Oath of the Gatewatch

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Judge Fredd
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » Mi 27. Jan 2016, 22:14

Das Programm ist wohl nicht dazu ausgelegt so große Textmengen zu posten. Hat mir den Text ziemlich durcheinander gewürfelt. Hoffe, es passt jetzt.
Wenn wem was auffällt, bitte sagen.

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Judge Fredd
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » Do 28. Jan 2016, 20:18

Entflammt


Chandra Nalaar traf genau zu jenem Zeitpunkt auf Zendikar ein, als dort die Hölle losbrach. Der Dämon Ob Nixilis hatte seinen Funken zurückerhalten, einen Titanen erweckt und die Zerstörung von Seetor herbeigeführt. Nun streifen zwei Titanen der Eldrazi frei auf Zendikar umher und die Zendikari sind in alle Winde verstreut. Chandra ist fest entschlossen, sich wieder mit ihren Gefährten zusammenzuschließen, doch inmitten all des herrschenden Chaos muss sie zunächst herausfinden, wo diese – oder der rachsüchtige Dämon – überhaupt abgeblieben sind.

Chandra zog sich einen Felsvorsprung hinauf und hielt nach zwei vertrauten Gesichtern Ausschau, doch sie sah nur Zerstörung und Flucht. Kozilek und Ulamog schritten durch die Landschaft und zogen dabei zwei tiefe Schneisen aus verderbter Erde hinter sich her. Sie waren ob Chandras Feuerstößen nicht einmal zusammengezuckt, aber die Pyromagierin hatte dennoch das untrügliche Gefühl, dass die Titanen einfach kehrtmachen und sie verschlingen würden, sollte sie sie allzu nachdrücklich auf sich aufmerksam machen.

Breite, fahle Pfade verliefen kreuz und quer über das Schlachtfeld und verrieten, welchen Weg die Brut der beiden riesenhaften Geschöpfe genommen hatte. Den Eldrazibrutlingen gingen die Menschen aus, denen sie nachstellen konnten. Viele der Zendikari waren geflohen, als Kozilek sich erhoben hatte und der Damm gebrochen war. Viele waren verschlungen worden. Von den Gesichtern, nach denen Chandra suchte, war nicht das Geringste zu sehen.

Auch gab es keinerlei Zeichen jenes Dämons, dessen Einmischung erst zu all dem geführt hatte.

„Gideon?“, rief sie einmal, zweimal, dreimal, jedes Mal lauter und mit wachsender Anspannung.

Ein keckerndes, knisterndes Geräusch kündete von der Ankunft eines neuen Eldrazischwarms, der über einen Hügelkamm auf sie zuhuschte. Die Kreaturen würden bald hier sein. Es waren zu viele, um es allein mit ihnen aufzunehmen.

Mit zu Schlitzen verengten Augen und geballten Fäusten dachte Chandra so laut sie nur konnte: „Jace?“ Sofort kam sie sich albern vor.

Keine Antwort, weder auf geistigem Wege noch anderweitig.

Chandra blickte mit zusammengekniffenen Augen zu dem Schwarm. Die Eldrazi hatten zu viele Ellenbogen und Knie, an deren Gelenken sich niemals blinzelnde Augen befanden. Sie schaute hinter sich, doch das Land fiel zu einem flirrenden Tal hin ab, dessen Grund von den Eldrazi verwüstet worden war. Sie nahm breitbeinig und hoch aufgerichtet Aufstellung vor dem Schwarm. Sie zog sich die Schutzbrille über die Augen und neigte den Kopf zur Seite, bis ihr der Nacken knackte.

Als sie sich so in Position brachte, stieß ihr Fuß gegen etwas Metallenes. Sie sah rasch nach unten. Es war ein großer Bucklerschild, der halb im Schlamm vergraben war. Sie funkelte den Schwarm finster an und beugte sich nach vorn, um den Schild aufzuheben, ohne die Eldrazi dabei aus den Augen zu lassen. Der Schild mochte verbeult sein, aber sie erkannte ihn wieder.

Sie schluckte schwer. Kurz drückte sie sich den Schild gegen die Stirn. Etwas kratzte ihr in der Kehle. Sie presste den metallenen Buckler mit den Fäusten zusammen, bis seine Ränder knirschten.

Aus irgendeinem Grund blitzten die Gesichter ihrer Eltern vor ihrem inneren Auge auf. Sie hatte nie verstanden, warum sie immer zu derart merkwürdigen Gelegenheiten an sie denken musste – es kam einfach über sie. In ihrem Kopf waren sie nie gealtert: Sie waren noch immer genauso alt wie damals, als sie sie zum letzten Mal gesehen hatte. Als sie noch ein Kind auf Kaladesh gewesen war. Sie dachte nicht an ihre letzten Augenblicke: Sie sah ihren Vater nicht mit einem Messer in den Eingeweiden auf die Knie fallen, und sie sah nicht den versengten Schal ihrer Mutter im Schlamm, wie das Tuch mit dem Dorf um sie herum verbrannte. Chandra sah nur, wie sie sie mit einem elterlichen Blick voller Güte und Stolz ansahen.

Sie knirschte mit den Zähnen. Sie war viel zu spät nach Zendikar gekommen.

Die Stimme einer Frau erklang hinter ihr, von unten aus der kleinen Schlucht. „He, Feuermagierin.“

Sie wandte sich um.

„Gehört das dem Generalhauptmann?“ Eine groß gewachsene Frau in einem Plattenpanzer hockte in der Mulde, die Kozileks Verderbtheit geschaffen hatte. Neben ihr drückte sich eine kleine Gruppe Zendikari an die Wand der Spalte – hauptsächlich Kundschafter und Fußsoldaten, die meisten von ihnen verwundet.

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Chandra schaute wieder zu dem sich nähernden Schwarm, der langsam auf sie zukrabbelte. Sie ließ sich in die Spalte hinuntergleiten und hob den Schild. „Er gehört Gideon. Habt ihr gesehen, was mit ihm geschehen ist?“

„Er hat gegen den Dämon gekämpft“, sagte die Frau. „Er ging zu Boden.“

Chandra ließ die Schultern hängen.

„Aber er ist am Leben“, sagte die Frau.

„Generalin Tazri ...“, setzte einer der Kundschafter an.

„Er ist am Leben“, wiederholte sie.

„Generalin Tazri“, sagte Chandra, „es ist wichtig, dass ich ihn finde.“

„Auch wir brauchen ihn“, sagte Tazri. Sie riss mit den Zähnen einen Streifen Verbandszeug von der Rolle, wickelte ihn um das Bein eines der Kor-Kundschafter und zog die Binde straff. „Der Dämon hat ihn und zwei andere mitgenommen.“

„Mitgenommen? Wohin?“

„Er war auf dem Weg zu einer Höhle“, sagte ein anderer der Kundschafter. Seine Augen und seine Zähne wiesen ihn klar als Vampir aus. Er deutete in Richtung einiger schroffer Felswände in der Ferne. „Der Eingang ist dort, in der Kluft zwischen diesen beiden Bergspitzen. Nur eine Handvoll Meilen auf dem Luftweg.“

„Danke“, sagte Chandra. Sie befestigte sich den Buckler am Arm und hielt sich an dem schimmernden Gestein fest, um aus der Spalte herauszuklettern.

„Warte“, sagte Tazri. Sie drehte den Kopf zu ihrer Gruppe. „Ich habe hier Verwundete. Wir sind nicht in der Verfassung, jetzt einen Rettungstruppe anzuführen.“

Chandra fragte sich, was genau das mit ihr zu tun hatte. „Ich gehe zu ihm. Bleibt hier.“

„Was ist mit dem Schwarm?“, fragte Tazri.

Chandra steckte den Kopf aus der Schlucht. Die Eldrazi hielten noch immer geradewegs auf sie zu. „Ich locke sie weg.“

Tazri musterte Chandra stirnrunzelnd von oben bis unten. Dann zog sie einen schweren Streitkolben und nickte. „Wir decken deinen Abgang. Danke.“

„Bleibt einfach hier unten und passt auf euch auf.“

Chandra kletterte aus der Spalte. Sie stand auf, klopfte sich den Staub ab und entflammte gleichzeitig.

Ihr Haar loderte auf und ihre Hände begannen zu glühen. Ein alles verzehrender Zorn, angesichts dessen sie sämtliche Muskeln anspannte, wärmte ihr die Glieder. Der Zorn war vertraut und tröstlich. Sie lehnte sich innerlich an ihn an wie an einen verlässlichen Freund. Äußerlich wirbelte Chandra herum, und die Luft um sie herum fing Feuer. Ein brausender Zyklon aus wirbelnden Flammen raste über das Feld vor ihr, und sie folgte ihm nach, während er durch den Schwarm hindurchfuhr. Eldraziteile wurden hoch in die Luft geschleudert, um dann rauchend auf den Boden zu prasseln.

Der Schwarm gab ein raues Zischen von sich und nahm nun sie anstelle von Tazris Kämpfern ins Visier. Ihr Puls ging schneller. Ihr Haar brannte heißer.

„So ist‘s recht“, sagte Chandra. „Ich bin ein strahlendes Leuchtfeuer aus Mana und Licht, ihr Bastarde.“

Sie wandte sich in Richtung der schroffen Felsen. Als sie losrannte, wehten die Flammen ihrer Haare wie ein Banner hinter ihr her.

Sie sprang über Spalten und über kleine Risse. Ohne eigens dafür anzuhalten, blickte sie immer wieder hinter sich. Von hier aus konnte sie erkennen, dass Kozileks Brut neben ihrer allgemeinen Widerlichkeit auch noch schlimme Verwüstung mit sich brachte. Eine Schneise der Zerstörung erstreckte sich hinter dem Schwarm – abnorme, quadratische Muster, wo einst das lebendige Land Zendikars gewesen war.

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Sie hielt die Hitze aufrecht und rannte weiter, während sie wütende Feuerstöße hinter sich schleuderte. Gelegentlich wirbelte sie herum und gab eine Feuersalve ab, die einen oder zwei der Eldrazi auslöschte, was den Rest umso heftiger anstachelte und nur weiter von Tazris Verwundeten ablenkte.

Nach einigen Meilen fiel der Schwarm zurück. Sie vermochte die schwebenden, schwarzen Panzerplatten der Eldrazi in der Ferne kaum noch auszumachen, und auch die grotesken Schneisen, die von ihnen in die Landschaft gezogen worden waren, hatte sie hinter sich gelassen. Chandra richtete ihre volle Aufmerksamkeit auf die beiden Gipfel vor sich.

Sie erreichte eine Anhöhe, und das Land fiel dahinter zu einem gewaltigen Krater ab: der Schlund einer Höhle, umgeben von spitzen Polyedern, die alle nach innen in die Tiefen der Höhle wiesen.

Als sie näherkam, bemerkte sie, dass der weitere Weg versperrt war. Der Eingang war vollständig von einer erst kürzlich entstandenen Kruste bedeckt, die in rechtwinkligen Spiralmustern schimmerte. Dies war die Höhle, zu der der Dämon die anderen gebracht hatte, doch die irisierende Schicht verwehrte ihr das Vorankommen.

Chandra stockte der Atem. Auf der vernarbten Oberfläche sah sie eine verzerrte Spiegelung. Es war nicht ihr eigenes Antlitz, sondern die Gesichter ihrer Eltern. Ihre Augen blickten sanft. Ihre Münder bewegten sich und sie nickten zustimmend, doch die beiden Gesichter wanderten auf sonderbare Weise an der Oberfläche entlang. Chandra konnte nicht verstehen, was ihre Eltern sagten. Sie streckte die Hand nach ihnen aus, aber das Bild zersprang in tausend Teile. Ohne dass sie es ihnen auch nur ansatzweise gestattet hätte, drehten sich ihre Gedanken mit einem Mal um den verbrannten Schal ihrer Mutter am Boden vor dem Dorf auf Kaladesh und um die flehenden Augen ihres Vaters, als er auf die Knie sank, die Hände gegen den Bauch gedrückt, um das Blut aufzuhalten ...

Sie knirschte mit den Zähnen und presste sich die Fäuste in die Augenhöhlen. Als sie die Fassung zurückgewann und die Hände wieder herunternahm, war das Einzige, was sich noch in den Spiralen spiegelte, sie selbst, umgeben von Feuer und mit Augen wie heiße Kohlen. Sie wandte sich zurück zu der Barriere. Sie warf einen raschen Blick auf ihre Hände. Es waren keine Kinderhände wie damals, als ihre Eltern gestorben und ihr Funke das erste Mal entfacht worden war. Es waren die Waffen einer Pyromagierin. Sie presste sie erst flach zusammen und verflocht dann die Finger, um so eine einzige Faust zu bilden. Sie hob die Arme und formte einen weißglühenden Feuerball um ihre Hände herum. Sie sagte nichts, als sie sich den verzerrten Spiralen zuwandte und auf ihr eigenes Spiegelbild einschlug.

Die Kruste zersprang. Eine Wolke aus Splittern und Erdklumpen rieselte herab. Sie hatte vorgehabt, ein Loch hineinzuschlagen, das groß genug war, um sich hindurchzuzwängen. Stattdessen hatte sie die gesamte Barriere zerschmettert und den Höhleneingang vollständig freigelegt.

Im Inneren fanden sich weitere Muster der Zerstörung. Die Erde selbst war hier durchwühlt, ausgezehrt und verwandelt worden.

Chandra erinnerte sich daran, wie der Dämon Kozilek heraufbeschworen und wie er kalt über die Streitmächte unter ihm und über diese ganze Welt gelacht hatte. Sie wusste, dass Kozilek nicht hier war. Dies war das Versteck eines Dämons.

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Chandra hielt ihren Zorn am Brodeln, während sie den verschlungenen Gängen in die Tiefe folgte. Die spiralverzierten Ruinen um sie herum schimmerten eigenartig im Licht ihres Feuers.

Sie hörte eine tiefe, gelassene Stimme in der Kammer vor sich Worte deklamieren. „... ein ganzes Leben voller Todesqual auf dieser verfluchten Welt“, sagte die Stimme. „Ich habe weitaus weniger Zeit mit dir zu teilen, doch ich kann kann dir versichern: keinen Deut weniger Schmerz.“

Als sich die Kammer vor ihr öffnete, sah sie alle drei mitten in der Luft hängen wie Marionetten an magischen Fäden: Gideon, dessen Kinn auf die Brust gesunken und dessen Stirn von der Qual geschuldeten Falten durchzogen war. Jace, dessen Kopf zur Seite gerollt war und dessen Kapuze sein Gesicht im Dunkel ließ. Und eine Elfenfrau, deren Zopf und Arme schlaff herabhingen und deren Lider so weit geöffnet waren, dass sie den Blick auf leere, vollständig grüne Augen mit geschlitzten Pupillen freigaben. Eine Träne war ihr von der Wange bis aufs Kinn hinuntergeflossen. Ihre Körper baumelten in der Luft, umgeben von Wirbeln gereizter Magie. Drei oder vier Eldrazidrohnen aus Kozileks Brut keckerten ganz in der Nähe. Sie hatten noch nicht einmal ihre klingenartigen Fühler in ihre Richtung drehen müssen, um Chandra zu bemerken.

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„Entschuldige bitte. Hattest du irgendwie den Eindruck, hierher eingeladen zu sein?“ Der Dämon – der Ursprung der dunklen, widerhallenden Stimme – tauchte aus einem Seitengang auf. Sein Körper sah aus, als hätten sich rohe, schwarze Sehnen mit Fragmenten von Rüstung verschmolzen, an deren Rändern eine höllische, innere Hitze durchschien. Seine Augen glühten vor Hass und zugleich offenbar auch vor belustigter Neugier.

„Ich lade mich selbst ein“, sagte Chandra. „Lass sie frei oder stirb.“

„Mir war gar nicht klar, dass sie eine kleine Handlangerin haben“, sagte der Dämon.

Chandra ballte die Finger zur Faust und schleuderte sich und ihre Magie dem Gegner entgegen. Der Dämon wehrte ihren Feuerstoß mit dem Unterarm ab und hob die zerschlissenen Flügel wie ein Drache. Er lächelte oder grinste und zeigte dabei mehrere Reihen scharfer Zähne.

Chandra rappelte sich nach dem Abprall auf. Sie verlagerte das Gleichgewicht, wirbelte herum und schoss eine Salve Feuerpfeile auf das Auge des Dämons ab.

Der Dämon schützte sein Gesicht mit einem Flügel und schüttelte das Schlimmste ab, wobei er jedoch vor Anstrengung knurrte. Er drehte sich auf einem Fuß und versetzte Chandra einen Schlag mit der Pranke.

Chandra donnerte gegen die Wand. Ihr Schädel schlug gegen Stein. Sie hustete, krümmte sich und rang um Atem. Die Drohnen in der Nähe wetzten zwar ihre Greifer, kamen aber nicht weiter auf sie zu.

Sie spuckte Blut aus und rappelte sich auf. Sie zwang ihr Feuer zum Wachsen, indem sie ihre Magie mit ihrem Schmerz speiste. Ihre Hände wurden zu langen Flammenpeitschen. Sie zog den Arm zurück und bündelte ihren Zorn. Die knisternde Hitze ihrer Faust ließ die Luft in der Kammer flimmern.

Sie machte einen Satz und sandte zwei schnelle Feuerstöße aus. Abgewehrt.

Sie verwandelte ihren Sprung in einen körperlichen Angriff und holte mit Gideons Schild als Schlagwaffe aus. Er prallte klirrend an der Schulterplatte des Dämons ab.

Sie wich zu einer Seite aus und sprang herum. Zwei weitere Stöße aus ihren Knöcheln und eine fauchende Flammenwolke aus beiden Handflächen. Sie wurden von der Pranke des Dämons abgefangen und ausgelöscht.

Er holte nach ihr aus, und obwohl sie den Kopf vor seiner Klaue zurückzog, spürte sie einen scharfen Schmerz quer über das ganze Gesicht.

Sie keuchte, als ihre Haut wie Säure zu brennen begann. Ihre Flammen flackerten, und sie schüttelte die Hände, als wollte sie so mehr Feuer aus ihnen aufwallen lassen.

Nein! Bleibe entflammt. Versenge ihn zu Asche. Der Schmerz ist dein Zunder.

Sie hob die Fäuste dicht an die Brust und sammelte all ihr inneres Feuer in sich. Sie beharkte den Dämon mit allem, was sie hatte – kein einzelner Stoß, sondern ein nicht abreißender Flammenstrom, in dem ihr ganzer Zorn zu einem Kegel brennender Luft verdichtet war ...

WUUUUSCH

Der Dämon ging durch ihren Zauber hindurch auf sie zu. Das Feuer verkohlte ihm die Brust, doch er hob den Arm und griff Chandra unters Kinn, um sie an der Kehle hochzuheben.

GLURK.

Chandras Zauber fiel in sich zusammen. Sie strampelte, packte nach seiner Pranke und versuchte, seine Finger zu lösen. „Bastard“, würgte sie hervor.

Der Dämon zeigte lächelnd die Zähne. „Nichts hat bislang vermocht, mich aufzuhalten, Kerzchen. Und du wirst es erst recht nicht schaffen.“

Sie bog seine Finger auf und biss ihm tief in die Hand. Er ließ sie fallen, und sie sank auf alle viere. Sie zwang sich, den Kopf zu heben. „Doch, das werde ich“, murmelte sie. Sie befahl ihren Beinen, sich zu strecken, damit sie sich wieder aufrichten konnte, doch das eine zitterte bloß und weigerte sich, ihr zu gehorchen.

Der Dämon legte den Kopf in gespielter Sorge schräg. „Du verbrennst so schnell, Kerzchen. Was geschieht wohl, wenn du ganz heruntergebrannt bist?“ Er wob einen Zauber und schob ihn mit der Pranke nach vorn.

Chandras Körper krümmte sich, als die Magie des Dämons an ihr zerrte. Es fühlte sich an wie eine sprunghafte Erosion – wie Jahre um Jahre, die an einem Berg nagten, aber dabei in einem einzigen, grausigen Augenblick zusammenfielen. Sie fühlte sich gereizt und dennoch hilflos, als hätte urplötzlich eine lähmende Krankheit von ihr Besitz ergriffen, die nicht zu heilen war. Jedes ihrer Gliedmaßen war zentnerschwer.

Chandras Kopf wollte unbedingt nach unten sinken, um sich mit dem Steinboden anzufreunden. Doch das ließ sie nicht zu. Ihre Arme zitterten, doch sie stützten ihren Körper wie brüchige kleine Säulen. Ihr Blick verschwamm, und die Höhle wurde zu undeutlichen Formen und Schatten.

Die Kammer wurde finsterer. Chandra spürte, wie sie flackerte und immer schwächer brannte. Sie verlosch.

NEIN. BLEIBE ENTFLAMMT.

Sie konzentrierte sich auf ihre Hände, die sie flach in das feine Geröll am Boden der Höhle gestemmt hatte. Wenn ihre Hände nicht verloschen, hatte sie noch Leben in sich. Die Waffen einer Pyromagierin.

Sie spürte, wie der Dämon recht nahe an sie herankam, ein dunkler, formloser Klumpen neben ihrem Ohr. „Sollst du etwa die Retterin in der Not sein?“ Der Dämon schnalzte abschätzig mit Zunge. „Aber ... ich verstehe das nicht. Was kannst du schon jemandem nützen?“

Chandra befahl ihren Augen offen und ihrem Kopf oben zu bleiben. Ihre Muskeln bebten vor Anstrengung.

„Und nun muss ich dich ebenfalls bestrafen. Das habe ich nicht gewollt. Aber mir sind die Hände gebunden. Leg dich hin.“

Chandra wandte ihm langsam das Gesicht zu. Durch tränennasse Wimpern und ihren getrübten Blick konnte sie kaum etwas erkennen.

Der Fleck, der sein Gesicht war, wurde freundlich. Vertraut.

„Chandra, mein Schatz“, sagte das undeutliche Gesicht mit der Stimme ihres Vaters, aus der seine Freundlichkeit, seine Wärme und seine unerschöpfliche Geduld sprachen.

Sie wollte das nicht. Sie hatte nicht darum gebeten, ihn zu sehen. Nicht jetzt.

„Gib auf,, meine Chandra“, sagte er. Chandra winselte. „Du hast genug getan. Leg dich hin. Leg dich auf den Boden.“

Chandra lugte zu all den Formen, die das verwaschene Gesicht ihres Vaters ausmachten. Die Schwerkraft lastete auf ihrem gesamten Körper und drohte, ihren Widerstand zu untergraben. Ihre Augen brannten.

„Chandra, meine liebe Tochter“, sagte das Gesicht nun mit der Stimme ihrer Mutter, jener liebevollen, kräftigen Stimme. „Du hast genug getan. Du hast sie enttäuscht, Chandra. Gib jetzt auf. Lass dich zu Boden fallen.“ Chandra erschauerte. Ihre Ellenbogen knickten ein Stück ein. „Du hast sie enttäuscht, Chandra. Genau wie du uns enttäuscht hast.“

Chandras Körper wollte ausatmen, sein Leben aus der Brust husten, loslassen. Sie wollte das Gesicht verhöhnen und ihm Schimpfwort um Schimpfwort entgegenschleudern, doch sie brachte die Kraft dazu nicht auf. Die Welt wurde schmaler und enger.

Die Kammer, das Gesicht – alles wurde dunkel. Das Gesicht ihrer Mutter verschwand, und sie erkannte nur noch das Leuchten der körperlosen, höllischen Augen des Dämons im Zwielicht.

Ihr Feuer war aus. Ihre Hände waren verloschen. Sie spürte, wie ihr das Haar klebrig von Schweiß ins Gesicht hing.

Chandra, die ... Dr...“, sagte die Stimme. Sie hatte nun ein seltsames Echo. Sie war nicht mehr nur ein Flüstern in ihrem Ohr. Sie klang vielmehr so, als wäre sie ihr noch näher. „Die Drohnen... , Chhhandra.“

„Nimm deine Niederlage nicht persönlich“, sagte der Dämon mit nun unverzerrter, aber gewohnt harscher Stimme. „Ich bringe stets das Schwächste in den Menschen zum Vorschein.“

Chandra. Ssssein... Sssseine ... Eldrazzzidrohnen“, sagte die hallende Stimme. Sie klang wie ein Kopfschmerz. Außerdem hörte sie sich ganz eindeutig nicht nach ihren Eltern an. „Zersssstöre die. Drohnen.“

Jace. Jace war ... bei Bewusstsein!

Mit Ffffff“, nuschelte Jace in ihrem Kopf. „Ffffe. Feeeeeuer.“

Jace war war ... zumindest halb bei Bewusstsein!

Ich kann nicht“, dachte Chandra dumpf.

Du ... kannst ...“ Jace hatte ebenso viel Mühe, seine Worte in ihrem Kopf zu formen, wie sie, diese Worte zu verstehen. „Du kannst das verdammt noch mal wohl. Steh auf.“

„Nein“, sagte Chandra laut. Ihre echte Stimme klang ihr sonderbar in den Ohren. Stumpf. Wahrscheinlich sabberte sie.

„Wie war das?“, fragte der Dämon. „Bitte sag mir nicht, dass du jetzt um Gnade bettelst. Das beleidigt uns doch beide.“

„Nein ... Sag mir nicht ...“, krächzte sie. Aus ihren Händen wurden Fäuste und ihre Fäuste wurden zu Feuer, das nun erneut die Kammer erhellte. „Sag mir nicht ...“, wiederholte sie und rappelte sich schwankend auf.

Die Gestalt des Dämons verschwamm vor ihr. Sie sah seine Belustigung, als er ganz leicht den Kopf schüttelte, und seine Bosheit, als er einen letzten, dunklen Knoten aus Energie in einer Pranke formte. „Leg dich hin, Kerzchen“, sagte er.

„Sag mir ... nicht. Was. ICH TUN SOLL.“

Chandra stieß die Fäuste nach vorn. Der Dämon neigte nur ein Stückchen den Kopf, um dem Angriff zu entgehen. Ihre Feuergeschosse fuhren in einem weiten Bogen auf ihre eigentlichen Ziele zu und schlugen zwischen den Eldrazidrohnen ein, die in der Nähe ihrer Freunde lauerten. Die Drohnen zuckten, während sie brannten. Ihre Haut knisterte, als die Hitze kleiner Sonnen sie verschlang.

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Gideon, Jace und die Elfe landeten in einem Knäuel aus Armen und Beinen auf dem Boden. Und dann lösten sie sich scheinbar in Luft auf.

Der Dämon knurrte angesichts der Unterbrechung seines Kerkerzaubers und des Verschwindens seiner Beute. Er wandte sich wieder Chandra zu und holte weit aus, um ihr den Todesstoß zu versetzen.

Chandra wimmerte, unfähig, die nötige Kraft aufzubringen, um dem Hieb auszuweichen oder auch nur zusammenzubrechen. Doch als sie einen Wimpernschlag später noch immer am Leben war, blickte sie den Dämon an. Er starrte hierhin und dorthin und spie dunkle Worte in einem ständig schlimmer werdenden Wutausbruch aus.

Durch seine Augen betrachtet bist du unsichtbar“, sagte Jaces Stimme in ihrem Kopf. „Fürs Erste.“

Chandra stolperte davon und stützte sich an den Höhlenwänden ab, während der Dämon nach ihnen suchte.

Die anderen. Sind sie am Leben?“, fragte Chandra in ihrem Kopf.

Gerade so.“

Wir müssen uns ihm entgegenstellen. Auf mein Zeichen. Fertig?“

Nein! Nicht einmal annähernd! Wir haben kaum noch Kraft.“

Chandra ballte die Fäuste. „Wie lange, ehe er merkt, dass wir noch hier sind? Wir können es schaffen.“

Chandra. Wir wurden ... gefoltert. Ich weiß nicht ... wie lange schon. Es fühlte sich ... lange ... an.“

Chandra gefiel die Unsicherheit in Jaces Gedanken nicht. Dieses freimütige Einräumen von erlittenem Schmerz. Der Dämon stampfte und stapfte suchend durch die Höhle. Er konnte sie zwar nicht sehen, doch auf keinen Fall war er dumm genug, anzunehmen, sie wären ganz verschwunden.

Chandra straffte die Schultern. Feuer flackerte an ihren Fingerspitzen und wurde zu handtellergroßen Hitzekugeln. „Umso mehr Grund, ihn auszuschalten.“

Jaces zögerliche Antwort: „Sie brauchen Ruhe.“

Jace. Wir kamen hierher, weil wir eine Aufgabe zu erfüllen hatten. Sie ist noch nicht erledigt. Oder?“

Chandra ...“, dachte Jace.

Chandras Feuer wurde stärker. „Oder?“

Chandra, ich kann nicht ...“

Die anderen tauchten in einem Blitz wieder auf, als der Verschleierungszauber zusammenbrach. Jace und die Elfenfrau hatten sich von dort aus, wo Chandra sie das letzte Mal gesehen hatte, tiefer in die Kammer hineinbewegt. Sie wirkten schwach, waren aber wohl bei Bewusstsein.

Auch Gideon war wieder aufgetaucht. Der Dämon hatte ihn bereits im Nacken gepackt und zerrte ihn auf die Füße.

„Gideon!“

Der Dämon wandte sich zu Chandra um und grinste breit. Ein dröhnendes Lachen kam tief aus seinem Inneren. Das Geräusch barg all die Bosheit, die sich während der äonenlangen Gefangenschaft auf Zendikar aufgestaut hatte – und die Befriedigung, endlich dafür entlohnt zu werden.

„Deine Freunde sollten dir danken, Kerzchen“, sagte der Dämon. „Nicht dafür, dass du ihnen Hoffnung gemacht hast. Denn das war schon ziemlich grausam von dir. Nein – dafür, dass ohne dich ihr Tod ohne Publikum stattfinden müsste.“ Der Dämon drückte Gideon die Kehle zu, und Chandra hörte Knochen knacken.

Chandra konnte sich nicht rühren. Sie wusste, dass jeder Schritt, den sie nun unternehmen würde, Gideons Ableben nur beschleunigt hätte.

Sie sah jedoch, dass Gideon um sein Leben rang. Seine Hände klammerten sich an die des Dämons, in dem Versuch, den festen Griff zu sprengen, und selbst in seinem erschöpften Zustand schützten leuchtende Funken seine Haut. Sie sah, wie azurblauer Rauch in Jaces Augen aufwallte, als er irgendeinen gedankendurchbohrenden Zauber heraufbeschwor, während er zugleich darum kämpfte, auf den Beinen zu bleiben. Und sie sah, wie das Haar der Elfenfrau wehte, als sie einen verzweifelten Zauber zu wirken begann. Ranken aus Mana wuchsen aus dem Boden und sprossen auf sie zu.

Ich habe sie nicht enttäuscht. Wir haben einander nicht enttäuscht.

Chandra stampfte auf, und ein Pfeil aus Feuer schoss von ihrem Fuß aus auf den Dämon zu, um den Boden unter seinen Sohlen in Brand zu setzen. Gideon stieß mit den Ellenbogen gegen die Arme des Dämons und trat nach seiner Brust. Kaum hatte er sich aus dem Griff befreit und zur Seite gerollt, hüllte Feuer den Dämon ein.

Der Dämon tauchte von seinen Gegnern umzingelt wieder auf. Gideon schwang nun sein Sural, Jace hielt einen Zauber bereit und die Augen der Elfe leuchteten vor Mana.

„Alle zusammen!“, rief Gideon, und Chandra wusste genau, was er meinte.

Alle vier griffen den Dämon gleichzeitig an. Blitzende Peitschenklingen und elementare Ranken und unerbittliche Gedankenmagie vereinten sich mit Chandras impulsivem Feuerstoß.

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Der Dämon verzog das Gesicht und breitete schützend die Flügel über sich aus. Er versuchte, einen Zauber zurückzuschleudern, doch Jace war zu schnell für ihn. Der Zauber des Dämons löste sich auf, gerade als Gideon aus der anderen Richtung auf ihn eindrosch. Er schlug nach der Elfe, aber Chandra war schneller und schnitt ihm mit einer Flammensäule den Weg ab.

Der Dämon klatschte mit den Schwingen und warf Chandra so gegen eine Wand, was dem Ungeheuer die Zeit verschaffte, Jace in den Magen zu treten. Gideon jedoch umfing das Bein des Dämons mit Suralklingen, und in einer gemeinsamen Anstrengung mit Nissas Ranken zerrten sie ihn nieder.

Chandra suchte Gideons Blick, während sie den Buckler von ihrem Arm abschnallte. Gideon nickte. Sie warf den Schild in die Luft, und Gideon legte ihn sich in einer fließenden Bewegung an, ehe er den metallenen Schild mit dem Ellenbogen gegen den Schädel des Dämons rammte, gerade als Chandra das Metall seines Helmes zu schmelzen begann. Das Knacken war deutlich hörbar.

Der Dämon brüllte auf und sprang auf die Füße, um Gideon von sich zu schleudern. Sein Kopf pendelte schwach hin und her. Chandra bereitete eine Salve aus Feuer vor, um ihren Widersacher erneut zu Boden zu bringen – doch mit einem Mal floss reinste Todesqual durch ihre Adern.

„Das reicht jetzt“, sagte der Dämon durch zusammengebissene Zähne. Chandras Herzschläge waren scharfkantige Impulse aus Schmerz, als hätte sich ihr Blut in Nadeln verwandelt.

Jace wurde zu einer Gruppe aus vier Jaces, die alle in den Geist des Dämons vorzudringen schienen, während Gideon ihm die Schulter gegen die Brust rammte. Chandra spürte die Hand der Elfenfrau auf dem Arm. Ob der Berührung beruhigte sich ihr Herzschlag und fand zu seinem gewohnten Takt zurück.

„Bereite etwas Großes vor“, flüsterte die Elfe. „Wir sagen dir, wenn es so weit ist.“ Und damit wirbelte sie herum, um dem Dämon einen Hieb mit lebendiger Magie zu versetzen.

In Anbetracht der vielen illusionären Jaces, der klaren körperlichen Überlegenheit Gideons und der erbarmungslos wilden Magie der Elfe war der Dämon mehr mit Ausweichen als mit Angreifen beschäftigt. Er verzog das Gesicht und hielt sich mit den Pranken den Kopf, während er die Ellenbogen und Flügel dazu einsetzte, die Wucht der Angriffe abzufangen, alldieweil Jaces Magie seinen Geist immer weiter niederrang.

Da der Dämon nun also dergestalt beschäftigt war, formte Chandra einen winzigen Zyklon aus Feuer in der Luft. Sie wirbelte mit ihm und ließ ihn anwachsen, nährte sein Feuer und baute immer mehr Kraft in ihm auf. Sie war schließlich ganz in ihn eingehüllt und völlig von ihm verzehrt, als sie als Teil seiner heißen, kreisenden Winde mit ihm tanzte.

Bereit?“, erklang Jaces Stimme in ihrem Kopf.

„Bereit!“, rief Chandra laut.

Die anderen sprangen gleichzeitig aus dem Weg, um Chandra den Weg zum Dämon frei zu machen. Sie entfesselte ihren Zyklon mit einem Schrei. Er bahnte sich einen Weg durch die Kammer, prallte auf den Dämon und schleuderte ihn gegen eine Wand.

Chandras Zauber löste sich auf. Der Dämon war verkohlt, rauchte und stützte sich mit der Schulter an der Höhlenwand ab. Sein Blick voller Höllenglut wanderte der Reihe nach vom einen zum anderen weiter. „Gut gemacht“, sagte er. „Gut gemacht. Ihr habt euch entschieden, eure Bemühungen vollkommen darauf zu bündeln, mich zu besiegen, und das ist euch gelungen. Doch jeden Augenblick, den ihr auf mich verschwendet habt, habt ihr zugelassen, dass Zendikar leidet. Also habt ihr natürlich trotzdem verloren.“

Chandra und die anderen blickten einander an.

„Eines verspreche ich euch“, knurrte der Dämon leise. „Ich werde jede Welt durchstreifen und jedes noch so erbärmliche Land erkunden, bis ich eine Möglichkeit finde, euch für eure fehlgeleiteten Existenzen angemessen zu bestrafen.“

Die Luft faltete sich in sich zusammen, verschlang den Dämon und er verschwand.

Chandra stellte sich zu den anderen. Jaces Haare waren jungenhaft zerzaust, was seine übliche Aura des Geheimnisvollen zunichtemachte. Gideon sah mitgenommen aus, doch er grinste so sehr, dass sich ihm regelrecht der Bart sträubte.

„Ich wusste, dass du kommen würdest“, sagte er.

„Aber ich hatte Nein gesagt“, sagte Chandra mit hochgezogener Augenbraue.

„Ich wusste es“, sagte Gideon.

„Ich bin Nissa“, sagte die Elfe.

„Chandra“, sagte sie und hielt ihr die Hand hin.

Nissa ergriff Chandras Hand mit beiden Händen. Ihre Finger waren weich, und ihre grünen Augen wirkten so tief wie moosbewachsene Brunnen. „Danke.“

Sie hörten ein hallendes, wühlendes, keckerndes Geräusch. Sie wandten sich zu dem Gang, der in die Kammer führte. Der Eldrazischwarm – ebenjener, den Chandra von Seetor weggelockt hatte – huschte in die Kammer und kletterte auf jede Oberfläche.

Chandra blickte erst zu der Brut und dann zurück zu den anderen. Vier Köpfe nickten. Und wie ein Vierklang erwachten vier Zauber zum Leben.

Veröffentlicht in Official Magic Fiction on 20. Januar 2016

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Judge Fredd
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » So 14. Feb 2016, 13:19

In der Tiefe


Die Meerfrau Jori En sah vom mächtigen Damm Seetors aus zu, wie Kozilek aus der Erde emporstieg, um Ulamogs Kerker aus Polyedern zu zerschlagen. Als der Damm selbst zerstört wurde, wurde Jori En in das aufgewühlte Meer geworfen. Jori, eine erfahrene Ruinentaucherin, ist ausgesprochen gut darin, gefährliche Orte zu erreichen und selbige auch unversehrt wieder zu verlassen. Angesichts der rohen Kraft der Eldrazi scheint dies nicht weiter von Belang, doch Joris Fähigkeiten werden sich bald als entscheidend herausstellen, falls die Zendikari auch nur die leiseste Hoffnung auf ihr Überleben hegen wollen.

Als Jori En zu sich kam, war das Wasser um sie herum vom Geruch des Todes durchdrungen. Die genaue Quelle dieses alles überlagernden Gestanks blieb zwar unklar, doch das raubte ihm nichts von seiner Wirkung. Das Atmen fiel ihr schwer, und Joris Kiemen mühten sich redlich, um Sauerstoff aufzunehmen. Es war zu trüb hier unten. Und noch dazu dunkel. Der geringe Druck verriet ihr, dass sie nahe an der Oberfläche war. Es musste Nacht sein. Wie lange war sie hier unten gewesen? Was war geschehen? Mit einem Mal fiel ihr das Atmen noch schwerer. Sie würde bald von hier verschwinden müssen. Das wusste sie. Doch jetzt war nicht die Zeit, übereilt – und somit töricht – zu handeln.

Untersuche dich selbst. Nichts fühlte sich gebrochen an. Alle Finger und Zehen waren dort, wo sie sein sollten. Ihre linke Hand umklammerte noch immer ihren Speer. Ein gutes Zeichen.

Wo Jori neben sich eine kleine, flackernde Flamme im Inneren einer großen Blase heraufbeschwor, erblühte ein warmes Leuchten. In dessen Licht setzte sie ihre Untersuchung fort. Sie war zerschlagen und zerschunden, doch ihr fehlte nichts Ernsthaftes, wie sie feststellte.

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Sie erschuf weitere Blasen, jede mit ihrem eigenen Flämmchen darin – ein Dutzend sanft dahindümpelnder Laternen, die sie in Richtung der Oberfläche schickte. Es war Zeit für Antworten. Auf ihrem Weg nach oben durchquerten die Blasen eine dichter werdende Trübheit, und über ihnen nahm die tintenschwarze Dunkelheit langsam Gestalt an. Der Schemen war zu groß, als dass Jori ihn von ihrer Position aus hätte genauer erkennen können. Ein rascher Beinschlag, und schon folgte sie ihren schwebenden Lichtern gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sie von einer riesigen, schlangenhaften Silhouette ausgelöscht wurden, die aus der Dunkelheit hervorbrach, um sich durch das Wasser auf sie zuzuwinden.

Ein Tentakel. Jori zuckte zusammen.

Eldrazi. Ihr gesamter Leib spannte sich an, und ihre mit Schwimmhäuten versehenen Hände verdrängten fiebrig das Wasser, um ihren Kurs zu ändern. Der Tentakel kam näher, und Jori verrenkte sich und führte einen weiteren Beinschlag aus, um ihm auszuweichen. Er war viel größer, als sie erwartet hatte. Als er an ihr vorbeifuhr, hob sie den Speer, bereit, seine Spitze in das weiche Fleisch des Ungeheuers zu treiben, sobald es sich im Wasser neu ausrichtete. Doch das tat es nicht. Stattdessen trieb der Tentakel einfach immer weiter in der Strömung dahin wie ein riesiger Teppich aus Tang, der vom Grund des Meeres emporwucherte. Und dann entdeckte Jori die Saugnäpfe auf ihm. Das war weder ein Eldrazi, noch gehörte er zu einem. Er gehörte zu einem Oktopus. Ein gehörnter Spaltoktopus, der den ganzen weiten Weg von der Gähnenden Kluft vor der Küste von Ondu hierhergerufen worden war. Und er war tot.

Sie brauchte Luft. Das Wasser war zu schlammig und zu verseucht von den Überresten der Toten, um hier atmen zu können. Ihre Kiemen fühlten sich verklebt an. Sie wollte den Mund aufreißen und Luft in ihre Lungen saugen. Und ehe sie sichs versah, schwamm sie kopflos an der Unterseite des Oktopuskadavers entlang, um die Oberfläche zu finden. Wie schwer konnte das sein? Nach oben. Sie musste einfach nur nach oben. Jori setzte ihre verzweifelte Suche fort, aber es war so furchtbar dunkel. Der Oktopus wich einem zerfledderten Kraken und danach einem weiteren Riesen der Meere. Ein einziger, verworrener Fleischklumpen. Es spielte keine Rolle mehr, was er einmal gewesen war. Jori kam es vor, als hätte sich eine dicke Kruste über dem Meer gebildet.

Mit dem Speer tastete sie nach Zwischenräumen zwischen den Kadavern, doch etwas trieb sie zusammen und drückte sie gegeneinander.

In der Nähe drehte sich ein toter Wal träge um die Längsachse. Als er das Wasser aufwühlte, durchbrach Licht die Oberfläche und erhellte seine Gestalt. Sonnenlicht! Die Ansammlung fleischigen Treibguts begann sofort, sich wieder zusammenzuballen und den Beweis für die Existenz des Tageslichts auszumerzen, doch Jori hatte sich bereits in Bewegung gesetzt.

Ohne jede Anmut durchbrach sie die Wasseroberfläche und sog Luft in die Lungen, bis es schmerzte. Einen Augenblick hielt sie den Atem an, um ihn dann langsam auszustoßen und ihre Umgebung zu betrachten. Die Sonne war warm, aber die Welt über der Oberfläche sah aus wie die darunter: Sie bot ein Bild der Verwüstung, und in der Hitze des Tages gab es kein Entrinnen vor dem Gestank. Jenseits der Bucht erstreckte sich das Leichenmeer bis zum Horizont. In der anderen Richtung jedoch schien das Gemetzel weniger zu werden.

Seetor.

Jori richtete den Blick auf den riesigen, alten Damm aus poliertem weißen Stein, der aus dem Wasser aufragte. Oder vielmehr auf das, was davon noch übrig war. Der gewaltige Leuchtturm war eingestürzt und die Oberfläche des Damms von irgendeiner irisierenden Schicht aus sonderbaren geometrischen Formen überzogen. Und unvermittelt verflochten sich in Jori verstreute Erinnerungsfetzen zu einem entsetzlichen Ganzen.

Das Polyedernetzwerk hatte versagt. Ulamog war frei.

Und nun auch Kozilek.

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Bei diesem Gedanken nahm Jori nur noch die drohenden, gezackten Schatten wahr, die das Haupt des Titanen zierten. Ihre Schwärze war derart immens und überwältigend, dass allein ihr Anblick Jori schier betäubte. Sie hatte auf der mächtigen Mauer gestanden und mit allen anderen den Sieg der Zendikari über Ulamog und ihre Rolle dabei bejubelt. Doch all das war so rasch wieder in sich zusammengebrochen. Kozilek hatte sich aus der Erde erhoben. Die Zendikari konnten nur hilflos dabei zusehen. Gideon, Nissa, Jace: Selbst sie konnten keine Verteidigung dagegen errichten. Sogar die Bewohner der Meere wandten sich gegen Kozilek, doch der Titan gebot ihnen Einhalt und vernichtete ihren größten Streiter. Er verwüstete auch Seetor, und dabei war Jori ins Meer hinabgeschleudert worden.

Die Eldrazi – dies alles – war zu viel. Oder vielleicht war sie einfach nur viel zu klein. Da war sie nun also: nur ein weiteres namenloses Teilchen in jenem Brei, der das Wasser erstickte. Was konnte sie denn noch tun? Die Frage lastete schwer auf ihr, drückte ihr die Schultern nach unten und zerrte ihr an den Knöcheln. Sie kannte die Antwort. Sie schmeckte bitter. Nichts. Sie weigerte sich, sie herunterzuschlucken. Sie konnte es nicht. Sie musste sie herauslassen, und so schrie sie aus vollem Hals. Sie schrie, bis ihr das Gesicht glühte, bis sie ihr Blut in hämmernden Stößen durch ihre Schläfen pulsieren spürte, bis das Geräusch, das ihr aus dem Mund drang, nur noch ein heiseres Röcheln war. All ihre Kraft schien vollkommen unbedeutend, denn sie fühlte sich quälend hilflos.

Doch es war nicht umsonst gewesen, denn sie erhielt eine Antwort. Ein einzelnes Wort bahnte sich seinen Weg durch ihre makabre Umgebung, um sie zu finden.

„Hilfe.“

Mehr musste Jori nicht hören. Der Weg war zwar schwierig zu bewältigen, doch sie eilte schnurstracks auf den Ursprung des Flehens zu. Mehr als einmal bewegte sich einer der riesigen Kadaver und drohte, Jori in den erstickenden Sog toten Fleisches hinabzuziehen, sodass sie gezwungen war, sich auf allen vieren über den unebenen, schwankenden Untergrund zu bewegen. Gefährliches Terrain war nichts Neues für Jori, hatte sie doch einen Großteil ihres Lebens damit verbracht, tückische Orte zu erreichen und unversehrt wieder zu verlassen. Das war ihre angestammte Aufgabe gewesen und sie war gut darin. Doch dies hier war anders: eine Wahrheit, die jedes Mal, wenn zähes Fleisch unter dem Druck ihrer Hände und Füße nachgab, Bestätigung fand. Trotz all der verfallenen Tempel und verlorenen Schreine, die sie geplündert hatte, war dies das einzige Mal, dass sie sich wie eine Grabschänderin fühlte.

Jori kletterte über einen Knoten lebloser Tentakel. Ihre Füße suchten nach dem winzigsten Halt an der glitschigen Haut eines Kraken, als etwas sich an ihrem Knöchel verfing. Sie zog das Bein zurück, um sich zu befreien, doch ihr Schwerpunkt lag so ungünstig, dass sie nach vorn kippte und ihr Helm hart gegen den Krakenleib prallte. Mit schwirrendem Kopf warf sie sich auf den Rücken und hielt den Speer bereit, um den zweifellos folgenden Angriff abzuwehren. Doch da war kein Angriff. Nur eine Stimme. „Jori.“

Es war seltsam, ihren Namen in dieser unwirklichen Umgebung zu hören. Es schien unmöglich, dass es in all dem blutigen Chaos um sie herum irgendetwas Vertrautes geben konnte, doch andererseits war in diesen letzten Wochen schon so viel geschehen, was zuvor vollkommen unmöglich erschienen war.

Jori stützte sich auf die Ellenbogen und starrte an ihren Füßen vorbei nach unten, wo sie eine weitere Meerfrau mit blauer Haut entdeckte, die in einer vom Wasser der See verdünnten Blutlache lag. „Kiora?“, fragte Jori.

„Hilf mir.“ Ihre Stimme klang angestrengt, aber nicht schwach, und für Jori klang es mehr wie ein Befehl als eine Bitte. Jori kroch zu ihr hinüber. Kiora atmete rau. Mit einer blutigen Hand umklammerte sie ihr Bein kurz über dem Knöchel, wo es in einem unnatürlichen Winkel abstand. Ganz offenkundig war es gebrochen. Und noch dazu ziemlich schlimm.

„Was ist geschehen?“, fragte Jori, während sie Kioras Hand beiseitezuschieben versuchte.

„Cosi hat gewonnen“, antwortete sie, als wäre das eine Erklärung für ihre Schmerzen.

„Dein Bein, Kiora.“ Jori löste Kioras Griff nun endgültig. Kiora wehrte sich nicht. Sie schien es nicht einmal zu bemerken. Doch Jori sah Knochen – das Schienbein, wie sie vermutete. Es hatte die Haut durchstoßen, als es gebrochen war, und Blut sickerte in trägen Rinnsalen aus der Wunde. „Wir müssen das schienen.“

„Der Zweizack ist weg“, sagte Kiora und betrachtete abwesend das Blut an ihrer Hand. Jori hatte schon Dutzende von gebrochenen Knochen gesehen – das brachte ihr Betätigungsfeld so mit sich. Mit gebrochenen Knochen wurde sie fertig. Doch Kiora war nicht Herrin ihrer Sinne, und das war ein wesentlich gewichtigeres Ärgernis. Nicht, dass es Jori dafür an Verständnis gemangelt hätte.

Doch immer schön der Reihe nach. Eine Schiene. Jori klemmte den Speer zwischen zwei Sporne, die aus dem Fleisch des Kraken herausragten, und zog, bis der Schaft in der Mitte zerbrach. Nun musste sie ihn irgendwie an Kioras Bein anbringen, und so löste sie die Lederbänder, mit denen die Speerspitze befestigt war.

Währenddessen verblieb Kiora in ihrem dumpfen Wahn. „Hat er mich verlassen? Wegen Lorthos?“

Jori steckte die Speerspitze in den Gürtel, legte danach eine Hand über Kioras Knie und griff über dem Knöchel nach deren Bein. „Du solltest dich vielleicht an etwas festhalten.“ Jori begann zu ziehen. Wie erwartet schrie Kiora auf. Zumindest hatte sie die Geistesgegenwart oder die Erfahrung, nicht zusammenzuzucken, dachte Jori. Das war gut. Sie zog weiter, und der Knochen wich Stück für Stück wieder unter Kioras Haut zurück.

„Halte durch. Wir haben es gleich geschafft“, sagte Jori mehr zu sich selbst. Sie wusste, dass sie weitermachen musste. Wenn sie jetzt aufhörte, würde das gezackte Ende des Knochens sich durch noch mehr Fleisch schneiden, was sehr leicht Schäden verursachen konnte, die nicht wieder zu beheben waren.

Kiora knirschte nur mit den Zähnen und atmete in schneller Folge ein und aus, bis es ihr endlich gelang, ein „Genug!“ hervorzustoßen. „Es ist gerichtet.“

Behutsam ließ Jori Kioras Bein los. Sie griff nach ihrer Schiene, doch ehe sie sie festzurren konnte, stob eine Wolke aus grünem Staub um den offenen Bruch herum auf. Während sie um die Wunde herumschwirrte, begann diese sich zu schließen.

Kioras Atem ging langsamer. „Gleich ist es gut“, sagte sie. Das war das erste Mal, dass sie bewusst an der Unterhaltung teilzunehmen schien. Der Schmerz beim Richten eines gebrochenen Knochens holte die Leute oft wieder zurück in die Wirklichkeit.

„Auch der Knochen?“, wollte Jori wissen. Sie beugte sich vor, um zu beobachten, wie Kioras Fleisch wieder zusammenwuchs.

„Ja“, sagte Kiora und rieb sich das Bein.

„Das ist wirklich beeindruckend“, sagte Jori. „Ich habe von so einem Kerl in Zulaport gelernt, wie man Knochen richtet – heute würde man Alt-Zulaport sagen, aber damals lag es noch an der Küste. Ach, was ich da alles erlebt habe.“ Sie beugte den Ellenbogen so, dass der Unterarm lose herunterhing. „Du glaubst gar nicht, wie viel man einem Körper zumuten kann ...“

„Der Zweizack ist fort“, unterbrach sie Kiora.

Irgendetwas in der Art, wie sie das sagte, stachelte Joris Ärger an. „Das sagtest du bereits.“

„Und ich muss ihn zurückholen.“

„Nun, ich bedauere deinen Verlust zutiefst. Ganz im Ernst. Aber hast du dich einmal umgesehen, Kiora?“ Jori machte eine ausladende Geste. „Du wirst verzeihen, dass mich dein Zweizack keinen Deut kümmert.“

„Er ist die einzige Hoffnung, die uns bleibt. Das weißt du. Als wir im Leuchtturm waren, warst du die Einzige, die seine Macht begriff.“

„Und dennoch hat er versagt“, sagte Jori. Sie hatten alle versagt. Jace und Nissa hatten versagt: Ulamogs Kerker war nur noch ein Haufen vergessener Polyeder am Grund des Meeres. Gideon und Tazri hatten versagt: Die vereinte Streitmacht Zendikars war zerstreut oder tot. Und Jori. Was hatte sie schon tun können, außer vom Damm aus zuzusehen, als es geschah?

„Kozilek hat gewonnen. Das ist nicht das Gleiche. Er hat seinen Bruder befreit, und nun sind beide entfesselt. Was sieht denn dein Plan aus? Sollen wir uns ein tiefes Loch suchen, in das wir uns verkriechen und auf das Ende warten? Ganz recht: Sieh dich nur einmal um.“ Es war nun an Kiora, auf das Blutbad um sie herum zu deuten. „Das ist es, was uns alle erwartet.“

Ein Teil von Jori wollte genau das: einen kleinen, vergessenen Fleck auf der Welt finden und einfach nur verschwinden.

„Jori“, fuhr Kiora fort. „Kozilek hat seinen Trumpf bereits ausgespielt. Er ist nun sichtbar. Wir müssen nur noch den Zweizack zurückholen. Und dazu brauche ich deine Hilfe.“ Kiora streckte Jori eine Hand hin.

Jori musterte Kiora. „Wo ist er?“, fragte sie nach einer kurzen Pause.

„Ich zeige es dir.“

Jori blieb etwas hinter Kiora zurück, als die beiden sich ihren Weg nach unten durch das Wasser bahnten. Sie schwammen auf jene Landzunge zu, die sich von Seetor aus in Richtung Küste erstreckte. Die Planeswalkerin kannte den Weg und führte sie zu einer seltsamen Strömung, die sie sanft vorantrieb. Jori war sich nicht sicher, warum sie sie nicht schon früher bemerkt hatte, doch je näher sie ihr kamen, umso mehr schien es ihr, als würde diese Strömung die gesamte Bucht durchziehen. Sie war der Ursprung der aufgewühlten Oberfläche. Und so, hatte Kiora erklärt, war auch die Waffe verschwunden, als sie sie im Stich gelassen hatte.

Jori wusste nicht, weshalb sie zugestimmt hatte, Kiora zu begleiten. Sie wusste jedoch, dass es ihr eine Richtung vorgab, die sie einschlagen konnte, und wenn der Zweizack tatsächlich dort unten war – wo auch immer dort unten sein mochte –, dann war er ein Gegenstand, der gefunden und geborgen werden konnte. Ja, so viel verstand sie. Und da jede Form des Verstehens in jüngster Zeit so ausgesprochen selten geworden war, war dies durchaus etwas wert.

War es für Kiora auch so? Jori beobachtete sie. Mit den Maßstäben des Meervolks gemessen war sie keine elegante Schwimmerin. Sie war allerdings auch nicht gänzlich ungelenk. Sie war kräftig – das war nicht zu leugnen –, doch es lag an etwas anderem. Jori erkannte, dass es ihr zum allerersten Mal aufgefallen war, als sie Kiora im Leuchtturm von Seetor kennengelernt und sie alle ihren Plan gefasst hatten, mit Ulamog fertigzuwerden. Gewissheit. Jede ihrer Bewegungen wurden voller Gewissheit ausgeführt, selbst die Schläge mit ihrem gerade erst genesenen Bein. Ebenso verhielt es sich mit ihren Worten. Wenn Kiora sprach, dann war es, als wäre die Unterhaltung bereits vorüber und als wartete sie nur darauf, dass jeder ihr zustimmte. Für Kiora, so schlussfolgerte Jori, war der Zweizack ein Mittel zur Vollendung einer unerledigten Aufgabe: einen Gott zu stürzen. Das war alles. Nicht mehr und nicht weniger.

Warum brauchte Kiora dann sie?

„Wir sind gleich da“, sagte Kiora mit nach vorn gerichtetem Blick.

Vor ihnen ragte eine Klippe auf, die sich steil vom Meeresgrund aus erhob. Die Strömung hatte nun ihre volle Kraft erreicht und schob sie heftig vorwärts.

„Es gibt eine Öffnung an der Seite der Klippe. Die Strömung sollte uns geradewegs darauf zu tragen“, sagte Kiora. Das erklärte die Strömung. Die Erschütterung des Bodens, die Kozileks Aufstieg begleitet hatte, musste einen Riss in die Klippe getrieben haben. Die Strömung führte Wasser an irgendeinen unbekannten Ort, und das erklärte womöglich auch den merkwürdigen Weg, den der Zweizack genommen hatte.

Kiora drehte den Kopf, um Jori anzusehen. „Mach dich bereit.“

Jori dachte eigentlich, das wäre sie schon. Doch dann verengte sich ihr Blickfeld plötzlich und sie nahm die versunkene Klippe wie etwas weit Entferntes wahr, was man durch ein Vergrößerungsglas betrachtete. Auch die Strömung änderte sich: Sie folgte seltsamen Biegungen und schleuderte die beiden Meerfrauen gegen nicht zu erkennende Hindernisse. Anfangs streckte Jori noch die Arme aus, um etwas Halt im Wasser zu finden oder zumindest ihren Schwung etwas abzubremsen, doch es war vergebens, und so presste sie alle Glieder lieber eng an sich, um sich nichts auszurenken. Alles, was sie tun konnte, war den Blick weiter auf die Klippe gerichtet zu halten. Es kam nun nur noch darauf an, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Und dann verdichtete sich die Wirklichkeit und alles lief schneller ab, bis die Klippe Joris Blickfeld vollständig ausfüllte. Sie war kaum mehr eine Mannslänge von der Öffnung entfernt, die Kiora beschrieben hatte. Doch plötzlich war der Weg durch einen vielfach gegliederten, massigen Leib versperrt, der sich aus der Tiefe nach oben wälzte. Zuerst dachte Jori, es würde sich um eines von Kioras dienstbaren Geschöpfen handeln, aber da rollte das Ding sich aus und stellte eine Ansammlung von Gliedmaßen zur Schau, die die gesamte Breite der Öffnung versperrten. Ein Eldrazi. Er bestand nicht aus einem Gewirr fleischiger Tentakel unter einer knöchernen Gesichtsplatte wie so viele der anderen, die sie gesehen hatte. Nein, über diesem hier hingen Splitter aus schwarzem Glas in perfekter Symmetrie wie auch bei dem Titanen Kozilek.

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Jori raste auf das Ungeheuer zu. Mehrere Gliedmaßen fächerten vor ihr auf, um sie abzufangen, aber sie nahm die Beine vor sich, trat einen der Auswüchse beiseite und ließ sich von der Strömung vorbeitragen.

Kiora musste es ebenfalls geschafft haben, denn rechts von Jori blitzte grünes Licht auf. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie die Meerfrau die vor grüner Energie leuchtenden Hände nach hinten richtete. Die Energie entlud sich auf den Eldrazi, als dieser versuchte, die Verfolgung aufzunehmen. Er setzte ihnen im Wasser nach und wurde dabei immer größer. Binnen weniger Wimpernschläge füllte die entsetzliche Masse des Ungeheuers die gesamte Öffnung aus. Und dann war es zu groß für den schmalen Durchlass. Es wurde gegen die Wände der Spalte gepresst, bis ein jähes Krachen den Stein zerbersten ließ. Mit einem Mal stürzte die Öffnung über dem Eldrazi ein, gerade als die Strömung Jori und Kiora ins Unbekannte trieb.

„So muss es Kozilek gelungen sein“, sagte Jori mehr zu sich selbst als zu Kiora.

Kiora nickte. „All diese Zeit über unentdeckt zu bleiben?“

„Ja“, flüsterte Jori. „Oh. Nach allem, was ich gehört habe, war dieses Höhlennetz ziemlich klein. Nur eine Handvoll Goblins hauste darin. Zumindest hat mir das die Entdeckerin Zahr Gada einst erzählt, als wir unsere Karten verglichen. Und nun ...“ Jori stieß einen leisen Pfiff aus. „Etwas, was die Macht hat, die Umgebung derart neu zu gestalten – das ist imposant.“

Kiora und sie standen auf einem Felsvorsprung in einer Unterwasserlandschaft. Dort hatte sie die Strömung abgesetzt, die sie durch die Klippe hindurchgetragen hatte, und von diesem Aussichtspunkt aus blickten sie nun über eine verborgene Landschaft aus verwinkelten Spiralen, die von leuchtenden Adern in allen Farben des Regenbogens durchzogen war. Jori kannte diese fremdartigen Formen. Sie gehörten zu Kozilek, und trotz ihres Entsetzens fand Jori, dass sie wohl das Schönste waren, was sie je gesehen hatte.

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Mit weit aufgerissenen Augen versuchte sie, die Gesamtheit des Raums in sich aufzunehmen, doch sein schieres Ausmaß vereitelte ihre Bemühungen. „Das ähnelt nichts, was ich je gesehen habe“, sagte sie, doch die Worte fühlten sich angesichts dessen, was sie da vor sich sah, nur unfassbar schwach an.

„Der Zweizack befindet sich in dieser Richtung“, sagte Kiora und deutete über eine Kluft in der Höhle hinweg. Sie schien nicht sonderlich beeindruckt von dem berauschenden Anblick. Es war einfach nur ein weiterer Ort auf der Welt.

Sie suchten sich einen Weg um die Kluft herum und hatten gewiss schon einige Meilen durch Höhlen zurückgelegt, als Jori bemerkte, dass die Zeichen Kozileks nicht bis hierher in das Netz aus Höhlen hineinreichten.

Der Pfad wurde enger und wandelte sich schon bald zu einem engen Gang, durch den Jori und Kiora hindurchkriechen mussten.

„Bist du sicher, dass das der richtige Weg ist?“, fragte Kiora.

„Ich bin mir bei gar nichts mehr sicher. Spürst du den Zweizack noch?“

„Natürlich. Nichts hat sich geändert. Ich verstehe nur nicht, wie er hierhergekommen sein soll, wo es doch kein Wasser gibt.“

Es war schwierig geworden, sich zu bewegen, doch Jori gelang es, sich umzudrehen und Kiora anzusehen. „Deine Vermutung ist so gut wie meine. Im Grunde ist sie sogar besser. Du bist unser Kompass. Bis wir etwas Genaues wissen, halten wir uns an den Plan und gehen weiter.“

Kiora nickte wenig überzeugt. Irgendetwas hatte sie beunruhigt.

Als sie sich vorwärtsbewegten, wurde es noch enger. Jori hielt an und begann, ihren Helm und ihre Rüstungsplatten abzulegen. „Wir werden uns kleiner machen müssen“, sagte sie in Erwartung einer Frage. Sie band die Platten an den Rändern zusammen, sodass sie ein Bündel bildeten, das sie hinter sich herziehen konnte. Das hatte sie schon unzählige Male getan, doch Kiora schien ihre Zuversicht nicht zu teilen, denn Jori hörte, wie der Atem der Planeswalkerin schneller ging.

Sie mussten weiter. Jori setzte sich wieder in Bewegung, und Kiora folgte ihr. Es dauerte nicht lange, bis sie auf dem Bauch vorwärtsrobbten. Jori hielt die Fackel vor sich und sah, wie sich der Pfad ein Stück voraus steil nach oben wand.

„Mach es mir nach“, sagte Jori. Sie rollte sich auf den Rücken und brachte ihren Körper so in Position, dass sie in der Lage war, die Arme über den Kopf zu heben. Ihre Finger fanden kleine Wölbungen im Stein, und das war genug. Sie zog sich in die Höhe, bis ihre Füße unter ihr waren. Dann griff sie weiter nach oben, fand mehr Halt und zog sich den Pfad hinauf, der sich nach links neigte, bevor er wieder eben verlief. Dort angekommen wartete sie einen Augenblick.

„Kiora“, rief Jori. „Ich kann nicht umkehren. Du auch nicht. Du musst weitergehen.“

Ein weiterer Augenblick verstrich.

„Kiora“, wiederholte Jori.

„Ich bin ...“, sagte Kiora und versuchte, zu Atem zu kommen, „gleich hinter dir.“ Jori sah den Schein von Kioras Fackel im Augenwinkel.

„Du machst das toll“, sagte Jori und schob sich vor, um Kiora Platz zu machen.

„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“

„Das tust du doch schon. Jetzt musst du nur die Sinne beisammenhalten und ruhig bleiben.“ Jori versuchte, den Hals zu drehen, damit Kiora sehen konnte, dass sie lächelte, aber Kiora bemerkte die Bewegung nicht. Sie hatte das Gesicht in der Armbeuge vergraben.

„Hätte ich meinen Zweizack, wäre das alles kein Hindernis“, sagte Kiora mit gedämpfter Stimme. „Ich könnte das Meer rufen und diesen ganzen Ort neu formen.“

„Deshalb sind wir hier – um den Zweizack zurückzuholen.“ Jori hielt die Stimme ruhig. Panik war niemals hilfreich. Sie war das Ergebnis von Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung, die miteinander verschmolzen. In diesem Augenblick hatte sie sich wie eine Schlinge um Kiora gelegt, so wie vorhin in der Bucht um Jori. Sie durfte nicht zulassen, dass sie Kiora einschnürte. Denn wenn sie es tat, dann würde Kiora wie gelähmt sein oder – schlimmer noch – wie wild um sich schlagen. „Halte den Blick auf mich gerichtet, Kiora. Wir werden die andere Seite des Tunnels erreichen. Du schaffst das schon.“

Langsam kroch Jori weiter. Und langsam folgte Kiora ihr.

Voraus begann die Decke mehr und mehr abzufallen. Nicht allzu viel, doch das brauchte es auch nicht, um den Pfad unpassierbar zu machen. Jori schob die Fackel vor sich und zog sich mit den Armen voran. Bald war sie gezwungen, den Kopf so zu drehen, dass ihre Wange am rauen Boden entlangschrammte, und während sie sich weiter vorwärts zog, spürte sie, wie der Stein der Decke ihr gegen den Rücken drückte.

„Warum haben wir angehalten?“, fragte Kiora. Sie atmete noch immer schwer.

„Das haben wir nicht. Jeder Fingerbreit zählt.“ Die Worte klangen schärfer, als Jori beabsichtigt hatte. Doch sie konnte es sich nicht erlauben, sich zu unangebrachter Eile antreiben zu lassen. Eine Wölbung wuchs aus der Decke nach unten, und Jori hatte Mühe, den richtigen Winkel zu finden, damit ihr Kopf hindurchpasste. Stein grub sich in das Fleisch ihres Ohres, aber sie unterdrückte ein Knurren, um Kiora davon abzuhalten, ganz und gar in heillose Panik zu verfallen. Ein weiterer Schub mit den Beinen zwang ihren Kopf durch den Engpass, doch dann war ihr Rumpf eingeklemmt.

„Jori?“

Jori konnte nicht antworten. Sie vermochte ihre Lungen nicht weit genug auszudehnen, um den Atem zu holen, den sie gebraucht hätte, um Worte zu formen. Abgesehen davon musste sie sich gerade zusammenziehen, um sich noch kleiner zu machen, wenn auch nur für einen Augenblick. Ihre Finger gruben sich in winzige Vertiefungen am Boden, und sie stieß die verbleibende Luft aus ihren Lungen aus. Hoffentlich reichte das. Ihre Muskeln in den Armen spannten sich, und sie mühte sich, sich an dem unnachgiebigen Stein vorbeizuzwängen. Sie wand sich und schabte an seiner schroffen Oberfläche entlang. Es drückte ihr die Rippen zusammen. Kiora sagte etwas, doch sie hörte es nur als Summen in den Ohren.

„Nnngh!“, stieß Jori hervor, als sie ihren Körper endlich vorwärtsgleiten spürte. Ein weiterer Zug mit den Armen, und sie war frei. Als ihre Arme sich entspannten, lag sie einfach nur da und kühlte sich die Wange am Stein.

„... dachte, du steckst fest“, hörte sie Kioras Worte, als sie wieder verständlich wurden.

„Es geht mir gut“, sagte Jori und beruhigte ihren Atem. „Ich brauche nur eben einen Augenblick.“

„Jori“, sagte Kiora, nachdem der Augenblick vorüber war, mit tiefer Stimme. „Ich kann das nicht."

„Du musst. Wenn wir jetzt umkehren, bleiben wir nur stecken.“

„Ich kann das nicht.“

Jori starrte in die Dunkelheit des Gangs jenseits des Fackelscheins. Vor Stunden hatte sie dabei zugesehen, wie Kiora Lorthos dazu gebracht hatte, die Titanen anzugreifen. Sie war eine Gebieterin der Giganten und unter Göttern zu Hause. Und das hier war zu viel für sie. Hinzu kam die Eigentümlichkeit, dass Kiora eine Planeswalkerin war. Scheinbar konnte sie diese Welt verlassen, wann immer sie wollte. Doch das tat sie nicht, und Jori beließ es dabei.

„Hör zu. Der Zweizack kam hier entlang. Du kannst ihn spüren. Und das bedeutet, dass es einen Weg hier hindurch gibt. Ich werde es dir beweisen. Aber ich möchte, dass du ruhig bleibst.“

Mit der Fackel in der Hand kroch Jori Handbreit um Handbreit weiter voran. Dies war ihr Reich, das Reich der Ruinen und vergessenen Orte. Hier war sie zu Hause.

Zwischen gehetzten Atemstößen stieß Kiora hervor: „Jori, ich ...“

„Du wirst mir helfen, Kiora“, sagte Jori, während sie sich von ihrer Begleiterin entfernte. „Du musst den Zweizack ständig genau beobachten. Ich muss wissen, wenn er sich bewegt.“

„Er ist weiter vorn. Auf dieser Höhe.“ Da war wieder diese Gewissheit in ihrer Stimme – nur ein Hauch davon, aber sie war da und schlug die Panik zurück. Wenn es um den Zweizack ging, war Kiora die Fachkundige. Er war etwas, worauf sie ihre Wahrnehmung bündeln konnte. Etwas Vertrautes.

Jori bewegte sich weiter durch den Gang. Er blieb ungefähr gerade, und alle paar Augenblicke teilte sie Kiora ihren Fortschritt mit. Im Gegenzug hielt Kiora sie auf dem Laufenden, was den Zweizack anbelangte. So ging es eine Weile, bis Kioras Stimme nur noch gedämpft an ihr Ohr drang. „Auf dieser Höhe. Weiter voraus.“

Und dann rief Kiora eine andere Botschaft. „Der Zweizack bewegt sich!“

Jori drückte ein Ohr gegen den Boden. Durch den Stein hörte sie ein huschendes Schaben. Dann nichts mehr. Es kam ganz aus der Nähe. Sie konnte es nicht mehr wagen, Kiora zu antworten. Es war nicht auszuschließen, dass das, was auch immer dort herumirrte, bereits wusste, dass sie hier war, aber warum das Glück herausfordern? Sie löschte die Fackel und musste ein Husten unterdrücken, als der Rauch ihr in der Kehle kratzte.

„Jori! Hast du mich gehört? Der Zweizack hat sich bewegt – in Richtung der Oberfläche!“

Jori kroch weiter und tastete sich durch die Dunkelheit voran, während sie Kiora hörte, deren Stimme mit jedem unbeantworteten Ruf lauter wurde. Wenigstens würde dies womöglich ihr Herannahen verschleiern. Der Gang führte nun weiter in die Tiefe und weitete sich allmählich zu beiden Seiten. Obwohl die Decke noch sehr dicht über ihrem Kopf hing, gelang es Jori, die Speerspitze aus dem Bündel zu greifen, das sie hinter sich her zog. Sie war kein richtiger Dolch. Doch dies war auch nicht das erste Mal, dass Jori sie als einen solchen verwenden musste, und als sie nun auf dem Bauch vorwärtskroch, wies die Klinge den Weg.

In der völligen Schwärze erreichte Jori einen Ort, an dem der Boden sich zu bewegen schien. Harte Platten schabten aneinander, wann immer sie sich regte. Von dort, wo sie die Ellenbogen aufsetzte, hörte sie ein Knirschen. Das waren keine losen Steine. Es musste sich um irgendeine Art von feinerem Schutt handeln. Es fühlte sich nicht richtig an. Sie hielt inne, um den Boden vor sich abzutasten. Immer noch das Gleiche. Dann zerplatzte etwas schmatzend, als ihre Fingerspitzen dagegen stießen. Sie zog schlagartig alle viere an, während ihr sich der Magen umdrehte.

Es war töricht, sich so blindlings vorzutasten. Es war besser, zu sehen und gesehen zu werden, als sich unerkannt in eine Todesfalle hineinzuschleichen. Sie rief die Flamme am Ende ihrer Fackel zurück ins Leben, und eine Welt verzerrter, irisierender Formen offenbarte sich überall um sie herum. Panzerplatten wie von Insekten und schimmernde Haut. Verdrehte, vielfach verzweigte Gliedmaßen, die von scharfen, obsidianartigen Auswüchsen übersät waren. Und unzählige lidlos starrende Augen, die wie zufällig überall in das Fleisch eingefasst waren. Eldrazibrut.

Kozileks Brut.

Jori schwenkte die Fackel über dem unwirklichen Haufen, auf dem sie sich befand, und die Art und Weise, wie die Schatten auf ihm spielten, erweckte den Eindruck, als würde sich das Ding in seiner abscheulichen Gänze winden. Doch die Eldrazi bewegten sich nicht. Sie waren alle tot.

Der Haufen war in der Mitte dieser Kammer höher, und er hätte die niedrige Decke berührt, wäre da nicht der Rand eines senkrechten Schachts gewesen, der nach oben von hier wegführte. Nach oben. Zur Oberfläche. Zum Zweizack.

„Kiora!“, rief Jori.

„Jori!“ Kioras Stimme klang heiser. „Was ist geschehen?“

„Gibt es neue Bewegung?“

„Nein. Was ist los?“

„Ich bin noch nicht sicher.“

Unvermittelt erschien Jori die gesamte Umgebung wie der untere Teil eines Stundenglases. Etwas warf diese Kadaver hier herunter wie grauenerregende Sandkörner. Das konnte gut sein ... oder schlecht.

Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

Jori versuchte, oben auf dem Haufen zu bleiben, während sie sich zu seiner Kuppe vorarbeitete. Mit der einen Hand umklammerte sie die Speerspitze, mit der anderen die Fackel. Je weiter sie vorankam, desto besser konnte sie den senkrechten Schacht über sich erkennen. Als sie ganz oben auf dem Haufen angekommen war, erhob sie sich auf die Knie und hielt die Fackel so in die Höhe, dass die Schatten sich tiefer in den Schacht zurückzogen.

Goblins – eine Menge Goblins – klammerten sich an die Wände. Einer war so nahe, dass er vor Joris Fackel zurückwich.

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„Kiora! Wir haben Ärger!“ Mehr brachte Jori nicht heraus, ehe der erste Goblin sich auch schon auf sie stürzte. Einer sprang von der Höhlenwand und ließ sich mit seinem vollen Gewicht auf ihre Schultern fallen. Die Fackel wurde Jori aus der Hand geschleudert, als Goblin und Meerfrau in den Haufen toter Eldrazi hineintorkelten. Der Goblin schien nur aus Klauen und Zähnen zu bestehen. „Du schaffst das, Kiora!“, rief Jori in den Gang hinein. Dabei versuchte sie, die knochigen Finger des Goblins daran zu hindern, sich um ihre Kehle zu legen.

Jori warf sich herum, um den Goblin unter sich festzuklemmen. „Achte auf deinen Atem!“ Ein entsetzlicher Schrei löste sich aus dem stinkenden Maul des Goblins, und Jori trieb ihm ihre kleine Klinge in die Brust. „Und bleib ruhig!“

Als der Körper des Goblins zu zucken aufhörte, bemerkte Jori, dass die Kreatur keine Augen hatte. Bewohner der Dunkelheit. Dies hier unten war ihre Heimat. Das verhieß nichts Gutes, und das Geräusch schabender Krallen hallte in der Kammer wider.

„Kiora?“ Doch nun war es an Kiora, still zu schweigen.

Zu Joris Linken deutete das Knacken des Chitins eines Eldrazikadavers auf die Anwesenheit eines weiteren Goblins hin. Jori wandte sich um, um ihn mit ihrer Klinge abzufangen, doch ein zweiter Goblin schlug sie ihr aus der Hand. Einen winzigen Moment lang sah sie im verlöschenden Fackelschein, wie die Goblins auf das Klirren der Klinge auf der Felswand reagierten.

Sie sahen durch Geräusche. Noch im gleichen Augenblick wand sie ihren Helm aus dem Bündel an ihrer Hüfte und warf ihn hinauf in den Gang der Goblins. Wie zuvor ihre Klinge schepperte ihr Helm laut, als er von den Wänden abprallte, und während er dies tat, leitete Jori Mana in ihre Arme. Mit aller Kraft klatschte sie in die Hände, und das Echo des Helms auf Stein wurde stärker und verdoppelte sich immer weiter, bis die gesamte Kammer vibrierte. Jori spürte es in der Brust und wollte sich die Ohren zuhalten. Die Goblins gerieten aus dem Gleichgewicht. Einige stolperten über die eigenen Füße, während andere ungeschickt die Wände hinaufkletterten.

Dies war die Gelegenheit zur Flucht. Doch wohin? Der Raum erbebte weiter unter dem tobenden Lärm, und der Boden selbst schien unter dem Haufen lebloser Eldrazi ins Wanken zu geraten. Und während Jori versuchte, ob all dem nicht umzukippen, sah sie ihn: den Zweizack in der Hand eines der fliehenden Goblins.

Sie musste das hier beenden. Sie musste das hier schaffen. Es war klar, dass sie den Zweizack ebenso sehr brauchte wie Kiora.

Jori setzte dem Wesen nach. Es war noch immer desorientiert, und sie holte zu ihm auf, da es sich vorsichtig an der Höhlenwand abstützen musste. Jori sprang und griff nach dem Fuß des Goblins, doch das Geschöpf trat seitlich aus und geriet gemeinsam mit seiner Angreiferin ins Taumeln. Sie sanken ein Stück in den Haufen aus Eldrazi ein und purzelten weiter. Der brüchige Untergrund gab nach, und plötzlich verwandelten sich die zahllosen Kadaver in albtraumhaften Treibsand. Es gab nun keinen richtigen nächsten Schritt mehr, und so stürzten Jori, der Goblin und der Zweizack allesamt in die schmale Spalte, die sich unter ihnen aufgetan hatte. Jori gelang es, den Goblin zwischen sich und den auf sie zurasenden Boden zu bringen, und als sie ihn erreichten, hörte sie ein feuchtes Knirschen. Der Goblin lag reglos da.

Und Jori hatte Kioras Zweizack.

Sie musste einfach nur hier herausklettern und ihn ihr geben. „Kior... ahhh“, setzte sie an. Der Schmerz war heftiger, als er es hätte sein sollen. Etwas stimmte nicht. Sie holte Luft. Auch das schmerzte. Eine gebrochene Rippe. Vielleicht mehrere. Nur weiter. Sie musste nur noch Kiora den Zweizack geben. Sie musste nur noch hier herausklettern. Von dort, wo sie lag, wirkte die Grube leicht kegelförmig, doch es war zu dunkel, um sicher zu sein. Einer Sache jedoch war sie sich sicher: Die Grube war mit toten Eldrazi vollgestopft. Dort hinaufzuklettern wäre schon unverletzt schwierig, aber nun?

Jori war sehr müde. Die Mattigkeit spülte unvermittelt und unbarmherzig über sie hinweg. Die Glieder wurden ihr schwer, und sie schmeckte Blut im Mund. Das waren nicht gerade rosige Aussichten.

Da war sie also nun. Sie hatte sich in einem tiefen Loch verkrochen und wartete auf das Ende.

Doch es war nicht das Ende, was sich ihr schließlich durch die Schlucht hindurch näherte. Es war eine andere Art von Gewissheit. „Hast du den Zweizack?“

Jori hustete bejahend. Kiora hatte die Enge auf sich genommen, um ihre Herrschaft über die Weite zurückzuerlangen. Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, drückte sie die Waffe der Göttin in Kioras Hand und lächelte.

Sofort bildete sich eine Hülle aus blauer Energie um die Waffe herum. Kiora hielt sie hoch, und ein dumpfes Grollen erfüllte die kleine Grube. Es hielt einige Augenblicke an, und dann hörte Jori es: Wasser. Rauschendes Wasser. Sie war wie gebannt, als Kiora die gesamte Kraft des Meeres zu sich rief.

„Was hältst du davon, wenn wir hier verschwinden?“, erkundigte sich Kiora, und auch wenn es im Grunde keine Frage war. Zum Rauschen des Wassers gesellte sich bald eine Reihe ohrenbetäubender, krachender Geräusche, die die Welt zu spalten schienen. Ein tiefes, grollendes Knirschen folgte, und das gesamte Netz aus Höhlen wirkte plötzlich höchst zerbrechlich. Das Geräusch kam näher, und Jori sah dabei zu, wie die Höhle sich über ihnen einem Strom öffnete, der sich auf sie hinabergoss.

Dies war die Macht des Zweizacks. Die Macht einer Meeresgöttin. Kiora hatte das Meer überzeugt, das Land hinwegzufegen. Jahrtausende der Erosion spielten sich binnen Minuten ab. Sie löschten Kozileks Zeichen aus und befreiten den kleinen Raum tief in der Erde.

Jori roch Salz in der Luft, und dann umfing das Wasser die beiden Meerfrauen und trug sie zusammen mit dem Zweizack davon.

Veröffentlicht in Magic Story on 27. Januar 2016

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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » Mi 17. Feb 2016, 18:58

Eid der Wächter


Chandra schloss sich den anderen Planeswalkern an, indem sie Gideon, Jace und Nissa aus jenem Kerker der Agonie befreite, in den Ob Nixilis sie gesperrt hatte. Währenddessen jedoch wüteten Ulamog und Kozilek weiter im Land und hinterließen nichts als Zerstörung. Zendikar steht am Rand der Vernichtung.

Gideon war der Erste, der die Höhle verließ und mitten in den keckernden und zischenden Schwarm von Eldrazi hineinschritt. Die Kreaturen standen dicht gedrängt in dem Felsspalt, der den Eingang der Höhle bildete, und boten somit leichte Ziele für Gideons Sural und Chandras Feuerstöße und Flammenzyklone. Jede Faser seines Leibes schmerzte von den Hieben des Dämons und der Pein der Folterzauber, der er ausgesetzt gewesen war. Doch ein weiteres Mal verfiel er nun in seinen wohlvertrauten Rhythmus des Kampfes, gestärkt durch die Macht der Planeswalker, die an seiner Seite kämpften.

Bald schon waren die Eldrazi auseinandergetrieben wie eine Welle, die sich an einem unnachgiebigen Felsen brach. Und als der letzte von ihnen davonhuschte, die Schreie verstummten, Chandras Flammen erloschen und die donnernden Schritte langsamer wurden, war es, als würden sie nun allesamt im Wasser versinken: still und unnatürlich ruhig.

Als wäre die Welt gestorben.

Als ein letzter Eldrazi zu seinen Füßen zuckte, warf Gideon einen Blick auf seine Gefährten. Jeder von ihnen starrte von ihrem hohen Aussichtspunkt in den Bergen aus in eine andere Richtung und nahm das in sich auf, was einst ein atemberaubender Anblick gewesen war – vor der Ankunft der Eldrazi. Sein eigener Blick streifte über die Ruinen von Seetor und die verlassene Ödnis, die sich von dort aus ausbreitete, bis er schließlich an den Titanen der Eldrazi haften blieb – nun gab es zwei von ihnen. Ulamog, der gefangen und ihnen ausgeliefert gewesen war, und Kozilek, dessen plötzliches Auftauchen ihren Plan vereitelt hatte.

Die Titanen bewegten sich langsam voran, nicht ganz Seite an Seite, und hinterließen Zwillingsschneisen der Zerstörung. Doch wo Ulamog den nur allzu vertrauten weißen Staub hinter sich schuf, bestand Kozileks Spur aus bizarren Mustern funkelnder Steine, die in sonderbaren, rechteckigen Spiralen angeordnet und von blassem Violett und Grün überzogen waren. Natürlich huschte auch ihre Brut um sie herum, doch Gideon sah kein anderes Zeichen von Leben.

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Seine Streitmacht war nicht mehr. All seine Anstrengungen der vergangenen Monate waren zunichtegemacht. Es war nichts mehr übrig.

„Gideon“, murmelte Jace.

Gideon wandte sich um, doch Jace nickte in Richtung von Nissa.

Die Elfe war auf die Knie gesunken, fassungslos angesichts der Verwüstung ihrer Welt. Gideon machte einen Schritt auf sie zu, aber Jace griff nach seinem Arm.

„Warte“, flüsterte er. „Was willst du ihr denn sagen?“

„Was? Ich weiß nicht ...“

„Gib keine Versprechen, die du nicht halten kannst“, sagte Jace ernst.

Ob nun aus eigenem Antrieb oder durch den Hinweis des Gedankenmagiers ausgelöst kam ihm alles in den Sinn, was er hätte sagen können, um Nissa zu trösten: Wir kriegen sie. Wir machen es wieder gut. Wir können noch immer siegen. Diese zerstörte Welt wird wieder aufleben. Leere Plattitüden. Jace hatte recht: Er konnte diese Dinge nicht versprechen.

„Ich glaube, wir müssen ernsthaft die Möglichkeit in Betracht ziehen, Zendikar seinem Schicksal zu überlassen.“

Jace hatte geflüstert, aber Nissa hatte ihn ganz offensichtlich gehört. Sie sprang auf und wirbelte mit geballten Fäusten und vor Zorn sprühenden, grünen Augen zu ihnen herum. „Ich gehe nirgendwohin“, sagte sie. Der Boden erbebte kaum merklich bei ihren Worten – das erste Zeichen, das Gideon sah, dass diese Welt noch am Leben war.

Jace seufzte. „Nissa“, sagte er, „wir müssen uns zumindest der Möglichkeit bewusst sein, dass das, was wir zu tun versuchen, nicht möglich ist. Ugin dachte das auch, und er hat viel mehr Erfahrung mit den Eldrazi, als wir jemals haben werden.“

„Doch du weißt, dass er sich irrt“, sagte Nissa. „Du hast die Antwort gesehen. Du warst derjenige, der sie gefunden hat.“

„Wie können wir dessen sicher sein?“, fragte Jace.

Gideon konnte ihrem Streit nicht mehr folgen. Er starrte auf den staubigen Boden zu seinen Füßen. Rüstungsteile und zerbrochene Waffen deuteten an, dass sie inmitten der Toten standen und über die Leichen derer hinweggelaufen waren, die die Berührung der Eldrazi in Staub verwandelt hatte. Sein Magen zog sich zusammen.

„Zendikar ist nicht die einzige Welt, die unsere Hilfe braucht“, hörte er Jace sagen.

„Zendikar braucht mich“, erwiderte Nissa. „Was auch immer ihr anderen beschließt, ich werde hierbleiben. Ihr könnt alle weggehen, wenn es das ist, was ihr wollt. Ich bleibe.“

Jace verstummte, und Chandra starrte noch immer in die Ferne, um den Pfad der Eldrazi mit Blicken zu verfolgen, während der Rest von ihr ungewöhnlich reglos blieb. Gideon wurde plötzlich etwas Bemerkenswertes klar: Niemand von ihnen war fortgegangen. Jeder von ihnen hätte es gekonnt. Jace hatte es ganz klar gewollt.

Doch nicht ohne die anderen.

„Du könntest fortgehen“, sagte er zu Jace. „Du hättest bereits fortgehen können, anstatt zu versuchen, den Rest von uns zu überzeugen. Auch du, Chandra. Es gibt nichts, was dich hier hält. Wir alle könnten fortgehen.“

Nissa spannte die Kiefermuskeln an, doch sie schwieg.

„Nach allem, was wir wissen, ist Zendikar verloren. Wir könnten die letzten Lebewesen auf dieser Welt sein, die Letzten, die noch zwischen den Eldrazi und dem pochenden Herzen dieser Welt stehen. Und was können wir tun? Was kann jeder von uns schon gegen die Eldrazi ausrichten – nicht einen, sondern zwei ungeheuerliche Titanen?“

„Und wer weiß, wo sich der dritte befindet“, fügte Jace leise hinzu.

„Vielleicht gibt es nichts, was wir tun können. Vielleicht kann niemand von uns – kein einziger – etwas gegen solche Ungeheuer ausrichten.“

Chandra gab einen erstickten Laut von sich.

„Aber vielleicht können es vier von uns“, sagte Gideon.

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Jace lächelte, und Nissas Augen weiteten sich.

„Ich glaube, dass wir das können“, fuhr Gideon fort. „Wenn wir zusammenarbeiten, dann glaube ich, dass wir vier uns jeder Kraft entgegenstellen können, die das Multiversum gegen uns aufzubieten vermag. Vieleicht sollten wir das also einfach tun.“

„Aber –“, entfuhr es Chandra.

Gideon hob die Hand. „Hört mir zu. Schaut euch doch nur an, was wir bislang erreicht haben. Wir haben Ulamog eingekerkert. Wir haben diesen Dämon besiegt. Jeder von uns ist auf seine eigene Weise mächtig. Dein Feuer, Chandra, dein Zorn ist eine unglaubliche Kraft. Nissa, du verstehst die Seele dieser Welt und ihre Magie auf eine Weise, die uns anderen unbegreiflich ist. Jace, ich habe dich zunächst unterschätzt, doch deine rasche Auffassungsgabe und dein Weitblick haben mich ein ums andere Mal gerettet. Zusammen können wir die Eldrazi besiegen. Wir können diese Welt retten. Und danach jede andere Welt, die uns braucht, wie groß die Bedrohung auch sein mag.“

„Du scheinst mir etwas voreilig“, sagte Chandra. „Vielleicht sollten wir uns zunächst mit der Bedrohung befassen, die vor uns liegt.“

„Nein“, sagte Gideon. „Wir müssen uns damit befassen, warum wir uns ihr entgegenstellen. Es geht nicht nur darum, unsere Fehler wiedergutzumachen. Es geht nicht nur um persönliche Rache. Dies hier ist größer als die Eldrazi. Größer als Zendikar. Wir müssen uns der Sache verpflichten –“ Er sah Chandra bei diesem Wort zusammenzucken, doch er fuhr unbeirrt fort. „Wir müssen uns der Sache verpflichten – nicht nur, die Eldrazi von Zendikar zu vertreiben, sondern uns gemeinsam allem entgegenzustellen, was das Multiversum bedroht. Niemand sonst kann das. Diese Aufgabe fällt uns zu – aufgrund unserer Macht. Aufgrund unserer Funken.“

Er holte tief Luft und erfreute sich einen Augenblick an der Gewissheit, dass er noch nie zuvor so sehr recht mit etwas gehabt hatte.

„Ich habe Zivilisationen fallen sehen“, sagte er. „Als die Eldrazi Seetor zerstörten, bedrohten sie alles, woran ich glaube. Die Bewohner Zendikars – meine gesamte Streitmacht – waren für sie nichts weiter als lästige Fliegen."

Er schüttelte den Kopf. „Nie wieder.“

Die anderen sahen ihn nun alle genau an. Während er sprach, suchte er den Blick eines jeden seiner Gefährten.

„Nicht nur die Eldrazi und nicht nur Zendikar. Nie wieder, auf keiner Welt. Das schwöre ich: Für Seetor, für Zendikar und all seine Bewohner, für Gerechtigkeit und Frieden werde ich Wache halten. Und sollte eine neue Gefahr aufziehen, um das Multiversum zu bedrohen, dann werde ich da sein, mit euch dreien an meiner Seite.“

Jace nickte langsam, während Chandra die Arme vor der Brust verschränkte. Immerhin ist zumindest einer von ihnen meiner Ansicht, dachte Gideon.

Doch es war Nissa, die als Nächstes sprach. Sie kniete nieder, um den staubigen Boden zu berühren. „Ich habe gesehen, wie eine Welt in Schutt und Asche gelegt wurde“, sagte sie. „Als die Eldrazi über Zendikar hinwegfegten, blieb nichts als Staub von diesem Land. Wird ihnen nicht Einhalt geboten, so werden sie alles und jeden darauf verzehren.“

Sie stand auf. Staub fiel von ihrer geballten Faust ab. „Nie wieder“, sagte sie. „Für Zendikar und das Leben, das es trägt, für das Leben auf allen Welten werde ich Wache halten.“

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Jace machte einen Schritt vorwärts und blickte Chandra an. „Gideon hat recht“, sagte er. „Wir vier besitzen außergewöhnliche Macht. Wir haben die einzigartige Gelegenheit – nein, die Pflicht –, unsere Macht gegen Bedrohungen wie diese einzusetzen. Die Eldrazi, ja, aber es gibt noch andere, die sich nicht nur auf eine einzige Welt erstrecken. Ich habe einst jemanden sagen hören, dass ein Planeswalker jemand ist, der vor jeder Gefahr stets davonlaufen kann. Aber wir sind es auch, die sich entscheiden können, zu bleiben.“

„Sprich die Worte“, sagte Nissa. Die Andeutung eines Lächelns durchbrach die Maske ihres Zorns.

„Was?“

„Sprich die Worte“, wiederholte sie. „Wie einen Eid.“

Jace erwiderte ihr Lächeln. „Na schön. Ich sah ...“ Er runzelte die Stirn, und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. „Ich sah eine größere Gefahr, als ich mir je vorzustellen vermochte. Die Eldrazi bedrohen nicht nur Zendikar. Wenn wir hier fortgehen und sie in Ruhe lassen, dann werden sie Welt um Welt verschlingen, bis selbst Ravnica in Trümmern liegt. In diesem Augenblick könnte Emrakul auf der Suche nach einer anderen Welt, die er verschlingen kann, durch die Blinden Ewigkeiten streifen.“

Gideon dachte an Theros, an Bant, an Ravnica.

Jace nickte entschlossen. „Nie wieder. Zum Wohle des Multiversums werde ich Wache halten.“

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Gideons Blick wanderte zu Chandra, und er bemerkte, wie auch Nissa und Jace die Pyromagierin ansahen. Er war nicht sicher, was er von ihr zu erwarten hatte – außer dem Unerwarteten.

„Ich weiß, was ihr denkt“, sagte sie. „Dass ich so etwas niemals wirklich ernst nehmen könnte. Vielleicht habt ihr recht.“

Sie drehte den Kopf und suchte Nissas Blick. „Aber die Sache ist die“, sagte sie. „Ich habe gesehen, was wir gemeinsam erreichen können. Und Gideon hat recht – keiner von uns wird allein mit den Eldrazi fertig. Es bedarf aller vier von uns gemeinsam und all unserer vereinten Magie, um sie zur Strecke zu bringen.“

Sie holte tief Luft und stieß sie laut wieder aus. „Jede Welt hat ihre Tyrannen, die ihren eigenen Begierden folgen, ohne sich um die Leute zu scheren, auf denen sie dabei herumtrampeln. Sie sind nicht anders als die Eldrazi. Und daher sage ich: Nie wieder. Wenn die Leute dadurch in Freiheit leben können, ja, dann werde ich Wache halten. Mit euch.“

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Während Nissa Chandra umarmte und die Pyromagierin sich verstohlen die Augen rieb, dachte Gideon über die Chandra nach, die er auf Regatha kennengelernt hatte und die von einer Verpflichtung erdrückt zu werden schien, welche sie nur mit Worten, aber nicht mit dem Herzen eingegangen war. Er hatte das Gefühl, dass es dieses Mal anders war, und er lächelte.

„Also schön, Gideon“, sagte Chandra, als sie sich von Nissa löste. „Was nun? Du hast doch immer einen Plan.“

„Ich habe keinen“, sagte er. „Ich muss erst mehr wissen. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir dort drin waren. Ob noch irgendwo Kämpfer am Leben sind –“

„Das kann ich dir sagen“, meinte Chandra. „Ich ließ Tazri und eine kleine Gruppe von Kämpfern ein paar Meilen in dieser Richtung zurück.“ Sie vollführte eine vage Geste.

„Tazri. Gut“, sagte Gideon. „Sie wird wissen, welche Ressourcen uns noch geblieben sind.“

„Folgt mir“, sagte Chandra bereits im Gehen.

„Ich habe auch ein paar Ideen“, fügte Jace hinzu. „Vielleicht könnt ihr mir helfen, sie in einen Plan zu verwandeln.“

Gideon lächelte und klopfte Jace auf die Schulter. Nissa eilte Chandra sofort nach, und die beiden Männer folgten ihnen.

Gideon erkannte, dass all seine Bemühungen der vergangenen Monate genau zu diesem Punkt geführt hatten. Zu diesen vier Planeswalkern, die eine Entscheidung trafen: die Entscheidung zu bleiben, wie Jace es ausgedrückt hatte. Die Entscheidung zu kämpfen, anstatt davonzulaufen. Eine Entscheidung – eine Verpflichtung, ein Versprechen. Wache zu halten.

Selbst wenn das alles sein sollte, was er erreicht hatte, so war es genug.

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Veröffentlicht in Magic Story on 3. Februar 2016

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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » Mi 17. Feb 2016, 19:51

Wir steuern auf das Große Finale der Geschichte zu.

Am Rande des Abgrunds


Zwei Titanen der Eldrazi wüten nun auf dem Angesicht Zendikars. Das Netzwerk aus steinernen Polyedern, das einen von ihnen vorübergehend in Schach gehalten hatte, wurde vollkommen zerstört und die Streitmacht, die gegen ihn ins Feld gezogen war, in alle Winde verstreut. Doch vier Planeswalker haben einen Eid geleistet: Wache zu halten über Zendikar und das Multiversum, sich Gefahren zu stellen, anstatt vor ihnen zu flüchten, und Wesenheiten wie den Eldrazi, die alles zu vernichten suchen, was den Menschen lieb und teuer ist, entschlossen die Stirn zu bieten.

Sie schworen einen Eid. Sie bildeten eine Gemeinschaft. Doch nun brauchen sie einen Plan. Und Jace Beleren ist wohl der Einzige, der dank des Wissens, das er von Ugin, dem Geisterdrachen erhielt, einen solchen ersinnen kann.


Das Gefühl, ein gemeinsames Ziel zu haben, war anfälliger, als Jaces Gefährten es offenbar wahrhaben wollten.

Er hatte ob der Worte und der Gedanken der anderen deutlich Mühe, sich selbst denken zu hören. Sie gingen – eigentlich wären sie am liebsten gerannt, doch sie mussten ihre Kräfte schonen – auf eine Schlucht zu, in der Chandra einige Überlebende gesehen hatte. Sie alle warteten darauf, dass Jace einen Plan ersann. Doch Jace hatte bereits einen Plan gehabt, der allerdings fehlgeschlagen war und ihn zum Improvisieren gezwungen hatte.

Jace hasste es zu improvisieren.

„Was auch immer wir tun müssen, wir werden es tun“, hatte Gideon gesagt, doch zu sich selbst hatte Jace hinzugefügt: Wenn es denn noch etwas gibt, was wir tun können.

„Ich bin bereit“, sagte Nissa. „Zendikar ist bereit.“ Doch ein anderer Gedanke streifte die Oberfläche ihres Bewusstseins: Woher weiß ich, dass ihr bleibt?

„Komm schon“, sagte Chandra. „Spuck‘s aus!“ Spuck‘s aus!, hatten ihre Gedanken einen Wimpernschlag zuvor – oder danach? – widergehallt. Zumindest sie wirkte derart unverstellt und zielstrebig, dass es in aller Regel überflüssig war, ihre Gedanken zu lesen.

Sie stolperten in die Schlucht hinunter, die von Kozileks absonderlicher, irisierender Spur bedeckt war. Jace spürte die anderen, noch ehe er sie sah: ein halbes Dutzend erschöpfter Menschen und Kor, den schattenverhangenen Geist eines Vampirs sowie die kühlen und beherrschten Gedanken zweier Meeresbewohner.

Sie kamen um eine Biegung und fanden Generalin Tazri nebst ein paar ihrer Kämpfer vor: Munda, den Plänkler der Kor, eine mürrische Vampirin, die vermutlich Dranas Interessen vertrat, die Ruinentaucherin Jori und – oh, na wunderbar. Hoch aufgerichtet, den Zweizack in der Hand und mit dem unverkennbar frechen Lächeln im Gesicht stand die Planeswalkerin Kiora vom Meervolk da und schien – abgesehen von ein paar Kratzern in den Finnen – reichlich unversehrt. Sie stritten.

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„Wir schlagen hier zu“, sagte Tazri und deutete auf eine Karte. „Die Titanen sind in Bewegung. Wir fangen sie ab, bevor sie sich zu weit voneinander entfernen.“

„Das ist Selbstmord“, meinte Dranas Abgesandte.

Gideon trat vor.

„Generalhauptmann!“ Tazri nahm Haltung an. Sie strahlte zu gleichen Teilen Unbehagen und Erleichterung aus. Ihre Gedanken schreckten vor einer noch jungen, schmerzhaften Erinnerung zurück, die Jace gar nicht erst zu lesen versuchte.

Gideon grinste und schloss sie in die Arme.

„Rühren“, sagte er und trat zurück, um die Gruppe zu mustern. „Es ist schön, dich zu sehen. Es ist schön, euch alle zu sehen.“

Gideon ergriff Mundas Arm, legte Jori fest eine Hand auf die Schulter und nickte Kiora und der Vampirin zu.

Jace sah zu Jori, bevor sein Blick an Kiora haften blieb.

Wird sie diesmal mit uns zusammenarbeiten?, fragte Jace in Joris Gedanken.

Jori zuckte leicht zusammen. Ja, dachte sie. Wahrscheinlich.

„Kiora“, sagte Gideon. „Ich dachte, wir hätten dich verloren.“

„Ich dachte, wir hätten eine Menge Dinge verloren“, sagte Kiora. Ihr Lächeln erstarb, aber nur für einen Augenblick, ehe es mit wilder Entschlossenheit zurückkehrte. „Wie auch immer. Wir sind alle hier. Was ist unser nächster Schritt?“

„Unser nächster Schritt?“, fragte Jace. „Warst du es nicht, die davonstürmte, uns zum Handeln zwang, ihre kleine Flottille ins Verderben führte und jetzt –“

„Ja“, zischte Kiora. Ihre Augen glühten, und sie lächelte nun nicht mehr. „Ja. Das stimmt schon alles. Deshalb bin ich jetzt ja auch hier und frage dich, was wir nun tun werden“, erwiderte sie grimmig. „Aus irgendeinem Grund hatte ich angenommen, du wüsstest eine Geste der Bescheidenheit meinerseits zu würdigen.“

„Ganz im Gegenteil“, kam Gideon Jace zuvor. „Das ist beängstigend.“

Immerhin brachte dies ein Lächeln zurück auf Kioras Gesicht. Jace konnte Menschen dazu bringen, alles zu tun, was er wollte, falls es unbedingt nötig war, doch Gideons Fähigkeit, die Leute dazu zu bewegen, mit ihm zusammenarbeiten zu wollen, war für ihn kaum nachvollziehbar. Es war nichts Magisches an ihr, sondern sie gründete sich allein auf Charisma und persönlicher Integrität – nichts also, was zu kultivieren sich Jace jemals hatte veranlasst gesehen.

Und das bedeutete, dass es in jeder Situation seine oberste Priorität zu sein hatte, zunächst einmal Gideon für sich zu gewinnen. Etwas, was sich lohnte, im Hinterkopf zu behalten, falls sie dies alles überleben sollten.

„Was ist denn unser nächster Schritt?“, fragte Tazri. „In der gesamten Senke sind Leute versprengt. Ich versuche, sie zusammenzuführen, aber in den tiefer liegenden Gebeten steht noch immer Wasser und überall sind Eldrazi.“

„Jace hat einen Plan“, sagte Gideon. „Oder?“

Sämtliche Köpfe wandten sich mit erwartungsvollen Blicken zu ihm um. Große Hoffnung sprach aus ihnen.

Jace rieb sich die Schläfen. Schloss die Augen. Schlug sie wieder auf.

„Na schön“, sagte er. „Hört genau zu, denn wir haben nicht viel Zeit. Ich hatte einen Plan in der Hinterhand, falls unsere Polyederfalle fehlschlägt, aber darin kam nur ein Titan der Eldrazi vor. Jetzt haben wir es mit zweien zu tun, unsere Verbündeten sind in alle Winde verstreut sind und ich habe nur ... nun ja, nennen wir es einen halben Plan. Ich werde eure Hilfe brauchen, um ihn umzusetzen.“

Er beschwor eine Illusion herauf: den Ring aus Polyedern, den sie verwendet hatten, um Ulamog einzusperren. Während er sprach, ließ er die Polyeder in ein illusionäres Meer stürzen, behielt aber das Diagramm bei, das geholfen hatte, sie an den richtigen Platz zu bringen. Die Glyphe, die der Geisterdrache ihm gezeigt hatte – die Form der Leylinien, die nötig war, um die Eldrazi zu binden.

Außerhalb der Schlucht erklangen Kampfgeräusche. Chandra nestelte an ihrem Handschuh und blickte zu Gideon. Er nickte, und Chandra entfernte sich mit bereits entflammendem Haar einige Schritte von der ernsten Versammlung. Manchen Menschen war es nicht gegeben, einfach nur still zu sitzen, und Jace war es lieber, dass sie Eldrazi tötete, als sich einen Plan anzuhören, dessen Einzelheiten sie ohnehin nicht weiter kümmern würden. Sie hielt sich am Rand der Gruppe und schleuderte Flammenstöße auf kleinere Eldrazi, die ihr zu nahe kamen.

„Es ist nicht mehr möglich, Ulamog und Kozilek einzusperren“, sagte Jace. „Nicht mit dem, was uns zur Verfügung steht. Wir haben weder die Zeit noch die Leute, um ein Polyedernetzwerk um sie herum zu bauen. Doch diese Form besitzt dennoch Macht.“

Er deutete auf die Glyphe ohne die Polyeder, ein Kreis mit drei längentreuen Projektionen.

„Nissa, wären die Titanen nahe beieinander und würden sich nicht bewegen und falls du dich vollkommen darauf konzentrieren könntest, ohne dich verteidigen zu müssen ... glaubst du, dass du dann diese Form aus Zendikars Leylinien bilden könntest? Auf eigene Faust, ohne die Hilfe der Polyeder?“

Nissas Blick richtete sich in die Ferne und folgte geschwungenen Linien, die Jace nicht sehen konnte. Ihre Hände zuckten.

„Ja“, sagte sie. „Aber ohne die Polyeder, die die Leylinien an Ort und Stelle halten, wird die Bindung nur so lange bestehen bleiben, wie ich sie aufrechterhalten kann. Und ich weiß nicht, wie lange das sein wird.“

„Also können wir sie einsperren“, sagte Gideon. „Was versuchst du denn zu erreichen?“

Der Augenblick war gekommen. Die letzte Gelegenheit, von dem Abstand zu nehmen, was sich als schrecklicher Fehler herausstellen könnte.

Ugin, der viel älter und weiser war als jeder andere von ihnen, hatte Jace zwei klare Anweisungen gegeben: Versuche nicht, die Titanen der Eldrazi zu töten. Und lasse die Titanen nicht entkommen, um andere Welten zu bedrohen.

Doch eines von beidem stand nun nicht mehr zur Debatte. Die Mittel, einen der Titanen einzusperren, waren ihnen nicht länger gegeben. Und nun waren zwei von ihnen frei und konnten Zendikar jeden Augenblick verlassen. Die Folgen ihres Entkommens wären mit Sicherheit katastrophal. Sie würden eine andere Welt finden, eine, die nicht auf ihr Erscheinen vorbereitet war wie Zendikar. Sie würden diese Welt verschlingen und Tausende oder gar Millionen würden sterben.

Das war nicht zu akzeptieren.

Es blieb nur eine Möglichkeit. Ugin hatte nie näher erläutert, warum er nicht wollte, dass die Titanen getötet wurden und ob sein Einwand auf den Risiken eines solchen Unterfangens oder auf dessen Konsequenzen beruhte. Und nun – jetzt, im Augenblick der Entscheidung – war Ugin nicht hier, um das klarzustellen. Doch er hatte ausführlich über die Gefahren gesprochen, es den Titanen zu erlauben, die Welt zu verlassen. Gefahren, die kaum einer Erklärung bedurften.

„Wir können sie nicht einsperren und wir dürfen sie nicht entkommen lassen“, sagte Jace. „Also bleibt uns nur eine Möglichkeit. Wir werden sie töten.“

Seine Gefährten, vier andere Planeswalker und ein paar sehr mutige Kämpfer von dieser Welt ... nickten. Ja. Töten wir zwei riesige, unfassbar alte Wesenheiten mit nichts als unseren begrenzten Fähigkeiten und unserem Einfallsreichtum. Das machte doch Sinn, nicht wahr?

Azor steh mir bei, dachte er. Ich habe mich Helden angeschlossen.

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„Und wie stellen wir das an?“, sagte Gideon. „Als wir zuvor darüber sprachen, schienst du nicht einmal zu glauben, dass das überhaupt möglich wäre.“

„Das tat ich auch nicht“, sagte Jace. „Doch Ugin und etwas, was er am Auge sagte, führten mich zu einer anderen Vermutung.“

„Das war doch aber, bevor du meintest, wir sollten Ulamog einsperren“, sagte Kiora. „Du hast das damals nicht erwähnt.“

„Ja, das stimmt“, sagte Jace, „und nein, das habe ich nicht. Ugin schien es für eine schlechte Idee zu halten, einen Titanen der Eldrazi zu töten, und ich habe ihm versprochen, das wenn möglich zu vermeiden.“

„Hast du dein Wort gegeben?“, fragte Gideon. Das Brechen eines Versprechens schmeckte ihm offenkundig nicht – ein Umstand, den Jace in Zukunft würde berücksichtigen müssen.

„Du hast uns etwas verheimlicht“, sagte Kiora.

„Wenn möglich“, wiederholte Jace an Gideon gerichtet. „Es ist aber nicht mehr möglich.“ Er wandte sich zu Kiora. „Ich habe dir tatsächlich etwas verheimlicht, weil ich einen Plan hatte, der auch ohne deine Unterstützung hätte aufgehen können. Ich bin sicher, so etwas würdest du natürlich nie tun.“

Kiora lächelte.

„Also?“, rief Chandra von außerhalb der Schlucht. „Habt ihr schon einen Plan?“

Jace beachtete sie nicht.

„Wir müssen die beiden Titanen dichter aneinander bringen – dicht genug, damit Nissa sie in derselben Anordnung von Leylinien einfangen kann.“

„Wir kümmern sie nicht“, sagte Kiora. „Sie werden sich nicht von uns herausfordern lassen.“

„Die Titanen werden von Ansammlungen von Lebenskraft angezogen“, sagte Jace. Er wandte sich zu Gideon und Tazri. „Und hier kommen eure Leute ins Spiel. Positioniert sie in voller Stärke in der Senke und lasst sie Kozilek und Ulamog direkt angreifen.“

„Du willst, dass wir unsere Streitmacht als ... Köder ... einsetzen?“, fragte Gideon.

Jace seufzte.

„Was ist der Unterschied zwischen einem Köder und einem Hinterhalt?“, fragte Jace.

Gideon wartete stirnrunzelnd ab, aber Tazri ergriff das Wort.

„Ein Köder hat keine Wahl“, sagte sie.

„Richtig“, sagte Jace. „Gideon, du sagtest, all diese wären Leute gewillt, ihr Leben für Zendikar zu opfern. Nun, die Zeit dafür ist gekommen.“

Gideons Miene verfinsterte sich noch weiter.

„Ich kann alle, die noch übrig sind, zusammentrommeln und ihnen den Plan darlegen“, sagte Tazri. „Aber du bist es, der sie dazu bringen muss, daran zu glauben. Sag ihnen, was auf dem Spiel steht. Gib ihnen eine Wahl, Gideon. Wenn du es ihnen sagst, wird es sich meiner Meinung nach wohl nicht wie eine schwierige Entscheidung anhören.“

Gideon atmete tief ein und aus.

„Ruf die Truppen zusammen“, sagte er. „Ich befasse mich mit den näheren Einzelheiten und stoße dann zu euch.“

Gideon schlug Tazri auf die gepanzerte Schulter. Sie eilte davon, um die Truppen zu versammeln.

„Der Plan“, sagte er.

„Richtig“, entgegnete Jace. „Ugin beschrieb jeden Titanen der Eldrazi als einen Menschen, der seine Hand in einen Teich steckt, und die ursprüngliche Polyederfalle als einen Nagel, der in diese Hand hineingetrieben wird. Die Titanen, die wir sehen – das sind nur ihre Hände. Der Rest von ihnen liegt außerhalb dieser Welt in den Blinden Ewigkeiten. Es bringt uns nicht weiter, den sichtbaren Teil zu ‚töten‘. Unser sprichwörtlicher Mensch geht einfach weg – zwar um eine Hand ärmer, aber frei.“

„Sie sind bereits frei“, sagte Gideon.

„Ja“, sagte Jace. „Der Nagel hat sich gelockert. Deshalb müssen wir handeln. Aber wenn wir sie einfach nur angreifen – wenn wir ihnen richtig wehtun –, dann ziehen sie die Hand aus dem Teich und machen sich woandershin auf, um einen etwas weniger gefährlichen Fisch zu ärgern. Also müssen wir uns etwas einfallen lassen. Wenn du die Mittel hast, einen Nagel in die Hand eines Menschen zu schlagen, was könntest du dann noch tun?“

Verärgert erkannte er, dass er dieselbe simple Metapher verwendete, die ihn bei Ugin schon so ungehalten gemacht hatte, bis hinunter zu den rhetorischen Fragen und dem Tonfall eines wissenden Mystizismus.

„Man kann ihn hineinziehen“, sagte Nissa.

„Und dann ersäuft er“, fügte Kiora etwas zu eifrig hinzu.

„Genau“, sagte Jace. „Wenn wir also annehmen, dass Ugins Metapher weitestgehend zutrifft – und ehrlich gesagt haben wir an diesem Punkt auch gar keine andere Wahl –, ziehen wir die beiden Titanen vollständig in die stoffliche Welt. Wo wir sie dann töten können.“

„Und wie?“, fragte Gideon.

„Das“, sagte Jace, „ist der Grund, weshalb ich sagte, ich hätte einen halben Plan. Ich weiß es nicht.“

„Das ist deine Idee?“, fragte Kiora. „Ziehen wir den Hai ins Boot und dann ... ähm?“

„Nein“, sagte Jace. „Mein Plan war es, dieses Problem meinen vielseitig talentierten, klugen und erfahrenen Verbündeten zu präsentieren und zu sehen, ob ihnen etwas Nützliches einfällt.“

„Ich kann es tun“, sagte Nissa und starrte zu einem weit entfernten Horizont.

„Wie?“

Sie drehte sich um, als hätte sie erst jetzt bemerkt, dass Jace da stand.

„Es ist kompliziert“, sagte sie. „Lass es mich dir zeigen.“

Jace zögerte und erinnerte sich an das Chaos und die Macht, die der Geist dieser Elfe barg. Er hatte nicht die Kontrolle über ihn gehabt, und das machte ihm Angst. Doch welche Wahl hatte er schon? Er schloss seine Augen und öffnete Nissas.

Erneut war die Welt von grünem Feuer erfüllt, ein pulsierendes Licht, das von gleißenden Linien ausging, die sich kreuz und quer über den Himmel zogen. Ihre Freunde waren Gletscher, die unvorstellbar langsam dahinkrochen, während Nissa und Jace in Gedankenschnelle Zwiesprache hielten. Und die Titanen ... Die Titanen ...

Durch Nissas Augen gesehen war Ulamog ein pechschwarzer Abgrund und Kozilek ein sich windendes Rätsel. Die Leylinien krümmten sich, um auf sie zuzulaufen – verzerrt, zerfasert und schreiend aufbegehrend.

Ich kann nicht ..., sagte er in ihrem Geist. Ich verstehe das nicht.

Das letzte Mal, als er in Nissas Bewusstsein gewesen war, hatte sie ihm geholfen, nicht weiter auf die Leylinien zu achten und sich auf die klaren Umrisse des illusionären Modells zu konzentrieren anstatt auf die lebendige und alles andere überwältigende Wirklichkeit. Er versuchte erneut, die Linien auszublenden und sich vor ihnen zurückzuziehen, aber Nissas Gedanken schienen die seinen fest an Ort und Stelle zu halten. Er konnte nicht fort – zu so etwas sollte sie doch gar nicht fähig sein.

Sieh, sagte Nissa. Sieh hin.

Ich kann nicht

Sieh hin, beharrte sie.

Er sah hin. Er sah es.

Bilder blitzten auf: Erinnerungen an das Polyedernetzwerk, wie es einst gewesen war und wie Nissa es gesehen hatte. Leylinien verliefen kreuz und quer in weiten Bögen über die Welt, gelenkt und im Zaum gehalten vom Netzwerk. Über Tausende von Meilen hinweg krümmten und kreuzten sie sich, um die Titanen in einem Kerker aus reinem Mana zu umschließen.

Die Polyeder pulsierten und schickten Schübe von wildem Mana durch die Leylinien. Diese Ausbrüche wogten über das Land und fachten die wirbelnden Winde und taumelnden Felsen der Turbulenz an. Nissa hatte es damals nicht verstanden, doch nun tat sie es: Die Titanen wollten entkommen. Die Polyeder entzogen ihnen Kraft und zerstreuten die für ihre Mühen aufgewandten Energien in dem Netz aus Leylinien. Sie hatte gedacht, ihre Welt wäre wütend. Sie hatte nicht erkannt, dass sie um ihr Leben kämpfte.

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Nissas Erinnerungen fluteten über ihn hinweg, und einige von ihnen waren ihm gespenstisch vertraut. Das Auge von Ugin. Der vampirische Weise Anowon, wie er schwor, dass die Eldrazi Zendikar verlassen würden, wenn sie denn nur befreit würden. Ein großer, weißhaariger Mann mit einem Schwert, dessen nüchterne, aber geschmeidige Stimme einen Namen sprach –

Du hast Sorin Markov getroffen?

– doch die Flut von Bildern strömte weiter auf ihn ein. Ein steinerner Drache mit blau leuchtenden Augen. Ein Polyeder, der vor weißem Feuer knisterte – das Zentrum des gesamten Netzwerks, der das halb geöffnete Gefängnis an seinem Platz hielt und vor schierer Macht summte. Nissas Stab, wie er gegen den Polyeder schlug. Ein sich weitender Riss und ein weißer Lichtblitz –

Das Bild verblasste und wurde von abstrakteren Erinnerungen abgelöst.

Inmitten einer Glyphe, die ohne Polyeder erschaffen worden war, wären die Titanen nur eine kurze Zeit lang gefangen, aber sie wären in unmittelbarem Kontakt mit den Leylinien – jenen Leylinien, die die Energie der Titanen über die Welt selbst verteilen konnten.

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Die Polyeder waren wie Dämpfer. Mit ihnen im Weg konnte man die Leylinien nicht dazu nutzen, die Titanen zu töten. Doch ohne sie ...

Wir können die Titanen in Stücke reißen, sagte Jace.

Wir könnten ihre sämtliche Kraft in die Leylinien ziehen, sagte Nissa. In Zendikar hinein. Damit die Welt ihnen das antun kann, was sie ihr antun wollten. Sie verschlingen.

Das könnte hart für Zendikar werden, sagte Jace. Wenn das Ausbluten der überschüssigen Energie der Titanen die Turbulenz verursacht, dann könnte das Aussaugen sämtlicher Energie

Ich weiß, sagte Nissa. Zendikar schafft das.

Ein Augenblick der Stille im Raum zwischen beider Gedanken.

Du hast die letzte Sicherung entfernt, sagte Jace. Du hast sie freigelassen.

Ich habe sie freigelassen, sagte Nissa. Weil ich Sorin nicht vertraute und meiner Welt helfen wollte. Ich dachte, sie würden gehen. Ich habe mich geirrt.

Das kommt vor, sagte Jace. Du hattest falsche Informationen.

Und das wusste ich, und dennoch habe ich danach gehandelt, sagte Nissa. Ihre Gedanken waren fest, unnachgiebig.

Warum hast du mich das sehen lassen?

Weil ich mich nicht fragen wollte, ob du es aus meinem Geist hervorgeholt hast, sagte Nissa. Und weil ich dich wissen lassen wollte, warum ich das tue. Ich muss es wiedergutmachen.

Ich verstehe, sagte Jace. Ich ...

Er zögerte, unsicher, wie die Elfe reagieren würde.

Ich bin ein Teil des Grundes, aus dem die Sicherung überhaupt nötig war.

Zögernd senkte er die Barrieren in seinem eigenen Geist und beschwor eine bestimmte Abfolge von Erinnerungen herauf, die er sie dann auf dieselbe rauschhafte Weise erfahren ließ. Anowon, wie er ihn zum Auge führte. Der Kampf mit Chandra und dem Drachensprecher. Das Auge, wie es sich öffnete ...

Du hast sie freigelassen!, sagte Nissa.

Ich habe sie freigelassen, sagte Jace. Chandra und ich. Wir wurden getäuscht, doch darauf kommt es jetzt wohl nicht mehr an, oder??

Drei Planeswalker hatten den Kerker der Titanen geöffnet und zugelassen, dass ihre Brut über ganz Zendikar ausschwärmte. Einer hatte Ugins letzte Sicherung entfernt und die Tür geöffnet. Drei dieser vier standen nun hier, bereit, ihren Fehler wiedergutzumachen.

Nein, sagte Nissa. Es kommt nur noch darauf an, alles wieder richtigzustellen.

Er zog sich aus ihrem Geist zurück, öffnete die Augen und blinzelte in das gedämpfte, gleichmäßige Licht eines leeren Himmels.

„Also?“, sagte Chandra. Nur wenige Wimpernschläge waren verstrichen.

Jace schluckte. Nach einer ausführlichen Unterhaltung, die im Geiste geführt worden war, fühlte sich die gewöhnliche Sprache schwerfällig und unvollkommen an.

„Wir haben einen Plan“, sagte er. „Wir ziehen sie ganz aus den Blinden Ewigkeiten, nutzen die Leylinien, um ihre Essenz in Zendikar hineinzusaugen, und lassen die Welt selbst sie verschlingen.“

„Das klingt nicht sehr kompliziert“, sagte Kiora.

„Ich versichere dir, es ist enorm kompliziert“, sagte Jace. „Aber Nissa und ich glauben, es könnte klappen.“

„Wo brauchst du uns?“, fragte Gideon.

„Wir suchen eine Stelle aus“, sagte Jace. „Du und deine Truppen lockt die Titanen in ...“ Er lächelte. „... einen Hinterhalt. Nissa und ich warten dort mit einer kleinen Abteilung von Truppen, um uns zu beschützen. Wenn die Zeit kommt, verflicht Nissa die Leylinien und bindet die Titanen. Eure Aufgabe ist es, die Eldrazi so lange fernzuhalten, wie sie dafür braucht.“

Er wandte sich zu der Meervolk-Planeswalkerin, die ihren Zweizack hin- und herdrehte. Ungeduldig? Oder nervös?

„Kiora, du kennst deine Fähigkeiten besser als ich“, sagte er. „Ich bin offen für Vorschläge.“

„Das ist ... bemerkenswert schlau von dir“, sagte sie.

Jace lachte.

„Ich wäre auch mit ‚rücksichtsvoll‘ zufrieden gewesen.“

„Ich leere die Senke“, sagte Kiora. „Ich halte euch den Rücken frei, was die Eldrazischwärme angeht, und sorge dafür, dass eure Truppen trockenen Fußes marschieren können.“

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„Was ist mit mir?“, fragte Chandra.

„Geh mit Gideon oder bleib bei uns“, sagte Jace. „Steck Sachen in Brand. Aber greif nicht die Titanen an. Das riskiert, sie zu vertreiben und unseren einzigen Versuch zunichtezumachen.“

Chandra runzelte die Stirn, nickte jedoch.

„Was ist mit dir?“, fragte Kiora.

„Ich koordiniere alles“, sagte Jace. „Wo sich jeder befindet, wann Nissas Zauber beginnt und was zu tun ist, falls alles schiefzugehen droht.“

„Ah“, sagte Kiora abschätzig. „Du übernimmst die Führung.“

„Nein“, sagte Jace. „Die Führung ist Gideons Aufgabe. Dies hier ist mehr so etwas wie Verwaltungsarbeit.“

„Noch schlimmer“, sagte Kiora.

„Eine Sache noch“, sagte Jace. „Sobald wir hiermit loslegen, könnten sich die Titanen der Eldrazi ... verändern.“

„Was soll das heißen?“, fragte Nissa.

„Ihre Körper sind größer als das, was wir im Augenblick sehen, und wir werden den Rest von ihnen in die stoffliche Welt ziehen.“

Nissas helle, grüne Augen weiteten sich. Sie verstand.

„Und das heißt?“, fragte Gideon.

„Das heißt, dass sie, na ja, größer werden könnten“, sagte Jace.

„Größer?“, fragte Chandra beinahe begeistert.

„Könnten?“, spie Kiora aus. „Was ist denn das für ein Plan?“

„Ein in letzter Minute zusammengeschusterter Plan mit viel zu vielen Unbekannten und aufeinander aufbauenden Bedingungen“, sagte Jace. „Und noch dazu der einzige, den wir haben. Es sei denn, du möchtest versuchen, uns aufzuhalten. In diesem Fall können wir all unsere Kräfte daran verschwenden, gegeneinander zu kämpfen, während die Eldrazi in der Zwischenzeit das gesamte verdammte Multiversum auffressen.“

Kiora starrte ihn an. Er hielt sich vollkommen aus ihren Gedanken fern – hätte sie gespürt, dass er dort einzudringen versuchte, hätte sie sich sofort gegen sie alle gewandt.

„Na schön“, sagte sie. „Machen wir‘s auf deine Weise. Und, Gedankenmagier?“

„Ja?“

„Wenn das nicht klappt, bekommst du es mit mir zu tun.“

„Das kann ich mir bestens vorstellen“, sagte Jace. „Wenn es aber doch klappt, dann musst du dir wohl keine Gedanken mehr darum machen.“

„Friss oder stirb“, sagte Gideon. „Gefällt mir.“ Er erhob die Stimme. „Wir haben einen Plan, und wir haben die Stärke und den Willen, ihn umzusetzen. Gehen wir‘s an.“

Kiora und Jori verließen die Schlucht. Jori warf Jace einen letzten Blick zu – lag da etwa Zweifel in ihm? Dann war sie auch schon verschwunden.

Gideon wandte sich ebenfalls zum Gehen, drehte sich jedoch wieder um.

„Was der Dämon sagte ... Darüber, den Telepathen zuerst zu töten ...“

„Was ist damit?“

„Ich vertraue dir“, sagte Gideon.

Jace legte zwei Finger an die Schläfe und sagte in seiner finstersten Gedankenmagierstimme: „Ich weiß.“

Gideon verdrehte die Augen, klopfte Jace auf die Schulter – etwas, wovon er wusste, dass Jace es nicht leiden konnte –, und trottete davon. Chandra hatte sich bereits auf den Weg gemacht, und Gideon verfiel in einen eiligen Lauf, um sie einzuholen.

Jace und Nissa kletterten aus der Schlucht und starrten zu dem, was sie von den Titanen der Eldrazi sehen konnten und vom Boden der nun trocken gelegten Senke aus aufragte.

„Mein Herr!“, bellte eine Stimme hinter ihnen.

Jace drehte sich um und erblickte zwei Schwadronen von Kriegern, die von einer mürrischen Menschenfrau angeführt wurden. Es handelte sich um Freischärler, die eher in lockerer Formation als in echten Marschreihen vorrückten. Sie stellten sich in einer kruden Linie vor den beiden Planeswalkern auf und nahmen Haltung an.

„Die Nachhut meldet sich zur Stelle!“, sagte ihre Anführerin.

Jace brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass die Frau mit ihm sprach. Selbst in seiner Rolle als lebender Gildenbund von Ravnica hatte er sich nie auch nur an das kleinste Maß von Ehrerbietung gewöhnen können, das man ihm entgegenbrachte.

„Oh“, sagte er. „Ähm ... Rühren.“

Sie starrten ihn unverwandt an.

„Sag etwas“, flüsterte Nissa.

Sag du doch etwas, dachte Jace in ihre Richtung.

Ich bin nicht diejenige, die ihnen Befehle erteilen muss, sobald der Kampf beginnt.

Jace musterte die Truppen – seine Truppen –, und das Gewicht dessen, was sie vorhatten, gewann grausame Wirklichkeit. Er hätte es erklären können. Er hätte ihnen ein Diagramm aufzeichnen können, um die Metaphysik hinter dem Ganzen zu veranschaulichen und all seine Metaphern und Berechnungen von sich zu geben.

Doch nichts davon hätte sie dazu angetrieben, zu kämpfen und zu sterben. So ging das nicht ...

Nun, das war nur eine Möglichkeit, sich dem Problem zu nähern.

Er schluckte.

„Es mag nicht so aussehen“, sagte er, „aber in wenigen Augenblicken werdet ihr die wichtigsten Leute auf dem Schlachtfeld sein. Genau genommen sogar auf der ganzen Welt.“

Er vollführte eine Geste.

„Das hier ist Nissa“, sagte er, während er die Reihe abging. „Sie wird die Titanen binden, und sie wird sie letztendlich auch töten. Wenn sie fällt, spielt nichts anderes mehr eine Rolle. Plant also entsprechend.“

Augen weiteten sich, Kiefer wurden fest zusammengepresst. Sie verstanden ihre Aufgabe. Dessen war er sich sicher. Doch waren sie wirklich in der Lage, sie auch auszuführen?

Was würde Gideon sagen?

Jace lächelte. Natürlich.

„Für Zendikar!“, sagte er und reckte eine Faust gen Himmel. Für ihn hörte es sich wie ein schwacher Ruf an, so ganz ohne Gideons gepanzerte Faust, die tiefe Stimme oder die eiserne Überzeugung.

Nichts davon war wichtig. Die Soldaten hoben die Waffen und riefen wie aus einem Mund:

„Für Zendikar!“

Jace drehte sich zu den Titanen um. Im Tal unter ihren Schatten schwärmten inmitten zahlloser Feinde seine Freunde und Verbündeten aus, um seinen Plan in die Tat umzusetzen.

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Veröffentlicht in Magic Story on 10. Februar 2016

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Judge Fredd
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » Di 1. Mär 2016, 21:22

Zendikars letztes Gefecht


Der Plan wurde in Gang gesetzt, und ganz Zendikar steht auf dem Spiel. Chandra ist bereit, ihren Beitrag zu leisten, ebenso wie Kiora. Doch wenn Zendikar gerettet werden soll, müssen die Planeswalker den Plan vollkommen fehlerlos ausführen.

Die Luft roch alt und verbraucht, als wären selbst die Staubkörnchen nach Ulamogs Wüten in immer kleinere Teilchen zerfallen, bis sich der Niedergang Zendikars selbst als feiner Film über die Welt gelegt hatte.

Chandra hieb mit feurigen Armen durch die Luft und zog so die Aufmerksamkeit eines hundert Fuß großen, lebenverschlingenden Titanen auf sich. Das war tatsächlich Absicht. Irgendwie hatte man sie noch vor unfassbar wenigen Tagen mit dem ruhmreichen Titel „Äbtissin des Keralberg-Klosters“ geehrt. Sie fragte sich, welchen Titel sie nun wohl trug. Wahrscheinlich so etwas wie „Köder ersten Ranges“.

Chandra bildete die Nachhut einer von zwei Gruppen von Zendikari. Sie gehörte zu derjenigen, die Ulamog zugewiesen war. Während die Menge aus Kor, Vampiren, Goblins, Elfen und anderen Verbündeten auf den Sammelpunkt zumarschierte, ließ keiner den Titanen in ihrem Rücken aus den Augen. Chandra konnte es ihnen schlecht verübeln. Der Plan beinhaltete, dass sie sich so auffällig und verlockend lebendig wie möglich verhielten, um wie ein lohnendes Häppchen zu wirken.

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In der Ferne konnte Chandra Gideon an der Spitze des anderen Teils der Lockstreitmacht sehen, die aus Kozileks Richtung kam. Sein Sural blitzte in der Sonne wie ein Leitstrahl für die Zendikari, die ihm folgten. Chandra fragte sich, ob Kozilek Gideons Waffe überhaupt sehen konnte oder ob er nur die Fünkchen an Energie wahrnahm, die sie hinter sich herzog.

Mitten im Weg der beiden Titanen standen Jace und Nissa wie Ameisen, die sich zwei alles zertrampelnden Riesen entgegenstellten. Auch dies war Absicht. Chandra sah Nissa, die auf der Kuppe eines felsigen Hügels stand und gemeinsam mit Jace jenen Zauber vorbereitete, der die Welt retten sollte.

Jaces Warnung kam, noch ehe Chandra das Keckern hörte. „Chandra, wir kümmern uns um sie. Halte Ulamog in Bewegung, so gut du nur kannst.“

Eine Welle von Eldrazidrohnen krabbelte der Streitmacht, die als Köder dienen sollte, in den Weg. Ihre Gruppe konnte es sich nicht leisten, langsamer zu werden, um die Drohnen anzugreifen, und Chandra konnte sie von ihrer hinteren Position aus nicht beseitigen. Sie konnte nur hoffen, dass Jace recht hatte. Sie blickte auf und ließ zwei wirbelnde Flammenstöße auf die unzerstörbare Gesichtsplatte Ulamogs los.
__________

Kiora, da kommt eine Gruppe aus dem Süden. Kannst du sie aufhalten?“

Kiora richtete sich zu voller Größe auf und umfasste ihren Zweizack fester. Wellen aus Meerwasser umkreisten sie wie springende Delphine, hoben sie hoch und trugen sie über die Halimar-See auf das Land zu. Sie passierte den Hügel, wo der Gedankenmagier und die Elfe standen, und nickte Jace zu. Sie deutete mit dem Zweizack und wurde an der grasbewachsenen Ebene angespült, wo sie die Drohnen mit ihren Splitterkronen und die vielbeinigen Verwerter vor sich sah.

Der Eldrazischwarm würde die Flanke der Pyromagierin treffen. Mit einem Schwung ihrer mächtigen Waffe erhob sich eine Wand aus Wasser, traf das krabbelnde Gezücht wie der Hieb eines Meeresgottes und spülte es zurück über die nächste Anhöhe und in eine Schlucht hinein. Kiora drehte sich auf einem Strahl Meerwasser, um nach versprengten Angreifern Ausschau zu halten. Für den Augenblick war der Weg für die Kämpfer frei.

Sie sind aufgehalten“, dachte sie in Jaces Richtung.

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Kiora blickte zu einer der Landmassen auf, die über dem Kontinent schwebte – eine Insel in der Luft, von der ein beständiger Nebel herabsank. Ein Schatten zog über die Landmasse und Kiora warf einen prüfenden Blick über die Schulter: Der Schatten wurde von Kozilek geworfen, dessen massiger Leib der Insel das Sonnenlicht stahl, während er sich ihr näherte. Sie verstand nun, womit sie es bei diesem sogenannten Titanen zu tun hatte. Dies war kein fleischgewordener Gott, sondern ein die Wirklichkeit verzerrendes Phänomen, das aus den Blinden Ewigkeiten hierher eingedrungen war. Ein kranker Schwindel, der sich in dem abspielte, was diese Welt im Innersten zusammenhielt. Kein Schwindler, nur ein Schwindel.

Der Plan, ihn anzulocken, ging bislang auf, aber das war auch nur der einfache Teil. Die entscheidende Aufgabe fiel dem Gedankenmagier und der Elfe zu: Zendikars Leylinien ohne die Unterstützung der Polyeder zu bündeln und die Titanen mithilfe der Energieadern zu binden, damit die Leylinien selbst den Kolossen die Macht aussaugen konnten. Das war unbekannte Magie, nie erprobt und auf äußerst gefährliche Weise auch kaum begreiflich.

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Schlimmer noch: Der Versuch, einen Titanen der Eldrazi vollständig in diese Welt zu ziehen, war beispiellos. Die anderen Planeswalker hatten keinerlei Vorstellung vom Ausmaß der kosmischen Kräfte des Multiversums oder des Schadens, den sie anrichten konnten. Selbst die Elfe, die behauptete, eine persönliche Verbindung mit Zendikar zu haben, konnte unmöglich ahnen, welchen Einfluss dies alles auf die Welt haben würde. Zwischen Sieg und Niederlage stand nur eine Vermutung.

Kiora jedoch wäre froh gewesen, sich der Eldrazi endgültig entledigen zu können. Sie würde einfach abwarten und sehen, was sich ergab.

Kiora erhob sich auf einer Wassersäule, um über das Schlachtfeld zu spähen. In der Ferne, jenseits der Ruinen von Seetor, sah sie die ungeordneten Streitmächte der Zendikari herannahen – und die Titanen hinter ihnen. Unter ihr, auf einem kleinen Hügel, der über dem salzigen Tal der Halimar-Senke aufragte, standen der Gedankenmagier und die Elfe. Die Elfe, die glaubte, bei all dem hier das Zünglein an der Waage sein zu können.
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Nissa war bei all dem hier das Zünglein an der Waage, und Chandra wusste es. Die beiden Lockstreitmächte vereinten sich unmittelbar vor Jace und Nissa.

Chandra, Gideon – das ist nahe genug. Zieht die Truppen auseinander. Die Titanen sind in Position!“

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Chandra riss die Faust nach oben und sandte einen zischenden Feuerball in den Himmel, der hoch über ihr prasselnd zersprang. Als die Zendikari das Signal sahen, begannen sie, sich zu verstreuen. Chandra rannte neben ihnen her und schickte nur zur Sicherheit noch weitere Flammen in die Luft. Gideon schloss zu ihr auf, und gemeinsam liefen sie den Hang am Rand der Senke hinauf, während der Boden in einem zarten Grün zu leuchten begann.

Chandra blickte hinter sich zu jenem felsigen Vorsprung, wo Nissa vor Magie sprühte.
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Die Signalfeuer spiegelten sich in den Kronen von Kioras Wellen, sodass es aussah, als stünde das Meer in Flammen. Sie wandte sich um, um zu sehen, wie die Titanen in das Tal, das als Sammelpunkt gedient hatte, und damit in die Falle traten. Als die Elfe aufleuchtete, nahm Kiora einen tiefen Zug von der staubigen Luft.

Ranken aus heller, sattgrüner Magie wurden sichtbar, die das Land von Horizont zu Horizont durchzogen. Sie wanden und streckten sich und ordneten sich neu an, um auf die Elfe zuzustreben. Der Boden unter Nissas Füßen war erfüllt von Licht, und Kiora sah das gleiche Licht in den Augen der Elfe erstrahlen.

Ein heftiger Wind kam auf und der Himmel verdunkelte sich. Kiora sah den Gedankenmagier beobachten, wie sich das Muster der Leylinien drunten im Tal und unter Nissas Füßen formte. Sie hörte das Wispern der telepathischen Unterhaltung zwischen ihnen, als würde sie Geister bei einem drängenden Gespräch belauschen. Kiora verstand unzusammenhängende Wörter, die sich um die Form der Glyphe drehten, das Muster der Leylinien, eine unendliche Schleife, ein stabiles Feld aus konzentriertem Mana ...

Und auf einmal war das Muster da. Eine dreigeteilte Glyphe aus wildem, grünem Feuer erschien auf einer Breite von einhundert Fuß auf dem Boden des Tals. Meilenlange Schleifen aus purem Mana erblühten in der Glyphe, schlangen sich um die Titanen und zogen an ihnen.

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Kozilek und Ulamog versuchten, davonzuwanken und sich dem Land zu entwinden – und nicht nur nach hinten, wie Kiora bemerkte, sondern hinauf. Die in die Leylinien verstrickten Titanen richteten sich auf, und für einen langen Augenblick, in dem Winde über die Landschaft peitschten, sah es so aus, als würden sie sich einfach losreißen. Jedes bisschen Spiel in den Manaschleifen wurde aufgebraucht, als sie höher und höher aufragten.

Doch dann zogen sich die Leylinien straff. Sie hielten – feste, gerade Linien, die die Titanen an Zendikar verankerten.

Das Kreischen der Titanen war markerschütternd. Die Erde geriet ins Rutschen, brach auf und bebte. Risse bildeten sich und scharfe Bruchstücke zerberstender Felsen bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche, als sich das Land aufbäumte und wand. Der Zauber der Elfe hatte die Titanen tatsächlich zu fassen bekommen, und dies war ihre Antwort – jene Art von Antwort, die Welten vernichtete.

Überall um sie herum tauchten angreifende Eldrazi mit klackernden Kiefern auf. Kiora schwang sich auf eine neue Landzunge und warf eine Welle marodierender Eldrazi mit einer eigenen Welle aus Meerwasser zurück. Wind peitschte ihr die Finnen, als sie Mana herbeirief, mit dem sie einen Leviathan an ihre Seite befehlen wollte, doch sie spürte, wie das Land sich ihr widersetzte. Beinahe jeder Tropfen Mana wurde aufgesaugt, bevor Kiora ihn für sich nutzen konnte.

Der Zauber der Elfe hielt die Titanen fest, doch der Preis war, dass das gesamte Mana Zendikars dadurch absorbiert wurde. Würde sie das Land zugrunde gehen lassen, nur um sie gefangen zu halten?

„Nissa!“, rief der Gedankenmagier über den Wind hinweg. „Zieh an ihnen! Du musst sie in die Glyphe ziehen, um sie auszusaugen!“

Kiora sah, wie die Elfe sich mit ausgestreckten Armen mühte, die Macht der Leylinien durch sich und ihren Zauber zu bündeln. Sie schwang die Arme vom Boden bis zum Himmel, und ein neues Bündel Leylinien fuhr wie eine Knute auf die Titanen nieder. Das Land ächzte vor Anstrengung.

Etwas knirschte tief in der Erde, doch aus irgendeinem Grund klang das Geräusch für Kiora, als käme es von oben.

Eine Bewegung am Himmel zog Kioras Aufmerksamkeit auf sich. Um die mächtigen Titanen herum schwollen die Wolken an, und ihnen wuchsen Bäuche wie von einem Sturm, der sich in ihnen zusammenbraute. Doch dies war kein Sturm. Dies war etwas anderes. Die Farbe des Himmels wandelte sich von einem diesigen Blau zu brodelndem Purpur und Grün. Das Sonnenlicht flackerte, überschattet von einer sich rasch ausbreitenden, kräuselnden, polypenhaften Textur. Und zu Kioras Entsetzen sah sie mit an, was nun mit den Titanen geschah:

Sie wurden verzerrt und gebeugt und gestreckt.

Ihre Köpfe blähten sich auf und wurden zu langen Hälsen, die sich wie Regenbögen über den Himmel spannten.

Ihre Gesichter wurden breiter, nach innen eingedellt und erstreckten sich bis zum Horizont und wieder zurück.

Und dann begann es, Eldrazi zu regnen.
__________

Das ist neu, dachte Chandra.

Der Himmel Zendikars war zu den Titanen geworden. Ihre Gestalten hielten alles umfangen, eine Kuppel aus Fleisch von der Farbe blauer Flecken, weiter Knochenflächen und Splittern so schwarz wie der Rand einer unvorstellbaren Leere. Anstatt dass die Titanen in Zendikar hineingezogen wurden, fühlte es sich eher so an, als wäre Zendikar nun im Inneren der Titanen – oder als ob sich irgendwie sämtliche Dimensionen verkehrt hätten und sich nun das Äußere ihrer gewaltigen Leiber in jede Richtung um Chandra herum erstreckte.

Ulamogs Oberkörper ragte noch immer über dem Schlachtfeld auf, aber seine Gliedmaßen und Tentakeln reckten sich verzerrt aus verschiedenen Punkten am Himmel. Ein Teil von Kozileks Krone dehnte sich immer weiter aus und kreiste wie ein irrsinniger Mond am rauen Firmament. Grenzen lösten sich auf und Wesenheiten verschmolzen miteinander. Unheimliche Ranken sprossen aus dem purpurnen Himmel herab, verdrehten und streckten sich und troffen zu Boden wie trichterförmige Wolken. Aus jeder schälten sich Eldrazi hervor, die auf Zendikar niedergingen, wo sie entweder eine anmutige Landung durchführten oder einen hässlichen Absturz erlitten.

Chandra rannte in den neuen Pulk aus Eldrazi, drosch mit den Armen auf die Kreaturen ein und schlug eine brennende Schneise durch sie hindurch. Verstörenderweise schienen die Massen an Eldrazi noch immer auf grausame Weise mit den beiden Titanen verbunden. Es wirkte sogar, als versuchte Chandra, in zwei gewaltige und miteinander verklebte Wesenheiten hineinzuschneiden, die den Himmel ausfüllten und weitaus unermesslicher waren, als die Titanen es jemals hätten sein können.

Sie sah Gideons Sural funkeln und hörte, wie er den Zendikari Befehle zurief. Kampfgebrüll ertönte, als die Streiter vorwärtsstürmten, um diese neue Armee der Eldrazi zurückzuschlagen, und gellende Schreie, als die Krieger in Stücke gerissen wurden.

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Hinter sich hörte sie Nissa aufschreien.

„Nissa!“, rief Chandra instinktiv. Doch ihr Rufen wurde von den unnatürlichen Sturmböen und dem Kampfeslärm verschluckt.

Nissas Augen waren blind vor schimmerndem Grün, und Mana breitete sich in geraden Linien und in alle Richtungen von ihr zum Himmel aus. Die Leylinien zogen an der Glyphe und somit auch an Nissa. Chandra sah, wie sie kurz in die Luft gehoben wurde, hin zu dem von Titanen ausgefüllten Himmel. Sie fiel zurück zu Boden, wo sie mit zitternden Armen und zusammengebissenen Zähnen auf den Knien landete.

„Jace," rief Chandra, „sie kann das nicht lange aufrechterhalten!“

„Es klappt!“, rief Jace zurück. „Halte durch!“

„Es klappt?“, spie Chandra aus. „Woher weißt du das?“ Sie schlug mit einem Feuerstoß ein paar der neu in Zendikar eingedrungenen Eldrazi zurück, die auf Nissa zukrabbelten.

Das Land erbebte mit einem Mal heftig. Scharen von Zendikari gingen zu Boden. Chandra sah, wie sich im ganzen Tal Risse auftaten, die sich weiteten und das Land verschlangen und den Vorsprung, auf dem Jace und Nissa standen, erzittern ließen. Über ihnen geschah etwas Neues mit den Titanen.
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Kiora blickte zu der rankenüberwucherten Membran hinauf, zu der die Titanen geworden waren, und sah die Risse, die sich auf ihr ausbreiteten. Der Glyphenzauber hatte eine Verbindung zwischen den Titanen und Zendikar aufgebaut, und die Leylinien zersetzten die Eldrazi nun ganz langsam und Stückchen für Stückchen. Sie waren Wesen der Blinden Ewigkeiten und dass sie nun vollständig in die Wirklichkeit gezogen worden waren, zerrte an ihrer schieren Existenz. Und endlich begannen die Titanen auseinanderzubrechen.

Gleichzeitig jedoch brach auch das Land Zendikars auseinander und zwar viel, viel schneller. Die Luft war ein Sturm aus zerrissenen Böen. Das Meer wurde zu wirbelnden Wasserhosen. Kiora wusste, dass das Land unter ihren Füßen sich als Nächstes auflösen würde.

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Kiora umfasste den Zweizack und spürte, wie seine Macht in ihrer Hand wuchs. Sie spürte, wie das Meer anschwoll, sich sammelte und ihrem Ruf antwortete. Doch gleichzeitig spürte sie seine Leere. Zendikar wurde in einen Wettstreit im bloßen Verzehren von Dingen gegen die Titanen geschickt – und die Titanen existierten nur, um Dinge zu verschlingen.

Der Gedankenmagier sah in ihre Richtung, und sie hörte seine Worte in ihrem Bewusstsein. „Jetzt, Kiora. Setze deine Wellen ein, um die Horden auszulöschen. Verschaffe Nissa mehr Zeit.“

Kiora schwang den Zweizack mal hierhin, mal dorthin, und Meerwasser schlug über den herankriechenden Eldrazi zusammen. Doch einen letzten Zauber sparte sie sich noch für den richtigen Augenblick auf. Während sie die Schwärme zurückschlug, beobachtete sie die Landmasse über sich, dieselbe Insel mit den vielen Terrassen, die sie vor dem Beginn des Zaubers gesehen hatte. Solange diese Landmassen – diese Wahrzeichen ihrer Welt – in der Luft blieben, konnte sie der Elfe mehr Zeit verschaffen.
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Chandras Finger juckten. Während das Land unter ihr entzweibrach, stöhnten und grollten die Titanen über ihr. Sprünge verliefen wie breiter werdende, gezackte Streifen am Himmel über sie hinweg. Sie sahen nicht nur furchterregend und weltumspannend aus. Vielleicht zum allerersten Mal wirkten sie zudem verwundbar.

Sie bemerkte Gideons Blick, als er an ihr vorbeilief, um zwei Eldrazidrohnen in Stücke zu hauen. Auch er spähte zum Himmel. „Wenn wir sie je verletzen können, dann jetzt“, sagte er und rannte in weiten Sätzen an ihr vorbei zu dem Vorsprung hinauf, auf dem Nissa stand.

Chandras Hände ballten sich zu Fäusten. Sie hatte ihre Aufgabe als Köder ersten Ranges erfüllt. Es war nun an der Zeit, etwas Endgültigeres beizusteuern.

„Jace!“, rief sie. „Lass mich sie erledigen! Lass sie mich zu Asche verbrennen!“

Nein!“, erwiderte Jace, laut ausgesprochen und in ihrem Kopf zugleich. „Weißt du nicht mehr? Jeder Schaden an den Titanen oder an Nissa wird die Leylinien durchtrennen und den Glyphenzauber zusammenbrechen lassen. Wir würden sie verlieren!“

Chandra streckte eine Hand aus, die sofort weiß zu glühen begann. „Nicht wenn wir es mit einem einzigen Zauber schaffen.“

Ich sagte Nein“, gab Jace zurück. „Halte einfach nur diese Eldrazi auf!“
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Als Kiora sah, wie die schwebende Landmasse ins Trudeln geriet und herabzusinken begann, sank ihr Mut mit ihr. Sie taumelte der Oberfläche Zendikars entgegen, sprühte ihren Wasserfall in einer wilden Spirale von sich und stürzte in die aufgewühlte See, wo sie in Gischt zerstob. Kiora suchte den Himmel ab und sah weitere schwebende Landmassen um sie herum zu Boden fallen. Sie stürzten langsam herab, drehten sich in ungelenken Überschlägen und Schrauben, schlugen in der Landschaft ein und wirbelten unheilvolle Staubwolken auf

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Wir haben versagt, dachte Kiora.

Jetzt begriff sie es: Die Titanen waren nun mit dem Schicksal Zendikars verknüpft. Unter dem Zauberbann dieser Elfe konnten sie nur noch sterben, wenn auch Zendikar starb.

„Revane!“, schrie sie die Elfe an. „Es ist vorbei! Lass sie gehen!“

Nissas Kopf zuckte. Die Elfe hielt noch immer den Zauber aufrecht, aber Kiora wusste, dass sie sie gehört hatte.

Was?“, machte Jace. „Nein! Kiora, du musst die Schwärme in Schach halten! Wir müssen warten, bis der Zauber sie erledigt hat!“

„Daraus wird nichts“, rief Kiora, umklammerte den Zweizack und deutete mit ihm zur Seite. „Wir haben unser Bestes getan. Aber wenn sie untergehen, geht Zendikar mit ihnen unter.“ Sie richtete die Spitzen des Zweizacks auf den Himmel voller Titanen. „Sie wollen doch schon fort. Lass sie gehen. Wir können an einem anderen Tag gegen sie kämpfen!“

Nissa schüttelte den Kopf, als sich ihr Körper mit den Leylinien streckte. In den Sorgenfalten auf ihrer Stirn sammelte sich Schweiß.

Jaces Mantel bauschte sich im peitschenden Wind. Seine Miene war ernst. „Sie müssen vernichtet werden – hier und jetzt!“, rief er. „Oder wir verdammen jede andere Welt zum Untergang und setzen Millionen von Leben aufs Spiel.“

Der arme Gedankenmagier begriff es nicht. Er war gewillt, an seinem Irrtum festzuhalten, selbst wenn das bedeutete, dass sie alle sterben würden. „Wir sind dabei, diese Welt hier zum Untergang zu verdammen“, sagte Kiora. „Diese Welt bricht auseinander. Und bald auch wir.“

„Lass den Plan Wirkung zeigen“, sagte Jace entschlossen.

Sie griff nach dem Zweizack und rief das Wasser zu Hilfe. „Wenn du es nicht zu Ende bringen willst, Beleren“, sagte sie, „dann werde ich es tun.“
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Chandras Faust glühte, und ihr Blick war unverwandt zum Himmel gerichtet. „Jace, lass mich sie verbrennen!“, kreischte sie.

„Nein!“, rief Jace und wirbelte zu ihr herum.

Chandra sah die Meerfrau Kiora mit erhobener Waffe auf einer brausenden Woge vorbeirauschen. „Wir haben ihnen eine Lektion erteilt“, rief sie. „Sie werden nicht zurückkehren. Es ist Zeit, sie gehen zu lassen.“

Gideon kletterte auf den Vorsprung, um Nissa zu schützen. „Ich sehe das wie Chandra“, sagte er mit kräftiger Stimme über den tosenden Wind hinweg. „Wir können sie nicht gehen lassen, aber wir können sie so auch nicht festhalten. Jeder weitere Augenblick kostet uns noch mehr Leben.“

Eine zerschlagene Landmasse stürzte taumelnd in Richtung des Vorsprungs ab und krachte unweit der Glyphe in die Senke. Der Boden riss auf.

„Entscheidet euch ...bald ...“, presste Nissa durch zusammengebissene Zähne.

Die Meerfrau Kiora atmete schwer. „Du wirst den Zauber fallen lassen, Elfe“, sagte sie. Sie hob den Zweizack hoch und Chandra sah sich auftürmende Wellen vom Halimar herabdonnern. „Du sollst sie freilassen. Und wenn du das nicht freiwilligtust ...“

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Ein Wall aus Wasser erhob sich drei Meilen breit in die Luft. Er verflocht sich wirbelnd zu einer einzigen Masse, einer schwebenden, schimmernden Form, die von Meerespflanzen, Korallen und Fischen durchsetzt war. Es war eine Kugel aus Meerwasser, die über ihnen schwebte. Kiora hatte die gesamte Halimar-See geleert und hielt sie nun allein durch die Kraft ihres Willens zusammen. Ihr Blick war auf den Vorsprung über Chandra gerichtet, auf die Quelle des Zaubers – auf Nissa.

Chandra, kannst du es schaffen?“, drangen Jaces gehetzte Worte in ihr Bewusstsein.

Chandras Faust glühte wie eine kleine Sonne, als ihr Blick zwischen Nissa und dem Eldrazihimmel hin- und herpendelte. Sie hätte das gesamte Firmament am liebsten mit Feuer überzogen und ihrem Zorn auf die Abscheulichkeiten, die ihre Freunde bedrohten, freien Lauf gelassen. Doch sie war sich nicht sicher, ob sie einen derart immensen Feuerstoß erzeugen konnte. Wie hätte sie sich dessen auch sicher sein sollen? „Ich glaube schon!“, erwiderte Chandra.

Du musst dir sicher sein. Sag es mir jetzt.“

Chandra sah, wie Nissa ihr das Gesicht zuwandte. Irgendwie war es den blinden, grünen Augen der Elfe gelungen, Chandra inmitten all des Chaos zu finden, und nun nickte Nissa. Irgendwoher wusste sie, dass es möglich war, und in diesem einen Augenblick, als ein Band wechselseitigen Vertrauens geknüpft wurde, wusste Chandra es auch.

Ich bin sicher“, dachte Chandra.
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Kiora hielt den Zweizack der Meeresgöttin hoch erhoben wie ein zum Schlag bereites Schwert.

„Die Zeit ist um, Revane.“

Sie bäumte sich auf und mit ihr das Wasser.

Und mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung schleuderte sie Nissa das gesamte Meer entgegen.

Nissas Augen weiteten sich.

Doch das Meer teilte sich in der Mitte, und jede Hälfte teilte sich erneut und teilte sich wieder und wieder, und die Wassermassen lösten sich auf und wurden zu Nebel. Wasser donnerte herab und fegte Eldrazi hinweg. Meeresbewohner prasselten zappelnd zu Boden.

Der Gedankenmagier stand zwischen Kiora und Nissa. Seine Augen leuchteten voller Macht unter seiner Kapuze, und in seiner ausgestreckten Hand knisterte bläuliche Magie.

Einen erschrockenen Wimpernschlag lang tat Kiora nichts. Dann brüllte sie – keine Worte, sondern nur rohe Laute der Wut.
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Jetzt oder nie. Nissa mochte vor Kioras Zauber sicher sein, doch sie konnte jeden Augenblick zusammenbrechen. Entweder gelang es Chandra, die Titanen mit einem einzelnen Zauber restlos zu vernichten, oder sie würden ganz Zendikar verlieren – und die Eldrazi im Zuge dessen an die Blinden Ewigkeiten.

Chandra ließ den Zorn in sich anwachsen. Feuer züngelte ihr aus der Faust den einen Arm hinauf und den anderen herunter. Ihr Haar entflammte.

Sie dachte daran, wie sie Ulamog das erste Mal gesehen hatte, als sie nach Regatha zurückgekehrt war – daran, wie sich sein Bild in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte, nachdem sie diese Welt verlassen hatte. Das konnte sie weder aus ihrem Bewusstsein tilgen noch Ruhe finden, solange er noch immer dort draußen war. Das waren die Eldrazi: geistlose, gigantische Schrecken, mit denen jede Koexistenz vollkommen unmöglich war. Würden sie von Zendikar freigelassen, würden sie Planeswalkern überall dorthin folgen, wohin diese reisten, alles Leben aufspüren, wo auch immer es erblühte, und ihm ein Ende bereiten. Chandra wusste, dass es das war, was ihre Freunde und sie entschlossen waren aufzuhalten. Dies war ihre Aufgabe. Dies war ihr Eid.

Ihre Hände brannten weißglühend. Sie schaute zu den leuchtenden grünen Ranken hinauf, den Leylinien aus Mana, die noch immer straff gespannt waren und die Titanen an diese Welt banden. Sie wusste, dass die Leylinien durchtrennt werden würden, sobald sie ihre Feuermagie wirkte. Sie zwang sich, heißer und heißer zu brennen, während Landmassen zur Erde taumelten, der Boden in Stücke zerbrach und das Meer zu kochen begann.

Chandra entfesselte den Zauber. Feuer strömte gen Himmel –

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– und sofort wusste sie, dass etwas nicht stimmte.

Die wilde Feuerflut berührte die ineinander verschlungene Masse der Eldrazi, doch es war bei Weitem nicht genug. Ihr Feuer hatte den Titanen kaum einen Kratzer zufügen können, als sie noch endliche und greifbare Wesen gewesen waren. Nun konnte sie sie in ihrer Gesamtheit ebenso wenig verbrennen, wie sie eine ganze Welt verbrennen konnte.

Aus dem Augenwinkel sah sie eine der schwebenden Inseln vom Himmel fallen, und ein winziger Teil von ihr erkannte, dass sie genau auf sie herabstürzen würde. Gleichzeitig sah sie, wie die Glyphe drunten in der Senke hell leuchtete, als das Feuer über die Leiber der Titanen hinwegbrandete. Alles fiel auseinander. Die Macht der Glyphe würde bald versiegen. Ebenso wie ihr Zorn.

Bald würden sie alle sterben.

Sie nahm kaum wahr, wie Gideon von dem Vorsprung sprang und die Landmasse mit dem eigenen Körper abfing und ein Schauer kleiner Steinchen herabregnete, als sie an ihm zerschellte. Sie konzentrierte sich einzig darauf, so viel Feuer von sich zu schleudern, wie sie nur konnte, selbst wenn es nicht annähernd genug sein würde ...

Chandra spürte, wie sich ihr sanft eine Hand auf die Schulter legte.

Und dann spürte sie das Mana einer ganzen Welt in sich hineinströmen.

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Die Leylinien. Nissa war der Brennpunkt für den gesamten Zorn Zendikars gewesen, und nun floss dieser Zorn dank Nissas Berührung stattdessen in Chandra.

Chandra war jetzt der Brennpunkt und der Nexus, der Zendikar mit den Titanen verband. Sie wusste, sie würde sie nicht so im Zaum halten können, wie Nissa es getan hatte. Daher versuchte sie etwas anderes.

Sie schrie.

Und durch ihrem Schrei zwang sie all den Zorn Zendikars durch sich selbst in ihren Zauber und in ihre Flammen.

Die Leylinien selbst fingen Feuer, entzündet wie Rinnsale aus Öl, auf die ein Funke traf. Flammen wirbelten von Chandra aus in die Manaströme und breiteten sich zum Himmel aus, wo sie den Leylinien folgten, die die Titanen einschlossen.

Entweder war es Chandra, die noch immer schrie, oder alles andere.

Die Welt blitzte in einem unheilvollen Gelbrot auf und wurde dann gleißend weiß. Chandras Beine gaben unter ihr nach, und sie brach zusammen.

Da war Donner und eine höllische Hitze und ein entsetzliches Geräusch, als der Himmel in Stücke barst. Während Chandras Bewusstsein dahinschwand, stellte sie für sich fest, dass dies das Geräusch einer sterbenden Welt sein musste.
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Kiora konnte durch den Rauch nichts sehen. Sie presste die Kiemen zusammen, doch sie schmeckte noch immer Asche. Feuer brannten im Dunst, und Pfützen dampften. Ascheflocken schwebten aus dem Grau über ihr herab. Sie dachte an den fahlen Staub, den Ulamog zurückließ, wenn er das Land verzehrte – war es das, was sie hier sah? Sie wanderte durch die dichte, undurchsichtige Luft und die eigenartige Stille und stolperte dabei über Leichen von Zendikari und Kadaver von Eldrazi gleichermaßen.

Sie durfte nicht hoffen. Sie durfte sich selbst nicht mit unnützem Staunen quälen. Sie durchsuchte das Grau und berührte Körper. Sie half ein paar Überlebenden, sich aufzurichten.

Vor einem Körper hielt sie an. Diesen hier kannte sie. Es war die Pyromagierin, die da im Schlamm lag, alle viere von sich gestreckt und das rote Haar um sich herum ausgebreitet wie ein Tuch. Kiora kniete nieder und drehte sie auf den Rücken.

Die Pyromagierin blieb einen Augenblick lang reglos, ehe sie plötzlich krampfhaft zuckend Schlamm hustete, den sie zur Seite hin ausspie. Als sie endlich den Kopf hob, tauschten sie Blicke aus. Kiora sagte nichts. Sie streckte eine Hand aus, um ihr aufzuhelfen. Als die Pyromagierin sie ergriff, schnitt sie eine Grimasse und fasste sich an den Rücken. Kiora ließ sie los und einfach nur dort liegen.

Gemeinsam schauten sie nach oben zu der herabfallenden Asche.

Sie sahen zwei Gestalten am Himmel, doch es waren lediglich Nachbilder aus Rauch – wie die Geister eines Feuerwerks. Zwischen den sich auflösenden Türmen befand sich ein Flecken blauen Himmels.

Nach und nach tauchten noch andere Streiter aus dem Rauch auf. Sie scharten sich zusammen und trotteten humpelnd aufeinander zu. Gideon und Jace. Tazri. Noyan, Drana und Jori.

Und die Elfe. Nissa stolperte über einen Erdhügel und saß ganz plötzlich auf dem Boden. Ihr Blick war ins Leere gerichtet, doch Kiora sah, wie sich die Finger der Elfe in einen Flecken blanker Erde gruben, wo sich die Glyphe hineingebrannt hatte.

Die Kruste des Landes war nun ruhig. Viele der Landmassen waren zu Boden gestürzt, doch ein paar schwebten noch immer in der Ferne und trotzen der Schwerkraft, wie sie es schon immer getan hatten.

Kiora sah dabei zu, wie die anderen Überlebenden langsam erkannten, dass es vorbei war. Es gab keinen Jubel. Es gab keine Ansprache. Weder Erleichterung noch Freude legte sich über die Menge.

Ein paar Hände drückten Schultern.

Manch fragender Blick wurde ausgetauscht.

Köpfe wurden geschüttelt oder nickten.

Verbandsmaterial wurde hervorgeholt. Heilende Hände berührten die Verwundeten. Suchtrupps wurden zusammengestellt. Retter versammelten sich um Gruben oder Gräben, die mit Meerwasser gefüllt waren. Einige letzte Eldrazi wurden entdeckt und zur Strecke gebracht.

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Kiora befestigte sich den Zweizack auf dem Rücken. Sie blickte erst in die erschöpften, schmutzigen Gesichter der Verbündeten und wandte sich dann in der entgegengesetzten Richtung zum Horizont. Sie ließ die Ruinen von Seetor hinter sich und setzte die Füße in Bewegung. Links, dann rechts, links, dann rechts. Und lange Zeit blieb sie nicht wieder stehen.

Veröffentlicht in Magic Story on 17. Februar 2016

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Judge Fredd
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Re: Oath of the Gatewatch

Beitrag von Judge Fredd » Fr 4. Mär 2016, 19:06

Zendikars Wiederaufleben


Die Titanen der Eldrazi wurden vernichtet. Die Welt Zendikar ist gerettet. Nun müssen sich die vier Planeswalker, die all dies ermöglicht haben, entscheiden, was als Nächstes geschehen soll.

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Seine Kehle schien aus Disteln und Dornen zu bestehen, wenn er schluckte. Er musste geschnarcht haben. Auf der Behaglichkeit einer Liege und von einer Decke aus Rindsleder gewärmt schlug Gideon langsam die Augen auf. Es war noch immer düster im Zelt, doch er schleuderte die Decke dennoch beiseite, und obwohl sich kein Wind regte, biss die Luft ihm mit einer Schärfe in die Haut, die die harsche Kälte außerhalb des Zeltes erahnen ließ. Sie reichte aus, um ihm eine Gänsehaut zu bescheren, bis er sein Hemd gefunden und es im tiefen Dunkel kurz vor der Morgendämmerung übergestreift hatte. Er benetzte sich das Gesicht mit Wasser aus einer hölzernen Schale, die auf einem Hocker neben dem Eingang stand, und schlüpfte danach in den Rest seiner Kleidung. Ein Wasserschlauch hing an einer der Zeltstangen. Gideon nahm ihn herunter und schlang ihn sich um die Schulter, ehe er eine der beiden schweren Zeltklappen beiseiteschob.

Gerade als er hinausgehen wollte, zog ein Funkeln im Innern des Zelts seine Aufmerksamkeit auf sich. Er wandte den Kopf, und die Umrisse seines Brustpanzers schälten sich aus den Schatten hinter der Liege. Und dort würde er auch bleiben, zusammen mit seinen Beinschienen und seinen Schulterplatten, seinem Schild und seinem Sural – zumindest fürs Erste. Er brauchte sie jetzt nicht. Urplötzlich wurde er sich bewusst, wie frei von jeder Last sein Rücken und seine Schultern waren. Es war ein schönes Gefühl.

Genau wie die Kälte. Eine steife Brise brachte sie aus dem Osten mit und vertrieb den letzten Rest jener Wärme, die er unter seiner Decke verspürt hatte. Über dem Wind konnte Gideon den Wasserfall hören, der sich am anderen Ende des Lagers von den schwebenden Landmassen aus in die Tiefe ergoss. Zögerlich färbte sich der Horizont purpurn, und Gideon atmete tief ein, um die Morgenluft zu genießen, die einen feinen Duft von Kochfeuern in sich trug.

Dann fing er an zu laufen, und der Wasserschlauch hüpfte ihm träge zwischen den Schulterblättern.

Dies war sein Ritual, wenn man es denn nach nur drei Tagen so nennen konnte: Er wachte vor Sonnenaufgang auf, unbeschwert von Waffen oder Rüstung oder der Last, eine Streitmacht zusammenhalten zu müssen, und lief einfach los. Er konnte sich auf seine Atmung konzentrieren. Ihn kümmerte nur, dass ein Schritt auf den nächsten zu folgen hatte.

Gideons Weg führte ihn um die Umzäunung dessen herum, was von dem großen Lager der Zendikari noch übrig war. Der Ort bestand aus einer Ansammlung schwebender Inseln, die einen gewaltigen, halb verfallenen Polyeder umringten, der zu einer Seite hin geneigt war. Sie alle waren mit Seilen und Brücken miteinander verbunden.

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Hier war es gewesen – an einem Ort, der inzwischen als der Himmelsfelsen bekannt war –, dass die Bewohner Zendikars sich in nie gekannter Zahl versammelt hatten, um gemeinsam der Vernichtung ihrer Welt zu trotzen, die dieser durch die Eldrazi drohte. Bevor die Streitmacht auf Seetor zumarschiert war, war dieses Lager derart stark gewachsen, dass der der Schwerkraft trotzende Landstrich nicht mehr ausreichte, um allen Neuankömmlingen Zuflucht zu bieten, weshalb ein zweites Lager im Schatten unter dem Himmelsfelsen hatte errichtet werden müssen. Seither jedoch war die Zahl der Bewohner des Lagers immens gesunken. Nur wenige waren ihrem Ende in Seetor entronnen, und da die Titanen nun vernichtet waren, gingen jeden Tag mehr und mehr von ihnen fort.

Über ihm färbte die Dämmerung die Wolken, die sich über den Himmel erstreckten, gelbrot. Er folgte ihnen mit Blicken bis zum Horizont, wo die Sonne gerade im Begriff war, über dem Meer aufzusteigen. Zwischen ihm und dem Horizont fand sein Blick die Ruinen Seetors. Selbst im fahlen Licht des jungen Morgens konnte Gideon das erkennen, was einst ein Wall aus schimmerndem, weißem Stein gewesen war, den ein gewaltiger Leuchtturm überragt hatte. Nun war von seiner einstigen Größe nur noch ein dahinbröckelnder Stumpf geblieben – ein verfaulter Zahn im Mund der Bucht.

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Seetor. Die Halimar-Senke. Hier war es geschehen. In Gedanken legte Gideon die Abfolge der Ereignisse, einschließlich der Vernichtung der Titanen, über die Landschaft. So musste Jace die Welt die ganze Zeit über sehen – als eine Reihe von Szenarien, die irgendeinem logischen Ablauf folgten. Jace hatte sich bewiesen. Er war geblieben, als andere vielleicht gegangen wären. Er war der Richtige gewesen, das Rätsel der Leylinien zu lösen. Und nun waren sie beide Eidbrüder.

Gideons Gedanken wandten sich den Wächtern zu, jener Gruppe aus vier Planeswalkern, die seine Vision teilten. Gemeinsam mit Jace war nun auch Nissa, die ihm vor einigen Tagen noch fremd gewesen war, fest dazu entschlossen, Welten jenseits ihrer eigenen beizustehen.

Und dann war da noch Chandra. Am Ende war sie doch gekommen. Natürlich.

Gideon hastete über eine Seilbrücke, die zwischen zwei riesigen schwebenden Felsen gespannt war und deren Planken bei jedem seiner Schritte heftig schwankten. Auf der anderen Seite angekommen hielt er einen Augenblick inne, nahm den Wasserschlauch und hob ihn an die Lippen, um zu trinken.

„Ein bisschen träge heute Morgen?“, erklang eine Stimme in seinem Rücken. Die Worte wurden durch das Geräusch von Stiefeln auf den Planken hinter ihm unterstrichen. Gideon wirbelte herum, um schemenhaft eine Gestalt an sich vorbeilaufen zu sehen, während ihm Wasser aus dem Schlauch aufs Hemd schwappte.

Tazri. Er lächelte und rannte ihr nach. „Ich wollte dir nur eine Gelegenheit zum Aufholen geben, Generalin“, sagte er. Dieses Mal war es an ihm, sie zu überholen. Er bewegte die Beine schneller und ging in einen Sprint über. Jeden Augenblick würde er ihr einen Scherz über die Schulter zurufen können. Jeden Augenblick ... Doch trotz all seiner Anstrengungen hielt Tazri Schritt. Und Gideon liebte es.

Die beiden Krieger rannten gemeinsam weiter. Eine Weile sprachen sie nicht. Sie liefen einfach zum Klang gleichmäßiger Schritte und ruhiger Atemzüge um das Lager herum.

Das Leben darin begann sich zu regen. Weitere Kochfeuer wurden entzündet und die vertrauten Geräusche einer erwachenden Streitmacht erfüllten die Luft. „Ich werde heute zu den Freiwilligen sprechen“, sagte Tazri, ohne langsamer zu werden. Gideon wandte sich ihr zu und folgte dann ihrem Blick dorthin, wo die nächsten Abreisenden – eine Gruppe aus Kor und Elfen – sich für ihre Fahrt zu irgendeinem weit entfernten Winkel der Welt bereit machten.

Ulamog und Kozilek waren tot, doch es trafen nach wie vor Berichte über Sichtungen ihrer Brut ein. „Was denkst du, wie viele bleiben werden?“, fragte Gideon.

Tazri gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen einem Schnauben und einem Kichern lag. „Weißt du, ich habe das Gefühl, dass in ein paar Tagen nur noch wir beide hier herumlaufen.“

„Vielleicht solltest du dann lieber an deiner Rede feilen.“ Gideon lächelte, doch sie war gedanklich woanders. Sie war im Kommandozelt, wo sie mit ihren Generälen über Karten gebeugt Strategien diskutierte. Sie stritt sich um Vorräte. Sie war im Feld und führte an vorderster Front ihre Truppen an. Und sie hielt Reden. Die Last des Anführers. Nun ruhte sie auf ihren Schultern: Generalin Tazri. Und Gideon konnte sich niemand Besseren dafür vorstellen.

„Und was ist mit dir, Gideon?“, fragte Tazri. „Kann ich auf deine Hilfe zählen, die übrig gebliebenen Eldrazi zu beseitigen?“

Seit die beiden nach seiner Flucht aus der Höhle des Dämons wieder vereint waren, war Gideon eine Veränderung an Tazri aufgefallen. Es war nichts, was er genauer hätte in Worte fassen können. Zumindest damals nicht. Nun jedoch erkannte er es als eine kühle Ruhe. Der Mahlstrom, der mit jeder Führungsrolle einherging, würde um sie herum brodeln, doch sie würde davon unberührt bleiben. Sie würde ihm standhalten – so lange, wie es nötig sein sollte. „Ich stehe dir zur Verfügung, Generalin“, sagte Gideon.

„Bis dahin ...“ Tazris Stimme verklang.

„Bis dahin“, bestätigte er. Gideon stammte nicht von Zendikar. Er war hierhergekommen, um alles in seiner Macht Stehende gegen die Eldrazi zu tun. Doch es würde andere Bedrohungen für andere Welten geben, und er hatte sich den Wächtern verschrieben, um dort einzugreifen, wo niemand sonst es konnte.

Schweigend beendeten sie ihren Lauf.

„Nun, bis dahin“, sagte Tazri einen Augenblick später, „bin ich froh, dass du hier bist.“ Nun war sie es, die ein Lächeln zeigte, und plötzlich zog sie an Gideon vorbei, der nicht mit ihr Schritt halten konnte.
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Zwei schwielige Hände legten sich auf das Eisen. Die Hände waren weitestgehend von getrocknetem Blut befreit, aber unter den Fingernägeln waren noch rote Linien zu sehen. Das Eisen, das sie berührten, war nicht das Heft eines Schwertes oder die geschwungene Seite eines Schildes, sondern der kalte Bauch eines gedrungenen Kochkessels. Die Hände tasteten über die raue Unterseite des Kessels, berührten die kräftigen Beine, glitten über den schweren Deckel und die riesige Kelle, die an einer Seite herabhing, und legten sich auf beide Seiten des Gefäßes. Dort ruhten sie sanft auf dem Metall und übertrugen Wärme. Eine beständige Hitze floss von den Fingern und Handflächen in das schwarze Eisen und von dort aus in die kalte Brühe im Inneren.

Langsam erwärmte sie sich und begann schließlich zu brodeln. Sie klopfte gegen den Deckel und ließ vertraute Düfte aus dem Kessel entweichen. Kräuter und deftige Knollen und süßer, reifer Lauch: ein aus den Gegebenheiten geborenes Rezept, dessen Zutaten am frühen Morgen von Tazris Kriegern zusammengetragen worden waren. Es wurde gleich hier zubereitet, am selben Ort, an dem die Titanen sich erhoben hatten und gefallen waren – auf dem einstigen Schlachtfeld, das nun nur noch ein Feld war.

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Chandra nahm die Hände von den Seiten des Kessels und korrigierte mithilfe der Arme ihren nicht sonderlich bequemen Sitz in ihrem behelfsmäßigen Stuhl. Sie griff sich mit der einen Hand die lächerlich große Kelle und hob mit der anderen den Deckel hoch. Sie musste sich ein wenig strecken, um den Rand des Kessels zu erreichen, und ihre Schutzbrille beschlug. Sie tauchte die Kelle tief in das Gulasch, um an die guten Stücke zu kommen, die sich am Boden abgesetzt hatten, und schöpfte eine ordentliche Portion heraus.

Sie servierte von ihrem Stuhl aus Schüsseln voller Frühstück, bis niemand mehr dafür anstand. Und als Tazris Kundschafter weitere Kräuter und Wurzeln herbeischafften und den Kessel mit Brühe auffüllten, erhitzte sie auch diese, und sie und andere teilten allen eine zweite und manchen sogar eine dritte Portion aus.

Chandras Muskeln waren müde vom Sitzen, und der Gegenstand, auf dem sie sich niedergelassen hatte, machte seinem Gebrauch als Möbelstück nun wirklich keine Ehre. Doch sie hatte keine andere Wahl.

Als die Krieger den Kessel wegtrugen, erschien Nissa, einen Stapel Decken auf dem Arm. Chandra lächelte sie schief an, als Nissa die Decken – Schicht um Schicht grober, duftender Wolle –, in Chandras Schoss legte. Nissas Blick war ruhig und nachdenklich und grün. Chandra mochte ihre sachten Bewegungen und ihre sanften Hände.

Chandra blickte auf den Deckenstapel. Sie schloss die Augen und suchte nach ihrer inneren Mitte. Plötzlich umarmte sie die Decken und drückte das Gesicht fest in die Wolle. Und als ihr Körper sie umschloss und sie die weitestgehend von Blut befreiten Hände gegen den Stoff presste, erwärmten sich die Decken.

Es fühlte sich nun regelrecht seltsam an, ein solch bescheidenes Maß an pyromagischer Macht einzusetzen. Doch es war gut so. Ein schöner, einfacher Wärmezauber, mit einem gewöhnlichen Manafaden gewoben – das war etwas ganz anderes, als der menschliche Knotenpunkt zu sein, durch den für einen kurzen Augenblick das Mana einer ganzen Welt floss. Chandra fühlte sich irgendwie verzerrt, als wäre gewissermaßen ein Muskel in ihr verkrampft, den sie nicht dehnen konnte, und dies hier war im Gegensatz dazu ...

klein. Unscheinbar. Richtig. Zurück zu flüchtigen Irrlichtern aus Mana und einfachen Wärmezaubern. Zurück zum gewohnten Gang der Dinge. Beinahe.

Feine Dampfwölkchen stiegen aus der Wolle auf. Chandra gab die Decken frei und Nissa nahm sie wieder an sich. Chandra betrachtete ihre neue ... Verbündete? Kameradin? Nein, Freundin. So nannte man Leute, die einem beim Überleben halfen. Sie sah zu, wie Nissa durch die Ansammlung von Zelten und Schlafstätten schritt und die magisch erwärmten Decken vor sich hertrug. Sie legte sie eine nach der anderen um schmerzende Schultern oder zitternde Oberkörper, während die Heiler und Feldschere Zendikars ihre Runden machten.

Jace war nicht gekommen, um Hallo zu sagen. Chandra sah ihn mit eng um sich geschlungenem Mantel neben einem Polyeder von der Größe eines Findlings stehen. Er mochte sich nicht regen, aber er wirkte dennoch, als würde er umherstreifen – vielleicht irgendwo tief in seinen Gedanken durch die Ereignisse der jüngsten Tage.

Endlich näherte sich Gideon, sein Sural am Gürtel. Er trug nur wenig Rüstung an diesem Morgen, doch sie konnte sehen, dass er noch immer das vernarbte Gelände um sie herum, die Zelte und die Befestigungen des Himmelsfelsens genau musterte – er ist stets wachsam, dachte sie, im Krieg wie in der Erholung. Er hielt neben ihrem Sitzplatz inne. „Ich habe mit Tazri eine Runde gedreht. Es irrt noch immer Brut da draußen herum, doch der Großteil davon ist erledigt. Wir glauben, es ist geschafft.“

Chandra knuffte ihn gegen den Oberarm. „Gute Arbeit, Oberkommandant-Ritter-General.“

Er hakte die Daumen in die Riemen seines Brustpanzers ein. „Nur noch Gideon bitte. Ist dieses Ding auch nur ansatzweise bequem?“

Chandra drückte sich mit den Armen hoch, um ihren Sitz erneut zu korrigieren. Sie zuckte die Schultern. „Ich habe darum gebeten, darauf zu sitzen.“

Er nickte abwesend. „Gehst du zurück nach Regatha?“

„Ich habe das, was ich gesagt habe, auch so gemeint. Ich hatte dabei sogar die Hand gehoben und alles.“

„Ich weiß. Aber du kannst noch immer zurückkehren, falls du dort Verpflichtungen hast.“

Chandra kicherte. „Erteilst du mir etwa gerade eine Erlaubnis?“

„Was ich meine, ist, dass wir fürs Erste hier fertig sind. Du hast deinen Teil dazu beigetragen. Wir können uns wieder zusammenfinden, sobald wir gebraucht werden.“

Chandra stieß ihm den Ellenbogen in die Rippen. „Ich bin dabei, Gideon. Ich bin nun Teil der Wächter.“

Er vermied es, zu ihr herabzusehen. „Wie geht es deinen Beinen?“

„Hmpf“, knurrte sie. Unwillkürlich wanderten ihre Hände zu ihren Knien. Sie konnte die Berührung zwar spüren, aber nur schwach, als würden ihre Beine ihr nur zum Teil gehören. Sie tippte mit den Füßen auf den Boden, um zu zeigen, dass sie sie bewegen konnte. „Das Gefühl kehrt zurück. Die Heiler sagen, es hätte etwas mit dem Zauber zu tun – mit dem großen. Dass ich Reserven aufgebraucht habe, die ich besser unangetastet gelassen hätte. Sie sagten, es würde mir in ein paar Tagen wieder gut gehen. Ich glaube eher, dass es nur ein paar Stunden sind. Versuch doch, mich vom Tanzen abzuhalten.“

Gideons Augenbrauen zuckten für einen Augenblick, eine Geste, die er nicht ganz zu verbergen vermochte. Dieser Mann trug verborgen unter Schichten aus Stärke und Stahl seine Besorgnis wie ein Stück Unterwäsche.

„Wenn du nicht gekommen wärst ...“, setzte er an. Er schüttelte den Kopf.

„Nun, wenn du nicht gefragt hättest“, sagte Chandra. Und damit boxte sie ihm auf den Arm.

Gideon richtete sich einfach kerzengerade auf und suchte am Horizont nach etwas, was er ansehen konnte.

„He“, sagte Chandra. „Wir haben Leuten geholfen. Und wir werden es wieder tun.“

„Halte dich für eine Weile einfach an diese kleinen Zauber“, sagte er und drückte ihr die Schulter. „Überanstrenge dich nicht. Ich gehe dann mal ...“ Er blickte sich um. „Ich drehe noch eine Runde.“ Er schritt davon.

Chandra setzte die Hände ein, um ihre Oberschenkel ein Stück in die Höhe zu ziehen und die Beine übereinanderzuschlagen. Sie lehnte sich in ihrem „Stuhl“ zurück, der ein bisschen wie vom Feuer verkohlte Knochen aussah, sich aber nicht wirklich wie Knochen anfühlte. Sie fragte sich, welcher Teil von Ulamogs Schädel ihr Stuhl einst gewesen war – vielleicht ein Stück von der Rückseite, wo die Wirbelsäulenmuskulatur des Titanen zu Splittern aus Nichts zerborsten war? Sie hoffte jedoch, dass er von der Vorderseite zwischen den Kiefern stammte – von der Gesichtsplatte, die sich ihr zugewandt hatte, als Ulamog vom Feuer verzehrt worden war. Sie lehnte sich noch ein Stückchen weiter zurück und legte die schwieligen Hände hinter den Kopf.
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Jace stand neben einem gewaltigen herabgestürzten Polyeder abseits des Gewühls der emsigen Zendikari. Von seinem Aussichtspunkt aus konnte er gut sehen, wo sich Nissas Glyphe aus Leylinien grün und leuchtend in den Boden des Tals gebrannt hatte. Er fragte sich, ob sie im Lauf der Zeit wohl verblassen würde.

Er sah zu, wie sich Gideon Chandra näherte, die noch immer an ihren albernen Schlachtfeldthron gefesselt war, weil sie nach wie vor nicht laufen konnte, seit sie das Mana der gesamten Welt in ihrem gigantischen Flammenstoß gebündelt hatte. Jace fragte sich, ob auch diese Nachwirkung wohl irgendwann dahinschwand. Man hatte ihm versichert, dass dies der Fall sein würde.

Sie war ganz zusammengekauert gewesen und hatte sich voll und ganz auf die filigrane Kunst der Feuermagie konzentriert, Hitze ohne Flammen zu erschaffen. Sobald sie Gideon gesehen hatte, hatte sie gegrinst, ihre Schultern hatten sich entspannt und ihre ansonsten immer so rastlosen Hände hatten ihr Treiben eingestellt. Als sie ihr Gespräch beendet hatten, hatte sie etwas aufrechter dagesessen. Gideons Vergangenheit mit Chandra war nach allem, was er sich darüber hatte zusammenreimen können, beinahe deckungsgleich mit seiner eigenen. Wie auch Jace war Gideon nach ihr ausgesandt worden, um eine gestohlene Schriftrolle zurückzuholen. Nun begrüßte sie Gideon herzlich, aber blickte Jace dabei unverwandt voller Misstrauen an.

Vielleicht lag Magie in dem, was Gideon tat, doch das glaubte Jace eigentlich nicht. Er hatte den Generalhauptmann beobachtet, wie er nach der Schlacht unter seinen Truppen umherging – wie er hier ein paar rasche Worte sprach, dort jemandem die Hand auf die Schulter legte, schweigend an Gräbern kniete und Erinnerungen an die Toten lauschte. Und wohin er auch ging, fassten Erleichterung und Hoffnung Fuß. Führung. Jace fragte sich, ob das bei ihm ebenso klappen würde wie bei den anderen.

Er hätte in der Lage sein sollen, diesen Effekt mithilfe von Telepathie nachzuahmen, indem er aus den Gedanken der Leute die richtigen Worte oder Taten herauslas, die sie trösten und besänftigen würden. Die Dinge, die sie dazu bringen sollten, ihm zu vertrauen. Doch Gideon war kein Telepath, und jeder wusste das. Gideon wusste einfach nur, was er sagen musste. Vielleicht klappte es deshalb. Vielleicht sollte Jace das Charisma einfach den Charismatischen überlassen und sich eher darauf konzentrieren, Gideon mit den bestmöglichen Informationen auszustatten, die er brauchte, um seine ehrlichen und freimütigen Entscheidungen zu treffen. Jace fühlte einen Anflug von Schuld, dass er bereits Pläne machte, Gideon in irgendeiner imaginären Zukunft für sich zu gewinnen, um die anderen auf seine Seite zu ziehen. Doch das war es ja, was Jace eigentlich immer tat: Pläne schmieden.

Das war es auch, was ihn an der augenblicklichen Lage störte. Kein Plan. Zwei Titanen der Eldrazi waren tot – und das offenbar ein für alle Mal, wenn man Jaces Berechnungen, Nissas Intuition und den schieren Unmengen an Eldrazieingeweiden trauen durfte, die über die gesamte Talsohle verstreut waren. Ein Titan war noch frei – vielleicht versteckte er sich noch auf Zendikar, wahrscheinlich jedoch nicht. Ugins verschollene Verbündete – Sorin Markov und die Lithomagierin Nahiri – waren noch immer nicht wieder aufgetaucht, und Ugin selbst ließ ebenfalls noch auf sein Erscheinen an jenem Ort warten, an dem die Titanen gefallen waren.

Jaces neue Freunde schienen zufrieden damit, den Zendikari dabei zu helfen, zu ihren Familien zurückzukehren, das ungeheure Chaos zu beseitigen, das hier angerichtet worden war, und geknechtete Vampire, Eldrazianbeter sowie die wenigen Exemplare der Brut zur Strecke zu bringen, die noch zu finden waren. Das alles war ohne Zweifel sehr ehrenhaft. Doch dies waren Aufgaben, die die Einheimischen selbst übernehmen konnten. Ugins Verbündete, der Verbleib des dritten Titanen, andere dräuende Probleme wie der Kettenschleier: Dies hingegen waren Bedrohungen, denen nur Planeswalker sich zu stellen vermochten. Die Wächter. Und darum ging es doch, oder?

Ein Ruf der Wachposten durchbrach seine Gedanken – eine Folge trillernder Signale, die einen fliegenden Feind ankündigten. Jace spähte einen Augenblick voller Panik lang den Horizont ab. Dort, kaum sichtbar vor dem klaren, blauen Himmel, schlug eine leuchtende Gestalt langsam mit den Schwingen.

Ugin.

„Nicht angreifen!“, rief Jace und sprang auf die Füße. „Das ist ein Freund!“

Ich hoffe zumindest, dass er als Freund hier ist. Tatsächlich konnte man sich Ugins augenblicklicher Stimmung nicht gewiss sein, aber Jace würde auf keinen Fall zulassen, dass seine Seite irgendwelche Feindseligkeiten anzettelte.

Andere nahmen Jaces Ruf auf. Armbrüste wurden gesenkt und sich entzündende Feuerbälle wieder gelöscht, als Ugin tief über das Tal hinwegflog – geradewegs auf Jace zu.

Gideon, Chandra und Nissa verstanden. Gideon kam außer Atem angerannt, Nissa schien aus dem umliegenden Dickicht selbst hervorzusprießen und Chandra wuchtete sich ungelenk aus ihrem Stuhl, brach beinahe zusammen und humpelte mit einem verkohlten Knochen als Stütze heran. Alle drei standen neben ihm, als Ugins vierzig Fuß langer Körper vor Jace auf dem vernarbten Boden aufkam und seine Krallen Steinsplitter aufwirbelten.

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Was habt ihr getan?“, grollte der Geisterdrache. Eine Hitzewelle wogte über Jace hinweg, als das Feuer in Ugins Innern von seiner Wut angefacht wurde.

Trotz Jaces Einwänden versammelten sich Kämpfer der Zendikari um Ugin. Sie zeigten ob seines zornigen Tons ein deutliches Missfallen und hoben die Schwerter und Piken. Ugin schien sie nicht zu bemerken, was wahrscheinlich eine sehr zutreffende Einschätzung dahingehend erlaubte, wie viel Schaden sie ihm wohl im Ernstfall beibringen konnten.

„Wir haben Zendikar gerettet“, sagte Nissa.

„Was hast du getan?“, fragte Chandra. „In letzter Zeit so, meine ich?“

Jace trat vor.

„Ugin, es war meine Idee. Die anderen tragen nur die Schuld, mir vertraut zu haben. Falls dir missfällt, was wir getan haben, dann mach das bitte mit mir allein aus.“

„Das lässt er mal schön bleiben!“, sagte Gideon.

„Wir alle haben die Titanen getötet“, sagte Nissa. „Wir alle sind dafür verantwortlich.“

„Genau genommen habe ich die Titanen getötet“, sagte Chandra verschwörerisch. „Aber sie haben dabei geholfen.“

„Beleren“, sagte Ugin. „Erkläre dich.“

„Ich habe auf der Grundlage jenes Wissens gehandelt, das ich hatte“, sagte er und versuchte, das Zittern aus seiner Stimme zu verbannen. So weise und alt und klug Ugin auch sein mochte, so war er noch immer ein Drache – mit der Größe und dem Temperament eines Drachen. Und den Zähnen. „Wir haben uns gemeinsam bemüht, Ulamog einzusperren, wie wir beide es besprochen hatten, doch wir wurden von einem abtrünnigen Planeswalker unterbrochen, der irgendwelche uralten Rachepläne verfolgte. Ich glaube, du wirst uns vergeben, dass wir das nicht vorhergesehen hatten.“

Nissas Hände schlossen sich fester um ihren Stab. Ob Nixilis war entkommen, und Jace wusste, dass dieser Umstand schwer auf ihr lastete. Das würde also auch zu ihren außerweltlichen Verpflichtungen gehören.

„Das sei euch vergeben“, sagte Ugin. „Sprich weiter.“

„Die andere Überraschung war, dass Kozilek noch immer auf dieser Welt war“, sagte Jace. „Eine Tatsache, die dir entweder unbekannt war oder die du mir vorenthalten hattest. Bei allem Respekt: Ich finde keines dieser beiden Szenarien sonderlich beruhigend.“

„Dadurch, dass das Polyedernetzwerk so zerrüttet war, war meine Fähigkeit, die Bewegungen der Titanen zu verfolgen, stark beschnitten“, sagte Ugin.

„Der dritte könnte also überall sein?“, frage Gideon.

„Ich mache das schon, Gideon“, sagte Jace.

„Eure kleine Eskapade hat diese Welt wie eine Glocke läuten lassen“, sagte Ugin. „Ich konnte mithilfe der ... Echos ... eine gründliche Suche vornehmen. Emrakul ist fort, und das schon seit einer geraumen Weile.“

Jace war sich unschlüssig, ob er erleichtert oder entsetzt sein sollte.

„Ungeachtet dessen hat uns Kozilek unvorbereitet erwischt“, sagte er. „Wir mussten uns um zwei Titanen kümmern, hatten keine Zeit zur Vorbereitung und keine Ahnung, wie lange sie auf Zendikar bleiben würden. Du selbst sagtest, dass sie nicht entkommen durften.“

„Ihr hattet keinen Grund zu der Annahme, dass sie diese Welt sofort verlassen würden“, sagte Ugin. „Ihr hättet versuchen sollen, sie wieder festzusetzen.“

„Ganz im Gegenteil“, sagte Jace. „Ich hatte Grund zu der Annahme, dass die Verteidiger Zendikars voreilig handeln und sie vertreiben würden – trotz meiner Bemühungen, sie davon abzubringen. Letztendlich versuchte eine unserer Verbündeten sogar, genau das zu tun. Wir hatten keine Zeit, eine weitere Falle aus Polyedern zu bauen. Doch wir haben eine Animistin unter uns, die in der Lage ist, die Leylinien Zendikars direkt zu formen. Ohne die Polyeder. So gesehen –“

„Ja, ja“, sagte Ugin. „Es ergibt alles Sinn. Ihr konntet sie mithilfe der Glyphe festhalten, doch ohne die Polyeder, die ihnen Kraft rauben und den Leylinien die richtige Form vorgeben konnten, war eure einzige Möglichkeit, sie entweder gehen zu lassen oder sie vollständig auf die stoffliche Ebene zu ziehen und sie dort zu zerstören.“

Jace blinzelte.

„Du meintest, das wäre nicht möglich.“

„Ich meinte, das wäre dir nicht möglich“, sagte Ugin. „Und du hast mich glauben lassen, du würdest es gar nicht erst versuchen. Erspare mir also bitte irgendwelche scheinheiligen Ausführungen.“

„Warte“, sagte Nissa. „Du wusstest, dass die Titanen getötet werden können? Wusstest du das schon, als du sie hier eingekerkert hast?“

Ugin setzte sich auf die Hinterbeine und ragte über ihnen auf wie ein Schulmeister.

„Ihr habt zwei lebendige Wesen getötet, die älter als die Welten waren“, sagte er. „Ohne um ihren Zweck, ihre Rolle oder den Einfluss ihres Daseins oder ihres Endes zu wissen – ihr habt diese ganze Welt aufs Spiel gesetzt und noch viel mehr, um sie zu töten. Weil ihr es konntet.“

In der folgenden Stille war es nur Chandra, die sprach: „Da hast du verdammt recht.“

Ugin ließ sich zurück auf alle viere fallen und stieß etwas aus, was wie ein Seufzer klang.

„Es gibt keine Kraft im Multiversum, die gefährlicher oder unberechenbarer ist als Planeswalker“, sagte er und schüttelte das gehörnte Haupt.

„Was geschieht nun?“, fragte Jace.

„Das ist unmöglich zu sagen“, antwortete Ugin. „Meines Wissens nach hat niemand je zuvor einen Titanen der Eldrazi getötet. Ich habe Theorien darüber, worum es sich bei den Eldrazi handelt und was nun geschehen wird, da zwei von ihnen tot sind. Die vollen Konsequenzen werden wohl erst spürbar werden, wenn einige oder alle von euch längst tot sind. Daher dürft ihr das also wohl als einen Sieg betrachten, wenn ihr wollt. Ich für meinen Teil werde ihre Überreste studieren und mich auf die Zukunft vorbereiten.“

Jaces Freunde gaben angewiderte Laute von sich.

„Lass mich mit dir zusammenarbeiten“, sagte Jace. „Erzähle mir deine Theorien über die Eldrazi. Gemeinsam –“

„Du, Jace Beleren“, sagte Ugin, „hast dich als ausgesprochen unzuverlässiger und überheblicher Partner erwiesen. Falls du noch immer darauf bestehst, mir helfen zu wollen, dann tust du das am besten dadurch, dass du von hier fortgehst. Und zwar auf der Stelle.“

„Was ist mit deinen alten Verbündeten?“, fragte Jace ungläubig. „Was ist mit Bolas?“

„Ich werde dich nicht davon abhalten, diese Angelegenheiten zu untersuchen“, sagte Ugin. „Obwohl ich dich dringlich bitte, dabei zu bedenken, dass Sorin Markov und Nicol Bolas weitaus weniger nachsichtig angesichts Einmischungen deinerseits sein werden.“

Ugin machte eine Geste mit einer Hand, die die Zendikari um ihn herum und das Tal mit dem, was von den Titanen noch übrig war, einschloss.

„Sag deinen Leuten, dass sie sich nicht in meine Arbeit einzumischen haben. Wenn ich einen Teil eines der Kadaver haben will, dann werde ich ihn auch bekommen. Wenn ich will, dass etwas dort bleibt, wo es ist, dann bleibt es auch dort.“

Chandra stellte sich zwischen Ugin und jenen Teil von Ulamogs Schädel, den sie als Sitzmöbel verwendet hatte.

„Das wirst du mit ihnen ausmachen müssen“, sagte Gideon.

„Ich bezweifle, dass dies dein Wunsch ist“, sagte Ugin und stieß schnaubend eine Wolke sengender Hitze aus. „Lebt wohl, Titanentöter. Mögen wir uns unter harmonischeren Umständen wiedersehen – oder gar nicht. Mir wäre beides recht.“

Damit erhob sich der gewaltige Drache in die Luft und kreiste höher und höher über der erst kürzlich geleerten Halimar-Senke, bis er verschwunden war.

„Das ist ja toll gelaufen“, sagte Chandra.

Jace vergrub das Gesicht in den Händen.

Auf einen Wink von Gideon hin wandten sich Chandra, Nissa und die anderen Zendikari langsam um, um wieder ihrem vorigen Treiben nachzugehen. Dann ließ Gideon sich in Jaces Nähe auf einem Felsen nieder.

Jace blickte erst zu ihm herunter und setzte sich danach neben ihn.

„Es scheint, unsere Schwierigkeiten sind noch nicht vorüber“, sagte Gideon. Im Sitzen war er nur ein klein wenig größer als Jace.

„Das ist wahr“, sagte Jace.

Er hatte Gideon von dem Drachenplaneswalker Nicol Bolas berichtet, der augenscheinlich das Entkommen der Titanen eingefädelt hatte. Von Sorin Markov und der Lithomagierin Nahiri, die vor langer Zeit geholfen hatten, die Eldrazi einzusperren, und von denen Ugin zu glauben schien, dass sie irgendwo noch am Leben waren.

„Ich weiß, dass wir hier noch nicht fertig sind“, sagte Jace. „Aber –“

„Diese Eide, die wir geschworen haben“, sagte Gideon. „Sie gleichen sich nicht, weil wir uns nicht gleichen.“

Das war Jace nicht entgangen. Es war möglich, dass ein Eid vier unterschiedliche Geschöpfe band – bis „Gerechtigkeit und Frieden“ und „zum Wohle des Multiversums“ irgendwann nicht mehr zusammenpassten. Doch darum konnten sie sich kümmern, sobald die Zeit dafür gekommen war.

„Ich muss hierbleiben, bis ich überzeugt bin, dass die Menschen hier sicher sind“, sagte Gideon. „Ich schätze, Nissa wird bleiben, bis sie sich sicher ist, dass das Leben hier tatsächlich weitergeht. Chandra ... Nun, ich kann kaum für sie sprechen.“ Er lachte auf.

„Doch zu guter Letzt müssen wir wissen, welches die nächste Bedrohung ist“, sagte er. „Anstatt nur hinter der letzten herzuräumen.“

„Ja!“, sagte Jace. „Du weißt um den Wert des Beschaffens von Informationen.“

„Selbstverständlich“, sagte Gideon. „Was sollte deiner Meinung nach unser wichtigstes Ziel sein?“

„Bolas ist grässlich“, sagte Jace und schüttelte den Kopf. „Ich würde ihm lieber nicht direkt begegnen wollen, ehe ich nicht sehr viel mehr darüber weiß, was eigentlich vor sich geht. Und wir haben keine Möglichkeit, den dritten Titanen aufzuspüren oder auch nur abzuschätzen, wo er gerade sein könnte. Also bleiben nur Ugins Verbündete Sorin und Nahiri. Ich gehe nach Innistrad und suche Sorin. Ich bin nicht sicher, ob er eine größere Hilfe sein wird als Ugin, aber eine kleinere kann er ja wohl kaum sein.“

Gideon nickte bedächtig.

„Ich vertraue deinem Urteil“, sagte er und blickte Jace in die Augen. „Wann bist zu bereit zur Abreise?“

„Noch heute“, sagte Jace. „Ich brauche Vorräte und noch einige Informationen über Sorin, und dann bin ich bereit.“

„Gut“, sagte Gideon. „Wir werden hier sein.“

Er stand auf – ohne den Klaps auf die Schulter, den er üblicherweise verteilte, nachdem er Leuten Anweisungen gegeben hatte – und ging davon.

Nachdem er Leuten Anweisungen gegeben hatte ...Jace hatte nicht das Gefühl, herumkommandiert worden zu sein. Hatte er gerade –

Da brat mir doch einer einen Storch, dachte Jace. Es klappte auch bei ihm.
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Die Dunkelheit machte es Nissa schwerer, sich eine angemessene Ablenkung einfallen zu lassen. Es war ihr gelungen, dem Gewicht in ihrer Tasche so lange keine Beachtung zu schenken, wie die Sonne noch am Himmel stand. Den ganzen Tag über hatte sie Zendikari mit erwärmten Decken versorgt, Gideon auf einer seiner vielen Runden um das Gelände herum begleitet und Geschirr an einem Wasserfall in der Nähe gespült – und dann war da noch die willkommene, wenn auch beunruhigende Unterbrechung durch den Geisterdrachen gewesen. Sie hatte seit dem Aufwachen nicht ein einziges Mal still stehen müssen. Doch nun hatte die Nacht die meisten Bewohner des Himmelsfelsens in den Schlaf gezwungen, der Fluss natürlicher Betriebsamkeit war versiegt und der stete, tröstliche Strom an Geräuschen durch Stille ersetzt worden. Es war nicht die Stille der Nächte Zendikars, an die sich Nissa aus ihrer Jugend erinnerte. Zu jener Zeit war die Nacht nur im Vergleich zum Tag ruhig gewesen. Die Geräusche der Elfen ihrer Siedlung verstummten zwar für einen Großteil der Nacht, doch dies schien nur dem Zweck zu dienen, den Geräuschen jener Kreaturen Platz zu machen, die gerade erst erwachten. Auf dieser Welt jedoch – dem Zendikar aus der Zeit nach den Titanen – gab es keine Kreaturen mehr, die gerade erst erwachen konnten. Stattdessen gab es nur hoch aufgehäufte, fahle Verderbnis. Es gab keine Bäume, durch deren Zweige der Wind pfeifen konnte. An ihrer Statt gab es nur leere Stellen. Löcher, die mit sich wiederholenden, unnatürlichen Mustern gefüllt waren, die ölig auf jeder Oberfläche schimmerten. Auf diesem Zendikar war die Stille der Nacht weitaus umfassender. Und es war diese Stille, die in Nissas Ohren dröhnte, als sie endlich innehielt.

Es war das erste Mal, dass sie an der Glyphe war, seit sie diese in den Boden gebrannt hatte. Die anderen hatten sie vor ihr aufgesucht. Sie hatte gesehen, wie Jace sie studiert und wie Gideon sie gedankenverloren abgelaufen und ihre Formen mit seinen Schritten nachgezogen hatte. Viele der Zendikari waren ebenfalls hierhergekommen und hatten kleine Gegenstände an ihren Rändern niedergelegt, nachdem sie die Schuhe ausgezogen hatten, ehe sie das sanft leuchtende Gras betraten. Und auch die Seele Zendikars war hier. Das konnte Nissa spüren. Sie war hier und hatte den ganzen Tag auf sie gewartet. Sie musste nur danach greifen. Doch das tat sie nicht. Noch nicht.

Stattdessen begab sie sich, sorgsam darauf achtend, nicht auf die Linien der Glyphe zu treten, zum Mittelpunkt des Zeichens. Als sie in dem leeren Dreieck stand, rollte sie sich die Ärmel hoch. Eine Anspannung löste sich aus ihren Schultern, als sie sich auf das Land kniete, auf allen Seiten von dem warmen, grünen Leuchten umgeben. Es war an der Zeit. Nissa begann zu graben.

Als sie fertig war, befanden sich dort vier Löcher. Eines für jeden der Samen, die der Vampir ihr dem Empfinden nach vor Jahren ausgehändigt hatte. Nissa hatte die Löcher sorgfältig angelegt und die Größe jeder Pflanze eingerechnet. Der Jaddi-Baum würde am meisten Platz zum Wachsen brauchen. Sein Blätterdach würde sich eines Tages über die gesamte Glyphe oder gar noch breiter spannen. Es würde in seiner Jugend müden Wanderern kühlen Schatten spenden, und eines Tages mochten seine ausladenden Zweige vielleicht sogar die Heimstatt eines Elfenstamms sein. Oder, fügte Nissa hinzu, vielleicht eines Stamms aus Zendikari: Elfen, Kor, Goblins und Menschen alle gemeinsam. Sie könnten in dem Jaddi leben und die Früchte des Kolya-Hains essen – denn einen solchen Hain würde es sicherlich geben. Der Kolya-Samen würde sich von der Kraft des Manas hier in der Glyphe nähren – er wäre der erste Keimling, der hier aus dem Boden sprießen würde. Der schlanke Stamm des Baumes würde zur Sonne hin wachsen und seine Blüten sich bald in weiche, würzige Früchte verwandeln und die Bewohner Zendikars ernähren. Und die gefährliche Schönheit der roten Mangrove würde den Rest der belebten Welt samt aller Einheimischen in Schach halten. Und dann war da noch der Blutdorn. Nissas Atem stockte ein wenig. Der Blutdorn von Bala Ged. Eine Pflanze aus ihrer Heimat. Vielleicht die Letzte ihrer Art. Wie viele andere hatte sie in ihrer Jugend einfach nur als selbstverständlich angesehen? Nun war nur noch diese eine übrig. Diese eine würde die Aufgabe haben, all das andere Leben, das sich hier in ihren verzweigten Ranken niederlassen würde, zu beschützen, genau wie andere ihrer Art viele Jahre lang den Joraga Schutz geboten hatten.

Nissa konnte vor sich sehen, wie dieser neue Wald Gestalt annahm, selbst jetzt, da sie nur das Beutelchen mit Samen in der Hand hielt. Eines Tages würde dieser Samen alles sein, wovon sie geträumt hatte. Eines Tages wäre er weit und ausladend. Eines Tages stünde er in sattem Grün und wäre erfüllt von Macht. Eines Tages würde er von harten Dornen beschützt werden. Doch wer würde ihn bis dahin beschützen? Wer würde Zendikar auf seinem Weg von dem, was es jetzt war, hin zu dem, was es eines Tages sein würde, behüten?

„Ich weiß, dass es dir schwerfallen wird, fortzugehen.“ Chandras Stimme erschreckte Nissa. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie sie nicht hatte näherkommen hören. Das war seltsam. Nissa ließ sich für gewöhnlich nicht so leicht überraschen. Noch seltsamer war, dass Chandras Worte die tiefsten Ebenen von Nissas Bewusstsein berührt hatten – und damit auch jenes Gefühl, das zwar vorhanden, aber nicht willens war, sich vollständig zu manifestieren. Chandra war Pyromagierin, keine Telepathin.

Nissa sah auf und traf Chandras Blick. Ihre Augen waren große, bernsteinfarbene Seen der Aufrichtigkeit, und in diesem Moment glaubte Nissa, dass sie ihr geradewegs bis auf den Grund ihrer Seele schauen konnten. Sie war es nicht gewöhnt, dass andere ihre Art, die Dinge wahrzunehmen, begreifen konnten, geschweige denn verstanden, was sie fühlte. Chandra hatte beides binnen weniger Wimpernschläge geschafft. Vielleicht antwortete Nissa deshalb so aufrichtig. „Ich weiß nicht, ob ich fortgehen kann.“ Als die Worte heraus waren, hielt Nissa den Atem an.

Doch Chandra setzte nicht sofort zu einer Erwiderung an. Stattdessen ließ sie sich neben Nissa zu Boden gleiten. Sie saßen dort, inmitten der Löcher, die Nissa gegraben, aber noch nicht gefüllt hatte, umgeben von den schimmernden Linien der Glyphe, Linien, die nur aufgrund dessen existierten, was Chandra getan hatte. Wäre die mächtige Pyromagierin nicht gewesen, sinnierte Nissa, wäre nicht nur die Glyphe nicht hier, sondern ebenso wenig das Land, in das sie eingebrannt war. Chandra war in dem Augenblick vorgetreten, als Nissa glaubte, dass die Welt auseinanderbrechen würde. Chandra hatte eine Verbindung zu Nissa gesucht, und Nissa hatte sich noch nie einem anderen Wesen so nahe gefühlt – nicht einmal der Seele Zendikars. Sie hatten ihre Kräfte zu etwas verflochten, was stark genug gewesen war, die Titanen der Eldrazi zu vernichten. Doch es war knapp gewesen. Sie beiden waren, nachdem sie die Tat vollbracht hatten, unsäglich geschwächt gewesen. Chandra konnte nicht gehen und Nissa hatte es zumindest eine Zeit lang nicht geschafft, ihre Glieder dazu zu bringen, nicht mehr zu zittern. Doch nun waren sie hier. Auf dem Weg der Besserung. Genau wie Zendikar. Für die Welt war dieser Weg jedoch wesentlich länger als für Chandra und Nissa. Vielleicht würde Chandra das verstehen. Nissa blickte die Pyromagierin an, die noch immer kein Wort gesprochen hatte. „Sie ist im Augenblick äußerst zerbrechlich“, begann Nissa einen Erklärungsversuch. „Sie war so kurz davor, auseinanderzubrechen. So vieles kann noch immer schiefgehen. Es drohen so viele Gefahren. Was auch immer als Nächstes geschieht, wird sie formen und ihr helfen, sie zu dem werden zu lassen, was sie werden soll.“

„Ich schätze, das wird überwältigend.“ Chandra lächelte und ließ sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen in das Kissen aus zartem Wachstum fallen.

„Ich möchte das nicht verpassen“, sagte Nissa, überrascht von sich selbst, dies laut zugegeben zu haben. „Ich möchte hier sein, wenn es so weit ist.“

„Das kann ich verstehen“, sagte Chandra.

„Und“, fügte Nissa hinzu, weil sie einfach nicht anders konnte, „ich möchte nicht nur zusehen. Ich möchte Wache halten. Jemand sollte hier sein. Um sie zu beschützen. Um ihr zu helfen. Das kann ich tun. Das sollte ich tun.“

Sie saßen schweigend da. Nissa ließ die Finger an den Falten des Beutelchens mit den Samen entlangstreichen. Sie dachte an jenen Tag, an dem sie sie das erste Mal in der Hand gehalten hatte, an das Gewicht, das so viel größer schien als das vier kleiner Samen. An die Verantwortung. Und an die Angst, dass sie versagen würde. Doch sie hatte nicht versagt Zumindest noch nicht. Es gab jedoch noch mehr zu tun. Oder etwa nicht? Nissa brach das Schweigen, das sich über sie und Chandra gelegt hatte. „Wenn ich hier auf Zendikar bleibe –“

„Du musst tun, was du tun musst“, sagte Chandra. „Ich werde dir keinen Vorwurf daraus machen.“

Nissa räusperte sich. „Was ist mit den anderen? Glaubst du, sie werden es verstehen?“

„Gideon und Jace?“, fragte Chandra. „Sicherlich. Sie würden dich nie zwingen, fortzugehen.“

Nissa atmete aus. Das war gut. Sie war besorgt gewesen. Jeder von ihnen hatte einen Eid geleistet.

„Sie haben mich auch nicht gezwungen, Regatha zu verlassen“, sagte Chandra. „Aber am Ende habe ich mich dennoch entschieden, hierherzukommen.“

Nissa blickte Chandra an. Sie konnte sich nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn Chandra nicht auf Zendikar gewesen wäre. Sie wollte es sich nicht ausmalen. „Ich bin froh, dass du gekommen bist. Danke.“

„Beinahe wäre ich nicht gekommen. Ich hatte eine Menge Schüler dort, weißt du? Ich war Vorsteherin der gesamten Schule. Äbtissin.“

Nissa hob beeindruckt die Augenbrauen.

„Ich weiß. Es klingt verrückt, mir Verantwortung zu übertragen.“

„Das finde ich nicht“, sagte Nissa. „Seit ich dich das erste Mal traf, wusste ich, dass du eine natürliche Verbindung zu einem sehr großen Maß an Macht hast.“

Chandra lächelte. „Und genau deshalb ging ich fort.“ Sie stützte sich auf die Ellenbogen. „Ich hätte bleiben und die Schüler lehren können, gute Pyromagier zu sein. Ich hätte das sicher auch gut gemacht. Immerhin wüssten sie dann alle, wie man einen wirklich tollen, sich selbst aufrechterhaltenden Feuerwirbel auslöst.“

Nissa lachte, und dann wurde ihr klar, dass Lachen etwas war, was sie seit langer Zeit nicht getan hatte. Sie mochte, wie Chandras Art sie so leicht zum Lächeln und Lachen bringen konnte.

„Doch Mutter Luti und die anderen werden sie auch gut ausbilden“, sagte Chandra. „Sie alle werden Pyromagier werden. Vielleicht werden ihre Wirbel nicht so beeindruckend sein, wie ich es ihnen hätte zeigen können, aber sie werden sich schon machen. Es gab noch etwas anderes, was ich tun musste. Etwas, was Mutter Luti und die anderen nicht tun konnten. Etwas, was niemand anders tun konnte. Und das war, hierherzukommen. Ich glaube, das ist es, worauf Gideon hinauswill, wenn er all diese Dinge darüber sagt, dass wir Funken und Macht haben und was das alles bedeutet. Verstehst du?“

Nissa wusste genau, was Chandra meinte: die Rede, die Gideon gehalten hatte, als sie aus der Höhle von Ob Nixilis gekommen waren und die Welt am Rande des Abgrunds taumeln sehen hatten. Nissa erinnerte sich an Gideons Worte: „Wir müssen uns der Sache verpflichten – nicht nur, die Eldrazi von Zendikar zu vertreiben, sondern uns gemeinsam allem entgegenzustellen, was das Multiversum bedroht. Niemand sonst kann das. Diese Aufgabe fällt uns zu – aufgrund unserer Macht. Aufgrund unserer Funken.“

„Niemand sonst kann das“, sagte Chandra und ließ es ein weiteres Mal so erscheinen, als könnte sie Nissas Gedanken lesen. „Doch du kannst es. Wir können es. Gemeinsam. Und außerdem“, fügte sie schelmisch hinzu, „willst du doch sicher auch wissen, wie lange Jace noch diese Klapse auf die Schultern von Gideon aushält, bevor er ausrastet, oder?“

Nissa lachte erneut. Sie wollte sie sehen ... Gideon und Jace. Nicht notwendigerweise Jaces Ausrasten, aber wäre das nicht ... witzig? Ja, das wäre es, entschied sie. Mit Chandra, Jace und Gideon wären die Dinge interessant, aller Voraussicht nach stets aufregend und manchmal wohl auch witzig. Sie erkannte, dass eine Trennung von den drei Planeswalkern ebenso schmerzhaft sein würde wie die Trennung von Zendikar. Diese Erkenntnis überraschte sie. Es war lange her gewesen, dass Nissa eine enge Verbindung mit etwas anderem als der Seele der Welt eingegangen war. Doch sie konnte nicht leugnen, dass sie nun noch drei weitere Bande spürte. Neue, aber starke Bande. Da waren noch drei Seelen, die auf sie als Einzelne zählten, und Millionen weitere, die auf sie vier gemeinsam zählten.

„Ich fange mal an, ein paar Sachen fürs Frühstück aufzuwärmen“, sagte Chandra und stand auf. Nissa war gar nicht bewusst gewesen, dass die Sonne bereits aufging, während sie hier in der Glyphe saßen. „Soll ich dir etwas bringen?“

„Nein." Nissa atmete die Morgenluft Zendikars ein. Sie wollte selbst dabei sein. „Ich komme sofort nach.“

„Alles klar“, sagte Chandra und ging. „Bis gleich.“

„Chandra“, rief Nissa. Chandra drehte sich um. „Danke.“

Chandra lächelte und zuckte die Schultern. „Warte nicht zu lange. Sonst hat Gideon alles aufgegessen.“

Nissa würde nicht warten. Sie würde nicht warten, bis die Welt genesen war. Sie würde mit oder ohne sie wachsen und gesunden. Und es gab andere, die hier sein konnten. Sie dachte an Tazri, an Munda, an Seble und an Kiora.

Sie faltete die oberste Seidenschicht des Beutels auf und brachte die vier Samen zum Vorschein. Einen nach dem anderen pflanzte sie sie in die Löcher, die sie gegraben hatte Dabei flüsterte sie ihnen ihre Träume von jenem Wald zu, zu dem sie einst heranwachsen würden. Sie erzählte ihnen von der Welt, von der sie stammten, wie Zendikar gewesen war und was es alles durchlitten hatte. Und dann erzählte sie ihnen von der Pyromagierin, dem Telepathen und dem furchtlosen Anführer, die gekommen waren, sie zu retten und diese Welt zu einem sicheren Ort gemacht hatten, auf dem sie wachsen konnten.

Mit einem letzten Atemzug drückte Nissa die Hand flach auf den Boden und griff in das Land hinein. Eines musste sie noch tun. Sie streichelte sanft über die Seele Zendikars. Sie bat sie, auf die Samen achtzugeben. Doch ehe sie ihr antworten, sie an sich klammern, sie umhüllen und festhalten konnte, zog sie die Hand und mit ihr ihre eigene Seele zurück. „Wir werden uns wiedersehen“, sagte sie. „Das verspreche ich.“ Dann stand sie auf und ging fort von jener Welt, die sie gekannt hatte, und hin zu der, die auf sie wartete.

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Auf halbem Weg zum Kochfeuer wurde Nissa von einem gehetzten, ungeduldigen Bewusstsein eingeholt. Nissa! Ich muss mit dir sprechen. Der Telepath schlenderte in ihr Blickfeld und versuchte, seinen Gedankengang einzuholen. Du musst mir alles sagen, was du über Sorin Markov weißt.

Nissas Herz wurde leicht. Ja, sinnierte sie, das war es, was sie nun tun sollten. Es fühlte sich richtig an. Sie blickte Jace lächelnd in die Augen. Ich glaube, es ist einfacher, wenn ich es dir zeige. Ohne jedes Zögern sprang Jace in ihr Bewusstsein.

Veröffentlicht in Magic Story on 24. Februar 2016

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