Oath of the Gatewatch

Lionking

Oath of the Gatewatch

Beitrag von Lionking » Mi 18. Nov 2015, 12:51

Hallo meine lieben Wulpertinger- und Innen,

die ersten Visual Spoiler zu "OATH OF THE GATEWATCH" sind aufgetaucht.

Zuerst mal ein alter Bekannter in neuer Form:

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Wer sich nun über die seltsamen Manakosten wundert, Aufklärung gibt es mit den folgenden zwei Karten:

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und
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Es gibt also eine neue Art von Basic Lands, Wastes genannt - ob die dann im Deutschen "Müllhalde" heißen wird sich noch zeigen :D

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Rotfuchs
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Rotfuchs » Mi 18. Nov 2015, 13:00

"Wastes" aka "Frozen Tetris"
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Lionking » Mi 18. Nov 2015, 13:53

Oder MC Escher auf LSD :D

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snotl
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von snotl » Mi 18. Nov 2015, 15:05

Also Magic wird von Edition zu Edition auch komplizierter oder kommt das nur mir so vor?
Warhammer: Zwerge und Skaven
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Infinity: PanOceania und Nomaden
Dropzone: Scourge und UCM

Lionking

Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Lionking » Mi 18. Nov 2015, 15:45

Jein :)
Dadurch das halt pro Edition mindestens zwei neue Mechaniken eingeführt werden gibt es immer wieder neue Ansätze für gängige Strategien, an den Basic's bzw den grundlegenden Strategien ändert sich aber kaum was.
Aber als Einsteiger kann man schon mal erschlagen werden von all den möglichen Optionen :D

Pröll

Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Pröll » Mi 18. Nov 2015, 17:01

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Ich hab das <> Symbol als Farbloses Mana interpretiert, nicht als neue Farbe. Der Unterschied zwischen <> Kosten und den zahlen Kosten ist, dass das <> als farbloses bezahlt werden muss, während die Zahlen generisches mana sind, sprich man kann es mit farblosem Mana bezahlen, als auch mit Mana von jeder beliebigen Farbe. Farblose Basics sind etwas, was meines Wissens nach schon länger verlangt wurde um diverse farblose Decks in EDH zu ermöglichen, dafür würde das neue Symbol ja Sinn machen. Mal schaun wie das ganze dann wirklich funktionieren wird, schaut auf jeden Fall cool aus das Bismutland.
Dass hier kein basic land type angeführt ist lässt mich aber schon irgendwie an der ganzen Geschichte zweifeln, beziehungsweise habe ich noch nicht ganz dahinter geblickt. Ich nehme nicht an, dass die Wastes so wie sie hier geplant sind in weiteren Sets wieder auftauchen werden. Ohne einen basic land type wird es wahrscheinlich keinen Support im Sinne von Fetchländern oder Effekten, die Wastes auf dem Spielfeld betreffen, geben, sondern man kann sie lediglich mit Effekten die Basics allgemein betreffen verwenden.

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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Vindicator » Mi 18. Nov 2015, 20:12

Zuallererst: Danke Lionking fürs posten, einen Tag durchforste ich das Netz nicht und dann das ;) Ich finde es aber mehr als großartig das sich Magic in unserem Forum so verselbstständig hat das sich mehrere darum kümmern und sogar Diskussionen geführt werden.

@Snotl: Nein, wird nnicht wirklich komplexer - viele Mechaniken verschwinden ja auch wieder. Gerade vor einem neuen Block beginn natürlich das Rätsel raten wie etwas gemeint sein könnte um dann die Nase vorn zu haben.

@Benedikt & Topic:
Dein Ansatz gefällt mir gut - bin am Nachmittag auch zu einem ähnlich Schluss gekommen, hatte allerdings noch einen zweiten Vorschlag dazu. Aber zuerst zu deinem:

Da es sich bei den Waste Ländern aller Voraussicht nach - ist aktuell ja noch Spekulation - nicht um eine neue Farbe handelt braucht es in dieser Form keinen Subtyp. Den Supertyp Basic wird es alleine aus dem Grund haben damit die nur 4 Karten in einem Deck Regel ausgesetzt wird. Dafür spricht das WotC ja versucht in letzter Zeit alles über Keywords zu regeln und Reimender Texte auszulassen.

Mein Vorschlag dazu ist das diese Diamondförmigen Symbole entweder mit den Waste Ländern oder mit zwei beliebigen Mana bezahlt werden können. Dann würde es sich dabei um quasi ein farbloses Utility Land im Common Slot handeln - und würde zu den 5 anderen Farben aus BfZ passen. So gesehen wäre es vllt einfach nur ein Mana Accelerator. Als Beispiel: Kozilek: 8 <><> wären entweder 8+1+1= 10 CMC oder 8+2+2 = 12 CMC. Würde Lore mässig auch passen.

Und wie jetzt schon festgestellt - es ist ein Basic das in der Rarity nicht mit "L" sondern "C" angeführt wird, der Punkt würde mich eher stutzig machen. Das Argument das die Karte wegen EDH oder Commander gewünscht wäre ist eine Überlegung wert um eine passende Karte zu haben, praktisch aber uninteressant. Die Regeln besagen ja das bei Commander nur Mana produziert werden darf welches sich auch in den Farben des Commanders befinden. Andere Farben gelten einfach als farblos.

Ich befürchte allgemein aber das es kein Fake ist, Kozilek wäre zB genauso wie ich ihn mir vorgestellt hätte nachdem wir ihn mit Ulamog aus BfZ vergleichen können. Die Seiten die im Internet gespielt haben gelten über das hinaus auch als verlässlich.

Wieso befürchte ich das aber? Nun ja, es handelt sich um eine kleines Set mit 184 Karten. Nummer 184 wäre Wastes und Nummer 174 wäre Mirrorpool, das wären schon einmal 10 Länder Karten in einem kleinen Set und dabei sind wir immer noch erst bei dem Buchstaben "M". Die <> Mechanik wird über das hinaus sicher keinen weiteren Support haben, ich sehe sie jetzt einmal als reine Set Mechanik an und wird dementsprechend Platz einnehmen. Als Vergleich: "Tribut" aus BotG hatte 12 Karten und Phyrexian Mana aus New Phyrexia um die 24. Warum die beiden? Tribut hat mit "nur" 12 Karten ein kleines Set "zugefüllt" und das ganze Set eigentlich auf 3 Playables reduziert, Pyrexien Mana war eine - deutlich bessere - alternative Manafähigkeit und passt deshalb auch dazu.

Zusammen gefasst heißt das für mich aktuell, ein kleiner Block bekommt eine parasitäre Mechanik die außerhalb des Settings keine Verwendung finden wird. Kozilek wäre damit zB in Modern automatisch unspielbar und somit würden sich keine Stapels bilden. Gleichzeitig verliert das Standard Format aber Khans of Tragier und Fate Reforged - beides Sets die immer noch über repräsentiert im Standard sind - und bekommt wenig nach. Somit würde ich schätzen das es in dem Block wahrscheinlich 3 Karten gibt die einzeln sauteuer für Standard sind und der Rest zu Grab Preisen weg geht. Also könnte die neue Rotation viel eigene Crews oder 1-2 Decks bieten - Displays würden sich dann aber nicht wirklich auszahlen.
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Vindicator » Mo 23. Nov 2015, 19:21

Kurze Überlegung zu den <> Mana Symbolen meinerseits, bin auf eure Meinung gespannt.

Ich habe mir über Benedikts Interpretation nochmal Gedanken gemacht und halte das unter 2 Bedingungen für plausibel. Voraussetzung dafür ist die Unterscheidung zwischen farblosen und generischen Mana.

1., Wenn im nach hinein Karten erratiert werden starten wir schon mit einem Vorsprung an farblosen Mana Generatoren. Siehe die Painlands - die zur Überraschung vieler in Origins UND M15 neu aufgelegt wurden. Der Preis dieser Karten ist aktuellim Keller - das täte sich mit einer erratierung sofort ändern. Als Beispiel würde Battlefield Forge nicht mehr 1 bzw W oder R machen sondern eben <> bzw W oder R. Wie würde man aber in dem Fall alte Karten - Stichwort Urzas Tron Länder erratieren?

2., Auch WotC möchte gerne Gewinn machen und die Fans lieben Fetchlands - kein Problem.... hier habt ihr: die Fetches für <>W, <>U, <>B, <>R und <>G ....
Stützen könnte man das argumentativ auch auf die Expeditions: der erste Part umfasste 25 Karten. In Aufzählung: 10x Ravnica Schock Duals, 5x allied Fetch Lands, 5x enemy Fetchlands und 5x BFZ Tango Lands.
Für den 2ten Teil sind nun 20 Karten angekündigt. Aktuell kann man dsvon ausgehen das es in Oath noch 3 Manlands geben wird - zusammen mit den 2 aus BFZ gibt das fünf die 5 enemy Manlands aus dem Original Zendikar Block hinzu gerechnet sind wir schon auf 10. Würden uns 10 Stück fehlen und das konnten die 5 neuen (spekulativen) Fetchlands sein bzw nich 5 colorless Ugin Länder (wegeb WotCs Zwang Zyklen zu drucken).

MaRo hat in seinem Tweet gemeint es wird solange BFZ im Standard ist "keinen Reprint der Enemy Fetchlands geben" meinen Vorschlag würde das aber nicht ausschliessen. Abgesehen davon würde die Manabase im Standard sich immer noch drastisch verändern - die Tangolands aus BFZ hätten aber nach wie vor massiven Input was sie ohne Fetches nicht hätten - das selbe gilt für Landfall....

Wie gesagt rein spekulativ, denoch welche These gefällt/überzeugt euch besser/mehr??
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Lionking

Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Lionking » So 29. Nov 2015, 11:22

Ich glaube die Unterscheidung "Generisches Mana" gegenüber "Farbloses Mana" ist hier der "Schmäh"

Wenn wir uns mal Kozileks Manakosten von (8)<><> ansehen könnte man es so interpretieren: Zwei Mana davon müssen farblos sein, 8 Mana können generisch sein. Die Wastes wären dann Basic Lands die eben farbloses Mana produzieren. Wobei das natürlich die schon von Dave gestellten Fragen aufwirft. Nach dem alten Wording bei zB dem Thran Dynamo wie hier Thran Dynamo alt gäbe es mit dieser Unterscheidung kein Problem, allerdings hat Wizards ja all diese Karten erratiert zu Thran Dynamo NEU - also müsste man entweder diese Karten erneut erratieren oder aber man belässt all die vorigen Karten bei generischem Mana und erst neue Sets greifen die Unterscheidung Generisch VS Farblos auf. Damit wäre Oath aber, zumindest wenn nicht ein oder zwei echte Bomben die farbloses benötigen darin enthalten sind, für Modern eher uninteressant.

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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Vindicator » So 29. Nov 2015, 19:07

So hab ich es gemeint. Ich meine darüber hinaus aber eben das die 1 oder die 3 (beim Dynamo) im Kreis sowieso als farbloses Mana zu verstehen ist. Im Grunde ist die Karte ja eigentlich nicht erratiert worden - es wurde ja nur das ausgeschriebene durch dieses Symbol (Kreis mit Zahl) ersetzt um die Karte übersichtlicher zu gestalten.

Außerdem - bilde ich mir zumindest ein ;) - das der Begriff "generisch" nur im deutschen Spiel üblich ist. Im Original wird, meines Wissens nach nur von "colorless" gesprochen. So gesehen ist ja jedes Mana das produziert wird generiert / generisch. Insofern passt das ja auch gut zusammen wenn du meinst die 8 können und die <> <> müssen farblos sein.
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Pröll

Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Pröll » Fr 11. Dez 2015, 23:59


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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » Fr 18. Dez 2015, 14:45

Nissa, Gideon, Jace, Kiora, ein bisschen Ugin und jetzt auch Chandra. 6 Planeswalker haben schon ihre liebe Mühe es nur mit einem der Titanen aufzunehmen. Gut ein bisschen Sabotage war auch dabei, aber sein wir uns ehrlich, einen Plan B haben sie nicht wirklich gehabt.
Nun ist Ulamog wieder frei (lange war er ja nicht eingesperrt) und dann jetzt mischt sich auch noch Kozilek ein.
Unsere gute Kiora, ist ja aufs Meer hinaus geschwommen um sich Ulamog zum Kampf zu stellen. Ob sie den Mund etwas zu voll genommen hat?

Der Aufstieg Kozileks


Die Meervolk-Planeswalkerin Kiora nahm große Hürden, um ihre Welt gegen die Eldrazi zu verteidigen. Sie stahl die heilige Waffe einer Göttin auf der Welt Theros und brachte sie heim nach Zendikar. Sie erinnerte sich der alten Geschichten an die Götter ihres Volkes und daran, wie der Schwindlergott Cosi – eine verzerrte Erinnerung an den die Wirklichkeit ins Wanken bringenden Titanen Kozilek – ein ums andere Mal den Meeresgott Ula überlistete, bei dem es sich in Wahrheit um Ulamog handelte. Während Ulamog nun auf Zendikar wütete, fand Kiora Inspiration in den alten Geschichten über Cosis Gaunereien, um sich dem zu stellen, den sie für Ula hält.

Die anderen Planeswalker, die gegen die Eldrazi kämpfen, glauben, sie locken Ulamog in eine Falle, um ihn festzusetzen, doch Kiora hat nicht die Absicht, es dabei zu belassen. Sie besitzt die Waffe einer Göttin. Sie hat starke Verbündete aus der Tiefe. Ihr weiterer Weg ist klar:

Es ist an der Zeit, gegen einen Gott in die Schlacht zu ziehen.


Kiora stieg sanft aus den schwindelnden Höhen Seetors herab. Sie stand auf einem gewaltigen, mit Saugnäpfen überzogenen Tentakel und hielt jenen Zweizack fest umklammert, der einen Gott töten sollte.

Es war doch von Planeswalkern eigentlich zu erwarten, dass sie Weitblick hatten.

Sie war nicht verärgert. Nicht wirklich. Sie war nicht so weit gekommen, indem sie sich darauf verlassen hatte, dass andere ihre Sicht der Dinge teilten, und sie war nicht ganz sicher, warum sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, sie überzeugen zu wollen. Doch der Gedanke, Ula entgegenzutreten, war so gewaltig und so berauschend. Und sie hatte eine Waffe, die ihr dabei helfen würde, die Sache erfolgreich zu Ende zu bringen. Ganz gewiss würde doch irgendjemand an diesem Triumph teilhaben wollen!

Kioras Kiemen öffneten sich, als der Tentakel des riesigen Oktopus die Wasseroberfläche durchschlug. Hier – im seichten Wasser, das gegen die Mauern Seetors schwappte – wartete ihre eigene Streitmacht, die von den Landgängern einfach abgetan worden war: fünf von Cosis eigenen Schwindlern und eine Legion Meeresungeheuer.

„Wie ist der Plan?“, fragte einer der Schwindler in der eigentümlichen Sprache, die das Meervolk unter Wasser verwendete. Shen. Das war sein Name.

„Wir teilen uns auf“, sagte Kiora. „Wir haben nicht so viel Zeit, wie wir dachten.“

„Stimmt etwas nicht?“, fragte eine andere Schwindlerin namens Yesha.

„Keineswegs“, sagte Kiora. „Ula ist ... Ulamog ist auf dem Weg hierher.“

„Wer sagt das?“, fragte Shen.

Schwindler waren von Natur aus misstrauisch, da sie selbst nur allzu gut wussten, wie leicht sich etwas behaupten ließ – und wie schwer solch eine Behauptung zu widerlegen war.

„Eine Ruinentaucherin namens Jori En“, sagte Kiora.

„Ich habe von ihr gehört“, sagte Shen. „Sie ist vertrauenswürdig.“

Eine vorsichtige Wortwahl. Jori mochte zuverlässig sein, aber sie war keine Anhängerin Cosis.

„Es wird noch besser“, sagte Kiora. „Erinnert ihr euch an diese anderen Welten, von denen ich euch erzählt habe? Zu denen ich reisen kann?“

Die Schwindler murmelten wissende, bestätigende Laute. Sie war nicht sicher, wie viel sie ihr davon wirklich glaubten, doch es war offensichtlich, dass der Zweizack nicht von Zendikar stammen konnte.

„Nun, den Gelehrten aus dem Turm nach müssen wir Ulamog nicht einmal töten. Wenn wir ihn nur stark genug verwunden, könnte er Zendikar verlassen und sich einer anderen Welt zuwenden.“

Die Schwindler jubelten nicht. Das hatte sie auch nicht erwartet, auch wenn ihr Mangel an Begeisterung andere Gründe hatte wie bei der weichherzigen Elfe droben im Turm.

„Wenn er weggehen kann, kann er auch zurückkehren“, sagte Yesha.

„Wenn er weggeht“, sagte Kiora und umklammerte ihre gestohlene Götterwaffe noch fester, „kann ich ihm folgen.“

„Was hast du denn nun vor?“, fragte Shen erneut. Von den fünfen war er der mit der geringsten Geduld und derjenige, der sie am ehesten infrage stellen würde – ein wahrhaftiger Anhänger Cosis. Kiora mochte Shen.

„Ihrer ist es, den Titanen in irgendeine Art von Falle aus Polyedern zu locken“, sagte Kiora, „um ihn an diese Welt zu binden, so wie er vorher an sie gebunden war. Das erscheint mir eine verlockende Lösung für Leute, die einfach ihre Sachen packen und diese Welt verlassen können, sobald alles vorbei ist.“

Die Schwindler schnaubten verächtlich.

„Unser Plan ist es, ihn zu töten, wenn wir können, und ihn zu vertreiben, falls wir das nicht schaffen“, sagte Kiora. „Zum Glück ist ihr Plan in gewisser Weise mit unserem vereinbar. Wir werden Ulamog mit allem angreifen, was wir haben, und wenn das bedeutet, dass wir uns ihre Ablenkung zunutze machen, umso besser. Tola, Inash, Runari – ihr bleibt hier. Helft den anderen Weltenwanderern bei ihrer Polyederfalle und dabei, Ulamog zu töten, falls sie doch noch zur Vernunft kommen. Und falls nicht – tut, was ihr tun müsst.“

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Die drei Schwindler nickten und schwammen davon. Kiora sandte einen Befehl an die Hälfte ihrer Meeresungeheuer – eine sanfte Erinnerung daran, dass diese Meermenschen ihnen Befehle in ihrem Namen geben konnten. Sie schätzte die Chancen, ob dieser Plan scheitern oder aufgehen würde, als ziemlich ausgeglichen ein. Gezeitenchancen nannte das Meervolk so etwas: Mal fielen sie höher aus, mal niedriger. Doch zumindest würden die Schwindler in Sicherheit sein.

Kiora wandte sich um und schwamm von Seetor fort, hinaus aufs offene Meer. Shen und Yesha schlossen sich ihr an, zusammen mit der anderen Hälfte ihrer Armada. Sie kämpften sich durch den Schwarm schwimmender Ausgeburten der Eldrazi, der Ulamog umgab, und dann waren sie frei – mit nichts als Wasser um sie herum.

„Was ist mit uns?“, fragte Shen. „Wohin gehen wir?“

„Hinaus und hinab“, sagte Kiora. Hinaus war eine Orientierungsangabe des Meervolks – immer weg von der jeweils nächsten Küste –, den Kiora bisweilen jedoch auch dazu verwendete, um eine Richtung zu beschreiben, die nur sie und ihresgleichen einschlagen konnten: hinaus aus der Welt und fort von den Ufern der Wirklichkeit.

„Verrätst du uns, warum?“, fragte Shen.

„Es ist wichtig genug, dass es Kiora von Ulamog wegtreibt“, sagte Yesha. „Und das reicht mir.“

Das brachte Shen zum Schweigen, doch Kiora konnte ihn aus den Augenwinkeln sehen: zusammengepresste Kiefer, dunkle Augen. Die Schwindler folgten Kiora nicht, weil sie eine Planeswalkerin war, oder auch nur ihrer Macht wegen. Sie folgten ihr, um ein Teil jener Geschichte zu sein, die sie erzählte – eine Geschichte, wie einem Gott eine Waffe gestohlen wurde, um damit einen anderen zu töten.

Sie schwammen eine Weile durch die gedämpfte Stille, vorbei am Festlandsockel und hinaus aufs offene Meer. Hinter und unter ihnen schnappten Kioras Meeresungeheuer rastlos nacheinander. Sie langweilten sich und gierten nach einem Kampf. Kiora machte ihnen keinen Vorwurf daraus.

„Das ist weit genug“, sagte Kiora. Das Trio hielt an.

Shen und Yesha warteten.

„Tausende Jahre lang beteten unsere Vorfahren und wir unwissentlich die Titanen der Eldrazi an“, sagte Kiora. „Ich bin sicher, es gibt sogar einige, die das noch immer tun.“

Shen geriet ob dieser Worte ins Grummeln. Viele Angehörige des Meervolks gingen davon aus, dass die Schwindler ganz gewiss zu jenen zählen mussten, die die Eldrazi noch immer in Ehren hielten – sie hätten sich gar nicht grundlegender irren können.

„Wir, die wir Cosi die Treue hielten, wissen, dass an den Göttern nichts Besonderes ist. So etwas wie Heiligkeit gibt es nicht. Es gibt nur Macht. Und alles mit genug Macht – besonders dann, wenn es auch noch alt ist – kann sich leicht den Mantel der Göttlichkeit überstreifen. Ich stahl diese Waffe von einem Wesen, das sich selbst Göttin nannte, und dieser Zweizack ist einer solchen zweifellos würdig. Doch wir sollten nicht vergessen, dass die Eldrazi nicht die einzigen Wesen sind, die unser Volk als Götter verehrt hat.“

Sie blickte hinab in den Abgrund, der sich unter ihnen erstreckte. Shens Augen weiteten sich.

„Wie auch sonst“, sagte Kiora, „will man eine Kreatur bezeichnen, die alt genug ist, um gesehen zu haben, wie die Eldrazi eingekerkert wurden? Wie sonst sollte man denjenigen nennen, der mit jeder seiner kleinsten Regungen über die Gezeiten selbst gebietet?“

Nun verstand auch Yesha. Kiora sah es in ihren Augen.

Kiora hielt den Zweizack vor sich und nahm jeden Funken Macht zusammen, den sie in sich hatte. Der Zweizack begann zu leuchten – erst blau, dann weiß und dann in einem blendenden Gleißen. Kiora weitete ihr Bewusstsein auf die Strömungen aus, und seine Fäden tasteten umher wie sich windende Tentakel. Sie verlor sich – ein winziger Flecken, der in einem unendlichen und hungrigen Meer dahintrieb –, und Zendikars Ozeane öffneten sich ihr. Dicht – viel zu dicht – an diesem Flecken befand sich Ula. Ein großer, dunkler Klumpen, von dem sich tote, fühllose Verderbnis ausbreitete wie ein Tintenklecks.

Sie tastete weiter. Übers Meer. Die Formen der Kontinente boten sich ihr als weiße Flächen dar, zwischen denen sich die Klippen und Täler des Meeresgrunds erstreckten. Irgendwo dort draußen schwammen ihre Schwester und ein paar Dutzend andere Angehörige des Meervolks durch die weite, dunkle See, doch Kiora vermochte sie nicht von den Walen und den Algen und dem Treibgut zu unterscheiden. Sie tastete an ihnen vorbei – oder vielmehr an jenem Ort vorbei, von dem sie glaubte, dass sie sich dort aufhielten – bis zu den fernen Ufern Murasas.

Dort. Sie fand ihn eng zusammengerollt in der Tiefe. Ruhend. Schlafend. Kiora hatte es nie gewagt, ihn zu rufen – wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann vor allem deshalb, weil sie stets gewisse Zweifel daran gehegt hatte, ob sie es denn überhaupt konnte. Doch nun rief nicht sie nach ihm. Nicht wirklich. Oder zumindest nicht sie allein. Der Zweizack rief nach ihm. Er würde antworten.

In der dunklen Ferne öffnete sich ein Auge.

Kiora kehrte zu sich selbst zurück und schlug die Augen auf. Sie wusste nicht, wie lange es gedauert hatte, doch sie fühlte sich, als sei sie stundenlang geschwommen. Das Gleißen des Zweizacks schwand dahin, erlosch dabei jedoch nicht vollständig, sondern pulsierte in einem langsamen, gleichmäßigen Rhythmus.

„Was hast du vor?“, fragte Shen. „Warum rufst du ihn, wenn Ulamog so nahe ist? Was nützt uns Macht, wenn uns ein Ozean von ihr trennt?“

„Nichts“, sagte Kiora. „Deshalb habe ich ihn ja auch nicht gerufen.“

Das Wasser wurde sehr kalt und sehr ruhig.

„Ich habe ihn herbeibeschworen.“

Yesha sperrte sich gegen diesen Gedanken.

„Was lässt dich glauben, dass du das überhaupt –“

Und dann war er bei ihnen: ein nahezu unermesslicher, brodelnder Strudel aus Finsternis, der das wenige Sonnenlicht verdunkelte, das noch zu ihnen hinunterdrang.

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Lorthos!

Sie hatte ihn beschworen und er war gekommen! Kiora hätte gelacht, wäre dies alles auch nur einen Deut weniger verstörend gewesen.

Die immense Masse bewegte sich und drehte sich um die eigene Achse. Eine ganze Landschaft aus Seepocken und Narben und zähem Fleisch wälzte sich unfassbar rasch an ihnen vorbei. Es war schwindelerregend – fast so, als würde man fliegen. Ein gewaltiger Schnabel schälte sich aus der Masse, ein Schlund, der einen Wal verschlingen konnte, ohne dabei auch nur ein einziges Mal nachfassen zu müssen.

Warte!, sagte Kiora und hielt den Zweizack ein weiteres Mal vor sich. Sie lenkte den Gedanken in den Zweizack, doch er war kein Befehl – nicht so, wie wenn sie niedereren Geschöpfen Gehorsam abrang. Es war eine Bitte. In deinem Meer sind Eindringlinge, o Ehrwürdiger. Wirst du an meiner Seite gegen sie kämpfen?

Der Schnabel öffnete sich und schloss sich und öffnete sich wieder, doch der riesige Oktopus verschlang sie nicht mit Haut und Schuppen.

Ich bin nicht schwach, dachte Kiora. Ich habe dich hierher beschworen, und ich trage eine Waffe, die sie verletzen kann. Gemeinsam können wir diesen Kreaturen eine Lektion in Demut erteilen.

All dies waren nur von der Zivilisation geschaffene Begriffe – Waffe und Lektion und Demut –, doch sicherlich wusste irgendetwas in Lorthos Innerem, dass er eine Macht war und dass eine Macht sich zu verteidigen hatte.

Der Schnabel schloss sich, und Lorthos‘ gigantischer Leib mit seinen komplexen Mustern darauf glitt ein weiteres Mal in rasender Eile an ihnen vorbei. Schließlich kam sein Auge in Sicht, blau leuchtend und im gleichen Takt wie der Zweizack pulsierend. Wie klein ihm diese drei Meeresbewohner erscheinen mussten! Unbedeutende Staubkörnchen, die in der Dunkelheit tanzten und es wagten, seinen Namen zu flüstern.

Dann ließ er sich unter sie sinken und präsentierte ihnen die Oberseite seines Mantels. Der entstehende Sog zog Kiora und die Schwindler an und sie schwammen mit ihm. Kioras niederere Meeresungeheuer zogen sich an den Rand ihres Bewusstseins zurück und versuchten, außerhalb der Reichweite dieser mächtigen Tentakel zu bleiben.

„Haltet euch an irgendetwas fest“, sagte Kiora. „Das wird nicht sanft vonstattengehen.“

Shen und Yesha fanden einen Platz in den Kluften in Lorthos Haut. Narben, die tief genug waren, um sich darin zu verstecken, und Seepocken von enormeren Ausmaßen als die größten Muscheln, die sie je gesehen hatte: Seine bloßen Dimensionen waren schier unbegreiflich. Und Ula ist noch größer.

Kiora nahm ihren Platz ganz oben auf Lorthos‘ Mantel ein. Ihr Zweizack pulsierte noch immer im Gleichtakt mit seinem Auge. Shen setzte sich neben sie – zweifellos jederzeit dazu bereit, den Zweizack an sich zu nehmen, sollte sie denn fallen. Sie bemerkte seinen Blick und zwinkerte ihm zu.

Noch nicht.

Dann erhob sich Lorthos und Kiora erhob sich mit ihm.

Sie musste ihm nicht sagen, wohin er sich wenden sollte. Er wusste es, da er das Eindringen des Titanen der Eldrazi in seine Meere spürte. Er wusste nichts von anderen Welten und wahrscheinlich nicht einmal, was die Eldrazi waren. Doch er wusste, was Macht war – und was eine Herausforderung.

Lorthos arbeitete sich schubweise voran, indem er anschwoll und sich dann wieder zusammenzog wie ein riesiges Herz. Kiora biss die Zähne zusammen. Die Reise auf einem Oktopus war immer so, doch diese hier war sogar noch schlimmer: Er war so verdammt groß. Über das Ergebnis konnte sie sich jedoch kaum beschweren, denn jeder Schub brachte sie Hunderte von Schritten voran.

Langsam, aber unausweichlich bewegten sich Lorthos und Ula auf Seetor zu.

Kioras Meeresungeheuer schwärmten um sie herum aus und dienten als Schild gegen die Wellen von Ausgeburten. Ihr Geist wurde in Dutzende Richtungen gleichzeitig gezogen, während sie versuchte, die Kontrolle über diese vielköpfige Armada aufrechtzuerhalten, als deren Mitglieder verwundet wurden und ihre Instinkte ihnen zur Flucht statt zum Kampf zu raten begannen.

Das Wasser wurde flacher, je weiter sie sich ihrem Ziel näherten, und bald hob jeder von Lorthos‘ Schüben seine Reiter aus dem Wasser, wo sie angesichts der Sonne ins Blinzeln gerieten, nur damit gleich darauf das Meer wieder um sie herum krachend zusammenschlug. Dann war es selbst dafür zu seicht, und Lorthos zog sich mit seinen Tentakeln voran. Sein Mantel durchbrach die Oberfläche und blieb dort. Er türmte hohe Wellen in dem kleinen Hafen auf und gewährte Kiora einen ersten Blick auf den Feind.

Der Plan der anderen Planeswalker ging auf. Ula stand inmitten eines Rings aus Polyedern, der hell in einem bindenden, blendenden Licht erstrahlte. Ulas Arme und Gliedmaßen wirbelten wild umher, um nach seinen Angreifern und seinem Kerker zu hauen, doch er schien in der Falle zu sitzen.

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Wie er aussah! Das war das Antlitz eines Gottes? Diese stumpfe, knochenfahle Leere? Er wirkte so dumm, wie er sich da wie ein Kuttelfisch in der Reuse wand. Wie hatte jemals irgendwer glauben können, dass diese erbärmliche Kreatur auch nur ansatzweise verehrungswürdig war? Lag es allein an seiner Größe? Ha!

Aber er war tatsächlich sehr groß.

Hier – so nah und sich ihrem Gegner immer weiter nähernd – begann sie, dessen Ungeheuerlichkeit zu erfassen. Er ragte fast so hoch wie der Leuchtturm über dem Wasser auf, obwohl er teilweise noch darin untergetaucht war. Gegen einen Titanen der Eldrazi wirkte selbst Lorthos klein. In einem Zweikampf hätte der große Oktopus aus Murasa wohl kaum eine ernsthafte Aussicht auf den Sieg gehabt. Gut, dass sie ihm zur Seite stand.

Und dann ging irgendetwas ... schief. Die Macht, die das Polyedernetzwerk durchströmte, wurde erst rot und anschließend schwarz. Sie gleißte über einem der Polyeder als dunkler Blitz auf. Und dann fiel ein Polyeder nach dem anderen vom Himmel.

Kiora wusste nicht, was geschehen war oder wie es so weit hatte kommen können. Vielleicht waren die Polyeder verwittert oder defekt oder was auch immer mit Polyedern passierte, wenn man sie ein paar Jahrhunderte zu lange herumliegen ließ. Oder vielleicht hatte er sich einfach nur losgerissen. Was auch immer die Ursache war, ihre Wirkung war deutlich: Ula hatte sich aus seinem Kerker befreit.

Vorwärts!, spornte sie Lorthos an, obwohl sie ihm das nicht hätte sagen brauchen. Sie grinste und wagte es, sich aufzurichten und sich auf dem Zweizack abzustützen. Endlich würde sie Ula für das bestrafen, was er ihrem Volk und ihrer Welt angetan hatte – für die Verwüstungen seit seiner Befreiung, für die Jahrtausende der Täuschung davor und dafür, so lange die eiternde Wunde am Herzen Zendikars gewesen zu sein.

„Ula!“, rief sie. „Dreh dich um und stell dich mir, du elendes Geschöpf!“

Shen blickte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Das war äußerst befriedigend.

Ula wandte sich nicht zu ihr um, sondern von ihr ab, um am Damm entlang aufs Ufer zuzustapfen. Feigling!

Das Wasser begann zu brodeln und wurde immer aufgewühlter. Anfangs dachte sie noch, dies könnte von ihrem eigenen Zorn herrühren, weil sie ihn unbewusst durch den Zweizack leitete. Aber nein – das hier war etwas anderes. Hier ging etwas vor sich, und erst wusste sie nicht, was es war, doch dann sah sie es und bei allen Göttern und Ungeheuern –

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Die fremdartige Gestalt, die sich über die Landschaft erhob, war ihr auf grauenhafte Weise vertraut. Eine Krone aus pechschwarzen Klingen ruhte auf jenem Nichts, was wohl der Kopf dieses Wesens sein musste und zugleich unfassbar flach und unfassbar schwarz war – als hätte jemand ein Loch in die Wirklichkeit selbst gerissen. Ein glänzender Panzer breitete sich unter ihm aus. Seine gewaltigen Hände tasteten sich greifend vor. Zwei Schwerter aus Obsidian ragten aus seinen Unterarmen hervor.

Cosi.

Mit einem Satz war er im Wasser und sandte eine brandende Welle durch die gesamte Bucht. Ein weiterer und er stand vor Seetor. Er hob einen seiner riesigen Arme und holte aus. Der schimmernde, weiße Stein des Damms schien sich unter der Wucht des Hiebs auszudehnen, zu schmelzen und in wirbelnden Mustern von der Farbe von Öl auf Wasser zu zerfließen. Kiora musste hilflos mit ansehen, wie das vom Damm aufgestaute Wasser des Halimars sich durch die Lücke zu ergießen begann, wobei es in Winkeln und Bögen an Cosis Arm hinabströmte, die sämtlichen Regeln der Formenlehre spottete.

Die beiden Titanen bewegten sich aufeinander zu, und einen kurzen, irrsinnigen Augenblick glaubte Kiora, sie würden um das Vorrecht kämpfen, wer von ihnen beiden Zendikar verschlingen durfte. Sie streiften einander, langsam und majestätisch wie Eisberge. Der Augenblick verstrich.

Cosi wandte sich zu ihr um.

Der Raum schien sich um ihn herum zu beugen, als wäre er der Mittelpunkt der Welt. Diese perfekten schwarzen Splitter über seinem Kopf sogen offenbar das Licht selbst ein. Es war für Kiora nicht nachzuvollziehen, welche Form sie genau hatten oder ob sie tatsächlich von fester Natur waren. Dort, wo sie sich überlappten, schienen sie miteinander zu verschmelzen. Dies waren keine Objekte oder auch nur Formen: Es waren Risse im Raum und sie schlugen sie in ihren Bann.

Wer hatte sie nur gelehrt, dass man den Göttern trotzen konnte? Wessen Beispiel hatte sie zu diesem Zusammenstoß mit einem Gott – nein, zwei Göttern – geführt? Die Geschichten über Cosi hatten sie gelehrt, dass man Ula überlisten, schlagen, ausstechen konnte. Doch da war diese eine Sache, die sie in ihrer Eile, Ula entgegenzutreten, völlig vergessen hatte. Diese eine Sache, die für alle Geschichten über Cosi galt.

Am Ende gewann immer Cosi. Nicht die Sterblichen, die seinem Beispiel folgten. Nicht die Delphine, die sein Loblied schnatterten. Cosi gewann immer. Kiora hatte Thassa hereingelegt und geglaubt, Ula demütigen zu können. Doch Cosi hatte sie überlistet.

Eine Bewegung in ihrem Augenwinkel weckte sie aus ihrer Starre. Shen stand neben ihr – die Gesichtszüge schlaff, die Augen schwarz. Um seinen Kopf schwebte eine Krone aus Obsidiansplittern wie die Cosis.

Er holte nach ihr aus.

Kiora stolperte rückwärts über Lorthos‘ zerklüftete Haut. Shen setzte ihr nach – geistlos, verloren. Der Zweizack verfing sich in einer der tiefen Narben des Oktopus, und sie steckte fest. Ihr blieb nur ein Wimpernschlag für ihre Entscheidung.

Der Zweizack war die Waffe einer Göttin, ja. Er besaß eine immense Macht, von der sie zweifellos noch einiges zu erkunden hatte. Doch letzten Endes war er eben eine Waffe und konnte dem gleichen Zweck dienen wie jede andere Waffe auch.

Sie hob den Zweizack und seine Zwillingsspitzen gruben sich in Shens Brust.

Shens Blick wurde klar und die Splitter über seinem Kopf verschwanden. Er blickte sie an, während seine Hände so ungelenk nach dem Schaft des Zweizacks tasteten, als wären sie ihm taub geworden. Er versuchte, etwas zu sagen oder zu fragen, doch alles, was er hervorbrachte, war ein tiefes, rasselndes Stöhnen. Blut sickerte um die Spitzen des Zweizacks herum hervor.

Sie trat ihn weg. Der Zweizack glitt mühelos aus ihm heraus. Helles, rotes Blut spritzte auf Lorthos‘ Haut. Shen taumelte von ihr weg, glitt aus, fiel ins Wasser und war verschwunden.

Cosi ragte nun über ihr auf. Seine peitschenden Tentakel verflochten sich in einem wilden Ringen mit denen Lorthos‘. Kiora leitete Macht in den blutbefleckten Zweizack, um Lorthos für den Kampf zu stärken, doch der Oktopus war hoffnungslos unterlegen. Cosis Arme drehten sich auf eine für andere Wesen unmögliche Weise, indem er sie höchst eigentümlich an seinem doppelten Ellenbogen abknickte. Die Obsidianklingen, die aus seinen Unterarmen ragten, fuhren wie breite Spaten tief ins Meer hinab und erhoben sich danach in einer Kaskade aus Wasser über ihr. Dies waren wahrhaft die Waffen eines Gottes. Verglichen mit ihnen war der Zweizack nur Tand.

Erst die eine, dann die andere riesige Klinge bohrte sich mit aller Gewalt in Lorthos‘ Leib. Die zweite verfehlte Kiora nur um Haaresbreite. Blaues, fast schwarzes Blut quoll überall um sie herum empor.

Kiora schaute zu Cosi hinauf, doch Cosi schaute nicht zu ihr hinunter. Das konnte er gar nicht – da waren kein Kopf und auch kein Gesicht, sondern nur eine fremdartige Präsenz von ungeheuerlichen Ausmaßen. Er hatte Lorthos angegriffen, weil der Oktopus der einzige Gegner weit und breit war, der auch nur annähernd an seine Größe heranreichte. Kiora und ihr mächtiger Zweizack waren zu unbedeutend, um sie überhaupt zu bemerken.

Endlich verstand sie ihren Irrtum. Cosi hatte sie nicht überlistet. Cosi wusste nichts von der kleinen Geschichte, die sie da erzählte. Die, in der die Schwindler die treuen Delphine waren, die anderen Planeswalker Narren und sie selbst – wie lachhaft – Cosi.

Thassa hatte sie gehasst. Cosi sah sie nicht einmal.

Mit einem entsetzlichen, feuchten Geräusch spreizte Cosi die Arme. Lorthos‘ Leib erbebte und zerriss. Ströme dunkelblauen Blutes spritzten ins Wasser. Das Licht des Zweizacks erlosch. Kiora verlor den Halt und stürzte, während Cosi die beiden ungleichmäßigen Hälften der mächtigsten Kreatur der Meere von seinen Klingen gleiten ließ.

Im Fallen glitt ihr der Zweizack aus den tauben Fingern. Hilflos sah sie zu, wie ihre größte Trophäe in die Tiefe taumelte.

Sie hatte Shen getötet. Wahrscheinlich auch die anderen Schwindler und Dutzende ihrer edlen Giganten der Ozeane. Lorthos, den Gezeitenbringer, das womöglich älteste und größte Geschöpf in Zendikars Meeren. Sie hatte sie alle getötet. Sie hatten an sie geglaubt, an ihr kleines Spielzeug, an ihre Geschichten. Und dafür waren sie gestorben. Zumindest ihre Schwester hatte sie verlassen. Den Göttern sei Dank. Oder wem auch immer.

Cosi verdunkelte die Sonne. Nein, nicht Cosi. Kozilek, gewaltig und unbegreiflich, ein Zerrbild jeglicher Vorstellung von Göttern.

Sie traf aufs Wasser auf, und Dunkelheit umfing sie.

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Veröffentlicht in Uncharted Realms on 9. Dezember 2015

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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » So 3. Jan 2016, 16:23

Die Vergeltung des Ob Nixilis


Der Plan war aufgegangen. Gemeinsam hatten Nissa, Jace, Gideon und die Streitmacht Zendikars einen gewaltigen Kerker aus Polyedern errichtet, der tatsächlich in der Lage war, einen Titanen der Eldrazi einzusperren. Gerade erst hat Nissa den letzten Polyeder an seine Position verfrachtet, um Ulamog – das Ungeheuer, das ihre Welt verwüstet hat – festzusetzen.

Nissa war auf Augenhöhe mit Ulamogs riesiger, knöcherner Gesichtsplatte, wie sie da so neben Gideon auf dem schwebenden Felsen stand. Die Unmöglichkeit dessen, was sie gerade getan hatten, drohte mit einem Mal, sie ins Wanken zu bringen, doch der Jubel der Zendikari unter ihr diente ihr als Stütze.

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Viel zu lange war ihre Welt Ulamog ausgeliefert gewesen und einen Pfad hin zu einer scheinbar unabwendbaren Zerstörung hinabgetaumelt: Bala Ged, Sejiri. Doch nun hatte sich das Blatt zu guter Letzt auf nahezu unbegreifliche Weise gewendet. Endlich war es an Zendikar, etwas zerstören zu können. Und Zendikar würde keine Gnade zeigen.

„Also gut. Beginnen wir mit dem Rückzug! Haltet die Linie!“ Gideon rief den Zendikari unten Befehle zu, während er eine Strickleiter in Richtung Seetor hinunterkletterte. „Sichert die Umgebung!“

Es war gut, dass Gideon die Verantwortung trug. Mit ihm an ihrer Spitze würden die Leute sicher sein, was bedeutete, dass Nissa sich voll und ganz dem Titanen zuwenden konnte. Eine erwartungsvolle Ungeduld durchfuhr sie. Sie schaute über das Schlachtfeld hinweg zu Jace. Als ihre Blicke sich begegneten, öffnete er ihr seinen Geist. Er ist eingesperrt, wie du es wolltest, sagte sie. Jetzt ist es an der Zeit, ihn zu vernichten.

Ja. Wie viele Polyeder waren dort draußen am Hang noch in der Erde vergraben?, fragte Jace. Nissa konnte die Aufregung in seiner Stimme spüren, selbst in ihrem Kopf. Wir werden noch einen brauchen. Nein, eigentlich zwei. Nissa, das wird klappen! Ich habe einen Plan.

Ich auch. Nissa zog ihr Schwert.

Doch ehe sie ihren Vorstoß wagen konnte, lenkte Jace ihre Aufmerksamkeit auf den Polyederring. Er hatte wieder seine das Original überlagernde, lebensgroße Illusion erschaffen. Mit nur zwei weiteren Polyedern, um die Macht umzuleiten, die wir hier bündeln, können wir den Titanen zerstören, ohne ihn je anrühren zu müssen. Das Risiko ist gering – verhältnismäßig betrachtet. Wenn wir einfach nur ...Jace sprach weiter, doch Nissa hörte ihm nicht mehr zu. Sie wollte keinen wohlüberlegten Schnitt mit höchster Präzision. Sie wollte ihr Schwert in Ulamogs Hals rammen. Sie wollte ihn ausweiden. Sie wollte ihm ein Ende bereiten. Hier und jetzt. Sie hatte Jace versprochen, nicht zu versuchen, den Titanen zu zerstören, bis dieser gefangen war. Und nun war er gefangen.

Sie wandte sich in Richtung des Festlands um. Sie musterte die felsige Klippe und griff nach der Seele der Welt. Sie rief und Ashaya antwortete. Das Elementar tauchte mit einer Entschlossenheit auf, die Nissa so noch nie zuvor beobachtet hatte. Mit einer Hoffnung, die sie in dieser Form zum allerersten Mal verspürte. Zendikar erhob sich, endlich bereit für die Freiheit.

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Dann zerbrach etwas. Wie ein Zweig, der zertreten wurde, gab Ashaya ein Knacken von sich und fiel in sich zusammen. Teile seiner Gestalt bröselten auseinander. Verwirrt griff Nissa tiefer und zog stärker. Doch Ashaya antwortete nicht. Seine Zweige zuckten und zitterten – und mit ihnen ganz Zendikar.

Der schwebende Felsen, auf dem Nissa stand, schaukelte. Erst langsam, dann immer schneller und wilder. Nissa stolperte und streckte die Arme aus, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Das Aufbäumen und Beben war so stark, dass es schien, als wollte Zendikar sich selbst auseinanderreißen. Und dann – so schnell, wie es begonnen hatte – hörte es auf. Die Welt kam zur Ruhe und alles war still.

Doch Nissa wusste, dass die Stille trügerisch war. Etwas war schiefgegangen. Das spürte sie. Etwas –

Ein raues Knirschen zerriss die Stille. Rechts von Nissa schwollen der Damm und alles, was sich darauf befand, wie eine sich aufbauende Flutwelle an. Nissa sah entsetzt zu, wie Zendikari und Eldrazi gleichermaßen in die Luft geschleudert wurden und auf der harten Steinmauer aufschlugen, nur um sogleich wieder emporgewirbelt zu werden, als das gesamte Bauwerk sich ein zweites Mal aufbäumte.

Mit großen Augen fuhr Nissa wieder zu Ashaya herum. Zendikar sandte eine Woge von Schmerz und Schrecken aus, als das Elementar zu einem Haufen Schutt zerfiel.

„Ashaya!“ Nissa rannte auf ihren Freund zu, wurde jedoch von einer weiteren Regung, die durch die Welt ging, auf die Knie geworfen.

Links von ihr bebte der Ring aus Polyedern über dem Meer ebenso heftig wie auch die Welt selbst. Die Leylinien waren bis zum Zerreißen gespannt, um ihre Anordnung beizubehalten, als Schub um Schub zitternder Erdstöße die Bucht erschütterte. Der Kerker würde auseinanderbrechen. Doch es war nicht das Beben der Welt, das ihn einer solchen Belastung aussetzte. Es war genau andersherum. Der zerfallende Kerker war es, der die Welt in Aufruhr versetzte. Dort über dem Kerker sah Nissa einen einzelnen Polyeder, durch den eine dunkle Macht hindurchschoss und der den inneren Zusammenhalt der ausgerichteten Leylinien zerstörte. Er war falsch. Er sollte dort nicht sein. Wo kam er her? Beunruhigt suchte sie nach Jace.

Nissa, verschwinde von dort! Jaces Ruf füllte ihren Geist aus, kaum dass er ihre Aufmerksamkeit hatte.

Mit einem lauten, widerhallenden Knacken zerbarst eine der Leylinien. Der Kreis war zerbrochen. Nissas Herzschlag setzte aus.

Lauf, Nissa! Lauf!

Doch Nissa rannte nicht los. Sie schnellte in Richtung der gekappten Leylinie vor. Das durfte nicht passieren. Nicht jetzt. Jetzt war Zendikar endlich an der Reihe.

Als sie auf einem schwebenden Felsen in der Nähe der Bruchstelle landete, kippte einer der halb befreiten Polyeder und zerrte an seiner verbleibenden Verankerung, bis auch diese schließlich riss. Einen Augenblick lang hing der gewaltige Stein an der letzten Faser jenes magischen Bandes, das ihn an seinem Platz gehalten hatte, bevor er dann ins Meer hinabstürzte.

Nissa wurde von dem gewaltigen Wasserschwall, der auf den Aufprall des Polyeders folgte, völlig durchnässt, doch sie hielt nicht einmal an, um sich die Gischt aus den Augen zu wischen. Das durfte nicht passieren. Sie griff nach der herabbaumelnden Leylinie – die, die mit dem abgestürzten Polyeder verbunden gewesen war –, und sie drängte ihren Geist in das mächtige Mana hinein, aus dem die Leylinie bestand, bis sie sie zu fassen bekam. In dem Augenblick, in dem ihr das gelang, durchströmte sie eine schier unglaubliche Macht. Sie fühlte sich stärker als je zuvor. Doch das war nicht wichtig. Es zählte allein, wohin sie diese Macht lenkte. Sie würde sie durch sich selbst leiten und zu der anderen kraftlosen Leylinie. Sie würde den zerbrochenen Kreis mithilfe ihres eigenen Körpers wieder schließen. Sie würde diese Sache wieder in Ordnung bringen.

Sie griff nach der andere herabhängenden Leylinie und schöpfte tief aus ihrer eigenen Quelle der Macht, um sich zu ihrer Magie hin zu strecken und alles, was sie hatte, in die Anstrengung zu stecken, den Kreis zu schließen. Nur noch ein kleines Stückchen. Und dann –

Sie wurde zu Boden geschleudert.

Nissa sah das dicke, fleischfarbene Tentakel erst, nachdem es sie getroffen hatte. Ulamog.

Da der Kerker instabil war, war es ihm gelungen, ihn zu durchbrechen.

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Die Polyeder des Rings gerieten ins Schwanken. Die Leylinien wurden aus ihrer Reichweite gerissen. Ulamog war nicht länger gefangen.

Nein! Nissa sprang in die Höhe und griff nach der nächstgelegensten Ranke. Diesmal hatte sie ihr Schwert in der Hand. Sie richtete den Blick auf den Titanen. Das durfte nicht passieren. Gefangen oder nicht – sie würde Ulamog vernichten. Jetzt war Zendikar endlich an der Reihe.

Sich an einer Ranke entlangschwingend hieb Nissa mit dem Schwert nach einem von Ulamogs Tentakeln. Ihre Klinge hinterließ nicht einmal einen Kratzer, doch das kümmerte sie nicht. Sie schlug erneut zu. Und erneut. Und dann fiel der Rest des Rings in sich zusammen. Einer nach dem anderen stürzten die Polyeder ins Meer. Woge um Woge salzigen Wassers spritzte zu Nissa hinauf, als hinter ihr eine Kakophonie entsetzter Schreie erklang. Der von seinen Fesseln befreite Ulamog bewegte sich wieder auf Seetor zu.

Nissa schrie gequält auf. So unmöglich ihr ursprünglicher Erfolg beim Einkerkern Ulamogs gewesen war, umso undenkbarer erschien nun dieses Ende der Ereignisse.

Dieses Ende?

War dies wirklich das Ende?

Bei diesem Gedanken überkam sie eine plötzliche Schwäche. Sie brachte nicht mehr zustande, als ihre Finger dazu zwingen, sich weiter an der Ranke festzuklammern.

Nissa, was tust du? Du musst dort verschwinden! Jaces Stimme war wieder in ihrem Kopf. Nie hatte sie ihn so verzweifelt gehört, doch sie konnte sich nicht dazu aufraffen, sich zu bewegen. Jetzt sofort!, rief Jace.

Seine Furcht hatte keinen Einfluss auf sie. Sie starrte auf das tosende Wasser unter sich. Es würde kalt sein, sollte sie hineinfallen.

Der Kerker ist zerstört, Nissa. Jaces Stimme war ruhiger. Der Dämon hat ihn aufgebrochen. Wir können nichts mehr tun. Verschwinde einfach von dort. Bitte.

Der Dämon ... Nissa schüttelte sich. Der Dämon? Und plötzlich spürte sie ihn. Sie spürte das bösartige Monstrum, das er war. Er war hier. Sie blickte nach oben. Dort war er. Der Dämon, dem sie damals in Bala Ged gegenübergestanden hatte. Der Dämon, der das Khalni-Herz entwurzelt hatte. Der Dämon, der versucht hatte, Zendikar zu vernichten. Er war zurückgekehrt.

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Plötzlich ergab alles einen Sinn. Er war die Dunkelheit, die sie gespürt hatte. Er war das, was falsch gewesen war. Es war sein Polyeder, der den Kerker aus dem Gleichgewicht und das Land zum Erbeben gebracht hatte. Er war die Ursache all dessen. Und nun wirkte er einen Zauber, so alt und mächtig, dass Nissa nichts weiter von ihm erkannte als seinen verschwommenen Umriss und seine vollständige und alles verzehrende Finsternis. Bei seinem Wirken schrie Zendikar vor Schmerzen auf.

„Erhebe dich!“, brüllte der Dämon.

Und etwas erhob sich.

Nissa wandte sich um, um unfassbar große, glänzende Splitter aus dem Boden fahren zu sehen. Noch ehe der Rest des Ungeheuers den Erdboden durchbrochen hatte, wusste Nissa, dass sie einen zweiten Titanen erblicken würde. Kozilek. Der Dämon hatte einen weiteren Schrecken entfesselt, der ihre Welt heimsuchen sollte.

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Sie schaute zurück zu dem Dämon. Er lächelte auf sie herab. Er lächelte.

Nissa erschauderte, und in diesem Augenblick wurde etwas in ihr freigesetzt. Ein Teil von ihr von vor langer Zeit. Ein Stück ihrer selbst, den sie zu zähmen und zu vergessen versucht hatte. Dieser Teil ihres Wesens barg Macht, und nun war es diese Macht, die durch ihre Adern strömte. Es war kaum anders als die Empfindung angesichts der Macht der Leylinien, doch diesmal konnte sie all diese Macht für sich selbst behalten. Es fühlte sich gut an. Ihre Stärke kehrte zehnfach zurück, und sie kletterte eine Hand über die andere die Ranke hinauf, um sich auf die Spitze des schwebenden Felsens über sich hinaufzuziehen.

Dort stand sie auf und starrte den Dämon an. Sie wusste, dass sie sich von ihm hätte abwenden sollen. Sie wusste, dass sie hätte fliehen sollen – oder gegen die Titanen kämpfen oder den Leuten helfen. Irgendetwas, nur eben nicht das, was sie gerade im Begriff war zu tun. Doch hätte eines dieser anderen Dinge irgendetwas genutzt? Würden ihre Handlungen einen Unterschied machen? Gab es noch irgendeine Hoffnung – und sei es auch nur ein winzigster Funken –, Zendikar zu retten?

Wenn sie sich von dem Dämon abwandte, hätte Nissa genau diese Frage beantworten müssen. Also wandte sie sich nicht von dem Dämon ab. Stattdessen blickte sie ihn unverwandt an. Ihn, der ihrer Welt die letzte Chance auf ein Überleben geraubt hatte. Dafür – und für alles andere auch – würde sie ihm den Garaus machen.

Sie sprang auf den wankenden Damm hinunter und rannte mit gezogener und zum Schlag erhobener Klinge auf den Dämon zu. Es war ihr Fehler gewesen, bei ihrer letzten Begegnung nicht sicherzustellen, dass er wirklich tot war. Und diesen Fehler würde sie kein zweites Mal machen.

Als Kozilek sich erhob, wand sich der Damm, das Land erbebte und die Zendikari schrien auf. Doch all das spielte sich nur kulissenhaft um Nissa herum ab, außerhalb ihrer Wahrnehmung und jenseits der Wut, die sie vorwärtstrieb. Sie sah nichts außer dem grausigen Dämon, und sie wusste nur, dass er sterben musste.

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Als sie sich ihren Weg hin zu dem geflügelten Ungeheuer an heranstürmender Brut und zitternden Felsen vorbei bahnte, war sich Nissa vage des Einflusses bewusst, den Kozilek auf die Welt um sie herum ausübte. Sie hatte den Einfluss des Titanen schon einmal gespürt. Damals, als noch mehr von seiner Brut die Welt bevölkert hatte. Sie hatte dieses Chaos schon damals wenig geschätzt, und sie fand auch nur wenig Gefallen daran, wie es nun die Leylinien völlig durcheinanderbrachte. Die sich nahtlos ineinanderfügenden Muster, die die Welt eigentlich hätten überziehen sollen, waren zerfasert und zerschlagen. Alles war falsch. Jeder ihrer Schritte erforderte eine bewusste Anstrengung, ihre Füße dazu zu zwingen, das Land auch nur zu berühren, die Verzerrung der Wirklichkeit zu überwinden und die Veränderungen der Schwerkraft auszugleichen. Doch sie kam weiter voran. Nichts würde sie aufhalten.

Und dann platzte das Land vor ihr auf. Kozileks herumwirbelnder Arm drosch auf den Damm ein. Seine gewaltige Faust durchschlug den Stein und brachte den Leuchtturm zum Einsturz. Der Aufprall schleuderte Nissa in die Höhe, zusammen mit Splittern der Mauer und Hunderten von anderen Zendikari. Die Welt stand Kopf, als Nissa für einen Augenblick wie gelähmt in der Luft hing. Die Zeit verlangsamte sich, schillernde Verderbnis kristallisierte auf den Bruchstücken reinweißer Felsen und auf den Gesichtern der Leute um sie herum. Es war, als wäre sie in einem gefrorenen Teich gefangen, erstickt vom Eis, das sie umgab.

Dann lief die Zeit urplötzlich weiter und die Schwerkraft verdoppelte oder verdreifachte sich gar. Sie zog Nissa mit solcher Wucht zurück auf den zerfallenden Wall zu, dass ihr der Atem stockte. Sie versuchte, sich aufzurichten, doch es fühlte sich an, als würde sie durch Treibsand waten. Alles um sie herum wurde zu zerklüfteten Kanten und geometrischen Mustern, die von unnatürlichen Dingen kündeten. Sie blinzelte, doch ihr Blick wurde nicht klarer. Alles sah gleich aus. Der Damm, das Meer und der Dämon waren für sie nicht länger zu unterscheiden.

Sie war in Kozileks Verzerrungsfeld geraten. Sie stolperte, unsicher, wohin ihr nächster Schritt sie tragen würde. Unsicher, wo sie war und wohin sie ging. Unsicher, ob sie überhaupt noch am Leben war. War das Ende bereits gekommen?

Nein. Nein! Das war nicht das Ende. Das durfte nicht sein. Nicht, ehe sie ihn vernichtet hatte. Der Dämon war ein Makel in ihrer perfekten Welt. Der Drang, Zendikar von ihm reinzuwaschen, trieb sie voran. Sie zwang sich, weiterzugehen, einen Fuß vor den anderen zu setzen und einen Atemzug nach dem nächsten zu tun, bis sie endlich aus der Reichweite der Verzerrung hinaustrat.

Befreit rannte Nissa zum Ende des weißen Steins des Walls und hinauf auf die Klippe, dorthin, wo der Dämon war. Sie sprang ihn an und warf ihn zu Boden, die Klinge an seinem Hals.

„Gut für dich.“ Er blickte zu ihr auf, noch immer dieses empörende Lächeln auf den Lippen. „Endlich bist du gewillt, den Sieg davonzutragen. Endlich bist du gewillt, das zu tun, was getan werden muss.“

„Du!“ Galle sammelte sich in Nissas Kehle, als sie ihr Schwert nach unten stieß.

Mit einer geschmeidigen Bewegung schlug der Dämon die Klinge beiseite und löste sich von Nissa. Er schwang sich in die Lüfte, während er ihr eine Welle seiner essenzraubenden Magie entgegensandte. Sie traf sie, ehe sie sich aufrappeln konnte, saugte ihr das Leben aus den Adern und nährte sich an dem Hass, der sie antrieb.

Nissa schrie auf, griff nach dem Land und schleuderte dem Dämon eine Kaskade aus Erde entgegen. Sie erreichte ihn nie: Das Land drehte sich in der Luft und schoss zurück auf Nissa zu, wobei es einem auf widernatürliche Weise verknoteten und verzerrten Bündel Leylinien folgte.

Nissa rollte sich aus dem Weg und weiter über den Boden, während der Schutt auf sie niederregnete: schwarzes und missgestaltetes Geröll, abartig und gequält. Voller Panik sah sie zu, wie vier Geschöpfe aus Kozileks Brut zwischen sie und den Dämon huschten. Hatte er sie gerufen?

„Nur leider“, sagte der Dämon, „sind meine Pläne derzeit wichtiger. Zendikar wird fallen.“ Er nickte leicht, und die Brut näherte sich Nissa. Felssplitter wirbelten um die Kreaturen herum auf. „Und Zendikar wird sterben.“

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Ein sengender Schmerz ries Nissa schier entzwei, und sie schrie vor Qual auf. Obwohl es nicht ihre Absicht war, alarmierte ihr Schrei Ashaya. Sie spürte Zendikars Sorge um sie, als das Land sich um sie herum erhob und die Welt ihr zu Hilfe eilte. Doch selbst dabei war es verzerrt, gebrochen und verderbt. Es wurde völlig verheert.

Nein. Das durfte Nissa nicht zulassen. Sie schob Zendikars Seele von sich weg. Weg von dieser Verzerrung, weg von dieser Qual, weg von sich. Geh zurück!

Doch Ashaya wollte nicht gehen. Die Welt weigerte sich, sie im Stich zu lassen, doch Nissa zwang sie fort. Es gab nichts mehr, was einer von ihnen beiden hätte tun können.

Als sie losließ, spürte sie, wie ihr letzter Hoffnungsschimmer sich unter dem Einfluss von Kozileks Brut in Angst verwandelte. Ihre Eingeweide zogen sich zusammen. Die Erde, die Leylinien und das in der Welt geborgene Leben wurden allesamt so übel verzerrt, dass sie im Grunde nicht länger existierten.

Als der Dämon zu lachen begann, löste sich der letzte Rest von Nissas Wirklichkeit auf.

__________

Ich lachte über den verwirrten Gesichtsausdruck der Elfe, als sie Zeuge wurde, wie ihre Wirklichkeit sich auflöste. Ich konnte nicht anders. Es sah sehr lustig aus. Es lag irgendwie an ihren Augen.

„Oh, kleine Elfe. Möchtest du etwas Amüsantes hören? Hättest du mich einfach mein Werk vollenden lassen, hätte ich meinen Funken zurückerhalten und deine Welt verlassen. Ich hatte dich nicht als meine Feindin erwählt, doch so fühlte ich mich verpflichtet, der Feind zu sein, der dir zusteht. Kozileks Verzerrung wird es dir gestatten, die letzten Stunden der Existenz Zendikars für die nächsten tausend Jahre zu erleben. Zu leiden, so wie ich gelitten habe. Für gewöhnlich schere ich mich nicht um derlei Theatralik, doch du hast dir eine Ausnahme verdient.“

Kozileks Brut umkreiste die Joraga und riss den Raum dergestalt in Fetzen, dass keine Leylinie die Elfe mehr erreichen konnte. Wie Spinnen, die ein Netz aus der zerfaserten Wirklichkeit webten. Sie war von Zendikar abgeschnitten. Machtlos.

Mein Geist mühte sich darum, der Brut eine Richtung vorzugeben. Es war möglich, doch ich wusste, dass es eine Gratwanderung war. Besonders deshalb, weil der Titan so nahe war, riskierte ich Wahnsinn oder gar noch Schlimmeres. Doch solange ich ihnen nicht befahl, etwas zu tun, was den Wünschen des Titanen zuwiderlief, glaubte ich nicht, dass es ihm etwas ausmachte, wenn ich mir ein paar seiner Geschöpfe auslieh, um mich eines Insekts zu entledigen, das sein Werk störte. Ich erhob mich zurück in den Himmel, um den Rest des Schlachtfelds zu überblicken. Dort fand ein völlig ungeordneter Rückzug statt. Wundervoll.

Nun war es Zeit, diesen Ort zu verlassen und niemals zurückzukehren.

Sobald ich erst einmal sichergestellt hatte, dass keine Überlebenden Seetor entfliehen konnten, konnte ich endlich fortgehen.

Genau genommen war das aber gerade gar nicht mal so wichtig. Ich spürte den Drang, einfach nur fortzugehen.

Interessant. Irgendjemand befand sich in meinem Kopf. Das war nicht zu akzeptieren. Telepathen sind das Allerschlimmste. Ich habe viel zu viel Erfahrung mit Leuten, die versuchen, Dinge in meinen Kopf zu tun, die da nicht hingehören.

Ein vages Empfinden der richtigen Richtung wies mir den Weg zu dem Eindringling, der sich unter den fliehenden Kämpfern dort unten versteckte. Ich rauschte einem Kometen gleich zu Boden und fegte die Zendikari bei meinem Aufprall vom schlammigen, gischtverkrusteten Boden. Ein Junge in einer blauen Robe stand noch aufrecht – unverletzt, aber erschrocken. Reflexhaft zersprang er in ein Dutzend Spiegelbilder. Kein schlechter Trick.

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Ich flüsterte ein Wort: den wahrsten Namen für Schmerz, den ich je gelernt hatte. In einer knisternden Sphäre um mich herum herrschten nichts als Todesqualen. Ich fühlte sie ebenso stark wie er, doch mir waren sie weitaus weniger fremd als diesem Jungen. All die Exemplare von ihm kippten vornüber, doch nur eines spürte den Schmerz tatsächlich. Es war leicht, das Original zu erkennen. Ich grinste, als ich nach ihm hieb, doch ich erschauderte, als unsere Blicke sich trafen.

Seiner durchbohrte mich wie eine Lanze. Er ließ sämtliche Hemmungen fahren und attackierte meine Sinne mit aller Heftigkeit, doch das bedeutete nur, dass meine Faust ihm den Wangenknochen brach, anstatt ihm den Kopf abzureißen, wie ich es beabsichtigt hatte. Er stolperte zu Boden und brach als Häufchen schlammverspritzter Roben in sich zusammen. Ich trat vor, um ihm den Hals zu brechen und es hinter mich zu bringen.

Irgendetwas griff von hinten nach meinem Flügel und stieß mich von ihm weg, während es die Schwinge dabei zerfetzte. Ich landete schmerzhaft auf den Boden und blickte mich um, um meinen Widersacher anzusehen. Obwohl er mir einen zweiten Hieb hätte versetzen können, bevor ich darauf vorbereitet gewesen wäre, hatte er gewartet. Groß, stämmig, mit breitem Kiefer und sehr entschlossen. Nach den meisten geltenden Maßstäben ein gutaussehender Bursche. Ich kicherte, als ich ihn musterte. Er war gewillt, mich von hinten anzugreifen, um seinen Freund zu retten, aber er war nicht bereit, auf diese Weise einen Kampf zu gewinnen. Ich mochte ihn sofort. Ein Held.

Ich neigte leicht den Kopf in seine Richtung. „Ob Nixilis. Es ist mir ein Vergnügen. Nun möchte ich Euch höflich bitten, mir aus dem Weg und nach Hause zu gehen. Ihr seht mir wie ein Feldherr aus, und deshalb müsst Ihr wissen, dass dieser Krieg verloren ist. Wart Ihr für die Verteidigung hier verantwortlich? Sehr beeindruckend. Ich würde mich über ein Rückspiel sehr freuen, wenn es sich einmal einrichten lässt. Ihr wählt die Welt und die Bedingungen. Doch fürs Erste ...“

Er unterbrach mich mit einem Hieb seines ... Peitschendings aus Metall ... mit den vier ... Strängen. Schwang er da wirklich ein Sural? So was hatte ich seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen und noch kein einziges Mal auf Zendikar. Suralkämpfer waren in der Regel extrem geschickt oder von äußerst unterhaltsamer Kurzlebigkeit. Leicht verärgert wich ich dem Angriff aus.

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„Diese Leute stehen unter meinem Schutz, Dämon. Ergib dich oder ich werde dich vernichten.“ Er klang wirklich, als würde er es ernst meinen.

„Wie enttäuschend. Zu meiner Zeit, wenn Ihr mir den Ausspruch verzeihen mögt, lief das alles etwas zivilisierter ab. Doch ich schätze, Planeswalker sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Beispielsweise sterben sie deutlich schneller.“ Ich hob die flache Hand und gab einen fortwährenden Strom entkräftender Energien daraus ab.

Und dieser Bursche stand einfach nur da, ein freches Grinsen im Gesicht und von einem goldenen Schein umgeben. Unverwundbarkeit! Das wurde ja deutlich interessanter, als ich angenommen hatte.

„Nicht ganz so schnell“, erwiderte er, während er auf mich zustürmte und in hohem Bogen auf mich einprügelte. Sein Ansturm war heftig, aber er wahrte dennoch einen vernünftigen Abstand. Er hatte einen Reichweitenvorteil und gab mir keine Gelegenheit, nach ihm zu greifen. Ich hielt ihn mit weiteren Energiestößen im Zaum. Den meisten konnte er ausweichen, doch einige trafen. Jedes Mal gelang es ihm, sich mit seinem goldenen Leuchten zu wappnen. Eine taktische Erkenntnis: Sein Schutz verlangte ihm Konzentration ab. Doch darin schien er höchst geübt zu sein. Er wob seinen Schild makellos in seine Abfolge von Attacken ein und bot mir keine echte Angriffsfläche. Mehr als einmal fing ich mir einen Hieb auf die Unterarme ein, doch die Wunden waren nur flach und heilten sehr rasch. Er hielt mich in der Verteidigung und fiel auf keine meiner Finten herein. Wir kämpften weiter, bis wir gewissermaßen eine ausgeglichene Lage erreicht hatten: Es war ihm gelungen, sich zwischen mich und den Telepathen zu manövrieren.

„Du kämpfst gut, aber du kannst mich nicht verletzen. Ich werde nicht zulassen, dass du noch mehr von diesen Leuten ein Leid zufügst. Ich kämpfe für Zendikar, Dämon.“ Ihn seiner Stimme schwang zwar jede Menge Entschlossenheit mit, doch ich konnte sehen, wie sich Zweifel in seinem Gesicht auszubreiten begann. So beginnt es immer.

„Nixilis“, verbesserte ich ihn. „Und Ihr meint ... diese Leute?“ Beiläufig sandte ich einen Energiestoß in eine Gruppe Verwundeter und Nachzügler. Sechs starben. Er zuckte, als würde er einen neuerlichen Angriff wagen wollen, doch er wollte seine Verteidigung des Telepathen nicht aufgeben. „Oder meint Ihr ihn? Oh, mein Freund. Der Telepath hat es Euch angetan, nicht wahr? Deshalb tötet man die Telepathen immer zuerst. Wie sicher seid Ihr, dass Ihr ihn aus freien Stücken beschützt? Wie sicher seid Ihr, dass er Euch nicht den Kopf verdreht hat?“

Sein Blick huschte zur Seite – zurück zu dem Telepathen. Nur für einen Wimpernschlag. Doch dieser Wimpernschlag war alles, was nötig war, um den Zweifel ein Stückchen weiter zu schüren. Und in diesem kurzen Augenblick stürmte ich vor, und für eine Winzigkeit lastete sein Gewicht auf seinem hinteren Bein.

Es gibt solche Momente im Kampf, in denen die Zeit stillsteht. In denen die Freude am Kampf die Sinne übermannt und das Verstreichen der Zeit überlagert. Er schlug nach mir, als er in eine Ringerhaltung wechselte, doch der Hieb ging weit daneben. Als unsere Blicke sich trafen, erkannte ich diesen Ausdruck der Freude auch in seinem Gesicht. Er liebte diesen Kampf ebenso sehr wie ich. Gut. Ich hätte es gar nicht anders gewollt.

Er duckte sich tief, um meinem Ansturm zu begegnen, doch ich war darauf vorbereitet. Er versuchte, mein Bein wegzuschlagen, aber durch einen einzigen Schlag meiner unverletzten Schwinge setzte ich über ihn hinweg und hieb mit meiner Klauenhand nach ihm. Sein Schild lenkte den Schlag ab, doch die Wucht des Aufpralls schob ihn einen Schritt weiter von mir fort, als er wollte, und er überbrückte die entstandene Distanz mit einem raschen Ausfall nach vorn. Mir blieb ausreichend Zeit, mich darauf einzustellen und eine geduckte Haltung anzunehmen. Ich war ihm an Masse und Kraft überlegen, aber er war schneller und sein Schwerpunkt lag tiefer. Ich kannte seinen genauen Kampfstil nicht, doch ich war mit der allgemeinen Art vertraut genug, um vorhersehen zu können, was als Nächstes kommen würde.

Ich bot ihm ein Ziel und er nahm es an. Er schloss die Schenkel um mein Knie und begann, zuzudrücken – ein perfekt ausgeführter Wurfansatz nebst Hebel. Ich war zwar schwerer als er, doch er hätte mir dennoch binnen Sekunden das Knie gebrochen.

Diese Sekunden nutzte ich, um seinen rechten Arm zu packen und ihn hinter meinem Nacken festzuklemmen, während wir in unserem Zweikampf nun noch enger aneinandergerieten. Wir fielen in die Mischung aus Schlamm, Blut, Salz, Sekret und noch Schlimmerem und versuchten, die Kontrolle über den jeweils anderen zu erlangen – und er war der bessere Ringer. Mein Knie knackte, und ein ekelhafter Schmerz schoss durch meinen Körper. Die Schwierigkeit für ihn bestand jedoch in seiner Erwartung, dass dies das Ende des Kampfes hätte sein sollen, wohingegen ein gebrochenes Knie für mich lediglich die drittschlimmste Erfahrung der letzten Stunde darstellte.

Ich setzte mein gesundes Knie und mein überlegenes Gewicht ein, um ihn festzuhalten. Er knirschte mit den Zähnen. Sein Gesicht war von demselben Schlick bedeckt wie das meine und der uns und diese ganze elende, verdammte Welt überzog. Er verlagerte seinen Fokus, um zu verhindern, dass seine Schulter brach. Doch ich hatte ihn. Ich hatte ihn, und er wusste es.

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„Ihr kämpft für Zendikar? Für diesen zerwühlten Misthaufen von einer Welt? Nun, wir werden sehen, wie er es Euch dankt!“ Ich drückte sein Gesicht in das schlammige Wasser. Er schlug um sich und wand sich, spuckte und hustete, während er versuchte, sich zu befreien. Ich spürte seine Verzweiflung und seine Angst, als seine Hände durch den Schlamm rutschten, ohne Halt zu finden.

Als er hilflos nach mir schlug.

Als er zu ertrinken begann.

Unverwundbarkeit konnte sich nicht mit schmutzigem Wasser messen, das einem bis zu den Knöcheln reichte.

„Das ist Zendikar! Das Leid und der Unrat und der Dreck! Das ist Zendikar!“ Er zuckte noch einmal, ehe sein Leib erschlaffte.

Ich hielt ihn noch einen Augenblick länger fest, bevor ich meinen Griff lockerte und und ihn mit einem nassen Klatschen auf den Rücken drehte.

„Das ist Zendikar“, flüsterte ich. „Und deine Schlacht ist vorbei.“

Veröffentlicht in Uncharted Realms on 30. Dezember 2015

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Judge Fredd
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » Mo 25. Jan 2016, 20:23

Wie es scheint sind Gideon, Jace, Nissa, Kiora und Chandra nicht die einzigen die für Zendikar kämpfen.

Rückgewinnung


Die Elfen Zendikars verbrachten Generationen damit, sich ihrer in einem ständigen Wandel begriffenen Umwelt anzupassen. Zäh und furchtlos angesichts der Zerstörung durch die Turbulenz und die Eldrazi schienen ihre in einer starken Gemeinschaft fest verwurzelten Dörfer ebenso schnell wieder aus der Erde zu sprießen wie die Pflanzen des Dschungels selbst.

Mit der Ankunft der Eldrazi wurden jedoch zwei der drei großen Elfenkulturen – die Mul Daya und die Joraga – beinahe vollständig ausgelöscht. Die Überlebenden der Mul Daya – ein Volk, das ungebrochen die alten Bräuche und Familienbande achtete – waren hin- und hergerissen: Entweder sie blieben, um mit den Sprechern ihrer Dörfer in den verwüsteten Überresten ihres Landes zu sterben, oder sie gingen fort, um nach Hilfe zu suchen. Die Grünweberin Mina und ihr Bruder Denn sind zwei einsame Wanderer, die einen ganzen Kontinent durchquert haben, um Murasa zu erreichen, in der Hoffnung, dort die nötigen Verbündeten und sonstigen Mittel zu finden, um ihre gefallene Heimat zurückzuerobern.


Bei ihrer Reise durch die Verderbnis verstrichen Tage und Wochen. Der feuchte, schwere Atem der uralten Guum-Wälder wich dem rauen, trockenen Flüstern der Ebenen. Diese waren von den abertausenden Geschöpfen, die über sie hinweggehuscht waren, ganz zerfurcht. Mina hatte sorgsam auf die Bewegungen der Sonne geachtet und unbeirrt auf einen Ort zugehalten, den sie bislang nur aus zögerlich von sich gegebenem Raunen oder vagen Andeutungen kannte.

Nahe, ganz nahe. Der Gedanke schenkte ihr neue Zuversicht.

Ihre Kleidung und ihre bloßen Füße waren vom Staub der Verderbnis bedeckt. Der harte, verknöcherte Boden hinterließ Abdrücke auf ihren Sohlen, die mehr an das dichte Moos ihrer verlorenen Heimat gewöhnt waren. Entschlossen, wenngleich mit schmerzenden Gliedern, erreichte sie den Rand jener Kluft, die hier einen ersten Ausläufer der murasischen Wälder bildete.

Oder dessen, was einst Wälder gewesen waren. Die Verderbnis war von einem blendenden, reinen Weiß und ragte hier und dort in gewundenen Spitzen auf, in die sich Bäume, Tiere und Felsen verwandelt hatten. Die steilen Felswände waren vollkommen kahl, und die herrschende Stille hallte durch das gesamte Tal wider. Die Stille lastete lastete schwer auf ihr. Seit ihrer Kindheit war sie von den Geräuschen ihres Landes, ihrer Ältesten und ihrer Familie umgeben gewesen. Flüstern, Rufe, Befehle, Bitten ... Ihre Laute hatten sie selbst immer fest an jemandem oder etwas verankert und ihr Halt gegeben. Hier war sie nur ein einsamer Fleck aus Farbe und Klang – ein Frevel für die Leere um sie herum.

Gedankenversunken versetzte sie dem Boden unter sich einen leichten Tritt. Eine Wolke weißen Staubs waberte gehorsam empor und fiel in an Asche gemahnenden Flocken zurück zu Boden. Wie Schnee ohne Winter, sinnierte sie. Die Leere füllte ihr Augen und Ohren mit dem dumpfen, weißen Rauschen von Sinnen, die verzweifelt nach einer Aufgabe suchten. Langsam wandte sie sich um. Ihre scharfen, roten Augen suchten den Horizont nach irgendeinem Anzeichen von Farbe, Klang und Leben ab. Die nackten Steinwände hielten ihrem Blick beharrlich stand. Also reichte die Verderbnis auch bis hierher.

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Bei den Ahnen, fluchte sie stumm. Das wird Denn gar nicht gefallen. Sie war überzeugt gewesen, hier den Tajuru-Hain zu finden, und die beiden hatten sich am Mittag getrennt, um ein größeres Gebiet absuchen zu können.

Minas Fäuste schlossen sich um ihr langes Messer, und das Holz des Hefts fühlte sich angenehm vertraut an. Eine Woge einer inzwischen fast schon altbekannten Bitterkeit wallte in ihrer Brust auf und brandete ihr wild und warm gegen die Rippen. Sie stieß einen langen, krächzenden Ton aus, der aus der Kluft unter ihr zurückgeworfen wurde. Sie lächelte, zufrieden mit allem, was die bedrückende Stille irgendwie durchbrach.

Am anderen Ende der Kluft regte sich etwas. Eine Gestalt doppelt so groß wie Mina huschte ins Licht. Knöcherne Gliedmaßen trommelten auf der spröden Oberfläche des verderbten Bodens. Mina stockte der Atem. Die Kreatur konnte sich nicht allzu weit von ihren Jagdgründen entfernt haben. Vielleicht gab es doch noch irgendwo neue für sie? Mit einem dumpfen Fauchen wandte sich das Geschöpf Mina zu.

Gut, es hatte sie gesehen. Mina grinste und entblößte dabei spitze Zähne. Sie eilte den Abhang hinunter und wirbelte mit der plumpen Begeisterung eines Balothwelpen eine Wolke aus Staub und Verderbnis hinter sich auf. Als sie den Grund der Kluft erreicht hatte, stürmte Mina auf die Kreatur zu und löste ihr Messer vom Gürtel, während sie in einer flüssigen, instinktiven Bewegung vorwärtseilte.

Das Ding hielt an. Sein augenloses Gesicht streckte Fühler in ihre Richtung aus, Scheinfüßchen schälten sich aus seiner Haut und schabten über die rund um seinen Rumpf verlaufenden Kämme. Ein knarzendes Geräusch entfuhr seinem Leib, vielleicht in Einklang mit irgendwelchen Befehlen, die Mina nicht hören konnte. Sie tauchte unter seiner Körpermitte weg, griff sich mit einer Hand einige Scheinfüßchen und fand mit der anderen Fleisch, in das die mit Gravuren verzierte Klinge ihres Messers mit befriedigender Leichtigkeit hineinglitt und eine klaffende Wunde im Unterbauch der Kreatur schuf. Das Blut pochte in Minas Schläfen. Das Fleisch dieses Geschöpfs war zäh und fühlte sich überraschend kalt an. Ein Schnitt, der jede gewöhnliche Bestie ausgeweidet hätte, sorgte stattdessen nur für ein schwaches Tröpfeln einer ätzenden, grauen Flüssigkeit.

Kein ungewöhnliches Ergebnis für diese Art von Untier. Mina war dankbar für die Gelegenheit, sich für ihren staubigen, fußlahmen Zustand mit einer garstigeren Vorgehensweise erkenntlich zu zeigen.

Sie wich dem Hieb einer gewundenen Gließmaße aus, griff danach und kletterte daran hinauf – sie war so robust wie jede Wurzel oder jeder Ast, und mit derlei Dingen wusste Mina bestens umzugehen. Auf dem Rücken des Geschöpfs angekommen hängte sie sich an seine knöcherne Gesichtsplatte und durchstach sie mit ihrem Messer, um es anschließend genüsslich hin- und herzudrehen. Das Ding brach augenblicklich mit zuckenden Gliedern unter ihr zusammen. Mina sprang von seinem Rücken und trat zurück, um abzuwarten, ob es sich noch einmal erhob.

Doch es blieb am Boden. Phantomnerven zogen hilflos an abgetrennten Gliedmaßen. Mina griff nach seinem Kopf und zog ihn zu sich heran, während sie in sein leeres Gesicht blickte.

Wonach suchst du hier? Warum bist du hiergeblieben? Die Maske starrte gleichgültig zurück. Es gab kein Gefühl, das sie hätte deuten können: Keine Todesangst, kein Betteln oder Flehen, kein Bedauern. Die Elfen waren schon immer ein zähes Volk gewesen, das in der um sie herum tobenden Landschaft überdauerte, ganz gleich, wie sehr sich diese auch verändern und verwandeln mochte. Sie lebten mit den Launen der Turbulenz im Einklang und bestatteten ihre Toten in flachen Gräbern in der schützenden Umarmung der Jaddiwurzeln. Die Ältesten hatten geglaubt, dass die Flut an Eldrazi sie lediglich dazu zwingen würde, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen und sich zu verändern, so wie es auch mit der Turbulenz immer gewesen war. Stattdessen ertranken sie in dieser Flut.

Das Zucken der Kreatur ließ nach und endete schließlich ganz. Mina ließ ihren Kopf los, der dumpf auf dem Boden aufschlug.

Aus den Schatten der Kluft tauchten zwei neue humanoide Gestalten auf. Eine von ihnen war ihr alles andere als unbekannt. Wie auch Mina war ihr Zwillingsbruder ungerüstet, barfuß und nicht erkennbar bewaffnet – abgesehen von den langen Messern, die aus den giftigen Hölzern des Guum geschnitzt worden waren.

Anstelle einer Rüstung zogen sich rankenartige Muster über die Arme des Geschwisterpaars. Es waren Zeichen, die stolz die Worte und Ahnenreihen ihres Volkes verkündeten: die Toten, die Lebenden, die Ungeborenen. Ein in Haut gebanntes Raunen. Als die beiden Bala Ged verlassen hatten, hatten sie die Gebeine ihrer Gefallenen mitgenommen, die nun ihr dunkelrotes Haar zierten.

Hinter Denn stand eine schmächtige Frau mit einer Kapuze, die am ganzen Körper Lederrüstung trug, von ihren Armschienen bis hinunter zu ihren mit Sporen versehenen Stiefeln. Schweigend und ungerührt führte sie ihr Reittier hinter sich. Die robuste Bauweise und vorzügliche Handwerkskunst ihrer Rüstung ließ keine Verwechslung zu: Sie war eine Wächterin des Tajuru-Volkes.

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Mina eilte auf das Paar zu und neigte ihr Haupt vor der Tajuru, begierig darauf, sich mit ihr zu unterhalten. Denn jedoch hatte bereits die schleimige Masse des Eldrazikadavers hinter ihr bemerkt und blickte Mina ernst an.

„Wusstest du, dass sie bereits so weit nach Murasa vorgedrungen waren?“, fragte Denn Mina betont langsam, die Stimme brüchig vor aufsteigender Panik.

„Wir sind ganz in der Nähe. Hier ist der Ort, den sie uns genannt haben.“ Mina warf ihm ein leichtfertiges Lächeln zu, von dem sie hoffte, dass es ihre Zweifel verbergen würde.

„Das ist jetzt schon Wochen her! Gab es denn gar nichts seither?“ Denns Gesicht blieb hartnäckig ernst: Er hatte die wahren Bedeutungen von Minas Minenspielen schon unzählige Male kennengelernt.

Mina starrte ihn an und wünschte, sie wüsste Worte, die sie ihm hätte sagen können. Die Stille hing zwischen ihnen wie eine Schlucht, die die Zwillinge voneinander trennte.

Denn wandte als Erster den Blick ab. „Unser Sprecher hat nie ein Wort hierüber verloren.“

Nun war es an Mina, den Blick zu senken, während sie hilflos die Hände zu Fäusten ballte.

„Ihr seid gewiss weit genug gewandert“, erwiderte die Fremde hinter ihm im Singsang des Dialekts der Tajuru, ehe Mina etwas entgegnen konnte. „Ich wurde ausgesandt, um Reisende vor diesem Ort zu warnen, und fand euch beide auf meiner Patrouille.“ Sie hielt inne und musterte die beiden. „Ich bin Hüterin Tenru, eine der vielen Wächterinnen dieser Lande der Tajuru. Wie es scheint, seid ihr beide zu weit von eurem Dorf abgekommen“, sagte sie und hob eine Augenbraue.

Mina wischte ihr Messer an dem gefallenen Eldrazi sauber und sich das tote Fleisch von den Armen. „Wir sind Mul Daya.“

„Wir?“, fragte Tenru und spähte in die Leere der Kluft hinter Mina. „Seid ihr Kundschafter? Wo sind die anderen?“

Mina seufzte innerlich. Es war ihr nie leicht gefallen, die richtigen Worte zu finden. Ihr Kopf war stets so voll von Klängen und Instinkten, dass die Worte aufbrodelten, durcheinanderwirbelten und zerplatzten, noch ehe sie ihren Mund erreichten und ihr über die Lippen kommen konnten. Andere wiederum sprudelten einfach aus ihr heraus, bevor sie ihnen Form und Bedeutung zu verleihen vermochte. Doch dies hier, dies war wichtig, und sie hatte diese Rede während der langen Wochen ihrer Reise immer und immer wieder geübt.

„Bis vor einigen Monaten harrten wir Mul Daya in unserer Heimat in Guum aus, da unsere Sprecher uns versicherten, es wäre der Wunsch der Ahnen, dass wir unser Revier verteidigen. Zuerst kamen die Ausgeburten, doch die Verteidigung, die von unseren Rankengeistern angeführt wurde, schlug sie zurück.“

Sie nickte zu Denn, dessen dumpfes Schweigen bar jeder Zustimmung war. „Doch als die Ausgeburten ihre ausgewachsenen Artgenossen brachten, lichteten sich die Reihen der Rankengeister und unsere Grenzen wurden immer enger, bis sie beinahe an die flachen Gräber unserer Ältesten heranreichten.“

Sie legte eine winzige Pause ein und erinnerte sich, wie die Augen der Ältesten aus ihren lehmigen Ruhestätten zu ihr hinaufgeblickt hatten – sie erinnerte sich, wie sie von ihren Träumen geträumt hatte. Es waren ihre Essenz und ihre Erinnerungen – ganze Generationen von Geschichte –, die zusammen mit den Hainen, in denen sie gelebt hatten, in Staub verwandelt worden waren.

„Viele von uns fielen bei der Verteidigung unserer Heimat. Unser Sprecher wurde krank und die Stimmen unserer Ahnen verstummten“, fuhr sie fort. Mina fühlte sich auf sonderbare Weise von sich selbst losgelöst, als sie ihrer eigenen Stimme lauschte. Ihre Worte klangen leer und formelhaft, ohne das lähmende Gewicht der Scham, des Stolzes und des Verdrusses aus jener Zeit.

„Die Eldrazi kamen, eroberten, fraßen und gingen.“ Sie hörte, wie sich ein kaum merkliches Zittern in ihre Stimme geschlichen hatte, und unterbrach sich einen Augenblick, um langsam Atem zu holen. „Ich hatte eine ... Vision, während ich in der Nähe unserer Toten schlief. Eine Vision von der Zerstörung Bala Geds. Ich nahm meinen Bruder mitten in der Nacht mit, um Gehör bei den Elfenvölkern zu finden. Um sie um Hilfe und Führung zu bitten.“

„Und du?“, fragte Tenru sanft. „Wie nennt man dich?“

„Mein Name ist Mina, Grünweberin der Mul Daya.“ Sie rollte den rechten Ärmel hoch und legte die Insignie ihres Ranges frei, die mit weinroter Tinte tief in ihren Unterarm geritzt war.

Mina sah dabei zu, wie Tenru das musterte, was ihr zweifellos wie eine zerlumpte, staubige, unerfahrene Landstreicherin erscheinen musste. Tenru hob zweifelnd eine Augenbraue, nickte jedoch höflich.

„Das Konklave befindet sich nicht an einem festen Ort, sondern es wandert mit jeder eintreffenden Welle von Eldrazi weiter“, sagte sie. „Unsere Bewegungen folgen nun einem klug angelegten Ablauf aus Planen und Kundschaften. Wir halte uns nahe bei dem, was von der Welt, wie wir sie kannten, noch übrig ist, und wir achten darauf, nicht eingekreist zu werden ... wie unsere Schwestern.“

Unwillkürlich pressten sich Minas Kiefer zusammen.

„Ich habe die Grenzlande durchstreift und Kunde von der Ausbreitung der Verderbnis zum Konklave gebracht“, fuhr Tenru fort. „Die neueste Welle kam vor zwei Nächten sehr plötzlich und in größerer Zahl, als wir es erwartet hatten. Wir rafften unsere Habseligkeiten zusammen und zogen uns ins Herz des Hains zurück ...“

„Der Hain steht noch?“ Mina richtete sich mit leuchtenden Augen auf. „Bringst du uns dorthin? Bitte?“

Der Jaddihain ragte in der Mitte des Tales auf, wo er mit dem unbarmherzigen Griff seiner Wurzeln Erde wie Fels gleichermaßen langsam fein zerrieb. Ein dichtes Dach immergrüner Blätter stieß an die Wolkengrenze, wo die Feuchtigkeit am stärksten war. Die Blätter, jedes von ihnen so lang wie ein Elf, schmückten die zahllosen Äste und Zweige des Hains. In ruhigeren Zeiten hatte das ausgehöhlte Innere umgestürzter Bäume Elfen als dauerhafte Wohnstatt gedient. Wo die Mul Daya ihre Häuser zwischen den Wurzeln eingerichtet hatten, hatten die Tajuru sich jedoch in die höheren Ausläufer der Zweige zurückgezogen, wo sie den Blicken der an den Boden gebundenen Eldrazi verborgen geblieben waren. So waren sie viele Jahre lang geschützt gewesen, bis neue Wellen von Ungeheuern aufgetaucht waren, die diesmal aus der Luft kamen.

Die drei standen am Abhang und blickten auf den Hain hinab. Als die Wolken sich verlagerten, fiel Sonnenlicht in das Tal.

Mina hörte, wie Tenru scharf einatmete. Ihr stockte offenkundig der Atem.

Der Boden hier war gänzlich anders als das fahle Nichts in der Kluft. An seiner Stelle hob sich eine betörende Vielfalt lebendiger Farben von den scharfen Konturen der Felsen ab. Einige Formationen waren in der Senkrechte kristallisiert – einem verzerrten Spottbild jener Bäume gleich, die einst an diesem Ort gestanden hatten. Ein dicker, öliger Glanz sickerte aus der zerklüfteten Oberfläche wie aus einer offenen Wunde und bildete eine zähe Hülle über den Überresten des Unterholzes.

„Was ...ist das?“, hauchte Mina. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Denn in entsetztem Staunen den Kopf schüttelte.

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Unterhalb der Siedlung hatte sich eine Gruppe Eldrazi versammelt, deren Rüssel nach den Wurzeln griffen. Eines der Geschöpfe war zum ersten Ast hinaufgekrabbelt. Es löste einige Zelte der Siedlung aus ihren Verankerungen, sodass sie nun dem Waldboden entgegentaumelten. Die Bewohner hatten sich in die Behausungen in den höchsten Wipfeln zurückgezogen.

Denn blickte Mina mit bleichem, mutlosem Gesicht an. „Als wir vor dem Sprecher standen, wog unser Blut mehr als mein Wort. Ich folgte dir über einen ganzen Kontinent, als niemand anderes es tun wollte. Ich war bereit, mich in die Erde zum Rest unseres Volkes zu gesellen. In unsere Erde. Und dafür haben wir diesen weiten Weg auf uns genommen? Von einem vom Unheil heimgesuchten Dorf zu diesem, um dabei zuzusehen, wie es verwelkt und stirbt ... Eine ganze Welt entfernt.“

Tenrus Miene verfinsterte sich ob seiner Worte. „Hüte deine Zunge, Mul Daya ... Dies ist meine Heimat! Ich trauere um euren Verlust, doch ich bat nie um eure Hilfe. Wir haben nicht die Absicht, euer Schicksal zu teilen.“

Mina raste durch das Tal und schlitterte über glatte, flache Flächen auf die Eldrazi zu, die sich zum Fressen versammelt hatten. Wie ihre Geschwister in Bala Ged besaßen auch diese Untiere tödliche Ansammlungen von Gliedmaßen und Mäulern. Sie wuchteten ihre fahle Masse mithilfe ihrer kräftigen Vorderfüße an den Ästen hinauf, um sich an den Bäumen und dem Boden zu laben. Doch statt der knöchernen Platten glichen die Leiber dieser Eldrazi eher denen von Insekten und wiesen zahlreiche, schier unfassbare Symmetrien auf. Auf ihren Köpfen saßen Kronen aus filigranen Spitzen aus einem glänzenden, schwarzen Gestein, das so dunkel war, dass es das Licht gleichzeitig zu verschlingen und zurückzuwerfen schien.

Minas Messer war noch immer von den faserigen Knorpeln des Eldrazi aus der Kluft besudelt, als sie auf den ihr am nächsten stehenden Gegner zustürmte. Es handelte sich um ein gewundenes, massiges Ding, dessen Leib vom Fressen aufgebläht war und gegen die Hülle seines Außenskeletts drückte. Seine glatten Platten waren von demselben konturlosen Schwarz wie sein gekrönter Kopf. All seine ungewöhnlichen Winkel und Symmetrien ließen keinerlei Raum für Vernunft. Seine vielen Beine waren von Augen übersät, die in lidlosen, Edelsteinen gleichenden Formen leuchteten. Sie schwang ihr Messer und legte all ihre Kraft und all ihren Schwung in diese eine Bewegung, um das herauszureißen, was dieses Ding auch immer an Eingeweiden in sich tragen mochte.

Die Waffe hallte von dem unerwarteten Aufprall auf die äußere Hülle des Eldrazi wider, was Schockwellen durch Minas Arm bis hinauf zu ihren Zähnen sandte. Sie taumelte, während ihr das Messer aus den tauben Fingern glitt. Hinter sich hörte sie Denn schreiend auf sich zulaufen.

Ein dumpfer, eigenartig vertrauter Klang dröhnte ihr in den Ohren. War es nur das Klirren überreizter Nervenenden? Die Wucht des Aufpralls?

Sie rappelte sich auf und griff sich mit einer Hand an den Kopf, während sie mit der anderen nach ihrem Messer tastete. Sie bekam etwas Festes zu fassen und schaute nach oben ...

... in die vier geifernden Mäuler eines schwarzgekrönten Eldrazi. Instinktiv zuckte sie zurück, doch es war zu spät. Sie kniff die Augen zusammen.

Das Ungeheuer kreischte. Oder zumindest glaubte sie, dass es das tat. Ein schriller Choral aus Tönen, die für ihr Gehirn kaum zu verarbeiten waren, vibrierte durch ihren gesamten Schädel. Sie spürte etwas Warmes in ihrem rechten Ohr.

Blut.

Schmerz flammte durch ihren Körper und glich sich den Schwingungen an, die ihr über die Haut schossen.

Blinde Panik ergriff von ihr Besitz. Wie ein verletztes Tier kroch sie auf allen vieren rückwärts. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Denn die Hand nach ihr ausstreckte, und wirbelte zu ihm herum.

Das Ungeheuer wandte sich ihnen mit aufgeblähtem Bauch zu und heulte auf.

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Die Farben am Rand von Minas Sichtfeld verschwammen. Vor ihr fiel Denns Gestalt abwechselnd auseinander und setzte sich wieder zusammen. Das Rot seines Haares und seiner Augen floss aus seinem Körper heraus und sickerte in die Grenzen ihres Blickfelds hinein. Sein ausgestreckter Arm wurde in die entgegengesetzte Richtung zurückgeworfen und in einem unmöglichen Winkel verbogen. Sein Mund öffnete sich und Worte trieben wie ohnmächtig aus ihm hervor, doch seine Zunge war nicht in der Lage, sie zu formen, während die Luft aus seinen Lungen strömte. Sie hingen in der Luft, winzig und bedeutungslos, ehe sie sich auflösten.

Mina stieß ihren Arm dem seinen entgegen und spürte, wie ihre Muskeln erschlafften und ihre Knochen wie ein bösartiger Rauch unbegreiflich langsam durch die Luft schwebten. Ihre Finger drifteten auseinander. Die Sehnen lösten sich von den Knochen und die Adern blähten sich auf und hingen nutzlos herab.

Selbst der Boden unter ihr wurde zu einer zähen Flüssigkeit, die unter Minas Gewicht träge schwappte. Ihre Beine waren unfassbar schwer und zogen sie nach unten und damit fort von ihrer ausgestreckten Hand. Ihre andere Hand fand das Heft ihres Messers, und Mina zwang sich, es fest zu umschließen, während sie sich immer weiter entwirrte.

Reiner Instinkt ließ sie die Klinge in ihrer Hand fortschleudern, die aus dem Pfad des Heulens des Ungeheuers hinauswirbelte und sich in eines der vielen edelsteinartigen Augen des Eldrazi bohrte.

Das Heulen verstummte für einen Augenblick, und Minas Körper brach wie eine Lumpenpuppe in sich zusammen. Der Aufprall ließ sie durch die geschwächte Verderbnis unter ihr brechen.

Als sie die Augen öffnete, fand sie sich in einer flachen Mulde wieder. Sie rang nach Atem, und ihr Kopf dröhnte. Gedämpftes Tageslicht fiel von oben auf sie herab, und sie konnte die Unterseite der dünnen Verderbnis sehen, durch die sie eingebrochen war – so wie eine Schicht aus Eis einen winterlichen Teich bedeckte.

Der dumpfe, vertraute Rhythmus war zurückgekehrt. Nun war er lauter. Sie mühte sich, dem Geräusch unter dem Grollen der Bestien über sich zu folgen. Es wurde lauter und fühlte sich wie ein Atemhauch an. Oder war es ... eine Stimme? Sie versuchte, Muster darin zu erkennen und eine Bedeutung in den Klängen zu finden. Aus einer Höhe, die ihr wie viele Meilen vorkam, drang der Klang von Denns Stimme in ihr schwindendes Bewusstsein vor.

Mi-nah. Mie-na.

Sie kauerte in der Dunkelheit, die Hände auf den Boden gestützt, um nicht erneut zusammenzubrechen. Die Geräusche in ihrem Kopf waren ein Flüstern. Es rührte von den Stimmen her, die sie in Bala Ged gehört hatte: ihre Ältesten, ihr Jaddihain. Ihre Familie. Sie verschmolzen zu etwas Vertrautem. Was war es, was sie da sagten?

Sie runzelte die Stirn, während sie unwillkürlich die Fäuste um etwas schloss. Um etwas ... was sie kannte.

Der Boden unter ihr war nicht die harte Oberfläche der Verderbnis. Es war Erde, der kräftige, duftende Mutterboden ihrer Jugend. Die unerbittlichen Mahlsteine der Zeit hielten für sie inne, erstarrt in einer von verschränkten Sinnesempfindungen durchzogenen Blase kollektiver Erinnerungen. Der Geruch ebendieses von der Sonne verbrannten, von Füßen zertretenen, von Blut befleckten oder vom Grün des neuen Wachstums durchdrungenen Fleckens Erde füllte ihre Lungen. Sie betrachtete ihn mit Augen, die nicht die ihren waren. Die Geräusche drangen erneut in ihren Geist vor.

Mina.

„Mina!“ Die Stimme ihres Bruders durchschnitt ihren Tagtraum und störte ihre Konzentration.

Denn!

Eine Hand verdeckte das Licht über Minas Kopf, und sie spürte, wie sie in den Armen ihres Bruders hochgehoben wurde. Sie rocht Blut an ihm, doch sie wusste nicht, von wem es stammte.

Ein Rauschen fuhr über ihre Köpfe hinweg, und der Boden hinter ihnen schwoll vor ihren Augen an und zerbarst. Die Wucht des verirrten Heulens hinterließ einen länglichen Krater in der Erde.

„Denn! Sie sind hier! Die Ahnen sind noch immer bei uns! Es ist Land unter dieser Verderbnis hier!“

„Mina? Bleib ruhig. Du blutest. Wir müssen schnell weiter ...“

Mina griff nach oben und umfing die Hand ihres Bruders, als das nächste Heulen geradewegs auf sie zuhielt. Sie ließ die Handvoll Mutterboden fallen.

Die Körnchen zerfielen zu Leben: Jedes wuchs zu einer Mauer aus dicken Stängeln, Wurzeln und Erde an, die erbebte, als die Klangwelle darauf traf. Dort, wo sie eingeschlagen war, bildete sich ein Fleck, der bunt schillerte wie ein Kaleidoskop.

„Hör nur!“

Die Geräusche in Minas Kopf waren nun ohrenbetäubend. Vielschichtig und komplex verwoben sich Choräle aus Stimmen und Klängen aller Tonhöhen, Frequenzen und Lautstärken miteinander. Eine Ruhe senkte sich auf Mina herab. Sie holte einmal tief Luft, legte die Hand auf Denns Ohr, und dann flossen ihr die Worte aus dem Mund wie durch einen gebrochenen Damm.

Manche waren verärgert, zart, mürrisch – eine geheime Sprache, die sie mit einem Bruder teilte, dessen Stimme sie wie ihre eigene spürte. Einige polterten als grollende Rüge hervor, strenge Warnungen, die sie vor langer Zeit gehört hatte. Andere waren ihr fremd in Ton und Sprache und nur als Empfindung bekannt: der warme Windhauch des Sommers, das dumpfe Nagen des Bedauerns. Es war der Klang von Erinnerungen, die in Zeit und Raum zu etwas Festem geronnen waren. Eine tiefe Entspannung breitete sich in Mina aus, und sie legte die Hände auf Denns wundes Fleisch.

Seine Augen weiteten sich, und echte Überraschung wusch jeden Anschein vorgeblicher Härte weg. „Sind dies die Stimmen der Ahnen? Wann hast du gelernt, mit ihren Stimmen zu sprechen? Was sagen sie dir denn?“

Mina nickte nur und sagte nichts.

Ein weiteres Heulen schlug gegen die Rankenmauer, und die dicht zusammengepresste Erde und die dicken, verflochtenen Stängel zerfielen zu brüchigen, funkelnden Stücken. Mina wandte sich langsam um, um die Kreatur mit ausgebreiteten Armen anzusehen, und sie begann zu sprechen.

In einem einzigen Laut sprach sie von ihrer Heimat aus Kindertagen und wie sie sich in den dampfenden Dschungeln Guums ins Unterholz geduckt und dem Regen gelauscht hatte. Säulen aus nasser Erde und Gestein schossen aus dem Boden empor und sandten gewaltige, gezackte Risse wie Blitze über das Antlitz der Verderbnis und schleuderten die Monster von ihm herunter. Die Eldrazi kreischten und taumelten, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden.

Dann erzählte sie Geschichten, die sie zuvor noch nie gehört hatte. Doch sie wusste, dass sie wahr waren. Geschichten von Heldenmut und Aufopferung. Sie zog ihr zweites Messer aus dem Gürtel. Es war warm und roch nach feuchtem Laub. Sie holte tief Luft und grinste mit wildem Eifer in sich hinein.

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Dieses Mal stieß die Klinge leicht durch den Panzer, während ihre andere Hand in die geöffnete Hülle griff und alles herausriss, was sie darunter zu fassen bekam. Mit kaltem Starrsinn gewappnet schnitt sie mit ihrem Messer beiläufige Kreise in den fahlen Leib und vergoss Ströme seiner Essenz.

Hinter ihr streifte etwas ihre Schulter, als Denn ein weiteres der Ungeheuer niederstreckte. Es krachte zu Boden, als er ihm die insektenhaften Beine vom Leib trennte. Sein Lachen hing für einen Augenblick wie erstarrt zwischen ihnen, ehe sie es erfasste, um es zu einer Erinnerung zu kristallisieren. Es war lange her, seit sie es das letzte Mal gehört hatte.

Sie griff nach den Wurzeln des Jaddi. Die Gekrönten hatten sie nun erspäht. Sie strotzten vor Macht und neuem Leben und schossen von den Ästen wie Pfeile auf ihr Ziel zu. Sie versammelten sich um sie herum in einem Gewirr aus klackernden Krallen und geöffneten Schlünden.

Mina sah Denns Kopf in dem Ansturm der gekrönten Bestien verschwinden. Ein tiefes Grollen breitete sich unter ihren Füßen aus. Dicke Wurzeln sprossen blitzschnell aus dem Boden und umschlangen die gepanzerten Leiber der Eldrazi, um sie durch die entstandenen Risse in die Erde hinabzuziehen. Die Äste des Jaddi schlängelten sich herbei und zerrten den Rest der eklen Geschöpfe in den Stamm des Baumes selbst, wo sie von Rinde umfangen wurden. Die Oberfläche des Tals zersplitterte zu schillernden Platten aus Verderbnis, die in der weichen, neuen Erde versanken, welche unter Minas und Denns Füßen emporsprudelte.

Tenru traf wenig später ein, zusammen mit einer Gruppe schwer gerüsteter Tajuru auf ihren Reittieren. Hinter ihnen stand eine Elfe mit feinem Haar und von kleinerer Statur, aber jener Aura der Ruhe und Gesetztheit, wie ein hohes Alter sie für gewöhnlich mit sich brachte. Ihre Lederrüstung war kunstvoll verziert, wenn auch von Jahren des Gebrauchs stark abgewetzt. Sie kauerten sich neben Mina, die mit dem Rücken gegen die Baumwurzeln gelehnt zusammengebrochen war, und säuberten ihre Wunden.

„Du bist also eine unseres Volks vom anderen Ufer des Meeres?“, fragte die Elfe mit dem feinen Haar. Sie hob Minas Messer auf, das halb unter der zerschlagenen Schicht aus Verderbnis verborgen war, und reichte ihr das Heft.

„Verzeih bitte“, warf Tenru ein. „Dies sind Grünweberin Mina und ihr Bruder Denn. Geistranken der Mul Daya.“

Die Elfe lächelte freundlich und neigte den Kopf. „Wir heißen euch willkommen wie alle unsere elfischen Geschwister. Mögen Ferne und Zeit uns nicht trennen. Welche Kunde bringt ihr von eurem Volk?“

Mina neigte ebenfalls den Kopf und stählte sich für ihre nächsten Worte, die sie diesmal völlig mühelos fand. „Ich kam auf der Suche nach Nisede, der Anführerin der Tajuru, mit der Bitte, die Hilfe der ... Überlebenden ... von Bala Ged anzunehmen.“

„Ich bin Nisede. Was ist mit eurem Sprecher? Hat er euch an seiner Stelle geschickt?“

Minas Wangen brannten. Als sie zu sprechen ansetzte, wurde sie sanft von Denn unterbrochen. „Wir sind ... nicht sicher. Doch ich weiß, dass auch Mina mit der Stimme unseres Volkes sprechen kann. Ich habe es gehört. Ich ... Wir bitten darum, uns euch anschließen zu dürfen, damit die Erinnerungen der Mul Daya in Sicherheit sind.“

Nisedes Gesicht wurde ernst und ihr Tonfall bedächtig und nachdenklich.

„Meine Elfen werden damit fortfahren, sich anzupassen und weiterzuziehen, so wie wir es immer getan haben. Wir haben von einer Siedlung der Zendikari in der Nähe des Halimars gehört. Ein Bündnis aus Kor, Menschen und Meervolk hat sich erhoben, um das Unheil zurückzuschlagen oder bei dem Versuch zu sterben. Ich kann euch keinen sicheren Ort für eure Erinnerungen versprechen, aber ich kann euch versprechen, eure Kraft und eure Geschichten an den mächtigsten Ort zu bringen, den wir kennen.“

Die anderen nickten feierlich.

„Wir brechen heute auf, um uns ihnen anzuschließen. Unsere Anführerin heißt ‚Tazri‘. Sie ist ein Mensch aus einer Stadt an der Küste des Halimars. Die Stadt Seetor.“

Veröffentlicht in Uncharted Realms on 6. Januar 2015

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Judge Fredd
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » Mi 27. Jan 2016, 21:47

Das Leid, wofür wir geschaffen wurden


Zendikar blickt seinen letzten Stunden entgegen. Die Ränkespiele des dämonischen Planeswalkers Ob Nixilis befreiten den Eldrazititanen Ulamog aus seinem Kerker und riefen mit Kozilek einen weiteren Titanen aus Zendikars Tiefen empor. Beide verwüsten nun mit ihrer zahllosen Brut das Land, und die Planeswalker, die sich der Aufgabe verschrieben haben, die Eldrazi aufzuhalten – Gideon, Nissa, Jace, Kiora und Chandra –, wurden entweder besiegt oder sind verschwunden.

Die Überreste von Gideons Streitmacht liegen inzwischen in der Verantwortung von Tazri, einer menschlichen Kriegerin, die einst die rechte Hand von Vorik, dem ehemaligen Generalhauptmann der zendikarischen Armee, gewesen war und unter Gideons Kommando dieselbe Position innehatte. Tazri mochte eine kühne und treue Kriegerin sein, aber dennoch war es ihr nicht gelungen, die Zendikari auf die gleiche Weise zu neuer Tatkraft zu beflügeln, wie dies jenem Fremden namens Gideon Jura geglückt war. Nun ist es mit einem Mal an Tazri, die verschwindend geringen Chancen Zendikars angesichts des Angriffs der vereinten Eldrazistreitkräfte womöglich doch noch zu nutzen.


Hoffnung lässt sich nicht zerstören, wenn man keine mehr hat. Dieser Gedanke war Tazri in all den Jahren ein echter Trost gewesen, und ganz besonders während des Aufstiegs der Eldrazi. Jeden Rückschlag und jede Katastrophe während der langwierigen Niederlage hatte sie ohne Angst hingenommen. Wozu sich über einen Krieg grämen, von dem sie nie angenommen hatte, ihn zu gewinnen?

Doch sie hatte nicht mit Gideon gerechnet. Erst vor wenigen Augenblicken hatten Tazri und ihre Truppen staunend dreingeblickt, als Gideon das Unmögliche möglich gemacht hatte. Ulamog, jener gewaltige Titan der Zerstörung, lag nun in Ketten. Haben wir wahrlich gesiegt? Näher war Tazri dem Gefühl von Freude schon lange nicht mehr gekommen – so nahe, wie sie ihm überhaupt kommen konnte. Vorik hatte recht. Er hatte recht, Gideon mir vorzuziehen. Dieser Gedanke war schmerzlich, doch sie war noch immer von der neuen und unwahrscheinlichen Zukunft übermannt, die sich vor ihnen allen eröffnete. Sie würden siegen. Zendikar würde überleben. Gideon hatte ihnen durch schiere Willenskraft zum Sieg verholfen.

Und dann war Kozilek auferstanden. Dann hatte der Gott der Täuscher ihnen seinen bislang größten Streich gespielt. Er hatte eigens gewartet, bis Tazri wieder Hoffnung empfand, ehe er alles zunichte machte.

Bei Kozileks Ankunft war Ulamog befreit worden. Beide Titanen waren nun entfesselt und wüteten unter Zendikars Streitmacht. Mehr aus Instinkt als aus einer strategischen Überlegung heraus zog Tazri ihre Truppen zusammen und beorderte sie fort vom einstürzenden Seetor. Wir werden hier sterben. All die Vorbereitung, all die Siege und Opfer, all die Geschichten von Hoffnung und Erlösung, die sich die Krieger erzählten, waren nun samt und sonders auf diese eine schonungslose Wahrheit reduziert, die sie alle im tiefsten Innersten spürten. Der Tod kommt stets schneller und blutiger, als man erwartet. Kozilek hatte sich erhoben, was vielen ein grauenhaftes Ende bescherte.

Sie flohen den verdorrten Hang vor den Mauern Seetors hinunter, und in ihrer Niedergeschlagenheit und ihrer Angst waren die Krieger kaum in der Lage, auch nur ein Mindestmaß an Disziplin zu wahren. Tazri führte sie in den Schutz der dicht bewaldeten Hügel im Landesinneren, um sich neu zu formieren und das weitere Vorgehen zu planen. Horden von Eldrazi folgten ihnen zu Lande, zu Wasser und in der Luft, doch die größte Bedrohung waren die beiden Titanen, die in Seetor entfesselt waren.

Ein lautes Grollen erklang hinter ihnen. Tazri und die Krieger drehten sich um, um zu sehen, was es ankündigte. Die hoch aufragende Gestalt Kozileks füllte den gesamten Horizont aus. Der unfassbar riesige Titan verschlang das Licht des Himmels. Es schmerzte, ihn mehr als ein paar Wimpernschläge lang anzusehen. Wer es dennoch wagte, der wurde mit einem scharfen Stechen hinter den Augen bestraft. Kozilek stapfte auf sie zu, doch Tazri stellte erleichtert fest, dass er sie um ein paar Hundert Schritt verfehlen würde.

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Als sich Kozilek am Horizont entlangbewegte, fuhr eine schimmernde Welle aus Irgendetwas über das Land, ein pulsierendes, durchscheinendes Kräuseln, das sich in sämtliche Richtungen von dem Titanen aus ausbreitete. Die Welle rauschte auf sie zu, und Tazri hatte nicht einmal mehr die Zeit, um aufzuschreien, als sie über ihnen zusammenschlug.

Die Zeit verlangsamte sich. Wahnsinn blühte auf. Romoes Haut stülpte sich nach innen, riss und zerfaserte an den Rändern seines Leibes, während sich sein Inneres nach außen kehrte. Er schrie nur einen kurzen Augenblick, ehe er gnädigerweise starb. Als die Welle über Magain hinwegrollte, verlor er sichtlich an Alter: Er verwandelte sich in einen jungen Burschen, ein Kind, einen Säugling und dann in ein winziges Staubkörnchen, bevor er schließlich ganz verschwand – und all dies binnen weniger Herzschläge. Debins wandte sich zur Flucht, und plötzlich fehlte die linke Seite seines Körpers. Eine Hälfte von ihm war zu einem flachen Quadrat am Boden geworden, ein blutiger Fleck, wo eine unsichtbare Kraft ihn in die blanke Erde gepresst hatte. Die andere Hälfte Debins schwebte in der Luft, und scherte sich scheinbar nicht länger um den Boden oder um die Wirklichkeit. Jener Teil seines Gesichts, der nicht zerquetscht worden war, wirkte aufrichtig überrascht und entsetzt, während er weiter und weiter in den Himmel hinaufstieg.

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Die Welle traf Tazri. Der Halo des Engels um Tazris Hals leuchtete in goldener Hitze auf. Die Zeit, die zuvor verlangsamt worden war, dehnte sich. Ereignisse und Handlungen aus ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft flackerten in ihrem Verstand auf. Sie wurden zu ihrem Geist, zu ihrem Jetzt. Ihr gesamtes früheres Leben flackerte ins Dasein. Ihr gesamtes zukünftiges Leben flackerte ins Dasein. Zeit und Raum dehnten sich weiter aus und drohten zu zerreißen. Ein Bersten. Die Wirklichkeit stockte.

flacker

„Halt!“ Tazri hob die Hand, und die Wagen der Handelskarawane kamen rumpelnd zum Stehen. Die Wachen hatten die Krähen bemerkt, die über den Hügeln im Westen kreisten. Mahir würde schleunigst weiterfahren wollen, doch hier war irgendetwas faul. Dafür bezahlt er mich. Um mich anschreien zu können, wenn ich seine kostbaren Warenlieferungen verzögere. Mahir hob den Schlag einer Wagenplane, doch als er Tazris Gesicht sah, seufzte er und ließ die Plane wieder sinken. Dies war das siebte Mal, dass sie mit Mahirs Wagen reiste, und er hatte sie bereits vor zwei dieser Reisen zum Hauptmann seiner Wachen ernannt, obwohl sie noch keine zwanzig Jahre zählte – der jüngste Hauptmann, den er je gehabt hatte, auch wenn er ihr dies selbstverständlich nie verraten würde. Sie wusste es trotzdem. Und sie wusste, dass man langsamer werden und Aufmerksamkeit walten lassen musste, wenn etwas nicht stimmte.

"Golamin, Rillem – reitet nach Norden und Süden aus. Stoßt in eure Hörner, wenn etwas auch nur ansatzweise sonderbar wirkt, und reitet danach sofort hierher zurück. Keine Heldentaten! Hier stimmt etwas nicht. Romoe, du kommst mit mir.“ Die Männer nickten, und Golamin ritt den Weg nach Norden, Rillem den nach Süden hinunter. Einer von Mahirs namenlosen Zwillingsleibwächtern lenkte den Wagen des Händlers. Tazri konnte die Zwillinge nie auseinanderhalten, und sie sprachen ohnehin nicht ihre Sprache, weswegen sie nur zu den hohen Klippen im Osten deutete und mimte, Ausschau zu halten. Keiner der beiden Zwillinge war sonderlich schlau, doch sie nahm an, dass dieser hier sie wohl schon verstanden haben würde. Sie stellte sicher, dass der Rest der Wagenlenker seine Hörner bereithielt. Sie machte sich zu Pferde nach Westen auf. Romoe folgte dicht hinter ihr.

Der mittlere Teil der Route durch Tazeem war für gewöhnlich am einfachsten. Das Meervolk blieb weitestgehend unter sich, und die Vampire führten zwar von Guul Draz aus Raubzüge an den Küsten Tazeems durch, doch sie drangen dabei nur selten so weit ins Landesinnere vor. In der Regel war das einzig Aufregende auf diesem Teil der Reise ein wild gewordenes Baloth oder das Einbrechen des Bodens über einer Höhle. Doch die Krähen wussten, dass etwas Aufregendes vor sich ging. Oder sogar bereits geschehen war. Tazri achtete nicht auf das saure Brennen in ihrer Magengrube und ritt weiter.

Nachdem sie einen großen Hügel überquert und eine flache, grasbewachsene Ebene betreten hatten, stießen sie auf die erste Leiche. Sie war der Länge nach in zwei Hälften gespalten worden. Ein sehr, sehr toter Vampir. Die Ränder beider Hälften waren zerfasert und verbrannt. Ein Schwert. Wahrscheinlich ein sehr großes Schwert, das vermutlich in Flammen stand. Tazri wusste nicht, wenn sie sich als Sieger dieses Kampfes wünschen sollte – die Vampire oder deren Gegner.

Da waren noch mehr Leichen, und Tazri und Romoe stiegen ab, behielten jedoch die Zügel in den Händen. Die Pferde waren schreckhaft. Fünf weitere Vampire, die eines weniger grausigen Todes gestorben waren: durch eine Enthauptung nebst anschließendem Verbluten anstatt durch ein vollständiges Entzweischlagen. Verbranntes Fleisch markierte jeden einzelnen der Schnitte. Tazri hatte bis jetzt nur einmal gegen einen Vampir gekämpft, und sie wäre dabei schnell gestorben, hätten damals nicht vier gegen einen gestanden. Der Vampir war schneller und stärker als sie gewesen, und er hatte mit einer Leichtigkeit getötet, die ihr ein schlimmes Schaudern bereitet hatte. Sie wollte nicht gegen etwas kämpfen, was in der Lager war, sechs Vampire mit einem Flammenschwert zu töten.

Sie hörte eine weibliche Stimme, die eine sonderbare Weise summte, ehe sie den Körper sah, zu dem die Stimme gehörte. Der Engel lag an einem hohen Felshaufen. Ihr Leib war halb verdreht. Auf einer Seite waren beide Schwingen vollständig abgerissen, die anderen gebrochen und zerfetzt. Blut und ein schwaches Leuchten quollen aus ihrer Seite. Viel Blut. Da waren Bisse und klaffende Wunden an ihren Armen und ihrem Oberkörper, und noch mehr Blut sickerte aus ihrem Hals. Drei weitere Vampire lagen tot um sie herum, einer mit einem riesigen Schwert in der Brust und einer mit so gut wie vollkommen durchtrenntem Hals. Der Engel wandte den Kopf, um Tazri anzusehen. Obwohl jede ihrer Gliedmaßen verstümmelt war, leuchtete ihr Halo noch immer in einem wunderschön satten Gold.

Der Engel hustete. Blut und noch mehr von dem merkwürdigen weißen Schimmern spritzten ihr auf die Brust. Wieso ist sie noch am Leben? Tazri hatte noch nie zuvor einen Engel gesehen, und sie bewunderte ihre Schönheit und ihre Kraft in stillem Staunen.

„Kannst du ... Kannst du mir helfen?“ Jedes schwach hervorgestoßene Wort brachte mehr Husten und mehr Blut und den Engel näher an die Schwelle des Todes. Tazri, die in ihrem jungen Leben schon selbst getötet und auch gesehen hatte, wie Freunde getötet worden waren, ohne dass sie darüber während eines Kampfes auch nur jemals eine einzige Träne vergossen hätte, begann zu weinen.

„Wir haben keinen Heiler.“ Mahir würde nie im Leben für etwas derart Teures Geld herausrücken. „Können wir dich bewegen? Kannst du dich selbst heilen?“ Tazri wusste, dass die Frage lächerlich war, doch der Gedanke, dass jemand neun Vampire tötete, war es nicht minder. Wer wusste schon, wozu ein Engel fähig war?

Der Engel schüttelte den Kopf. „Ich ... sterbe. Mir bleiben vielleicht ... noch Tage. Hilf mir.“ Der Engel starrte auf das Schwert an Tazris Seite, das noch immer in der Scheide steckte. Nein. Nein!

„Wenn du durchhältst, können wir Hilfe holen. Wir können zurück nach Seetor oder Korallenhelm gehen und dort jemanden finden, der ...“ Hörner erschallten in der Ferne. Eines, zwei, drei. Nein!

„Tazri ...“ Romoes Stimme holte sie zurück.

„Du kannst wieder genesen. Wir werden jemanden finden ...“ Tazris Gedanken rasten fieberhaft auf der Suche nach Lösungen.

So schwach und brüchig die Stimme des Engels auch war, riss sie Tazri dennoch zurück ins Hier und Jetzt. „Die Vampire ... kommen zurück. Es gibt noch mehr. Sie haben Heiler. Sie werden mich ... am Leben halten ... Eine lange Zeit. Bitte. Hilf mir. Bereite mir ein ... Ende.“ Der Engel sah erneut zu Tazris Schwert und dann zurück zu Tazri. Ihre Blicke trafen sich, und Tazri erkannte den Schmerz und das Sehnen in dem des Engels. Ein Sehnen danach, frei zu sein von Angst und Schmerz.

Die Hörner erklangen erneut. Alle.

„Tazri, wir müssen zurück, ja? Tazri!“ Die Panik in Romoes Stimme wuchs.

Tazri wischte sich die Tränen fort. Sie zog ihr Schwert.

„Tazri? Es ist nicht gut, einen Engel zu töten. Tu es nicht. Es ist ein Fluch. Das weiß jeder. Tazri, wir müssen gehen. Wir müssen sie zurücklassen.“ Romoe klang wie das Kind, das er beinahe noch war.

Der Engel verzog das Gesicht und starrte noch immer zu ihr auf. Blut tropfte ihr aus dem Mundwinkel. „Er hat recht. Es gibt ... einen Preis. Mich zu töten, wird dir etwas ... abverlangen. Ich kann ... Ich kann das nicht verhindern. Es tut mir leid. Bitte ... tu es. Bitte ... lass mich nicht im Stich.“

Die Hörner. Ein drittes Mal.

Tazri hob ihr Schwert. Der Halo des Engels gleißte weiß auf – ein blendendes, brennendes Leuchten –, und Tazri hörte eine wunderschöne Stimme in ihrem Kopf, obgleich sie nicht verstand, was sie sagte. Dann verlosch der Halo, und das Leuchten erstarb. Die Stimme in ihrem Kopf verstummte jäh.

Das Heft von Tazris Schwert wurde kalt, und sie ließ es in die Brust des Engels gestoßen zurück. Ein kleines, erstarrtes Lächeln lag auf dem Gesicht des Engels. Das Brennen und die Furcht waren aus Tazris Magen verschwunden, doch sie hatten noch etwas anderes mit sich fortgenommen. Etwas, was sie nicht wirklich benennen konnte. Sie fasste hinunter, um nach dem trüben, grauen Halo des Engels zu greifen. Es ließ sich leicht vom Leichnam lösen. Alles Schöne zerbricht so leicht. Tazri und Romoe stiegen auf ihre Pferde und wandten sich dem Ruf der Hörner entgegen.

flacker

Tazri hielt den Kopf gesenkt und wartete darauf, aufgerufen zu werden. Sie erwartete nicht, hier lange bleiben zu müssen. Neuigkeiten verbreiteten sich schnell entlang der Handelsstraßen. Die letzten paar Versuche, Arbeit zu finden, hatten damit geendet, dass man sie nicht einmal zu Wort kommen ließ. Inzwischen musste sie sich damit begnügen, um eine Position bei einer Miliz zu bitten. Früher einmal hätte dieser Gedanke sie erzürnt. Nun saß sie nur einfach auf der Bank und wartete.

„Tazri.“ Sie blickte zu der tiefen Stimme auf. Er war von mittlerer Größe, doch von breiter, stämmiger Statur mit kräftigen Armen und Beinen. Die Statur eines Kriegers. Selbst die Art und Weise, wie er dastand, zeugte von jenem natürlichen Gleichgewichtssinn und jener Stärke, die sie guten Kriegern zuschrieb. Die meisten Milizionäre, denen sie begegnet war, waren fett oder alt und konnten nur davon träumen, Karawanenwachen zu werden. Es sprach für diesen Vorik, einen derart fähigen Kämpfer in seinen Reihen zu haben.

„Ja. Ich bin hier, um Vorik zu sehen.“ Sie hasste den Hauch von Verzweiflung in ihrer Stimme, und sie hasste, dass sie so begierig darauf war, sich einem Haufen träger Sesselfurzer anzuschließen, die wahrscheinlich schon ihre Pläne fürs Mittagessen als großes Abenteuer ansahen.

Doch noch viel mehr hasste sie den Gedanken daran, diese Anstellung nicht zu bekommen. Allein zu sein.

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Der Mann lächelte. Ein breites, unbeschwertes Lächeln, das ihr Herz vor ein paar Jahren vielleicht noch hätte schneller schlagen lassen. „Ich bin Vorik. Warum bist du hier, Tazri?“

Sie zögerte, da sie nicht so recht wusste, wo sie anfangen sollte. Geschweige denn wie. Sie blickte ihn einfach nur schweigend an. Es gab doch sicher auch noch andere Arbeit, oder? Es gab noch andere Milizen außer der von Seetor. Fieberhaft dachte sie darüber nach, wen sie sonst kannte. Wessen Hilfe sie sonst ...

„Vor vier Jahren warst du der jüngste Hauptmann einer Karawanenwache auf den Straßen Tazeems. Das kostbarste Juwel Mahirs, der seine begabten Angestellten doch so sehr schätzt. Du warst furchterregend mit dem Schwert ...“ Er blickte kurz an ihre Seite. „Hm. Ein Streitkolben? Eine grausame Waffe und schwer zu führen.“

Ein Funken loderte in Tazri auf und sie erhob sich von der Bank, um Vorik in die Augen zu sehen. „Ich bin auch mit dem Streitkolben furchterregend. Wenn du möchtest, kannst du es gern herausfinden. Ich führe keine Schwerter mehr.“

„Das soll mir recht sein.“ Da war wieder dieses Lächeln, auch wenn sie es dieses Mal enervierend fand. Man brauchte sie nicht an ihr einstiges Leben erinnern und all das, was sie verloren hatte.

„Und dann warf Mahir dich hinaus. Genau wie die nächsten fünf Händler, die dachten, ein gutes Geschäft zu machen. Die erstaunliche Tazri, die nicht länger gar so erstaunlich war. Also noch einmal, Tazri: Warum bist du hier?“

Sie wollte ihm sagen: Ich habe mit dem Träumen aufgehört. Es ist nicht so, dass ich mich nicht an meine Träume erinnern würde. Ich habe nur keine mehr. Ich träumte einst von Orten, die ich als Wache gesehen hatte. Von meinen Eltern, von Kämpfen und Ängsten. Und nun ist da eine Leere zwischen dem Zubettgehen und dem Aufwachen, und diese Leere ist noch immer da, wenn ich wieder aufstehe. Sie ist auch jetzt gerade da. Sie ist immer da, und ich weiß nicht, wie ich sie füllen kann. Wie ersetzt man etwas, dessen Namen man nicht länger kennt?

Sie wollte all diese Dinge sagen, doch das konnte sie nicht. Also tat sie es auch nicht. Stattdessen wartete sie.

„Wie es der Zufall will, mag ich Kämpfer, die wenig Worte machen. Und ich verstehe Kämpfer, die Zeit brauchen, um gewisse Dinge zu bewältigen. Das tun wir alle, Tazri. Ich kann eine Kämpferin wie dich gebrauchen. Und eine Anführerin wie dich. Ich weiß, was aus dir werden könnte. Kannst du diese Anführerin wieder sein, Tazri?“

Tazri nickte stumm. Wäre sie des Weinens noch fähig gewesen, hätte sie auf der Stelle losgeheult. So nickte sie nur weiter, verzweifelt darauf hoffend, dass sie wieder jener Mensch sein könnte, obwohl ein Teil von ihr wusste, dass diese Tazri für immer fort war.

flacker

„... Hoffnung. Ich habe Hoffnung, dass es nicht wahr ist. Ich habe Hoffnung, dass es noch eine Chance für Zendikar gibt. Gideon Jura, Ihr habt mir Hoffnung gegeben.“

Jedes Mal, da Vorik das Wort aussprach, war wie ein Schwertstoß in ihre Brust. Hoffnung. War dies die Rache des Lebens dafür, dass sie ihm nicht hatte helfen können?

Du hast mich gerettet, und nun kann ich dich nicht retten.

Und er hatte sie gerettet. Fünfzehn Jahre lang hatte sie für ihn gearbeitet. Fünfzehn gute Jahre, in denen sie wahrlich zu seiner rechten Hand herangewachsen war. Sie würde niemals wieder die Anführerin sein, die sie in ihrer Jugend gewesen war, als ihr noch alles so leicht von der Hand ging. Vor dem Engel. Doch mit Voriks Hilfe und Voriks Geduld und Voriks Vertrauen hatte sie andere Wege gefunden, wertvoll zu sein. Wertgeschätzt.

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Sie war im Morast ihrer eigenen Trauer verloren gewesen, als Voriks Worte durch ihre Verzweiflung gedrungen waren. „ ... wenn ich fort bin, werdet Ihr diese Leute anführen. Ihr werdet Seetor zurückerobern, Generalhauptmann Jura.“

„Nein“, entfuhr es Tazri. Ihre Gedanken rasten. Sie fühlte sich verraten – von Vorik und von sich selbst.

Wie konntest du nicht mich als deine Nachfolgerin auswählen?

Warum konnte ich nicht herausfinden, wie ich wieder zu dem werde, was ich war? Wie konnte ich dich wieder und wieder enttäuschen?


Beide Gedanken trafen sie gleichzeitig. Vorik sprach weiter, doch in ihrem Aufruhr konnte sie kein einziges seiner Worte begreifen. Ihr Mund leistete ganz von selbst und unabhängig von ihrem bewussten Verstand eine winzige Spur Widerstand, während sie innerlich vor Trauer und Verzweiflung zerbrach.

Er stirbt. Er stirbt, und bald ist er fort. Und was bleibt dir dann noch? Wen wirst du lieben?

Und dann wird Zendikar folgen. Vorik wird sterben. Zendikar wird sterben. Die Einzige, die nicht sterben wird, bist du. Du bist schon längst tot. Bald wird alles kahl und leer sein – wie du
.

Der entsetzliche Gedanke wärmte sie. Er füllte die Leere in ihr, wenn auch nur für einen Augenblick.

flacker flacker flacker

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Tazri schrie, als die Wirklichkeit zersprang. Jede Erinnerung – nein, das tatsächliche Durchleben ihrer Vergangenheit – hatte sie jetzt erfahren. Alle Augenblicke fanden gleichzeitig statt, in einem kaleidoskopischen Schauspiel, das sich unendlich weit vor ihr ausbreitete. Der Halo um ihren Hals, der Halo des Engels, gleißte nun weiß und seine Hitze brannte. Selbst als ihr Geist vor dem flackernden Ansturm ihrer Vergangenheit zu fliehen suchte, wurde er hart von der Zukunft angegangen ...

flacker

Tazri lächelte breit, als ihr Meister Gideon im Griff seiner Faust hielt. Gideon schrie, und ein goldener Schild flackerte kurz um ihn herum auf, ehe er wieder in sich zusammenfiel. Ihr Meister war der Herr über Raum und Zeit, und er würde derlei Unziemlichkeiten nicht dulden.
Die Leichen der anderen, die sich eingemischt hatten, lagen ganz in der Nähe. Hier hatten sie beschlossen, ihre letzte Schlacht zu schlagen, und sie war kurz und regelrecht belustigend gewesen. Dort waren die aschegewordenen Überreste der Feuermagierin, die sich bei dem sinnlosen Versuch, Tazris Meister zu verwunden, selbst ausgebrannt hatte. Dort war die verdorrte Hülle der Elfe, die ihre Essenz mit der der Welt hatte verschmelzen lassen wollen und nun deren Schicksal teilte. Und dort war die verstümmelte Leiche des Gedankenmagiers. Er hatte als sein letztes Zauberkunststück Hunderte von Illusionen heraufbeschworen und nur entsetzt dabei zusehen können, wie sie sich gegen ihn wandten, ihre illusionären Schwerter schwangen und ihn immer wieder durchbohrten. Und bei jedem Stich sagten sie den einen Namen: „Kozilek.“

Kozilek. Der Name füllte ihre Gedanken und füllte ihre Leere. Er hatte sie endlich wieder heil gemacht. Schwer vermochte sie sich jene schimmernde, durchscheinende Welle ins Gedächtnis zu rufen, die sie getroffen, all ihre falschen Freunde getötet und nur sie am Leben gelassen hatte – ohne jedwede Erinnerung. Alles, was sie noch gekannt hatte, als sie wieder zu Bewusstsein gekommen war, war dieser eine Name gewesen, der wie das lieblichste Glockengeläut in ihrem Verstand widergehallt war. Kozilek. Kozilek. Kozilek. Alles war so klar geworden. Sie hatte für Kozilek gestritten und zugesehen, wie die Streitmacht ihres Meisters sich vor ihnen aufgebaut und sich alles auf diesen siegreichen Tag zugespitzt hatte.

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Ulamog und seinesgleichen waren nirgends zu finden. Vielleicht waren sie getötet worden oder hatten diese Welt hinter sich gelassen. Es war nicht weiter wichtig. Alles, was auf dem Schlachtfeld verblieb, waren die treuen Streitmächte ihres Meisters. Und der letzte Feind. Der letzte, fremde Eindringling: Gideon Jura.

Sie hatte Gideon schon in ihrem früheren Leben nicht gemocht, noch ehe Kozilek sie gerettet hatte. Doch nun gab es noch viel mehr Grund, ihn zu hassen. Die bloße Existenz seines Widerstands war eine Schmähung. Wie konnte eine derart erbärmliche, zerbrechliche Hülle die Unverfrorenheit besitzen, den Gebieter über die Wirklichkeit selbst herauszufordern? Gideon Jura musste bestraft werden.

Kozilek drückte zu, und kein sterblicher Leib konnte einem solchen Druck standhalten. Gideon Jura zerplatzte, und ein blutiger Sack aus zerrissenem Fleisch und gebrochenen Knochen fiel plump auf die aschweiße Erde zu den Leichen seiner Freunde. Tazri jubelte und hüpfte vor ausgelassener Freude, einer solchen Pracht ansichtig zu werden.

Ein seltsames Dröhnen wurde in Tazris Ohren lauter. Es kam weder aus der Luft noch vom Boden. Es kam aus ihrem Inneren. Das Dröhnen wurde lauter und tiefer, und erst nach und nach gelangte Tazri zu ersten Einschätzungen, worum es sich bei diesem Geräusch wohl handeln konnte.

Es klang wie Gelächter. Kozileks Gelächter.

Das Dröhnen hallte in der gesamten Sphäre wider. Tazri teilte die Freude ihres Meisters, konnte aber die Ursache von so viel Heiterkeit nicht erkennen. Kozilek hob den Arm, und da war ein Kräuseln im Raum: Gideon Jura erschien erneut vor ihnen, unversehrt und zum Leben wiedererweckt. Ein weiteres Mal steckte er in Kozileks Faust, doch sein Schrecken und sein Schreien verrieten, dass Gideon Jura sich daran erinnerte, wie er gestorben war, und nun würde er erneut sterben. Kozilek drückte zu, und ein weiteres Mal fand Gideon Jura den Tod.

Tazri quietschte vor Entzücken. Nun verstand sie die Heiterkeit ihres Meisters. Er gebot über Zeit und Raum. Welche Strebsamkeit, einen winzigen Teil dieser Bausteine so zu verändern, nur um sicherzugehen, dass ein besonders unverschämter Feind schrecklich leiden würde! Wieder und wieder und wieder und wieder.

Ein weiteres Blinzeln, ein weiteres Kräuseln: Gideon Jura wurde erneut wiedergeboren, und seine entsetzten Schreie waren köstlich.

flacker

Der Sturm wütete. Fraktale Wismutwolken machten verzauberte Polyeder bersten, während Singulraritäten auf kopflastige Asymmetrien herabnieselten.

Es klappte nicht. Nichts davon klappte.

Die ersten zehntausend Jahre nach Kozileks Verschwinden hatte Tazri ihre Kräfte dazu eingesetzt, den Wiederaufbau zu versuchen. Doch anders als sein ältester Bruder war Kozilek ein schlechter Schöpfer, und Tazris eigene Talente waren noch blasser und verkümmerter als die ihres Meisters.

Zunächst hielt sie die ganze Angelegenheit nur für eine Frage mangelnden Geschicks oder zu zögerlich eintretender Verbesserungen. Natürlich konnte sie nicht beim ersten Mal jede Einzelheit Zendikars wiederherstellen. Das war unmöglich. Doch beim hundertsten Mal? Beim tausendsten? Wenn sie sich jedes Mal nur ein Stückchen verbesserte, würde sie Zendikar irgendwann unweigerlich und unausweichlich perfekt und vollständig wieder erschaffen.

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Und dann würde er zurückkehren. Das neu geformte Zendikar würde nach ihm rufen, wie auch beim ersten Mal. Es musste einfach so sein.

Es würde einfach nur Zeit brauchen, und alle Zeit, die es gab, gehörte ihr.

Schließlich erkannte sie den Fehler in ihren Überlegungen. Sie war noch immer, selbst nach all diesen Jahrtausenden, zu menschlich. Zwar hatte sie während Kozileks glanzvoller Herrschaft zahllose Veränderungen an Körper und Geist durchlaufen, doch zu viel von ihr war makelbehaftet und schwach geblieben. Im Nachgang von Kozileks Verschwinden waren ihre Kraft und ihre Kontrolle schier unermesslich gewesen, und es hatte ihr freigestanden, die Maschinen der Wirklichkeit auf allen Ebenen ihrem Willen zu beugen. Doch natürlich konnte sie ihre Aufgabe nicht allein durch Willenskraft zustande bringen: Sie war ein Mensch.
Menschen sollten niemals nach den Zielen von Göttern streben.

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Doch was, wenn sie anstelle eines Versuchs, die Veränderung selbst zu lenken, lediglich die passende Umgebung für die Veränderung bereitstellte? Wenn sie einfach nur die nötigen Ausgangsbedingungen schuf, damit sich am Ende die Materialien zum richtigen Zendikar zusammenfügten, vielleicht ganz so, wie auch das einstige Zendikar ehedem entstanden war?

Auch dies würde einfach nur Zeit brauchen.

Ihre neueste Obsession galt dem Wetter. Selbst ihre simpelsten Experimente führten nicht einmal ansatzweise zu jenem Ergebnis, das sie erwartete, und jeder Vorstoß in komplexere Systeme versank schnell in chaotischer Zufälligkeit. Es gab keine Muster, keine Schönheit und auch keine Chance, dass Zendikar wiederauferstand.

Sie holte tief Luft – Warum bist du noch immer so menschlich? Hör auf zu atmen! Das musst du doch gar nicht! – und machte sich wieder an die Arbeit.

Sie wollte ihn zurück. Warum hast du mich verlassen? War ich keine gute Soldatin? Wir haben gewonnen. Wo bist du jetzt? Vermisst du mich? Sie sehnte sich nach seinem Lachen, seiner tröstlichen Gegenwart. Sie wollte, dass ihre Leere ein weiteres Mal gefüllt wurde. Sie würde es weiter versuchen, sich weiter verbessern, mehr und mehr verstehen. Sie wandte ihr Gesicht dem absonderlichen Regen zu und spürte, wie er auf ihre nachgebildeten Wangen fiel.

flacker

Die Sterne und die Sonne waren längst schwarz und tot, und nichts bewegte oder regte sich.

Tazri lag tief in der Erde, eingehüllt in Kokons aus Energie und Mustern. Vor Milliarden von Jahren hatte sie so viel Energie gespeichert, wie sie nur konnte, um so lange zu warten, wie sie nur konnte.

Kozilek würde zurückkommen. Dessen war sie sich gewiss. Sie musste einfach nur hier sein.

Die meiste Zeit über schlief sie, doch dann und wann musste sie erwachen, um ihre Kokons anzupassen und dafür zu sorgen, dass sie während ihres langen Schlummers nicht einfach verging. Sie musste so viel Energie wie nur irgend möglich sparen. Um sich selbst zu beschäftigen, erzählte sie sich Geschichten. Schließlich kam sie zu ihrer Lieblingsgeschichte: der Tag, an dem Gideon starb.

Wieder und wieder erzählte sie diese Geschichte, um lange beim Tod eines jeden Fremdlings und dann schließlich jedem einzelnen Tod zu verweilen, den Gideon an diesem nahezu endlosen Tag gestorben war.

Es dauerte so, so lange, diese Geschichte zu erzählen, und wenn sie fertig war, begann sie sie von vorn. Jedes Mal sprach sie die Worte, die sie an die Wärme von Kozileks Lachen erinnerten und daran, welches Gefühl von Erfülltheit er ihr beschert hatte.

Obgleich sie ihn seit Billionen von Jahren nicht gesehen hatte, wusste sie, dass es eines Tages wieder so weit sein würde. Und dann würde alles gut werden.

Und in der Leere dazwischen würde sie schlafen und ihre Geschichten erzählen. Sie waren alles, was sie brauchte, bis Kozilek zurückkehrte.

„Das ist die Geschichte von dem Tag, an dem Gideon starb.“

flacker flacker flacker

Tazris Bewusstsein löste sich unter dem Druck auf. Welches sterbliche Wesen konnte einen Blick auf die Unendlichkeit ertragen? Ein Teil von ihr tief in ihrem zerschundenen Geist fragte sich, weshalb sie noch nicht zerfallen war und sich der endlosen Leere ergeben hatte.

Der Halo des Engels wurde heller.

Es lag etwas ... Beruhigendes ... darin. Etwas, was den Schrecken milderte. Ein Balsam, der den bittersten Stacheln des Wahns ihr Gift nahm. Doch für die Wärme und die Kraft des Halos des Engels hätte sie in den brabbelnden Abgrund vordringen müssen, aus dem es kein Zurück gab.

Der Halo um ihren Hals pulsierte und verdichtete sich. Sein Licht leuchtete noch heller – ein schier unendliches Weiß, das die Leere füllte.

Es blitzte auf, und der Rest der Welt verschwand.

Tazri stand? Schwebte? Existierte. Existierte auf einer konturlosen, weißen Welt. All ihre Krieger, all die Eldrazi, all die Zendikari waren verschwunden.

Erinnerungen flohen aus ihrem Bewusstsein. Da war eine Zukunft gewesen. Etwas ... Entsetzliches. Wie ein Fiebertraum, aus dem es kein Entrinnen gab: dunkel, endlos und voller Schrecken. Sie versuchte, den Traum festzuhalten, doch er löste sich auf, als sie ihn zu greifen versuchte. Sie war über den Verlust erleichtert.

Ein kleiner Teil des endlosen Weiß vor ihr warf Falten und gerann. Zuerst sah sie ein Gesicht. Ein makelloses Gesicht. Und dann darunter einen Körper, Arme und Beine und vier prächtige Schwingen, zwei an jeder Seite – groß und ausgebreitet.

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Es war der Engel, den sie vor zwanzig Jahren getötet hatte. Vor einer Unendlichkeit, flüsterte ein verirrter Gedanke. Zu ihrer Verblüffung brach Tazri in Tränen aus.

„Wo bin ich? Wie ist ... ?“ Sie deutete auf die weiße Weite. „Wie ist irgendetwas davon möglich?“

Der Engel schenkte ihr ein Lächeln, und Tazri sonnte sich in seinem Glanz. Weitere Schrecken und Erinnerungen wichen aus ihrem Geist, geschmolzen von der Wärme und der Liebe dieses Lächelns. Obgleich sich weder das Gesicht noch die Lippen des Engels bewegten, hörte Tazri eine sanfte Stimme in ihrem Kopf:

„Wir befinden uns jenseits der Zeit, Tazri. Jenseits von Kozileks Reich. In den Qualen von Kozileks Feld wurde sämtliche Zeit für dich zu einem Jetzt verdichtet. Es war lediglich der kürzeste Schritt, aus dem Jetzt zu entkommen und von aller Zeit befreit zu sein. Du bist hier sicher.“

Bei dem Wort Kozilek zuckte Tazri zusammen, obwohl sie nicht mehr wusste, warum. Der Name brachte etwas in ihr zum Klingen, wie ein Läuten dunkler Glocken, das nicht nur durch ihren Kopf hallte, sondern durch ihren gesamten Körper und ihr tief ins Mark fuhr. Sie vermochte nicht zu sagen, ob diese Regung in ihr Schrecken oder Entzücken war.

Womöglich war sie beides. Erneut drohte sich ein Abgrund vor ihr zu öffnen. Einer, in den sie sich hätte hineinstürzen können, um nie mehr wiederzukehren ...

Wieder tauchte das Gesicht des Engels vor ihr auf, um sie lächelnd zur Besinnung kommen zu lassen.

„Viele Jahre lang warst du schwer verwundet, Tazri. Es ist an der Zeit, dass du geheilt wirst. Es ist sogar längst überfällig.“

Sie erinnerte sich an ihr Verbrechen. Sie hatte das Schwert in den Engel gestoßen und einem Wesen von solcher Reinheit und Schönheit den Tod gebracht – wie konnte dies ungestraft bleiben?

„Du solltest Heilung erfahren ...“

„Nein!“ Die Wildheit ihrer Erwiderung verblüffte Tazri. Wann hatte sie das letzte Mal etwas so klar und so heftig empfunden? So rein.

„Es war an mir, dieses Opfer zu bringen! Du hast mir gesagt, dass es einen Preis haben würde, und ich tat es dennoch. Ich zahlte ihn, und ich zahlte ihn aus freien Stücken! Das kannst du mir nicht nehmen!“ Die Gewaltigkeit dessen, was Tazri in diesen zwanzig Jahren verloren hatte, wurde in ihrer vollen Tragweite offenkundig. Niemals Zuversicht oder Begehren oder Freude zu kennen. Niemals wirklich voll an der Gegenwart beteiligt zu sein und nach einer besseren Zukunft zu streben. Niemals Hoffnung zu kennen.

So vieles hatte sie verloren. Es war meine Entscheidung!

„Tazri, du hast eine Ewigkeit lang gelitten. Du hast genug gelitten. Es sei dir vergeben.“

„Ich brauche deine Vergebung nicht!“, knurrte Tazri.

„Nicht meine Vergebung. Deine.“

Vor zwanzig Jahren hatte Tazri einen Engel getötet, und etwas war in ihr zerbrochen. Nun verband sich etwas. Formte sich neu. Wurde heil. Tränen rannen ungehemmt aus Tazri heraus, und noch mehr als Tränen: All die Gefühle, die jahrelang geschlummert hatten, flossen nun in einem gewaltigen Strom in sie zurück. Sie krümmte sich unter ihrer Wucht. Wie kann ich dies überstehen? Eine Pause. Dann: Du hast viel Schlimmeres überstanden. Sie schöpfte Kraft aus der Zuversicht dieser Stimme, und sie erkannte nur äußerst langsam, dass es ihre eigene war.

„Kozileks Feld fährt durch dich hindurch, Tazri. Die Zeit wird nicht länger stillstehen. Du wirst nicht länger stillstehen.“

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Die Wirklichkeit begann, in den weißen Raum in Tazris Bewusstsein einzudringen. Kozilek. Ulamog. Die Titanen waren frei und verwüsteten das Land. Gideon und seine Freunde waren verschwunden oder tot. Wie konnte Zendikar gewinnen? Wie konnte Zendikar überleben?

„Kozilek kann Zeit und Raum beeinflussen, Tazri. Das ist wahr. Das ist sein Zweck. Doch Zeit und Raum sind lediglich zwei der Dimensionen in jener unermesslichen Vielfalt all dessen, was existiert.“

Die Stimme begann zu verklingen, genau wie das weiße Licht, das auf ihre Sinne einstürmte, nach und nach verblasste. Wirklichkeit – die wahre Wirklichkeit – gewann an den Rändern ihres Blickfelds Gestalt.

„Ich verstehe nicht. Bitte hilf mir.“

„Kozilek könnte trotz all seiner Macht und all seiner Herrschaft niemals tun, was du vor zwanzig Jahren getan hast. Solche Dimensionen sind für ihn und seinesgleichen nicht zu begreifen oder zu meistern. Doch für dich schon. Du, die du geliebt hast. Du, die du so viel für ein Wesen geopfert hast, das du nicht einmal kanntest. Du, die du Gnade für einen sterbenden Engel fandst und bereit warst, den Preis dafür zu zahlen. Zeit und Raum sind nur kümmerliche Landstriche im Vergleich zu den Königreichen von Liebe und Gnade.“ Die Stimme war nun nur noch ein Flüstern, und das Weiß nur mehr eine kleine Kuppel um sie herum. Die Gestalt des Engels verschwamm.

„Du wirst dich nicht an vieles von deinem kleinen Zwischenspiel hier erinnern. Andernfalls würdest du nicht bei Sinnen bleiben. Erinnere dich jedoch dessen: Du kannst siegen. Du wirst siegen. Es gibt keine andere Wahl.“ Und dann war die wunderbare Stimme verschwunden, und die Wirklichkeit brach mit grollendem Donner und fauchendem Feuer über sie hinein.


Blitze und Flammen fuhren vom Himmel auf Schwärme von Eldrazi herab, die den zerstörten Damm von Seetor umzingelten. Überall, wohin Tazri blickte, sah sie tote Freunde. Leichen, die noch vor ein paar Wimpernschlägen lebendig gewesen waren. Nun lagen sie in den Trümmern eines vorübergezogenen Sturms verstreut. Tazri verstand nicht, was geschehen war. Sie war vor der Katastrophe geflohen und hatte sich umgewandt, um die grauenvolle Gestalt Kozileks anzusehen ... und dann war da nur eine leere Seite im Buch ihres Gedächtnisses, ein kurzes Blinzeln, und nun waren ihre Krieger tot und sie allein war noch am Leben. Sie spähte nach Kozilek, doch er war bereits weit in der Ferne verschwunden und bewegte sich von ihnen fort, als hätte er sich von einem Augenblick zum nächsten über eine immense Strecke hinwegteleportiert.

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Dem Feuer und den Blitzen gesellten sich Wogen aus Erde hinzu, die sich aus eben noch planem Boden erhoben, um Eldrazi unter sich zu zermalmen und zu zerquetschen. Tazri sah vier Gestalten hinter sich, die von einem vertrauten Meermann angeführt wurden. Noyan Dar. Noyan hob die Arme. Windgepeitschtes Feuer rauschte aus den umliegenden Bränden heran, zu versengenden Flammenstößen gebündelt, die auf große Eldrazi einprasselten. Einer von ihnen zuckte, und ein schimmerndes Feld baute sich zwischen ihm und dem Zorn der Erde auf. Die dahinfegende Erde und die rasenden Flammen verschwanden in dem schimmernden Feld, nur um aus einem anderen schimmernden Tor wieder aufzutauchen, das sich hinter Noyan und seinen Turbulenzmagiern gebildet hatte. Tazri blieb nicht die Zeit, eine Warnung zu rufen, als Feuer und Erde durch die Turbulenzmagier fuhren und ihnen ein Ende bereiteten.

Allen außer einem. Eine kleine Säule aus Felsen und Erde erhob sich aus dem Blutbad und katapultierte Noyan Dar in die Höhe. Sie schleuderte ihn Hunderte von Schritt in die Luft, und trotz seiner herausragenden Kräfte konnte sich Tazri nichts anderes als ein tödliches Ende seines Fluges vorstellen. In dem Versuch, mit den Armen wedelnd einen letzten Zauber zu weben, taumelte er dem Boden entgegen, als eine dunkle Gestalt herbeischwebte und seinen Sturz kurz vor dem Aufprall abfing.

Und mit ihr erschienen Hunderte weitere – ganze Wellen von Truppen, die flogen oder rannten und Eldrazibrut gleich im Dutzend niederstreckten. Tazri machte die furchterregenden Gestalten von Vampiren aus, aber auch Menschen, Kor, Elfen und Meervolk. Sie sah Munda und einige andere, die sie erkannte. Und die fliegende Gestalt, die sie Noyan hatte retten sehen, war ...

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Drana. Tazri hatte die Vampirkönigin nie gemocht. Kalt, gebieterisch – ihre Gegenwart erinnerte Tazri an ein Krokodil. Kühl und beherrscht, bis Zähne und Angriffslust unvermittelt zum Vorschein kamen und man plötzlich tot war. Tazri traute Drana nicht, doch sie war dennoch außer sich vor Freude über das Erscheinen der Herrin der Vampire. Drana setzte Noyan am Boden ab und landete vor Tazri. Beide trugen unverhohlenen Zorn im Gesicht, doch da war noch etwas anderes.

Sie wirkten zögerlich, unsicher. Kozilek. Kozilek bringt jedes Gleichgewicht ins Wanken. Tazri konnte sich nicht vorstellen, dass noch jemand anders von der gleichen schimmernden Welle getroffen worden war wie sie. Andernfalls wäre diese Person zu Tode gekommen – wahrscheinlich auf irgendeine grausige Weise –, obwohl Tazri noch immer nicht begreifen konnte, wie es ihr gelungen war, die Welle zu überleben, und warum sie sich an nichts davon erinnern konnte. Doch man musste Kozileks Einfluss nicht unmittelbar ausgesetzt sein, um seine Wirkung zu spüren. Die gesamte Wirklichkeit erzitterte vor ihm.

Die Ankunft von Dranas und Mundas Streitkräften hatte für den Moment das Blatt der Schlacht gewendet. Das erste Mal, seit Ulamog seine Ketten abgeschüttelt hatte, wurde Zendikar nicht von den Schrecken der Eldrazi übermannt. Doch die Lage war noch immer ernst. Sie waren beinahe eingekreist, und mehr als die Hälfte von ihnen war bereits gefallen. Ohne einen Plan würde nur einer von zehn das Glück haben, diese Schlacht zu überleben. Und dann wäre Zendikar wahrlich verloren. Inmitten des Chaos und des Sterbens musste jemand das Zepter in die Hand nehmen.

Da war ein kurzer Augenblick des Zweifelns. Wer bin ich, diese Anführerin sein zu wollen? Und dann verstummte diese Stimme, verdrängt von einer anderen, die zwanzig Jahre lang geschwiegen hatte und die ihr trotz all der vielen Zeit, die vergangen war, sofort vertraut vorkam. Ich bin Tazri. Ich habe für Zendikar gestritten und geblutet. Ich habe fünfzehn Jahre lang unter Vorik alles über die Formen und die Möglichkeiten der Befehlsgewalt gelernt. Ich bin hier – für mein Volk und für meine Welt. Ich bin Tazri, und das ist genug.

Irgendwo tief in ihrem Bewusstsein hallte der Klang einer süßen, reinen Stimme wider, und Tazri fühlte sich schwindelig vor Eifer, als sie das Kommando übernahm.

„Drana, wie viele Leute hast du noch übrig?“

Drana sah sie an und sagte nichts – entweder noch immer von den Ereignissen des heutigen Tages überwältigt oder unwillig, von Tazri Anordnungen entgegenzunehmen. Vielleicht auch beides.

„Drana!“ Tazri erhob die Stimme, ohne Zorn zwar, aber mit deutlich gebieterischem Befehlston. Dranas Augen verengten sich, und der Hauch eines räuberischen Lächelns kehrte zurück. Doch sie antwortete: „Eintausend. Starke Krieger, aber es ist nicht leicht, gegen Kozileks Brut zu kämpfen. Kraft und Stärke allein ... reichen nicht.“ Der gleiche gehetzte Ausdruck von eben erschien wieder in Dranas Blick, auch wenn sie ihr beunruhigendes Lächeln beibehielt.

„Noyan, wie viele Turbulenzmagier gibt es noch?“ Wo Drana schon etwas angekratzt wirkte, schien der mächtige Magier Noyan Dar wahrhaft erschüttert. „Sie ... Sie sind tot. So gut wie alle. Und die Überlebenden können nicht viel ausrichten. Ich ...“ Noyan Dar sank schluchzend in sich zusammen. Tazri wollte mit ihm weinen und all die Toten betrauern, doch die Lebenden erwarteten eine andere Antwort.

„Noyan, du kannst jetzt nichts mehr für sie tun. Ich verspreche dir Rache für die Toten und Hoffnung für die Lebenden. Noyan!“ Noyan blickte auf.

„Ja, Tazri. Ja. Was brauchst du?“ Noyans Trauer wurde von Zorn verdrängt. Von Zorn und Zielstrebigkeit. Bestens.

„Ich brauche einen Riss. Einen großen Riss zwischen uns und den Eldrazi, die um Seetor herumschwärmen. Jeder, der noch in Seetor ist, ist entweder tot oder liegt bereits im Sterben. Wir können nichts für sie tun. Aber es sind noch immer Tausende von uns hier.“

„Ja. Das kann ich tun. Aber ich brauche Zeit. Besonders deshalb, weil ich es allein tun muss.“

„Du wirst nicht allein sein. Fange aber schon einmal damit an. Munda, bereite die Truppen vor. Wir verschwinden von hier. Wer nicht gehen kann, wird zurückgelassen.“

Munda verbarg seinen Zorn und seine Pein nicht. „Das kannst du nicht ...“

„Das kann ich. Und das werde ich. Wenn wir hierbleiben, sterben wir. Den Schwerverwundeten droht das gleiche Schicksal, ganz gleich, was wir tun. Wir müssen überleben. Zendikars einzige Hoffnung liegt bei uns.“ Munda hielt inne und musterte sie prüfend. Eine beharrliche Tazri war ihm fremd. Doch er hatte an ihrer Seite gedient. Er kannte sie. Er nickte und machte sich an die Vorbereitungen.

„Drana!“ Die Vampirkönigin hatte ihren Untergebenen ihre eigenen Befehle erteilt, wandte sich jedoch langsam um und lächelte die ganze Zeit über träge.

„Sende fliegende Kundschafter aus, um herauszufinden, ob noch irgendwo größere Gruppen fähiger Kämpfer übrig sind. Und halte nach Gideon Ausschau. Wir brauchen ihn und die anderen hier.“

„Pah. Der Krieger ist tot. Oder wird es bald sein.“ Dranas Stimme triefte vor Hohn.

„Nein. Er lebt. Und wir werden ihn finden.“ Einige Soldaten um sie herum spitzten sichtlich die Ohren. Dort wo in ihrem Blick gerade noch nackte Verzweiflung gewesen war, flackerte Hoffnung auf. Tazri war erstaunt, wie zuversichtlich sie war. Doch sie war sicher, dass Gideon am Leben war. Sie brauchte Gideon, damit sie eine glaubhafte Aussicht hatten, diesen Krieg zu gewinnen. Und genau daher war er noch am Leben. Gestern wäre ihr dieser Gedankengang noch bizarr und falsch erschienen. Zuversicht wider jede bessere Vernunft ist das größte Geschenk, das ein Anführer seinen Leuten machen kann.

„Setze diese Kundschafter in Bewegung, Drana.“

„Ach je. Ganz die kleine Generalin. Ja, Generalin Tazri, auf der Stelle! Eine Frage noch: Warum sollte ich auf dich hören? Sollte ich mir irgendwelche beliebigen Meinungen anhören wollen, bin ich sicher, die meine am überzeugendsten zu finden.“

Generalin Tazri ... Die Worte waren im Spott gefallen, aber Tazri musste zugeben, dass ihr der Klang gefiel. Es war Zeit, den großen Wurf zu wagen. Sie trat dicht an Drana heran, legte die Lippen an ihr Ohr und wisperte:

„Du bist weitaus mächtiger als ich, Drana. Wahrscheinlich sogar mächtiger als jeder andere von uns.“ Dranas Lächeln wirkte nun geradezu verschämt. „Deine Leute reden, Drana. Wir wissen, was du getan hast. Wir wissen, wozu du fähig bist. Aber auch du weißt etwas: Die Vampire von Guul Draz mögen dir folgen, doch der Rest von uns wird dies niemals tun. Die Furcht vor den Vampiren ist zu groß. Die Furcht vor dir. Also werde ich uns führen. Betrachte mich als eine Art Strohmann, wenn du willst. Wir können einander später umbringen, sobald alle Eldrazi tot sind. Doch bis dahin werde ich diese Streitmacht anführen. Aber ich brauche deine Hilfe. Zendikar braucht deine Hilfe. Bitte.“ Tazri bemerkte, dass sie den Atem anhielt und stieß ihn bedächtig aus. Keine Angst mehr. Nie wieder.

Drana trat von Tazri zurück und starrte sie an. Ihr Lächeln war verschwunden. In ihren Augen erkannte Tazri die Gegenwart von etwas Altem und Fremden. Es war ein bedrohlicher Blick, der sie noch vor einer Stunde voller Schrecken auf die Knie hätte fallen lassen. Ich habe eine Unendlichkeit durchlebt, kleine Vampirin. Der kurze Auftritt deiner Existenz ist kaum mehr als Morgentau. Tazri wusste nicht, woher der Gedanke stammte. Sie verstand nicht einmal, was er bedeutete, doch er tröstete sie. Sie lächelte.

Dranas Gesicht verriet ein gewisses Unbehagen, und sie wandte den Blick ab.

Als sie Tazri wieder ansah, war sie erneut ganz Hohn und offen zur Schau getragene Überheblichkeit, unterstrichen von ihrem bösartigen Lächeln. Doch Tazri wusste, dass es nur gespielt war. Zeit, etwas Druck aufzubauen.

„Eins noch, Drana. Ich will, dass du Kraft an Noyan Dar weiterleitest. Er hat keine Turbulenzmagier mehr, die ihm helfen könnten. Daher wirst du ihm das liefern müssen, was er braucht. Du musst das unbedingt für mich bewerkstelligen.“

Tazri konnte Dranas Wut spüren und sah, wie sich die Wirklichkeit auf viele verschiedene Arten vor ihr ausbreitete. Einige dieser Verläufe endeten für sie sehr rasch und sehr blutig. Doch sie konzentrierte sich auf das Ergebnis, das sie wollte. Das Ergebnis, das sie brauchte.

Als Drana nach einer langen Pause schlicht sagte: „Wie du befiehlst, Generalin Tazri!“, wussten sie beide, dass es ihr ernst war. Zumindest fürs Erste.

Die Eldrazi begannen erneut, sich vor Seetor zu sammeln. Obwohl sowohl Ulamog als auch Kozilek anderswo beschäftigt waren, gab es hier noch genügend Brut, um ihnen das Leben zunehmend schwerer zu machen. „Noyan! Ich brauche diesen Zauber. Jetzt!“

Ulamog und Kozilek frei und ungezügelt. Die Hälfte von Zendikars Streitmacht gefallen. Gideons Verbleib unbekannt. Und Tazri hatte beinahe die Hälfte ihres Lebens an einen Nebel der Trägheit verloren, der erst heute gelichtet worden war – alles wegen eines Akts der Gnade, der sie um ein Haar restlos alles gekostet hätte.

Tazri dachte an all das und wischte den Gedanken dann fort. Das ist es, wo ich sein will. Das ist es, was zu tun mir bestimmt ist.

Der Kampf um Zendikar war noch nicht verloren. Der Kampf um Zendikar fing gerade erst an. Und Zendikar würde siegen. Sie hörte die wundervolle Stimme eines Engels singen. Generalin Tazri lächelte.

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Veröffentlicht in Official Magic Fiction on 13. Januar 2016

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