen es blutig und zerschunden zurück.

„Warum bist du noch hier, Mia?“

Mia betrachtete die strenge Linie seines Mundes, seine gerunzelte Stirn und seine kalten, fragenden Augen. Ihr Magen grollte mit einer Mischung aus Ärger und Traurigkeit, während Bitterkeit ihr in der Kehle aufstieg. Wilbur fuhr fort: „Warum hast du dich nicht zum Hauptquartier des Schildvolks aufgemacht, um deine Prüfung abzulegen und uns zurückzulassen, so wie dein Vater es getan hat?“

„Ich bin nicht mein Vater. Und ich ... Ich bin noch nicht fünfzehn.“

Wilbur lachte und Mias Herz krampfte sich zusammen. Dieses Lachen hatte sie noch nie von ihm gehört – bar jeder Freude und voller Dolchspitzen.

„Du wusstest, dass es vor deinem Geburtstag zu schneien anfangen würde. Du wusstest, dass es danach so gut wie kein Durchkommen mehr über den Pass geben würde. Wenn du die Prüfung wirklich ablegen wolltest, hättest du dich schon längst auf den Weg gemacht.“ Seine Worte trafen sie so kalt und beißend wie die klirrend kalte Luft. „Du hast Angst. Angst davor, dass du zu nicht mehr imstande bist, als all diese Regeln auswendig zu lernen und dich aufzuspielen.“

Mia griff nach einem Bündel Wolle und warf es nach ihm. „Nimm es. Raus hier.“

Wilbur fasste nach der Geldkatze an seinem Gürtel, doch Mia versetzte ihm einen kräftigen Stoß. „Ich sagte: ‚Raus hier!‘ Behalte das Geld deines Vaters. Ich will es nicht.“

„Du meinst, du brauchst es nicht.“

Mia biss sich auf die Lippe. Es war ihre Schuld, dass er genau wusste, womit er sie am heftigsten kränken konnte.

Wilbur drehte sich mit der Wolle unter dem Arm um und warf die Geldkatze hinter sich auf den Boden, als er über die Schwelle trat. Die Münzen fielen heraus und verteilten sich klimpernd über den Boden.

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