Kampf um Zendikar

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Vindicator
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Re: Kampf um Zendikar

Beitrag von Vindicator » Mi 25. Nov 2015, 07:22

Er hats nur gut gemeint ;)
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Judge Fredd
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Re: Kampf um Zendikar

Beitrag von Judge Fredd » Mi 25. Nov 2015, 21:17

Oh Mann. Den Kerl will man echt nicht zum Feind haben.

Um jeden Preis


Ob Nixilis hat einen schlechten Tag.

Dabei lief doch alles so gut. Er hatte die Macht des umgesiedelten Khalni-Herzen an sich gerissen und sich mit seiner Hilfe eine neue Verbindung zum rohen Mana Zendikars geschaffen. Endlich war er bereit, sich in das Polyedernetzwerk von Zendikar einzuklinken und seinen Planeswalkerfunken neu zu entzünden – und dann schlug das Schicksal in Gestalt der elfischen Planeswalkerin Nissa Revane zu.

Nissa raubte dem dämonischen Planeswalker das Khalni-Herz, heilte ihr eigenes Band zu Zendikar und ließ Unmengen Erde und Gestein auf auf Ob Nixilis herabregnen.

Das war ein echter Rückschlag. Doch Ob Nixilis war nicht so weit gekommen, weil er so leicht aufgeben würde.


Schmerz.

Eine bescheidene Verbesserung gegenüber dem völligen Nichts, mit dem ich eigentlich gerechnet hatte. Das konnte nur eines bedeuten.

Sie hatte mich am Leben gelassen.

Ich lachte. Es gab ja nichts, was ich sonst hätte tun können. Mein Leib war durch den Einsturz der Höhle an mindestens einem Dutzend Stellen zerschmettert, und ich war wie festgenagelt. Der Akt des Lachens sandte Wogen sengender Qual durch meinen gesamten Körper, und ich nutzte den Schmerz, um mir meiner Verletzungen deutlicher gewahr zu werden. Sie waren schwer, doch sie würden heilen.

Ich atmete. Das war nett. Flache, stechende Atemzüge, bei denen mir Stein und Sand schwer auf der Brust lasteten, aber ich bekam eindeutig genügend Luft, um bei Bewusstsein zu bleiben. Das deutete darauf hin, dass ich nicht weit von der Oberfläche entfernt sein konnte. Womöglich war ich aber auch nur nicht weit von einer Luftkammer entfernt, die bald aufgebraucht sein würde. Keine der beiden Möglichkeiten war sonderlich berauschend. Doch ich war am Leben.

Wenn man eine Niederlage überlebte, sollte man sich stets etwas Zeit für eine gewisse Selbstbetrachtung nehmen. Unangebrachter Hochmut hatte schon unzählige Möchtegern-Kriegsfürsten das Leben gekostet. Wie viele von ihnen hatte allein ich ihrer Hybris wegen über die Jahrtausende hinweg gefällt? An Ort und Stelle – lebendig begraben und im Nachgang eines herben Verlusts – beschloss ich, die Gelegenheit zu nutzen, die mir geschenkt worden war.

Es war ein sehr guter Plan gewesen. Ich hatte ein Polyedernetzwerk mittels des Khalni-Herzens in Gleichtakt schalten und dazu benutzen wollen, genügend Weltenenergien durch meinen Körper zu leiten, um meinen Funken neu zu entzünden. Ja, es hatte durchaus eine gewisse Möglichkeit bestanden, dass mich das Ganze umbringt, doch das scherte mich inzwischen schon lange nicht mehr. Und ja, ich wusste auch, dass es seit einigen Jahrzehnten nicht mehr dasselbe wie früher bedeutete, ein Planeswalker zu sein. Doch das war nur umso besser. Allein die Vorstellung, dass es dort draußen zahllose Welten gab, die ihre gottgleichen Beschützer und Auserwählten verloren hatten! Was für ein Chaos diese sogenannte Erholung doch über das Multiversum gebracht hatte! Ein solches Chaos musste unterdrückt werden. Ein solches Chaos musste man sich gefügig machen, und für diese Aufgabe war ich am allerbesten geeignet.

Der Plan war gut, doch der Plan war gescheitert. Der mögliche Umstand, dass irgendein anderer Planeswalker abgesehen von Nahiri diese grauenhafte Welt tatsächlich retten wollte, hatte in meinen Gedankengängen nicht gerade eine bedeutsame Rolle gespielt. Gegen sie hatte ich Vorsorge getroffen, doch ich gebe gerne zu, dass ich auf eines nicht vorbereitet gewesen war – dass eine wahnsinnige Joraga, die in der Lage war, das Herz einer sterbenden Welt für sich zu nutzen, nur Stunden vor Abschluss meines Rituals auftauchte, ein ganzes Jahrhundert an Arbeit zunichtemachte und mich lebendig begrub.

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Ich war verärgert.

Ich stand vor einem noch größeren Problem, und das war, dass ich gewissermaßen alles auf eine Karte gesetzt hatte. Ich wusste nicht, wie viel Zeit Zendikar noch blieb, ehe die Eldrazi die Zerstörung dieser Welt zu Ende gebracht haben würden, und selbst in Anbetracht dessen, was ich nun erfahren hatte, hatte ich schlichtweg nicht noch ein halbes Jahrhundert Zeit, um meine Arbeit von Neuem anzugehen. So rasch wie die Dinge voranschritten, würde diese Welt binnen eines Jahres nicht mehr zu retten sein. Ganz zu schweigen davon, dass es auf dieser gesamten Welt keine Quelle der Macht mehr gab, die sich mit dem Khalni-Herzen hätte vergleichen lassen. Nun, es gab schon eine. Doch nicht einmal ich war so verzweifelt. Noch nicht.

Ich ging die Möglichkeiten durch, die mir offen standen. Möglichkeit Eins: Ich würde versuchen, meine Arbeit zu wiederholen. Erschwernis: Lange bevor ich damit fertig wäre, würden die Eldrazi diese Welt mit mir darauf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vernichtet haben. Viellicht hatte ich außerordentliches Glück und stieß zufällig auf eine andere Quelle der Macht, doch nur Narren ließen das Glück ihre Pläne schmieden, und ich hatte nicht vor, ausgerechnet in dieser Lage damit anzufangen.

Möglichkeit Zwei: Ich würde der Elfe nachgehen und mir das Herz zurückholen. Erschwernis: In meinem Zustand konnte ich mir kaum Chancen gegen einen Planeswalker ausrechnen, und schon gar nicht gegen einen, dem das Khalni-Herz zur Verfügung stand. Und schon überhaupt gar nicht gegen eine ganz bestimmte Planeswalkerin, die mir eine Niederlage beigebracht hatte, als ich im Vollbesitz meiner Kräfte gewesen war. Das Anstürmen gegen einen überlegenen Feind birgt weder Ehre noch Würde in sich, auch wenn diese Auffassung den Ratschlägen widerspricht, die ich in der Vergangenheit dem einen oder anderen General erteilen musste, damit er das für mich taktisch Günstigste tat.

Möglichkeit Drei: Ich würde mich mit einer größeren Macht verbünden. Oh, das war niemals meine erste Wahl, aber bisweilen gab es eben keinen anderen Ausweg. Ich hatte die Eldrazi ebenso sorgfältig studiert wie die Polyeder. Auch wenn man mit ihnen nicht verhandeln konnte, hatten sie sich durchaus gewillt gezeigt, ihre Pläne über Verbündete voranzutreiben – wie der gute alte Kalitas es auf die schmerzhafte Weise hatte lernen müssen –, und ich hätte ihnen nur zu gern dabei geholfen, diese Welt in Asche zu verwandeln. Doch was dann? Sie hatten keinen Sinn für Dankbarkeit oder gerechte Vergütungen. Der Gedanke, dass sie mich auf irgendeine Art belohnen sollten, wäre ihnen geradezu unvorstellbar fremd gewesen. Ein Pyrrhussieg ist nichts als die am leichtesten zu verschmerzende Form der Niederlage.

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Zeit. Ich brauchte mehr Zeit!

Die Lösung fiel mir ein, und ich lachte erneut. Aus vollem Hals, ohne den Schmerz dabei zu spüren. Ich lachte, bis mir geschmolzene Tränen kamen. Nach all diesen Jahrhunderten belustigte mich nichts mehr als Ironie. Es gab genau einen Weg, wie ich mir genügend Zeit erkaufen konnte, um mein Werk ein zweites Mal zu verrichten.

Ich würde Zendikar retten müssen.

Aber immer schön der Reihe nach. Lebendig begraben. Ich war mir nicht sicher, wie viel Zeit genau verstrichen war. Ich war noch lange nicht geheilt, aber wenn man dem Ende der Welt entgegensah, durfte man wohl hier und da ein paar Zugeständnisse machen. Ich griff nach dem Gebiet um mich herum und versuchte, das in der Nähe vorhandene Leben auszulöschen, um dessen Energie in mich aufzunehmen. Ein einfaches magisches Kunststückchen und so etwas wie meine Spezialität. Doch als ich es versuchte, geschah ... nichts. Ich war in Bala Ged begraben, einem Ort, dem Ulamog sämtliches Leben entzogen hatte. Es gab nicht einmal mehr ein Insekt, einen Wurm oder einen Grashalm, dem ich seine Kraft hätte rauben können. Diesmal belustigte mich die Ironie nicht ganz so sehr. Ich muss wohl Stunden gerungen haben, bis es mir schließlich gelang, die Steine auf und über mir eine Winzigkeit zu bewegen. Dabei malte ich mir tausend höchst befriedigende Arten und Weisen aus, wie ich das jämmerliche Dasein dieser Elfe beenden konnte. In seiner Gänze nahm mein Entkommen mehrere Tage in Anspruch. Einige meiner Ideen waren recht vielversprechend.

Nun bestand der nächste Schritt darin, so viel von meinem Polyedernetzwerk auszugraben, wie ich nur konnte. Selbst mit einer kleinen Handvoll Polyeder konnte ich bereits einen „Kompass“ für die Leylinien bauen – etwas, was mir Aufschluss darüber geben sollte, wie die auf dieser Welt noch verbliebenen Energien verteilt waren. Wenn es eine organisierte Verteidigung Zendikars gab, dann würde die Joraga in ihrem Zentrum stehen und sich der Macht des Khalni-Herzens bedienen – und das war eine Spur, die ich verfolgen konnte.

Die Arbeit ging langsam voran, und ich hatte mehr als genug Zeit zum Nachdenken. Ulamogs Ausgeburten waren eine ebenso geistlose wie unaufhaltsame Streitmacht, und die verschiedenen Ungeheuer, die sie befehligten, geboten über eine Form schierer Macht, wie ich sie nur selten gesehen hatte. Dennoch lag jene günstige Gelegenheit, die mir offenbart worden war, im geistlosen Aspekt ihres Wesens. Es brauchte nur eine gut aufgestellte Armee von ausreichender Macht mit einem passenden Mangel an Selbsterhaltungstrieb, um jene Lücke zu öffnen, durch die ich zuschlagen wollte. Ich war überzeugt, dass die Zendikari eiligst im Begriff waren, eine solche Armee zusammenzutrommeln, auch wenn ich nicht die geringste Absicht hatte, sie anzuführen. Die Titanen waren eine sehr lange Zeit über gefangen gewesen, und man konnte sie auch ein weiteres Mal einkerkern. Ich musste sie gar nicht vernichtet oder auch nur dauerhaft unschädlich gemacht sehen. Ganz im Gegenteil: Nur zu gern würde ich diesen Monstren das Festmahl bereiten, das sie verdienten. Ich hatte nur nicht vor, als einer der Gänge bei diesem Bankett herzuhalten.

Ich hatte einige Zeit damit zugebracht, genauestens zu entschlüsseln, was mir von Nahiri angetan worden war. Und jetzt würde ich Ulamog dasselbe antun: Ich würde einen Polyeder nutzen, um eine Bedrohung zu bannen, die nicht nicht von dieser Welt war, und damit Zendikar retten. Ich fragte mich, ob es Nahiri gefallen oder ob sie sich ekeln würde, dass ich nun ihre Arbeit für sie machte. Ich fand beide Möglichkeiten zum Schreien komisch.

Ich durchsiebte mehr als einen ganzen Tag lang Asche mit meinen Klauen, ehe ich fand, wonach ich suchte: einen Polyeder von der ungefähren Größe meines Kopfes, der mit feinen Gravuren verziert und in dem die Macht noch nicht erloschen war. Er war der entscheidende Schlüsselstein in dem Polyedernetzwerk, das ich geschaffen hatte – genau das Richtige, um Ulamog zu binden und seine Macht zu schmälern. Als ich ihn nun ein weiteres Mal betrachtete, lag eine gewisse Ehrfurcht in meinem Blick. Meine Abscheu vor Nahiri war nicht so vollkommen, dass kein Platz für mich gewesen wäre, die Schärfe ihres Geistes zu bewundern. Der Gedanke, etwas derart Mächtiges zu erschaffen, was die Jahrtausende oder gar die Äonen zu überdauern vermochte! Da Nahiri nicht auf den Plan getreten war, um Zendikars Vernichtung abzuwenden, konnte das nur heißen, dass sie aller Voraussicht nach tot war. Dies stimmte mich tatsächlich ein wenig traurig, da es mir nun verwehrt bleiben würde, ihr erneut gegenüberzutreten.

Nun ja. Das waren genug sentimentale Regungen für ein ganzes Jahrzehnt gewesen. Oder höchstwahrscheinlich sogar für den Rest meines Lebens.

Ich sandte einen magischen Impuls durch zwei der größeren Polyeder meines Netzwerks. Sie erhoben sich schwebend über den Sand und drehten sich langsam, bis sie ihre Ausrichtung gefunden hatten. Anschließend aktivierte ich den Schlüsselstein und bewegte ihn vorsichtig um das Paar herum. Ich spürte die abstoßenden und anziehenden Energien, die von den Steinen ausgingen. Die Lithomantie war eine Kunst, die viel Fingerspitzengefühl erforderte, und auch wenn ich nur an ihrer Oberfläche gekratzt hatte, bot sie mir dennoch eine Vielseitigkeit der Magie, wie ich sie zuvor nicht gekannt hatte. Die grundsätzliche Aufgabe eines Polyeders bestand darin, Energie umzuleiten, doch dieser schlichte Vorgang ließ sich für vieles nutzen: zum Stärken, zum Beschwören, zum Einkerkern oder zum Vernichten.

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In meinem Geist und in meinem Körper breitete sich eine Art Bild aus, das sich aus Eindrücken von Gewicht, Schwerkraft und Entfernungen zusammensetzte, und ich gab mein Bestes, einen Sinn darin zu finden. Der Aufenthaltsort der Elfe war ohne Weiteres zu ermitteln: Von der Macht des Herzens durchdrungen war sie so leicht wahrzunehmen wie die Sonne. Doch da war noch etwas anderes: eine Bündelung von Mana, die abscheulich und vertraut zugleich wirkte. Sie waren nah beieinander – was immer es war, es hielt sich wohl dort auf, wo die Zendikari zu ihrem letzten Gefecht antreten wollten. Tazeem. Seetor, wenn ich mich recht erinnerte. Ein wunderbarer Ort für ein Massaker.

Ich breitete die Schwingen aus.

Es war wirklich wunderbar, sie zu besitzen, und ich hatte ihren Gebrauch in jüngster Zeit vernachlässigt. Sie machten das Reisen eine Spur erträglicher und das Überbrücken der Distanzen zwischen den Kontinenten Zendikars eine Winzigkeit weniger lästig. Die Himmel lockten mit dem Geschmack der Freiheit und dienten mir doch zugleich als Mahnung, was ich verloren hatte. Die Freiheit der Himmel war nichts als ein unbedeutendes Staubkorn, verglichen mit der Freiheit, die das Multiversum dereinst für mich dargestellt hatte. Andererseits sieht man nicht viele Dämonen auf Booten, und wie sich herausstellt, gibt es dafür ein paar ausgezeichnete Gründe.

Ich flog die Küste entlang und kreuzte nur so viel über dem offenen Meer, wie es nötig war, um nach Tazeem zu gelangen. Die Himmel waren in weiten Teilen bar jeglichen Lebens. Wenn man genau hinsah, konnte man da und dort eine von Ulamogs fliegenden Ausgeburten erkennen, doch sie zeigten kein Interesse an mir und ich keines an ihnen. Vögel waren selten. Engel waren glücklicherweise so gut wie völlig verschwunden.

Als sich die Eldrazi erhoben hatten, waren die Engel in die Schlacht gezogen. Wirklich bewundernswert. Ich gestehe der Fairness halber gerne ein, dass die Engel gar keine so schlechten Strategen waren, doch hier saßen sie dem Irrglauben auf, diese Schlacht gewinnen zu können. Die Engel kämpften, und zum größten Teil starben sie. Ganz selten sah man eine von Emrakuls Ausgeburten einsam vorbeischweben, die damit beschäftigt war, womit immer sich diese Geschöpfe auch beschäftigen mochten. Grundsätzlich jedoch gehörten die Himmel allein mir. Die Weite erstreckte sich um mich herum, die Sonne schien hell auf mich herab und Wolken trieben friedlich im Wind. Und ich nahm all dies nur als bedrückende Last und als Einengung wahr – dieser ferne Horizont war ein alles einschnürender Albtraum. Doch bald würde dieser Horizont fort sein. Und auf die eine oder andere Art und Weise sollte das auch für mich gelten.

Als ich mich auf meiner Reise Seetor annäherte, wurde offenkundig, dass ich zum richtigen Ort aufgebrochen war. Zu einer Seite lag endloses Ödland, da Ulamog selbst sich einen Weg hierher gebahnt und nur Stille und Staub hinterlassen hatte. Zur anderen folgte eine abgerissene Karawane ihrer gewundenen Route durch Tazeem. Flüchtlinge und Kämpfer gleichermaßen – auch wenn sie sich kaum voneinander unterscheiden ließen – strömten in Scharen auf den Wall zu: Das letzte Gefecht um Zendikar hatte bereits begonnen.

Ich hörte den Schlachtenlärm schon aus meilenweiter Entfernung. Wie wunderschön er klang. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was ich sah, als ich über die Krone des Walls hinweg aufstieg.

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Armeen prallten aufeinander, Ausgeburten und Zendikari wurden zu Abertausenden dahingemetzelt – und über all dem ragte Ulamog auf. Gefangen.

In einem riesigen Polyedernetzwerk.

Ich brauchte einen Augenblick, um das alles in mich aufzunehmen. Ich bekam das Grinsen nicht aus meinem Gesicht. Das Netzwerk war gewaltig. Was ich mit Sorgfalt und Finesse über Jahrzehnte hinweg geschaffen hatte, hatten die Zendikari allein mit roher Gewalt bewerkstelligt. Indem sie die gigantische Struktur aus Polyedern einsetzten, waren sie in der Lage, sich die Energie dieser gesamten Welt nutzbar zu machen – meine Arbeit mit dem Khalni-Herzen war im Grunde wie ein verkleinertes Modell dessen, was sie getan hatten. Die Ausrichtung war selbst für meinen überschaubaren Kenntnisstand als grob und laienhaft zu erkennen, doch sie war stabil.

Nur ein Narr lässt das Glück seine Pläne schmieden, doch nur ein noch größerer Narr macht sich das Glück anderer nicht zunutze. Meine Möglichkeit Eins war zurück im Spiel.

Ich entdeckte einen guten Aussichtspunkt, um das Netzwerk näher zu betrachten, und beseitigte behutsam die Korwachposten, die dort Stellung bezogen hatten. Das Netzwerk wurde durch das Gefangenhalten Ulamogs an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt, doch auch der Titan selbst wurde nach und nach schwächer. Ich war beeindruckt. Vielleicht hätten die Zendikari es sogar tatsächlich schaffen können, ihn zu töten. Sie hatten höchstes Lob für ihren Fleiß und ihren Einfallsreichtum verdient. Doch es war an der Zeit, ihren Plan mit einem klitzekleinen Makel zu versehen.

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Ich schwang mich in die Lüfte, hoch über das Getümmel. Nun erspähten mich auch einige Kor in ihren Lenkdrachenseglern, doch sie sahen von einem Kampf mit mir ab: Ihre Aufmerksamkeit galt der Eindämmung der Ausgeburten und dem Weitermelden von Bewegungen auf dem Schlachtfeld an die Kämpfer unten. Der Schlüsselpolyeder schwebte hinter mir her und er begann, auf die unglaublichen Energien des Netzwerks anzusprechen. Seine Runen erglühten in einem violetten Licht, ausgelöst durch den immensen Kraftfluss in den Leylinien. Ich zwang ihn an den richtigen Ort und platzierte ihn an einem Resonanzpunkt genau über dem Zentrum des Rings. Er fing an, sich zu drehen, und es bildete sich ein Strudel aus Energie, der eine lähmende elektrische Entladung durch meinen Körper sandte. Einen Moment lang taumelte ich am Himmel: Mein Herz pochte und mir verschlug es schier den Atem.

Darauf hatte ich lange gewartet. So lange.

Ich sprach drei Worte.

In diesem Augenblick nahm alles einen neuen Anfang.

Die Energie überwältigte meine Sinne: Vor meinen Augen wurde alles zu einem gleißenden Weiß, und ich spürte meinen Körper nicht mehr. Die Macht brannte in mir, eine heranrauschende Flut aus Qual und Vollkommenheit, und in meinem tiefsten Innern regte sich mein Funke. Erst als schwaches Glimmen, dann als lodernde Flamme. Mein Funke kehrte zurück.

Das Multiversum erstreckte sich wieder vor mir! Ich spürte all die zahllosen Welten – die vertrauten und die unbekannten – vor mir ausgebreitet auf einer unendlichen Leinwand der Wirklichkeit. Ich nahm sie wie winzige Lichtpunkte wahr, Leuchtfeuer unendlich ferner Mächte. Der Traum, den ich seit Jahrtausenden geträumt hatte, stand kurz vor seiner Erfüllung: Ich konnte diesen schrecklichen Ort verlassen! Ich begann, dahinzuschwinden. Fort, fort. Nur hin zu irgendeinem anderen Ort ...

Nein. Ich war hier noch nicht fertig. Noch nicht.

Von pulsierender Macht gesättigt riss ich mich aus dem Manastrom. Mit einem Fingerschnippen brachte ich einen Polyeder aus seiner korrekten Ausrichtung. Die rohe Kraft der Leylinien hielt ihn noch einen kurzen Moment an seinem Platz, doch dann trudelte er quälend langsam dem Boden entgegen. Schreie des Schreckens und des Unglaubens erklangen. Ulamog wand sich wild, und der Rest des Netzwerks fiel in sich zusammen. Und dort drunten, so weit unter mir, sah ich sie dann schließlich. Die kleine Elfe. Sie musste wissen, was gerade vor sich ging. Sie musste es tief in sich spüren. Ja. Dort. Sie sah zu mir auf, ihr Gesicht eine Maske aus Erschütterung und vollkommener Verzweiflung. Das war ein schöner Anfang. Doch ich war noch lange nicht fertig.

Ich spürte, wie die Verbindungen zu den von mir dereinst eroberten Welten eine nach der anderen neu geknüpft wurden. Nicht alle, aber doch genug von ihnen. Es war so lange her. Ich ließ einen gewaltigen Blitz aus alles verdorrender Energie auf die Armeen dort drunten niederfahren, um so ihren Rückzug zu vereiteln und sie zurück auf Ulamogs Pfad zu treiben. Die Zendikari starben mit jedem einzelnen Wimpernschlag zu Hunderten, und ich schmeckte jedes ausgelöschte Leben – knusprig, saftig und süß.

In den Reihen unter mir formierte sich eine kleine Insel der Ordnung. Ein paar Planeswalker versuchten verzweifelt, einen Rückzug zu organisieren, auch wenn es keinen vernünftigen Ort mehr gab, an den sie noch hätten gehen können. Trunken vor Macht wollte ich nichts mehr, als dort hinabzustoßen und ihnen allen den Garaus zu machen – und es wäre mir auch gelungen –, doch ich zügelte mich. Noch nicht. Noch nicht.

Zuvor war erst noch eine letzte Sache zu tun.

Tief unter der Oberfläche regte es sich bereits. Ich flüsterte ihm ungeachtet aller Entfernungen zu. Ich wagte es nicht, meinen Geist unmittelbar auf es auszurichten, denn schon meine sich ihm nur vage annähernden Gedanken, ließen die Wirklichkeit vor ihm zurückweichen und zersplittern. Doch diese Macht war dort, und die eine Macht sprach zu der anderen. Sie hatte kein Bewusstsein, das sich von mir hätte in Worte fassen lassen, doch sie besaß einen Willen, und diesen Willen verlangte es nach nichts mehr, als einen Sinn und Zweck zu erhalten.

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Ich lachte. So viel Freude hatte ich noch nie zuvor verspürt. Kein Triumph, keine gewonnene Schlacht übertraf dies. Mächtige Geschöpfe ... Mächtige Geschöpfe wollten gerufen sein! Dank meines neu entzündeten Funkens war nichts leichter als das.

Nur ein Wort. Es bedurfte nur eines einzigen kleinen Wortes. Die Welt erzitterte, als ich es sprach. Der Untergang Zendikars war endlich gekommen.

Ich griff nach Süden und packte ihn. Ich riss ihn allein mit meiner Willenskraft aus seinem tiefen Schlaf. Mein Wort würde das letzte sein, das diese verderbte Welt hörte, und ich schrie es vom Grund meiner Seele heraus.

„Erwache!“

Veröffentlicht in Uncharted Realms on 25. November 2015

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Judge Fredd
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Re: Kampf um Zendikar

Beitrag von Judge Fredd » So 13. Dez 2015, 13:31

Wenn so viel schief geht, brauchen unsere Freunde auf Zendikar dringend Verstärkung.

Gegebene Versprechen


Vor einigen Wochen entschied sich Chandra Nalaar dagegen, sich in die Angelegenheiten Zendikars verstricken zu lassen. Sie blieb auf der Welt Regatha, wo sie ihr Amt als Äbtissin eines Klosters pyromagischer Mönche antrat. Ihre Gedanken kreisen oft um den Kampf, der gerade auf Zendikar tobt, und um das Leid, dem ihre Freunde ausgesetzt sind – und auch um die Hilfe, die sie ihnen zuteilwerden lassen könnte. Doch sie hat versprochen, ihre Pflichten auf Regatha zu erfüllen – und ein Versprechen ist ein Versprechen.

Der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Nicht, dass sie gerade wirklich Zeit für ihn gehabt hätte.

Ein Stapel Pergamente lag auf dem Boden von Chandras Schlafgemach verstreut. Obwohl sie sich so tief wie möglich in eine Ecke des Zimmers verkrochen hatte, konnte sie noch immer die Zeilen lesen, die sie auf die oberste Seite geschrieben hatte:

MEINE INSPIRIERENDE ANSPRACHE

VON ÄBTISSIN NALAAR

Das war alles.

Der Federkiel war noch immer dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte: mit der Spitze voran ins Mauerwerk gerammt. Chandra spürte, wie ihr Gehirn versuchte, sich aus ihrem Schädel herauszuwinden.

Morgen hatte sie die traditionelle Ansprache am Keralberg zu halten. Morgen würde sie Mutter Luti und all ihre Schüler mit einer klug durchdachten Abfolge überzeugend vorgetragener pyromagischer Übungen, einigen erhebenden Worten, die sich höchstwahrscheinlich auf die von allen so sehr geliebte Jaya beziehen würden, sowie dem einen oder anderen auf Feuer beruhenden Sprachbild beeindrucken müssen. Sie würde sich als Äbtissin des Keralberg-Klosters würdig erweisen, wie es jeder ihrer Vorgänger getan hatte – wahrscheinlich schon seit Anbeginn der Zeit.

Sie ließ sich in ihrem Äbtissinnengewand aufs Bett zurückfallen und starrte an die Decke ihres Schlafgemachs.

Das ist das Leben, wofür du dich entschieden hast, gemahnte sie sich selbst.

Sie hatte ein Versprechen gegeben. Ganz gleich, was auf Zendikar geschah, ganz gleich, wie sehr man sie dort brauchte, und ganz gleich, wie befreiend es sein würde, sich in den Kampf zu stürzen. Dies hier war nun ihre Aufgabe.

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Sie betrachtete den in der Wand steckenden Federkiel, und langsam wanderte ihr Blick zur Tür. Sie stand auf und öffnete sie. Sie beugte sich hinaus und spähte den Gang des Klosters erst in die eine, dann in die andere Richtung hinunter. Schatten tanzten hinter flackernden Feuerschalen: die Nachtleuchten. Im Kloster würde nun noch über Stunden Stille herrschen.

So fühlt es sich an, ein Versprechen zu halten, sagte sie sich. Du bist kein Kind mehr. So ist es ... Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und zwang sich, die nächsten Worte zu denken. ... Verantwortung zu übernehmen.

Sie biss sich auf die Unterlippe, während sie dort in der Tür stand und ein weiteres Mal den Gang hinauf- und hinunterblickte. Dann schloss sie die Tür zu ihrer Kammer fest hinter sich.

Sie schaute zur der ungeschriebenen Rede und dann auf das beinahe unberührte Tintenfass hinunter.

Sie warf sich in Pose, raffte ihre Äbtissinnenrobe an der Hüfte und starrte geradeaus auf die gegenüberliegende Wand.

Nur ein kurzer Blick, dachte sie.

Sie schlang ihren Willen um den gesamten Ort herum, der sie umgab, und zwang ihn, sich zu verändern. Zendikar.

Ihr Schlafgemach löste sich auf. Die Wände wurden zu schwüler Nachtluft. Der Steinboden wurde zu einem schroffen Hang. Die Decke wurde zu einem dunklen Himmel voller schwebender Landmassen und schräg in der Luft hängender Rauten.

Instinktiv duckte sie sich. Es war Hunderte und womöglich gar volle tausend Tage her, seit der Staub Zendikars ihr Gesicht bedeckt hatte. Sie roch die fruchtbare Erde, die ungestüme Reinheit dieses Ortes und das scharfe Aroma von Gefahr, die in der Luft lag. Doch da war auch noch etwas Neues – der Geruch nach trockenem Staub. Ein leerer Geruch.

Ihr Herz hämmerte. Sie wischte sich die Handflächen an der Zeremonienrobe ab. Plötzlich fühlte sie sich unvorbereitet und nur schlecht gegen Zendikars unermessliche Gefahren gewappnet. Das raubte ihr den Atem.

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Sie war von hutzligen Baumstümpfen und spitzen Felsen umgeben. Rasch erklomm sie den Abhang, um zu sehen, wo sie sich befand. Das Land breitete sich unter ihr bis zum Ufer eines schimmernden Meeres aus. Hinter dem Meer erhob sich eine Stadt mit weißen Steintürmen – Seetor! Sie hatte es geschafft, in der Nähe ihres Ziels einzutreffen – dort, wo Gideon gesagt hatte, dass sie nach ihm suchen solle. Die weißen Türme wurden von einem mächtigen Damm gestützt, und über dem Meer schwebte eine halbrunde Anordnung aus Polyedern, deren in der Nacht leuchtende Runen sich in den Wellenkronen widerspiegelten.

In der Ferne sah Chandra einen sonderbaren, gewaltigen Umriss am Horizont, den sie nicht erkannte. Wahrscheinlich war es eine von den Bergketten Zendikars, die der Schwerkraft trotzten, oder eine seiner monumentalen Landmassen, die vom Dämmerlicht zu derart enormen Ausmaßen verzerrt wurde.

Und unmittelbar unter ihr, am Fuß der Klippe, waren Leute. Einige von ihnen kannte sie. Gideon rief Anweisungen und nahm die Rolle als Anführer so selbstverständlich ein, wie er seine Rüstung trug.

„Vorsichtig ... Ja, so ist es gut“, sagte er gerade. „Gut. Torgruppe! Zieht!“

Chandra folgte Gideons Blick. Einer der größeren Polyeder, der über dem Wasser schwebte, bewegte sich. Tatsächlich konnte sie Gruppen von Gestalten erkennen, die ihn über dem Meer entlangschoben, indem sie ihn mit groben Tauen und wohldosierten Schubzaubern voranbugsierten. Kor-Tauzieher entlang des Damms zerrten an ihren Führseilen und brachten den Polyeder nach und nach in Stellung.

„Und ... haltet ihn dort!“, rief Gideon.

Eine zweite Gruppe zog in die entgegengesetzte Richtung. Der Polyeder kam an seinem Platz im Kreis langsam zum Stillstand.

„Die Position stimmt“, sagte Gideon. „Die Höhe auch. Nächste Gruppe! Macht die Taue bereit!“

Sie tun es, dachte sie. Meine Freunde tun es. Sie sind gekommen und sie helfen. Sie retten diese Welt.

Chandra reckte unwillkürlich voller Stolz die Faust nach oben – was dazu führte, dass sie am Rand der Klippe vor lauter Schwindel ins Taumeln geriet. Sie fing sich ab, doch ein Häuflein Kiesel purzelte den Weg hinter ihr hinunter.

„Achtung! Achtung!“, ertönte der Ruf einer Frau über ihr.

Chandra duckte sich zwischen zwei krumme Bäume, schrammte mit dem Kopf leicht an einer Astgabel entlang und sah zum Firmament hinauf. Über ihr flog eine Kundschafterin. Der massige Leib eines Himmelsmantas glitt durch die Luft. Eine Elfe hielt seine Zügel. Der Manta vollführte eine scharfe Kehre, und die Kundschafterin suchte mit Blicken das Gebiet ab, in dem Chandra sich versteckt hielt.

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„Bewegung in den Bäumen dort vorn!“, rief die Elfe nach unten.

Chandra hörte, wie Gideon der Späherin Antwort gab. „Fliege noch eine Runde“, rief er. „Ich muss wissen, wie viele es sind und wie groß sie sind.“

Die Mantareiterin setzte zu einem weiten Bogen an, um zu Chandras Position zurückzukehren. Chandra hatte nur Augenblicke, ehe die scharfen Augen der Kundschafterin sie gewiss entdecken würden. Sie war nicht gekommen, um zu bleiben. Nur ein kurzer Blick.

Halb rannte, halb schlitterte sie den Pfad hinunter, den sie gerade erst erklommen hatte. Sie kam auf losem Geröll ins Rutschen, schaffte es, sich an einem gezackten Felsbogen festzuhalten – nur um sich gleich darauf in einer völlig neuen Art von Schwierigkeiten wiederzufinden.

Kaum hatte sie sich gefangen, sah sie sich den Gesichtsplatten dreier knochenköpfiger Kreaturen gegenüber, deren Rümpfe nur aus frei liegenden Rippen zu bestehen schienen. Sie wirkten auf beunruhigende Weise, als trügen sie ihr Innerstes nach außen gekehrt.

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Eldrazi. Das waren Eldrazi. Jene Kreaturen, die diese Welt heimgesucht hatten. Jene Kreaturen, die zu bekämpfen Gideon und Jace sie gebeten hatten.

Die größte stieß ein rasselndes, pfeifendes Fauchen aus, in das die anderen einfielen, woraufhin sie sich auf Chandra zubewegten.

„Nein, nein, nein“, flüsterte sie. Chandra lugte rasch nach oben. Die elfische Kundschafterin war bereits wieder auf dem Weg in ihre Richtung, hatte ihre Wende jedoch noch nicht beendet. Chandra schaute gerade rechtzeitig zurück zu ihren Gegnern, um zu sehen, wie einer von ihnen mit einer klingenartigen Gliedmaße nach ihrem Gesicht hieb.

Sie wich aus, doch da war auch schon ein anderer Eldrazi über ihr und presste ihren Arm gegen einen Felsen. Sie riss sich los, aber ihr erster Widersacher sprang auf sie und tastete mit schleimigen Greifwerkzeugen nach ihrem Haar und ihrem Kiefer.

„Achte auf deinen Benimm!“, murmelte sie, während sie nach seiner Brust griff und ihn von sich herunterschleuderte.

Der größte ihrer Gegner ließ sich über ihr zusammensacken und zwang ihr zusätzlich zur Last ihrer Robe nun auch noch sein Gewicht auf die Schultern. Sie spürte, wie die gezackten Vorderglieder des Eldrazi versuchten, sie bewegungsunfähig zu machen – oder sie einfach nur zu zerquetschen.

Sie ächzte unter seinem Gewicht und versuchte, nicht endgültig zu Fall zu geraten. Ihre Wirbelsäule verbog sich schmerzhaft, und sie ging in die Knie. Sie drückte die Beine der Kreatur nach oben, und die Stacheln des Eldrazi gruben sich ihr in die Hände. Noch immer lastete das Geschöpf auf ihr. Chandra verzerrte vor Anstrengung das Gesicht und bleckte die Zähne. Sie sammelte all ihre Kraft, stemmte die Füße gegen den Boden und hielt dagegen.

„Rah-AGHH!“

Das Ding taumelte von ihr herunter. Für den Augenblick war sie frei.

Der Himmelsmanta glitt über sie hinweg. Hatte die Kundschafterin sie gesehen? Die Elfe pfiff, und ihr Reittier wirbelte erneut herum und sank tiefer, während es sich wieder in Chandras Richtung wandte.

Es blieb keine Zeit. Chandra musterte die Eldrazi und spürte, wie ihr die Haut vor Hitze zu kribbeln begann. Sie fuhr geduckt herum, und die rasche Bewegung wurde zu Wut, und die Wut wurde zu Feuer.

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Sie sandte eine Kugel aus Feuer aus, die sich in sämtlichen Richtungen um sie herum ausbreitete. Einen Augenblick lang war alles, was sie sah, das Gleißen ihres eigenen Feuers, doch dann erblickte sie wieder die Nacht vor sich. Die Kreaturen lagen auf dem Rücken, waren aber noch am Leben. Die versengten Rümpfe und Gliedmaßen zuckten, als die Eldrazi versuchten, irgendwo einen Halt zu finden, um sich aufzurichten.

Keine Zeit. Keine Zeit. Keine Zeit.

Sie rappelten sich auf und kreischten Chandra rasselnd an. Sie kreuzte die Arme vor der Brust, baute auf das Mana aus dem Berg unter sich und riss dann die Arme zur Seite, um eine dreigeteilte Klinge aus Feuer zu erschaffen, die durch jeden einzelnen Eldrazi vor ihr hindurchschnitt.

Die Kreaturen verstummten. Wabernder Rauch stieg aus den Kratern auf, die zu ihren Gräbern geworden waren.

Triumphierend ballte Chandra die Fäuste. Beinahe hätte sie gejubelt, doch sie beherrschte sich und schlug die Hand vor den Mund. Sie spähte erneut hinauf und trat zurück unter die Bäume. Die elfische Kundschafterin flog über sie hinweg, den Blick auf die rauchenden Eldrazikadaver geheftet.

Ihr Leib zitterte, Grauen und Erregung schlugen in ihrem Inneren einen heftigen Takt. Sie drückte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstumpf, bedeckte das spiegelnde Glas ihrer Schutzbrille mit dem Ärmel und hoffte, im Verborgenen zu bleiben.

Das war‘s. Das ist alles, weswegen ich gekommen bin. Ich wollte nur wissen, ob sie in Sicherheit sind. Ich wollte nur wissen, dass sie ... mich nicht brauchen.

Sie begann ihre Rückreise nach Regatha. Die Landschaft Zendikars begann, um sie herum zu schmelzen. Sie gestattete sich einen letzten Blick auf Gideon und die anderen. Und dann sah sie die Gestalt am Horizont – jenes Ding, das sie als schwebende Landmasse oder einen seltsam geformten Berg abgetan hatte.

Im ersten Schein der Morgendämmerung konnte sie sehen, wie sich die gewaltige Gestalt bewegte. Langsam entfaltete sie ihre Gliedmaßen, was bedeutete, dass sie Gliedmaßen hatte. Ihre gezackten Kieferknochen glommen fahl in der Nacht.

Sie ragte nicht nur hoch auf. Sie näherte sich. Sie war auf dem Weg nach Seetor, hin zu Gideon und den anderen, und sie schnitt dabei eine tödliche Schneise quer über die ganze Welt. Sie drohte, alles Leben auf ihrem Weg zu vernichten.

Die Kreaturen, die sie bekämpft hatte – im Vergleich zu diesem Ungeheuer waren sie vollkommen unbedeutend. Dies hier – Ulamog selbst – das war es, worum es in diesem Kampf ging. Das war es, was jenen Geruch des Todes verursachte, der neu auf dieser Welt war, und das war es, wofür ihre Gefährten ihr Leben riskierten.

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Das war es, was zu entfesseln sie geholfen hatte.

Doch das Bild Ulamogs verschwamm, bis es nur noch ein flimmernder Schatten war. Sie reiste bereits von hier fort. Regatha formte sich um sie herum und ersetzte jenen Landstrich, der zu den Polyedern führte, zu ihren Freunden und zu dem Titanen der Eldrazi. Ihr Schlafgemach wurde heller, als Morgenlicht in breiten Streifen durch die Fenster fiel.

„Nein“, sagte sie laut.

Ein nachdrückliches Klopfen an der Tür drang an Chandras Ohren, während die Welt sich manifestierte. Die Tür wurde aufgestoßen, und das gereizte Gesicht Mutter Lutis tauchte dahinter auf. Auf Chandra wirkte es, als würde sie durch Ulamogs Nachbild hindurchschimmern.

„Chandra?“ Mutter Luti klang ungehalten. „Bist du fertig? Die Ansprache! Die Gesänge haben bereits angefangen!“

Chandras Mund stand offen.

„Du wirst dich deiner Verpflichtungen hier nicht entziehen, Äbtissin Nalaar!“, sagte Mutter Luti. „Du wirst dein Versprechen nicht brechen.“ Damit stürmte Mutter Luti den Gang entlang davon.

Langsam schloss Chandra den Mund. Sie trug noch immer die Robe. Serenoks Robe. Der Ärmel des bestickten Mantels war nun leicht eingerissen – dort, wo eine gezackte Kralle eines Eldrazi sich ihr in den Oberarm gegraben hatte.

Wie in einen Nebel aus Unwirklichkeit gehüllt machte sie zwei Schritte, bückte sich und hob den Stapel Pergamente auf: ihre Rede.

MEINE INSPIRIERENDE ANSPRACHE, stand da in ihrer eigenen Handschrift auf der obersten Seite. VON ÄBTISSIN NALAAR.

Sie blickte zur Tür. Sie führte zum Rest des Klosters, zu ihren Schülern, zu Mutter Luti, nach Regatha. Ihre Füße wussten einfach nur nicht, wie sie sich darauf zubewegen sollten.

Unvermittelt zerknüllte sie die Seiten zu einem Ball, der in ihren Händen in Flammen aufging und verbrannte. Sie ließ die Ascheflocken aus ihren Fingern zu Boden rieseln.

So fühlt es sich an, ein Versprechen zu halten, dachte sie.

Sie trat aus ihrer Kammer, das Bild von Ulamog noch immer in ihre Gedanken eingeätzt.

Die Äbtissin grüßte ihre Schüler mit einem Kopfnicken. So viele Gesichter blickten sie aus der großen Halle des Keralberg-Klosters an. Mutter Luti schaute aus den hinteren Reihen zu.

„Guten, ähm, Morgen“, sagte sie. Sie klammerte sich an den steinernen Obelisken, der ihr als Podium diente, und versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, wie man Worte sprach. Sie hustete in den Ärmel ihrer Robe.

Sie runzelte die Stirn und kramte in ihrer Erinnerung nach Aussprüchen von Abt Serenok. „Feuer ist ein Symbol“, sagte sie steif. „Für das, nun ja, Feuer. In unser aller Herzen.“

Irgendwie hatte das besser geklungen, als Serenok es gesagt hatte.

Die Mönche blickten einander an. Irgendjemand räusperte sich.

„Wir dürfen nie vergessen, dieses ...“ Ihre Worte wurden leiser und leiser, als sie auf das Podium vor sich blickte. „Feuer. Anzufachen. Damit es. Ähm.“

Sie schaute auf und sah Mutter Lutis Gesicht. Das war ein Fehler. Chandra rieb sich mit den Fingern über die Schläfen.

Sie hustete. Sie holte tief Luft.

„Hört zu“, sagte sie. „Als ich als Kind hierherkam, war ich völlig am Ende. Ich hatte keine Ahnung, was ich hiermit anfangen sollte.“ Sie hob die Hand, aus der Flammen sprossen. Sie schüttelte die Hand, und das Feuer erlosch wieder. „Die Menschen an diesem Ort – Abt Serenok, Mutter Luti, ihr alle – ihr habt es mir gezeigt. Ihr habt nicht versucht, mich zu bändigen. Ihr habt nicht versucht, mich zu ändern. Ihr habt mich gelehrt, auf meine Weise auszudrücken, wer ich bin.“

Sie blickte in die Dutzenden von Gesichtern vor sich. „Wenn es irgendetwas gibt, was ich tun kann, um euch dies zu vergelten, dann das, euch dazu ermutigen, dasselbe zu tun. Jeder von euch ist sein eigenes, einzigartiges Ich. Ihr seid nicht die Feuermönche des Keralberg-Klosters. Nicht wirklich. Ihr seid nicht die Jünger der Lehren Jayas. Ihr seid nicht hier, um mir oder einem anderen Abt zu lauschen. Ihr seid einzigartige Persönlichkeiten, in denen die wildesten Vorstellungen davon lodern, was wirklich wichtig ist. Ihr seid hier, weil dies ein Ort ist, an dem ihr herausfinden könnt, wer ihr seid.“

Sage ich das gerade wirklich?, dachte sie. Sage ich tatsächlich das, was ich denke, was ich da gerade sage? Chandra suchte nach Mutter Lutis Gesicht, konnte es aber nicht mehr in der Menge entdecken.

„Es tut mir leid für diejenigen, die ich gerade enttäusche“, fuhr Chandra fort. „Doch die beste Möglichkeit, die ich kenne, um die Tradition der Ansprache am Keralberg zu ehren, ist, euch zu sagen, dass ihr damit aufhören sollt, dieser Ansprache am Keralberg zuzuhören.“

Die Mönche blickten einander erneut an. Chandra löste den Gürtel ihrer Robe, zog die Arme aus den Ärmeln und wand sich ganz aus dem Stoff heraus. Darunter trug sie ihre gewohnte Rüstung. Sie ließ die Robe sanft von ihren Händen herabhängen, so wie man einen kostbaren Schatz hielt, der für jemand anderen bestimmt war.

„Jeder von euch verfügt über eine Gabe, die nur er der Welt geben kann. Eine Möglichkeit zu helfen, die andere nicht haben. Und die Art, diese Gabe auszudrücken, ist es, auf dies hier zu hören: Vertraut auf euch. Vertraut auf eure Gabe. Verlasst euch nicht nur auf Reden – weder auf meine noch auf die von irgendjemandem sonst.“

Einige der Mönche erhoben sich langsam. Köpfe nickten. Sie sah hier und da ein Lächeln aufblitzen.

„Ihr alle habt eure Aufgaben da draußen. Wichtigere Aufgaben als die Tradition einer Ansprache“, fuhr sie fort. „Krisen, an denen ihr gerade jetzt Anteil nehmen solltet, Schwierigkeiten, die nicht ohne eure Hilfe überwunden werden können. Und daher dränge ich euch zum Gehen. Geht und findet heraus, welche Aufgaben das sind.“ Sie neigte den Kopf und hob Serenoks Robe wie in einer Art Salut. „Danke.“

Viele Mönche schüttelten mit enttäuschter Miene den Kopf. Doch andere jubelten und reckten zustimmend die Fäuste. Sie spürte, wie sie wahrlich lebendig wurden, und sah ihre Augen auf eine Weise vor Freude strahlen, wie sie es in den Wochen voller Übungen und Gleichnisse noch nie erlebt hatte.

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„Danke“, sagte sie und blinzelte die Tränen weg, während sie die Robe in ihren Armen wiegte. „Danke für alles, was ihr für mich getan habt. Danke.“

Chandra lächelte und wandte sich vom Podium ab. Sie lief gegen eine Wand in Gestalt von Mutter Luti.

Chandras Lächeln erstarb. „Es tut mir leid, Mutter Luti“, sagte sie. „Aber du weißt, dass ich gehen muss.“

„Das denkst du also?“, fragte Mutter Luti ruhig. „Das willst du also?“

„Ich gehe nach Zendikar“, sagte Chandra. „Ich werde dort gebraucht.“

Chandra sah in Lutis Augen und erkannte plötzlich den Schmerz, den ihr Weggang hinterlassen würde. Sie erkannte, wie sehr sie diesen Ort im Stich ließ – jenen Ort, der sie willkommen geheißen hatte, jenen Ort, der an sie geglaubt und ihr geholfen hatte, sie selbst zu werden.

Mutter Lutis Miene blieb unergründlich. „Du wirkst unsicher“, sagte sie. „Ist dies die Wahrheit in deinem Herzen?“

Chandra sah das Phantom Ulamogs am Rand ihres Blickfelds aufflackern. „Ja, ich glaube schon.“

„Das ist nicht hinnehmbar“, herrschte Mutter Luti sie an. „Du wirst hier gebraucht!“

„Ich muss gehen“, sagte Chandra. „Hör zu: Es tut mir leid, dass ich euch verlassen muss – ich weiß, dass ihr nun keine Äbtissin mehr habt, und ich weiß wirklich zu schätzen, was ihr alles ...“

Mutter Luti schnitt ihr das Wort ab. „Es tut mir leid, aber ich muss dich an dein Versprechen erinnern. Du wirst bei uns bleiben – als Äbtissin dieses Klosters.“

„Was?“

„Du bist diesem Ort verpflichtet. Du hattest erwogen, fortzugehen, doch du hast dich zum Bleiben entschieden. Hole die Schüler zurück. Du wirst deine Ansprache halten und Pyromagie lehren.“

Chandra runzelte die Stirn. „Was sagst du da?“

Mutter Luti meinte es todernst. „Ich verbiete dir, fortzugehen.“

Chandras Hände ballten sich zu Fäusten, doch sie zwang sich, sie wieder zu öffnen. Sie schüttelte glucksend den Kopf. „Schau mal, ich ...“

„Chandra, muss ich dich daran erinnern? Du magst nun die Äbtissin sein, doch ich stehe im Rang nach wie vor über dir! Und ich sage, dass du bleibst.“

Fäuste. „Ich werde nicht bleiben.“

„O doch, das wirst du.“

„Tu das nicht.“

„Du hast eine Verpflichtung!“

„Ich habe eine Verpflichtung!“, rief Chandra. Sie stieß einen Finger in die Luft und deutete irgendwohin. „Dort draußen leiden Menschen, und ich kann ihnen helfen. Ich kann ihnen helfen. Ich kann nicht hierbleiben und endlose Übungen wiederholen, wenn ich weiß, dass ich dort hinausgehen und das anwenden könnte, was ihr mich gelehrt habt, um eine Katastrophe zu verhindern.“

Mutter Lutis Gesicht leuchtete plötzlich vor stillem Stolz. „Jetzt bist du dir sicher“, sagte sie sanft. „Meinen Glückwunsch, Chandra.“

Chandra holte Luft. „Ich ...“

„Du kennst jetzt die Wahrheit.“

„Das ... Das war es, was du hören wolltest?“

„Das war es, was du erkennen musstest.“

Chandras Schultern sackten herab. Sie wischte sich eine ungebetene Träne aus dem Augenwinkel. „Danke“, sagte sie.

Mutter Luti streckte die Hände aus, um die Robe des Abtes entgegenzunehmen, doch Chandra umarmte sie ungestüm. Sie spürte, wie Luti zögerte, ehe sie die Arme um sie legte und sie dann fest an sich drückte.

„Geh, Chandra Nalaar“, flüsterte Luti in ihr Haar. „Geh und rette Welten.“

„Das verspreche ich“, sagte Chandra kaum hörbar.

Sie entließ Luti aus der Umarmung. Sie hob Serenoks Robe auf und faltete sie sorgfältig einmal. Dann faltete sie sie ein zweites und danach ein drittes Mal, um daraufhin finster auf den unordentlichen Haufen zu starren, den sie da zustande gebracht hatte. Sie faltete die Robe ein weiteres Mal und lächelte, als Mutter Luti ihr sie sanft abnahm.

„Schon gut“, sagte Mutter Luti. „Schon gut.“

Chandra wandte sich um und viele der Schüler applaudierten.

„Lebt wohl“, sagte sie. „Lebt wohl. Ich hoffe, euch alle eines Tages wiederzusehen.“

Auf Zendikar roch die Luft nach Staub. Doch Chandra hatte Hoffnung, denn sie roch auch Salzwasser – also konnte sie nicht allzu weit entfernt sein. Sie war irgendwo in dem Waldgebiet nahe der Küste aufgetaucht, doch sie konnte die Türme Seetors über die Bäumen spitzeln sehen.

Und sie sah auch Ulamog. Er hatte die Stadt bereits erreicht. Sein monströses Haupt ragte höher auf als die Türme, und seine knöchernen Kiefer und gegabelten Arme bedrohten die gesamte Stadt. Chandra hoffte, dass sie nicht zu spät kam.

Der Damm war ganz in der Nähe, nur einen mit Bäumen bewachsenen Abhang hinab. Eine kleine Gruppe von Eldrazi ließ sich aus den Ästen vor ihr fallen, fauchte rasselnd und hob die dornigen Gliedmaßen. Sie holte aus und schleuderte den Eldrazi einen Zauber entgegen. Flirrende Feuermagie verwandelte die Kreaturen in Asche, ehe sich Chandra mit einem Schulterstoß einen Weg durch ihre verkohlten Leiber bahnte.

Sie erreichte Seetor. Chandra rannte die weißen Steintreppen zur Krone des mächtigen Damms hinauf. Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Bewohnern Zendikars blickten über den Damm hinweg zu Ulamog ...

Und sie jubelten.

Chandra rannte zum Rand des Damms. Sie hatte Mühe, irgendwie zu begreifen, was sie da sah.

Ulamog war gefangen.

Chandra sah, wie sich der Titan in einem Ring aus Polyedern wand – unfähig, sich an ihnen vorbeizubewegen. Um sie herum spotteten Elfen und Kor und Goblins über den außer Gefecht gesetzten Titanen. Beunruhigenderweise tauchte nun ein achtarmiges Seeungeheuer aus dem Wasser auf, doch Chandra sah, dass es mit seinen Gliedmaßen nach versprengten Eldrazi schlug. Dieses Ungeheuer half ebenfalls im Kampf mit! Sie konnte undeutlich eine Magierin des Meervolks erkennen, die das tintenfischartige Untier mit ihrem zweizackigen Speer antrieb.

Chandras Herz machte einen Freudensprung. Sie rannte zurück den Damm hinunter, wand sich durch lächelnde und sich in den Armen liegende Zendikari hindurch und versuchte dabei weiterhin, aufs Meer hinauszuspähen. Sie hielt eifrig Ausschau nach vertrauten Gesichtern, doch sie konnte weder Gideon noch Jace ausmachen.

In jenem Augenblick, in dem sie den geflügelten Schatten erhaschte, der dicht über den Wellen heranhuschte, schien die Zeit sich zu verlangsamen. Als sie den Blick hob, um den höllischen Dämon anzusehen, breitete sich ein dumpfes Grauen von ihrem Magen in ihren gesamten Körper aus. Sie sah, wie der Dämon sich mit einem Schlag seiner mächtigen Schwingen höher in die Luft erhob und über Ulamogs Kerker innehielt. Sie sah, wie der Dämon mit klauenbewehrten Fingern nach unten griff, als würde er Kraft aus der Tiefe ziehen. Er sprach unverständliche Worte, und sie spürte die Erde erzittern.

Um sie herum wichen die Jubelrufe besorgtem Raunen.

Die Spitzen der Polyeder waren nun auf den Dämon gerichtet. Der Kerker aus Polyedern war zu einer neuen Art von Mechanismus geworden – zu einem Strudel der Macht mit dem Dämon an seinem Scheitelpunkt. Ströme dunkler Energien brachen aus den Polyedern hervor und liefen im Leib des Dämons zusammen. Er wand sich und warf den Kopf nach hinten. Er stieß ein tiefes, zufriedenes Lachen aus, wie er nun über Ulamogs Schädel in der Luft schwebte.

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Lachende Dämonen, dachte sie. Das verheißt selten Gutes.

Chandra spuckte in die Hände, rieb sie aneinander und beschwor eine wahrlich unvernünftig große Menge an Feuer aus dem Nichts. Drei verschiedene Feuerzauber auf einmal sollten ausreichen. Sie beugte sich nach hinten und schnellte dann knurrend vor, um eine ganze Salve Pyromagie auf den Dämon abzugeben. Als ihre Zauber auf die dunklen Leylinien zuschossen, wurden sie jedoch von den Fäden aus Energie eingesponnen und aufgesaugt: Die Flammen erloschen, ohne ihr Ziel überhaupt zu erreichen.

Der Boden bebte, und das Raunen um sie herum wurde zu einem Schreien. Sie blickte nach unten und sah, wie der Ring aus Polyedern, der Ulamog gefangen hielt, sich zitternd zur Seite neigte. Die Erde grollte noch bösartiger, brachte den Damm ins Wanken und türmte gewaltige Wogen auf. Die Zendikari rasten in kopfloser Panik den Wall entlang.

Von der Seite des Halimars her brandeten Wellen über ihn hinweg. Eine besonders hohe Woge ragte vierzig Schritt über den fliehenden Zendikari auf. Chandra zerstreute die Welle mit einem Hitzestoß, der sie zischend verdampfte, ehe sie über ihnen allen zusammenbrechen und den Damm überfluten konnte. Sie rannte mit der Menge weiter und erwehrte sich des schäumenden Meerwassers mit Wellen pyromagisch aufgeladener Luft.

Während Chandra inmitten der Massen auf tiefer gelegenes Gelände zulief, blickte sie hinauf und sah, wie die Türme Seetors hin und her schwankten. In einem von ihnen bildete sich ein Riss, der weißen Staub und Trümmer auf sie herabregnen ließ.

Als der Stärkungszauber des Dämons endete, erfasste die Schwerkraft die Polyeder über der Wasseroberfläche. Sie fielen herab und stürzten einer nach dem anderen in das tosende Meer, wobei sie die Taue durchtrennten, die sie miteinander und mit dem großen Wall Seetors verbanden. Der Kreis brach auseinander. Die Mauern von Ulamogs Kerker stürzten ein.

Von seinen Ketten befreit richtete Ulamog sich auf wie eine unvorstellbares Unheil bringende Pflanze, die sich der Sonne entgegenreckte. Der Titan griff nach fliehenden Menschen in seiner Nähe, die augenblicklich zu Staub zerfielen.

Chandra schrie vor Wut auf. Sie hieb mit Peitschen aus Feuer nach Ulamog, doch sie schienen keine Wirkung zu zeigen. Noch immer konnte sie weder Gideon noch Jace in der Menge entdecken. Sie konnte weder den Dämon aufhalten noch dem befreiten Titanen etwas anhaben.

Was könnte heute wohl sonst noch schiefgehen?

Die felsige Halbinsel am anderen Ende von Seetor erbebte, ehe das Land mit einem Knirschen zerbarst. Steine und Erde stürzten in sich zusammen – eine Grube, die sich selbst verschlang. Sie breitete sich auf unnatürliche Weise aus, denn die Ränder des Lochs wölbten sich nach innen und die Landschaft bildete bizarre, rechtwinklige Muster mit einem irisierenden Schimmer.

Tief unter der Erde regte sich etwas Gewaltiges, was an die Oberfläche wollte.

NATÜRLICH, dachte sie. WARUM AUCH NICHT? WARUM JETZT NICHT AUCH NOCH DAS?

Gewaltige, kantige Splitter eines schimmernden, an Obsidian erinnernden Materials stießen aus dem Boden empor. Als sich das Wesen erhob, sah Chandra, dass die Splitter über einem gewaltigen Kopf kreisten. Dieser saß auf einem gepanzerten Rumpf voller mehrfach gegabelter Gliedmaßen, der wiederum auf einem wahren Wald von Tentakeln ruhte, wie man sie bei allerlei unterirdisch lebendem Gezücht fand. Das Wesen schüttelte Erde von sich ab, als würde es aus einer rasch abgestreiften Robe schlüpfen. Ein halber Landstrich rieselte ins Meer hinunter.

Dies war nicht einfach nur ein weiterer Eldrazi, gegen den es anzutreten galt. Dies war der Aufmarsch einer weiteren gottgleichen Kreatur wie Ulamog – einer grauenhaften Wesenheit aus den Blinden Ewigkeiten.

Ein zweiter Titan der Eldrazi war in die Schlacht eingetreten.

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Veröffentlicht in Uncharted Realms on 2. Dezember 2015

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