Shadows over Innistrad

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Judge Fredd
Freiherr
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Di 29. Mär 2016, 22:16

FORTSETZUNG:

Mia legte eine Pause ein. Trotz der Kälte schwitzte sie. Das war das dritte Mal, dass sie heute das Wasser für ihre Schafe wechseln und das Eis aufbrechen musste, das sich in den Trögen bildete. Daneben und ob all der anderen Besorgungen und Hausarbeiten, die sie zu erledigen hatte, blieb ihr kaum Zeit zum Verschnaufen. Die Sonne versank bereits hinter dem Horizont und warf ein paar letzte, schwache Strahlen an den Himmel voll bleierner Wolken. Der Wind heulte, als sie zu ihrer Hütte zurückkehrte, und fuhr ihr durch ihren Mantel bis ins Mark.

Wenigstens schneit es nicht, dachte sie.

Zwei Stunden später sah sie durchs Fenster zu, wie das weiße Wirbeln langsam die Landschaft einhüllte. Natürlich. Welch passendes Ende für einen kalten und elenden Geburtstag.

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Sie hatte gehofft, es noch ins Dorf zu schaffen, gehofft, einen Weg zu Wilburs Haus zu finden. Seit ihrem Streit hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Die verstreichende Zeit wog mit jedem Tag schwerer und nährte das Schweigen zwischen ihnen und verbreiterte die Kluft, die sie nun trennte. Obwohl sie wenig Hoffnung hegte, hatte sie doch geglaubt, dass ihr Geburtstag womöglich dafür sorgte, dass Wilbur sie besuchte, wie er es sonst immer getan hatte.

Sie seufzte und legte mit dampfendem Atem die Stirn gegen die Fensterscheibe.

Sie wusste nicht, wann sie weggedöst war. Sie wusste nur, dass etwas sie einige Zeit später weckte.

Sie streckte sich. Das Feuer war zu warm leuchtender Glut heruntergebrannt, und draußen zeichnete das fahle Mondlicht die Umrisse der Landschaft so scharf nach wie ein Scherenschnitt. Der Sturm war klarer Kälte gewichen, und Sterne funkelten am Himmel. Alles wirkte so friedlich. Doch was hatte sie aufgeweckt?

Dann hörte sie es erneut.

Ein lautes Bersten erklang vor der Hütte. Mia setzte sich ruckartig und mit rasendem Herzen auf. Sie lauschte und spähte ins silbrige Halbdunkel – alle Sinne geschärft, die Gedanken rasend. Stille. Nichts als Stille.

Sie holte tief Luft und lehnte sich zurück. Schon sank ihr der Kopf wieder schläfrig auf den Arm. Es war wahrscheinlich nur ein gefrorener Baum, der zerbarst, als sein Harz sich in der Kälte ausdehnte. Nichts, weswegen man sich Sorgen zu machen brauchte, wenn da nichts and...

Urplötzlich sprang Mia auf, griff nach ihrer Armbrust, warf sich den Mantel über und rannte nach draußen, während Angst und Grauen sich ihr wie Eisenbänder um die Brust legten.

Es war nicht das Geräusch, das sie erschreckte.

Es war die Stille, die darauf folgte.

Kein Blöken erschreckter Schafe. Kein Klingeln von Glöckchen. Selbst als sie in den Schnee hinausrannte, hörte sie nichts. Sie hielt die Armbrust schussbereit und verlangsamte ihre Schritte zu einem zügigen Gehen, als sie sich dem Pferch näherte.

Der Anblick, der sich ihr bot, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Die gesamte Seite des Pferchs lag in Trümmern, die Zaunpfähle sauber aus dem Boden gerissen. Zersplitterte Bretter lagen im Schnee verstreut, und während sie noch hinsah, knickte einer der Stützpfeiler am Unterstand weg, dessen Vordach in sich zusammenbrach.

Langsam schlich Mia näher, noch immer bangend und hoffend, obwohl sie schon wusste, was sie erwartete. Als sie vorsichtig in den Pferch trat, wurden ihre Befürchtungen bestätigt.

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Kein einziges Schaf war mehr zu sehen. Stattdessen bedeckten Blut und Eingeweide den Boden und beschmierten die wenigen verbliebenen Bretter. Kalter Wind fegte durch die Trümmer, und der beißende Geruch von Innereien traf sie. Sie krümmte sich. Die Armbrust fiel zu Boden, als sie sich die Ärmel ihres Mantels vor den Mund presste und versuchte, ihren Magen zu beruhigen.

Als sie sich wieder gefangen hatte, zog eine seltsame Form im Schnee ihren Blick auf sich. Sie sprang mit erhobener Armbrust auf und blinzelte das ... Ding ... an. Sie verfluchte sich, dass sie keine Fackel mitgebracht hatte, und bewegte sich leicht zur Seite, um ihren Schatten zu verlagern.

Das bleiche Mondlicht fiel auf einen gewaltigen Fußabdruck im frischen Schnee. Sie ging näher heran. Der Abdruck sah wie ein großer Fuß mit Schwimmhäuten und drei krallenartigen Spitzen an einem Ende aus. Als sie sich im Pferch umschaute, erblickte sie weitere Abdrücke dieser Art zwischen Schleifspuren und Blutlachen.

Der Gitrog.

Mias Herzschlag dröhnte ihr in den Ohren, als sie in die Weite hinausblickte. Eine breite Schneise aus Schleifspuren und dreizehigen Fußabdrücken führte vom Pferch weg in Richtung des Waldes unweit des Sees.

Ein Schwindel drohte sie zu erfassen. Es gab den Gitrog wirklich! Er hatte ihre Herde verschlungen. Und das bedeutete auch, dass er ziemlich weit vom See entfernt unterwegs war. Und das bedeutete, dass er wahrscheinlich auch im Dorf gewesen war! Sie musste Wilbur Bescheid sagen. Sie musste sich entschuldigen. Sie musste ihn warnen! Sie machte sich mit im Schnee knirschenden Stiefeln auf ihren Marsch in Richtung der schwachen Lichter in der Ferne, als eine hartnäckige Stimme in ihrem Kopf sie zum Anhalten brachte.

Wenn eine Bedrohung seitens eines Ungeheuers und nicht seitens eines Menschen als gesichert gilt, so muss ein Jäger das Ungeheuer verfolgen und es unschädlich machen. Halte es fern von Dörfern und Städten – vermeide die Panik und das Chaos verängstigter Unschuldiger.

Mia stand da und ihr Atem gefror zu bleichen Wolken, während sie hin- und hergerissen war, was sie denn nun tun sollte. Zweifellos gab es keine Möglichkeit, dass sie mit so etwas wie dem Gitrog allein fertigwurde. Dem Dorf keine Warnung zukommen zu lassen, erschien ihr unfassbar töricht. Sie musste mit Wilbur – oder vielmehr mit dessen Vater – sprechen. Kalim und die Ältesten würden wissen, was zu tun war.

Doch würden sie ihr überhaupt helfen? Nach all ihren Zweifeln? Und selbst wenn: Was konnten sie schon ausrichten? Der Anblick von Bäckern und Bauern, die mit Brotmessern und Mistgabeln bewaffnet waren, tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Wenn der Gitrog ihre gesamte Herde ohne ein Geräusch verschlingen konnte ...

Mia blickte auf die Armbrust in ihrer Hand herunter. Das Silber glänzte im Mondlicht. Sie strich mit den Fingern über die Runen, die an der Seite eingraviert waren. Sie griff nach ihrer Hüfte und legte die Hand auf das Heft des langen Dolches dort. Die vertraute Klinge war deutlich häufiger als Messer verwendet worden, doch ihre Schneide aus kalt geschmiedetem Eisen war dazu gedacht, Geistern und Hexen den Garaus zu machen.

Sie hatte immer davon geträumt, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und eine Jägerin zu werden. Er jedoch hatte sie hier, wo es „sicher“ war, zurückgelassen und ihr eine Herde gegeben, mit der sie sich zerstreuen – nein, ablenken – sollte. Ihre Waffen staubten ein oder wurden zu Haushaltswerkzeugen, obgleich sie versuchte, ihre Fähigkeiten auf eigene Faust weiter zu verfeinern. Und da war sie nun: fünfzehn Jahre alt und unvermittelt im Angesicht einer großen Gefahr. Sie hatte die Rolle der Schäferin viel zu lange gespielt, während sie auf die Erlaubnis wartete, zu dem zu werden, wozu ihr innerster Wesenskern sie antrieb.

Mia holte tief Luft durch die Nase. Die Kälte half ihr, ihre Aufmerksamkeit besser zu bündeln. Das war er nun. Ihr erster Schritt dabei, zur Jägerin zu werden. Eine praktische Prüfung. Selbst wenn sie dem Gitrog nicht selbst den Garaus machen konnte, konnte sie ihm zumindest nachstellen, mehr über seine Gewohnheiten lernen oder ihn vielleicht sogar zu Gesicht bekommen, wenn er zurück in den See glitt – und dann konnte sie dieses Wissen zu Kalim oder ihrem Vater und dem Schildvolk von Durnau tragen.

Mia schulterte die Armbrust und folgte den Spuren. Ihre leichtsinnige, aus Angst geborene Eile verlangsamte sich zugunsten eines umsichtigeren Vorgehens.
__________

Es ergab alles keinen Sinn.

Sie war den Spuren in den Wald gefolgt. Das war nicht schwer gewesen, da der Gitrog kaum etwas unternommen hatte, um seine Anwesenheit zu verbergen. Die Spuren hörten jedoch schon kurz hinter der Baumgrenze einfach auf. Das ergab keinen Sinn, es sei denn, der Gitrog konnte auf Bäume klettern oder sich in gefrorenen Boden hineingraben. Etwas, was derart große Fußspuren hinterließ, verschwand nicht einfach.

Sie beugte sich nach unten und betrachtete die Spuren etwas genauer, um ihre Suche danach auf die nähere Umgebung auszudehnen. Und da fand sie ihn: einen frischen Fußabdruck in einiger Entfernung von dort, wo die Spur des Gitrogs geendet hatte. Zunächst befürchtete sie, dass er jemanden gefangen hatte. Der schwache, einzelne Abdruck deutete jedoch nicht auf einen Kampf hin. Irgendetwas ging hier nicht zusammen.

Mia hielt erneut die Armbrust schussbereit und machte sich von dem Fußabdruck aus mit gespitzten Ohren auf die Suche nach Hinweisen. Nur zwei Spannen entfernt fand sich eine Reihe weiterer Fußabdrücke und Schleifspuren – aber sie stammten nicht von dem Gitrog. Menschliche Spuren vermischten sich mit langen Furchen wie von den Kufen eines Schlittens. Sie führten in Richtung des Sees.

Mias Furcht wurde durch Wut ersetzt. Sie ging schneller. Ihr Blick huschte zwischen den Spuren und der Umgebung hin und her. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, einen Angriff vorzutäuschen, falsche Spuren zu legen und seine eigenen zu verwischen. Jemand wollte sie wie eine Närrin aussehen lassen. Jemand hatte ihre Schafe dahingemetzelt.

Jemand würde dafür bezahlen.

Die Spuren führten sie beinahe geradewegs zum See. Als sie sich ihm näherte, machte sie langsamer. Flackernder Fackelschein tanzte am Ufer umher. Sie huschte von Baum zu Baum und hielt sich versteckt. Bald war sie nahe genug heran, um Stimmen durch die kalte Nachtluft klingen zu hören. Die Fackeln erhellten eine Reihe von Gestalten, alle in dunkle Mäntel gekleidet und die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen. Mia konnte weder einzelne Gesichter ausmachen noch die gesprochenen Worte verstehen. Die Vermummten standen im Kreis, die Köpfe gesenkt und in einen dumpfen Singsang vertieft. Einen Augenblick später kletterten sie in ein nahes Fischerboot von beachtlicher Größe. Lehrens Boot, erkannte Mia mit sinkendem Mut. Was spielte sich hier bloß ab?

Mia sah zu, wie die vermummten Gestalten an Bord gingen. Sie knirschte mit den Zähnen und unterdrückte einen Wutschrei, als sie sah, wie jede von ihnen kurz anhielt, um das, was sie von einem Schlitten in der Nähe herbeitrugen, abzuladen: Schafskadaver. Sie legte einen Bolzen auf, bereit, lautstark eine Erklärung zu fordern, als ein merkwürdiger Anblick sie innehalten ließ.

Eine der Gestalten stand auf der Laderampe und versperrte den Weg. Selbst von ihrem erhöhten Standpunkt aus wirkte die Gestalt auf der Rampe im Vergleich zu der vor ihr, die einen imposanten Schatten im Mondlicht warf, geradezu zwergenhaft. Die größere Gestalt beugte sich vor und flüsterte derjenigen auf der Rampe etwas zu, ehe sie anschließend weiterging. Die beiden stießen mit den Schultern aneinander, und das Gesicht der Gestalt auf der Rampe wurde vom Mondlicht erfasst. Mia unterdrückte einen Aufschrei, als Wilbur einen letzten Blick in den Wald warf, bevor er an Bord ging.

Unzählige Fragen schossen ihr durch den Kopf – doch dafür hatte sie jetzt keine Zeit, da das Boot begann, sich vom Ufer zu entfernen. Sie schlang sich die Armbrust über die Schultern und rannte los, um im Sprung das ablegende Boot einzuholen und sich an eine kleine Leiter an dessen Heck zu klammern. Sie war sicher, dass man sie entdecken würde, aber als sie an Deck spähte, sah sie, dass die meisten der Gestalten sich zum Bug begeben hatten und nach vorn blickten. Ein paar von ihnen hielten Fackeln und Laternen, die die Gruppe schwach beleuchteten. Nur ein Vermummter stand in ihrer Nähe, und dessen Augen waren fest auf den Horizont gerichtet, während er das Boot lenkte. Zwei weitere stakten an jeder Seite und stießen Eisschollen vom Boot weg. Mias Fußspitzen wurden ins Wasser getaucht, als das Boot rollte, und sie kletterte eine Sprosse höher. Weiter hinauf wagte sie sich nicht.

Während sie sich am Schiff festklammerte, konnte sie Stimmen erhaschen – vertraute Stimmen, die sie schon unzählige Male gehört hatte. Sie sprachen über das Wetter und die eisigen Bedingungen, als würden sie auf dem Marktplatz miteinander plaudern. Wären da nicht die Mäntel und die Kapuzen und der Haufen toter Schafe gewesen, der in der Mitte des Decks aufgeschichtet war, hätte man glauben können, dies wäre ein ganz gewöhnlicher Ausflug auf den See. Alles wirkte unwirklich – wie ein schrecklicher Traum, der zum Leben erwacht war.

Sie war nicht sicher, wie lange sie sich schon an den Rand des Bootes klammerte. Es wurde kälter, als sie weiter aufs Wasser hinausfuhren, und der Nebel dichter. Gerade als sie glaubte, sich nicht länger festhalten zu können, endete die Fahrt des Schiffes plötzlich. Mia blickte sich um. In alle Richtungen verschleierte grauer Nebel ihren Blick. Das Wasser wirkte ruhig. Nur ein paar zerklüftete Eisschollen dümpelten in der Nähe.

„Wir sind da“, verkündete eine tiefe Stimme. Mia kannte diese Stimme und sie erahnte das Gesicht dazu, schon ehe sie über das Deck blickte und noch bevor sie sah, wie Kalim die Kapuze zurückzog und sich vor die versammelte Menge stellte.

„Brüder und Schwestern, heute Nacht bringen wir ein Opfer in der Hoffnung, dass es uns Frieden beschert. Heute Nacht bieten wir das dar, was von einer Ungläubigen gegen ihren Willen gegeben wurde. Heute Nacht beschenken wir den Gitrog mit den Schafen der Tochter des Jägers.“

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Flüche und dunkles Gemurmel erklangen unter den vermummten Gestalten, doch da hörte Mia schon nicht mehr hin. Sie hatte sich über die Reling des Bootes gezogen und den Griff ihrer Armbrust auf das gerichtet, von dem sie sehr sicher war, dass es sich dabei um Lehrens Hinterkopf handelte. Nur ein schneller, gezielter Schlag, dachte sie.

Die Gestalt stieß ein trauriges, keuchendes Husten aus. Mia verzog das Gesicht. Sie konnte keinen schwachen alten Mann schlagen.

Einen schwachen alten Mann, der dem halben Dorf dabei geholfen hat, deine gesamte Herde abzuschlachten.

Sie seufzte. Lehren begann, sich umzudrehen.

Ein dumpfer Schlag. Ein Aufprall.

Lehren ging wie ein nasser Sack zu Boden. Sofort drehte Mia die Armbrust um und zielte auf die Gruppe von Vermummten – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sie begannen, die Schafe über Bord zu werfen.

„Was zum Henker macht ihr da?!“

Beinahe gleichzeitig wandten sich sämtliche Vermummten um und starrten sie an. Niemand sprach auch nur ein Wort. Mia machte unruhig einen Schritt zurück und nahm die Armbrust ein Stückchen höher.

„Du verstehst das nicht, Kind.“ Kalim beendete das Schweigen und ging auf sie zu. Er klang ruhig und beherrscht. Sie richtete die Armbrust auf ihn und Kalim blieb stehen.

„Du hast mir einiges zu erklärten“, knurrte sie, „und mich für einiges zu entschädigen.“

„Deine Schafe dienen dem Gemeinwohl“, sagte Kalim. Viele der vermummten Gestalten murmelten zustimmend und wiederholten Kalims Worte.

„Und welches Wohl ist das?“ Sie schwang die Armbrust herum, um auf eine Gestalt zu zielen, die sich auf sie zuzubewegen begann. Die Gestalt hielt inne, und von unter der Kapuze starrte Mia Veryls Gesicht entgegen. Sie erschauderte ein wenig, da sie es beinahe nicht erkannt hätte. Die Wangen wirkten eingefallen, und Veryls Blick huschte irr zwischen ihr und Kalim hin und her, um dann schließlich in irgendeine willkürlich anmutende Richtung zu schauen.

„Wir müssen den Gitrog besänftigen“, rief eine der Gestalten.

„Den Gitrog!“, wiederholte die Menge.

„Es gibt keinen Gitrog! Ihr habt meinen Pferch zerstört und meine Herde getötet!“ Eine plötzliche Erkenntnis überkam sie. „Ihr alle wart das, nicht wahr? Ihr habt meine Schafe getötet. Eins nach dem anderen, und nicht erst heute Nacht.“

„Sie sind das Einzige, was ihn aufhalten kann.“ Kalim kam wieder auf sie zu. Seine rechte Hand bewegte sich wie zufällig zu seiner Hüfte. Mia hob erneut die Armbrust, doch dieses Mal setzte er seine gemächliche Vorwärtsbewegung fort, um Mia Stück für Stück zurückzudrängen. „Das Einzige, was seinen Hunger stillen konnte. Das Einzige, was ihn davon abgehalten hat, uns heimzusuchen.“

„Du bist ja wahnsinnig. Du bist der Einzige, der ihn gesehen hat.“ Mia machte einen weiteren Schritt zurück. Ihre Ferse stieß an die Reling.

„Wir alle haben ihn gesehen. Was glaubst du denn, warum wir alle sonst hier sind? Wir haben die Wahrheit gesehen. Wir haben in seine Augen geblickt. Wir wissen, dass wir ihn nicht aufhalten können. Wir können ihn nur füttern, damit er uns nicht auffrisst.“ Kalim war fast bei ihr angelangt. Ihr Blick irrte zu den anderen Dorfbewohnern. Vertraute Gesichter, verzerrt von Schatten und Mondlicht, stierten sie von unter den Kapuzen heraus an. Sie wollte nicht auf Kalim schießen, aber wenn er nicht stehen blieb ... Plötzlich hatte sie einen Einfall.

„Dann zeig ihn mir.“

Kalim hielt an und musterte sie. Mia straffte die Schultern. „Zeig mir deinen Gitrog.“ Kalim blickte sie lange an.

Schließlich trat er einen Schritt zurück und winkte mit der Hand. Die anderen Dorfbewohner eilten zu dem Haufen toter Schafe, trugen die Kadaver zum Bug und begannen, sie über Bord zu werfen. Ein lautes Klatschen nach dem anderen durchbrach die Starre des Sees und die Stille der Nacht. Bald war nur noch ein blutiger Fleck auf dem Deck übrig. Die Vermummten traten von der Reling zurück. Mia hielt die Armbrust auf Kalim gerichtet und ging mit dem Rücken an der Reling entlang, bis sie an einer Seite zum Bug hinunterschauen konnte. Sie sah, wie sich eine tintige Schwärze im Wasser ausbreitete: das Blut der Schafe. Ein paar Bläschen drangen an die Oberfläche, und dann war sie wieder ruhig.

Eine angespannte Stille senkte sich über die Gruppe, die angestrengt das Wasser beobachtete.

„Nichts“, flüsterte Mia. „Da ist nichts.“

Sie wandte sich an die Dorfbewohner auf dem Boot. „Seht ihr es nun alle? So etwas wie den Gitrog gibt es ni...“

Ein plötzliches Aufwallen von Wasser und ein brüllendes Geräusch schnitten Mia das Wort ab. Der entsetzliche Klang knackender Knochen erklang vom Wasser, und die Dörfler bahnten sich kopflos und schubsend ihren Weg zum Heck des Bootes. Mia hingegen schob sich durch die verängstigte Menge und eilte zum Bug, um zu sehen, was dort vor sich ging.

Unweit des Bootes begann das Wasser zu brodeln. Mia kniff die Augen zusammen, um im Mondlicht erkennen zu können, was sich dort draußen befand. Als das Wasser sich wieder beruhigte, sah sie es. Das Ungeheuer. Den Gitrog.

Sie stieß ein verächtliches Schnauben aus.

„Das? Das ist er? Das ist der Gitrog?“ Sie blickte zu den Dorfbewohnern, die sich am Heck zusammenkauerten. „Das ist nur ... ein riesiger Frosch.“

Veryl lief zu ihr und schlug die Kapuze zurück. Ehe sie ihre Armbrust hochreißen konnte, griff er nach ihren Schultern und schüttelte sie heftig. In seinen Augen spiegelte sich blankes Entsetzen.

„Du verstehst das nicht, Mia! Wenn ihm die Schafe nicht reichen, dann werden wir alle –“

Mia fand nie heraus, was er sagen wollte. In diesem Augenblick wurde Veryl rückwärts vom Boot geschleudert und verschwand schreiend mit einem Platschen im Wasser. Mia verstand nicht, was gerade geschehen war – bis sie sah, wie der Gitrog erneut das Maul öffnete und ein dunkler, schmaler Schemen in Richtung des Bootes schnellte. Sie duckte sich, als das Ding über sie hinwegschoss und gegen den Mast schlug. Holzsplitter wirbelten umher. Während die Dorfbewohner schrien und wimmerten, begriff Mia, dass dieses Ding seine Zunge war.

Ein weiteres lautes Krachen ertönte, als der Gitrog einen neuerlichen Angriff unternahm. Dieses Mal schlug er ein ganzes Stück aus dem Mast. Als er die Zunge zurückzog, sprang Mia auf und zielte mit der Armbrust. Gerade als sie den Abzug betätigte, traf sie jedoch etwas von hinten und sie landete unsanft auf dem Deck.

Sie wälzte sich auf den Rücken und sah eine vermummte Gestalt, die ihre Beine umklammerte. „Was tust du denn?“, rief sie und versuchte, sich aus dem Griff zu winden.

„Du darfst den Gitrog nicht verärgern! Wir dürfen seinen Zorn nicht auf uns ziehen!“ Die Kapuze wurde im Gewühl heruntergerissen, und Mia erkannte den Bäcker des Dorfes, der ihre Beine umso fester umklammerte. Seine Stimme überschlug sich.

„Dazu ist es zu spät“, knurrte Mia und befreite eines ihrer Beine. Sie trat zu und traf den Bäcker mit einem vernehmlichen Knacken an der Nase. Er ließ sie los, und Mia rollte sich zur Seite, um sich aufzurappeln.

„Die Schafe besänftigen ihn nicht mehr!“ Sie blickte zurück zu den aufschreienden Dorfbewohnern.

„Er will mehr.“

„Verfüttern wir doch das Mädchen an ihn!“

„Was hast du da gerade gesagt?" Sie starrte die Frau an, die den letzten Satz gerufen hatte. Es handelte sich um die Gattin des Schmieds. Sarah, die ihr einmal Kekse zum Geburtstag gebacken hatte.

„Tötet sie! Ein Opfer für den Gitrog!“ Sarah stieß einen markerschütternden Schrei aus und stürzte sich mit einem garstig aussehenden Messer in der Hand auf Mia. Brüllend taten es die anderen ihr gleich und zogen ihre behelfsmäßigen Waffen. Mia stolperte rückwärts und legte einen neuen Bolzen auf ihrer Armbrust auf, während die irren Dörfler auf sie zukamen. Sarah hieb nach Mias Gesicht und kam mit jedem Schwung näher, ehe ein weiterer Angriff der Zunge des Gitrogs sie und zwei andere Dörfler über Bord fegte.

Schreie erschallten, die von plötzlichem Gurgeln und gedämpften Hilferufen erstickt wurden. In dem Aufruhr griff ein Paar Hände von hinten nach Mias Kehle und drückte zu. Mia schlug blindlings mit einem Ellenbogen um sich. Der Griff lockerte sich, und sie drehte sich um und schoss dem Angreifer in den Bauch.

Der Mann stolperte zurück und Mia erblickte vertraute, blaue Augen – Kyle, der Lehrling des Schumachers –, bevor eine weitere vermummte Gestalt sich mit zurückgezogener Kapuze auf sie stürzte: Terrance, Veryls jüngerer Bruder. Mia griff nach einem neuen Bolzen, doch er war schon über ihr. In der Hand hielt er ein Schwert. Mia stolperte zurück und fiel, als die Schwertspitze ihr einen blutigen Schmiss an der Schulter beibrachte. Terrance holte zum tödlichen Schlag aus, als ein anderer Vermummter ihm einen Knüppel auf den Hinterkopf drosch. Als Terrance zu Boden sackte, hatte Mia endlich einen Bolzen aufgelegt. Sie zielte auf die knüppelschwingende Gestalt, den Finger am Abzug.

„Warte! Mia, ich bin‘s!“ Die Gestalt schlug die Kapuze zurück und Mia schrie auf.

„Wilbur! Was ist –“

„Es tut mir so leid. Alles ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Wir haben bloß versucht, das Dorf zu beschützen, aber dann fingen sie an, deine Schafe zu stehlen ...“

Erneut krachte es laut hinter ihnen, als die Zunge des Gitrogs vorbeischnellte.

„Du hast ihn also früher schon gesehen?“

Wilbur schüttelte den Kopf. „Nur Luftblasen.“

Holzsplitter rieselten auf die beiden herab. Sie blickten auf – gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich die Zunge des Gitrogs zurückzog und ein riesiges Loch im Mast hinterließ. Mit einem langsamen, ächzenden Quietschen neigte sich der Mast, ehe er schließlich zerbrach und umkippte, wobei er erst gegen die Seite des Bootes und dann ins Wasser krachte.

„Erzähl es mir später.“ Mia griff nach seiner Hand, feuerte die Armbrust auf eine weitere Dörflerin ab, die mit einer Mistgabel auf sie zustürmte – Verna, das Blumenmädchen –, und rannte zum Heck des Bootes.

„Wo gehen wir hin?“, rief Wilbur.

„Ich ... Ich weiß es nicht!“ Mia blickte auf das sie umgebende Chaos. Mit jedem Schlag der Zunge des Gitrogs wurden weitere Dörfler ins Wasser geschleudert oder geschnappt und mit Haut und Haar verschlungen. Einige kauerten nur auf dem Boot und versuchten, sich zu verstecken. Ein paar wenige waren ins Wasser gesprungen und versuchten, davonzuschwimmen. Mia dachte ebenfalls darüber nach, über Bord zu springen, bis sie sah, wie ein Schwimmer – der Sohn des Ältesten Ethan – unter Wasser verschwand und nichts als ein paar Bläschen zurückließ.

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„Es gibt kein Entkommen.“ Mia und Wilbur wirbelten herum und sahen den Mann an, der diese Worte gesprochen hatte. Kalim stand vor ihnen und hatte den Blick auf Mia gerichtet.

„Vater! Was machen wir denn nun? Das ... Das ist Wahnsinn!“ Wilbur hielt Mias Hand noch immer fest umklammert, und selbst in all dem Aufruhr konnte sie seinen Puls durch seine Finger rasen spüren.

„Dein Vater hat recht“, sagte sie und blickte Wilbur mit plötzlicher Klarheit an. „Wir können nicht weglaufen. Wir müssen versuchen, ihn zu töten.“ Mia ließ Wilburs Hand los und hob die Armbrust. Sie legte einen Bolzen auf, während sie zu Kalim zurückschaute. „Das ist nun unsere einzige Hoffnung.“

Zu ihrer Überraschung lachte Kalim auf.

„Du bist eine Närrin. Du kannst den Gitrog nicht töten. Es bleibt nur noch eins zu tun.“ Kalims Augen verengten sich. „Eine Opferung.“

Kalim sprang nach vorn und hielt plötzlich sein Fischermesser in der Hand. Er hieb nach Mias Kehle. Mia stolperte überrascht zurück, fiel aufs Deck und konnte dem Angriff nur um Haaresbreite ausweichen. Sie krabbelte weiter nach hinten, als Kalim das Messer wie einen Eispickel hielt und sich auf sie stürzte. Mia rollte sich aus dem Weg dieses zweiten Angriffs und feuerte wild die Armbrust ab. Der Bolzen grub sich in Kalims Schulter, doch der Älteste schien es nicht zu bemerken. Er hieb erneut nach Mias Gesicht – gerade als Wilbur ihn ansprang und zu Boden rang.

Mia legte einen neuen Bolzen auf und zielte auf die beiden raufenden Männer. Sie konnte kein freies Schussfeld finden. In diesem Augenblick neigte sich das Boot mit einem plötzlichen dumpfen Schlag nach steuerbord. Alle drei drehten sich nach der Ursache des Geräuschs um. Sofort stoben Wilbur und Kalim auseinander und rappelten sich auf, wohingegen Mia ihre Armbrust herumriss und sich so schnell wie möglich zurückzog.

Der Gitrog kroch weiter auf das Boot. Seine mit Schwimmhäuten versehenen Füße wuchteten seinen Leib über die Reling und platschten nass auf das Deck. Kalim, Wilbur und Mia standen wie angewurzelt da und starrten ihn an. Der Gitrog glotzte mit leeren, toten Augen zurück. Blitzschnell griff Kalim nach Mia, drückte ihr das Messer an die Kehle und hielt sie wie ein Bär umschlungen, um sie so dem Gitrog anzudienen.

„O großer Gitrog! Ich biete dir dieses Mädchen als Opfer an! Friss und vergib diesem Dorf seine Sünden und schlummere, auf dass wir in Frieden leben mögen!“

Er ist wahnsinnig. Mia zerrte an seinen Fingern, aber sein Griff war zu stark. Wilbur rief etwas, doch Mia sah nur, wie Kalim die Hand hob und sein Dolch im Mondlicht aufblitzte.

Ein Platschen! Die Zunge des Gitrogs schnellte vor und prallte geradewegs in Kalims Gesicht. Der Dolch flog ihm aus der Hand und überrascht ließ er Mia los, um mit beiden Händen nach der Zunge zu greifen. Der Gitrog zog und Mia ging zu Boden, als Kalim nach vorn gerissen wurde. Seine Schreie wurden von der monströsen Zunge erstickt, die sich ihm um den Kopf gewickelt hatte. Mia rappelte sich auf und feuerte einen, zwei, drei Bolzen auf den Gitrog ab, während er Kalim über das Deck schleifte. Das Ungeheuer zuckte nicht einmal, als sich die Bolzen in sein Fleisch bohrten. Langsam zog es die Zunge zurück. Mia beobachtete voller Grauen, wie Kalims Kopf im Schlund der Bestie verschwand und wie seine Füße verzweifelt einmal, zweimal austraten und schließlich erstarrten, als der Gitrog das Maul zuklappte. Ein weiteres Schlucken, und Kalims Füße verschwanden.

Mia nahm vage wahr, dass Wilbur etwas rief, als sie sich umdrehte, um erneut nach seiner Hand zu greifen. Sie warf die Armbrust von sich, als sie zum Heck des Bootes rannte und nur anhielt, um eine Fackel aufs Deck zu stoßen. Als die Flammen aufloderten, sah sie, wie der Gitrog langsam auf sie zuwatschelte und dann doch lieber erst die Dörfler verschlang, die sich hinter einigen Fässern zusammengekauert hatten. Sie sah, wie er die bewusstlose Gestalt Lehrens auffraß. Sie sah, wie er teilnahmslos durch die Flammen patschte und langsam in ihre Richtung kam.

Erst dann kam Mia wieder zu sich. Sie drehte sich um und tauchte ohne Zögern in das eisige Wasser, Wilbur mit sich ziehend.

Die beiden schwammen zügig, von Schrecken und Aufregung über ihre Grenzen getrieben. Nach und nach wurde das Boot zu nichts mehr als einem hellen Schimmer, der im Nebel verblasste. Die beiden schwammen weiter. Das Wasser stach wie Nadeln in ihre Haut. Zehen und Finger wurden ihnen taub, dann ihre Hände und dann ihre gesamten Leiber, als sie in wildem Kraul versuchten, das Ufer zu erreichen. Mia war sicher, dass der Gitrog sie jeden Augenblick finden, sie unter Wasser ziehen und verschlingen würde.

Irgendwie schafften sie es zurück an Land.

Die beiden krochen fort vom Wasser. Wilbur sackte zu Boden und drückte zitternd das Gesicht in die Kiesel. Mia zwang sich, sich aufzusetzen und nachzudenken. Sie mussten es zurück zu ihrer Hütte schaffen. Zurück in die Wärme. Ansonsten würde die Kälte sie töten, noch ehe der Gitrog es tat. Und dann, sobald sie wieder warm und trocken waren, würden sie fortgehen. Aus dem Dorf fliehen. Alles zurücklassen. Irgendwohin rennen. Sich lieber Tausenden von Vampiren, Werwölfen oder Ghulen stellen. Irgendwo, wo es keinen Gitrog gab.

Ein nasses Platschen erklang hinter Mia.

Sie hockte wie angefroren da.

Ein weiteres Platschen.

Sie musste auf die Füße kommen. Musste etwas sehen. Musste rennen.

Doch nichts davon vermochte sie.

Ein weiteres Platschen. Plötzlich zog Wilbur sie hoch und mit sich. Sie kamen nicht weit, bevor sie auf den Steinen zusammenbrachen. Mias Muskeln schrien. Der Kampfesrausch war verflogen und hinterließ nichts als steife, vor Furcht gelähmte Glieder. Langsam rollte sie sich auf die Seite.

Der Gitrog ragte über ihr auf und füllte ihr gesamtes Blickfeld aus. Er starrte auf sie herab. Seine Augen waren zwei schwarze, bodenlose Abgründe, bar jeden Gefühls und jeden Gedankens. Mia starrte ihm in die Augen und sah ... nichts. Wilbur zog sie wieder auf die Füße, rief irgendetwas übers Losrennen, doch Mia hörte ihn nicht. Ein leises Dröhnen hallte in ihrem Schädel wider und wurde lauter und lauter, während sie in jenen endlosen Abgrund fiel, den der Blicks des Gitrogs darstellte. Sie fiel, taumelte durch träge Schatten, fiel durch die Schichten ihres Bewusstseins, durchbrach die Grenze zum schwammigen Schlamm des Deliriums, umfangen von einer absonderlichen Wärme, die ihr in die Knochen kroch und die beißende Kälte aus Zweifel und Angst und Ungewissheit vertrieb. Sie wusste es. Sie wusste nun alles. Sie sah die Wahrheit in ihrer schwärzesten Gestalt, die Klarheit Tausender von Lebzeiten, die zu diesem einen Augenblick verdichtet waren.

Sie drehte sich zu Wilbur, der noch immer an ihrem Arm zog. Sie sah, wie sich seine Lippen bewegten, blau und bebend, als er den Gitrog ansprach. Bettelnd, flehend. Sie strich ihm zärtlich über die Wange, um sein Stammeln zu beenden. Er sah es nicht. Er hörte es nicht. Er wusste es noch nicht. Wilbur drehte sich um, sein von Angst verwirrter Blick fand Mias, während der Gitrog über ihnen aufragte. Wie grün sie waren. Wie zwei kristallklare Seen. Tränen glänzten in ihnen. Mia spiegelte sich in ihrer gebrochenen, gesprenkelten Oberfläche. Sie lächelte, und für einen Wimpernschlag schien Wilbur etwas ruhiger zu werden. Sie sah Vertrauen und Zuversicht in seinen Augen, und sie lächelte, als sie ihm die Wange liebkoste, lächelte, als sie mit den Fingern durch sein sandfarbenes Haar fuhr, lächelte, als sie den Dolch aus dem Gürtel zog und ihn ihm mit einer geschmeidigen Bewegung zwischen die Rippen stieß.

Jetzt hörte sie ihn. Endlich übertönte er das Dröhnen in ihrem Kopf. Sie hörte, wie er überrascht nach Luft schnappte und wie sein Atmen von einem keuchenden Rasseln, das der Unterkühlung geschuldet war, zu einem von Schmerz und Schrecken erfüllten Röcheln wurde. Mia lächelte sanft und legte ihm einen Finger auf die Lippen, zog den Dolch aus ihm heraus und stieß ihn wieder in ihn hinein. Diesmal in den Bauch. Sie lächelte, als Wilbur an ihrer Seite endgültig zusammensackte, lächelte, als er schwach ihren Namen wisperte. Sie flüsterte ihm leise ins Ohr.

„Huldigt dem Gitrog“, hauchte sie mehr, als dass sie sprach. Sie legte das Ohr an Wilburs Brust und hörte zu, wie sein Herz langsamer wurde und schließlich ganz zu schlagen aufhörte. Sie schaute zum Gitrog auf und neigte demütig den Kopf.

„Alles ist ein Opfer.“

Der Gitrog blickte auf Mia herab. Dann öffnete sich langsam sein Maul und die entsetzliche Zunge fuhr aus ihm heraus, um nach dem zerschundenen Leib des Jungen neben Mia zu greifen. Sie rührte sich nicht. Ein breites Grinsen legte sich über ihr Gesicht, als neben ihr ein Schlürfen und Knacken von Knochen, Blut und Eingeweiden erklang. Sie lächelte, als das Platschen von Schwimmhäuten auf Stein sich von ihr wegbewegte. Lächelte, bis es wieder still war und der kalte Nebel von der Morgensonne durchbrochen wurde. Dann erhob sie sich, noch immer lächelnd, und stolperte vom Ufer fort.
__________

Als der Frühling in diesem Jahr anbrach und endlich der Schnee schmolz, führte ein junger Lehrling sein Pferd über einen Bergpass in ein verschlafenes kleines Fischerdorf unweit des Zhava-Sees. Er trug einen Beutel voller Briefe bei sich, von denen viele schon längst überfällig waren, geschrieben vor dem ersten Schneefall des vergangenen Winters. Er dachte sich nicht viel dabei, als Fenster und Türen bei seinem Vorbeireiten zuschlugen. So manch kleine Siedlung misstraute Leuten aus der Stadt, besonders nach einem harten Winter. Er bemerkte zwar die vielen leeren Häuser, die es hier zu geben schien, und die beachtliche Zahl an Briefen, die zu eindeutig verlassenen Anwesen geliefert werden sollten, doch auch darüber machte er sich kaum Gedanken.

Sein letzter Brief führte ihn zu einer kleinen Hütte auf einem Hügel. Als er zu ihr hinaufritt, kam er nicht umhin, einen verfallenen Pferch in der Nähe zu bemerken, dessen Zaun vor sich hin rottete. Er fürchtete schon, nur ein weiteres leeres Heim vorzufinden, bis ihm die kleinen Rauchwölkchen auffielen, die aus dem Kamin aufstiegen. Er klopfte an die Tür und ein Mädchen mit wildem Blick tat ihm auf. Sie schien wenig Interesse an dem Brief zu zeigen und nicht im Geringsten beeindruckt davon, dass er vom Schildvolk aus Durnau kam. Ihre Augen begannen jedoch zu leuchten, als er den See erwähnte. Sie bot ihm etwas zu essen und ein Obdach für die Nacht an. Und sie würde ihn sogar zum See bringen, sofern er dies denn wollte. Der Junge errötete und willigte ein, denn er war schon immer neugierig gewesen, was Boote und Wasser anging. Er dankte ihr für ihre Freundlichkeit.

Mia lächelte.

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Veröffentlicht in Magic Story on 23. März 2016

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Judge Fredd
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mi 6. Apr 2016, 20:26

Das Geheimnis des Markov-Anwesens


Seine Suche nach Sorin Markov – einem jener der drei Planeswalker, die vor Tausenden von Jahren die Eldrazi auf Zendikar eingekerkert hatten – hat Jace nach Innistrad geführt. Trotz der düsteren Warnung von Liliana Vess hat er sich zum Markov-Anwesen, dem altehrwürdigen Familiensitz des Vampirplaneswalkers, aufgemacht. Ohne Lilianas Hilfe oder eine weitere Spur findet er sich auf dem schmalen Pfad zu dem einzigen Ort wieder, von dem er hofft, einen Hinweis auf Sorins Verbleib zu erhalten.

Das weitläufige Anwesen der Markovs lag so offen vor dem Betrachter wie ein ausgebreitetes seziertes Tier. Türme, Hallen, Pfeiler und Erker waren aus ihren Verankerungen gerissen und hingen in schrägen Winkeln vom in der Mitte wie entzweigeschlagenen Hauptgebäude herab.

Jace stand am Ende einer langen Bogenbrücke, die sich aus dem Berghang heraus aufspannte. Unter ihm erstreckte sich ein tiefes Tal, das im Nebel versank. Vor ihm war das, was einst der Rest der Brücke gewesen war, zu einer Ansammlung von verstreuten Trittsteinen über die Leere geworden, die über den Abgrund bis zum Eingang des Anwesens reichten.

„Ich schätze, Sorin ist wohl nicht hier“, murmelte er zu sich selbst.

Urplötzlich sah er den Ort so, wie er einst gewesen sein musste: ein kühnes Ensemble aus reich und filigran verzierten Türmen und Balustraden, das wie ein Geier am Rand eines Felsvorsprungs in schwindelnder Höhe hockte. Ihm stockte der Atem, als ihm die Ausmaße dieses Anwesens – nein, dieses Schlosses – bewusst wurden. Ein Palast.

Und dann war die Vision vorbei. Wie eine Illusion. Stirnrunzelnd tastete er mit seinen Gedanken nach irgendeinem anderen Bewusstsein, das das Bild in seinen Geist gezwungen hatte. Niemand war in der Nähe – zumindest niemand, dessen Gedanken er erspüren konnte. Er unterfütterte die Schutzvorkehrungen, die er gewohnheitsmäßig um seinen Geist herum errichtet hatte, und musterte das Schloss in seinem eigentlichen Zustand.

Hat Sorin das getan?, fragte er sich. Liliana hatte angedeutet, dass er auf dem Sitz seiner Familie nicht unbedingt willkommen war. In jedem Fall gab Jace allein das schiere Ausmaß der Zerstörung zu denken. Nicht das erste Mal auf dieser Reise fragte er sich, ob er Lilianas Warnungen ernster hätte nehmen sollen.

Ich sollte gehen, dachte er. Doch der Ort zog ihn an. Muster formten und lösten sich in den schwebenden Steinen auf – ein Hinweis darauf, dass die Teile des Schlosses von einer vernunftbegabten Wesenheit neu angeordnet worden waren, und ein Versprechen, dass sich hinter dieser unfassbaren Zerstörung tatsächlich ein Sinn verbarg. Es ist ein Rätsel, dachte er, und Rätsel wollen gelöst werden.

Die erste Herausforderung lag natürlich bereits darin, das Schloss überhaupt zu erreichen. Ein kaum zu erahnender Pfad aus Trittsteinen verlieh ihm nicht gerade das Gefühl von Sicherheit. Ein möglicher Sturz bereitete ihm indes nach all der Zeit, die er auf Polyedern auf Zendikar herumgeklettert war, deutlich weniger Sorgen, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Er griff mit seinem Bewusstsein nach dem Stein, der ihm am nächsten war, und stieß ihn an. Der Stein bewegte sich kaum. Jace konnte nicht gleich im ersten Anlauf so viel Kraft anwenden, um sein gesamtes Gewicht zu simulieren, doch der erste Versuch schien vielversprechend. Er ließ seine Kraft in etwas weiterer Entfernung wirken und stieß den nächsten Stein an, der gleichermaßen nur leicht wackelte. Ein dritter Stein bewegte sich gar nicht, obwohl Jace zugeben musste, dass die Stärke seiner Telekinese mit wachsender Distanz abnahm.

Es war zweifellos riskant. Doch so etwas wie das Schloss vor ihm hatte er noch nie gesehen, nicht einmal auf Zendikar, wo die Gesetze der Schwerkraft von der Natur eher als lose Empfehlung betrachtet wurden. Rätsel wollen eine Lösung.

Er trat von der Kante der Brücke herunter und setzte einen Fuß auf einen in der Luft hängenden Stein. Er sank etwas tiefer, als Jace es erwartet hatte. Er streckte die Arme zur Seite, um sein Gleichgewicht wiederzufinden. Er setzte den anderen Fuß auf den Stein und verlagerte den Schwerpunkt seines Körpers nach unten. Also schön, dachte er. Ich schaffe das.

Er trat auf den nächsten Stein und danach auf den nächsten und dann auf noch einen. Schritt für Schritt.

Und dann stand er erneut auf einer festen Brücke. Das Schloss vor ihm ragte ernst und unversehrt über ihm auf. Er zog den Fuß zurück, unsicher, ob sich vor ihm fester Boden oder eine weitere Illusion – oder eine Vision, wie immer man es auch nennen wollte – befand.

Er duckte sich und tastete erneut mit seinen Gedanken auf der Suche nach jener Wesenheit, die seine Sinne täuschte, umher. Noch immer nichts. Die Vision war verschwunden.

Ein weiterer Schritt und dann noch einer, ein Stein nach dem anderen, bis er den Abgrund endlich überquert hatte.

Ich hoffe, ich muss nicht schnell von hier verschwinden, dachte er.

Über ihm ragte ein Bogen auf, hoch genug, dass sechs Männer von seiner Größe übereinander hindurchgepasst hätten. Darüber und darum herum drängte sich ein groteskes Gewühl aus Skeletten, Hexen, Wölfen, Dämonen und Dingen, die jeder Beschreibung spotteten, um einen riesigen Vampir, der sie allesamt überschattete – jener Markov, nach dem das Anwesen benannt war, wie Jace annahm. Zu beiden Seiten befanden sich Schädel, die ebenso groß waren wie er selbst und höhnisch grinsten. Jace war sich nicht sicher, ob es sich bei dem vermeintlichen weißen Stein in Wahrheit nicht um Gebeine handelte.

Er trat durch den Bogen hindurch und die steinernen Mauern umschlossen ihn.

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Meine Schritte hallen durch den langen Gang und von den hohen Mauern über mir wider. Folgt mir jemand? Ich halte an und lausche nach Gedanken um mich herum. Das Geräusch hält an – keine Schritte auf Stein, sondern mein Herzschlag. Jedem Pochen folgt ein leiseres, schwächeres.

Natürlich. Vampire – selbstverständlich haben sie irgendeinen Zauber, der sie warnt, wenn ein Lebender ihre Hallen betritt. Wie das Läuten einer Glocke, die zum Abendessen ruft.

Zu schnell. Tief durchatmen, Jace. Verlangsame deinen Herzschlag.

Ich brauche Licht. Ich strecke meine Hand aus und lasse ein blaues Leuchten darauf erscheinen. Ich konzentriere mich, bis es gerade hell genug ist, um mir den Weg zu leuchten, ohne dass ich dabei zu deutlich aus der Entfernung zu sehen wäre. Zu beiden Seiten des Ganges rascheln Wandbehänge, als würde ein Wind durch sie hindurchfahren, doch ich spüre nichts. Ich ziehe mit der Kraft meiner Gedanken einen Wandbehang beiseite. Nur kahle Mauern dahinter – eine weitere Illusion.

Wie von dem nicht existierenden Wind getragen dringen schwache Geräusche an mein Ohr – Gelächter, Unterhaltungen, vielleicht Musik. Schleppende Rhythmen in dissonanter Tonart. Ist es möglich, dass dieser Ort nicht verlassen ist? Wahrscheinlich höre ich aber nur die Geister der Toten. Diese Welt und ihre Gespenster.

Ich erreiche das Ende der Halle und die Geräusche verstummen. Es fühlt sich an, als wäre ich mitten in eine Feier gelaufen und all ihre Gäste verstummt, um mich anzusehen. Doch nur die kahlen Steinwände erwidern meinen Blick.

„Warum bist du hier?“, durchbricht eine Stimme die Stille. Meine Stimme – habe ich gesprochen? Mein Mund ist geschlossen, und ich habe auf einmal festgestellt, wie trocken meine Kehle ist. Doch ich hatte gerade erst begonnen, mich zu fragen ...

Warum bin ich hier? Weil sie mich davor gewarnt hat? Weil sie mir gesagt hat, es wäre gefährlich? Weil ich dem Tod ins Angesicht blicken und es überleben wollte, um davon zu berichten?

„Weil du sterben wolltest?“

Ich weiß, dass ich das nicht gesagt habe. Erneut suche ich mit meinen Gedanken nach dem Geist hinter den Worten. Doch er entzieht sich mir.

Ich bin nicht der erste lebendige Mann, der kürzlich diese Hallen betreten hat. Ich sehe es wie eine Erinnerung – doch wessen Erinnerung? Die des Schlosses? Vielleicht ist die Stimme Teil dieser Erinnerung. Er steht hier, voller Furcht und mit zitternden Knien, drückt etwas – ein Buch – an seine Brust und sieht hinauf zu ... Ich vermag es nicht auszumachen. Zu etwas ... dort drüben.

Dort steht eine Tür offen, nur einen Spalt. Dort, wohin der Blick des zitternden Mannes gefallen war. Verdammt, dieser Ort macht mich wütend! Etwas verändert meine Wahrnehmung und dringt in meinen Geist ein – und ich kann es nicht aufspüren. Und offenbar auch nicht aufhalten. Ich habe die Tür zuvor übersehen und sie ist mir nur aufgefallen, weil jemand – etwas? – es so wollte.

Ein Geist? Würde einer der Geister Innistrads durch diese Hallen schweben – würde ich es dann bemerken? Ich bin nicht sicher, ob ich sein Bewusstsein wahrnehmen könnte oder nicht. Ich hatte noch keine Gelegenheit, es herauszufinden. Ich muss daran denken, das unbedingt nachzuholen, sollte mir zufällig einer über den Weg laufen.

Vielleicht tappe ich in eine Falle, aber ich gehe die Stufen hinauf und drücke gegen die Tür. Mit einem metallischen Kreischen öffnet sie sich.

... muss hier raus ...

Ungebeten stieben die Worte in meinen Gedanken auf. Ich habe sie nicht gedacht. Und dennoch kann ich kein Zeichen eines Eindringens finden – meine Schutzvorkehrungen sind so stark wie eh und je. Sind Geräusche an diesem Ort trügerisch? Oder ist es das Bewusstsein eines uralten vampirischen Planeswalkers, das zu mächtig ist, als dass ich darin eindringen oder ihm Widerstand leisten könnte? Vielleicht hatte Liliana recht.

... mich zu töten ...

Ein Fragment eines Gedankens oder einer Erinnerung. Die Erinnerung einer Person. Wahrscheinlich jener lebendige Mann, den ich in der Eingangshalle gesehen habe – oder sein Geist. Es läuft mir kalt den Rücken hinunter, was vollkommen irrational ist. Ich beachte es nicht.

Meine Herzschritte hallen in diesem kleineren Gang lauter. Mein Licht scheint zu hell und gleißt gegen die Steinmauern. Ich dämpfe es und spüre die Dunkelheit näherkommen.

„Warum bist du hier?“ Meine Stimme ist rau. Zu laut. Ja, das war meine Stimme. Ich spreche mit mir selbst.

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Möglichkeit Eins: Jemand mischt sich in meine Erinnerungen ein.

Möglichkeit Zwei: Tatsächlich träume ich in jenem sonderbaren und fugenhaften Zustand, in dem man ohne Übergang von einer Szene zur nächsten gleitet.

Ich erinnere mich nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ich befinde mich in einer großen Halle tiefer im Schloss. Der Wind heult durch die Räume um mich herum. Stein knirscht auf Stein, als große Teile zerborstener Architektur mich träge zu umkreisen beginnen. Einst war dies ein riesiges Gewölbe mit stattlichen Säulen – nun ist es nur mehr ein Trümmerfeld. Hände, Fratzen und Leiber stülpen sich aus dem Stein hervor. Dutzende und Aberdutzende von ihnen, selbst zu Stein geworden und darin gefangen und eingeschlossen.

„Was geschieht hier?“, ruft jemand. Ich erschrecke und ziehe mich in die Schatten zurück, um mein Bewusstsein auf die Suche nach dem Ursprung der Stimme zu schicken. Diese wächst jedoch zu einer Kakophonie aus vielen Stimmen an, Dutzenden von ihnen – und Schreien, die mit purem Schmerz und reiner Wut durchsetzt sind. Ein weißes Gesicht mit wilden Augen – Das zahle ich dir heim ...

Und der Lärm endet unvermittelt in steinerner Stille.

Ich drehe den Kopf und stehe einem Vampir gegenüber. Sein Mund ist offen und die Fänge entblößt. Ich zucke zusammen, ehe mein Geist meinem Körper verrät, dass dieser Vampir tot und in der Wand eingebettet ist. Wie peinlich.

Sie alle sind Vampire. Erben jenes Markov, der diesen Ort einst erbaute, so vermute ich. Im Tod sind sie auffallend unmenschlich: hagere Gesichter, eingefallene Augen, hervorstehende Fänge und tierhafte Züge – hässlich. Einer in meiner Nähe ist in einen Bilderrahmen aus Mahagoni eingefasst, mit einer goldenen Plakette am unteren Rand – nur leider steht die ganze Wand auf dem Kopf und das Namensschild ist dadurch zu hoch über mir, als dass ich es lesen könnte. Leinwandfetzen hängen vom Rand des Rahmens herab. Ich hebe sie an, wobei ich genau darauf achte, die Fänge des Vampirs nicht zu berühren, und die Überreste des uralten Porträts – zwei rote Augen aus verblassender Farbe – starren mich an. Ich lasse die Leinwand fallen ...

Hat der Vampir im Stein gerade geblinzelt?

Ich trete zurück, und mit einem Mal sind da Hände überall um mich herum, die nach mir greifen. Ich schreie und versuche, mich aus ihrem Griff zu entwinden, doch sie sind zu stark. Ich spüre den Hunger in ihrem heißen Atem, aber sie warten – und dann nähert sich ihr Erzeuger. Das muss er sein: Edgar Markov, der Urahn aller Vampire auf Innistrad ...

Nein. Das geschieht nicht wirklich. Nicht jetzt. Die Hände, die nach mir greifen, sind regloser Stein, der aus den Mauern ragt, und das Herannahen des uralten Vampirs ist nur eine Erinnerung. Die Erinnerung des toten Mannes.

Es muss sein Geist sein oder irgendeine andere Art von psychischem Nachhall, der an diesem Ort ausgelöst wird. Vielleicht drängt sich der Geist in mein Bewusstsein und zwingt mir diese Gedanken auf. Oder vielleicht nimmt meine eigene gesteigerte Empfindsamkeit verirrte Gedanken wahr. Oder vielleicht träume ich auch nur.

Ich gehe weiter. Ich weiß nicht wohin, und ich erinnere mich nicht, ob dies der Weg ist, auf dem ich gekommen bin. Möglichkeit Eins – ja, ich habe gut über alle Möglichkeiten nachgedacht.

Hier sind so viele tote Vampire. Liliana hatte recht. Wäre ich früher hierhergekommen, hätten sie mich in Stücke gerissen. Ich frage mich, ob genau dies mit jenem Mann geschehen ist, dessen Erinnerungen ich durchlebe.

In einem schmalen Gang sehe ich mein eigenes Gesicht im Stein, nacktes Grauen auf meinen erstarrten Zügen.

Nein, es ist sein Gesicht, bärtig und mit leeren Augen. Der Mann aus der Eingangshalle. Ein Mensch unter all den Vampiren. Was tust du hier, du Narr?

Er hält ein Buch in der Hand.

Seine steinernen Hände pressen es schützend gegen seine Brust. Es ist in blaues Leder eingeschlagen und wird von einem Band aus roter und grüner Seide geschlossen gehalten. Es gehört nicht hierher. Nicht nur nicht in dieses Schloss, sondern gar nicht erst auf diese Welt.

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Ein weißes Gesicht, leuchtend wie der Mond, lehnt sich dicht an meines. Ihre lavendelfarbenen Augen leuchten vor Aufregung, als sie mir eine Theorie über etwas erläutert, was sie „Kryptolithen“ nennt. Ist sie es, die meinen Geist berührt? Ich taste nach ihrem Bewusstsein – natürlich ist sie nicht hier. Ich taste erneut umher und suche nach dem Eindringling – schleicht dort nicht etwas am äußersten Rand meines Bewusstseins entlang?

Es ist eine weitere seiner Erinnerungen. Der Text in dem Buch – es handelt sich um ein Tagebuch – ist ihrer. Er konnte unmöglich wissen oder verstehen, was sie ist: eine Angehörige des Mondvolks von Kamigawa. Ein Planeswalker. Es wird etwas länger dauern, ihren Text zu enträtseln.

Ich blättere zum Ende des Buches vor – nur leere Seiten – und arbeite mich zum Anfang hin durch, bis ich den letzten Eintrag finde. Doch ich sehe da nicht die stets sorgfältig auszuführenden Schriftzeichen Kamigawas. Dies ist eine andere Handschrift. Vermutlich seine. Jenrik – er schrieb seinen Namen an den Anfang, als er jenes Tagebuch fortführte, das sie ihm anvertraute und das ihn schließlich an diesen Ort brachte.

Es führte ihn in den Tod.

Ich kauere in einer abgeschiedenen Ecke, während die Geräusche des letzten Festmahls der Vampire durch das Schloss wehen – die schleppenden Rhythmen und das raue Lachen. Ich kann nicht hinaus. Sie wissen, dass ich hier bin, aber vielleicht spielen sie auch nur mit mir: Sie schleichen umher wie Katzen vor einem Mauseloch und warten darauf, dass ich mich zeige.

Das ist ermüdend. Ich könnte durchaus etwas aus seinen Erinnerungen erfahren, aber ich muss dabei nicht seine Angst und seinen elenden Schrecken spüren. Mein Herzschlag hat sich nicht verlangsamt, aber er ist lauter geworden – zumindest in meinen Ohren.

Was mache ich hier?

„Nach Sorin suchen“, sagt Liliana. Ihre Stimme ist zu laut für diesen Ort. „Nach dem Tod suchen.“

„Ich suche hiernach“, sage ich zu ihr und halte das Tagebuch hoch. Doch sie ist nicht da. Warum sollte sie das auch sein?

Das ist nicht gut. Liliana gehört zu mir – in meinen Geist. Jemand hat sie aus meinen Gedanken gerissen und ihre Stimme gegen mich eingesetzt. Wie kann das sein?

Möglichkeit Zwei – ich träume – scheint zunehmend wahrscheinlicher. Ich möchte jetzt bitte aufwachen.

„Du solltest gehen“, sagt Liliana. Ich sollte gehen.

Ich kann nicht hinaus.

Ich gehe die Treppen mit ihrem flauschigen roten Läufer hinauf, jenen Weg zurück, den ich gekommen bin, und stoße die Tür auf. Heulende Winde wehen über mich hinweg und um mich herum und alles dreht sich. Meine Arme rudern in der leeren Luft und ich starre in die nebligen Tiefen unter mir, durch und durch überzeugt, dass ich in sie hinabstürzen werde, bis eine meiner Hände den Türpfosten zu fassen bekommt und ich mich daran zurückreiße.

Das ist nicht der Weg, auf dem ich gekommen bin. Offensichtlich.

Etwas spielt mit meiner Erinnerung. Ich dachte, ich erinnere mich, die Stufen zu dieser großen Halle hinabgestiegen zu sein – vielleicht war auch dies Jenriks Erinnerung. Ich muss alles durchgehen und sortieren, um herauszufinden, welche Erinnerungen seine und welche meine sind, doch mich bedrängt das Gefühl, keine Zeit dafür zu haben.

Interessant. Warum fühle ich mich in diesem scheinbar leeren Schloss derart gehetzt? Ich suche erneut – und ich kann noch immer kein anderes Bewusstsein finden, doch das drängende Gefühl verstärkt sich. Nur eine seltsame Wirkung dieses Ortes, nehme ich an, die weitere Betrachtung verdient ... allerdings ein anderes Mal.

Eine große Doppeltür steht in den von Vampiren übersäten Wänden ein Stück offen. Bin ich diesen Weg gekommen? Dahinter liegt ein Raum wie eine Kapelle. Eine Skulptur ähnlich der, die über dem Eingang des Schlosses aufragt, nimmt eine gesamte Wand ein. Erneut thront der in Stein gehauene Vampirfürst über der Szene. Nur ist er diesmal etwas menschlicher, weniger ein ... blutsaugender Unmensch, nehme ich wohl an. Andere umringen ihn: Manche sind ebenfalls aus der Wand geschlagen, andere halb in sie eingelassen – wie die einst hier umgehenden Vampire in der großen Halle draußen – und wieder andere stehen frei mit dem Rücken zu mir. Sie sind wie Adlige gekleidet, doch ihre Haltung zeugt von Hunger. Das ganze Dutzend ist um einen Altar herum aufgestellt, auf dem ein Engel in Fesseln liegt, gegen die er sich verzweifelt sträubt, während der Zeremonienmeister ein Messer hält, bereit, ihm die Adern zu öffnen.

Das Blut eines Engels in irgendeiner Art Ritual zu trinken – das scheint das beste Rezept für etwas wahrhaft Entsetzliches zu sein. Wenn Edgar Markov wirklich der erste Vampir Innistrads und derjenige ist, der da das Messer hält, dann frage ich mich, ob ich gerade Zeuge der Geburt der Vampire dieser Welt werde.

Das Messer blitzt auf und leuchtendes, silbernes Blut rinnt aus dem Hals des Engels. Die Zwölf kommen näher, um sich zu laben – zuerst Edgar, der das Blut in einem silbernen Kelch auffängt, ehe er es trinkt. Ich kann nur zusehen, wie das Leben des Engels langsam entweicht und neues Leben in den Urhebern dieser entsetzlichen Tat sprießt.

Eine der Zwölf wischt sich das Kinn ab und blickt dabei zu mir herüber. Entweder lädt sie mich in den Kreis ein oder sie hat vor, mein Blut als Nächstes zu trinken. So oder so stolpere ich zurück und aus dem Raum hinaus. Ein letzter Blick über die Schulter bestätigt mir, dass die Vampire in ihre reglosen Posen zurückgekehrt sind.

Ich muss gehen. Ich kann nicht hinaus.

Meine Füße tragen mich in eine andere Halle. Sie wirkt vertraut.

„Warum bist du hier?“, höre ich erneut. Ist das Lilianas Stimme? Nein. Meine rissigen Lippen brennen vom Formen der Worte.

„Ich bin deswegen gekommen“, wiederhole ich und halte das Buch hoch.

„Was ist so wichtig an diesem Buch?“

Ich weiß es nicht. Ich öffne das Buch und blättere auf der Suche nach einer Antwort die Seiten um.

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Das Gesicht eines Engels blickt mich an. Verurteilt sie mich dafür, dass ich das Ritual der Vampire nicht unterbrochen habe? Narr. Sie ist eine Zeichnung in einem Buch, und das war ... eine Illusion, eine Vision oder auch nur eine Erinnerung, die an diesem Ort festhängt. Eine alte, alte Erinnerung.

Neben der Zeichnung befindet sich eine weitere Skizze, die einen jener seltsam verkrümmten Steine zeigt, welche ich schon ein paarmal gesehen habe, seit ich hier bin. Die Skizze wirkt wie ein Schema, und ich frage mich, ob die Verfasserin dieses Buches für die Steine verantwortlich ist. Ihnen wohnt Magie inne, die den Fluss des Manas ändert.

Doch ich enträtsele die Worte auf dieser Seite. Sie drehen sich um den Engel Avacyn. Präzise und sorgsam niedergeschrieben, als wollte man dadurch ihre Tragweite unterstreichen. Sorin hat sie erschaffen. Sorin wollte die Menschen Innistrads beschützen, damit die Vampire nicht zu viel von ihrem Blut tranken. Innistrads Inkarnation der Reinheit und der Güte war von einem vampirischen Planeswalker erschaffen worden, der das Gleichgewicht zwischen mächtigen Jägern und hilfloser Beute bewahren wollte.

Engel. Liliana hatte Engel erwähnt und angedeutet, sie wären noch schlimmer als die Werwölfe, von denen ich attackiert worden war. Ich hatte es lediglich für eine weitere ihrer höhnischen Bemerkungen gehalten. Sie konnte Engel noch nie leiden. Doch der Text legt etwas anderes nahe.

„Die Engel sind wahnsinnig geworden“, krächze ich mit trockener Kehle in den Raum hinein.

Sorin Markov hat Avacyn erschaffen. Avacyn herrscht über die Engel. Die Engel haben sich gegen die Menschen gewandt. Und irgendjemand hat das Anwesen der Markovs kurz und klein geschlagen.

Möglichkeit Eins: Sorin ist wahnsinnig geworden und hat erst seinen Familiensitz verwüstet und dann seine engelhafte Schöpfung auf die Bewohner Innistrads gehetzt.

Möglichkeit Zwei: Jemand hat Sorin herausgefordert, und dieser Jemand hat Sorins Familiensitz verwüstet und Sorins engelhafte Schöpfung auf die Bewohner Innistrads gehetzt.

Beide Möglichkeiten sind etwas furchteinflößend. Keine von beiden vermag jedoch zu erklären, warum Sorin nicht auf Zendikar gewesen ist. Und beide deuten auf die Engel als einen etwaigen Weg hin, Sorin zu finden. Und dieses Buch erklärt den Wahnsinn der Engel. Ich schließe es, drücke es mir an die Brust und sage in die Stille hinein: „Das hier wird mir helfen, Sorin zu finden.“

Sobald ich es hier herausschaffe.

Die nächste Halle ist mir vertraut. Ich weiß, wohin ich gehen muss. Alles ergibt mehr und mehr Sinn, je weiter ich mich vom Herzen des Schlosses entferne: Dieser Ort ist voller geistiger Rückstände – Bruchstücke von Erinnerungen, alten wie neuen. Jenrik kam zu diesem Schloss mit seinen Aufzeichnungen, doch als die Vampire ihn einzufangen und auszusaugen drohten, riss jemand das Schloss auseinander und kerkerte die Vampire – samt dem armen Jenrik – in den Wänden ein.

Dort ist der Eingang. Ich werfe einen allerletzten Blick hinter mich:

So, so dunkel. Und ich spüre eine Präsenz in der Finsternis, einen Hunger, ein Begehren. Doch noch immer kein Bewusstsein. Ich taste danach und finde ... nichts. Leere.

Ich wende der Dunkelheit den Rücken zu, schreite durch die hohe Eingangshalle und verlasse das Anwesen der Markovs.

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Veröffentlicht in Magic Story on 30. März 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Sa 9. Apr 2016, 22:22

Der Tempel im Unterwassergrab


Jace Belerens Suche nach Sorin Markov ist gefährlich und hat mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gebracht. Seine Nachforschungen führten ihn zum verwüsteten Anwesen der Markovs, wo er unter den Trümmern ein Tagebuch fand. Er folgte der darin enthaltenen Beschreibung der Krypholithen – merkwürdig verkrümmter Steine, die er im Markov-Anwesen gesehen hatte – zu anderen Orten, an denen sie auf der Welt aufgetaucht waren.

Es war noch Abend, als er Gaven erreichte. Über ihm schien der Jagdmond durch die dichte Decke nebligen Regens, in die die Moorlande gehüllt waren.

Jace Beleren, der lebende Gildenbund von Ravnica und Gedankenmagier sondergleichen, trottete schweigend durch den Regen. Seine beispiellose Kontrolle über seine eigene Telepathie half ihm nur wenig, wie er nun hier die glitschigen Pfade halb hinunterrutschte, halb entlangstolperte. Er fand jedoch durchaus etwas Trost darin, die bedeutungsschweren Visionen des Markov-Anwesens hinter sich gelassen zu haben. Er war gefasst und seine Gedanken klar – zumindest fürs Erste.

Angesichts des Nebels schaffte es selbst das von ihm heraufbeschworene Licht nicht, mehr als ein paar Schritt des Weges vor ihm zu erhellen. Er konnte nicht weitergehen.

„Eine Welt voller Schatten und Geister ... und ich Narr jage ihnen auch noch nach“, sinnierte Jace laut, während ihm die Füße in den nassen Stiefeln schmatzten.

Er sandte einen sehnsuchtsvollen Gedanken zurück zu jenen Marschen, über die seine Gefährten auf Zendikar so kundig Wacht hielten. Die Stille und die Einsamkeit dieser Reise ohne sie begannen auf ihm zu lasten – ihre großen Fähigkeiten im Spurensuchen einmal ganz außen vor gelassen. Versonnen dachte er an die vertrauten und einzigartigen Muster ihrer Gedanken und an den Klang ihrer Stimmen. Er – unwillkürlich zuckte ihm der Mundwinkel – vermisste sie.

Während er den Mantel enger um sich zog, erspürten seine Hände das Gewicht des Tagebuchs in seiner Tasche. Ein kleiner, handlicher Foliant, in dunkles Leder gebunden und von einer kunstvollen Schnalle verschlossen. Das bleiche Gesicht jener Angehörigen des Mondvolks, die er im Anwesen gesehen hatte, blitzte in seinen Gedanken auf. Meine papierne Gefährtin, dachte er spöttisch.

Vorsichtig fuhr er mit der Fingerspitze über den Buchdeckel und die Schnalle. Es sprang auf, jede Seite so bleich wie ein geschälter Apfel unter einem Netz aus Schrift. Unfassbar sorgsam ausgeführte Zeichen füllten die Seiten, begleitet von Zahlen, die sauber in Tabellen eingetragen waren.

Jace atmete langsam aus und zog die Kapuze über das Buch, um es vor dem Nieselregen zu schützen, während er mit äußerster Behutsamkeit umblätterte.

Feine Skizzen fanden sich auf der nächsten Seite. Eine Engelsschwinge, die Einzelheiten einer jeden einzelnen Feder akribisch festgehalten. Eine Tabelle voller Skizzen flächig schraffierter Kreise unter der eingerahmten Überschrift „Materialzusammensetzung des Reihermondes“. Eine ganzseitige Zeichnung des Profils eines Wesens, das halb Mensch, halb Wolf war, erkannte Jace sofort als jene Art von Kreatur wieder, wie sein unglückseliger Fremdenführer vom Abend zuvor eine gewesen war.

„Na schön, Fremde. Verrate mir deine Geheimnisse“, sagte Jace, während er den Schmutz von einem Felsen in der Nähe wischte, sich hinsetzte und zu lesen begann.
__________

Eintrag 433, Erntemond:

Ein stoischer Reiter auf einem grauen Apfelschimmel traf am heutigen Morgen unerwartet in meinem Arbeitszimmer ein und brachte mir eine höchst seltsame Lieferung. Ein in Rupfen gewickeltes Paket, deutlich größer als ein Mensch, bedurfte unser beider Anstrengungen, um in die Eingangshalle des Observatoriums gehievt zu werden. Der Reiter sprach wenig, wies jedoch mit der schmutzigen Stiefelspitze auf die Aufschrift, die in Jenriks Handschrift verfasst war: „Exemplar zur sofortigen Untersuchung.“

Beim Auspacken stockte mir der Atem, als ich Pelz, Klauen und einer Wolfsschnauze ansichtig wurde – ein Werwolf. Eine flüchtige Untersuchung ergab, dass er größer und besser erhalten war als alle anderen, die je den Weg zu mir gefunden hatten. Zu meiner nicht geringen Überraschung war der Körper eiskalt und bereits seit einiger Zeit tot. Die postmortale Rückverwandlung der Leichen von Lykanthropen in ihre menschliche Gestalt war eine weithin bekannte Tatsache, die in klarem Widerspruch zu dem Exemplar vor mir stand. Obgleich ich begierig war, meine Arbeit zu beginnen, bat ich um eine Quittung, die den Zeitpunkt des Empfangs bestätigte. Der Bote unterschrieb sie mit „R. Karolus“.

Das Exemplar war gesäubert, zur Ader gelassen und beschriftet. Ich begann mit der linken Schulter. Große Mengen dichten Pelzes mussten entfernt werden, um die Haut des Exemplars zum Vorschein zu bringen.

Es ist zwar bei solcherlei Prozeduren üblich, das Gesicht des Untersuchungsobjekts zu bedecken – sowohl zum Schutz vor Schaden als auch aus Rücksicht auf all jene von zarterem Gemüt –, doch ich kam nicht umhin, immer wieder seine Züge zu mustern. Die Augen waren weit aufgerissen und der Mund schien noch im letzten Augenblick nach etwas gerufen zu haben, was nicht sein Häscher gewesen sein konnte. Wahrscheinlich hatte dieser Lykanthrop, wie so viele andere, die mir bislang untergekommen waren, verzückt den Mond betrachtet.

Die Miene der Bestie rief mir Jenriks Worte ins Gedächtnis. „Wie genau ein Mensch sich den Fluch der Lykanthropie zuzieht, ist unbekannt“, hatte er gesagt, „obwohl er eng mit dem grundlegenden Wesen eines jeden Lykanthropen verbunden ist. Der Anblick des Mondes erfüllt sie mit schier unerträglicher Wildheit und Kraft, auch wenn die Berührung durch Silber wie Gift für sie ist.“

Ich erinnere mich noch deutlich an meine ersten Tage in Innistrad, einem Ort scheinbar endloser Winternächte – perfekt geeignet für meine lunaren Studien. Als ich zum Reihermond hinaufschaute, der so voll, klar und hell war, dass er die Sterne verdunkelte, war auch mein Herz von einer verzückten ... Wildheit ... erfüllt. Vielleicht war es die lebhafte Erinnerung an eine Vergangenheit, die nun Welten entfernt war. Vielleicht hatte der Lykanthrop an sich, der keinerlei Furcht zeigte, sich dieser Wildheit hinzugeben und an ihr festzuhalten, ja etwas Beneidenswertes. Vielleicht kennt er eine Ekstase, wenn die silbrigen Fluten der Mondmagie durch seine Adern strömen, wie wir sie niemals erleben werden.


Es schien, als hätte jemand versucht, die drei oberen Absätze auszuradieren, doch die tiefen Abdrücke des Stifts machten sie unter Jaces beschworenem Licht noch immer lesbar. Der Eintrag ging weiter:

Die charakteristischen Einfärbungen eines Heulerrudels aus Gaven waren am oberen Unterkiefer zu erkennen. Der Bereich war durch ein faseriges Bindegewebe verunstaltet, das sich um die Zähne gewunden hatte. Zum Zeitpunkt seines Todes musste es dem Betroffenen wohl unmöglich gewesen sein, die Kiefer zu schließen.

Nach dem Verlust dreier Skalpelle aus gesegnetem Silber erforderte der Versuch, den ersten Einschnitt in die Brust zu setzen, ein schwereres Werkzeug, genauer gesagt eine Holzfällersäge, die eilig beschichtet und von Avacyns Missionaren in der nächsten Stadt gesegnet wurde. Unter großen Anstrengungen wurde der Brustkorb geöffnet und das Exemplar vom Schlüsselbein zum Becken gespalten und seine Innereien der Luft ausgesetzt.

Ich habe das aufgeräumte Innere der Lykanthropen stets bewundert: Organe, die ordentlich in ihren Membranen ruhen, und weit verzweigte Blutgefäße, die in perfekten Pfaden verlaufen. Gewaltige Lungen für die Verständigung mit ihrem Rudel über große Entfernungen hinweg und für scharfe Spurts durch die Wälder. Eine unermüdlich arbeitende Leber, um das Fleisch ihrer Beute binnen Minuten verstoffwechseln zu können. Eng von Adern durchzogene Nebennieren, die jederzeit bereit sind, ihre Säfte in den Blutkreislauf zu ergießen. Eine verzerrte Spiegelung der menschlichen Gestalt, zum Idealbild eines räuberischen Jägers erhöht.

Dieser hier jedoch ... Dieser hier war ... neu. Es gab an ihm tatsächlich nur noch wenig, was von der menschlichen Gestalt übrig geblieben wäre.

Das Bauchfell war mit einem Netzwerk aus kräftigen Sehnen von verschiedener Dicke gefüllt, die in einem derartigen Ausmaß gewuchert waren, dass sie viele der Organe verdrängt hatten. Obwohl das Tier von außen größer so viel gewirkt hatte, bestand ein beachtlicher Anteil seiner Masse wohl offenkundig nur aus dieser Substanz. An manchen Stellen verbanden sich die Stränge zu dicken Wülsten und Knoten.

Der größte dieser Knoten befand sich dort, wo bei dieser Kreatur eigentlich die Leber hätte sein sollen, die ihrerseits auf das Doppelte ihrer üblichen Größe angeschwollen war.

Von dem Organ stieg ein fauliger Gestank auf – salzig, verwest und trotz meiner dicken Schutzmaske nur allzu aufdringlich. Es widerstrebte mir erstaunlich stark, das Ding zu untersuchen, obwohl die Neugier letztendlich über die Abscheu siegte.

Nachdem ich das Organ in zwei Hälften zerteilt hatte, legte ich in einer von ihnen nach und nach ein hartes, rundes Objekt frei, das einem Pfirsichkern nicht unähnlich war. Die Leberhälften selbst offenbarten schließlich eine schwammige Masse aus verwachsenen Sehnen, die etwas in sich barg, was drei zerbrochene Zähne und mehrere Strähnen von dichtem, grauem Fell zu sein schienen.

Das eben erwähnte Objekt steckte in der Mitte einer der Hälften. Ich drehte es um.

Es handelte sich um ein blickloses, gelbes Wolfsauge. Ein Auge, das wahrscheinlich gen Himmel starrte. Vielleicht – wie seine Brüder im Schädel – zum Mond hinauf.

__________

Jace blickte mit einer Grimasse von seiner Lektüre auf. In die Aufzeichnungen versunken hatte er nicht bemerkt, wie sich der Nebel vor ihm gelichtet hatte. Mondlicht erhellte den Pfad, wurde vom flachen Sumpf zurückgeworfen und umrahmte einen gewundenen Monolithen.

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Er war etwa so groß wie er selbst. Das Fundament bestand aus rauem Stein, der aus der Erde herausspross und danach schnell eine scharfkantige, in sich verdrehte Form annahm. Als Jace der Blickachse folgte, die die Spitze des Monolithen vorgab, bemerkte er, dass die Formationen zu einer weiteren ihrer Art nur ein paar hundert Schritt entfernt deutete. Auch der Wuchs der Bäume folgte jener Richtung, in die die Monolithen wiesen. Diese wiederum deuteten zu einem weiteren Vertreter ihrer Art und dieser wiederum zu noch einem weiteren, bis der Horizont selbst Jace die Sicht verwehrte.

Das erste Mal, seit er Innistrad erreicht hatte, grinste Jace, und eine Woge der Erleichterung spülte über ihn hinweg. Vielleicht ergab einiges nun doch noch ansatzweise Sinn.

Dieser Monolith war zweifellos von der gleichen Art wie jener, den er im Markov-Anwesen gesehen hatte, und auch wie jener in den Aufzeichnungen im Tagebuch.

„Und du, meine papierne Gefährtin, was weißt du darüber?“ Eifrig blätterte er die Seiten um, um das Bild mit den verdrehten Steinen wiederzufinden. Ein Eintrag folgte:

Eintrag 643, Jagdmond:

Die alchemistische Analyse der Kryptolithformationen des Moorlandes wurde heute fertiggestellt. Sie deutet auf einige außergewöhnliche Eigenschaften der erhaltenen Proben hin, insbesondere einer großen Härte der Oberfläche und eines an einer geschwungenen Achse entlang ausgerichteten Energiefeldes. Erstaunlicherweise ergab die Untersuchung der Einlagerungen, dass es sich um ein Material handelt, das gerade erst aus dem Erdboden emporgestiegen ist. Im Gegensatz dazu ergab die Kristallanalyse, dass die Proben weitaus älter sind als alle anderen geologischen Formationen in diesem Gebiet.


Jace nickte. „Keine Methoden, mit denen ich mich sonderlich gut auskenne, aber mir gefällt, was du hier gemacht hast.“ Als er sich so durch die Einzelheiten dieser Aufzeichnungen wühlte, vermisste er es schmerzlich, wie schnell und bequem man im Vergleich dazu mit dem Gedankenlesen vorankam.

Die Feldstärke des internen Magnetgesteins in jedem Monolith reicht aus, um Verzerrungen an lokalen Linien und Polen hervorzurufen. Mit der Zeit erreichten uns weitere Berichte über solcherlei Formationen, die insgesamt zu einer Wanderung unserer Pole zu einem Ort unmittelbar vor der Küste geführt haben. Die Verzerrungseigenschaften der Steine scheinen sich zudem auch auf die Fähigkeit zu erstrecken, den Manafluss durch die Region zu verändern, was zweifellos ernsthafte Auswirkungen auf alles hat, was aus rohem Mana besteht – besonders auf die Engel dieser Welt.

Jace legte die Hand auf den Fuß des Monolithen. Sie fühlte sich kühl und glatt an. Ein weiteres schimmerndes Mineral war darin eingebettet.

Ein Funkeln an der Spitze erregte seine Aufmerksamkeit. Als er hinaufgriff, um es zu berühren, gab es einen KNALL und ein Funken sprang von der Spitze des Monolithen auf seine Hand über. Jace zog die Hand zurück, während ein dünner Rauchfaden aus seinem Handschuh aufstieg. Ein Anflug von etwas Hellem und Glockenklarem breitete sich blitzartig in seinen sämtlichen Sinneseindrücken aus und verschwand dann ebenso rasch wieder.

„AH—! Bei Azors Blut! Was war das denn?“ Seine Gedanken huschten augenblicklich zu dem Tagebuch, das er in der Armbeuge barg wie einen Säugling. „Geht ... Geht es dir gut?“, fragte er das Buch und suchte es nach Verbrennungen ab, während er vorsichtig mit dem Ärmel seines Mantels über den Deckel rieb.

„Hast du denn jemals herausgefunden, was sie eigentlich ... tun? Was sollen wir denn von ihnen halten? Folge ich einfach nur jemandes Spur in eine weitere Falle oder Intrige oder ...?“ Jace fixierte die Seiten des Buches durchdringend.

„Oder ist es das, was dir widerfahren ist?“ Natürlich antwortete das Buch nicht.

Außer dem Surren von Sumpfinsekten war das Moor still. Jace las weiter.

Eintrag 735, Jagdmond:

In der vergangenen Woche trafen Berichte des Rats von Gaven über erhöhte Todeszahlen durch Werwölfe ein, die durch unabhängige Jäger bestätigt wurden und deutlich von dem von Jenrik und Lotka vorhergesagten Jäger-Beute-Verhältnis abwichen.


Jace hatte sich schon an eine lange Reihe von Spitznamen gewöhnt. „Beute“ war einer, der ihm jedoch so gar nicht gefallen wollte.

Seither sind die Straßen zum Observatorium gesperrt, und es ist schwierig, an weitere Informationen zu gelangen. Viele unserer Kollegen haben sich in ihren Häusern eingeschlossen und die Arbeit niedergelegt. Die Ressourcen sind inzwischen knapp, doch ich bleibe fest entschlossen, sowohl meine Aufzeichnungen als auch die meiner Kollegen fortzusetzen.

Die Fressgewohnheiten der übernatürlichen Bewohner Innistrads sind eng mit der regelmäßigen Bahn des Reihermondes verknüpft. Wie ein himmlischer Dirigent gebietet er über die geheimnisvollen Regungen ihrer urtümlichen Herzen, die durch den Wandel seines Antlitzes zu Verwandlung und Mord führen.

So wie auch bereits unsere Kollegen in Kessig die wiedererstarkte Wildheit der Lykanthropen beobachtet haben, konnten auch wir hier in Nefalen Zeichen für die Unruhe des Mondes feststellen (siehe Tabelle 6–32). Die Meere selbst zeigen Höchstpegelstände in ihren Fluten, und zudem haben auch ihre Strömungen die Richtung geändert –


Jace begutachtete die Tabellen auf der vorherigen Seite mit einem kritischen Blick, der Lavinia stolz gemacht hätte, hätte sie ihn denn mehr als nur ein paar wenige Male am lebenden Gildenbund gesehen.

– was auch dreifach wiederholte Experimente belegen, deren Ergebnisse bei Weitem die anzusetzenden Toleranzen für Messfehler übertrafen. Die Gravitationskräfte, die den Ablauf der Gezeiten regeln, scheinen sich vom Mond selbst an einen Ort verlagert zu haben, der dem Meer sehr nahe ist –

„Warte mal. Augenblick“, sagte Jace empört zu den handgeschriebenen Seiten. „Ich habe gesehen, wie Kiora das gesamte Halimar-Meer bewegt hat.“ Oder es zumindest versucht hatte, fiel ihm ein. „Und selbst wenn es etwas gäbe, was die Gezeiten beherrschen könnte, dann müsste es riesig sein. So etwas wäre doch mit Sicherheit jemandem aufgefallen!“ Er warf dem Buch einen misstrauischen Blick zu, ehe er weiter las.

Kürzlich erfolgte Messungen der Dauer der Mondphasen haben asymmetrische Abweichungen ergeben. Dies scheint daran zu liegen, dass die Umlaufbahn des Mondes selbst durch ein sehr großes und sehr nahes Objekt, das für das menschliche Auge nicht zu entdecken ist, in eine bestimmte Richtung verlagert wird.

Jace musterte den Nachthimmel. Ein einzelner, einsamer Mond blickte aus seinem Bett verwaschener Sternbilder herab. Er suchte nach ihm vertrauten Zeichen von Illusionsmagie. Nichts. „Du ... Du bist sicher, dass es das ist? Was geschieht, wenn es die Oberfläche dieser Welt erreicht? Schauen wir einfach nur tatenlos zu und hoffen auf das Beste, während dieses Ding auf uns zukommt?“

Interessanterweise führen sowohl die Vektoren der Gezeiten als auch die Feldverzerrung zu denselben Brennpunkten, die sich zu denselben Koordinaten zurückverfolgen lassen: ein großes Riff vor der Küste Nefalens.

Während sich das Kerzenlicht auf meinem Stift spiegelt, erinnere ich mich der Lichter der Neumondriten der Soratami. Wir erhoben unsere Festlaternen auf die gleiche Weise wie unsere Vorfahren – als Leuchtfeuer, die jeden neuen Mond bei seinem Aufstieg aus dem Wolkenmeer leiteten. Welchen Einfluss wird das Riff auf diese Welt haben?


Weitere Hinweise, doch noch immer keine Antworten. Jace ballte voller nervöser Energie die Fäuste und öffnete sie wieder. Diese Hinweise trieben ihn schier zur Weißglut – sie boten nichts, was er selbst hören, greifen oder erfahren konnte. Selbst seine Augen schienen nutzlos. Er hatte keine andere Wahl, als sich von dem Tagebuch leiten zu lassen.

„Warum bist du nicht wirklich hier? Ich habe so viele Fragen ...“ Jace seufzte wehmütig. Stille. „Natürlich. Wunschdenken.“

Der Text auf den Seiten hielt seinem Blick mühelos Stand und forderte ihn heraus, den letzten Absatz erneut zu lesen. „Ich weiß, ich weiß. Wir haben eine Spur in den Steinen gefunden. Ich, ähm, wir werden ihr folgen. Ich wünschte nur ... Ich wüsste nur gern genauer, wonach ich eigentlich suche. Spur oder Falle – was hast du mir hinterlassen?“
__________

Die Straße nach Nefalen endete am Fuß der Meeresklippen, und Jace sah die Dächer der Hafenstadt Sehlhof über die Kante spitzeln. Ein steiler, enger Pfad führte an der Seite der Klippe hinauf, und bald war Jace durch den Aufstieg außer Atem.

Jace tastete sich um eine Windung des Pfades herum und prallte um ein Haar mit einer Fischersfrau zusammen.

„Oh! Verzeihung. Ich hatte Euch gar nicht ge...“

Ihr Blick – weit, leer und stierend – heftete sich an seine Augen.

„Also ist noch einer gekommen, um ihrem Ruf zu lauschen, ja?“, fragte sie mit schleppender Stimme. „Ihr seid auch hier, um sie zu sehen?“ Eine unheimliche, beinahe täuschend echte Nachahmung von Freude schlich sich in ihre Stimme. „Erst heute sind so viele angekommen!“

„Sie zu sehen? Wen?“

„Endlich ist sie hier! Sie brachte ihre gefiederten Brüder und Schwestern vom Himmel und mit ihnen die Flut! Sie brach durch die Flutmauern und spülte alles fort!“

Ah, natürlich, dachte Jace. Das Tagebuch hatte ja gestiegene Flutpegel erwähnt. „Habt auch Ihr gesehen, wie die Flut sich verändert hat?“

„Oh, wir haben kein Bedürfnis nach diesen Dingen. Wir haben etwas gefunden ... Etwas, was so viel größer ist als wir! Denkt an all die Dinge, an denen wir festhalten und die uns doch nur beschweren! In diesen Hüllen aus Fleisch zu leben, die Bürde unserer Ängste zu tragen und uns Tag um Tag zu plagen. Sie ist nun dort oben und wartet, uns all das abzunehmen und uns in eine neue Welt zu führen!“

„Langsam ... ‚Sie‘? Wer ist ‚sie‘? Und was bringt sie euch?“

Die Fischersfrau brach in ein viel zu langes Gelächter aus. „Ich war einst wie Ihr. Das Wissen ist eine entsetzliche Last. So viele Fragen und nie genug Antworten! Nun habe ich sie losgelassen und sie ganz und gar aus meinem Geist gespült. Doch einst wollte auch ich Dinge ... wissen. Viele Dinge! Törichte Dinge! Was ist mein höheres Ziel und wie werde ich es erreichen? Wie werde ich sterben? Wann endet der Winter? Wohin schaut das Auge so unverwandt? Wie viele Augen? Wie viele Füße hat die Mondspitzmaus ... ?“

Bedeutungslose Worte strömten aus ihrem Mund, bis sie wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappte.

Jace hatte genug gehört. Diese Unterhaltung würde ihn nicht allzu weit bringen, doch er brauchte jedes kleine bisschen an nützlichem Wissen, das sie womöglich noch besaß. Mit einer bestens einstudierten Geste sandte Jace sein Bewusstsein aus, um ihre Gedanken zu erhaschen.

Der erste löste sich bei Berührung in eine Wolke blauen Nebels auf. Jeder einzelne schien eigenartig hohl und gestaltlos. Er runzelte die Stirn. Dies würde drastischere Maßnahmen erfordern. Er öffnete seine eigenen Gedanken und schlug eine Brücke zwischen ihrer beider Bewusstseine ...

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... und blickte in eine triste, graue Stille. Sie formte sich zu sanft geschwungenen Wänden von vollkommener Glätte. Das Dach dieser Kuppel war ebenso glatt und konturlos. Keine Türen, keine Eingänge, kein Weg hinaus. Er sah nach unten und rechnete damit, die Hände der Fischersfrau zu sehen. Doch alles, was er sah, waren seine eigenen feuchten Handflächen und seine blaue Robe. Jace fluchte stumm.

Seine Gestalt war irgendwie im Bewusstsein von jemand anderem gefangen. Er war nun das lebende, atmende Produkt der Fantasie einer anderen Person, gefangen in deren Geist. Panik stieg in ihm auf und verwandelte die Stille in ein hohes Pfeifen in seinen Ohren. Tief durchatmen. Dies kam ... unerwartet.

Jace schritt langsam die Grenze der Kuppel ab und tastete an der Wand nach Rissen oder Unebenheiten. Eine volle Runde förderte nichts zutage. In dem Versuch, seine wachsende Angst zu unterdrücken, lehnte er sich gegen eine Wand und betrachtete das Zentrum des Raumes.

Ein nebelhafter Schemen eines ... Dings ... hing in der Luft. Nein, keines Dings ... Es war mehr ein Nichts. Ein blinder Fleck, der nicht weichen zu wollen schien, ganz gleich, wie sehr Jace auch versuchte, daran vorbeizublicken.

Das Blut pulsierte ihm in den Schläfen, im Gleichtakt mit dem blinden Fleck in der Mitte des Raumes. Seine schwitzenden Handflächen pressten sich nun kräftig gegen die Wand, die sich jedoch beharrlich weigerte, auch nur ein winziges Stückchen nachzugeben.

Er hatte bereits zuvor Bewusstseine verändert und wilde Visionen und verzerrende Wahrheiten in sie eingebracht. Doch noch nie zuvor war er jemals selbst eine derartige Verzerrung gewesen. Nein, er war noch immer echt und wahr. Dessen war er sich sicher. Er konnte es beweisen.

Er holte tief Atem, stellte sich breitbeinig hin, machte eine Faust – bei der sein Daumen nicht von seinen Fingern umschlossen wurde, ganz so, wie Gideon es ihm eingeschärft hatte – und schlug gegen die Wand.

Der Aufprall ging ihm durch den ganzen Körper, und der Schock, der ihm durch die Nervenbahnen lief, warf ihn zurück. Die Wände vibrierten wie eine Stimmgabel, und jede einzelne Welle klirrte schrill durch Jaces gequältes Hirn.

Sein Blick huschte zur Mitte des Raumes. Der blinde Fleck in seinem Blickfeld war zu einem Objekt angewachsen, das deutlich größer war als Jace selbst. Es berührte nun beinahe Boden und Decke jener Kuppel, in der Jace wie eine Spinne in einem Glas in der Falle saß.

Er kniff die Augen zu, hielt sich den Kopf und versuchte, ruhig und konzentriert zu bleiben.

„Das hier ist fest gebaut.“

Jace riss die Augen auf. Dort stand eine andere Gestalt in nassen blauen Roben mit einer Kapuze, umgeben von einem fahlen Leuchten. Sie rieb sich das Kinn und sah gedankenverloren zu dem Objekt hinauf. Sie sah genau wie Jace aus. Oder genauer gesagt wie eines seiner illusionären Duplikate.

„So einen Ort haben wir noch nie gesehen, oder? Die Gedanken sind ganz durcheinander, und der Ort ist einfach nur leer. Aber faszinierend! Was glaubst du, was im Inneren dieses Dings ist?“

Jace glotzte das Duplikat unter der Kapuze an, während sich auf seiner Zunge Worte zu formen begannen und sich sogleich wieder auflösten. Er war sicher, dieses Abbild nicht beschworen zu haben. Oder hatte er das etwa doch getan – instinktiv? Er konnte sich nicht erinnern. War das eine Auswirkung dessen, in einem anderen Bewusstsein gefangen zu sein?

„Oh, gehen wir weiter, ja? Wir sind doch schon so dicht dran!“, insistierte eine weitere Stimme. Jace drehte sich um und sah ein zweites Duplikat seiner selbst, diesmal ohne Kapuze und das mondbleiche Gesicht deshalb deutlich sichtbar. „Wir haben keine Zeit mit dieser armen Frau zu verlieren – lassen wir sie in Ruhe. Wir sind beinahe am Unterwassergrab!“

Das Duplikat mit Kapuze warf dem anderen einen eisigen Blick zu. „Und was dann? Weiter diesen Anomalien folgen? Ich bin es leid, all diese Sackgassen zu durchlaufen. Es muss doch jemand hier sein, der weiß, wie das alles zusammenhängt!“

Die Gestalt mit Kapuze legte beide Hände an die Stirn und schaute mit ernster Miene zu dem Objekt hinauf. Ihre Wangen röteten sich, und zwei Adern wölbten sich komisch auf ihrer Stirn, als sie stark zu schwitzen begann.

Jace verzog das Gesicht und betrachtete sich mit nackter, erschütternder Selbsterkenntnis.

„Du siehst wirklich so aus, weißt du.“ Das kam von einem dritten Duplikat. Dieses hatte violette Augen und grinste. Es flüsterte dem zweiten, bleichen Duplikat etwas ins Ohr, und beide kicherten verschwörerisch, während sie auf das erste deuteten, das noch immer höchst konzentriert war.

Das bleiche Duplikat fasste sich und legte Jace ernst die Hand auf die Schulter.

„Monate, nein Jahre physikalischer Studien, Beobachtungen und Messungen! Du stehst so kurz davor, meine Aufzeichnungen zu vollenden!“ Das bleiche Duplikat zog mit ernstem, ungeduldigem Beharren an Jaces Arm.

Das Objekt, das nun auf unfassbare Weise noch bedrohlich viel größer wirkte, starrte auf Jace herab. Die glatten Wände des Raumes verzerrten und verbogen sich unter dem Druck des Objekts und gaben dann mit einem lauten Knacken nach. Splitter der zerberstenden Wände rissen sich los und wurden in das Objekt hineingeschleudert, wodurch sie den Blick auf ein spinnennetzartiges Gitterwerk unter ihnen freigaben. Unzählige Augen öffneten sich in den Gittern und stierten in wahnhafter Verzückung durch Jace und die Fischersfrau hindurch auf das Objekt. Stimmen hinter den Wänden brüllten ein weißes Rauschen, das in Jaces Sinne stach und ihn auf die Knie zwang. Auch der Boden knackte, und obgleich Jace es nicht hören konnte, war ihm vage bewusst, dass er auch unter seinem Gewicht nachgegeben hatte und er nun fiel ...

Er riss die Augen auf, um festzustellen, dass er seinen eigenen Kopf fest mit den Händen gepackt hielt und sich auf dem Boden zusammengerollt hatte. Während er die Bäume musterte, krallte sich der Anblick dieser von Sehnen durchzogenen Mauern wie mit unsichtbaren Scheinfüßchen an seine Sicht und erzeugte ein lang anhaltendes Nachbild.

Die Fischersfrau taumelte, als sie wieder zu sich kam, und sah Jace einen kurzen, wissenden Augenblick lang an. Nach einigen unhörbar gemurmelten Worten rappelte sie sich mit einem kehligen Knurren auf und huschte den Pfad hinunter, der von der Küste wegführte.

Er bemerkte ihren Aufbruch kaum, während er tief in Gedanken versunken seinen Aufstieg fortsetzte.
__________

Der Pfad endete am felsigen Ufer gleich nördlich des Riffs in der Nähe eines kleinen Fischerdorfes. Dessen Flutmauern standen, wie die Fischersfrau bereits angedeutet hatte, beinahe einen Fuß hoch unter Wasser, und eine dicke Schicht aus verfaulendem Meeresschlamm überzog das, was einst ein Hafen und seine Schiffe gewesen waren.

Stiefel schmatzten durch Schlick und Sand, als Jace ins flache Wasser watete und die erste Welle über seine Stiefel spülen ließ. Als er darauf wartete, dass sie sich wieder zurückzog, bemerkte er, dass das Wasser sich parallel zum Ufer bewegte anstatt von ihm weg.

Irgendetwas an diesem Strand änderte tatsächlich den gewohnten Gang der Wellen.

Südlich des Dorfes fiel das Mondlicht auf einen massiven Ring aus zerklüfteten Strukturen, die wie Klauen aus dem Meer aufragten und nach den Wogen und vorüberfahrenden Schiffen zu greifen schienen.

„Der Unterwassertempel“, hauchte Jace.

Über dem zerklüfteten Ring war noch immer ... nichts? Am Himmel darüber hing nach wie vor nur der vertraute Reihermond.

Er war auf eine Menge Dinge vorbereitet gewesen. Aber auf nichts? „Ich dachte, du hast mir etwas versprochen! Du sagtest, ich würde etwas finden!“ Hastig fischte Jace das Buch aus seiner Tasche und klappte es auf.

Zusammenfassend lassen sich die ersten Beobachtungen am ehesten durch das Erscheinen eines großen Himmelskörpers in rasch abnehmender Distanz zu Innistrad erklären.

Er blickte den leeren, unfertigen Ring aus Steinen kritisch an. Groß, aber nicht groß genug für das, was er als einen „Himmelskörper“ bezeichnen würde. Und der Raum über dem Ring schien einfach nur leer zu sein. „Ähm, wie groß sollte dieses Ding deiner Meinung nach denn sein?“

Insgesamt legen die hier dargelegten Funde die Anwesenheit eines Objektes von beachtlicher Masse nahe. Höchstwahrscheinlich ein neuer astraler Körper, ein Düstermond von ausreichender Größe, um eine Gravitationsverlagerung auszulösen, die imstande ist, die herkömmlichen Muster der Gezeiten und der magischen Energie zu verzerren.

„Ein astraler Körper? Von der Größe eines Mondes?“ Jace blickte zu dem leeren Raum über dem Ring. Hatte sich in der Nähe ein weiterer Illusionist versteckt? Er konnte nichts dergleichen erkennen.

Weitere Feldstudien werden zu Untersuchungszwecken in die Wege geleitet.

Jace blätterte vor, fand jedoch keine weiteren Einträge zu diesem Thema. „Du kannst doch jetzt nicht aufhören! Wir sind so nah dran! Sag es mir! Sag mir, was das bedeutet!“ Er griff nach dem ledernen Einband und schüttelte das Buch heftiger, als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Er erhaschte aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Dichte Wolken zogen sich über ihm zusammen, und ein langer Zug dahinschlurfender menschenähnlicher Kreaturen watete durch das kalte, schulterhohe Meerwasser unter ihm. Zombies. Oder die vom Wasser aufgedunsenen Leichen von Seeleuten, die schon vor langer Zeit am Nefalen-Riff umgekommen waren, um genauer zu sein.

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Mit einigem Ekel erkannte er, dass der Geruch nach Fäulnis keineswegs von irgendwelchen toten Fischen stammte, sondern von in Salzwasser gelagerten, untoten Arbeitsdrohnen.

Die lebhafte Erinnerung an Lilianas Zombies und ihre kalten, verwesenden Hände, die seine Kehle umklammerten, stieg in seinen Gedanken auf.

Jace machte vorsichtshalber eine Geste, und drei Duplikate erschienen neben ihm.

Der Anblick der Zombies rief ihm Lilianas Worte ins Gedächtnis zurück. „Das ist eine Sackgasse. Geh nach Hause, Jace“, hatte sie ihm gesagt.

„Nein!“, beharrte er laut und mit einer Vehemenz, die ihn selbst überraschte.

Seine Gedanken waren zu laut. Langsam, Beleren, ermahnte er sich selbst.

Nein, er konnte nicht umkehren. Noch nicht. Nicht, wenn er das enträtseln konnte, was selbst das Tagebuch nicht wusste.

Jace knirschte ob der Eiseskälte des Meerwassers mit den Zähnen und watete in einiger Entfernung von den starren Blicken der Prozession aus Zombies tiefer in die See hinein. Die Steinformationen hier ähnelten jenen, die er in den Moorlanden gesehen hatte, obwohl diese hier viel größer waren und vor lauter Energie summten. Ihre verkrümmten Formen liefen spitz zu und waren in die Mitte des Kreises gerichtet.

Ein paar der Steine ragten aus dem Watt heraus, fernab der Prozession, die sich in der Mitte des Kreises versammelte. Jace bahnte sich seinen Weg zu einem von ihnen und streckte die Hand aus, um die Ausrichtung des Steins im schwachen Licht nachzuverfolgen.

Ein Funken aus Energie sprang von der Oberfläche des Steins mit einem lauten KNALL auf Jace über und ließ seine Ohren und seinen Kopf in einem vertrauten Geräusch dröhnen.

Langsam hob er den Kopf. Eine Erinnerung regte sich.

Ein blinder Fleck – das Objekt – breitete sich in seinem Blickfeld aus und schwebte genau über dem Kreis aus Steinen in der Ferne. Das Objekt pulsierte – im Gleichtakt mit dem schimmernden Netzt aus Adern auf den Monolithen – vor Macht. Dies war der Nexus von Innistrads umgelenkten Leylinien, das Zentrum seiner Energie.

„Du warst noch nie in der Lage, die Hände bei dir zu behalten, Beleren. Und musstest du wirklich zulassen, dass dir dieses Ding noch mal einen Schlag versetzt?“, erklang eine Stimme hinter ihm.

Das dazugehörige Gesicht lugte über seine Schulter und verdrehte nachdrücklich die violetten Augen. „Für einen Magier, der für seine Klugheit berühmt ist, ist das aber nicht der stärkste Augenblick.“ Die Gestalt machte eine Geste, als wollte sie ihm mit einem illusionären Finger auf die Nasenspitze stupsen. Jaces abtrünniges Duplikat mit den violetten Augen aus seiner mentalen Gefangenschaft. Hinter ihm befanden sich die anderen: das vermummte und das bleiche Duplikat.

„Was machst du denn hier?“, stammelte Jace. „Ich hatte dich und die anderen ...“, er deutete vorwurfsvoll zu den anderen Duplikaten, „... Irren doch im Kopf dieser Wahnsinnigen zurückgelassen! Ihr wart dort schon nicht willkommen, und falls ihr nicht vorhabt, uns gegen das da“, Jace wies gereizt auf die stinkende Zombiehorde, „zu helfen, dann betrachtet euch hiermit als entlassen!“

„Es gibt keinen Grund, so feindselig zu sein. Schau mal, du kümmerst dich doch bereits ganz hervorragend darum!“ Das Duplikat mit den violetten Augen deutete zur Mitte der Formation, wo das bleiche und das vermummte Duplikat gerade dabei waren, sich eifrig dem Zentrum zu nähern. Sie schienen sich nicht um die Masse an Zombies in ihrem Weg zu scheren.

„Kommt sofort zurück! Aber flott!“, zischte Jace. „Kommt verdammt noch mal zurück!“

„Wir können endlich unsere Messungen beenden! Was glaubst du? Wie groß sind diese Gesteinsproben?“ Die Gestalt des bleichen Duplikats flackerte. Seine Züge verschlankten sich zu schmalen, zierlichen Winkeln und sein zerzaustes Haar wurde zu zwei geflochtenen Zöpfen, die von etwas gehalten wurden, was im Grunde wie die langen Ohren eines Hasen aussah. Das bleiche Duplikat hatte sich vollständig in eine Soratami verwandelt, eine Angehörige des Mondvolks von Kamigawa. Die gleiche, wie es schien, die er im Markov-Anwesen gesehen und die das Tagebuch geschrieb...

„Das Tagebuch. Ist das ... ?“, stammelte Jace und griff nach dem Buch in seiner Tasche. „Ich meine ... bist du das?“

„Höchstwahrscheinlich ein neuer astraler Körper, ein Düstermond von ausreichender Größe, um eine Gravitationsverlagerung auszulösen, die imstande ist, die herkömmlichen Muster der Gezeiten und der magischen Energie zu verzerren“, deklamierte die Illusion der Soratami feierlich. „Ich muss mich konzentrieren, wir haben zu tun ... und wo ist dein Kompass?“, beschimpfte sie Jace, während sie zielstrebig auf die Steine zuging.

Das vermummte Duplikat hatte bereits den Fuß des Objekts erreicht, wo es stehen blieb und zu ihm hinaufschaute. „Genau wie im Geist der Wahnsinnigen! Warum wolltest du, dass wir sie zurücklassen? Jetzt werden wir nie erfahren, was sie weiß!“ Die schrille Stimme des Duplikats erregte die Aufmerksamkeit der Zombies. „Jace, schau nach oben!“, kreischte es. „Sie sind hier!“

Als Jace sich umdrehte, fiel ihm etwas auf den Kopf und glitt von dort zart ins Meer hinab. Und noch einmal. Regentropfen? Er streckte die Hand aus und griff nach dem nächsten, was da auf ihn herunterfiel.

Es handelte sich um ... Federn? Sie stammten aus einer dicken, schweren Wolke über ihm. Er kniff die Augen zusammen. Nein, das war keine Wolke. Das da bestand aus Dingen, die sich bewegten. Aus großen Dingen mit Flügeln. Engel.

Sie kreisten in der Luft über dem Zentrum des Rings, wobei einige in der Nähe der Kryptolithen wie Motten um eine Kerze flatterten und dabei raue, vogelartige Laute ausstießen. Das Geräusch ihrer gewaltigen Flügelschläge hallte von den Klippen wider und durch Jaces schmerzenden Kopf.

O ja, so etwas hatte er schon einmal gesehen. Die Seiten, auf denen zum ersten Mal die Kryptolithen beschrieben worden waren, hatten gewissermaßen im selben Atemzug auch Avacyn beschrieben. Ein Zeichen, ein Hinweis ... Irgendetwas war es. Irgendetwas musste es sein.

„Imposant aussehende, aber nutzlose Kreaturen. Vogelschwingen und Vogelhirne“, spottete das violettäugige Duplikat und lehnte sich an Jaces Schulter.

Unter dem Schwarm blickte das Duplikat mit der Kapuze unentwegt nur zum Himmel hinauf, von der erbarmungslosen Anziehungskraft des Objektes und dem Kreisen der Engel über ihm wie gebannt. „Was verändert die Gezeiten?“, hörte Jace es murmeln. „Zombies oder Engel? Was ist meine Bestimmung? Wie wird es enden? Zu viele Fragen ...“

Es ging zum Zentrum des Kreises aus verkrümmten Steinen, bis zum Hals in eisigem Salzwasser, den Kopf zurückgelehnt und den Blick noch immer fest nach oben gerichtet. Es hielt nicht an, als das Wasser über ihm zusammenschlug und es unter sich begrub. Jace sah stumm zu, wie das Gesicht des Duplikats – sein Gesicht – langsam verschwand.

Eine Stimme erklang hinter ihm. „Du erinnerst dich doch daran, was sie zu uns gesagt hat, oder?“, fragte das violettäugige Duplikat mit hochgezogener Augenbraue und einem zu breiten Lächeln, als dass es aufrichtig hätte sein können.

„Wie bitte?“, krächzte Jace Beleren mit trockener Kehle.

„In dieser ersten Nacht, als du herkamst, um sie zu sehen.“ Die Stimme des Duplikats hatte sich verändert. Sie wirkte nun ... vertraut.

Die Umrisse seiner illusionären Gestalt flackerten im Mondlicht und langsam verwandelte es sich in etwas Bekanntes: Liliana Vess.

„Ich kam nicht hierher, um sie zu sehen! Ich ... Ich bin hier, um Sorin zu finden!“

„Sie kennt dich. Sie hat dich nicht gebeten, herzukommen, umgeben von diesen Untoten und diesem ...“, sie machte eine verächtliche Geste nach oben, „... geflügelten Ungeziefer.“ Lilianas Stimme zerrte an seinen blanken Nerven wie ein begabter Geigenspieler, der einen Akkord spielte.

Jace hielt inne. Natürlich. Er hatte es die ganze Zeit gewusst, oder?

„Du warst es! Du hast sie hierhergebracht! Deshalb hast du mir deine Ghule nicht hinterhergeschickt! Deshalb hast du mich vor den Engeln gewarnt, als ich ankam!“ Jace konnte spüren, wie ihm das Blut zu Kopf stieg, und er hörte, wie kratzig und schrill im Vergleich zu ihrer Ruhe seine Stimme war.

Er drehte sich um, um sie anzusehen. „Dies ist dein Werk! Du hast sie immer gehasst, und du hast das seit Jahren geplant, nicht wahr? Du bist es, die die Steine neu ausgerichtet hat, um die Engel hier zusammenzutreiben und ihren Geist zu verdrehen! Wie Lämmer auf der Schlachtbank, alle an einem Ort versammelt, damit du sie auf einen Schlag vernichten kannst! Wie hast du das angestellt? Was hast du vor? Hast du eine Ahnung, mit welchen Kräften du dich anlegst?“

Blut pochte ihm in den Schläfen, und Schweißperlen rannen ihm über die Stirn. „Antworte mir! Du hältst mich nicht zum Narren!“

„Dazu brauchst du mich nicht, Jace. Und du ... Du weißt es besser, oder?“ Obschon sie nur eine Illusion waren, waren Lilianas Augen von dem gleichen alten und unergründlichen Violett, an das Jace sich erinnerte. Sie sprudelten vor schrecklichen Geheimnissen aus einem Leben ohne Erbarmen schier über.

Frustrierte Worte und Anschuldigungen stiegen in Jaces Kehle auf, als er Lilianas lächelndes, illusionäres Gesicht betrachtete, doch als er zu sprechen ansetzte, löste es sich urplötzlich in der kalten Nachtluft auf.

Jace machte sich auf den Weg zurück zum Ufer und hockte sich allein und zitternd in die Dunkelheit. Seine Roben halfen nicht dabei, die Kälte von seinen Knochen fernzuhalten, und kein Gefühl kehrte in seine tauben Füße zurück. Er war unverletzt, aber erschüttert. Vor ihm setzten die Ghule ihre Prozession fort, ungerührt von Jaces Vorübergehen.

Er blickte zum Steinkreis zurück. Das Objekt war verschwunden.

Seine zitternden Hände griffen nach dem Tagebuch, doch verharrten, ehe sie den Deckel aufklappten. Fragen irrten in seinen Gedanken umher. Wie hatte Liliana die Gezeiten oder auch nur diese Steine bewegt? Was war die astrale Formation, die das Tagebuch so betont hatte?

Nein, hallte eine dumpfe, surrende Stimme in seinem Bewusstsein wider. Hör auf zu fragen. Zu viele unbeantwortete Fragen. Du brauchst das Buch und seine endlosen Rätsel nicht. Du bist bis hierher gekommen. Du kennst die Antwort. Hör auf zu suchen.

Wieder und wieder tauchten die Bilder in seinem Kopf auf. Er konnte Lilianas Gesicht und ihr spöttisches Lächeln einfach nicht abschütteln.

„Engel. Zombies. Sackgasse ...“

Der Jagdmond hing einsam und erwartungsvoll am Himmel, und sein silbriges Licht schien das Land und das Meer, auf das es fiel, zu läutern. Jace wusste, was er zu tun hatte.

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Veröffentlicht in Magic Story on 6. April 2016

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Judge Fredd
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mi 20. Apr 2016, 22:47

Alte und neue Versprechen


Als Jace sich zum Anwesen der Markovs aufmachte, hatte er die Hoffnung gehegt, den vampirischen Planeswalker Sorin zu finden. Stattdessen fand er nur ein verwüstetes und in groteske Formen verzerrtes Herrenhaus, dessen Bewohner in seinen steinernen Mauern eingeschlossen waren. Für Jace war dies der Anfang eines neuen Rätsels. Was er jedoch nicht ahnen konnte, war, dass er Sorin nur knapp verpasst hatte und die Verkündung im Stein für den uralten Vampir bestimmt gewesen war.

Sorins Vergangenheit hatte ihn eingeholt. Obschon er von seinesgleichen gemieden wird, hofft er nun auf die Hilfe der Vampire, um die Bedrohung, die Innistrad heimsucht, aufzuhalten. Seine Suche führte ihn zum abgelegenen Anwesen der mächtigen Olivia Voldaren.


Über hundert Augenpaare beobachteten ihn hinter eleganten Masken, während er sich seinen Weg durch den Ballsaal bahnte. Ein anderer hätte sich in solcherlei Gesellschaft vielleicht wie eine Maus unter Eulen gefühlt. Nicht so er. Er schritt unter dem Deckengewölbe entlang, während das Hallen seiner Schritte jenes zischende Wispern durchbrachen, das immer wieder den gleichen Namen flüsterte.

„Sorin Markov“, erklang nun eine weiblich Stimme über dem Wispern, melodisch und sarkastisch zugleich – eine Stimme, die jede Silbe seines Namens auf eine solche Weise formte, dass Sorin das Gefühl nicht loswurde, es handele sich dabei um die Pointe eines langen und vertrackten Scherzes. Doch das spielte keinerlei Rolle. Wichtig war nur, dass die Stimme vertraut war und zu jener Person gehörte, die er hier hatte treffen wollen.

„Mir scheint, ich habe eine ausgelassene Feier gestört“, sagte Sorin und machte eine ausladende Geste mit der Hand, ehe er sie in theatralischer Bescheidenheit auf die Brust legte. „Ich bitte um Verzeihung. Aber so zeige dich doch bitte, Olivia. Wir müssen uns unterhalten.“ Er ließ den Blick durch den Saal schweifen, in dem so viele Vampire zusammengekommen waren, um an den überschäumenden Festivitäten ihrer Gastgeberin teilzuhaben. Sorin hatte Dutzende, wenn nicht Hunderte solcher Veranstaltungen besucht, doch das war schon Tausende von Jahren her.

Endlich senkte eine Vampirin ihre Maske, eine Abscheulichkeit aus Porzellan, die den Reiher Avacyns zu verspotten trachtete. Sie warf sie beiseite und erhob sich so mühelos, als würde sie blinzeln, in die Luft – eine Zurschaustellung der Macht, die ihr uraltes Blut durchströmte.

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„Ich kann mir kaum etwas vorstellen, worüber wir uns zu unterhalten hätten, Fürst von Innistrad“, sagte Olivia und knickte die Hüfte ein. Nun war es an ihr, sich in gespielter Hochachtung der Theatralik zu bedienen. Gelächter erscholl im Ballsaal. Sorin schenkte dem keine Beachtung. Immerhin war dies ihr Haus, und sie sollte ihren Spaß haben. Er erwiderte ihren Blick und sah zu ihrem bleichen, von roten Locken umrahmten Gesicht hinauf. Er kannte dieses Spiel. Sie wollte sich überlegen fühlen. Es war eine Vorstellung, die sie viele Male geübt hatte, doch er war keiner jener Neugeborenen, die miteinander um ihre Gunst wetteiferten, und er würde diesen Auftritt nur so lange dulden, wie er es aushielt.

„Ein Abkömmling Edgar Markovs ist hier nicht willkommen“, fuhr sie fort. Dann machte sie eine Geste, die an niemanden im Besonderen gerichtet war. „Bringt ihn hinaus.“

Ohne Zögern löste sich ein halbes Dutzend Vampire aus der Schar der Feiergäste. Einer von ihnen zog ein dünnes Rapier aus der Scheide. „Frau Voldaren wünscht, dass Sie gehen“, sagte er. „Sie gehören nicht hierher.“

Das war alles, was er zu dulden bereit war.

Sorins Schwert vollführte einige blitzschnelle Hiebe, die fünf seiner Angreifer zu Boden schickten. Wolken schwarzen Rauchs stiegen aus tiefen Wunden auf. Nur einer war noch übrig – der Duellant –, doch Sorin blickte an ihm vorbei zu Olivia, um sich zu vergewissern, dass sie die Vorgänge genau beobachtete. Das tat sie. Dann hob er die Hand, und als der Duellant nach ihm hieb, ballte Sorin die Finger zur Faust. Jäh zerbarst der Körper seines Angreifers zu Asche.

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Stille senkte sich über den Raum. Er hatte die Aufmerksamkeit der Gäste. Und – viel wichtiger – er hatte die Olivias. Er steckte das Schwert weg und trat vor. Es gab einen Grund für seinen Besuch, und ungeachtet des üblen Geschmacks, den es auf seiner Zunge hinterließ, sagte Sorin: „Ich bin hier, um dich um Hilfe zu bitten.“ Olivias Mund verzog sich zu einem Lächeln, bis Zähne zum Vorschein kamen, die im Lauf der Jahrhunderte das Leben zahlloser Menschen beendet hatten. Sie schwebte zu ihm herab. Ihre Bewegungen waren so geschmeidig, dass die rote Flüssigkeit in ihrem Kelch sich kaum bewegte. Trotz der Eleganz ihres Gewands war sie barfuß, genau wie in Sorins Erinnerung – ganz die nachlässige Einsiedlerin. Und nun, da sie sich ihm näherte, glitten ihre Zehen gerade einmal eine Handbreit über dem polierten Steinfußboden dahin.

Olivia musterte Sorin und neigte dabei den Kopf erst zu einer, dann zur anderen Seite, als würde sie versuchen, Sorins Absichten zu erraten. „Meine Hilfe? Und ich war davon überzeugt, dies wäre ein unangenehmer Besuch.“

Sorin wusste, dass sie all dies genoss, doch so langsam verlor er die Geduld.

„Nun, immerhin wird man diese Feier nicht so schnell vergessen“, sagte sie und hob, wie um den Punkt zu unterstreichen, den Kelch an die Lippen. Dann war Sorin gezwungen, beiseitezutreten, als Olivia an ihm vorbeischwebte. Die Menge maskierter Gäste teilte sich vor der Urahnin der Voldaren, die Sorin mit einem ungezwungenen Wink bedeutete, dass er ihr doch bitte folgen möge.

Die beiden uralten Vampire schritten durch eine Reihe von Räumen voller feiernder Gäste.

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In einem spärlich beleuchteten Arbeitszimmer beobachtete Sorin eine Handvoll Vampire, die sich in einer Ecke des Raumes scharten. Aus ihrer Mitte erklang ein kaum wahrnehmbares Wimmern. Einer der Vampire erblickte Sorin und fauchte seinen Ärger über die Störung mit blutüberströmtem Kinn heraus. Hinter ihm erhaschte Sorin den Blick auf einen ausgestreckten Arm, an dem rote Schlieren entlangliefen.

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Jenseits des Arbeitszimmers führte Olivia Sorin in einen riesigen Speisesaal – ein langes, höhlenartiges Gewölbe, an dessen Decke ein Dutzend Kronleuchter über einer eleganten, aus schwarzem Holz gefertigten Tafel hingen. Um sie herum hatten sich weitere Gäste versammelt und frönten einem opulenten Mahl. Sorin erinnerte sich von früheren Besuchen gut an diesen Raum, und er wusste, dass Olivia ihn auf dem langen Weg hierhergeführt hatte. Sie wollte, dass er sah, wie die Vampire sich labten, und es ihm mit aller Dreistigkeit vor Augen führen. Sie musste geglaubt haben, dass ihm dies nahegehen würde. Wie wenig sie doch verstand.

„Hinaus“, sagte Olivia. Obwohl es weniger wie ein Befehl, sondern eher wie ein spielerischer Vorschlag klang, gehorchten die Speisenden. Mit ihnen verschwanden auch die Geräusche der Feier. Nachdem Sorin und Olivia an den Enden der Tafel Platz genommen hatten, war der Raum vollkommen still.

„Warum hier, Sorin Markov?“, fragte Olivia. „Warum bettelst du nicht vor deiner eigenen Tür?“

„Ich nehme an, du hast es noch nicht gehört.“ Olivia hob eine Augenbraue. „Das Anwesen meines Großvaters ist nicht mehr.“

Olivia lachte weniger melodisch, als Sorin es erwartet hatte.

„Diese Nachricht amüsiert dich?“, fragte er.

„Diese Nachricht ist nicht amüsant“, sagte Olivia. „Ihr Überbringer indes ...“ Mit müheloser Anmut ließ sie sich in die Polster ihres Sessels sinken. „Wenn das Anwesen der Markovs in Trümmern liegt, solltest du dich vielleicht an deine Schöpfung Avacyn wenden. Sie hat bereits Schloss Falkenrath zerstört und diese Blutlinie ausgelöscht. Deine Kreatur ist auf dem Kriegspfad. Offen gestanden ist die bloße Tatsache, dass ich dich nicht eigenhändig in Stücke gerissen habe, als du mein Haus durch deine Anwesenheit besudeltest, bereits ein Zeichen meines Großmuts.“

„Ich werde dies geflissentlich überhören, Olivia, denn ich möchte, dass du dem, was ich zu sagen habe, gut lauschst.“ Er erhob sich aus seinem Sessel und stützte sich mit den Knöcheln auf den Lehnen ab. „Ich komme gerade vom Markov-Anwesen. Und du musst wissen, dass ihm nicht dasselbe Schicksal widerfahren ist wie Schloss Falkenrath. Ich wende mich an dich, weil die Zerstörung des Markov-Anwesens den Anfang von etwas Entsetzlichem für diese Welt einläutet.“

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„Etwas Entsetzlichem für dich, meinst du wohl.“

Warum nicht beides? Es war in der Tat entsetzlich für ihn. Doch es bedeutete ebenso eine Gefahr für ganz Innistrad. Er hatte nie beabsichtigt, dass es dazu kommen sollte, und seine Gedanken schweiften zu einem anderen Zeitalter.
__________

Sorins Bewusstsein erstreckte sich über all die Wochen, die er hier unten gewesen war. Oder waren es Monate? Jahre? Er konnte keine Gewissheit darüber haben, doch inmitten seiner tiefen Versenkung hatte ihn nun ein grellweißer Punkt aufgespürt. Er durchbrach sämtliche Ebenen seiner Wahrnehmung und kam mit jedem Augenblick näher, bis er ihn schließlich berührte. Und dann fügten sich die verlorenen Fragmente seines Geistes binnen eines Herzschlags in wilder Eile in die richtigen Stellen seines Seins ein. Der Rausch drohte ihn zu übermannen. Etwas war schiefgegangen. Etwas hatte ihn frühzeitig aus seiner Genesung gerissen.

Als seine Augen sich flatternd öffneten, fand Sorin sich auf dem Steinboden einer bescheidenen Zuflucht sitzend wieder. Langsam erhob er sich – eine Aufgabe, die mehr Anstrengung erforderte, als sie es hätte tun sollen. Er war noch immer schwach und ausgelaugt, und als er nun auf unsicheren Beinen stand, bemerkte er einen dunklen Fleck, der sich über den Boden der Zuflucht ausbreitete – ein bleibender, schwarzer Schatten in Form eines Engels, ein Zeugnis der Tragweite seines neuesten Unterfangens und seiner jüngsten Schöpfung.

Dann flackerte das weiße Licht erneut über Sorins Kopf, und da sich der Nebel seiner Trance inzwischen gelichtet hatte, erkannte Sorin, was es war: das Zeichen eines anderen Planeswalkers, der auf Innistrad eintraf und von seinem Höllenkerker angezogen wurde.

Seine Genesung musste wohl aufgeschoben werden. Innistrad gehörte ihm, und er duldete Besucher nur, wenn es ihm gefiel. Er musste herausfinden, was sie vorhatten. Es wäre zwar kaum erstrebenswert, in seinem jetzigen Zustand in einen Kampf zu geraten, doch eine Bedrohung seiner Welt war nicht hinzunehmen. Selbst geschwächt war er noch immer fähiger als die meisten – und zudem würde er diesmal Hilfe haben. In einer Wolke aus tintigem, schwarzem Rauch machte Sorin Markov sich auf, herauszufinden, wer es wagte, in seine Welt einzudringen.

In einer weiteren Rauchwolke materialisierte Sorin sich im Schatten eines knorrigen Baumes, dessen verzweigte Äste in Ansammlungen roter Blätter endeten. Von seinem Aussichtspunkt aus diente der Vorhang aus grauen Wolken als Kulisse für einen schroffen, monolithischen Silberbrocken, der auf einem Vorsprung am Rand einer steilen Klippe ruhte. Im schwachen Licht erschien die silbrige Masse beinahe schwarz. Der Höllenkerker: Er entstammte dem silbernen Mond dieser Welt, und es hatte Sorin große Mühen gekostet, ihn hierherzubringen.


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Als Sorin den Kerker betrachtete, löste sich eine Gestalt aus seinem Schatten. Eine Frau – bleich, mit weißem Haar, das ihr zerzaust ins Gesicht fiel. Als sie um den Höllenkerker herumschritt, strichen ihre Finger leicht über seine Oberfläche. Sie trug einfache, derbe Kleidung. Den einzigen Schmuck bildete ein Streifen roten Tuchs, den sie sich um einen Unterarm gewickelt hatte.

Sorin wusste sofort, wer sie war.

Die Lithomagierin.

Nahiri.

Sie war eine Kor von Zendikar, die er vor Jahrtausenden gekannt hatte. Eine Zeit lang, wenn auch nur wenige Jahre waren sie Reisegefährten gewesen, und es erschien Sorin seltsam, sie nun auf Innistrad zu sehen. Auf all ihren gemeinsam Reisen hatte er sie nie hierhergebracht. Ihre letzte Begegnung war auf ihrer Heimatwelt gewesen, und nach dem, wie sie auseinandergegangen waren, hatte er nicht damit gerechnet, sie je wiederzusehen.

Und doch war sie hier.

Im Augenblick schien Nahiri von dem Höllenkerker gebannt, und so näherte sich Sorin ihr still. Wenn irgendjemand sein Werk zu schätzen wissen würde, dann sie.

„Du musst mir meinen unbeholfenen Versuch, Stein zu formen, bitte vergeben, Liebes“, sagte er, als er unmittelbar hinter ihr stand. Bei seinen Worten fuhr Nahiri herum. Ein breites Lächeln formte sich auf ihrem Gesicht, als sie an den ersten Versuchen einer Erwiderung scheiterte, bis die Worte endlich aus ihr hervorbrachen.

„Mein Freund! Du lebst!“

„Und warum denn auch nicht?“ Er brachte seine Gesichtsmuskeln dazu, ein Lächeln zu zeigen, und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Du bist nie zu mir gekommen.“ Sie bedeckte seine Hand mit der ihren. „Als ich auf Zendikar das Signal vom Auge Ugins auslöste, hast du nie geantwortet. Ich fürchtete, dass du ...“

Sorin zog die Hand zurück. „Die Eldrazi haben sich aus ihrem Kerker befreit?“

„Das haben sie, ja.“

Eine beißende Bitterkeit stieg in Sorins Kehle auf. „Wo ist Ugin?“, fragte er.

„Auch er ist nicht gekommen“, sagte Nahiri und blickte zu Sorin auf. „Aber ich habe mich darum gekümmert. Allein. Mit aller Macht, die ich aufbringen konnte, ist es mir gelungen, den Kerker der Titanen wieder zu versiegeln.“ Sie sprach mit einem Selbstbewusstsein, an das Sorin sich bei ihr nicht erinnern konnte. Da war wahrlich Macht in ihr, wie sie sie vor einigen Jahrtausenden zu Zeiten ihrer näheren Bekanntschaft noch nicht besessen hatte. Mit einem Mal wurde Sorin sich seines eigenen geschwächten Zustands schmerzlich bewusst, als er da so neben Nahiri stand.

„Nachdem die Aufgabe erfüllt war, machte ich mich auf die Suche nach dir“, fuhr Nahiri fort. „Ich musste wissen, ob du noch am Leben bist. Und hier bist du nun.“ Nach einem Augenblick erstarb Nahiris Lächeln langsam. „Also? Wo warst du? Sorin, warum hast du nicht auf das Signal geantwortet?“

„Es hat mich nie erreicht“, sagte er.

„Wie ist das möglich?“

„Hm.“ Sorin streckte die Hand an Nahiri vorbei aus und presste sie gegen die Oberfläche des Höllenkerkers. „Du hattest dich der Aufgabe verschrieben, die eingesperrten Eldrazi zu bewachen, und mir wurde klar, dass meine Welt dringend einen eigenen Schutz brauchte, besonders während meiner Abwesenheit. Dieser Höllenkerker ist die eine Hälfte dessen, was ich als Schutz erschaffen habe. Es ist nicht undenkbar, dass dein Signal aus dem Auge die Magie, die diese Welt beschützt, nicht zu durchdringen vermochte.“

Nahiri schüttelte den Kopf. „Wusstest du zu jenem Zeitpunkt, dass das geschehen könnte?“

„Es kam mir nie in den Sinn“, erwiderte Sorin. Das war die Wahrheit, doch er spürte einen Vorwurf in ihren Worten und wog die seinen sorgfältig ab. „Ich erkenne nun jedoch, dass diese Möglichkeit bestand.“

„Die Möglichkeit? Du hast meine Welt aufs Spiel gesetzt – und mehr!“ Nun lag eine Kränkung in ihrer Stimme. „Du hast mich im Stich gelassen!“

Sorin wischte die Befürchtungen der Kor beiseite. „Ich habe lediglich die nötigen Maßnahmen zum Schutz meiner Welt ergriffen. Ich glaube kaum ...“

„Wir hatten eine Abmachung, du und ich.“ Nahiris Stimme hatte sich plötzlich verändert. Sie war eisig geworden, bar jeder Wärme wie noch vor ein paar Augenblicken.

Ein scharfes Fauchen fuhr zwischen Sorins Zähnen hindurch, und Nahiri trat auf ihn zu. Er drehte sich von ihr fort.

„Nimm das nicht auf die leichte Schulter“, sagte sie. „Ich war bereit, meine Heimat aufs Spiel zu setzen, indem wir die Eldrazi dorthin lockten. Ich versprach, mich an Zendikar zu ketten und sie zu bewachen. Ich verbrachte Jahrtausende mit diesen Ungeheuern. Weißt du, wie das ist?“ Während sie sprach, begann der Boden zu grollen. „Alles, was du zu tun hattest, war, zu kommen, als ich dich rief.“

„Maße dir nicht an, über meine Taten bestimmen zu wollen, Kleines“, erwiderte Sorin und schlug Nahiris Hand beiseite. „Ich bin zu nichts verpflichtet. Ich schulde dir nichts! Als sich dein Funke entzündete, war ich es, der dich fand. Ich hätte dich damals vernichten können, aber ich habe dich verschont.“ Er wandte sich zu ihr um, und mit einem Mal trennte kaum ein Fingerbreit ihre Gesichter. Flüsternd fuhr er fort: „Ich habe dich unter meine Fittiche genommen und dich zu dem gemacht, was du heute bist. Falls du es für nötig hältst, jemandem Vorhaltungen zu machen, dann gehe los und suche nach Ugin. Ich habe keine Geduld für so etwas.“

Die Erde erbebte abrupt, und einen Augenblick lang kämpfte Sorin um sein Gleichgewicht.

Unter Nahiris Füßen stieß eine Säule aus Felsgestein durch die Erde und hob sie in die Luft. „Ich gehe nirgendwohin.“

__________

Sorin nahm einen Kristallkelch zur Hand und betrachtete dessen rubinroten Inhalt. Ein dünner Film hatte sich auf der Oberfläche gebildet. Sorin drehte den zarten Stiel zwischen zwei bleichen Fingern so, dass der Film sich auflöste und die Flüssigkeit wieder ungehindert umherschwappen konnte. Er hob das Glas, damit das Licht der Kronleuchter hindurchfallen konnte, und sah dabei zu, wie sich lang gezogene, rote Schemen über die Tischgedecke in der Nähe ausbreiteten.

„Weißt du, warum ich Avacyn erschaffen habe, Olivia?“, sagte er schließlich. Bei der Erwähnung dieses Namens verschwand das Grinsen aus Olivias Gesicht, wie Sorin mit einem gewissen Vergnügen bemerkte. „Ich habe sie als die Beschützerin dieser Welt erschaffen.“

Olivia schnalzte mit der Zunge, als Sorin an dem Blut im Kelch roch, ehe er ihn zurück auf den Tisch stellte. „Als Beschützerin“, spöttelte sie. „Du wagst es, in mein Haus zu kommen und meine Gäste mit einer solchen Absurdität zu belästigen?“ Nun war es an ihr, sich aus ihrem Sessel zu erheben. „Seit deinem Verrat haben wir nicht miteinander gesprochen – seit du Schande über den edlen Namen deines Großvaters gebracht hast. Die Tatsache, dass du mir an meiner eigenen Tafel gegenübersitzt, ist eine Schmach, die ich wohl ertragen muss. Doch wenn du glaubst, dass ich deinen Versuch, dich als Held aufzuspielen, dulden werde ...“

„Bist du fertig?“, fiel Sorin ihr ins Wort. Er war nicht hier, um sich zu rechtfertigen. Nicht vor ihr. Doch er war hier, um einiges zu erklären. „Es ist in der Tat wahr, dass unsere Gabe der Langlebigkeit oft mit einer gewissen Kurzsichtigkeit einhergeht, doch es gibt Wesen, die eine größere Bedrohung darstellen als unsere übereifrige Nahrungsaufnahme.“ Olivia trank das restliche Blut aus ihrem Glas. „Eines dieser Wesen“, fuhr Sorin fort, „ist hier und bedroht unsere gesamte Welt. Das kann ich nicht zulassen.“
__________

Sorin hob den Blick dorthin, wo Nahiri auf ihrer Granitsäule über ihm aufragte. Um sie herum schwebten unzählige Steine und trotzten der Schwerkraft zugunsten einer mächtigeren Herrin. Sie waren eine gehorsame Armee, die nur auf ihren Befehl wartete. Obwohl der Wind durch Sorins Haar peitschte und am Leder seines langen Mantels zerrte, hingen die Steine bewegungslos in der Luft, und Sorin kam es vor, als hielte die gesamte Welt den Atem an. Es gab keinen Zweifel an der Macht, die Nahiri nun besaß – jene Macht, die mit ihr gereift war. Stein gehorchte ihr nicht nur einfach. Er war ein Teil von ihr, und durch ihn konnte sie nach ganz Innistrad greifen und diese Welt in Trümmer legen.

Der einzige Stein, der jenseits Nahiris Einfluss lag, schien der Höllenkerker zu sein. Also lehnte sich Sorin mit dem Rücken daran, um nicht von allen Seiten aus angegriffen zu werden. Wäre er bei vollen Kräften gewesen, wäre er mit diesem Jungspund im Handumdrehen fertiggeworden. Doch seine Energie war noch immer erschöpft, und während er sich auf sein Schwert stützte, um nicht zusammenzubrechen, verfluchte er sich selbst.

Sorin sah zu, wie sich Nahiris Säule mit dem Geräusch brechender Knochen in Bewegung setzte und die Lithomagierin gemächlich auf ihn zutrug. Die Steine teilten sich vor ihr, und als sie eine längliche Scholle passierte, streckte sie die Hand so mühelos hinein, als würde sie in einen Teich greifen. Nach einem Wimpernschlag wurde der gesamte Stein rot, um kurz darauf in unzählige Splitter zu zerbersten, bis nur noch ein Schwert in Nahiris Hand übrig blieb. Die Klinge glühte noch davon, gerade eben erst aus Stein geschmiedet worden zu sein, und Sorin sah sich ihrer weiß glühenden Spitze gegenüber.


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„Sorin“, sagte Nahiri mit einer Stimme, die von sämtlichen Steinen weitergetragen wurde, sodass es schien, als würde sie von überallher gleichzeitig kommen. „Du wirst dein Versprechen einlösen. Du wirst mit mir nach Zendikar zurückkehren. Du wirst mir dabei helfen, unsere Maßnahmen zur Eindämmung der Eldrazi zu überprüfen, und dich mit mir vergewissern, dass sie auch weiterhin eingesperrt bleiben. Erst dann kannst du dich davonmachen.“

Sorin spie aus.

Dann spürte er es.

Seine Augen wanderten an Nahiris Schwert und dessen sein Ende verkündenden Spitze vorbei zu einem dunklen Wolkengebilde, das sich brodelnd über ihnen auftürmte. Er spürte es tatsächlich, und vor seinen Augen durchfuhr ein Speer aus Licht das Grau. Die Wolken zogen beiseite, und ein silbriger Komet schoss durch die entstandene Öffnung.

Avacyn. Seine Avacyn. Sie war gekommen, um Innistrad vor einer planaren Bedrohung zu beschützen – ganz dem Grund für ihre Erschaffung durch ihn entsprechend.

Anfangs schien Nahiri sie nicht zu bemerken. Und als sie es dann schließlich doch tat, geschah dies erst, als der Engel mit ausreichender Wucht auf sie prallte, um sie beide von der Steinsäule zu reißen. Sorin sah, wie sie dort, wo sie aufkamen, eine tiefe Kluft in die Erde rissen. Und mit ihnen stürzten auch die zahllosen Steine polternd zurück zu Boden.

Als die beiden Gestalten endlich liegen blieben, war es Avacyn, die sich als Erste aufrappelte. Sie hob ihren Speer, an dessen Spitze ein Licht aufleuchtete – immer heller und heller, bis es schließlich kaum mehr möglich war, es anzusehen.


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Sorin ertrug das Gleißen kaum noch. Er sah, wie Nahiri von der Erde verschluckt wurde, gerade als der Erzengel seinen Speer durch leere Luft trieb. Als die Spitzen sich in den Fels bohrten, zerbarst die Oberfläche in einem Hagel aus Stein und Staub, sodass Avacyn ihr Gesicht mit den Armen schützen musste.

Von dort, wo er stand, brauchte Sorin einen Augenblick, bis er begriff, was vor sich ging, doch durch den Staub erkannte er Nahiri, die mit ihrem noch immer glühenden Schwert Hiebe austeilte. Die Klinge schnitt durch die Luft und zog dabei gelbrote Bänder aus Licht hinter sich her. Funken stoben von Avacyns Speer auf, als sie den Angriff abwehrte. Doch es waren zu viele und zu wilde Schläge. Bald befand sich Avacyn auf dem Rückzug. Sie versuchte, sich in die Luft zu schwingen, doch Nahiri erhob sich auf einer weiteren Steinsäule und zwang den Engel durch ihre unnachgiebigen Angriffe zurück zu Boden.

Nahiri würde Avacyn vernichten. Der Gedanke durchfuhr Sorin eher wie ein Blick auf die Wirklichkeit als lediglich wie eine von vielen Möglichkeiten. Nein! Die Erschaffung Avacyns hatte Sorin zu viel gekostet, um nun einfach zuzulassen, dass Nahiri sie hier vernichtete.

Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, warf er sich vorwärts. „Genug!“, krächzte er, und als Nahiris Schwert ein weiteres Mal herabfuhr, prallte es auf Sorins eigene Waffe. „Genug“, sagte er erneut. Einen Augenblick lang starrten sich die beiden Planeswalker Klinge an Klinge an. Sorin musterte sie. Ihr Blick war fest auf Avacyn gerichtet, und in ihren Augen sah er Verwirrung.

„Was soll das, Sorin?“, fragte Nahiri durch zusammengebissene Zähne. „Wie hast du es geschafft, dir einen Engel untertan zu machen? Wer ist sie?“

„Die andere Hälfte“, gab Sorin zurück. Er griff mit der freien Hand nach Nahiris Schwert. Die heiße Klinge zischte, als seine Finger sich um die scharfe Schneide legten, und als Nahiri versuchte, sie loszureißen, führte Sorin ihr die Spitze seiner Klinge an die Kehle. Schweißperlen hatten Linien in den Schlamm gegraben, der ihre Haut bedeckte, und ihre Gesichtszüge waren hart geworden. Womöglich lag es nur am Eingeständnis ihrer Niederlage. Nahiri löste den Griff um das Heft, und Sorin warf die Klinge beiseite.

Sorin spürte, wie Avacyn sich näherte, und er hob die Hand, um ihrem Speer Einhalt zu gebieten. Dann sagte er an seinen einstigen Schützling gewandt: „Ob du es hören magst oder nicht – ich habe das alles nie gewollt, Kleines.“

__________

„Sorin?“, fragte Olivia. Als er seinen Namen hörte, wurde Sorin der Stille gewahr, die sich während der langen Zeit, in denen er nicht gesprochen hatte, im Raum angestaut hatte. „Sorin?“, fragte Olivia erneut. „Wer ist diese Bedrohung? Oder sollte ich fragen: Was hast du getan?“

„Zu viel. Nicht genug“, sagte er und starrte die schwarze Banketttafel hinunter. Seine Gedanken kreisten noch immer um die Ereignisse, die sich vor Jahrhunderten abgespielt hatten.

„Komm schon, Sorin. Du kannst doch jetzt ausgerechnet beim besten Teil nicht so in Rätseln sprechen.“ Sorin drehte sich zu ihr um. Er schwieg, selbst als ihr spöttisches Grinsen den Weg zurück auf ihr Gesicht fand. „Ich muss zugeben, dass du mein Interesse geweckt hast. Etwas, was dir nahegeht, ist zweifellos faszinierend. Doch du bist zu mir gekommen, Sorin. Sag mir also, was ich für dich tun kann.“

Binnen eines Wimpernschlages lichtete sich der Nebel der Vergangenheit. „Rufe die Macht deiner Blutlinie herbei, Olivia. Die verbliebenen Markovs tun sich bereits zusammen. Gemeinsam können wir uns dieser Bedrohung entgegenstellen.“

„Warum sollte ich? Warum sollte ich mich dieser ... Bedrohung ... aussetzen? Bitte erleuchte mich, was es mir bringt, wenn ich ...“

Sie hielt mitten im Satz inne und brach plötzlich in ein Gelächter aus, das so gar nicht zu ihrer melodischen Stimme passen wollte. Ihre Augen blitzten vor einer fiebrigen Heiterkeit, die Sorin als etwas erkannte, was üblicherweise allein für ihre Beute bestimmt war.

„Oh, Sorin“, sagte sie, als sie die Fassung wiedergewonnen hatte. „Ich werde dir helfen. Doch zuerst wirst du mir helfen.“

Veröffentlicht in Magic Story on 13. April 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Vindicator » Do 21. Apr 2016, 09:15

@JF: Ich kann mich nur nochmal für deine Arbeit bedanken. Mittlerweile hab ich mir ja schon angewöhnt die Stories nur noch bei uns im Forum zu lesen wenn du sie gepostet hast.

@troubleshooter: Und diesmal ist sogar das Wallpaper deiner persönlochen Lieblingskarte dabei ;)
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Do 21. Apr 2016, 21:45

Gerne. Ist nicht so tragisch. Lese sie ja selber gerne.

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von troubleshooter » Fr 22. Apr 2016, 10:09

;-) *schmacht* sobald ich fertig bin mit dem heftchen vom fat-pack (ja, ich glaub ich kippe da rein) werd ich mir mal diese stories durchlesen. danke fürs posten!!!
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Vindicator » Fr 22. Apr 2016, 14:41

Hast dir gleich das Shadows Fat Pack gekauft?

@JF: Siehst du, der Plan funktioniert - schon bald werden wir uns den Yu-Gi-Oh Spielern zu erkennen geben. Tam-Tam-Tam-Tatatam-Tatatam.....
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von troubleshooter » Fr 22. Apr 2016, 23:13

Yup. ;-)
Also ich weiß nicht, irgendwie erinnert mich der herr vorne rechts an unseren vindicator. Werden jetzt schon MTGkarten nach wulpertingern gestaltet?
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Judge Fredd
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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » So 1. Mai 2016, 20:09

Lilianas Empörung


Als wir ihr das letzte Mal begegneten, empfing Liliana Vess gerade einen ungebetenen Gast: den Planeswalker Jace Beleren. Jace war auf der Suche nach Sorin Markov und drängte Liliana, ihn zum Anwesen der Markovs zu begleiten. Als sie sich beharrlich weigerte, machte er sich schließlich allein auf den Weg. Was er dort vorfand , führte ihn letzten Endes an die Küste Nefalens.

Liliana steht in der Zwischenzeit vor ganz eigenen Problemen ...


Regen trommelte gegen die Fenster. Ein Blitz erhellte kahle Steinwände und ein Paar dahinschlurfende Leichen. Einen Wimpernschlag später folgte Donnergrollen.

Er kam also näher. Gut. Die Blitze kamen ihr sehr gelegen, und der Sturm passte bestens zu ihrer Stimmung. Sie saß grübelnd auf einem hochlehnigen Steinsessel.

Wie konnte es nur so weit kommen?

Jeder Weg, der sie in die Freiheit hätte führen sollen, schien nur vor weiteren verschlossenen Türen und in neuen Sackgassen zu enden. Sie war Dämonenpakte eingegangen, die sie alterslos und unsterblich gemacht hatten, zum lächerlichen Preis einer Seele, die sie ohnehin kaum brauchte.

Ihr Atem dampfte nicht mehr, nicht einmal mehr in kälten Nächten wie dieser.

Doch die Dämonen erwiesen sich rasch als grausame Herren, und schon bald hatte sie sich dabei ertappt, wie sie ihre Pakte zu unterlaufen und ihre Dämonen zu töten trachtete – um sowohl Freiheit als auch Unsterblichkeit zu erringen. Und so ... war sie an den Kettenschleier gekommen.

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Er flüsterte zu ihr, selbst jetzt, aus jener verborgenen Tasche heraus, in der sie ihn aufbewahrte. Mit ihm hatte sie zwei Dämonen getötet, Fürsten unter ihresgleichen. Mit ihm hatte sie Armeen von Untoten befehligt, wie sie sie sich selbst nie erträumt hätte, und hatte gar Thraben, die größte Stadt auf Innistrad, belagert und eingenommen, nur um eines dieser Dämonen habhaft zu werden.

Doch der Schleier ...

Sie konnte sich nicht mehr dazu durchringen, das Ding im Gesicht zu tragen und seine seidigweichen Glieder auf der Haut zu spüren. Sie hasste es, ihn zu berühren. Doch wenn sie versuchte, ihn loszuwerden, verursachte ihr dies unerträgliche Schmerzen.

Und wenn sie ihn einsetzte, war es noch schlimmer.

„Liliana“, sagte eine Stimme. Eine vertraute Stimme. Oder?

Sie stand auf.

„Ich bin beschäftigt“, sagte sie laut und deutlich. „Wenn du hergekommen bist, um mich erneut zu quälen, dann bringe es bitte hinter dich.“

Sie empfand ein Kribbeln an den Schläfen, wie Finger, die an einer Tür scharrten.

„Quälen?“, fragte die Stimme. „Mir war nicht klar, dass es derart furchtbar ist.“

Blitze zuckten und erhellten einen großen schwarzen Vogel, der auf dem Fenstersims hockte. Als das Donnergrollen in Lilianas Ohren verklungen war, sprach eine zweite Stimme, diesmal unmittelbar an ihrem Ohr.

„Ich habe doch gar nichts gesagt“, meinte der Rabenmann.

Sie drehte sich um. Da war er neben ihr, mit seinem weißen Haar, seinen goldenen Augen und seinen eleganten schwarzen und goldenen Roben, die an einen anderen Ort und in eine andere Zeit gehörten. Er war ... Nun, sie war sich nicht sicher, was er war. Es handelte sich dabei um eine Unwissenheit, die sie allein deshalb duldete, weil ihr keine andere Wahl blieb. Er war ihr in ihrer Jugend erschienen, um sie herauszufordern und Dinge zu lehren. Er hatte sie auf jenen Pfad geleitet, der sie hierhergeführt hatte, und er erschien dann und wann, um sie auf ihm zu halten.

Was sie anbelangte, so hätte er von ihr aus gern in der nächstbesten Hölle schmoren können.

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„Mir ist nicht nach Wortgefechten“, sagte Liliana.

„Na schön“, sagte die erste Stimme. Es war ohne jeden Zweifel eine andere Stimme, voller scharfen Misstrauens. „Dann kommen wir doch gleich zur Sache.“

Die geisterhaften Lippen des Rabenmannes hatten sich nicht bewegt. Er wirkte auch nicht so süffisant wie sonst. Er wirkte eher ... besorgt.

Ach, zum Teufel.

Liliana wandte den Blick vom Rabenmann ab. Sie ballte die Faust und füllte sie mit tödlicher Magie, jederzeit bereit, sie binnen eines Herzschlags zu entfesseln.

„Bitte“, sagte sie. „Beginnen wir damit, wer du bist und was du in meinem Haus zu suchen hast.“

Erneut zuckten Blitze und beleuchteten dieses Mal eine in Mantel und Kapuze gehüllte Gestalt. Lilianas Kopfhaut kribbelte.

„Du weißt, wer ich bin“, sagte die Stimme – wenn auch nicht von dort, wo die Gestalt gestanden hatte. „Du weißt allerdings nicht, was ich weiß.“

Wieder dieses Kribbeln. Beinahe wie ...

„Du solltest besser etwas unternehmen“, sagte der Rabenmann. „Ich kann ihn nicht ewig aus deinem Kopf heraushalten.“

Augenblicklich wurde Furcht zu Zorn.

„Jace? Bist du verrückt geworden? Ich hätte dich beinahe getötet!“

„Du hast es beinahe versucht“, sagte die Stimme.

Jace. Sie hatte sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit ihm angefreundet, mit seinen Gefühlen gespielt und ihn dazu verleitet, sich erst einem interplanaren Verbrechersyndikat anzuschließen und dieses dann zu zerschlagen. Als schließlich irgendwann alles in die Binsen gegangen war, hatte sie längst begonnen gehabt, ihn aufrichtig zu mögen, und der Verrat an ihm hatte sie einen weiteren Faden ihrer ohnehin schon sehr dünnmaschig geknüpften Menschlichkeit gekostet. Nicht, dass sie das irgendwie aufgehalten hätte, und überhaupt wären sie beide einen heldenhaften und sinnlosen Tod gestorben, wenn sie anders gehandelt hätte. Dennoch begriff sie sehr wohl, warum er ihr womöglich grollte.

Doch in all der Zeit ihrer zerrütteten Beziehung zueinander hatte er sie nie bedroht.

Sie konnte ihn nun sehen: Er stand gleich vor ihr. Sie befahl ihren Zombiedienern, ihn anzugreifen, doch Seile aus Licht banden ihnen Arme und Beine und ließen sie zu Boden taumeln. Mit ihrer Geisteskraft rief sie nach weiteren Zombies, um ihn zu überwältigen, doch sie spürte keinerlei Antwort.

„Sie werden nicht kommen“, sagte Jace. „Ihnen allen sind die Hände gebunden.“

Liliana hatte tatsächlich noch nie gesehen, wie Jace einen Kampf verloren hatte, auf den er vorbereitet gewesen war.

„Raus aus meinem Haus“, sagte Liliana.

„Warum?“, fragte Jace. „Mache ich dir Angst?“

Seine Augen funkelten unter der Kapuze.

„Ich will doch sehr hoffen, dass dieses Schauspiel dir Angst macht“, sagte der Rabenmann. „Das sieht ihm nämlich gar nicht ähnlich.“

„Ja“, sagte Liliana zu Jace. „Das sieht dir nämlich gar nicht ähnlich. Ich bin nicht davon überzeugt, dass du auch wirklich du bist.“

Die Empfindung an ihren Schläfen wurde zu einem Hämmern, unter dem leise Stimmen wisperten. Sie widerstand dem Drang, das Flüstern verstehen zu wollen, denn so hätte sie ihm nur eine Blöße für ein Eindringen geboten. Er griff sie also tatsächlich an.

Es reicht! Sie hieb mit Todesmagie nach ihm – gerade genug, um ihm Qualen zu bereiten.

Der Pfeil purpurfarbenen Lichts schoss geradewegs durch ihn hindurch, und sein Bild zersprang wie eine Seifenblase.

„Zuerst versuchst du, es vor mir geheim zu halten“, sagte er, diesmal aus einer Ecke des Raumes. „Und jetzt versuchst du, mich zum Schweigen zu bringen. Aber so etwas Großes lässt sich nicht geheim halten. Nicht für immer.“

„Ich weiß nicht, wovon du redest“, sagte Liliana. „Ich weiß nicht, was du glaubst, was gerade vor sich geht. Doch es steht dir nicht im Mindesten zu, dich so zu benehmen.“

Sie wandte sich zu ihm um, doch als er erneut sprach, befand er sich hinter ihr. Sie hatte ihn seine Illusionen und seine Gedankenmagie schon einsetzen sehen, um zur Verwirrung seiner Gegner mit den Schatten zu verschmelzen und zu einem Phantom zu werden. Ihr gegenüber hatte er dies bisher allerdings noch nie getan, und es gefiel ihr ganz und nicht.

„Der Unterwassertempel“, sagte er. „Die Engel! Ich habe gesehen, was sie da draußen bauen. Und du hilfst ihnen. Gib es schon zu!“

Der Druck auf ihre Schläfen wurde schmerzhaft.

„Liliana“, sagte der Rabenmann. „Ich habe zu viel in dich investiert ...“

„Hör auf damit!“, sagte Liliana. „Es gibt viele Unterwassertempel auf Innistrad. Ich habe dich vor den Engeln gewarnt. Und du weißt sehr genau, dass ich nicht einmal für alles Gold in Orzhova einem Engel helfen würde!“

„Nicht für Gold“, sagte er. „Für den Kettenschleier. Für das Problem, bei dessen Lösung ich dir nicht helfen konnte. Du hast versucht, die wahren Geschehnisse im Markov-Anwesen vor mir zu verbergen. Du hast versucht, mich daran zu hindern, Sorin zu finden. Warum? Hast du Angst, ich erzähle ihm, was du vorhast?“

„Ich wollte nur verhindern, dass du getötet wirst“, sagte Liliana. „Und ich weiß nichts über das Markov-Anwesen, was ich dir nicht bereits erzählt hätte.“

„Du kannst mich nicht belügen“, sagte Jace. Er schien nicht mehr so recht zu wissen, worauf er eigentlich hinauswollte. „Du weißt es besser. Du ... Du leitest das Mana einer ganzen Welt in diesen ... Mond ... nur um ... den Kettenschleier loszuwerden. Ist es das?“

Seine Stimme kam nun von überall her aus dem Raum, und seine vermummte Gestalt bewegte sich jedes Mal, wenn sie blinzelte. Es gab zwei von ihm, dann drei. Selbst wenn sie denn wirklich getan hätte, was auch immer er ihr vorwarf, wäre dieses kleine Schauspiel schon höchst lästig gewesen. Doch diese falschen Anschuldigungen waren genug, um sie zur Weißglut zu bringen.

„Noch vor wenigen Tagen standest du vor meiner Tür und hast mich um Hilfe gebeten, Jace“, sagte sie. „Und nun machst du mir Vorhaltungen?“

„Du kannst nichts vor mir verbergen“, sagte er. Bedrohlichkeit schlich sich in seine Stimme. „Alles, was ich brauche, ist Zeit.“

„Ich weiß nicht, was du je in ihm gesehen hast“, sagte der Rabenmann. Sein Gesicht war dem ihren sehr nahe. „Du bist für ihn nichts weiter als ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Und er bedeutet dir nichts. Nicht das Geringste. Oder habe ich dich da missverstanden?“

„Was auch immer du mir vorzuwerfen hast“, sagte Liliana, „tritt ins Licht und sage es mir ins Gesicht. Es ist nicht so, wie du glaubst.“

„Woher willst du wissen, was ich glaube?“, herrschte Jace sie an. „Und warum sollte ich irgendetwas von dem glauben, was du sagst? Du hast nichts weiter getan, als mich anzulügen und mir Leid anzutun.“

Ihr Kopf dröhnte.

„Er durchdringt deine Verteidigung“, zischte der Rabenmann. „Tu etwas!“

Eines der Abbilder von Jace drehte den Kopf mit weit aufgerissenen Augen in Richtung des Rabenmannes.

„Wer ...?“

Du kannst ihn also sehen!

Es blieb keine Zeit, über diese Erkenntnis nachzudenken, die rasch von einer weiteren abgelöst wurde. Liliana lächelte.

Und ich kann dich sehen.

Sie schoss einen Pfeil aus Magie auf Jace ab – den echten Jace –, und er krümmte sich vor Schmerz. Die anderen beiden Jaces verschwanden.

„Also dann ...“, setzte sie an. Doch der Druck auf ihre Schläfen kehrte zurück. Verdammter Narr.

Sie schleuderte Jace einen weiteren Schub nekromantischer Magie entgegen. Er schrie auf, fiel zu Boden – und hob mit leuchtenden Augen und verzerrtem Gesicht den Kopf.

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„Erzähle mir, was ich wissen muss“, sagte er im Aufstehen. „Erzähle mir vom Unterwassertempel.“

„Er stellt seine Fragen in einer Art und Weise, die dir ganz bestimmte Gedanken ins Bewusstsein rufen soll“, sagte der Rabenmann. Er grinste. „Ein durchschaubares Manöver des Telepathen.“

Der selbstgefällige Hund hatte recht. Lilianas Blick verschwamm, als Jace sich seinen Weg in ihre Gedanken zu erzwingen suchte.

„Hör auf damit“, sagte sie. „Selbst wenn ich irgendetwas über einen Unterwassertempel wüsste, würden deine Tricks bei mir nicht fruchten.“

Sie sandte einen weiteren Pfeil aus schierer Qual durch ihn hindurch und danach gleich noch einen, doch er setzte seinen Angriff fort. Er stolperte, erhob sich wieder – und schaffte es dieses Mal nur auf die Knie, ehe sie ihn auch schon erneut attackierte.

„Erzähle mir davon!“, knurrte er.

Ihre Haut hatte zu brennen begonnen, ihre dämonischen Narben loderten in purpurnen Flammen. Und der Schleier ... Oh, der Schleier wollte ihr helfen. Er zweigte sich ein paar verirrte Rinnsale nekromagischer Kraft ab, um sie dem Strom dann fünffach verstärkt wieder hinzuzufügen. Sie hatte Mühe, ihn zu bändigen und Jace nicht augenblicklich zu töten.

„Hör auf damit!“, sagte sie. „Ich kann ihn nicht kontrollieren ...!“

Jace schrie nun. Seine Augen leuchteten noch immer, und seine Angriffe auf ihren Geist wurden gemeinsam mit dem Schmerz stärker.

„Erzähle ... mir davon ...!“

Der Rückfluss all der von ihr aufgewendeten Macht setzte ein. Schmerz durchzuckte Liliana, als der Kettenschleier seinen Preis einforderte. Blut rann aus ihren Narben. Sie biss die Zähne zusammen. Sie hatte schon Schlimmeres erlebt – als die Narben aufgebracht worden waren zum Beispiel. Sie würde das hier schon überleben. Jace nicht.

„Er ist schon beinahe entzwei“, sagte der Rabenmann. „Töte ihn.“

„Keiner sagt mir, was ich zu tun habe!“, rief sie – zu ihnen beiden, zum Kettenschleier, zum Mond, zur Welt und zum Tod selbst. „Aufhören!“

„Du wirst mich töten müssen“, sagte Jace. Tränen strömten aus unmenschlich leuchtenden Augen. Lilianas Blick begann zu verschwimmen.

„Tu es“, sagte der Rabenmann.

„Jace, ich will dir nicht mehr wehtun!“

Die Worte hallten von Steinen wider, das Hämmern in ihrem Kopf hatte aufgehört und einen Augenblick lang war außer dem Donnergrollen und dem Prasseln des Regens kein Laut zu hören. Der Rabenmann seufzte verächtlich und verschwand mit einem Rascheln seines Gefieders.

Das Leuchten in Jaces Augen erstarb, und er starrte zu ihr hinauf, bleich und schwitzend. Er sah plötzlich sehr jung und sehr verletzlich aus.

„Nicht mehr?“, fragte Jace. Seine Stimme war rau. „Wie in ‚nicht länger‘? Oder wie in ‚nicht mehr, als du mir bereits ...“

„Ich schulde dir keine Antworten“, sagte Liliana. „Du mir hingegen sehr wohl.“

Seine Bemerkung verriet Liliana zumindest, dass sie es mit dem echten Jace zu tun hatte. Wer sonst würde ihre Wortwahl auseinanderpflücken, anstatt sich mit dem Ernst der Lage zu befassen?

„Was hast du mir angetan?“, fragte er. Sein Atem ging noch immer schwer. „Ich fühle mich wie der Tod.“

„Das war auch genau meine Absicht.“

Beinahe lächelte er. Dann weiteten sich seine Augen und er rappelte sich auf.

„Du blutest!“, sagte er.

„Ja.“

Aufrichtige Sorge, nur Augenblicke, nachdem er versucht hatte, ihren Geist aufzuzwingen wie ein stures Marmeladenglas.

„Wir sollten ...“

„Nein“, sagte sie. „Verrate mir, was zum Teufel hier los ist.“

Endlich taperten ein paar Zombies in den Raum. Nicht die frischesten Exemplare. Sie waren schon reichlich mitgenommen, weshalb Liliana sie auch als Wachposten eingesetzt hatte. Jace hatte sie bei seinem Angriff eben wahrscheinlich einfach übersehen. Sie postierte sie zwischen sich und ihm, ließ sie aber nicht angreifen. Noch nicht.

„Du hast wirklich keine Ahnung?“

Zombies griffen nach seinen Armen und Beinen. Er wehrte sich nicht.

„Jace“, sagte sie durch zusammengebissene Zähne. „Erkläre dich. Sofort.“

„Ich ging zum Markov-Anwesen“, sagte er. „Es war ... wie umgekrempelt. Überall schwebten Steine, und Vampire steckten in den Wänden fest. So war das da. Klar? Ich fand ein Buch. Ein faszinierendes Buch. Sie hat etwas studiert ...“

„Wer?“

Blitze zuckten, und Liliana sah das Buch an seinem Gürtel. Es war ein riesiges, reich verziertes Ding mit einem ungewöhnlichen Einband. Sie hätte nichts dagegen gehabt, es sich genauer anzusehen – es sei denn, es war der Grund dafür, weshalb Jace so neben sich stand.

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„Die Mondfrau! Sie war ... Kennst du das Mondvolk? Faszinierend, dieses Buch. Sie hat den Mond studiert. Den Mond und das, was er verursacht. Die Gezeiten, die Werwölfe, die Engel. Es ist alles miteinander verbunden! Diese seltsamen Steine in der Landschaft. Du hast sie nicht berührt, oder? Tu das nicht. Lass es einfach. Sie zeigen alle in die gleiche Richtung, und da war ein ... Ähm ... Ein ... Sie alle zeigen zu etwas hin. Das wollte ich sagen. Keine Himmelsrichtung. Ein Ort.“

„Wo?“

Donnergrollen.

„Parallaxe!“, sagte Jace und schaute zum Fenster, als hätte der Sturm ihm geantwortet. „Das ist das Wort, danke.“

„Welcher Ort?“

„Nefil ... Nef ... Nefalen“, stammelte er. „Ein Unterwassertempel an der Küste. Ich meine, sie liegen alle an der Küste. Natürlich. Unter Wasser. Wie eine Strömung im Wasser. Ich wurde zu diesem einen hingezogen. Und dort habe ich ihn dann gesehen.“

„Wen gesehen?“

„Den Mond!“, sagte er.

Sie spähte aus dem Fenster und hob eine Augenbraue. Der Mond war von Regenwolken verdeckt, doch ihr Punkt war dennoch deutlich.

„Nicht diesen Mond“, sagte er. „Den anderen Mond. Unsichtbar ... aber ich habe ihn gesehen ... Sei‘s drum. Engel flogen da herum. Und Zombies. Ich meine, die Engel flogen. Sie haben ... Ich meine, die Zombies haben irgendein riesiges Steingebilde gebaut. Engel kreisten in der Luft, und ich dachte ... Ich dachte, da du mich ja davon abhalten wolltest, zum Markov-Anwesen zu gehen ... Und ich weiß ja auch, wie viele Sorgen du dir wegen des Kettenschleiers machst. Genug, um etwas wirklich ... Verrücktes ... zu tun.“

Er starrte sie an. Sein Blick war plötzlich klar.

„Er ist voller Geister“, sagte er. „Seelen. Und du willst diese Geister loswerden, aber ihre Macht für dich behalten. Und wenn es eines gibt, womit man sich hier auskennt, dann sind es Geister ...“

Ihre Kehle schnürte sich zu, und einen Augenblick dachte sie, er hätte tatsächlich ihre Gedanken gelesen. Dann drehte er den Kopf zur Seite, dorthin, wo nichts weiter als ein stummer Zombie war, der ihn festhielt.

„Sei still!“, zischte er. „Also schön: Geister. Wen schert das schon?“

„Wen ...?“

„Nicht wichtig“, sagte er. „Diese Steine leiten alles Mana um und es fließt zu dem Kreis aus Monolithen im Unterwassertempel und die Zombies bauen ihn und die Engel werden wahnsinnig und du hasst Engel und vielleicht ... Vielleicht brauchst du eine Menge Mana. Um den Kettenschleier loszuwerden oder ihn irgendwie zu verändern. Das macht Sinn. Oder?“

„Nein“, sagte sie. „Das macht keinen Sinn, und du benimmst dich, als wärst du nicht du selbst.“

Es war Jaces üblichem Benehmen im Grunde gar nicht so fern, sich Hals über Kopf in ein faszinierendes Rätsel zu stürzen. Doch ganz gleich, wie tief er sich auch darin vergrub, behielt er dennoch stets eine gewisse Kontrolle – wenn schon nicht über die Situation, dann doch über sich selbst und seine Kräfte. Und das eine Mal, als sie Zeugin geworden war, wie er diese Kontrolle verloren hatte, war er in eine geistige Starre verfallen, die ein halbes Jahr angedauert hatte – es hatte am Ende den Tod eines Freundes gebraucht, damit er wieder zu sich selbst zurückfand.

Jace war ein sehr mächtiger Telepath. Falls er dem Wahnsinn anheimfallen sollte, würde er sie mit sich reißen. Sie und viele andere.

„Stelle keine Experimente mit dem Schleier an“, sagte er. „Lass es einfach. So viele Stimmen. So viele Seelen. Du weißt nicht, was du da womöglich entfesselst.“

„Ich ...“

„Versprich mir, dass du nicht mit dem Schleier experimentierst.“

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Sie kniete sich neben ihn und versuchte, seine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet zu halten. Sie wollte ihn eigentlich nicht berühren. Sie hatte tatsächlich Angst vor ihm. Ungeachtet dessen griff sie nach seinem Kinn und zwang ihn, sie anzusehen. Er blinzelte und zuckte zusammen.

„Jace“, sagte sie leise. „Was ist dir da draußen zugestoßen?“

„Nichts“, sagte er. „Alles. Nichts ist mir zugestoßen. Alles war schon genau so.“

Er versuchte, seinen Kopf zu drehen, doch sie hielt ihn fest, bis er nicht anders konnte, als sie anzusehen. Sie blickte in Augen, die nicht ganz jene Augen waren, die sie kannte.

„Du hast das wirklich nicht getan?“, fragte er.

„Wirklich nicht.“

„Oh, den Göttern sei Dank“, sagte er.

Er sackte nach vorn und ihre Zombies ließen ihn los. Liliana bettete seinen Kopf sanft in ihren Schoß und strich ihm mit den Fingern durchs Haar. Ihre Gedanken rasten.

Sie musste ihn hierbehalten. Sie musste ihn zu einem Heiler bringen oder vielleicht auch zu einem Geistmagier – zu so jemandem in dieser Art. Irgendwem, der entwirren konnte, was seinem Bewusstsein genau widerfahren war. Ehe sie das nicht getan hatte, würde er nicht sicher sein. Und sie genauso wenig.

„Du musst dich ausruhen“, sagte sie. „Du musst nachdenken. Und ein Bad wäre auch nicht schlecht, wenn ich das so sagen darf.“

Er schob ihre Hand von seinem Kopf und setzte sich auf. Sie legte ihre Hand auf seine auf dem Steinboden und versuchte, ihn so zu erden. Ihn dazubehalten.

„Dafür ist keine Zeit“, sagte er. „Wenn du es nicht bist ...“

„Es sieht dir nicht ähnlich, einfach wegen eines Bauchgefühls loszulaufen“, sagte Liliana.

Bringe ihn dazu, sich zu konzentrieren. Hierzubleiben.

„Ich kenne hier Leute. Ich habe Ressourcen, die du nicht hast. Wenn dieser Unterwassertempel mit dem in Zusammenhang steht, was mit den Engeln geschieht, dann können wir das herausfinden.“

„Die Schäferin wendet sich gegen ihre Herde“, sagte Jace.

Er sprach von Avacyn. Avacyn hatte sich gegen ihresgleichen gewandt und dabei eine Gewalt und eine Grausamkeit entfesselt, die jeden außer Liliana schwer zu schockieren schienen.

„Ist das aus deinem Buch?“, fragte Liliana.

Jace blickte sie an. Sein Blick war plötzlich wieder konzentriert. Er zog die Hand zurück und umklammerte das Buch an seinem Gürtel.

„Du darfst es nicht lesen.“

„Ich will es auch gar nicht –“, hob Liliana an und entschied sich dann doch für Ehrlichkeit. „Ich werde es nicht lesen.“

„Ich muss nach Thraben gehen“, sagte er.

„Was?“

„Thraben“, sagte er. „Dort befindet sich doch die Kathedrale, oder? Dort finde ich Avacyn.“

„Du kannst nicht einfach so zu Avacyn spazieren und nach Antworten verlangen“, sagte Liliana. „Besonders nicht jetzt. Sie wird dich töten.“

Und ich bin mir nicht sicher, ob sie an diesem Punkt nicht gut daran täte. Diese düstere Überlegung schaffte es, ihr einen spürbaren Stich zu versetzen, und Liliana zog einen gewissen Trost daraus.

„Thraben“, sagte er fest. „Warst du schon einmal dort?“

„Ja.“

Ich war da, habe es gesehen und mit einer Armee aus Zombies eingenommen. Sie war nicht gerade begierig auf eine Rückkehr.

„Wirst du ...“

„Nein“, sagte sie. „Ich komme nicht mit. Jace, sei doch vernünftig. Bleib hier. Wir stellen Nachforschungen an. Wir finden heraus, was wirklich vor sich geht.“

„Wir“, wiederholte Jace.

Er kämpfte sich auf die Beine und richtete sich drohend über ihr auf, während Blitze zuckten und der Donner grollte. Sie ließ ihn gewähren.

„Du und ich sind kein Wir“, sagte er. „Du versuchst, mich hierzubehalten.“

Sie erhob sich geschmeidig und schaute ihm in die Augen.

„Du hast mich durchschaut“, sagte sie. „Ich versuche, dich hierzubehalten. Du brauchst Hilfe, und ich will dir helfen.“

„Du willst mir helfen“, sagte er, „aber nur, wenn ich bei dir bleibe. Gerade so lange, wie es dir gefällt. Das ist es doch, oder?“

Es gab eine Grenze dessen, was sie hiervon ertragen konnte. Ihre rechte Hand gleißte vor nekromagischer Energie auf, purpurnweiß und bitterscharf.

„Im Augenblick“, sagte sie, „gefiele es mir am besten, dich zu töten und aufzuhören, mir Sorgen darum zu machen, welche Art von Urgewalt du aufstachelst, wenn du einem wahnsinnigen Erzengel Vorhaltungen machst.“

Er trat näher, griff nach ihrem Handgelenk – hatte er je so nach ihr gegriffen? – und richtete ihre leuchtende Handfläche auf seine Brust.

„Tu es“, sagte er. Seine Stimme war rau und wild.

Es wäre nicht das Schlimmste, was sie je getan hatte. Der Bedrohung ein Ende setzen. Der Unsicherheit. Wäre ihre Lage umgekehrt, so würde er genau das sicher zumindest in Betracht ziehen.

„Hattest du als Kind jemals ein Haustier?“, fragte sie stattdessen. „Eine Maus oder so etwas?“

Ihre Hand zischte noch immer voll sorgfältig zurückgehaltener Nekromagie.

„Ich ... Ich erinnere mich nicht an meine Kindheit. Zumindest nicht an sehr viel davon.“ Er blickte mit beinahe kindlicher Verwirrung auf ihre Hand. „W-warum?“

„Tu mir den Gefallen“, sagte sie. „Irgendwann hast du dich bestimmt mal um ein Tier gekümmert.“

„Es gab da ... eine Hündin“, sagte er. „In Ovitzia. Ihr habe ihr Reste zu fressen gegeben. Und ihr den Kopf gekrault, wenn ich vorbeischaute.“

„Was ist mit ihr geschehen?“

„Eines Tages kam ich vorbei, und sie war ...“ Er hielt inne, schluckte, blinzelte. „Warum fragst du mich das?“

„Wie hast du dich gefühlt?“

„Traurig“, sagte er. „Ziemlich verloren, um ehrlich zu sein. Für eine Weile. Aber ich bin darüber hinweggekommen. Offensichtlich.“

„Warum?“

„Weil ... Weil ich immer wusste, dass es so enden würde. Ich habe nicht darüber nachgedacht, doch ich wusste es. Ich ... Lili, warum?“

„Weil ich mich genau so fühlen würde, wenn du tot wärest, du Dummkopf“, sagte sie. „Traurig. Für eine Weile. Und dann käme ich darüber hinweg. Weil ich immer wusste, dass es so enden würde. Verlasse dich also nicht allzu sehr auf meine guten Absichten. Eines Tages wirst du vielleicht feststellen müssen, dass sie nicht mehr genug sind.“

Er ließ ihre Hand los und trat zurück.

„Ich werde wahrscheinlich in Thraben sterben“, sagte er. „Entschuldige das schon mal im Voraus. Doch irgendjemand muss wissen, was hier vor sich geht.“

Jace wandte sich um und schritt davon.

Sie blickte ihm nach und schaute dann zu den regenüberströmten Fenstern, während seine verhüllte Gestalt in die Schatten außerhalb ihres Anwesens glitt.

„Herrin“, sagte eine rasselnde Stimme von der Treppe aus. Gared war sein Name. Mit seinem gebeugten Rücken und seinen unterschiedlich großen Augen wirkte er wie ein Homunkulus.

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Sie drehte sich um und versuchte, nicht erschrocken auszusehen.

„Wie lange beobachtest du mich schon?“

„Oh, eine Weile“, krächzte die geduckte Gestalt und tippte mit einem Finger gegen ihren geschwollenen Augapfel. „Das ist‘s, was ich den Großteil der Zeit hier so mache.“

„Er hätte also deine Gedanken lesen können?“

„Oh, nein, Herrin. Ich habe keine. Zumindest sagt das der Meister.“

Er kicherte irr.

„Schön“, sagte Liliana. „Ist es so weit?“

„Der Meister bittet Euch, zum Turm zu kommen“, sagte Gared mit wackelndem Kopf. „Der Sturm ist in vollem Gange. Er braucht das Objekt.“

Sie schnaubte. Gared wandte sich um und trottete auf die Treppe zu.

„Ich wünschte, du würdest ihn als das bezeichnen, was er ist“, sagte sie.

„Meister Dierk ist ein Gelehrter“, sagte Gared. „Er wünscht, sich von der ... nun, Poesie ... der Lage fernzuhalten. Was kettet es an, hm? Was verschleiert es? Euch? Sie?“

„Schweig“, sagte Liliana. Doch sie folgte ihm.

„Ja, Herrin“, sagte Gared ohne größere Unterwürfigkeit. „Das ist genau das, was ich ansonsten die meiste Zeit hier so mache.“

Liliana folgte der schlurfenden Gestalt zur Treppe zum hohen Turm. Sie zog den Kettenschleier aus ihrer Tasche und blickte zum Fenster. Sie dachte an Jace, unsicher, ob sie sich um ihn sorgen oder ihn fürchten sollte.

Auf einem Ast krächzte die Silhouette eines Raben empört. Dann zuckten Blitze, Donner grollte und der Rabe war fort. Liliana schritt hinauf in die Dunkelheit.

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Veröffentlicht in Magic Story on 20. April 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mo 2. Mai 2016, 21:59

Spiele


In jenen Tagen, als Avacyn verschwunden war, entfesselten zwei völlig verrückte Geschwister von finsterstem Gemüt ihre größten Schöpfungen. Die Nekromantin Gisa erhob eine Horde untoter Ghule, während ihr Bruder Geralf, eine Koryphäe im Skaabmachen, eine Armee aus Skaab erschuf – wandelnde Leichen, die er aus verschiedensten Körperteilen zusammenflickte. Gisa und Geralf hofften beide, einander in ihrem irrsinnigen Wettstreit unter Geschwistern zu übertrumpfen, und so begannen sie, die Stadt Thraben mit ihren Zombiearmeen zu belagern. Welle um Welle dieser schändlichen Kreaturen entsandten sie gegen die heilige Stadt. In großer Zahl fielen Bürger und Katharer bei der Verteidigung Thrabens, und selbst der Kopf der Kirche Avacyns – Lunarch Mikaeus – starb während der Erstürmung, ehe Thalia, die Wächterin von Thraben, die Ungeheuer vertreiben konnte. Odric, ein Auserwählter der Kirche, setzte Gisa fest und hielt sie in Reitersriegel gefangen. Doch die Rivalität zwischen Gisa und Geralf wird dennoch so schnell keine Ruhe finden.

Verehrter Ludevic von Ulm,

ich hoffe, dass Euch dieser Brief sicher erreicht – Skaab sind zweifelsohne bessere Leibwächter als Botengänger. Ich vermeine mich zu entsinnen, dass wir uns das letzte Mal vor einigen Jahren auf einer Feierlichkeit meiner Eltern sahen. Allzu viele öde Erinnerungen sind mir geblieben, wie ich freudlos das Cembalo für die Erwachsenen zu spielen hatte, während meine grässliche Schwester die Gäste mit ihrem Gesang zu beeindrucken suchte. Wie viele Bankette brachte ich wohl damit zu, mir sehnlichst zu wünschen, bei den größten Magiern unserer Zeit sitzen zu dürfen anstatt auf einer knarrenden Cemballobank in Kindergröße! In den gesellschaftlichen Kreisen meiner Mutter genosst Ihr stets höchstes Ansehen, und sowohl Euer Talent als auch Euer Ruf sorgten dafür, dass ich mir als Kind einzig und allein Euch als meinen Lehrmeister vorstellen wollte. Doch dies liegt nun schon viele Jahre zurück, und ich bin inzwischen selbst zu einem weithin bewunderten und beliebten Flicker herangewachsen!

Da ich mittlerweile doch zu einiger Berühmtheit gelangt bin, habt Ihr gewiss schon von meiner unerschrockenen und in weiten Teilen auch erfolgreichen Invasion Thrabens gehört. Dank meiner raschen Auffassungsgabe und meines zierlichen Wuchses konnte ich einer Gefangennahme entgehen und bin nun in mein Labor in den Überresten von Trostad zurückgekehrt. Nach meiner Rückkehr habe ich mich nun wieder darangemacht, mein Wissen und meine Fähigkeiten zu erweitern. Als Kunsthandwerker auf dem weiten Feld der Alchemie hege ich die Hoffnung, dass Ihr mir womöglich ein paar wichtige Einblicke gewähren könntet, während ich tiefer in die Geheimnisse der nekromantischen Fabrikation eintauche als jeder andere jemals zuvor.

Wäre es also zu viel verlangt, Euch darum zu bitten, etwaige alchemistische Schriften in Eurem Besitz, die meine Studien Eurer Auffassung nach befördern könnten, an mich weiterzugeben? Mir deucht, ich brauche dringend einen Mentor, und mir fällt niemand ein, der besser dazu geeignet wäre, mich im Geiste von Forschung und Innovation besser zu unterstützen. Welche Methode bevorzugt Ihr, wenn es darum geht, den Verfall respektive die weitere Nekrose eines Leichnams nach dessen Wiederbelebung aufzuhalten? Wäre das Hinzufügen einer zweiten Leber unter Umständen hilfreich, um die Toxine im Stoffwechselprozess im Zaum zu halten? Welche Vorlieben habt Ihr bei der Belebung durch eine elementare Transmutation? Wie gut seid Ihr mit Delia Davisons Methoden zur Hirnextraktion am lebenden Patienten vertraut? Ich vermag meine Vorfreude ob Eurer Antwort kaum noch zu bändigen!

Hochachtungsvoll

Geralf Cecani

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Kommandeur Odric,

ich schreibe Ihnen mit größtem Bedauern. Die Transportkarawane wurde nach der Abreise aus Reitersriegel von einer Welle versprengter Skaab überfallen.

Die Wachen unter meinem Befehl sollten die Gefangene namens Gisa Cecani nach Thraben bringen, um sie dort ihrer gerechten Bestrafung zuzuführen. Die Straße zwischen dem Gefängnis und der Stadt ist zwar meist viel befahren und bietet für gewöhnlich eine sichere Reise, doch ungeachtet dessen verdreifachte ich gemäß Ihres Befehls die Wachen zum Schutz der Karawane. Das Wetter war neblig und grau – was für diesen Teil von Gaven nichts Ungewöhnliches ist. Als der Morgen über den Horizont zu kriechen begann, wurden wir Opfer eines plötzlichen Angriffs garstiger, missgestalteter und unerbittlich zuschlagender Skaab. Tapfer verteidigten wir die Karawane, doch der Boshaftigkeit und der Zähigkeit dieser Kreaturen hatten wir letztlich nicht genug entgegenzusetzen. Ein Viertel des Zuges ist trotz unserer zusätzlichen Verstärkungen tot, und die Gefangene scheint im Tumult entkommen zu sein.

Diese Skaab unterschieden sich jedoch auffällig von allen, die ich bisher zu Gesicht bekam. Sie waren flink und wiesen zahlreiche Gliedmaßen auf, als ob ihr Schöpfer in ihrer kranken Entstehung eine neue Formel ins Spiel gebracht hätte. Meine Truppen hatten kaum eine Chance.

Ich schreibe Euch dies aus einer sicheren Zuflucht in Merwaldsgrund. Ich selbst wurde bei dem Angriff nur leicht verwundet und gehe davon aus, dass die Gefangene auf dem Weg zur Küste ist. Sie hat einen halben Tag Vorsprung vor mir, doch ich bin ihr auf den Fersen.

Ich schreibe Ihnen wieder, sobald ich mehr weiß.

– Befehlshabende Offizierin Grete

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Lieber Geralf,

RATE MAL, WER GERADE AUS DEM GEFÄNGNIS AUSGEBROCHEN IST?!

Deine Dich stets liebende Schwester

Gisa
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Werte Gisa,

man stellt jemandem doch keine Rätselfrage, nur um dann die Lösung selbst mit der eigenen Unterschrift zu verraten, Du dumme Gans.

Warum schreibst Du mir überhaupt von unserem alten Familiensitz? Ich dachte, er wäre zerstört worden – nach dem Unfall kann doch wohl noch kaum etwas von ihm übrig sein. Ich hätte gedacht, Du ziehst nach dem Wiedergewinn Deiner Freiheit in Dein eigenes Revier zurück.

– Geralf

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Lieber Geralf,

ich mag zwar wieder frei sein, doch mir fehlen die Worte, um zum Ausdruck zu bringen, wie peinlich berührt und wütend ich zunächst ob meiner Gefangennahme war, Bruder. Es war töricht von mir, mich überhaupt auf Deinen dummen Plan einzulassen, und es war auch mein Fehler, dass mich die Wache zu fassen bekam.

Das Schicksal selbst scheint zum Zweck meiner Befreiung eingegriffen zu haben, denn auf dem Weg von Rittersriegel nach Thraben gelang mir die Flucht. Man hatte mich hinten in einer Transportkutsche angekettet (mit Maulkorb und allem Drum und Dran). Da hörte ich draußen urplötzlich ein fürchterliches Getöse. Da ich nie eine Gelegenheit ungenutzt verstreichen lasse, schwang ich die Füße über die Kette und stieß mit der Schulter die Tür auf: Dann rannte ich inmitten des Getümmels mit dem kleinen Rest der mir noch verbliebenen Würde hinaus in den Nebel. Was sagst Du dazu? Ich bin ganz allein entkommen! Doch meine Freude währte nur kurz: Meine derzeitige Unpässlichkeit hat den aus meiner Flucht geborenen Nervenkitzel bereits längst wieder betäubt.

Ich ließ mein altes Revier schon zurück, noch ehe wir unseren lächerlichen Versuch unternahmen, Thraben dem Erdboden gleichzumachen – dort ist mir also nichts geblieben. Nachdem ich mich von Maulkorb und Ketten befreit hatte, erschien es mir am sinnvollsten, zum alten Stammsitz der Familie in Nefalen zurückzukehren. Die Ruinen zerbröseln mittlerweile regelrecht, und es riecht alles immer noch nach Rauch, Staub und Einbalsamierungsflüssigkeiten. Einige Räume sind noch bewohnbar, doch ich brachte es nicht über mich, Vaters Studierzimmer zu betreten. Die Spuren des letzten Aneinandergeratens unserer Eltern sind nach wie vor deutlich an den Wänden zu sehen.

Die Bürde der Schuld lastet auch nach all dieser Zeit noch immer schwer auf meinen Schultern. Im Bemühen, mich von diesem peinigenden Gefühl reinzuwaschen, erweckte ich Mami und Vater von den Toten, um mich für das zu entschuldigen, was wir mit dem Haus angestellt hatten. Wie erleichtert ich doch war, als ich ihnen endlich sagen konnte, wie sehr mich der Brand reute und wie wir beide doch eigentlich niemals vorhatten, ihre wechselseitige Abscheu füreinander auch für uns zu übernehmen. Ich sprach von meinem Scheitern in Thraben, davon, wie sehr wir beide uns über die Jahre entfremdet haben, und von der Erniedrigung, mit Ketten und Maulkorb in einen Wagen verfrachtet zu werden, wohingegen Du fröhlich entkommen konntest. Natürlich konnten sie mir nicht antworten, aber dennoch war dieses Geschehen durchaus heilsam für mich.

Angesichts der jüngsten Ereignisse möchte ich die Regeln der nekromantischen Kriegsführung um einen Anhang ergänzen: Verwandte und Haustiere der Familie dürfen nicht ins Feld geführt werden (ich weiß, dass Du immer noch die sterblichen Überreste von Flecki hast). Melde Dich doch bitte mit einem Vorschlag bezüglich des Ortes und der Zeit unseres nächsten Duells zurück.

Deine Dich liebende Schwester

Gisa

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Werte Gisa,

Du bist unglaublich unverantwortlich. Schicke Mami und Vater sofort wieder unter die Erde, wo sie hingehören.

Derzeit habe ich wesentlich Wichtigeres zu tun, als mich mit nekromantischer Kriegsführung zu befassen. Ich freue mich, dass Du aus dem Gefängnis heraus bist, doch Du bist offensichtlich zu dumm, um meine Hilfe zu erkennen, wenn ich sie Dir gewähre. Bitte melde Dich nie wieder bei mir.

– Geralf
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Lieber Geralf,

auf diesem Weg schicke ich Dir Deinen Skaab sowie eine Reihe alchemistischer Texte zurück. Ich denke, in ihnen wirst Du jene Antworten finden, nach denen Du suchst.

Falls Dir wirklich der Sinn danach steht, nehme ich Dich nur allzu gerne unter meine sprichwörtlichen Fittiche. Deine Mutter war eine talentierte Nekromantin und ganz offenkundig hat sie einen brillanten Erben hervorgebracht. Bitte zögere nicht, auch in Zukunft wieder an mich heranzutreten. Jeder Sohn von Gretchen Cecani ist auch für mich wie ein Sohn.

Deine Familie war schon immer so herrlich kapriziös, wenn es um ihre Liebe zu den dunklen Künsten ging. Genießen wir also unsere Brillanz und machen wir uns gemeinsam an das größte Spiel von allen!

– Ludevic

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Lieber Ludevic,

vielen Dank für Deine Antwort. Ich freue mich schon sehr darauf, Deine Anmerkungen zu den von Dir an mich übersandten Texten durchzugehen.

Doch lass uns bitte nicht zu frivol werden, wenn wir von unseren Künsten sprechen.

Ich bin solcher Spielchen so überdrüssig.

– Geralf
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Liebes kabelzähes Dörrfleisch,

unverantwortlich?! Wage es nicht, mich so anzubellen wie ein kleines Kind! Ich bin eine der begabtesten Ghulruferinnen unserer Tage – ich bin zu Taten in der Lage, von denen Du nicht einmal träumen kannst. (Ich habe Dich schon pfeifen hören – wie lächerlich das war!) Du magst dich für zu gut halten, um noch nekromantische Kriegsführung zu betreiben, doch ich weiß, woran dies in Wahrheit liegt: Du willst einfach nicht glauben, dass ich in der Welt bestehen kann, ohne auf Dich angewiesen zu sein.

– Gisa

P. S. Ich werde mir die allergrößte Mühe geben, mir meine sämtlichen Lieblingsspitznamen für Dich wieder ins Gedächtnis zu rufen. Wir liegen nun ganz offiziell im Zwist.
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Werter Kommandeur Odric,

nach einiger Zeit auf Gisas Fährte konnte ich sie nun in Nefalen einholen. Gegenwärtig residiert sie in den Überresten eines alten Herrenhauses. Ich beobachte sie aus der Ferne und warte auf Unterstützung, um die Festnahme vornehmen zu können.

Bezüglich meiner augenblicklichen Lage ist mir immer weniger wohl. Mein Kompass hat angefangen, sich seltsam zu verhalten: Die Nadel dreht sich von allein im Kreis, wobei sie gelegentlich zuckt und in einer Richtung anhält, die stets genau entgegengesetzt derjenigen liegt, in welche sie gerade zuvor noch wies. Die Luft scheint aufgeladen zu sein wie vor einem nahenden Gewitter, doch am Himmel regt sich nichts. Ich weiß nicht, warum sich diese kuriosen Ereignisse zu mehren scheinen, aber sie ähneln nichts, was mir schon einmal untergekommen wäre.

Etwas wesentlich Gefährlicheres nimmt den Großteil meiner Aufmerksamkeit in Beschlag. Ich glaube, Gisa sendet wieder ihre Rufe aus. Die Ghule sind sehr umtriebig, und ich bin auf meiner Reise entlang der Küste Nefalens auf zahlreiche leere Gräber gestoßen. Ich habe noch nie eine Nekromantin bei der Arbeit gesehen, doch nun kann ich zumindest mit Sicherheit behaupten, ich hätte eine dabei gehört. Ein unheimliches Pfeifen erfüllt des Nachts den Nebel – ein hohes Trillern, bei dem mir der Magen in die Knie sackt und sich mir die Nackenhaare aufstellen. Sie lässt keine Lichter oder Blitze entstehen: Stattdessen ist ihre Magie ein manisches Lied, das sich mit dem Geräusch der Wogen am Ufer vermischt, den kalten Sand durchdringt und die Toten aus ihrem Schlaf erweckt. Jetzt begreife ich, warum Sie darauf bestanden haben, dass wir ihr nach ihrer Gefangennahme einen Maulkorb anlegen.

Am meisten verstört mich allerdings die ruhige Art der Ghule selbst. Jene Untoten, die dieses Lied hören, kämpfen nicht. Sie schlurfen auch nicht umher oder schlagen um sich. Stattdessen gehen sie einfach gemächlich in Richtung ihrer Kapellmeisterin. Sie scheint mit ihren Rufen ein Ziel zu verfolgen, als ob diese Ungeheuer nur Werkzeuge für eine mir unbekannte Aufgabe wären.

Mit jeder verstrichenen Nacht wird die Lage heikler. Ich werde auf Anweisungen Ihrerseits warten, ehe ich der Ghulruferin weiter nachstelle.

– Befehlshabende Offizierin Grete

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Lieber Wurstschneider,

ICH HABE EINE NEUE FREUNDIN! Und sie ist auch noch in meinem Alter! Glaube ich!

Sie sieht zwar aus, als ob sie ein bisschen frisches Gemüse und rotes Fleisch gebrauchen könnte, aber sie eignet sich dennoch sehr gut als meine erste Freundin. Ich bin ihr begegnet, als ich gerade mit Mami spazieren war (Vater ist bis auf Weiteres wieder unter der Erde): Da kam diese Frau einfach auf uns zugelaufen, ohne jede Furcht. Sie musterte Mami von oben nach unten und fragte mich, ob ich es gewesen war, die sie von den Toten auferstehen ließ. Stolz teilte ich ihr mir, dass sie da genau richtig lag – woraufhin die Frau höflich lächelte und wissen wollte, ob ich einen solchen Vorgang denn ohne großen Aufwand wiederholen könne. Wie drollig! Ich nickte verbindlich und beschwor dann fünf Ghule und ein halbes Pferd von unmittelbar unter ihren Füßen hervor.

Kaum waren sie aus dem Boden, zog die Frau ein ungeheures Schwert und hackte meine Ghule an Ort und Stelle entzwei. Sie lächelte von einem Ohr zum anderen. Da wusste ich gleich, dass wir beste Freundinnen werden würden.

Die Frau stellte sich als Nahiri vor, und sie war nicht nur klug, sondern durchaus auch an meiner Arbeit interessiert. Ich zeigte ihr, wie man so pfeift, dass die Toten das tun, was man ihnen aufträgt. Nahiri war sehr amüsiert von meinem Talent und meinte, sie könne das bestimmt nicht so gut wie ich, aber dennoch war sie höchst erpicht darauf, das volle Ausmaß meiner Fähigkeiten zu sehen. Ich habe wieder meine Rufe erklingen lassen, und es fühlt sich einfach so wunderbar an!

Da hast Du es. Kehre Du nur zu Deiner Flickerei und Deinem Stickwerk zurück – ich habe eine neue Gefährtin und brauche Dich nicht mehr!

– Gisa
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Lieber Fleischbesticker,

warum antwortest Du denn nicht auf meine Briefe? Wahrscheinlich liegt es daran, dass Du jetzt eine feste Freundin hast, was?

– Gisa
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Gisa,

bitte bring dieses Thema nicht auf. Lili war nie meine feste Freundin! Sie hat sich in Thraben Mikaeus‘ Leiche geschnappt und sich anschließend aus dem Staub gemacht. Nach unserer kurzen Bekanntschaft habe ich sie nie wiedergesehen. Sie ist schrecklich, und ich hasse sie.

Und Dich hasse ich auch. Hör auf, mich mit den schrecklichen alten Spitznamen anzuschreiben, die Du Dir für mich ausgedacht hast, und bedanke Dich endlich bei mir für Deine Flucht.

Ich habe hier einen gichtigen Fuß vor mir liegen. Er erinnert mich an Deinen schlimmen Charakter.

– Geralf
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Befehlshabende Offizierin Grete,

mir wurde von anderen in Nefalen stationierten Truppen zugetragen, dass vor der Küste ein absonderliches Bauwerk errichtet wird. Womöglich gibt es zu viele Untote, als dass Sie mit ihnen fertigwerden können – ziehen Sie sich SOFORT zurück.

– Kommandeur Odric

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Lieber Schleimklöppler,

Nahiri hat mich für ein Weilchen verlassen. Meine Arbeit geht weiter. Ist das nicht wunderbar? Ich arbeite jetzt für mich!

Wenn ich kurz innehalte, um über meine Lage zu sinnieren, so stelle ich fest, dass mir kein größeres Glück hätte widerfahren können, als diese neue Freundin zu finden. Ohne Nahiri wäre ich ruiniert. Ich habe meinen sämtlichen Besitz am alten Schlachtfeld zur nekromantischen Kriegsführung verkauft und all meine früheren Ressourcen sind in meine neue Laufbahn geflossen.

Meine neue Freundin hat mich um eine Armee von Bauarbeitern gebeten, und ich habe eine für sie erschaffen! Sie hielt sich sehr bedeckt dazu, wofür all die Zombies nun genau sein sollten, doch als ich mich erkundigte, ob sie wohl ein steinernes Monument zum Lobpreis unserer Taten errichten würden, hob Nahiri die Augenbrauen und nickte begeistert.

Hast Dudas gehört? Wir errichten ein Denkmal an unsere eigene Großartigkeit!

Nahiri ist eine ungeheure Unterstützung. Sie liebt meine Ghule, und ich glaube, wenn ich nur artig genug bin, baut sie mir sogar eine Waffe, um Dich auszuweiden. Ich habe ihre Arbeit gesehen – und sie kann wirklich ausgezeichnet mit Fels umgehen.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Du mit „Bedanke Dich endlich bei mir für Deine Flucht“ meinst, aber ich bin überzeugt, Du willst mich bloß verunsichern – wie üblich . Doch Deine doofen Tricks klappen bei mir nicht!

– Gisa
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Werte Gisa,

das reicht nun wirklich.

Ich habe keine Lust mehr auf irgendwelche Spielchen. Ich bin fast fertig mit meiner größten Schöpfung, und ich möchte einfach nur, dass Du diese ganze Sache auf sich beruhen lässt.

Ich war es, der die Skaab entsandt hat, um Dich aus der Gefangenenkarawane zu befreien. Ich machte mir eigens die Mühe, eine Angriffsstreitmacht aufzubauen, die imstande war, Deine Wärter zu übermannen, und Du hast dich kein einziges Mal für Deine Befreiung bedankt.

Wer sonst hat denn in diesem verfluchten Höllenloch von einem Sprengel die Fähigkeit, Dutzende von Skaab zu erheben?! Glaubst Du wirklich, es war nur Glück war, dass Du zufällig auf jene Kreaturen triffst, deren Erschaffung mir meinen Beinamen eingebracht haben?!

Dein Unwissen ist wirklich eine Beleidigung und Dein Festhalten an unserer kindischen Vergangenheit einfach nur lächerlich. Werde doch bitte endlich erwachsen wie ich, liebe Schwester. Ich wollte Dir nur helfen.

– Geralf

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Werter Kommandeur Odric,

unser Abmarsch steht unmittelbar bevor. Fräulein Cecani wurde von äußerst wilder Wut erfasst. Die Sicherheit meiner Patrouille steht auf dem Spiel. Ich schreibe dies aus Merwaldsgrund, habe allerdings vor, umgehend nach Thraben zurückzukehren. Bitte beten Sie für unsere Errettung und unsere sichere Wiederkehr: Sie folgt uns zwar bislang noch nicht, doch ich fürchte, Fräulein Cecani wäre in ihrer derzeitigen Verfassung zu wirklich allem imstande.

– Befehlshabende Offizierin Grete
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Geralf,

Du bist ein arroganter, hochmütiger, widerwärtiger Bastard. Wie kamst Du zu dem naiven Irrglauben, ich hätte mich nicht selbst befreien können?!

Wie konnte ich nur so dumm sein und nicht früher erkennen, woher diese Skaab wirklich stammten? Behalte Deine anmaßende Moral verdammt noch mal für Dich. Ich habe nochnie Deine Hilfe gebraucht, und ich werde Dich auch nie brauchen, um mich zu retten.

Meine Name wird für immer in den Geschichtsbüchern unseres Landes verewigt werden. Die Geschichten über meine und Nahiris Macht werden so lange Bestand haben, wie unser Denkmal sich stolz und stark im Meer erhebt! Unser greifbares Erbe wird auf immerdar unangefochten bleiben und unser Glanz ganz Innistrad verändern!

All dies wird sich selbstredend erst zur gebotenen Zeit so ergeben. Wie Du sehen kannst, habe ich eine ganz besondere Botin ausgewählt, um Dir diesen Brief zu überbringen: Ich hoffe, es stört Dich nicht, dass Mami ihn Dir übergibt. Du hast schließlich immer für sie Partei ergriffen. Ich habe die Kreatur angewiesen, Dir bei allem zur Hand zu gehen, was Du ihr aufträgst – nur verlassen darf sie Dich nicht.

Magst Du, wie es sich anfühlt, wenn ich Dir helfe? Bist Du nicht unglaublich dankbar, weil ich eingegriffen habe und davon ausgegangen bin, dass Du alleine nichts hinbekommst?! Ich habe mit meiner Zeit wirklich Besseres zu tun, als sie darauf zu verschwenden, Dich zu unterhalten. Schaue Deiner Mutter in die Augen und denke dabei an mich. Wenn Du Deine Schwester schon wie ein Kleinkind behandeln musst, das nicht auf eigenen Füßen stehen kann, dann schicke ich Dir eben jene Person, die Dich stets daran erinnern wird, dass Du ein Kind bist.

Mögest Du Trost in dem finden, was noch von Mutters Armen übrig ist.

– Gisa

Veröffentlicht in Magic Story on 27. April 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mi 11. Mai 2016, 21:47

Die Inquisitoren der Lunarchen


Thalia, die Wächterin von Thraben, spielte eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung Thrabens während der Belagerung durch die Zombies der Nekromagier-Zwillinge Gisa und Geralf. In der dunkelsten Stunde der Stadt stellte sie sich Liliana Vess am Höllenkerker im Herzen der Kathedrale von Thraben entgegen. Und da die Planeswalkerin das Leben eines jeden einzelnen Soldaten unter ihrem Befehl bedrohte, fügte sich Thalia schließlich Lilianas schrecklicher Forderung: Sie öffnete den Höllenkerker und entließ alle Dämonen, die er in sich barg – und den Erzengel Avacyn.

Mikaeus, der Lunarch der Kirche Avacyns, starb während der Belagerung Thrabens, und sein Nachfolger wurde in den frühen Tagen von Avacyns Wahnsinn getötet. Nun ist ein neuer Lunarchenrat eingesetzt worden, der aus sieben Bischöfen der Kirche sowie einigen Anführern der Katharer als Beratern besteht. Ein weiterer wichtiger Befehlshaber bei der Verteidigung Thrabens, ein Katharer namens Olric, zeigte erstaunliche Initiative bei der Organisation des Lunarchenrats, um Avacyns Wahnsinn Herr zu werden. Er verdiente sich einen Sitz im Rat als Repräsentant der Katharer, hat jedoch keinerlei Stimmrecht bei Ratsangelegenheiten.

Doch während der Wahnsinn der Engel weiter tobt und sich in den Lunarchenrat hinein ausbreitet, haben die beiden Anführer der Katharer Mühe, das Gleichgewicht zwischen der Loyalität zu Avacyns Kirche und der Hingabe an all das zu wahren, wofür sie steht.


Tagelang war sie durch die kalte Luft des Jägermondes von Ellgau in Nefalen zur Kathedrale von Thraben geritten. Ihre Finger waren taub, doch Thalias Wangen waren noch immer heiß vom Feuer und ihr Blut kochte vor Wut. Sie gab die Zügel einem Stallburschen und warf dem Engel, der wie ein Aasgeier über ihr kreiste, einen misstrauischen Blick zu, ehe sie in die hohen Hallen hineinstürmte.

Aus Gewohnheit schlug sie das Zeichen von Avacyns Band auf der Brust – erst von der einen und dann von der anderen Schulter zum Herzen –, als sie die offenen Türen zum Heiligtum passierte. Doch ihr brannten die Augen, als sie an jenes heilige Symbol dachte, das über den Gräueltaten in Ellgau aufgeragt war.

Sie war dem Namen nach noch immer die Wächterin von Thraben , selbst wenn sie nur noch herzlich wenig Zeit in der Hohen Stadt verbrachte. Daher versperrte ihr auch kein Katharer den Weg oder fragte nach ihrem Anliegen, als sie die Treppen hinauf, einen Korridor entlang und in jene Kammer eilte, die der Rat dem Lunarch-Marschall als Arbeitszimmer zur Verfügung gestellt hatte. Natürlich war er nicht da.

Thalia warf ihren Reitmantel auf einen Stuhl und streckte dann den Kopf zurück in den Flur. „Du“, rief sie einem Katharer zu, der steif in der Nähe Wache stand. „Finde ihn.“

Sie klatschte in die behandschuhten Hände und rieb sie fest aneinander, um einen Funken Wärme in die erfrorenen Finger zurückzubringen, während sie in dem kleinen Arbeitszimmer auf und ab ging.

Als sie sich von der Tür abwandte, war ihr Rahmen noch leer. Drei Schritte später, als sie sich wieder zur Tür umdrehte, stand er mit einem Mal da. Sie hielt inne.

„Thalia!“, sagte Odric herzlich und breitete die Arme aus.

Er sah älter aus. Natürlich war sein Haar schon seit Jahren weiß gewesen – bis auf die einzelne rabenschwarze Strähne über der Stirn. Doch sein Gesicht hatte immer jung gewirkt. Doch nun war es von Sorgenfalten zerfurcht.

„Es ist gut, dich zu sehen, alter Freund“, sagte sie, als sie lächelnd auf ihn zutrat. Anstatt ihn jedoch zu umarmen, hämmerte sie ihm die Faust gegen seinen silbern verzierten Brustpanzer. Ihr Lächeln erstarb. „Weißt du, was da draußen vor sich geht?“

Er seufzte, als seine Arme schlaff herabsanken. „Ich weiß, dass dies nicht die denkbar beste Zeit ist“, sagte er.

„Kinder“, sagte sie. „Wir verbrennen inzwischen Kinder. Sündige Kinder. So ein Schw...“

„Ellgau?“, fiel er ihr ins Wort.

„Ja. Das muss aufhören, Odric. Ulmach ist völlig außer Kontrolle.“

„Er ist Oberster Inquisitor, Thalia. Was die Kirche in Nefalen anbelangt, verkörpert er die Kontrolle.“

„Nein.“ Wieder schlug sie ihm gegen den Brustpanzer. „Noch gebietet der Lunarchenrat über die Kirche, oder? Dein Rat?“

Endlich gelang es Odric, sich an ihr vorbei in sein Arbeitszimmer zu drängen. „Es ist nicht mein Rat“, sagte er, „aber die Inquisition handelt nach seinen Anweisungen, ja.“

„Das muss aufhören“, sagte sie erneut.

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„Und dann? Wie hast du vor, den Zorn der Engel zu besänftigen?“

„Hörst du dir eigentlich zu? Du glaubst, die Engel wären zornig, weil wir Sünde in unserer Mitte dulden? Odric, die Engel sollen uns beschützen, nicht unsere Dörfer in Schutt und Asche legen. Und wir sollen Kinder beschützen und sie nicht auf dem Scheiterhaufen verbrennen! Glaubst du wirklich, dass es das ist, was Avacyn von uns verlangt?“

„Avacyn führt diese Säuberung an. Das weißt du auch. Wenn die Sünde der Menschen ihre Wut anfacht, müssen wir die Sünde ausmerzen oder in Avacyns Zorn untergehen. Sie hat uns ein Beispiel gesetzt. Wenn sie ihr Herz gegenüber dem Flehen der Verderbten verschließen kann, müssen wir es ihr gleichtun.“

„Den Verderbten? Welche Sünde tragen diese Kinder denn deiner Meinung nach in sich?“

„Stellst du das Urteil der Inquisition infrage?“

„Natürlich tue ich das! Wie kann sie in die Augen und in das Herz eines Kindes blicken und dort Böses sehen? Böses, das einen derart entsetzlichen Tod rechtfertigt?“

„Falls die Inquisition Kinder töten lässt ...“

„Das tut sie. Ich habe es gesehen.“

„Falls sie es tut, dann sicher aus einem guten Grund. Die Heilige Avacyn schenkt ihrer Kirche die Macht, das Böse auszulöschen, es zu bestrafen und die Unschuldigen vor seinem Griff zu beschützen.“

„Aber die Kirche missbraucht diese Macht!“

„Und was soll ich deiner Auffassung nach tun?“

Thalia ergriff seine Hand. Selbst durch ihre Handschuhe hindurch fühlte sie sich verglichen mit der Kälte in ihren eigenen Knochen warm an. „Sprich mit dem Rat“, sagte sie. „Hilf ihm, Vernunft anzunehmen.“

„Du weißt, dass ich kein Stimmrecht im Rat habe.“

„Aber du hast eine Stimme. Du repräsentierst die Katharer. Sie können dich nicht einfach ignorieren.“

Er wandte ihr den Rücken zu. „Aber ich bin ihrem Willen unterworfen. Avacyns Willen.“

„Das ist nicht unbedingt das Gleiche, weißt du?“

Er neigte den Kopf und schwieg.

Von einer jähen Ermattung übermannt ließ sich Thalia auf den Stuhl fallen, auf den sie ihren Mantel geworfen hatte.

„Habe ich das Richtige getan, Odric?“, fragte sie.

Er drehte sich um und schenkte ihr ein sanftes Lächeln. Sie hatten die gleiche Unterhaltung schon oft zuvor geführt, doch er wusste, dass sie es von Zeit zu Zeit wieder hören musste. „Du hast Avacyn befreit“, sagte er. „Und du hast deine Soldaten aus dem Griff der Nekromagier gerettet.“

„Ja, aber ich habe auch unzählige Dämonen freigelassen. Und einige davon sind aus der Reichweite der Engel entkommen.“

„Sie verstecken sich.“

„Aber sie werden zurückkommen ... Sie alle werden zurückkommen. Man kann sie nicht vernichten – deshalb gab es den Höllenkerker ja. Ich habe zugelassen, dass sie ihn zerstört.“

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„Du hast Avacyn befreit“, wiederholte er.

„Was, wenn das auch ein Fehler war?“, fragte sie. Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer, doch sie drang weiter in ihn. „Was, wenn die Zeit im Höllenkerker sie korrumpiert hat? Was, wenn sie jetzt selbst nicht besser als ein Dämon ist?“

Sein Miene wurde ernst. „Ich will nichts davon hören“, sagte er. Er hatte natürlich recht – und nie zuvor hatte sie es gewagt, diese Gedanken jemand anderem anzuvertrauen. „Ich bin ein Mitglied des Lunarchenrats ...“

„Du bist ein guter Mann.“

„Ich diene Avacyn und ihrer Kirche. Und – falls es dir entfallen sein sollte – das tust auch du, Wächterin von Thraben.“

Thalia sprang wieder auf. „Ich diene den Prinzipien, für die Avacyn eintritt – für die sie einst stand. Ich diene dem sanften Licht des Mondes, das die Schrecken der Nacht fernhält. Ich diene den Banden zwischen uns und vertreibe die Furcht, die uns auseinanderzureißen versucht. Ich diene der Heiligkeit, nach der wir alle streben. Wenn sie sich gegen diese Dinge gewandt hat, dann ist sie nicht besser als ein Dämon und ich kann nicht länger ihr und ihrer Kirche dienen.“

Odrics zornesrotes Gesicht war dicht an ihrem. „Ich kann nicht hier stehen und zulassen, dass du die Heilige Avacyn mit jenen Dämonen vergleichst, gegen die sie jahrhundertelang gekämpft hat. Da du meine Freundin bist, bitte ich dich, Thraben zu verlassen und niemanden sonst diese Blasphemie hören zu lassen, die du da von dir gibst. Grete?“

Ein von rotem Haar umrahmtes Gesicht erschien in der Tür. Thalia war verblüfft: Sie hatte nicht geahnt, dass Odrics Auserwählte die ganze Zeit draußen gewartet hatte. Hatte sie die gesamte Unterhaltung mit angehört?

„Mein Herr?“, sagte Grete.

Odric wandte Thalia erneut den Rücken zu. „Würdest du bitte Thalia hinter die äußere Mauer begleiten?“

„Natürlich.“

Thalia legte Odric eine Hand auf den Rücken. „Odric ...“

„Lebe wohl, Thalia.“

Sie schluckte schwer. Sie fand keine Worte mehr.

Grete hielt die Zügel von Thalias Pferd, als diese aufstieg. Sie wich ihrem Blick aus, seit sie Odric verlassen hatten. Als sie ihr die Zügel hinaufreichte, trafen sich ihre Blicke dann doch endlich.

„Was wirst du nun tun?“, fragte sie leise.

„Ich werde kämpfen“, antwortete Thalia. „Ich habe geschworen, die Menschen dieses Landes vor den Ungeheuern zu beschützen, die sie zu vernichten suchen. Und das werde ich auch weiterhin. Wenn die Katharer und die Inquisitoren zu Ungeheuern geworden sind, dann werde ich die Menschen eben vor ihnen beschützen. Und wenn die Engel selbst zu Ungeheuern geworden sind ...“

„Du würdest gegen die Engel selbst kämpfen?“, fragte Grete mit aufgerissenen Augen.

„Wenn es sein muss.“

„Wie kannst du nur so sicher sein, dass du recht hast?“

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Thalia hörte so viel in dieser Frage – einschließlich jenes Zweifels, der ihr seit vielen Wochen den Schlaf raubte. Doch offenbar sehnte Grete sich nach derselben Gewissheit. Und Thalia wünschte, sie könnte sie ihr geben.

„Wenn ich mich irre“, sagte sie stattdessen, „nun, ich wäre lieber eine Ketzerin, als mein Gewissen zu verraten.“

Grete ließ die Zügel los und wandte den Blick ab, während sie einen Schritt vom Pferd zurücktrat.

„Du könntest mit mir kommen“, sagte Thalia.

„Nein.“ Grete schien ebenso mit sich selbst zu sprechen wie mit Thalia. „Aber ich hoffe ... Ich wünsche dir das Beste, Thalia.“

„Ich danke dir.“
__________

Wochen später hörte Odric noch immer Thalias Stimme, als ein übereifriger Katharer vor dem Lunarchenrat stand und die neuesten Ergebnisse der Arbeit der Inquisition in Ellgau vortrug. Jedes Mal, wenn der junge Mann den Begriff „sündig“ in den Mund nahm, hörte er Thalias Stimme, wie sie am Rande der Vulgarität schwebte, und jede Erwähnung des Obersten Inquisitors rief ihm ihre Worte ins Gedächtnis zurück: „Ulmach ist völlig außer Kontrolle.“ Es fiel ihm zu schwer, den Schilderungen von Befragungen, Folterungen und Hinrichtungen zu lauschen, weshalb er stattdessen die Gesichter der Bischöfe des Rates musterte.

Einige von ihnen fühlten sich sichtlich ebenso unwohl wie er selbst. Andere jedoch beugten sich vor und lauschten mit hervorstehenden Augen und vor Neugier schier geifernden Mündern den grässlichen Einzelheiten. Hatte Thalia recht?, fragte er sich. Sind wir alle zu Ungeheuern geworden?

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Ein Knall riss ihn aus seinen Gedanken, als die Tür des Saales aufgestoßen wurde. Thalias Stiefel hallten auf dem Steinboden wider, als sie in den Raum schritt. Der junge Katharer trat – offenkundig von ihrer Anwesenheit und dem Zorn, der in ihren Augen brannte, eingeschüchtert – rasch beiseite.

„Thalia, was tust du hier?“, fragte er und durchbrach damit die entsetzte Stille.

Bischof Jerren stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Angelegenheiten des Lunarchenrats sind nicht zu unterbrechen“, sagte er.

„Ich bin die Wächterin von Thraben“, erwiderte Thalia, „und ich fordere mein Recht ein, vor dem Rat zu sprechen.“

„Diesen Titel führst du nicht mehr, Thalia“, sagte Odric sanft. Er sah Jerren lächeln. „Der Rat hat ihn dir aberkannt.“

Thalia blickte ihn an. Sie schien keineswegs überrascht. Die Wut in ihren Augen war Verachtung gewichen, als wäre er eine Schlange, die sich vor ihr am Boden wand. Er hatte ihr Vertrauen missbraucht und den Rat von ihrer Ketzerei unterrichtet. Sein Magen zog sich zusammen.

Jerren lächelte süffisant. „Wir sind jedoch in großmütiger Stimmung“, sagte er. „Welche Sache willst du dem Rat vortragen?“

Thalia richtete ihren vernichtenden Blick auf Jerren. „Ich komme, um Euch anzuklagen, Bischof“, sagte sie.

Odric lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Es schnürte ihm die Kehle zu.

Thalia fuhr fort: „Ich bringe Beweise, dass Ihr im Bund mit dem Dämon Ormendahl, den man auch den Unheiligen Prinzen nennt, steht, und dass Ihr nun der Anführer der Skirsdag seid.“

Jerren lachte auf. Er lachte. Andere Mitglieder des Rates begannen, Protestrufe auszustoßen, doch der nominelle Vorsitzende des Rates konnte nur lachen, als er bezichtigt wurde, einem dämonischen Kult vorzustehen.

„Nun, dann zeige uns doch diese so genannten Beweise“, sagte jemand. Die Rufe verklangen.

Nun war Thalia mit dem Lächeln an der Reihe. Man hatte ihr Gelegenheit gegeben, ihr Anliegen vorzutragen. Mehr hatte sie sich auch gar nicht erhofft. Sie wandte sich um, während sie sprach, um so den gesamten Rat einzubeziehen, wich jedoch Odrics Blick aus. „Vor drei Tagen“, sagte sie, „führte ich eine kleine Gruppe Katharer durch den Wald der Gemeinde Wittal in der Nähe der Ruinen von Eschwald. Wir suchten nach dem Versteck jener berüchtigten Hexe, die eine Vielzahl von Bewohnern der Gemeinde mit Flüchen belegt haben soll. Schließlich stießen wir auf Hufabdrücke in der weichen Erde.“

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„Wir warten noch immer auf deine Beweise“, sagte einer der Bischöfe.

Odric blickte zu Jerren. Der Bischof hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt und die Fingerspitzen vor dem Mund wie zu einem Dachgiebel zusammengeführt, wodurch es ihm auch beinahe gelungen wäre, jene Andeutung eines Lächelns zu verbergen, die seine Mundwinkel umspielte.

„Die Spur führte uns zu einer düsteren Höhle, in der sich die Hexe verborgen hielt. Ein Pferd weidete draußen auf dem geschwärzten Gras. Es trug das Zaumzeug dieses Rates. Als wir ins Innere eilten, fanden wir die Hexe vor, wie sie gerade das zuckende Herz aus der Leiche eines Boten entfernte und sich daran zu machen schien, ein Stück aus dem rohen Fleisch herauszubeißen.“

Ein paar der Ratsmitglieder verzogen angeekelt die Gesichter und wandten den Blick von Thalia ab. Odric jedoch bemerkte, dass alle, die sie weiterhin anstarrten, denselben geifernden Ausdruck wie beim Bericht des Inquisitors zeigten.

„Wir versuchten, die Hexe zu überwältigen, doch sie kämpfte wie eine Furie und gebot über dämonische Kräfte. Wir hatten keine andere Wahl, als sie zu töten.“

„Und damit bequemerweise die Möglichkeit auszuräumen, dass sie aussagen könnte“, meinte jemand.

Thalia beachtete die Unterbrechung nicht. „Der tote Reiter war ein Bote dieser Kathedrale. Diesen Brief hier trug er bei sich.“ Sie holte einen Bogen Pergament aus ihrem Mantel hervor. Dunkle Spritzer und Flecken, die nur von Blut stammen konnten, hatten ihn besudelt. „Lest ihn selbst und urteilt anschließend darüber, wie berechtigt meine Anklage ist. Der Brief trägt das Siegel und die Unterschrift von niemand Geringerem als Bischof Jerren, der dieser Hexe im Namen des Unheiligen Prinzen Anweisungen erteilt!“

Odrics Füße und Hände fühlten sich taub an. Sein Herz wummerte. Thalia hatte eine kühne Geschichte gesponnen. Konnte sie etwa wahr sein?

Thalia schritt zum hinteren Ende des Ratstisches und hielt das Pergament hoch, um es einem der niederen Bischöfe namens Quilion zu zeigen. Quilion warf einen verstohlenen Blick zu Jerren und weigerte sich, ihr den Bogen aus der Hand zu nehmen. Thalia runzelte die Stirn und hielt dem Bischof neben ihm das Pergament hin. Drei Bischöfe weigerten sich, es anzusehen, während der Rat in eisiges Schweigen gehüllt blieb, bis Bischöfin Carlin es schließlich mit zitternden Händen an sich nahm. Ihr Gesicht wurde bleich, als sie es las.

„Was hast du dazu zu sagen, Jerren?“, fragte Carlin nach einem Augenblick.

„Das ist ganz offensichtlich eine Fälschung“, sagte Quilion, obgleich er das Schriftstück kaum angesehen hatte.

„Die ganze Geschichte ist doch an den Haaren herbeigezogen“, sagte ein anderer Bischof.

Odric konnte es nicht glauben. Nichts von alledem. Er wusste, dass Thalia niemals Beweise fälschen würde, so wenig sie auch mit dem Rat übereinstimmte. Und nachdem er sich nun schon gestattet hatte, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es tatsächlich wahr war, musste er sich eingestehen, dass er Jerren nicht als den heiligsten aller Männer bezeichnen würde. Aber Anführer der Skirsdag? Als Vorsitzender des Lunarchenrates?

„Natürlich ist sie an den Haaren herbeigezogen“, sagte Jerren.

„Mir scheint, in diesem Raum gibt es nur eine Person, die sich der Ketzerei schuldig macht“, sagte Quilion. Er warf Jerren einen Blick zu, als würde er die Erlaubnis des älteren Mannes einholen.

Odric starrte entsetzt auf die Mitglieder des Rates, die erneut zu rufen begonnen hatten und diesmal Thalias Hinrichtung forderten. Thalias Miene war finster – er hatte gesehen, wie sie immer bleicher geworden war, als mehr und mehr Bischöfe Partei für Jerren ergriffen hatten. Sicherlich hatte sie mit einigem Widerstand gerechnet, doch wahrscheinlich kaum mit derlei heftigem. Jerrens Einfluss auf den Rat musste größer sein, als sie es wohl je erahnt hätte. Ihre Hand fuhr an ihr Schwert.

Katharer kamen und hielten Thalias Arme fest, ehe sie es ziehen konnte, und blickten auf der Suche nach Anweisungen zu Jerren. Mit einem winzigen Fingerzeig verhängte er sein Urteil über sie. Man begann, sie fortzuschleifen.

„Odric!“, rief sie. Ihre Stimme durchstach das Lärmen der noch immer laut rufenden Bischöfe. „Ich diene dem Licht!“

Das sanfte Licht des Mondes, das die Schrecken der Nacht fernhält, hatte sie gesagt. Ich diene den Banden zwischen uns und vertreibe die Furcht, die uns auseinanderzureißen versucht.

Und hier war er nun, der Lunarchenrat, der sich von Furcht ergriffen gegen eine seiner treuesten Dienerinnen wandte.

Die Türen schlugen hinter Thalia zu, und mit einem geheuchelten Lächeln bedeutete Jerren dem jungen Katharer, seine Schilderung der neuesten Schrecken in Ellgau fortzusetzen, die im Namen des Lunarchenrats begangen worden waren.
__________

Odric eilte in den Keller der Kathedrale, wo Thalia, wie er hoffte, noch immer auf ihre Hinrichtung wartete. Sie würden sie noch nicht auf den Hof hinausgebracht haben, um sie an einem Baum aufzuknüpfen. Nicht ohne die zeremoniellen Bräuche bei der Hinrichtung einer derart bekannten Ketzerin zu befolgen.

„Ich muss mit der Gefangenen sprechen“, sagte Odric zu der Soldatin, die die Zellen bewachte. Die junge Frau salutierte und trat beiseite, um ihn eintreten zu lassen.

„Sag nichts“, flüsterte er in die Luke zu ihrer Zelle. „Wir gehen hier weg. Gemeinsam.“

„Was?“

„Ich sagte, du sollst nicht sprechen.“ Er drehte sich zu der Soldatin um. „Wache, öffne diese Zelle.“

Ihre Augen weiteten sich zwar, doch die Katharerin fingerte dennoch sofort an den Schlüsseln an ihrem Gürtel herum. Odric nickte bekräftigend. Zumindest kennen einige von uns noch ihre Pflicht, dachte er.

Die Tür zur Zelle Thalias öffnete sich quietschend, und er half ihr vom schmutzverkrusteten Boden auf. Er bemerkte eine frische Prellung, die gerade erst auf ihrem Wangenknochen zu erblühen begann. Hatte sie sich gewehrt? Oder hatten die Wachen, die sie hierhergeführt hatten, jene Grausamkeiten fortgesetzt, die nun selbst hier in Avacyns Kathedrale an der Tagesordnung waren?

Gemeinsam gingen sie die Stufen hinauf. Grete erwartete sie oben. Sie trug Thalias schlankes Schwert bei sich.

„Pferde?“, fragte Odric sie, während Thalia ihre Waffe umschnallte.

„Sollten bereit sein, sobald wir den Stall erreicht haben“, sagte Grete.

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„Gut gemacht.“

„Wohin gehen wir?“, fragte Thalia.

„Sag du es mir“, erwiderte Odric. „Du meintest, du hattest andere Katharer in der Wittal-Gemeinde bei dir. Sind sie noch immer dort?“

„Ja.“

„Sollen wir uns ihnen dann anschließen?“

„Ja. Ich habe dir eine Menge zu erzählen.“

Sie waren schon fast an den Stallungen angelangt, beinahe frei vom Lunarchenrat und Jerren und jener Verderbnis, die hier schwelte. Doch nun versperrten ihnen fünf Katharer den Weg.

„Bleibt sofort stehen, Lunarch-Marschall“, sagte der eine in der Mitte. Sein Name war Dougan, erinnerte sich Odric. Vor Jahren hatte er den jungen Mann ausgebildet. „Befehl von Bischof Jerren“, fügte er beinahe entschuldigend hinzu.

Odric ging weiter. „Tretet beiseite und lasst uns passieren“, sagte er. Grete und Thalia schlossen etwas dichter zu ihm auf.

„Das kann ich nicht tun, Herr.“ Das Entschuldigende war aus seiner Stimme verschwunden und durch Stahl ersetzt worden. „Der Bischof hat mit diesem Verrat gerechnet und will, dass ihr alle drei in die Ratsgemächer zurückkehrt.“

Weitere Katharer standen nun hinter ihnen – den Geräuschen nach waren es drei. Acht gegen drei, falls es denn dazu kommen sollte.

Odric stand dem jungen Dougan nun genau gegenüber, während Grete und Thalia die Katharer an seiner Seite anblickten.

„Dougan, lass uns passieren“, sagte Odric erneut.

„Nein.“

Odric versuchte, sich an ihm vorbei zu drängen, doch das Geräusch gezogenen Stahls hinter ihm änderte alles.

Acht gegen drei wäre vielleicht brenzlig geworden, wenn es sich bei den dreien nicht um die erfahrensten Streiter in Avacyns Kirche gehandelt hätte. Odrics erster Hieb ließ Dougans Klinge klirrend zu Boden fallen. Während sein ehemaliger Schüler sich nach seiner Waffe bückte, drehte sich Odric um, um einen Angriff in seinem Rücken zu parieren – von Marta, einer weiteren jungen Katharerin, die er ausgebildet hatte. Seine Riposte ließ ihre Schulter bluten – sie hatte schon in der Ausbildung stets die linke Schulter ungedeckt gelassen – und sie stolperte nach hinten.

Dougan stürmte mit hoch erhobenem Schwert auf ihn zu. Odric schüttelte den Kopf – er hatte den Jungen eigentlich Besseres gelehrt. Er duckte sich unter dem ungelenken Hieb weg und stieß nach Dougans Bauch, die Wucht sorgsam so abgestimmt, dass der arme Kerl nicht gleich an Ort und Stelle ausgeweidet wurde. Beinahe hatte er vergessen, dass sie nicht mit Holzschwertern übten.

Womöglich hatte auch Dougan es vergessen, denn seine Augen weiteten sich und ihm entglitt erneut fast das Schwert, während seine freie Hand zu dem sich ausbreitenden roten Fleck unter seinen Rippen fuhr.

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Ein dritter Katharer, dessen Name ihm entfallen war, sprang ihm mit einem Ausfallschritt entgegen. Der unglückliche Wicht spießte sich an Odrics Klinge auf. Marta, die trotz der Wunde in ihrer Schulter weiterkämpfte, fiel unter Gretes schwerem Schwert.

Haral, ein älterer Soldat, der mit ihm gemeinsam gegen die Zombies gekämpft hatte, kam auf ihn zu. Er hatte Dougan viele Jahre an Erfahrung voraus und wäre er stärkeren Willens gewesen, hätte er diese Gruppe angeführt. Doch ihm hatte seit jeher dieser Wille, dieser Antrieb gefehlt. Tränen strömten ihm übers Gesicht, als er sich Odric zuwandte und den Ausgang versperrte.

Odrics Schwert schlug dröhnend gegen seinen Helm und ließ den Katharer rückwärtstaumeln, doch er hielt sich auf den Beinen und umklammerte seine Klinge fester.

„Du wirst mich töten müssen, Apostat“, knurrte er.

Odric schritt vorwärts und entfesselte einen Sturm aus Stahl, der Harals erbarmungslosen Angriff zurückschlug. Haral konnte keinen wirksamen Gegenangriff aufbieten – auch dazu fehlte ihm der nötige Wille. Die unvermeidliche Lücke tat sich auf, und Odric nutzte sie instinktiv – er schlitzte dem Mann die Kehle auf.

Nun waren die Türen der Kathedrale in Sicht. Odric blickte zurück auf die acht treuen Katharer, die blutend oder sterbend auf dem polierten Boden der Kathedrale lagen. Heilige Katharer der Kirche Avacyns. „Mögen die Engel des Alabasterschwarms euch ...“ Er verschluckte sich an den Worten. Scherten sich die Engel überhaupt noch um menschliche Seelen?

„ ... euch zur Heiligen Ruhe führen“, sagte Thalia dicht neben ihm. Ihre Hand schlug das Zeichen von Avacyns Band auf ihrer Brust, erst von der einen und dann von der anderen Schulter zum Herzen. Sie blickte mit tränenhellen Augen zu ihm auf, wandte sich ab und rannte zur Tür.

Ein Teil von Odric lag tot neben dem Gefallenen auf dem Boden, doch er ließ ihn dort und rannte mit ihr und Grete zu den Stallungen. Wie seine Auserwählte versprochen hatte, standen dort drei Pferde für sie bereit. Sie hielten kaum inne, als sie aufstiegen und die Pferde zum Galopp anspornten. Und so ließen sie erst die Kathedrale, dann Thraben und schließlich ihr gesamtes altes Leben weit hinter sich.
__________

„Fast zwei Drittel von ihnen hatte Jerren in der Hand“, sagte Thalia zu der kleinen Gruppe Katharer, die sie in der winzigen Kapelle in Heidenau versammelt hatte. „Ich habe das Ausmaß des Einflusses Ormendals auf den Rat zweifellos unterschätzt.“

Die anderen Katharer schüttelten betrübt die Köpfe.

„Und du weißt nichts darüber?“, fragte sie Odric.

Doch Odric sagte nichts. Er hatte kaum ein Wort gesprochen, seit sie die äußere Mauer Thrabens hinter sich gelassen hatten. Sie war sich nicht einmal sicher, ob er seitdem überhaupt auch nur geblinzelt hatte: Er saß einfach bloß da und starrte vor sich hin.

Sie seufzte und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube ich verstehe, was du durchmachst, alter Freund“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Ich glaube, wir alle wissen es.“

„Er wird schon werden“, sagte Grete. „Lass ihm Zeit, sich auszuruhen.“

„Ich weiß“, sagte Thalia. „Er hat alle Zeit, die er braucht.“

„Was kann ich tun?“, fragte Grete.

Thalia lächelte. „Weißt du noch, als ich dich gebeten hatte, mit mir zu kommen?“

„Ich hätte es tun sollen.“

„Ich bin froh, dass du es nicht getan hast. Ich würde jetzt im Hof der Kathedrale hängen, wenn du nicht gewesen wärst und mir bei meiner Flucht geholfen hättest. Und nun bist du ja hier.“

„Aber was ist ‚hier‘? Was tun wir hier?“

„Willkommen beim Orden von Sankt Traft“, sagte Thalia und deutete auf die Kapelle um sie herum, als wäre sie ein prächtiger Palast.

„Sankt Traft?“, fragte Grete. „Du erhebst Anspruch auf eine edle Herkunft, indem du seinen Namen aussprichst. Dämonenjäger, Liebling der Engel, Märtyrer des Nadelöhrs: Du hättest dir kaum einen würdigeren Schutzpatron aussuchen können.“

„Ich habe ihn mir nicht ausgesucht“, sagte Thalia mit einem Lächeln. „Er hat mich ausgesucht.“

Ein leuchtender Nebel verdichtete sich in der Luft hinter Thalia und verwandelte ihr Haar in flüssiges Gold, während ihr Gesicht von innen heraus zu strahlen begann. Einen Augenblick später waren da zwei Gesichter, die sich voneinander lösten, bis ein Mann – leuchtend und substanzlos – neben ihr stand. Ein heiliger Geist. Sankt Traft selbst.

Thalia legte Grete eine Hand auf die Schulter. „Bist du bereit zu kämpfen?“

Grete fiel auf die Knie, doch ihr Blick blieb fest auf Thalia gerichtet. „Wohin auch immer du uns führst.“

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Veröffentlicht in Magic Story on 4. Mai 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Mo 16. Mai 2016, 16:20

Geschichten und Enden


Jace brachte seine Zeit auf Innistrad damit zu, einem Geheimnis hinterherzujagen: angefangen bei Lilianas Haus über das Markov-Anwesen zum Unterwassergrab, dann wieder zurück zu Liliana und von dort schließlich zur Kathedrale von Thraben. Auf dieser Reise war sein einziger Orientierungspunkt ein im Markov-Anwesen gefundenes Tagebuch, bei dem es sich um eine gebundene Sammlung von Forschungsunterlagen handelte.

Und wie es der Zufall will, ist die Verfasserin jener Aufzeichnungen – eine Planeswalkerin namens Tamiyo vom Mondvolk – ihm auf der gleichen Suche mehrere Schritte voraus ...


Ungeachtet der Tatsache, dass ihre Füße den Steinboden nie berührten, dachte Tamiyo dennoch darüber nach, auf Zehenspitzen zu gehen, als sie die Kantorei der Kathedrale von Thraben durchquerte. Auf Dutzenden von Welten hatte sie Hinweise darauf gefunden, wie Zweibeiner – oft in übertriebener Behutsamkeit oder gar in theatralischer Manier – auf Zehenspitzen gingen, um ihre Absicht zu verdeutlichen, sich heimlich fortbewegen zu wollen. Dabei ruhte das Gewicht eines Wesens auf einer kleineren Fläche, wenn es auf Zehenspitzen unterwegs war. Auf Dielen – einem Bodenbelag aus Holz, der auf der Mehrzahl aller Welten, welche sie mit eigenen Augen erblickt hatte, durchaus üblich zu sein schien – erhöhte das Gehen auf Zehenspitzen sogar die Wahrscheinlichkeit, dass eine der Dielen knarzte, was die bei weitem häufigste Art eines unabsichtlichen Geräuschs darstellte, das die Anwesenheit eines Schleichers auf Zehenspitzen offenbarte. In den meisten Fällen beobachtete sie Ungereimtheiten dieser Art bei Menschen, und es bereitete ihr durchgängig ein gewisses Vergnügen, sie zu dokumentieren. An Innistrad jedoch war nichts Vergnügliches. Die Hinweise deuteten unverhohlen etwas wesentlich tiefer Reichendes und Gefährlicheres als nur bloße Ungereimtheiten an. Sie war bereits länger hier, als sie beabsichtigt hatte. Sie war bereits viel zu viele Risiken eingegangen. Doch diese Welt war vollständig aus den Fugen geraten, und sie musste einfach wissen, warum.

Zahlreiche logische Spuren hatten sich als Sackgassen erwiesen. Manche waren zwar vielversprechend gewesen, hatten jedoch zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt. Ihre astronomischen Untersuchungen ließen eigentlich nur einen einzigen Schluss zu, doch die Ursache für all das – der allererste Auslöser – entzog sich ihr noch immer. Dies war ein Buch mit tausend Siegeln, ein Rätsel aus zehntausend Lügen. Sie hatte noch nie zuvor etwas derart Verzwicktes zu lösen versucht.

Sie hatte außerdem auch noch nie aufgegeben, ehe ihre Arbeit nicht getan war.

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Ihre neuesten Studien hatten sie zur Kathedrale geführt, wo die Menschen Innistrads die ältesten historischen Aufzeichnungen über Avacyn aufbewahrten. Die Geschichten, die sie bislang gefunden hatte, waren jede für sich genommen rätselhaft und unvollständig, doch sie kannte sich mit den grundlegenden Melodien von Geschichten aus. Sie wusste, an welchen Enden sie ziehen und welchen Spuren sie folgen musste, um – einen schwebenden Schritt nach dem nächsten – der Wahrheit näher zu kommen. Sie rechnete gar nicht damit, das, wonach sie suchte, einfach irgendwo ganz offen in einem alten Buch niedergeschrieben zu entdecken. Sie hatte viele Geschichten wie diese gehört, doch noch nie selbst eine davon erlebt. Dennoch gab es in den ältesten Chroniken für gewöhnlich die wenigsten Verzerrungen, da es in ihnen nur der geringsten Zahl an Schreibern möglich gewesen war, die Worte nach eigenem Gutdünken zu verdrehen. Avacyn. Die Welt war aus den Fugen geraten, und sie war die innerste Stütze Innistrads. Die Metapher passte gut.

Sie flüsterte ein leises Gebet an die Kami. Sie wusste natürlich, dass es hier keine Kami gab: Geister nahmen je nach Welt unterschiedliche Gestalten an, und die Geister Innistrads hatten keinerlei Ähnlichkeit mit den kleinen Göttern ihrer Heimat. Keines ihrer Experimente hatte je Anlass zu der Vermutung gegeben, dass die Kami ihre Gebete über die Weltengrenzen hinaus hören konnten. Doch die bloße Tatsache ihrer örtlichen Nicht-Messbarkeit war keine Entschuldigung dafür, unhöflich zu werden.

Bewaffnete Katharer patrouillierten stoisch und wachsam durch die Hallen und hielten nach Eindringlingen wie ihr Ausschau. Sie hatte bereits mehr Umgang mit der einheimischen Bevölkerung gehabt, als ihr lieb war, und sie stieß an die Grenzen ihrer natürlichen Stille und Verstohlenheit. Um in die inneren Bibliotheken vorzudringen, brauchte sie eine Geschichte – eine, die sie der Welt um sich herum erzählen konnte.

Eine alte Schriftrolle, eine ihrer ersten und liebsten, entrollte sich an ihrer Seite. Es war eine Geschichte aus ihrer Heimat – und genau jene, die sie nun brauchte.

Von dem, der die Sonne das Fürchten lehrt

Dies ist die Geschichte von einer Welt, die im Dunkel versank, und dem, der die Sonne das Fürchten lehrt. Sein Schatten brachte all jenen in seinem Weg die Nacht und sein Hunger war niemals zu stillen. Die Akki wussten sehr wohl, was der Oni vor aller Augen verbarg: die Ausbeute eines ganzen Lebens voller Plünderungen und Raubzüge. Doch niemand wagte es, den Zorn des Oni herauszufordern, außer einer, die keine Furcht kannte.

Als diese Akki nun einen langen, flachen Stein fand, hielt sie ihn sich über den Kopf. Von hoch oben, von wo aus der Oni herabblickte, schien sie nichts weiter zu sein als eben solch ein Stein. Und derart getarnt ging sie zu seiner Höhle, fest überzeugt, dass sie vor einer Entdeckung gefeit war.


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Doch der Oni war neugierig.

„Es ist so seltsam, kleiner Stein, wie du dich bewegst! Bist du hier, meine Reichtümer zu stehlen?“

„Ich, o Großer“, erwiderte der Stein, „habe noch nie von einem Stein gehört, der Reichtümer stiehlt. Du etwa? Ich verspreche, ich lasse es dich wissen, falls ich eines Diebs ansichtig werden sollte.“

Der Oni hörte Wahrheit in den Worten der Akki und sah keinen Grund zur Sorge. Er legte sich schlafen, und die Akki schaffte nun so viel aus der Höhle fort, wie sie nur tragen konnte. Gold, Edelsteine und eine glänzende Platte, auf der ihr Spiegelbild sie angrinste.

Am nächsten Tag kehrte die Akki zurück und der Oni wandte sich an den Stein.

„Kleiner Stein, kleiner Stein! Jemand hat meine Schätze gestohlen! Hast du den Dieb gesehen?“

Die Akki erinnerte sich ihres Versprechens und antwortete: „Ja! Ich sah die Diebin! Eine listige kleine Akki! Vielleicht solltest du dich aufmachen, um nach ihr zu suchen, und sie für ihre Heimtücke bestrafen!“

Der Oni nahm den Vorschlag auf und begab sich auf die Suche. Und während er fort war, machte sich die Akki erneut mit noch mehr gestohlenen Schätzen davon.

Hätte sie es doch hier nur gut sein lassen!

Die gierige kleine Akki kam ein drittes Mal mit dem Stein über den Kopf und Gier im Herzen zur Höhle des Oni. Der Oni war blind vor Zorn.

„Kleiner Stein! Es ist schon wieder geschehen! Ich konnte die Diebin nicht finden, doch erneut sind Schätze von mir verschwunden! Ich weiß nicht, was ich tun soll, außer zum Bau der Akki im Westen zu eilen und sie alle zu verschlingen, nur um sicherzugehen, dass ich auch ja die richtige von ihnen erwische!“

Aus Furcht um ihre Heimat und ihre Freunde erwiderte die Akki: „O Großer! Akki sind zäh und bitter und ganz und gar kein Gaumenschmaus! Es ist besser, sie in Frieden zu lassen, und deine Suche nach der Diebin fortzusetzen!“

Auch wenn der Oni nichts von Steinen verstand, so kannte er sich doch bestens mit Lügen aus. Er hob die kleine Akki mitsamt des Steins hoch und verschlang sie mit einem Bissen.

Die Akki erzählen diese Geschichte, um nie zu vergessen, dass die Wahrheit eine bessere Täuschung ist als jede Lüge, die je erzählt wurde.


Die Macht der Geschichte war angerufen, ihr Zauber entfaltete sich und Tamiyo war nicht mehr zu sehen. Jedem, dem sie nun begegnete, würde sie wie etwas erscheinen, was hierhergehörte – ein weiterer Katharer oder eine dekorative Vase. Bis zu jenem Augenblick, in dem sie eine Lüge aussprach oder der Täuschung nicht mehr bedurfte. Es war eine sehr nützliche Geschichte, doch wie immer, wenn sie eine Geschichte einsetzte, bat sie flüsternd um Vergebung dafür, sie auf diese Weise zu benutzen. Geschichten waren heilig, und es fühlte sich für Tamiyo jedes Mal wie ein Frevel an, sie als Werkzeuge zu gebrauchen.

Heute trug sie neunundzwanzig Geschichten bei sich, die drei in eisernen Einbänden – jene, die nie verwendet werden durften – nicht mitgerechnet.

Sie ging – ihre Füße berührten nun den Boden, der recht kalt war – entschlossen an zwei Katharern vorbei, die zackig salutierten. Sie erwiderte die Geste etwas weniger flüssig und alle sahen nur, was sie sehen sollten. Die Hauptbibliothek war gleich vor ihr. Sie begann, im Geiste die Geschichten durchzugehen, die sie mitgebracht hatte, da sie herausfinden wollte, wie sie wohl am besten die Schlösser knackte, die mit Sicherheit ihr nächstes Hindernis darstellen würden, als sie etwas Eigenartiges bemerkte. Die Tür war bereits einen Spalt geöffnet und dahinter flackerte Kerzenschein.

Sie vollführte eine Geste und eine leichte Brise stieß die schwere Tür ein Stückchen weiter auf. Sie nahm eine leicht geduckte Haltung an, und ihre Füße ruhten nun vollständig auf dem Stein – obwohl sie aus unerfindlichen Gründen noch immerdarüber nachdachte, auf Zehenspitzen zu gehen. Sie schlich auf die Tür zu, bereit, die Beine in die Hand zu nehmen oder anzugreifen.

Die gut geölten Scharniere glitten weiter auf, als Tamiyo ein unverwechselbares Geräusch hörte. Einen Wimpernschlag später erhielten ihre Augen die Bestätigung: Ein schlaffer Leib sackte zu Boden, als wäre sein Besitzer unvermittelt eingeschlafen. Ein Bibliothekar. Ältlich, unbewaffnet und ungerüstet. Und über ihm stand ... ein Planeswalker.

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Sie nahm so viele Informationen in sich auf, wie sie nur konnte, bevor die endgültige Entscheidung anstand, ob sie kämpfen oder fliehen wollte. Begegnungen mit Planeswalkern mussten bei ihrer Arbeit vermieden werden, und zwar beinahe um jeden Preis. Sie waren aufdringlich und unberechenbar und konnten die Einflüsse einer jeden unbekannten Welt oder deren Denkweisen in sich tragen. Kurz gesagt: Sie waren eine Gefahr für jeden Wahrheitssucher. Dieser hier schien ein Mensch zu sein, jung und männlich, doch der Hauch von Mana um ihn herum roch nach Täuschung. Er hatte sich die Kleidung der Einheimischen besorgt, doch diese mit Siegeln und Zeichen verziert, die eindeutig nicht von Innistrad stammten – eine merkwürdig einfallslose Verkleidung. Seine Augen leuchteten. Panisch, wild, womöglich krank – ein Gedanke, den sie noch gar nicht bedacht hatte: Wenn ein Planeswalker vom Wahnsinn dieser Welt befallen war, konnte er ihn dann in andere Welten einschleppen? In seinen Händen hielt er ... ihre Forschungsaufzeichnungen. Eine weitere Verwicklung. Sie wartete zwei weitere Wimpernschläge und beschloss, ihn den ersten Schritt machen zu lassen, obwohl sich bereits eine Schriftrolle von ihrem Gürtel gelöst hatte und sich zu entrollen begann.

Sein Blick war verwirrt. Wütend, verängstigt, neugierig – bis sich schließlich so etwas wie Erleichterung und Verständnis in ihn hineinschlichen.

„Du! Du bist es! Du hast mich hierhergeführt! Nein, nicht du, diese ... Diese Aufzeichnungen. Deine Aufzeichnungen! Hast du mich hergeführt, um mich zu treffen? Nein. Wie solltest du auch?“ Sein Blick schweifte wieder in die Ferne und dann zum Boden hinunter, bevor er plötzlich zu ihr zurückhuschte. Vorwurfsvoll. „Du hast mich beobachtet? Du wusstest es!“ Dann wurde er wieder weich, traurig, flehend. „Hilf mir. Kannst du das? Ich glaube ... Kannst du mir helfen? Hilf mir.“ Die letzten Worte waren keinesfalls ein Flehen. Ein Befehl – überwältigend mächtig – zerrte an ihrem Bewusstsein wie der Wind an den Fensterläden. Doch ihr Bewusstsein zog sich in eine weit entfernte Feste zurück, wo der Wind sie nicht erreichen konnte. Vier weitere Wimpernschläge, um nachzudenken, und dann lächelte sie so friedfertig, wie es ihr unter diesen Umständen gelingen wollte. Mit einem raschen Gedanken holte sie den Planeswalker mit in ihren Verschleierungszauber und beförderte eine andere Schriftrolle aus ihrer Tasche zutage. Sie schlüpfte in die Bibliothek und schloss leise die Tür hinter sich. Sie hatte diese Geschichte noch nie auf diese Weise eingesetzt, doch ein wahnsinniger, weltenwandernder Telepath war eine Gefahr, die ihr bislang unvorstellbar erschienen war. Sie hatte diese Geschichte vor vielen, vielen Jahren auf einer Welt mit fünf Monden gefunden, auf der überall Metall schimmerte, so weit das Auge reichte.

Original

Nun da ihr Schöpfer nicht mehr war, waren jene Kreaturen, die man die Myr nannte, verloren.

Manche folgten jenen Anweisungen, die man ihnen zuletzt erteilt hatte, und wiederholten ihre Aufgaben ohne Führung oder Zweck, während andere sich einfach abschalteten, um auf weitere Befehle zu warten, die niemals kommen sollten. Der Verlust Memnarchs tötete sie nicht, doch ohne ein echtes Bewusstsein in ihrer Mitte war ihr weiteres Dasein kaum wirklich als Leben zu bezeichnen.

Einigen Myr war aufgetragen worden, die Bevölkerung der Myr zu überwachen und neue Myr zu erschaffen, um jene zu ersetzen, die beschädigt oder zerstört wurden. Einer von ihnen hatte viele Monate lang geruht, ehe seine Anweisungen ihm zu handeln befahlen. Es gab zu wenige Myr seiner Art und er musste einen neuen erschaffen.


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Ohne seinen Schöpfer hatte er jedoch keine klaren Anweisungen, wie er dabei verfahren sollte. Er tat das, worauf er sich verstand: Er sammelte die passenden Materialien, brachte sie in die Werkstatt – einen kleinen, kuppelartigen Raum – und baute einen Myr zusammen, der ihm vollkommen glich.

Dies war der Punkt in jenem Vorgang, an dem der Meister dem neuen Myr Leben und Bewusstsein schenkte. Doch der Meister war nicht hier. Seine Anweisungen bestanden indes fort. Der Myr beschloss, sein eigenes Bewusstsein als Vorlage zu verwenden und einen Abzug seiner selbst in dem neuen Myr zu verankern. So erschuf er ein Wesen, das ihm in jeder Hinsicht glich. Nun da er seine Anweisungen ausgeführt hatte, wollte er die Werkstatt verlassen ... doch sein Ebenbild versperrte ihm den Weg.

Der Myr versuchte, seinem Ebenbild den Vortritt zu lassen, doch dieses hatte zur gleichen Zeit den gleichen Gedanken. Sie warteten eine gleich lange Zeitspanne ab und versuchten es erneut, nur um ein weiteres Mal zusammenzustoßen. Der Myr und sein Ebenbild taten alles, um diese schier unmögliche Symmetrie zu durchbrechen, doch nichts funktionierte. Schließlich vernichteten sie einander aus Verdruss gegenseitig.

Einige Zeit später traf ein dritter Myr ein. Er war mit Reparaturen beauftragt und setzte einen der Myr wieder instand. Dieser hielt den Reparaturmyr auf, ehe er das Ebenbild zum Laufen bringen und das gesamte Problem von vorn beginnen lassen konnte. Stattdessen beschloss er, etwas anderes auszuprobieren. Er schuf einen weiteren Abzug seines Bewusstseins, ließ ihn dieses Mal jedoch unvollständig.

Der neu erwachte Myr war in der Lage, andere auf die gleiche Weise zu erschaffen, und diese neuen Myr, die mit teilweise ungeformten Bewusstseinen erschaffen worden waren, konnten sich vermehren und Änderungen an sich vornehmen und unabhängig voneinander handeln, wodurch sie schließlich jene unzähligen Gestalten annehmen konnten, die sie heute besitzen.

Die Myr feiern diese Geschichte als ihren Schöpfungsmythos, doch der Grund, weshalb sie dies tun, lässt Fragen offen. Es gibt drei Theorien, welcher der Myr in der Geschichte tatsächlich der erste Myr seiner Art war. War derjenige der erste Myr, der einen neuen Myr ohne die Anweisungen seines Schöpfers erschaffen hatte? Hatte der Reparaturmyr in Wahrheit zuerst den neu erschaffenen Myr instand gesetzt und war es daher dieser zweite Myr, der den entscheidenden Schritt hin zur Erschaffung ihres Volkes gemacht hatte? Oder war jener Myr mit dem unvollständigen Bewusstsein der wahrhaftig erste ihrer Art? Die Myr sind sich in diesem Punkt uneins, und sie feiern genau diese Uneinigkeit – die Tatsache, dass sie in einer solch fundamentalen Frage uneins sein und dennoch in Einklang miteinander leben können, bildet den Kern dessen, was es bedeutet, ein Myr zu sein.


Die Augen des jungen Menschen schlossen sich, und er tat mehrere tiefe, lange Atemzüge. Als sich seine Augen wieder öffneten, war sein Blick ruhig.

„Ich danke dir. Hui. Ich ... Oh. Herrje. Liliana ...“ Er rieb sich den Kopf, als wäre er verprügelt worden, und blickte dann treuherzig zu ihr auf. „Ich bin Jace. Und du bist Tamiyo, nicht wahr? Deine Aufzeichnungen ...“

Er hielt ihr das Buch mit beiden Händen hin. Sie hob eine schlanke Hand, eine Geste höflicher Zurückweisung.

„Sie haben mich hierhergeführt. Deine Berechnungen, deine Studien, der Mond – das alles ergab Sinn ... oder zumindest fühlte es sich so an. Ich war krank, und du ... Du hast mich geheilt. Irgendwie. Oh, ich plappere schon wieder sinnlos vor mich hin. Ich klinge wahrscheinlich genauso wirr wie zuvor. Ich ... Ich will dir einfach nur danken.“

Tamiyo lächelte gelassen. „Meine Aufzeichnungen. Ich habe sie jemand Vertrauenswürdigem gegeben, und nun hast du sie. Hast du Jenrik ein Leid zugefügt, Jace?“

Der Mensch schüttelte den Kopf. „Nein. Doch was auch immer im Markov-Anwesen geschehen ist: Er hat es nicht überlebt.“

Sie verbrachte einen Augenblick in stiller Erinnerung, zeigte jedoch keine Trauer auf ihrem Gesicht. „Du musst gehen, Jace. Dieser Ort ist gefährlich, umso mehr für jemanden wie dich. Deine telepathischen Kräfte bringen Verantwortung mit sich. Wenn du dem Wahnsinn verfällst, könntest du unermesslichen Schaden über die Welten bringen, und es wäre unverantwortlich von mir, das zuzulassen.“

„Ja, das verstehe ich, aber ...“ Jace hielt plötzlich inne. Er hatte einen Augenblick gebraucht, um zu begreifen, dass sie ihm gerade gedroht hatte. Er hob die Hände und machte einen Schritt zurück.

„Tamiyo, ich möchte nur helfen. Wir können diesen Ort retten. Ich und meine Freunde, wir können dir helfen, herauszufinden, was hier vor sich geht, und wir können dir helfen, etwas dagegen zu tun. Das wäre nicht das erste Mal für uns ... wenn man so will.“

Tamiyo hob eine weiße Augenbraue und sagte nichts.

„Hör mal, wir beide wissen, dass Avacyn im Mittelpunkt dessen steht, was hier geschieht. Und sie hat ein Bewusstsein, so wie jedes andere Wesen auch. Das heißt, ich kann herausfinden, was sie befallen hat. Ich kann sie aufhalten, falls es nötig ist. Und dann können wir den nächsten Schritt angehen, diese Sache in Ordnung zu bringen.“

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Tamiyos Lächeln verschwand.

„Du weißt gar nichts, Jace. Du vermutest Dinge. Du hast eine Theorie. Du hast Hinweise, doch sie sind weit davon entfernt, schlüssig zu sein. Wie viel weißt du tatsächlich über Avacyn? Über ihre Aufgabe? Du hast keine Ahnung, was geschieht, wenn Avacyn vernichtet wird. Sie beschützt diese gesamte Welt – hast du je von einem an eine Welt gebundenen Wesen gehört, das auf eine solche Weise mit dem Multiversum in Wechselwirkung steht? Ich sage es dir geradeheraus, Jace: Du weißt weniger, als du je begreifen wirst, und ich bin nicht hier, um die Gefahr, in der diese Welt schwebt, zu beenden. Ich bin hier, um sie zu verstehen. Um sie aufzuzeichnen. Um die Wahrheit darüber zu erfahren und diese Wahrheit für alle Zeiten festzuhalten. Doch diese Welt ist sehr wahrscheinlich dem Untergang geweiht, und ich habe nicht die Absicht, ihn aufzuhalten. Es ist gewiss traurig, etwas Schönes zu verlieren, aber wie die Blüten eines Hains im Frühling ist diese Schönheit vergänglich. Sie ist nur eine Welt unter zahllosen anderen. Welten werden stets sterben und neu geboren werden. Deine grundsätzlichen Annahmen weisen große Fehler auf.“

Jace zuckte zusammen, als hätte er eine Ohrfeige erhalten. „Aber die Menschen hier – es sind Millionen! Willst du die einfach ihrem Schicksal überlassen? Dem Wahnsinn und Schlimmerem? Wir haben die Macht, hier etwas zu bewirken. Du hast diese Macht. Wirst du mir helfen?“

Tamiyos Miene blieb unverändert, doch ihre Stimme klang etwas eisiger. „Ich habe dir geholfen, Jace. Ich werde dir einen Kompromiss anbieten. Ich teile meine Forschungsergebnisse mit dir und du und deine Freunde können sie dazu verwenden, ähnliche Katastrophen auf anderen Welten zu verhindern, wenn ihr es denn so wollt. Doch ich habe schon zehntausend Geschichten über Helden gesammelt, und ein Held ist nicht mehr als eine Katastrophe mit einem festen Standpunkt.“

Der junge Mensch blieb beharrlich. „Ohne schlüssige Einsichten aus Avacyns Mund wird deine Forschung unvollständig sein. Ohne klares Ergebnis. Mit meiner Hilfe kannst du die gesamte Geschichte enträtseln. Und wenn es mir gelingt, Avacyn im Zuge dessen aufzuhalten, dann würde das deine Arbeit nicht stören und dabei auch noch unzählige Leben retten.“

Neugier. Nur ein leiser Anflug. „Ein eindeutiges Verständnis von Avacyns derzeitigem Zustand wäre zweifellos hilfreich, doch ich vermute, selbst wenn du imstande wärst, in ein so fremdartiges Bewusstsein vorzudringen, würdest du ...“

„Ich kann es schaffen.“

Tamiyo fand die Überheblichkeit des Menschen zu gleichen Teilen ebenso bezaubernd wie irritierend. „Wenn du es versuchst, wird ihr Wahnsinn dich verzehren, wie er dich bereits schon einmal verzehrt hat. Aber ... in der Theorie ... könnte ich dir als Anker dienen. Um dich an deine geistige Gesundheit zu binden. Falls ich jedoch entscheide, dass wir in zu großer Gefahr sind, wirst du die Verbindung sofort abbrechen und wir ziehen uns zurück. Es erfordert zudem, dass wir unser beider Bewusstseine auf einer sehr fundamentalen Ebene miteinander verknüpfen. Ich werde dich begreifen und du wirst mich begreifen. Und falls mir nicht gefällt, was ich da begreife, werde ich die Bedingungen dieser Übereinkunft erneut ändern. Du hingegen wirst dann sehr genau erfahren, wozu ich fähig bin. Ist das für dich akzeptabel?“



„Ich bin einverstanden.“



Jace spürte so etwas wie ein Windspiel in seinem Bewusstsein erklingen. Ein Geräusch, das klar, friedlich und rein war.

Es war eine Einladung.
__________

Binnen eines Wimpernschlags kannte sie ihn. Doch es war kein Leichtes, diesen Menschen zu kennen. Sein Geist war mächtig, aber gebrochen. In tausend Splitter zerschlagen – jeder von ihnen ein anderer Mann, von denen zahlreiche versuchten, miteinander auszukommen. Andere hingegen ...

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Er hatte seine eigenen Erinnerungen ausgelöscht. Er hatte seine eigene Wahrheit zerstört. Er war in das Bewusstsein Unschuldiger eingedrungen, hatte im Zorn getötet und seine Macht für nichtige und eigennützige Zwecke eingesetzt.

Und doch ...

Er war zu Opfern, zu Kühnheit und zu Verständnis fähig. Er war gewillt, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht sogar zu viel Verantwortung für jemanden, der noch so jung war. Noch jünger gar, wenn man die Jahre seines Lebens mit einbezog, die er derart grob ausgelöscht hatte. Sein Streben nach Wahrheit war aufrichtig, und sein Wunsch, den Menschen dieser Welt zu helfen, rein.

Und er war sich zu etwa drei Vierteln sicher, dass er zu dem imstande war, was er ihr zu tun vorgeschlagen hatte.
__________

Binnen eines Wimpernschlags kannte er sie. Doch kennen hieß nicht verstehen. Jace hatte die Soratima von Kamigawa stets hoch dafür geachtet, wie streng sie ihren mächtigen Verstand disziplinierten. Er sah Tamiyos Leben vor sich, und der Gegensatz zu seinem eigenen bereitete ihm körperliches Unbehagen. Dort, wo er rastlos war, war sie durch Familie, Brauchtum und Heimat sicher verankert.

Heimat. Eine endlose Bibliothek hoch oben in den Wolken. Ein Ort, den sie mehr als alles andere liebte. Das Lächeln und die süße Vertrautheit ihrer Familie. Kinder. Die Orte, an die Tamiyo ging, wenn sie diese Kinder verließ, waren ihnen unbegreiflich, doch ihre Gesichter strahlten so hell, wenn Tamiyo ihnen Geschichten von dort mitbrachte. Unglaubliche Erzählungen, in der Stimme der Wahrheit kundgetan – von Orten, die sie selbst nie zu sehen bekommen würden.

Er sah ihre Last. Die schreckliche Last, zu wissen, und den Drang, Wahrheiten zu beschützen, die zu gefährlich waren, um sie auszusprechen, und doch zu wichtig, um in Vergessenheit geraten zu dürfen. Drei in Eisen gebundene Schriftrollen, jede von einer solchen Macht, dass ...

Jace.

Ihre Verknüpfung durchlief einen Wandel, und die beiden Planeswalker richteten ihre Bewusstseine wieder auf die Welt aus, auf der sie sich gerade befanden.

„Jace, mein Verschleierungszauber wurde durchdrungen. Und eine mächtige Präsenz ist auf dem Weg hierher.“

Der Mensch nickte, und die beiden Planeswalker eilten einen Gang hinunter in die große Kapelle der Kathedrale.

„Ich werde versuchen, mit Avacyn Zwiesprache zu halten. Sie abzulenken. Auf nachdrücklichem Wege, wenn es sein muss. Du wirst nicht viel Zeit haben, sie aufzuhalten, ehe sie uns beide tötet.“

Jace öffnete den Mund zu einer Erwiderung, doch dann wurde die Welt zu einer Sinfonie aus heulendem Wind und zersplitterndem Glas.

Der Engel schwebte vor ihnen. Die gewaltigen Schwingen waren von frischem Blut bedeckt, der Speer glühend heiß und gleißend. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht kündete von zurückhaltender Belustigung. Tamiyo schwebte zu ihr hinauf, um ihr in die Augen zu schauen. Die Schwingen des Engels fachten einen Sturm an; der Aufstieg der Mondfrau vollzog sich ohne das leiseste Wispern einer sachten Brise.

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„Avacyn. Ich bin eine Besucherin in deiner Welt, und ich habe mich redlich bemüht, ein höflicher Gast zu sein. Ich wünsche mir nichts weiter als Frieden und Wohlergehen für jene, die du beschützt. Als Engel erkennst du die Wahrheit in meinen Worten. Wie lautet deine Antwort?“

Das Gesicht des Engels verzerrte sich zum erbärmlichsten Spottbild eines Lächelns, das Tamiyo je gesehen hatte, und ein keckerndes Geräusch drang zwischen den reglosen Lippen hervor. Avacyns Stimme war ein schmerzhaftes Kratzen, das an Insekten und Fingernägel erinnerte.

„Wie ... meine Antwort lautet? Ich existiere ... um andere zu schützen. Vor dir. Eindringling. Invasorin. Fäulnistreiberin. Unrein! /UNREIN!“

„Ich verstehe“, erwiderte Tamiyo und entrollte eine zuvor bereit gemachte Schriftrolle. „Das ist bedauerlich.“

Sie musste nicht mehr tun, als einen flüchtigen Blick auf die Worte auf der Schriftrolle zu werfen. Es war eine Klage, ein Lied von einer uralten Welt, wo Kälte und Eis ebenso gefährlich waren wie jede Bestie. Ein Lied von Verlust und Reue. Sie kannte jede Zeile auswendig.

Das Heulen des Winters

Ein junger Mann trat durch des Berges Tür.

Ein kurzer Weg, nur rasch zu Hof und Zaun.

Des Winters Kälte unter schwerem Schnee

Gefror ihn schnell, nie wieder sollt‘ er tau‘n


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Sein liebes Weib, so jung und schön wie er,

Tat ihr Werk von schlimmer Wahrheit frei:

Das Blut ihres Liebsten gefroren sei.

Da packt sie die Ahnung von Witwenschwarz!

Voller Schrecken schallt nun vom Berg ihr Ruf.

Von der See her steigt nackte Kälte auf.

Von den Hängen hallt der Schrei, den sein Schmerz schuf


Avacyn stürzte sich mit einem Schlag ihrer gewaltigen Schwingen vorwärts und Tamiyo glitt durch die Luft, um gerade noch aus der Reichweite des brennenden Speers des Engels zu entkommen. Als Avacyn im Dachgestühl der Kathedrale herumfuhr, entfesselte Tamiyo bestens gezielte, eisige Böen. Ein paar Federn gefroren und zersprangen, weiß und rot, und rieselten wie Schnee auf den Steinboden herab.

Der Engel schnellte durch die Luft und holte in einem weiten Bogen mit dem Speer aus. Tamiyo glitt vorwärts, um den Angriff zu ködern, und taumelte dann in die entgegengesetzte Richtung, während weitere Eisstürme sie von der Speerspitze fortstießen. Sie zielte auf das rechte Handgelenk des Engels und dann auf das Gelenk der linken Schwinge. Als Tamiyo erneut hinter Avacyn vorbeiglitt, gab sie einen Windstoß auf jenen Punkt ab, wo der Flügel aus der Schulter spross. Avacyn war schnell, und ein einzelner Schlag ihres Speers hätte wohl Tamiyos Ende bedeutet, doch der Engel kämpfte wutentbrannt, wohingegen die Soratami sich mit kühler Berechnung bewegte – Avacyns Gesicht zeigte keine Spur von Schmerz oder Verbitterung, doch ihre Wendigkeit ließ nach. Sie wurde langsamer, und die Kathedrale hallte von jenem unsäglichen Gelächter wider – dem klappernden Rasseln trockener Knochen und dem Schaben tausender Rattenkrallen.

Tamiyo sandte einen eiligen Gedanken zu Jace, der unten verborgen war.

Sie passt sich an. Wir haben nicht mehr viel Zeit.

Avacyn hob den Speer, und einen Augenblick lang erkannte Tamiyo in ihr die Beschützerin aus den Geschichten – jenen Engel, der den Menschen Innistrads wie ein Leuchtfeuer gewesen war. Ein gleißendes Licht umgab sie und erhellte jeden Winkel der Kathedrale. Tamiyo prallte vor seiner Macht zurück. Das Licht brannte heller, drang wie eine körperliche Urgewalt auf die beiden Planeswalker ein und zwang Tamiyo zurück zu Boden und Jace auf die Knie. Gemächlich sank der Engel herab, den Speer auf Tamiyos Brust gerichtet und all die Wut mit einem Mal verschwunden – Avacyn war das pure Ebenbild tödlicher Anmut.

Beinahe hatte sie ihr Ziel erreicht ...

Und dann erstarrte sie. Das Licht erlosch nicht, doch ihre Bewegungen hatten aufgehört. Sie stand nur wenige Schritte von Tamiyos steifer Gestalt entfernt, den Speer nach vorn gestreckt ... und dort blieb sie. Kein Atem, kein Rascheln von Gefieder. Völlige Reglosigkeit. Doch das lähmende Licht drang noch immer auf sie ein.

„Es ist getan, Tamiyo. Sie, nun, sie schläft nicht wirklich, doch das ist das, was dem am nächsten kommt.“

„Jace, vielleicht ist es deiner Aufmerksamkeit entgangen, aber ...“

„Ich arbeite daran. Aber hör mir zu. Sie ist die Quelle des Wahnsinns der Engel. Sie bringen sich irgendwie in Einklang mit ihr. Und durch sie gilt das auch für die Kirche. Aber ... sie ist nicht der eigentliche Ursprung. Sie wird von etwas anderem beeinflusst, und – du hattest recht! Sie hält noch irgendetwas anderes zurück. Ich kann es noch nicht sehen, aber ich glaube, ich kann noch etwas tiefer vordringen ...“

„Jace, das reicht.“

„Warte. Nein. Das ist ...“

Die Luft füllte sich mit dem Geruch von Aas. Avacyns Licht wurde nicht schwächer, doch die Anmut von Glorie verschwand daraus: Das Licht war kalt, übelerregend, klebrig und grausam. Tamiyo schien vergessen. Der Engel wandte sich zu Jace und ging entschlossen zu seiner zusammengekauerten Gestalt hinüber.

„Schänder“, flüsterte sie mit einer Stimme wie in lodernden Flammen zu Asche zerfallender Haut. „Dieb. Eitergeschwür der Verderbtheit.“ Sie fasste hinunter und legte ihm Hand auf die Brust. Alles, was sie ihm womöglich sonst noch zuflüsterte, wurde von seinen Schreien übertönt.

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Tamiyo konzentrierte sich auf das Band zwischen ihnen und versuchte, ihm Trost zu spenden und seine Schmerzen zu lindern, bevor das Ende kam. Ganze Schichten seines Bewusstseins waren bereits abgeschabt und im qualvollen Griff des Engels zu jämmerlichem Elend zerronnen. Doch sein Bewusstsein bestand aus vielen Schichten und war gut geschützt. Der Schmerz hatte seine tiefsten Gedanken noch nicht erreicht.

Tamiyo. Die Schriftrolle. Die eiserne Schriftrolle. Du hast sie mir gezeigt. Eine alte Geschichte. Eine mächtige Geschichte. Die Überlebenden eines Ortes, der verloren war ... Serras Reich. Der Kataklysmus, die Macht ... Die Geschichte passt. Das weißt du. Du kannst das hier aufhalten.

Selbst als sie seine Todesqualen spürte, selbst als sie spürte, wie er zu sterben begann, selbst in dem Wissen, dass sie die Nächste sein würde, zögerte sie nicht mit ihrer Erwiderung.

Und dann? Sie beschützt noch immer diese Welt, Jace, trotz ihres Wahnsinns. Hast du je ein Versprechen gegeben, Jace? Ich gab eines, vor langer Zeit. Und Versprechen sind nicht nur dazu da, dass man sie hält, wenn es leicht ist. Wir geben Versprechen für Zeiten wie diese, wenn wir sie am liebsten unbedingt brechen wollen. Nein, Jace. Die Schriftrolle bleibt verschlossen.

Ungläubigkeit. Wut.

Es tut mir leid, Jace. Manchmal müssen unsere Geschichten ein Ende finden.

Veröffentlicht in Magic Story on 11. Mai 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Judge Fredd » Do 26. Mai 2016, 13:03

Ich bin Avacyn


Jace und Tamiyo sind einer Spur aus Hinweisen bis zur Kathedrale von Thraben gefolgt, dem Sitz des wahnsinnigen Engels Avacyn. Dort hat Avacyn sie angegriffen, und es ist nun ein erbitterter Kampf zwischen den dreien entbrannt. Bislang ist es Jace nicht gelungen, Avacyns göttliche Macht in Schach zu halten, und Tamiyo ist nicht gewillt, einmal gegebene Versprechen zu brechen, nur um sein Leben zu retten. Avacyn setzt dem Paar heftig zu und wird sie bald beide vernichtet haben.

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Die beiden Teufel kauern vor mir, ein Schandfleck am Boden der Kathedrale. Sie schlagen die Augen nieder, denn sie sind meines Anblicks nicht würdig.

Ich weiß, dass sie nicht von dieser Welt sind, doch ich weiß, dass sie bluten. Ich spüre den Herzschlag unter ihren Kehlen, unmittelbar vor der Doppelspitze meines Speers. Nur noch ein sanfter Stoß, und ich demaskiere diese dämonischen Geschöpfe, um sie in ihren verdienten Untergang zu schicken und die Welt von ihrem Übel zu erlösen.

Ich bin Avacyn. Ich existiere, um andere zu schützen.

Der eine der beiden – die Kreatur im blauen Mantel – wendet sich flehend an mich. Wenn er spricht, sehe ich Würmer aus seinem Mund quellen. „Avacyn, du bist nicht du selbst“, keucht er, während er sich mit einer Klaue den Kopf hält. „Du musst das nicht tun.“ Die Worte kriechen in die Schatten davon wie Tausendfüßler.

Mehr noch als mein Speer ist mein Blick meine stärkste Waffe. Meine Augen sehen mehr, als die Menschen je begreifen könnten – mehr noch sogar als die anderen Engel. Ich sehe die himmlischen Boten in den Buntglasfenstern und wie sie sich ehrfürchtig vor mir verneigen. Ich sehe das Mondlicht, das mich auf all meinen Reisen begleitet – selbst hier, im Inneren der Kathedrale – , und die weiß gefiederten Tauben, die von überall dort aufstieben, wo meine Füße den Boden berühren. Doch noch vor allem anderen sehe ich den zuckenden, gallertartigen Schleim hinter den Gesichtern um mich herum. Ich sehe die ungeheuerlichen, verborgenen Lügen, die sich in menschliche Gestalt gehüllt haben.

Es gibt nur mich, der sie ins Licht der Gerechtigkeit zerren könnte.

„Du bist krank oder einem Irrtum aufgesessen“, sagt der andere Teufel, die langen Ohren straff hinter den Kopf gezogen. Seine Augen sind nur leere Höhlen, und dahinter sehe ich nichts als borstiges, schwarzes Haar, das sich träge windet. „Du bist dazu bestimmt, die Leute zu beschützen, und nicht ... hierzu.“

Ich strecke die Hand nach ihr aus und mein Licht stößt die Dämonin zurück. Sie wird gegen eine Wand geschleudert, hustet und die Geräusche, die ihr entfahren, verwandeln sich in strohige, schwarze Borsten.

„Ich bin das Bollwerk gegen fremde Teufel“, sage ich und richte meinen Speer auf sie. Seine Spitze verformt sich zu einem anklagenden Finger. „Ich vernichte sämtliche Verderbtheit, ungeachtet ihrer Herkunft oder Gestalt. Ich habe dich gesehen, wie du durch meine Provinzen geschlichen und in meine Kirche gekrochen bist. Doch nun erst sehe ich dich. Und nun hast du dich mir gegenüber zu verantworten.“

Ich rufe das Licht und es gehorcht. Ein kaltes Flackern formt sich in meiner Hand, und die Schatten meiner Finger fallen auf die erzitternden Dämonen. „Endlich“, sage ich, „werdet ihr nicht länger eure Verderbnis über Innistrad bringen.“

Etwas regt sich auf dem Dach. Ich schaue nach oben und sehe, wie das Oberlicht zersplittert und ein Mann mit den Füßen voran durch es hindurchbricht. Farbige Splitter regnen in die Kathedrale hinab. Das Glas prallt von meiner Haut ab, während die Dämonen ihre Köpfe schützen.

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Der Mann landet mit einem Schwert in der Hand auf den Füßen. Er richtet sich auf. Unter seinen Stiefeln knirschen Glassplitter. Er ist unversehrt, sein weißes Haar kaum zerzaust.

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Er ist einer der Blutsauger. Einer der alten seiner Art. Ich erkenne ihn. Sein Name liegt mir auf der Zunge.

„Tritt beiseite, Vampir“, sage ich. „Um dich kümmere ich mich als Nächstes.“

Sein Leib versperrt mir jedoch den Weg. Er hat seine Waffen bereits gezückt: ein langes Schwert in der einen und einen Zauber in der anderen Hand.

„Etwas stimmt nicht mit dir, Avacyn“, sagt der Vampir. Sein Mund gleicht einem Egel, die Worte winden sich um einen blutigen Kreis aus Fangzähnen. „Ich bin hier, um dir zu helfen.“

„Versuche nicht, dich zwischen mich und meinen Speer zu stellen, Blutsauger, oder du wirst ihn selbst zu spüren bekommen.“

Mir mag sein Titel nicht mehr einfallen wollen, doch ich sehe ihn. Sein Gesicht wimmelt von Egeln, die unter seiner Haut umherkriechen. Er stinkt nach Blut.

„Avacyn“, sagt er. „Ich möchte, dass du mich hinunter in den Keller begleitest. Du wirst sehen, was ich tun muss, wenn du dich nur einen Augenblick geduldest.“

„Meine Aufgabe duldet keinen Aufschub“, antworte ich. Ich werfe ihm die heilige Magie entgegen und sie trifft ihn mitten in die Brust.

Der Vampir zeigt sich völlig unbeeindruckt.

„Avacyn“, sagt er. „Der Keller. Wir haben etwas zu erledigen.“

„Sorin“, sagt eine der Kreaturen hinter ihm. Ihre leeren Augen sind auf den Vampir gerichtet. „Du kannst ihr helfen, oder?“

„Schweig!“, herrscht er sie an und die Dämonen zucken vor der Macht in seiner Stimme zusammen. Er wendet sich wieder an mich. „Hör mir zu. Wenn du einen Groll gegen diese beiden hier hegst, kannst du sie gerne töten, ehe wir anfangen.“

Die beiden Teufel blicken einander an.

„Doch ich werde dir nicht gestatten, diesen Ort zu verlassen, bevor unsere Aufgabe nicht erfüllt ist.“

Im Gebälk hoch über uns rascheln gefiederte Schwingen. Die Augen etwa eines Dutzends meiner gesegneten Engel sind auf uns gerichtet, blitzend und schön wie die Sterne zur Mitternacht.

Ich stelle fest, dass ich mich etwas frage. Ein Engel ist aus Güte geschaffen – doch schaffen die Taten eines Engels Güte? Ich weiß nicht, warum sich mir diese Frage gerade in diesem Augenblick aufdrängt.

„Ich warne dich, Vampir“, sage ich. „Diese Eindringlinge stellen die schlimmste Bedrohung auf ganz Innistrad dar, aber du bist im Begriff, ihnen in meinen Augen den Rang abzulaufen. Hinfort mit dir, oder ich und die meinen strecken dich nieder.“

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Ungehorsam tritt er auf mich zu. Ich überschütte ihn mit heiligem Licht, doch erneut scheint der Zauber ihm nichts anhaben zu können. Er neigt den Kopf. Sein Blick wirkt beinahe besorgt, aber sein egelgleiches Maul zieht sich zusammen, wie um mich zu verspotten. Ich höre Gelächter. Der Hauch eines Zweifels schleicht sich in meinen Geist – nicht, dass ich ihm unterliegen könnte, sondern vielmehr, dass ich im Augenblick des Zauberns gezögert haben könnte. Womöglich hielt ich mich selbst davon ab, ihn niederzustrecken. Ich weiß allerdings nicht, warum dem so gewesen sein sollte.

Ich höre die Schwingen der Engel, die sich im Dachgebälk über mir niedergelassen haben, und ich spüre den Blick aus ihren sternenhellen Augen auf mir. Ich stähle mich in ihrem Licht. Als ich meine Speerspitze auf den Vampir richte, krümmt sie sich zu einer Klinge der Gerechtigkeit.

Der Vampir macht einen weiteren Schritt, sodass seine Brust die Spitze berührt. „Avacyn“, sagt er mit seinem blutigen Mund. „Du kannst mir nichts anhaben.“ Er streckt eine Hand nach mir aus. „Und dafür gibt es einen Grund.“

Die nächsten Worte, die er sagt, hinterlassen Spuren in mir. Es sind nur Geräusche, nur Schwingungen in der Luft. Doch ich spüre sie wie ein Schnitzmesser. Wie das Brandzeichen eines Inquisitors.

„Ich bin dein Schöpfer“. sagt er.

Die Worte fühlen sich alt an, als wären sie irgendwie in mein Innerstes gemeißelt worden und als hätte sich inzwischen Staub in den Rillen angesammelt. Doch nun weht der Staub fort und ich sehe ihn.

Er ist Sorin aus der Blutlinie der Markovs. Ich sehe ihn. Sein Mund ist nicht rund wie der eines Egels – ich weiß nicht, warum ich ihn zuvor so wahrgenommen habe. Seine weißschwarzen Augen und hohen Wangenknochen ähneln den meinen.

Er ist mein Schöpfer. Diese Wahrheit ist mir nun vollkommen klar. Wenn ich ihn sehe, sehe ich mich selbst.

Er ist der Grund, aus dem ich bin. Er war da, als ich erschaffen wurde – der Mann, der sich in jenem Augenblick, in dem mein Dasein begann, über mich beugte. Er war es, der mir meine Aufgabe gab. Meine Erschaffung geschah hier, in den Tiefen ebendieser Kathedrale. Ich weiß nun, dass er mich – Innistrads Gottheit – zu einem bestimmten Zweck gemacht hat.

Ich bin Avacyn. Ich existiere, um andere zu schützen.

Um Bedrohungen für Innistrad auszumerzen. Um die Gebete der Unschuldigen zu erhören und um jene zur Strecke zu bringen, die ihnen ein Leid zufügen wollen. Um jene zu schützen, die sonst von den Schatten dieser Welt verschlungen werden würden.

„Du bist mein Schöpfer“, sage ich.

„Ja.“

„Dann musst du gütig sein“, sage ich.

Das Lächeln meines Schöpfers ist sanft und zeigt nur die leiseste Andeutung eines Fangs.

„Du bist der Ursprung“, sage ich. „Mein Ursprung. Und daher auch der der Güte.“

„Das ist wahr, Avacyn. Und um das höchste Ziel deines Daseins zu erreichen, musst du dich mir anschließen. Komm.“ Er streckt die Hand nach mir aus, doch etwas lässt mich zögern.

Ich blicke auf die beiden Menschen, gegen die ich gerade gekämpft habe. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand des Mittelschiffs. Sie sehen noch immer wie Teufel aus, doch zugleich auch wie eine Frau und ein Mann. Magier. Sterbliche.

Ihr Blut ist in meiner Kathedrale vergossen worden. Ich rieche den scharfen Geruch wie von Kupfer auf meiner Klinge. Doch dies ist nur möglich, wenn sie verderbt sind. Was außer Ungeheuern sollten sie denn schon auch sein, wenn ich sie niedergestreckt habe? Ein Engel ist aus Güte geschaffen – schaffen die Taten eines Engels Güte?

Mein Schöpfer schaut mich prüfend an. Seine Augen sind kalt, als sie mein Gesicht mustern. Ich sehe seinen Pulsschlag unter der bleichen Haut seines Halses, die Ader, in der das warme Blut eines anderen fließt.

Ich bin Avacyn. Ich existiere, um andere zu schützen.

Aber

Bilder wirbeln um mich herum.

ich

Brennende Dörfer.

habe

Erschlagene Unschuldige.

niemanden

Eine Mutter, die um ihr Kind weint.

beschützt.

Ich habe diese Brände gelegt. Ich habe diese Unschuldigen getötet. Ich wurde als Verteidigerin, als Beschützerin erschaffen – und habe doch nichts als Zerstörung gebracht. Und ich war nicht nur eine Beschützerin, sondern gleichzeitig auch ein Symbol. Eine ganze Kirche bildete sich um mich herum – doch diese Kirche schürte einen brennenden Hass und meine Macht hat diese Flammen angefacht.

Was bedeutet es, gütig zu sein? Schaffen die Taten eines Engels Güte?

Ich blicke auf meinen Schöpfer und neige den Kopf.

Ich wurde erschaffen, doch ich bin mit einem Makel behaftet. Mein Blick ist getrübt. Ich bin keine Beschützerin, sondern nur eine Gefahr, eine Waffe für all jene, die sie führen wollen, um dieser Welt zu schaden.

„Du“, sage ich.

Ich richte mich vor meinem Schöpfer zu voller Größe auf und breite einmal kurz die Schwingen aus. Mondlicht fällt auf meinen Leib. Meine Haut leuchtet, und ich sehe Tauben, die mich in der Kathedrale umkreisen. Ich weiß nun, was ich zu tun habe.

„Avacyn“, sagt Markov mit tiefer, raubtierhafter Stimme.

„Abkömmling Markovs“, sage ich und hebe den Speer. Die Spitze biegt und windet sich, als wollte sie sich ihm unbedingt in die Brust senken. „Du hast zugelassen, dass dies geschieht.“

„Du solltest vorsichtig sein, wie du mit mir sprichst, mein Kind“, sagt Markov.

„Ich bin nicht dein Kind“, sage ich. „Ich bin deine Schöpfung. Du bist für all das verantwortlich, wozu ich fähig bin. Meine Erschaffung diente nur einem deiner Zwecke, und dieser Zweck war unrein. Sorin Markov, ich verdamme dich als das größte Übel dieser Welt.“

„Du vergisst dich“, presst Markov zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Warte, Sorin“, warnt einer der Teufel. „Tu es nicht. Die Folgen für diese Welt –“

„Wie kannst du das zulassen?“, frage ich. „Warum hast du mich auf diese Weise erschaffen?“ Ich drücke ihm den Speer gegen die Brust und kratze seine Rüstung an.

Markov schnaubt verächtlich. Die Klinge in seiner Hand blitzt im Licht aus dem Dachgebälk. „Avacyn, komm hinunter in den Keller“, sagt er. „Sprechen wir über deine Erschaffung.“

„Du hast mich erschaffen, um sicherzustellen, dass sämtliche Verderbtheit ein Ende findet“, sage ich. „Bereite dich nun auf deines vor.“

Ich stoße mit all meiner göttlichen Macht mit dem Speer zu. Irgendwie jedoch verfehlt die Klinge seine Brust und ich stürze an ihm vorbei. Er schleudert mir schwächende Magie nach, doch ich kann mich rechtzeitig umdrehen, um sie abzuwehren.

Ich schlage nach ihm und leite Licht in den Hieb. Mein Angriff trifft, schlägt jedoch nur Funken auf seiner Rüstung.

Er holt nach mir aus und erwischt mich mit der flachen Seite seiner Klinge. Der Schlag ist dennoch kräftig genug, um mir die Rippen zu prellen.

Ich hebe den Speer mit beiden Händen und richte die tödliche Spitze nach oben. Ich lenke meinen Zorn in die Waffe, die vor göttlicher Macht zu surren beginnt.

„Du wurdest erschaffen, um mir zu gehorchen“, sagt Markov. „Du kannst mir nichts anhaben.“

„So scheint es“, sage ich. „Doch sie können es.“

Er blickt hinauf und sieht die Engel, die ich herbeigerufen habe. Sie stoßen aus dem Dachgebälk herab. Ihm bleibt gerade noch die Zeit, sein Gesicht zu schützen, ehe sie sich auch schon auf ihn stürzen. Ihre schlanken Hände reißen wie Krallen an ihm.

Er wehrt sich, und seine Hiebe sind entsetzlich. Er spießt einen Engel mit seinem Schwert auf und durchtrennt die Schwinge eines anderen. Er schleudert einen Engel so heftig zu Boden, dass der Marmor birst, und einen weiteren durch eine Säule, die dabei zu Staub zerfällt. Einen dritten Engel, der ihm Gesicht und Schulter mit wütenden Klauenattacken überzieht, nimmt er am Hals. Ich leihe dem Engel meine Stärke, doch ich sehe, wie seine Essenz in den Vampir übergeht – als dunkle Flüssigkeit, die in Fäden aus Augen und Mund in ihn hineinströmt. Der Engel krümmt sich krampfartig zusammen und wirkt wie eine in Todesqual erstarrte Krähe.

Der Vampir wendet sich zu mir. Sein Leder ist zerfetzt und sein Brustpanzer zerschrammt. Meine Engel haben ihn geschwächt, aber er ist noch längst nicht besiegt. Er tippt mit der Spitze seines Schwerts auf den Marmor. „Das ändert nicht das Geringste, Avacyn“, sagt er.

Einen nach dem anderen vernichtet er meine Engel. Er stürmt auf einen zu und rammt ihn durch Reihe um Reihe aus steinernen Kirchenbänken. Als der nächste auf ihn herniederfährt, wirbelt er sein Schwert über dem Kopf, bis sich die Klinge dem Engel in die Brust senkt und ihn aufspießt. Mein Geschwister sackt in sich zusammen. Er packt den letzten Angreifer an den Schultern, blickt ihm in die Augen und wirft ihn dann durch ein deckenhohes Buntglasfenster. Die Wand zerspringt in tausend Splitter. Der Engel wirbelt von der Klippe hinab in die Tiefe.

Markov wendet sich erneut mir zu und entblößt knurrend einen seiner Fänge. Ich lege ihm die Klinge meines Speers an den Hals, doch ich spüre, wie sie sich weigert, ihn zu verletzen. Ich drücke stärker, doch sie will ihm nicht in die Haut schneiden.

Ich blicke ihm unverwandt ins Gesicht. Ich rufe mir in Erinnerung, dass er kein vampirischer Adliger, sondern nur ein Schrecken ist. Er ist ein Ungeheuer, ein Blutdämon, ein Egel.

Und ich sehe ihn wiederum neu. Seine Augen werden zu Mündern, umrahmt von Zähnen. Sein Gesicht ist eine durchscheinende Maske. Er ist mein Schöpfer und die Verkörperung des Bösen.

„Avacyn“, setzt er durch seinen Egelschlund an, und ich schlitze ihm mit meinem Speer den Hals auf, tief genug, um auf Knochen zu treffen.

Er brüllt auf, springt zurück und fasst sich an die Kehle. Fauliger Schleim quillt ihm zwischen den Fingern hervor, der sich auf den Steinplatten in einen kränklich grünen Pilz verwandelt.

Er springt auf mich zu, das Schwert auf mein Herz gerichtet. Die Klinge sprüht Funken, als ich sie mit meinem Speer pariere. Ich wirble herum, um nach ihm zu schlagen, doch ich muss seiner Klaue ausweichen und sein Hieb durchtrennt mehrere Sehnen in meiner Schwinge. Als ich aushole, um Licht durch ihn hindurch zu zwingen, trifft es auf einen Schub von Blutmagie, der meinen Zauber zerfasern lässt. Ich kreische und stürze mich auf ihn, durchbreche eine Säule mit seinem Leib und ramme ihn durch Glas und zersplittertes Holz, bis er gegen die Wand der Kathedrale prallt.

Das Ungeheuer neigt den Kopf zur Seite und ich höre Knocken knacken. Seine Halswunde hat bereits zu vernarben begonnen.

Aus den Mündern in seinen Augenhöhlen triefen Worte. „Avacyn. Ich muss das tun.“

„Und ich dies“, sage ich und treibe meinen Speer in den Riss im Brustpanzer des Ungeheuers, so tief, dass die Klinge auf den Granit der Mauer der Kathedrale auf der anderen Seite trifft.

Er brüllt auf, und ich werde nach hinten geworfen. Schlitternd komme ich zum Stehen. Markov umklammert den Griff des Speers und reißt die Klinge heraus. Einen Augenblick lang sehe ich jenes schleimige Tier, das ihm wohl als Herz dient. Sich umeinander windende Neunaugen quellen aus der Wunde. Er lässt den Speer und sein eigenes Schwert fallen, sie prallen krachend gegeneinander. Er greift mit einer Klaue nach seiner Wunde.

„Du bist verloren“, stößt er hervor. „Du kannst mich jetzt nur als Ungeheuer sehen, und nur deshalb kannst du mich verletzen.“

„Du befleckst diese Welt“, sage ich. „Erst jetzt bin ich imstande, das klar zu erkennen.“

Sein Angriff kommt plötzlich, fast schneller als der Klang seiner Worte.

Wir ringen und umklammern unsere Schultern mit den Händen. Wir rammen uns wechselseitig durch Kirchenbänke. Wir tragen einander hinauf ins Dachgebälk, zertrümmern die Träger dort und unser Kampf findet seine Fortsetzung in Wolken aus Staub und Federn. Ich kratze nach seinem geifernden Gesicht. Die Wunder verheilen nicht sofort. Meine Finger finden Fleisch und reißen es in Fetzen. Beißender Rauch sickert aus den Wunden, während große Trümmerstücke der Kathedrale von Thraben tief unter uns auf dem Boden zerschellen.

Er verzieht das Gesicht und krallt sich plötzlich in meine Oberarme. Er hält mich fest, während ich mit den Schwingen schlage, um uns in der Luft zu halten. Seine Muskeln sind stählern, und er biegt mir die Arme hinter den Rücken, wobei er mir eine Schulter ausrenkt. Ich erkenne, dass er sich bislang zurückgehalten hat. Nun zeigt er seine wahre Stärke.

Er beißt mir in den Nacken, und der Schmerz gleicht den Schreien Tausender Unschuldiger, Tausender Hilferufe, Tausender Gebete, die ich nie erhören können werde. Ich spüre, wie mein Blut durch meine Kehle rauscht und aus mir herausgesaugt wird.

Nicht die Schwerkraft oder die Schwäche meiner Schwingen lässt uns fallen. Wir fallen, weil er uns hinabzieht. Seine Kraft zwingt uns mit Wucht vom Dach der Kathedrale zu Boden.

Durch den Boden hindurch.

Als wir aufprallen, liegen wir im Keller der Kathedrale von Thraben, ein gezacktes Loch aus Marmor über uns. Markovs Schwert tanzt am Rand des Lochs und fällt dann zu uns herunter. Es landet mit der Spitze im Stein.

Ich berühre den kalten Boden und taste nach meinem Speer. Ich kann ihn nicht finden. Er muss noch oben sein. Stattdessen berühre ich eine dunkle Form, eine Brandnarbe im Boden. Die Überreste eines mächtigen Zaubers. Sie haben die Form von Flügeln. Engelsflügeln.

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Über uns rufen die Teufel Warnungen. Ihr Flehen hallt durch die Kathedrale. Für mich klingt es wie nicht erhörte Gebete.

„Du solltest diesen Ort kennen“, sagt Markov. Er klettert von mir herunter und wischt sich sein Maul voller Fangzähne ab. „Dies ist der Ort, an dem du erschaffen wurdest.“

Ich stehe auf. Die Wunde an meinem Hals blutet, doch ich lasse sie bluten. Irgendwie fühlt sich das an diesem Ort wie eine Heilung an. „Wo du mich zu dem gemacht hast, was ich bin“, sage ich.

„Lass mich dir helfen, mein Kind“, sagt das Ungeheuer. „Ich könnte ... deinen Geist reinigen. Dich erneut zu einem Werkzeug der Tugendhaftigkeit machen. Dich erneuern.“

Niemals. „Wenn ich nicht die Tochter bin, die du willst ...“, sage ich.

Er zuckt zusammen.

„... dann müssen wir einander erneut bekämpfen, wieder und wieder. Auf ewig. Denn ich werde niemals nachgeben. Ich bin nicht das Werkzeug eines Ungeheuers. Von jemandem wie dir lasse ich mich nicht verändern.“

Ich spüre, wie meine Kräfte zurückkehren, hier an diesem heiligen Ort. Man kann mich nicht erschöpfen. In einem Augenblick werde ich bereit sein, ihn ein weiteres Mal niederzustrecken.

„Nein“, sagt Markov. „Dies endet hier. Sofort.“

„Ich weiß, was du tun wirst“, sage ich. „Nur zu. Erschaffe einen weiteren silbernen Kerker. Sperre mich ein. Das ist die einzige Möglichkeit, mich davon abzuhalten, alles in meiner Macht Stehende zu tun, dich zu vernichten.“

„Der Kerker ist nicht mehr“, sagt er. „Ich kann keinen neuen Höllenkerker erschaffen, ebenso wenig, wie ich dich erneut erschaffen könnte.“

Ich sammle meine Kräfte. „Du bist mein Schöpfer. Du musst das Wesen dieser Welt kennen. Was nicht vernichtet werden kann, muss gebunden werden.“

Markov zieht sein Schwert aus dem Steinboden. Seine Worte sind leise. „Aber Avacyn ... Du kannst vernichtet werden.“

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Ich kann sein Gesicht nicht sehen, denn er hat sich von mir abgewandt. Ich kann nicht sehen, ob er Ungeheuer oder Mensch ist. Ich sehe nur die Spitze dieses Schwertes. Ich höre nur uralte Worte – Worte eines rückwärts durchgeführten Rituals, Worte von einer entzogenen Gabe. Ich spüre nur, wie meine Knie auf den unbarmherzigen Boden der Kathedrale aufschlagen. Ich rieche nur die Asche von etwas, was in der Nähe schwelt. Ich kann nur den Schatten unter mir am Boden berühren, jene Form, die den allerersten Augenblick meines Daseins kennzeichnet.

Ich kann dir nun, in meinem letzten Gebet an diese Welt, nur sagen, dass ich stets die Unschuldigen vor Schaden bewahren wollte.

Ich bin Avacyn. Ich existiere, um andere zu schützen.

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„Was hast du getan?“, wollte Jace wissen.

Rauch stieg von der verbrannten Stelle am Boden auf und kräuselte sich in den hellen Lichtstreifen aus einem der Oberlichter der Kathedrale. Avacyn war nicht mehr. Aus irgendeinem Grund fühlte die Kathedrale sich nun viel zu groß an. Es gab zu viel Raum im Dachgebälk. Alles war zu leer.

Jaces Blick pendelte zwischen dem Ort, an dem eben noch Avacyn existiert hatte, und Sorins Gesicht hin und her. Der Vampir zitterte leicht. Er hatte die Fäuste um sein Schwert geklammert, als versuchte er, ein Erdbeben in seiner Brust zurückzuhalten.

„Ich musste es tun“, flüsterte Sorin.

Jace gestikulierte ungläubig, denn er war völlig unfähig, zu einer Entscheidung darüber zu gelangen, welches der elf Dinge, die an dieser Aussage falsch waren, er zuerst ansprechen wollte. Schließlich wandte er sich zu Tamiyo. „Musste er?“

Tamiyo runzelte nur die Stirn. Sie raffte ihre Roben und ging in die Hocke, um eine behandschuhte Hand nach den Überresten aus Asche auszustrecken. Sie erhob sich wieder und zerrieb die Asche zwischen ihren Fingern. Sie legte die Hand auf ein kleines Fernglas an ihrem Gürtel, wie ein Krieger, der nach einer vertrauten Waffe greift, und hielt den Blick auf Jace gerichtet. „Dies wird ... Folgen haben“, sagte sie.

Jace nickte. „Die Bewohner dieser Welt haben eine Beschützerin verloren.“

Ein lang gezogenes, kehliges Grollen donnerte über den Himmel, tief und dröhnend. Das Geräusch traf Jace wie ein Schlag gegen die Brust und ließ Staub von der Decke rieseln.

Tamiyo blickte ernst. „Die Welt hat ihre Beschützerin verloren“, sagte sie.

Die Welt grollte erneut, dieses Mal unter Jaces Sohlen. Der Boden bäumte sich auf. Die Stöße wurden von Wimpernschlag zu Wimpernschlag stärker. Bodenplatten bebten in ihrem uralten Mörtel. Splitter aus buntem Glas erzitterten und fielen taumelnd aus ihren bleiernen Rahmen, die Avacyns Gesicht zeigten, und der klirrende Klang hallte durch die leeren Gewölbe.

Das Beben wurde schwächer. Der Nachhall verstummte.

Jace sah zu, wie Sorin sein Schwert in die Scheide steckte und sich mit hochgestelltem Kragen und hängenden Schultern abwandte. Der Vampir glitt eine Treppe hinauf. Seine Fingernägel kratzten Rillen in das marmorne Geländer.

Die Stufen waren in der Mitte eingesunken und abgetreten, wie Jace bemerkte. Abnutzung durch Jahrhunderte voller Schritte. Jahrhunderte voller Jünger. Jahrhunderte voll von jenen, die nach Avacyn gesucht hatten.

„Was hast du getan?“, rief Jace ihm nach.

Veröffentlicht in Magic Story on 18. Mai 2016

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Re: Shadows over Innistrad

Beitrag von Vindicator » Mi 22. Jun 2016, 19:24

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  • Name des Sets: Düstermond
  • Block Set: 2 von 2 im Schatten über Innistrad-Block
  • Anzahl der Karten: 205
  • Prerelease-Events: 16.–17. Juli 2016
  • Erscheinungsdatum: 22. Juli 2016
  • Launch-Wochenende: 22.–24. Juli 2016
  • Game Day: 13.–14. August 2016
  • Magic Online Prerelease-Events: 29.–1. Juli 2016
  • Veröffentlichung auf Magic Online: 1. August 2016
  • Magic Online Launch-Events: 1.–17. August 2016
  • Pro Tour Düstermond: 5.–7. August 2016
  • Austragungsort der Pro Tour Düstermond: Sydney, Australien

Dann gibts wieder einen Trailer:
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