Eldritch Moon - Storys

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Judge Fredd
Herzog
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Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Judge Fredd » Mo 20. Jun 2016, 22:13

Grüße ihr Wulpertinger. Um das Fachsimpeln über den neuen Block einfacher zu gestalten, habe ich beschlossen die ganzen Hintergrundgeschichten ab sofort in einem separaten Thema zu Posten.
Na dann legen wir los.

Die Erzmagierin der Goldnacht


Die Welt Innistrad verfällt nun schon seit geraumer Zeit dem Wahnsinn. Von Kultist bis Katharer ist kein Verstand vor ihm sicher. Selbst Engel sind ihm schon zum Opfer gefallen. Avacyn selbst wurde wahnsinnig und verwandelte sich von einer Beschützerin in ein Ungeheuer, das sogar unter ihren treuesten Anhängern unfassbar grausam wütete. Dann wurde sie vernichtet. Und nun, da seine Beschützerin tot ist, ist Innistrad einer erdrückenden Übermacht der Dunkelheit und des Bösen hilflos ausgeliefert, und die wenigen, die noch bei klarem Verstand sind, fragen sich, ob dies das Ende ist. Während die Welt zusehends aus dem Gleichgewicht gerät und ihrem Ende entgegenblickt, beten die Menschen, dass etwas oder jemand mächtig und gut genug sein möge, um Avacyns Platz einzunehmen und sie vor der Dunkelheit zu beschützen, die sie in den Wahnsinn treibt.
Heute
Der Geruch von Engelsblut. Im gesamten Multiversum gab es nichts Vergleichbares: ein beißender Duft, süß und modrig, mit einem Hauch von Würze und scharf vor Macht. Das Aroma drang in Arlinns Wolfsschnauze, als sie den steilen Abhang einer Schlucht auf die belagerte Stadt Lammholt zu hinaufrannte. Fluchend knurrte sie ob dieses Geruchs. Sie war nicht schnell genug gewesen. Sie hätte diejenige sein sollen, die die Wunde schlug, den Engel niederstreckte und sich seinen Zorn verdiente. Sie war die Beschützerin des Ulvenwalds.

Schneller.

Aus der Ferne war sie Zeugin gewesen, wie der wahnsinnige Engel Lammholt angegriffen hatte und das göttliche Wesen zwischen den Dächern und Kirchtürmen herabgestoßen war. Darauf waren Entsetzensschreie und Lichtblitze gefolgt. Augenblicke später war der Engel mit blutigen Schwingen und brennendem Schwert wieder emporgestiegen, nur um sich ein weiteres Mal auf die Menschen herabzustürzen.

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Obwohl Arlinn nicht hatte sehen können, was sich unterhalb der Dächer abgespielt hatte, konnte sie es sich lebhaft vorstellen. Wahnsinnige Engel taten im Grunde stets das Gleiche. Sie waren gebrochen, untröstlich und schrien weinend Avacyns Tod in die Welt hinaus, während sie über den Himmel torkelten. Es schien undenkbar, dass Avacyn tatsächlich tot war, doch der Riss im Gefüge Innistrads ließ sich unmöglich leugnen. Ein Riss, der sich rasch mit dem Wehklagen der Unschuldigen, dem Brausen von Flammen und dem gehässigen Gelächter verderbter Wesenheiten füllte.

Der verzweifelte Klang eines Katharerhorns – eines der Goldnacht, wie sie dem Klang entnehmen konnte – spornte Arlinn an. Sie zog Kraft aus dem Wald, lenkte sie in die dicken, unablässig arbeitenden Muskeln an ihren Beinen und trieb sich zu größerer Eile auf ihrem Weg den Abhang hinauf an. Schneller. Doch sie fürchtete, dass sie bereits zu spät sein würde. Blut war vergossen worden, und nicht nur das von Engeln. Auch Menschenblut. Die Katharer. Arlinn sah sie vor sich, die heiligen Waffen erhoben und magische Beschwörungsformeln auf den Lippen. Doch die Macht, um die sie beteten, würde ihnen nicht gewährt werden. Avacyn war nicht mehr da, um ihre Gebete zu erhören.
Viele Jahre zuvor
„Arlinn Kord, indem du heute hier erschienen bist, bist du dem Ruf der heiligen Beschützerin Avacyn gefolgt. Es gibt keinen größeren Segen als den, den du nun empfangen wirst. Bitte tritt vor.“

Erzmagier Reeves stand auf dem Altar der Goldnacht und bedeutete Arlinn, sich ihm und Erzmagier Rembert zu nähern. Die Erzmagier konnten nicht erahnen, wie viel Arlinn dieser Augenblick bedeutete. Und das würden sie auch nie ... Sie konnte es ihnen nicht sagen. Er war so viel mehr, als nur das Sakrament des Erzengels zu empfangen, so außergewöhnlich dies auch sein mochte. Für sie bedeutete er Freiheit. Hätte sie dies jedoch den heiligen Männern vor ihr erklärt, so wäre es damit aus und vorbei gewesen.

Arlinn erhob sich aus ihrer gebeugten Haltung einer Bittstellerin und stieg die Stufen zu den beiden Erzmagiern hinauf. Reeves würdigte sie keines Blickes, doch Rembert sah sie mit einem Lächeln auf den schmalen Lippen an. Arlinn erwiderte das Lächeln, so gut sie konnte. Ihre Lippen bebten. Sie richtete den Blick fest auf all das Vertraute um sich herum, um die Furcht und die gespannte Erwartung zu zügeln, die abwechselnd in ihr aufwallten. Die Kapelle in Ellgau war klein, aber alles andere als schlicht. Der Altar leuchtete vor goldenem Zierrat mit dem Zeichen Avacyns. Dichter, weißer Stoff hing an allen Seiten von der Decke und erzeugte das Gefühl eines geschützten Alkovens, der vom Duft von Rauchwerk erfüllt war. Friedlich und doch von Macht durchdrungen.

„Im Namen Avacyns und mit der Kraft, die mir von ihrer heiligen Kirche verliehen wurde, gewähre ich dir diesen Segen“, deklamierte Erzmagier Reeves. Arlinn kannte die Worte gut. Unzählige Male hatte sie als einzige Katharerin, die bei jeder einzelnen Segnungszeremonie eines jeden Erzmagiers zugegen gewesen war, dieses Gebet in den vergangenen Jahren gehört. Sie hatte jene, die vor ihr auf ebendiesem Altar gestanden und das höchste Sakrament empfangen hatten, gut beobachtet. Jedes Mal hatte sie sich gefragt, ob sie jemals dort stehen würde. Jedes Mal hatte sie auf ihrem Platz auf der Kirchenbank, die dem Altar am nächsten war, an sich gezweifelt. Und jedes Mal hatte sie sich dazu ermahnt, an die Macht Avacyns zu glauben. Und nun war sie hier.

Erzmagier Reeves hielt die dicke, goldene Kette mit dem glänzenden Medaillon hoch – den Kranz der Goldnacht. „Arlinn Kord, ich überreiche dir diesen Kranz, das Zeichen Avacyns unendlicher Liebe und rückhaltlosen Schutzes.“

Im vorgesehenen Augenblick neigte Arlinn den Kopf und Reese legte ihr die Kette um den Hals. Das Medaillon war schwerer, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie spürte sein Gewicht auf ihrer Brust und seine heilige Macht. Diese Macht war es, die sie brauchte. Die Macht, die sie hier zu finden gehofft hatte. Licht. Güte. Wahrheit.

Sie wusste, dass sie still stehen und sich für die Dauer der Zeremonie nicht bewegen sollte, doch sie konnte nicht anders, als das Medaillon zu berühren, es in ihrer Handfläche ruhen zu lassen und mit den Fingern darüber zu streichen. Es war wunderschön und rein. Und nun gehörte es ihr.

Die Hand von Erzmagier Rembert griff nach ihrer Schulter. „Du weißt sicher, wie stolz ich bin“, flüsterte er, während Reeves das Gebet fortsetzte.

Eine Flut von Gefühlen staute sich in Arlinns Kehle und hinderte sie an einer Antwort, doch sie schaute Rembert in die Augen, um ihm die Dankbarkeit in ihrem Blick zu zeigen. All die Jahre über war er für sie da gewesen, ein Mentor, der sie vorangetrieben, Geduld mit ihr gezeigt und ihr geholfen hatte, ihre Stärken noch weiter zu festigen. Er kannte sie besser als jeder andere, und selbst er kannte nicht die Wahrheit.

Jäh wandte Arlinn den Blick ab. Wie viele Male hatte sie es ihm schon sagen wollen? Doch sie konnte es nicht. Wüsste er die Wahrheit über sie – wüsste er, was sie war –, wäre er gezwungen, gewaltsam gegen sie vorzugehen. Der Kloß in ihrer Kehle löste sich und rutschte ihr in die Brust, wo er sich in eiskalte Schuld verwandelte. Arlinn schreckte davor zurück. Sie hatte sich selbst versprochen, diese Schuld nicht mehr zu empfinden, nicht nach der heutigen Nacht, doch sie war nicht so leicht abzuschütteln, wie sie es sich gewünscht hätte. Bilder ihrer Talismane – Hunderte, die sie gegen den Fluch der Lykanthropie angefertigt hatte – blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Das Gefühl des Mondlichts auf ihrer Haut. Das Heulen, das sie spät in der Nacht hörte. Diese ganze Zeit über hatte sie ihr Geheimnis gehütet. Vor ihnen allen. Sie konnte gar nicht anders. Ein Lykanthrop konnte kein Erzmagier der Goldnacht sein, doch Arlinn musste eine ihrer Erzmagierinnen werden. Denn dieser Segen würde es sein, der sie von ihrem Fluch befreite.

Der Segen Avacyns war stärker als das Böse in ihr. Er würde die Wildheit unterdrücken. All diese Jahre hatte sie darauf hingearbeitet. Und nach der heutigen Nacht würde sie sich selbst wieder trauen können. Endgültig und vollkommen.

Sie atmete aus, und ihr schien es fast, als hätte sie zuvor jahrelang die Luft angehalten. Sie schaute zurück zu Rembert und hielt seinem Blick stand, während Reeves seine Deklamation beendete.

„Und nun lasset uns gemeinsam beten.“ Reeves nickte Arlinn zu, die in das abschließende Gebet einfiel. „Avacyn, unser aller Beschützerin, o Heilige, die uns unsere Macht gewährt, wir ...“

„Ein Angriff!“ Der Ruf schnitt durch die weihrauchgeschwängerte Luft, und die dichten, weißen Vorhänge bauschten sich auf, um einer Bö kalten Windes den Weg zum Altar freizugeben. „Teufel in Pfuhlhaven! Horden von ihnen!“ Katharer Leighton war es, der dort schrie und mit erhobenem Schwert auf den Altar zurannte. „Der Goldnachtschwarm schickt nach euch.“ Er stolperte die Stufen zu Reeves herauf. „Er ersucht die Hilfe der Erzmagier.“

„Dann reiten wir los!“ Reeves warf die Zeremonienrobe von sich, während er auch schon Leighton den Gang hinunterfolgte.

Rembert eilte ihnen nach. „Erzmagierin Kord, deine Klinge!“

Arlinn fuhr zusammen. Das war sie. Er rief nach ihr. Einer Erzmagierin. „Aber das Gebet. Wir haben es nicht beendet.“ Sie wusste, dass es töricht war, das in einem solchen Augenblick zu sagen, doch ihre Gedanken rasten und ihre Nerven lagen blank. So lange hatte sie diesen Augenblick herbeigesehnt, und nun war es, als hinge er in der Luft wie ein Faden an einem Reitmantel, der ebenso leicht abreißen konnte, wie er es vermochte, den gesamten Stoff aufzudröseln. Sie musste wissen, ob es getan war. Ob sie endlich und wahrhaftig eine Erzmagierin war.

Rembert öffnete den Mund, als wollte er sie schelten, doch dann wurde sein Blick sanfter. An der Tür hielt er inne. „Vor der heutigen Nacht hast du mich gefragt, ob ich glaube, dass du bereit bist, zu einer Erzmagierin der Goldnacht zu werden.“

Arlinn nickte. „Das habe ich.“

„Und meine Antwort ist noch immer die Gleiche. Für mich warst du schon immer eine Erzmagierin, seit du hier angekommen bist. Ich habe nie eine klügere oder vielversprechendere Schülerin als dich erlebt. Und nun trägst du das als Titel, was du in deinem Herzen schon immer warst. Du gehörst zur Goldnacht, Arlinn Kord, und du bist gebunden an jenes Sakrament, das uns vereint. Gebunden an den Engel und einander. Auf ewig. Ob die Zeremonie nun beendet wurde oder nicht, ist einerlei. Es ist getan.“

Arlinn versuchte zu lächeln. „Nun gut.“ Es war getan. Damit konnte sie leben. Sie wünschte sich jedoch, es stärker spüren zu können. Sie hatte sich immer vorgestellt, wie sie in diesem Augenblick von einem gewaltigen Gefühl der Macht und der Freiheit durchströmt werden würde.

„Und nun wurde die Goldnacht gerufen, auszureiten.“ Rembert öffnete die Tür. „Wir müssen los.“

„Ja, das müssen wir.“ Arlinn hastete die Gasse zwischen den Kirchenbänken entlang.

Rembert räusperte sich, während sie eilig durch die Tür traten. „Natürlich wäre es unverzeihlich, wenn ich der Pflicht der Kirche nicht Genüge täte und sicherstellte, dass das abschließende Gebet vollständig gesprochen ist.“

„Oh?“ Arlinn blickte den Erzmagier an.

„Sprich es im Gehen mit mir. Avacyn, unser aller Beschützerin“, begann Rembert.

Gemeinsam beendeten sie das abschließende Gebet an Avacyn. Sie stießen die Worte zwischen keuchenden Atemzügen beißend kalter Luft hervor, während sie durch die Feste von Ellgau auf die Stallungen zuliefen. Als sie auf ihr Pferd stieg, war Arlinn bereits Erzmagierin. Sie spürte es in ihrer Seele.

Die Stadt Pfuhlhaven stand in Flammen. Wie Leighton sie gewarnt hatte, hingen Teufel von jedem Ast herunter, schwangen sich von Gebälk zu Gebälk und tanzten in den Straßen. Eine Gruppe aus einem guten Dutzend von ihnen tollte über die höchsten Dächer der Stadt und schleuderte Feuerbälle auf alles, was noch nicht brannte, und viele weitere, nur um die Flammen noch heftiger anzufachen. Einer ließ sich auf dem Kopf eines alten Mannes nieder und grapschte mit den nadelartigen Fingern nach dessen Gesicht, während zwei weitere sich an die Hände des Greises klammerten, um ihn davon abzuhalten, den Quälgeist zu verscheuchen. Ein anderer der Teufel trieb sein Unwesen mit einem jungen Mann, der kaum bei Bewusstsein war. Er ritzte ihm mit den schmutzverkrusteten Nägeln irrsinnige Muster in die Haut, die gerade so sehr bluteten, dass der Arme am Leben blieb und dabei gerade genug Schmerzen erleiden musste, dass er sich wünschte, es wäre anders. Ihr Gelächter hallte über das Knistern der Flammen. Der erstickende Rauch, der so viele Stadtbewohner auf die Knie gezwungen hatte, konnte ihnen nichts anhaben. Arlinn hasste sie augenblicklich.

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Die Goldnachtschar war kurz vor der Kavallerie eingetroffen, und nun schlossen sich die Erzmagier und Katharer dem Kampf an, der von den Engeln begonnen worden war. Ihre erste Aufgabe war es, eine Zuflucht zu errichten. Ein Engel – Freydalia mit Namen – segnete eine kleine Kirche und wirkte einen Schutzzauber auf sie. Unter Remberts Befehl begannen Arlinn und die anderen, die überlebenden Opfer des Angriffs nach und nach in Sicherheit zu bringen. Erst mussten sie sich um die Unschuldigen kümmern, ehe sie den Kampf mit den Teufeln aufnehmen konnten.

Arlinn kroch neben die brennenden Überreste einer umgestürzten Kutsche und griff unter der Hitze hindurch nach der zögerlichen Hand eines kleinen Jungen. Ein weiterer Engel, den Arlinn als Olaylie erkannte, schwebte über ihnen und hielt eine Gruppe Teufel in Schach, die von einem nahen Dach herunterzuspringen drohten.

„Ich kann sie nicht mehr länger aufhalten“, rief Olaylie Arlinn zu. Der Engel spießte zwar einen der Teufel mit dem Speer auf, doch gleichzeitig sprangen vier andere hoch, um Olaylies Waffe zu packen, und ein mörderisches Tauziehen begann.

Arlinn streckte die Finger weiter nach dem Jungen aus. Sie musste sich beeilen. „Gib mir deine Hand“, flehte sie.

Das Kind schüttelte den Kopf. Die Kutsche über ihnen knarzte. „Die Teufel ... Sie erwischen mich mit ihrem Feuer, wenn ich da rausgehe.“

Arlinn wollte ihm nicht sagen, dass er ohnehin im Feuer sterben würde, wenn er dort unten nicht herauskam. Sie wollte ihm nicht noch mehr Angst machen. „Ich weiß, dass du Angst hast“, sagte sie, „aber das musst du nicht. Ich werde dich beschützen und der Engel dort oben auch.“ Sie griff erneut nach seiner Hand, doch der Junge kauerte sich noch immer zusammen.

„Aber ihr seid nur zu zweit und die Teufel sind ganz viele.“ Er spähte durch einen Spalt im Holz nach oben, als ein brennendes Brett von der Kutsche wegbrach und neben Arlinn auf den Boden krachte.

Ihnen lief die Zeit davon und Arlinn konnte den Jungen nicht dazu bringen, ihr zu vertrauen. Daher besann sie sich nun ihres Glaubens. „Kennst du Avacyn?“, fragte sie.

Er nickte.

„Dann weißt du, dass sie größer ist, als ich es jemals sein könnte. Größer noch, als jeder andere Engel es je sein könnte. Avacyn wird dir helfen, wenn wir es nicht können.“

Der Junge dachte über Arlinns Worte nach. Sie vermochte nicht zu sagen, was hinter seinen geweiteten braunen Augen vorging. Sie konnte nur hoffen, dass sie ihn überzeugt hatte. „Sprich das Gebet mit mir“, drängte sie ihn. „Wir werden Avacyn gemeinsam um Hilfe bitten.“ Sie wählte das am weitesten verbreitete aller Gebete aus, das ihr in den Sinn kam, und hoffte, dass auch er es kannte. „Avacyn, wir beten zu dir in dieser Stunde unserer Not. Wir bitten dich ...“

„Woher weißt du das?“, unterbrach der Junge das Gebet. „Woher weißt du, dass sie uns helfen wird?“, bohrte er nach. „Ich will eine ernsthafte Antwort. Nicht nur eine, mit der du mich dazu bringen willst, da rauszukommen. Ich weiß, wie die Großen sind, und ich komme nicht da raus, wo die ganzen Teufel sind, nur weil du es sagst.“

Nun war es an Arlinn, das Kind zu mustern. Sie hörte Olaylies Schwingen heftig über ihnen schlagen und spürte die Hitze der Flammen der Teufel. Doch das Starren des Kindes versetzte sie in noch weitaus größeres Unbehagen. „Ich werde dir die ernsthafteste Antwort geben, die ich kenne“, sagte sie. „Ich weiß, dass Avacyn dir helfen wird, wenn du betest, weil sie mir auch geholfen hat. Mir ist einmal etwas sehr Schlimmes zugestoßen, und ich hatte Angst, allein zu sein. Aber dann erfuhr ich, dass ich es nicht war. Avacyn hat mich gerettet.“

Die Kutsche über ihnen neigte sich leicht zur Seite. „Schnell, Erzmagierin Kord!“, rief Olaylie von oben.

„Gib mir deine Hand. Bitte.“ Arlinn streckte die Hand so weit aus, wie sie konnte. Ihre Fingerspitzen reichten gerade bis kurz vor den Ellenbogen des Jungen.

„Du bist eine Erzmagierin?“ Der Gesichtsausdruck des Jungen wechselte von Zweifel zu Staunen.

„Das stimmt.“ Arlinn nickte zu dem Medaillon hinunter, das um ihren Hals hing, während sie ihren Rücken vor dem heißen und immer weiter in sich zusammensackenden Holz zu schützen versuchte.

„Das ist schon mal was“, sagte der Junge. „Na schön.“ Er bewegte sich vorsichtig und qualvoll langsam. Arlinn hielt den Atem an, als seine kleine Hand nach der ihren griff.

Die Kutsche über ihr ächzte wie ein Tier. Arlinn begann mit ihrem eigenen Gebet. Avacyn, verleihe mir die Kraft, dieses unschuldige Kind zu retten.. Sie spürte den Kranz der Erzmagierin auf ihrer Brust zum Leben erwachen. Tief in ihr regte sich der Segen Avacyns. Laut betete sie für den Jungen: „Beschützerin unserer Welt, bitte geleite uns sicher in unsere Zuflucht.“ Das sanfte Regen wurde zu einem überwältigenden Strom göttlicher Macht. Als die Hand des Jungen die ihre berührte, riss Arlinn ihn mit einer derartigen Kraft unter der Kutsche hervor, dass sie beide über den Boden davonrollten, gerade als das Gefährt über ihnen zusammenbrach.

Der Engel Olaylie stieß herab, um Arlinn und den Jungen vor den glimmenden Holzsplittern und den Angriffen der Teufel zu schützen. Der Junge heulte auf.

„Wir sind in Sicherheit.“ Arlinn vergrub ihr Gesicht im schweißgetränkten Haar des Jungen und atmete den Duft seines Lebens ein. „Du bist in Sicherheit.“ Sie wiegte ihn und strich ihm übers Gesicht. „Ich bringe dich jetzt in die Kirche.“ Sie löste ihre Hand von seinem Kopf, und ihr stockte der Atem. Ihre Finger waren blutbefleckt. Auch ihr Herz setzte einen Schlag aus, als würde es sich weigern, sie am Leben zu halten, solange sie nicht wusste, dass der Junge es schaffen würde. Sie suchte auf seinem Kopf, seinen Schultern und seinem Hals nach der Herkunft des Blutes. Nichts. Aber da war noch mehr Blut. Und dann noch mehr. Ein Tropfen Rot fiel auf Arlinns eigene Hand. Sie blickte auf.

Olaylie schlingerte mit einem Teufel auf dem Rücken durch die Luft. Seine nadelartigen Finger zerrten an ihrem Haar. Ein zweiter Teufel sprang an ihr Bein, ein dritter auf ihre Schulter. Und sie alle gruben ihre widerlichen Finger in ihr Fleisch. Der Engel schrie.

Arlinn hatte noch nie einen Engel bluten sehen. Es war, als wäre ihr das Gesicht zerkratzt worden und als wäre es ihr Schmerzensschrei, der durch die Stadt hallte.

Ein Tropfen Blut fiel auf Arlinns Wange. Sie konnte ihn riechen. Das Blut des Engels roch nach den Bäumen im Wald, der Luft des Himmels und dem Wasser der Meere. Es war ein berauschender Duft voll heiliger Macht. Er gehörte in den Leib des Engels und nirgendwo sonst hin. Sie wollte der geflügelten Kriegerin beistehen und rief verzweifelt den Namen des Engels: „Olaylie!“ Doch dann erinnerte sie sich an den Jungen, der sich in ihre Armbeuge geschmiegt hatte. Sie blickte zu ihm herab. Engelsblut war auf seinem Gesicht verschmiert.

„Rette zuerst das Kind, Erzmagierin Kord!“, donnerte Olaylies Stimme über ihr. Es war ein Befehl, der jedoch von einer sanfteren Bitte gefolgt wurde. „Arlinn, bitte. Rette zuerst das Kind.“

Alles, was Arlinn tun konnte, war, ihren Blick davon abzuwenden, wie die Teufel sich in das Fleisch des Engels gruben. Hätte sie auch nur einen Wimpernschlag länger hingesehen, wäre es ihr unmöglich geworden, Olaylies Befehl Folge zu leisten. Sie hielt dem Jungen erneut die Hand hin. „Komm mit mir.“

Dieses Mal zögerte der Junge nicht. Er ließ sich von ihr durch die Stadtmitte Pfuhlhavens führen. Während sie auf die Zuflucht zueilten, erklang sein dünnes Stimmchen. „Avacyn, bitte hilf diesem Engel. Mach, dass die Teufel aufhören, ihn bluten zu lassen. Sie tun ihm weh.“
Heute
„Im Namen Avacyns, der gefallenen Beschützerin, werde ich dich zur Strecke bringen!“ Das Heulen eines wahnsinnigen Engels erklang, gerade als Arlinn den Rand der Schlucht erklommen hatte. Sie jagte vorwärts, um dann unvermittelt erneut zum Halten zu kommen. Ihre Krallen gruben sich in den Waldboden, als sich eine Lichtung vor ihr öffnete. Der wahnsinnige Engel lag am Boden inmitten eines Rings aus Bäumen. Arlinn duckte sich ins Unterholz. Es würde ihr einen Vorteil verschaffen, unentdeckt zu bleiben. Sie spähte durch die Äste und sog tief die von Engelsblut durchsetzte Luft ein. Der Engel war mit einem Seil gefesselt. Aus seinem Bauch ragte ein Pfeil und seine Schwingen waren blutig. Er war von allen Seiten von Katharern umringt, die ihre Waffen gezogen hatten. Doch trotz all dem hatte der Engel die Oberhand – ein Wesen unvorstellbarer Macht, das in seinem Wahn noch mächtiger war.

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„Unrein!“, kreischte der Engel den Katharern entgegen. „Ihr alle seid das! Unrein!“ Sein Schwert blitze vor feuriger Magie auf, als er sich gegen die Seile aufbäumte. Er schrie – ein Geräusch von solch bösartiger Wut, dass sich Arlinns Nackenhaare aufstellten.

Arlinns Instinkte befahlen ihr, die Katharer zu beschützen. Sie bleckte die Zähne und schlich durch das Unterholz. Sie würde nicht lange auf eine Gelegenheit zum Zuschlagen warten.

„Haltet sie fest!“ Eine vertraute Stimme ließ Arlinn innehalten. Ihre Ohren stellten sich auf. „Lasst diese Seile nicht locker!“ Arlinn wurden die Beine steif. Das konnte nicht sein. Doch der Erzmagier war unverwechselbar, als er hinter dem Engel hervorstürmte und den anderen Katharern Befehle zurief. „Bogenschützen! Anlegen!“ Obwohl Remberts Gesicht vor Anstrengung gerötet und mit Schmutz verkrustet war, leuchteten die drei Narben, die sich von seiner Wange bis zum Kinn zogen, hell im Mondlicht.

Arlinns Magen krampfte sich bei dem Anblick und der Erinnerung zusammen. Sie wich mit herabhängendem Schwanz in die dichteren Bäume zurück. Ihre Hinterpfote traf auf einen Ast. Hätte sie Remberts Anblick nicht derart aus der Fassung gebracht, hätten ihre tierischen Instinkte eingesetzt, um ihren Körper zu führen und ihr Gleichgewicht zu halten, doch in diesem Augenblick war sie mehr Mensch als Tier und ihr menschlicher Verstand vor lauter Ablenkung ins Taumeln geraten und viel zu langsam. Der Zweig knackte. Der Kopf des Engels fuhr herum. Seine Augen waren geradewegs auf den Wald gerichtet, in dem sich Arlinn verborgen hielt. Ein beunruhigendes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Engels aus, als er die Hand hob. „Ein Untier!“ Der Engel deutete auf Arlinn. „Dort zwischen den Bäumen! Ein Untier!“

Eine Handvoll Katharer drehte sich zu ihr um, unter ihnen Rembert. Er erspähte den Werwolf in den Bäumen vor den anderen. Er wusste, wonach er Ausschau halten musste. Sein Blick traf den Arlinns, und er hob die Hand an die Wange, um die längste der drei Narben dort zu betasten. Ein Zittern fuhr ihr die Wirbelsäule entlang.

„He! Ein Werwolf!“, rief ein anderer der Katharer und riss Arlinn aus ihrer Starre der Erinnerungen.

Die heiligen Frauen und Männer wichen instinktiv vor dem Werwolf zurück und näherten sich so dem Engel – Nein!, wollte Arlinn rufen, aber es wäre nur ein Knurren zu hören gewesen, das alles noch schlimmer gemacht hätte. Doch es war bereits schlimmer. Dieser eine Augenblick der Unaufmerksamkeit war alles, was der Engel brauchte. In einer Zuschaustellung wahnwitziger Stärke breitete er die Schwingen mit solcher Kraft aus, dass die Seile abgeschüttelt wurden.

„Haltet sie auf! Haltet die Seile fest!“, riefen die Katharer, doch es war zu spät.

Der Engel schwang sich empor. In der Luft schwebend riss er sich den Pfeil aus dem Bauch und schleuderte ihn auf die Jüngste unter den Katharern. „Unrein! Ich bringe euch zur Strecke!“

Arlinn winselte, als die junge Frau leblos zu Boden fiel. Ihre Wildheit ergriff Besitz von ihr und sie sprang dem Engel entgegen, das Maul weit aufgerissen – nur, um es um einen dicken Ast zu schließen, den Rembert wie eine Waffe schwang. Er riss ihn zurück und holte erneut zum Schlag aus. Arlinn wich aus, und ihre Hinterbeine verloren den Halt auf dem vom Blut des Engels schlammigen Boden der Lichtung. Sie rappelte sich auf und winselte, als Remberts dritter Schlag ihren Schwanz traf.

„Schnappt sie euch!“, schrie Rembert den anderen Katharern zu, während er nach Arlinn hieb, die sich hinter einem Baumstumpf in Sicherheit gebracht hatte. „Ergreift das Untier!“

Klingen blitzten und Pfeile schwirrten durch die Luft – einige auf den Engel, andere auf Arlinn zu.

Halt! Sie wollte Rembert sagen, dass er aufhören sollte. Sie wollte ihm sagen, dass sie nicht mehr das Untier war, das er einst gekannt hatte. In Wahrheit war sie es nie gewesen.
Viele Jahre zuvor
„Nimm ihn! Nimm den Jungen!“ Erzmagierin Arlinn Kord warf das Kind förmlich in Remberts ausgestreckte Arme. Sie wartete nicht, bis sie sich in die Sicherheit der Zuflucht zurückgezogen hatten, bevor sie mit gezogener Klinge die Stufen auch schon wieder hinuntereilte.

Ihr Blick war vom Rauch der Feuer der Teufel getrübt, doch nicht so sehr, dass sie das Grauen vor sich nicht hätte erkennen können. Mindestens ein Dutzend Teufel hatten sich an Olaylie festgekrallt, zogen ihr am Haar, rupften ihr Federn aus und zerkratzten ihr die Haut.

„Nein!“, rief Arlinn. „Verschwindet!“

Die Teufel keckerten und warfen Feuerzauber auf Arlinn. Sie wehrte sie mit ihrer Klinge ab und stürmte voran. „Euch wird das Lachen schon noch vergehen!“

Als wären ihre Worte die Pointe eines grausigen Witzes, verfielen die Teufel in bösartiges Geheul, bei dem sie vor Vergnügen mit den knochigen Beinen strampelten. Derjenige auf Olaylies Kopf deutete auf Arlinn und kreischte auf – ein Geräusch, das die anderen als Befehl aufzufassen schienen. Gemeinsam beugten sie sich zurück, zerrten an den Schwingen des Engels und ließen Olaylie zu Boden taumeln. Sie gerieten vor heiterer Begeisterung schier außer sich, als der Engel am Boden aufprallte und durch den Dreck rollte, unfähig, sich erneut in die Luft zu schwingen.

Arlinn stürmte auf sie zu und ließ sämtliche göttliche Macht, die sie aufbieten konnte, in ihre Klinge fließen. Dabei betete sie. „Avacyn, leite mich. Gewähre mir deine heilige Stärke. Nie gab es eine Zeit, in der ich dich mehr gebraucht habe.“ Sie stürmte durch die Flammen, die die Teufel ihr entgegenspien, und fürchtete sich nicht vor dem Feuer. Sie durchbohrte einen von ihnen mit dem Schwert mitten durch die Brust. Sie zog es wieder heraus und hieb nach einem anderen. Und noch einem. Ehe sie jedoch erneut zuschlagen konnte, ließ sich ein Dutzend Teufel von den Dächern aus auf sie herabfallen.

Arlinn blieb kaum die Zeit für ein stummes Gebet. Avacyn, es sind zu viele. Bitte steh mir bei. Finger wie Nadeln griffen von hinten nach ihr und durchbohrten ihren Mantel. Sie wirbelte herum und stach nach dem Teufel, doch dieser hatte sich auf ihrem Rücken festgekrallt. Sie spürte das Gewicht eines zweiten, der sich dazugesellte, und dann das eines dritten. Sengend heiße Schwänze schlangen sich ihr um den Hals. Fingernägel gruben sich ihr in Schultern und Rücken und zerrten sie nach unten. Spitzes Gelächter klang ihr in den Ohren, als sie zu Boden gezogen wurde. Avacyn, bitte.

Keine Antwort.

Der Schmerz war übermächtig, doch der Anblick des Engels vor ihr, der sich gegen die ihn erstickende Horde zur Wehr zu setzen versuchte, war noch schlimmer. Wegen all des Blut und all der Teufel war dort, wo zuvor Olaylies reines Weiß zu sehen gewesen war, nur noch Rot.

„Nein!“ Arlinn versuchte, sich hochzukämpfen, doch auch sie war unter den Teufeln begraben. Tränen oder Blut – Arlinn wusste es nicht – strömte ihr die Wangen hinunter. Das durfte nicht sein. So sollte das alles nicht geschehen. Sie war eine Erzmagierin Avacyns. Avacyn! Arlinn griff durch das Kratzen und Beißen hindurch nach dem Medaillon um ihren Hals. Ihre Finger suchten den Kranz der Erzmagier der Goldnacht. Avacyn, bitte! Hilf mir! Sie wartete und öffnete sich der Macht der Beschützerin. Sie brauchte Macht, um den Engel zu retten. Aber da war ... nichts.

Gleich außerhalb Arlinns Reichweite schrie Olaylie auf. Nun endlich brach ein Geräusch aus ihr heraus, nachdem sie dem Schmerz so lange widerstanden hatte. Der Schrei des Engels war voll solcher Qual, dass er die Nacht entzweiriss.

Arlinn spürte die Macht in diesem Schrei, und genau wie die Nacht zerriss auch sie.

Der Werwolf warf sich auf die Teufel. Kiefer schnappten zu. Schlossen sich um die Kehle des Teufels, der ihm am nächsten war. Rissen ihm den Kopf vom Leib. Schleuderten ihn quer über den Platz.

Mehr.

Klauen hieben durch Bäuche. Rissen Schwänze ab. Stießen Leiber fort.

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Brachen Knochen.

Griffen nach Fleisch.

Durchtrennten Rückgrate.

Leichen flogen.

Mehr.

Federn.

Das Maul des Werwolfs schloss sich um Federn.

Der Geschmack von Engelsblut. Berauschend. Warmer Nektar. Makellos.

Entsetzen spiegelte sich im Blick des Engels. Er rappelte sich auf und wollte davonfliegen, aber nicht schnell genug. Die Klauen des Werwolfs hieben nach der Haut am Bein des Engels, kratzen die Wade entlang und hakten sich ein. Das Vergnügen, diese makellose Haut zu verschandeln, war unvergleichlich. Der Werwolf zerrte den Engel zurück zu Boden und schlug die Zähne in sein Fleisch.

„Verschwinde!“

Das Geräusch der Stimme ließ den Werwolf herumfahren. Dort war ein Mensch. Ein Mann, der sein Schwert erhoben hatte. Der Werwolf schlitzte ihm den Bauch auf. Blut und Eingeweide quollen heraus.

Mehr.

Der Werwolf wandte sich wieder dem Engel zu, doch weitere Menschen näherten sich. Der Werwolf hieb nach der Klinge eines Schwertes und schlug sie aus der Luft, um dann auf den Arm einzuhacken, der sie geschwungen hatte, und ihm seinem Besitzer auszureißen. Der Mensch fiel. Der Werwolf trat auf die abgetrennte Gliedmaße und brach den Knochen, nur um zu spüren, wie er zersplitterte. Der Werwolf zerlegte den Rest des Körpers.

Ein weiterer Mensch warf sich dem Werwolf entgegen. Sein Schwert und Schild gleißten mit blendendem Licht. Ein Satz – und der Werwolf war hinter ihm. Ein Ausholen, ein Klauenhieb – und der Mensch lag zerschunden zu seinen Füßen.

Mehr.

Einer nach dem anderen. Sie alle erlagen dem Werwolf.

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Plötzlich traf ein Bolzen von oben den Werwolf und entlockte ihm ein bösartiges Knurren. Ein weiterer Bolzen – diesmal traf er den Werwolf in den Rücken. Der Engel hatte sich genug erholt, um sich in die Luft zu erheben. Der Werwolf grollte. Der Engel schwebte über ihm, golden leuchtend durch den Staub und das Blut auf seiner Haut. Er legte mit einem Bolzen aus heiligem Licht auf ihn an.

Der Werwolf machte einen Satz nach oben, um wild nach dem leuchtenden Engel zu schlagen. Die Klauen des Werwolfs trafen zuerst, danach seine Zähne. Ein Schnappen, und die Spitze einer Schwinge war losgerissen. Ein Maul voll Federn, Knorpel und Engelsblut.

Der Engel verlor an Höhe. Der Werwolf sprang erneut, diesmal an die andere Schwinge. Er riss sie ganz vom Körper des Engels ab. Das heilige Geschöpf fiel vom Himmel.

Als der Werwolf auf den gefallenen Engel zuhuschte, rappelte dieser sich auf, taumelte zurück, wollte wegrennen, wollte wegfliegen – und versagte. Der Werwolf sprang ihn an und warf ihn zu Boden. Zähne gruben sich in weiches Fleisch. Der Schrei des Engels vermischte sich auf höchst betörende Weise mit dem Geschmack seines Blutes.

Der Werwolf würde nie genug davon bekommen können.

„Erzmagierin Kord?“ Der Ruf erregte die Aufmerksamkeit des Werwolfs. Hungrig drehte er sich herum. Ein in Rüstung und Roben gekleideter Mensch richtete zitternd ein Schwert auf den Werwolf. „Arlinn?“

Der Werwolf legte den Kopf schräg. Der Name, den der Mann gesprochen hatte, fühlte sich falsch an. Er stach wie ein Dolch.

Der Mann hob die Hand und deutete auf die Brust des Werwolfs. „Bei allem, was heilig ist ... Du bist es.“

Der Werwolf knurrte, doch sein Blick wurde nach unten gezogen. Zu dem Anhänger, der ihm an einer Kette um den Hals hing. Etwas zupfte an seinen Gedanken. Avacyn. Sie klappte das Maul zu und wandte den Blick ab. Zu Boden. Zu den Leichen. Überall um sie herum waren Leichen. Gefallene Katharer. Zu viele. Sie kannte sie alle. Leighton. Reeves.

Ihre Gedanken rasten.

Nein.

Nein.

„Oh, Arlinn, was hast du getan?“

Der Werwolf wandte sich zu Rembert. Seine Wut brodelte auf. Warum war er zu ihr gekommen? Warum hatte er gesprochen? Dies war seine Schuld. Ihre Nackenhaare richteten sich auf und sie knurrte. Er machte einen Schritt zurück, doch sie war schneller. Sprang ihn an. Teilte einen Hieb aus. Ihre Klauen gruben Risse in seine Wange. Er schrie auf, schwang sein Schwert in ihre Richtung und wich zurück.

Das Blut erblühte rot auf seinem Gesicht. „Du Untier!“

Der Werwolf heulte gequält auf, als die Wahrheit in ihren Geist stolperte und außer Kontrolle geriet, bis die Wirklichkeit jeden Winkel ihres Bewusstseins ausfüllte und aus ihrem Schädel hervorzuplatzen drohte.

Rembert hob sein Schwert. „Möge Avacyn dir vergeben.“

Der Werwolf wich nicht zurück. Die Klinge wäre eine Gnade. Sollte sie ruhig treffen. Sie konnte nicht mehr ertragen.

Der Stahl blitzte auf, und der Verstand des Werwolfs spaltete sich in zwei Hälften.
Viele Jahre später
Eine lange Zeit danach hatte Arlinn Rembert geglaubt. Sie hatte ihm geglaubt, dass sie ein Untier war. Etwas so Entsetzliches und Furchterregendes, dass selbst Avacyn sie nicht retten konnte. Und danach war sie anschließend lange Zeit wütend auf den Engel gewesen. Avacyns Segen hätte stärker als der Fluch sein sollen, doch schlussendlich hatte es keine Rolle gespielt, dass sie eine Erzmagierin war. Avacyn hatte versagt. Ihre Talismane hatten versagt. Die Lykanthropie hatte gesiegt.

Sie hatte viel Zeit gehabt, über diese Dinge nachzudenken. An jenem Tag vor so langer Zeit, als ihr Verstand sich aufgespalten hatte, hatte sie diese Welt verlassen. Remberts Schwert hatte sie nie getroffen. Stattdessen war sie aus der Welt geschleudert worden. Fort von den Schrecken, die sie angerichtet hatte. Fort von der Leiche von Erzmagier Reese zu ihren Füßen. Fort von dem geschundenen, leblosen und blutbefleckten Engel Olaylie. Fort von dem Funkeln in Remberts Augen. Sie war in einem Wald auf einer anderen Welt gelandet.

Es war unmöglich zu sagen gewesen, wie viel Zeit verstrichen war, und das hatte sie auch nicht geschert. Es hätte keine Zeit für sie verstreichen sollen. Ihr Leben hätte enden müssen. Und in gewisser Weise war es auch so. Diese andere Welt war wie ein Fegefeuer. Kein einziges Mal nahm sie dort ihre menschliche Gestalt an. Äußerlich blieb sie ein Untier, doch gleichwohl konnte sie ihrem menschlichen Bewusstsein und den Erinnerungen an ihre Taten nicht entfliehen. Diese beiden Teile bekämpften einander und ihre Seele geriet dabei ins Kreuzfeuer.

Letztendlich jedoch war Arlinn dankbar dafür, denn dieser Zustand zweier Leben hatte sie gezwungen, die Wahrheit zu erkennen.

Sie hatte sich geirrt. Ihr Aufstieg zur Erzmagierin hatte nicht geändert, wer sie war. Was sie war. Seit dem allerersten Augenblick, an dem das Heulen des Mondrennerrudels sie verflucht hatte, war ihr Blick immer nur nach außen gerichtet gewesen. Auf Talismane. Auf Gebete. Auf Avacyn. Sie hatte sich so sehr eingeredet, dass der Engel und die heilige Macht der Kirche sie würden heilen können. Was sie jedoch nicht erkannt hatte, war, dass sie gar nicht krank war. Nicht so, wie sie es geglaubt hatte. Sie war, was sie war, und das würde sie auch immer sein. Sie war wild und ungestüm – ein Raubtier –, aber auch gütig und treu – eine Beschützerin. Sie konnte nicht einen Teil von sich einfach verschwinden lassen oder vor der Hälfte ihres Wesens davonlaufen. Sie musste beides sein. Sie musste auf sich vertrauen, um heil zu bleiben. Ihre Erlösung war nie etwas gewesen, worum sie den Engel Avacyn hätte bitten sollen. Ihre Erlösung lag allein an ihr selbst.

Es dauerte viele Jahre, doch schließlich kehrte Arlinn nach Innistrad zurück. Sie vertraute nun so weit auf sich, dass sie wieder einen Fuß auf jene Welt setzen wollte, die sie zurückgelassen hatte. Und dies war der Augenblick gewesen, in dem sie wahrlich die Macht über ihre Kraft und sich selbst gewonnen hatte. Ihre Verwandlungen fielen ihr nun leichter und sie konnte sie beherrschen. Ihr Verstand gehörte inzwischen durchgängig ihr, doch er gewann durch die wilde Kraft ihrer körperlichen Gestalt an Stärke. Sie war nicht länger nur eine Hülle, die sich verstellte und verbarg. Sie war alles, was sie sein sollte.

Arlinn trottete über die nasse Erde. Ihre Nase, die selbst in menschlicher Gestalt ungewöhnlich fein war, nahm die vertrauten Gerüche auf, die mit Erinnerungen verbunden waren. Zu viele, um sie zu zählen, doch sie alle drohten, ihr die Tränen in die Augen zu treiben angesichts des Schmerzes, der sich dank ihnen in ihren Eingeweiden breitmachte. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass sie einen Fuß nach Ellgau setzte. Sie hatte erwartet, dass der erste Schritt der schwerste sein würde, doch es waren die nächsten hundert – die, die sie zu Erzmagier Remberts Tür führen sollten –, die sich als beinahe unmöglich erwiesen.

Sie hatte geglaubt, dass sie bereit war. Sie hatte sich all den anderen gestellt und ihre Grabstätten besucht: Reeves, Leighton, alle von ihnen. Sie hatte in ganz Nefalen in Avacyns Kirchen gebetet und Litaneien voller Beichten und Abbitten an die himmlischen Kräfte entsandt. Sie hatte zu den Engeln gesprochen, ihnen in die Augen geblickt, ihre Taten gestanden und in ihrem Schatten auf ihren Richtspruch gewartet.

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Rembert war als Einziger noch übrig. Sie hob die Hand, um an die Tür seiner Kammer zu klopfen, doch das musste sie nicht. Sein Geruch stieg ihr einen Wimpernschlag, bevor er ihr seine schwere Hand auf die Schulter legte, in die Nase. Sie fuhr herum, um den alternden Erzmagier anzusehen.

„Wie kannst du es wagen?“ Rembert hielt einen leuchtenden Talisman hoch. Er hatte Vorkehrungen gegen sie getroffen. Arlinns Herz krampfte sich qualvoll zusammen. Dies war derselbe Mann, der einst so bedingungslos an sie und an die Güte ihrer Seele geglaubt hatte. Nun wäre sie nicht überrascht zu erfahren, dass er nicht einmal glaubte, dass sie überhaupt eine Seele hatte. „Wie kannst du es wagen, einen Fuß an diesen heiligen Ort zu setzen?“

„Bitte, Erzmagier Rembert, ich ...“

„Du Untier! Du mörderische Bestie!“ Er warf ihr den Talisman gegen die Brust und spuckte ihr vor die Füße.

Arlinn wich zurück. „Bitte“, versuchte sie es erneut. „Ich weiß, was du empfinden musst. Ich weiß, was ich getan habe. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber ich bin nicht mehr das, was ich einst war. Ich kann meine Kräfte nun zum Guten einsetzen. Und ich möchte dieses Gute hier einsetzen. Bei der Goldnacht. Ich möchte helfen. Ich habe die Beherrschung über mich.“

„Ha!“ Rembert zog sein heiliges Schwert. „Diese Beherrschung ist eine Lüge, die du dir selbst einredest, damit du in dieser Gestalt in den Spiegel blicken kannst.“ Er zeichnete mit der Schwertspitze ihre Umrisse nach. „Doch selbst jetzt, da du in diesem falschen Fleisch vor mir stehst, bist du ein Untier. Und das wirst du immer sein.“

„Ich mag ein Werwolf sein, aber ich bin kein Untier.“ Arlinn blieb stehen, obwohl seine Klinge, die nun leuchtete, näher kam. „Ich gehöre zur Goldnacht. Und das werde ich auch immer tun. Du selbst hast es gesagt.“

Rembert trat forsch auf sie zu. Seine Handfläche traf sie flach gegen die Schulter und drückte sie mit dem Rücken an die Tür. Er legte ihr die flache Seite seiner Klinge an den Hals. Arlinn wehrte sich nicht – sie würde nicht zulassen, dass er ihre Wildheit herausforderte. „Was auch immer ich dir gesagt habe, bevor ich wusste, wer du bist, und als du die Wahrheit noch vor mir verborgen hieltst, kannst du jetzt wohl kaum gegen mich einsetzen. Du gehörst nicht zur Goldnacht, Arlinn Kord. Das hast du nie.“

Arlinn hielt Remberts Blick stand. Sie konnte nichts sagen: Der Kloß an Gefühlen, der ihre Worte vor so vielen Jahren erstickt hatte, war zurückgekehrt. Doch dieses Mal hatte er Kanten so scharf wie die Krallen der Teufel. Sie stachen sie von innen in die Kehle und von hinten in die Augäpfel.

Unvermittelt beendete Rembert die Begegnung ihrer beider Blicke. Er stieß einen tiefen Seufzer aus und trat zurück. „Raus hier.“ Er deutete den Gang hinunter und wich ihrem Blick aus, indem er auf den Boden starrte. „Verlasse diesen Ort und kehre nie wieder zurück. Wenn ich dich noch einmal hier sehe, werde ich dich zur Strecke bringen.“

Arlinn holte Luft, um zu sprechen, doch Remberts Stimme, angefüllt von heiliger Macht, schnitten ihr die Worte ab, noch ehe sie auch nur eines gesprochen hatte. „Verschwinde!“
Heute
Arlinn hatte versucht, sich zurückzuziehen. Sie wollte keinen Kampf. Doch Rembert ließ ihr diese Möglichkeit nicht. Sie war umzingelt und an den Rand der Schlucht gedrängt. Zu allen Seiten waren Katharer und vor ihr Rembert mit seinem hoch über den Kopf erhobenen, dicken Ast. „Ich habe dich gewarnt.“ Er schleuderte ihr die Worte entgegen. Jedes war ein schwerer Hieb. Seine stumpfe Waffe würde folgen. Arlinn wappnete sich. Sie konnte mehr Treffer aushalten, als er ahnte, und sie würde nicht zulassen, dass er sie vertrieb, wenn ein wahnsinniger Engel so nahe war.

Wie gerufen stieß der Engel hinter den Katharern herab.

Arlinn konnte sie nicht schnell genug warnen. Sie konnte Rembert nicht warnen. Der Engel kreischte, als er die blutigen Finger um Remberts Arme legte und ihn, der er nach Atem rang und die Augen aufgerissen hatte, in die Luft hob.

Die anderen Katharer richteten ihre Waffen nun auf den Engel, und Arlinn erhob sich auf die Hinterläufe, als ihre Beschützerinstinkte einsetzten.

„Nein! Setzt nach!“, rief Rembert, der trotz der Tatsache, dass er nun in der Luft baumelte, noch immer den Befehl hatte, seinen Katharern zu. „Wendet dem Untier nicht den Rücken zu! Tötet den Werwolf!“

Die Katharer wirkten verwirrt. Einige richteten ihre Waffen wieder auf Arlinn, andere weiterhin auf den wahnsinnigen Engel. Dieser keckerte – nicht unähnlich den Teufeln –, und seine Hände um Remberts Arme begannen, in einem blutgetönten, heiligen Licht zu leuchten. Der Engel würde Rembert gleich hier am Himmel töten und seinem Leben mühelos ein Ende setzen.

Eine der Katharerinnen schoss einen Pfeil auf den Engel ab, doch dieser flog wirkungslos über dessen Schulter hinweg. Der Engel zeigte der Frau die Zähne. „Du bist als Nächste dran, Unreine!“

Genug. Dies ging nun lang genug so. Arlinn lenkte Kraft in ihre starken Muskeln und stieß sich ab, um über die Köpfe der umherwankenden Katharer zu springen. Sie bekam den Stiefel des Engels zu fassen und verbiss sich in das Leder, während sie ihn nach unten zog und auf die Seite warf. Der Engel prallte mit einem deutlich vernehmbaren Geräusch am Boden auf. Rembert stolperte aus der Umklammerung. Arlinn verschwendete keine Zeit. Sie stürzte sich auf das heilige Wesen und versenkte ihre Zähne in sein Fleisch. Sie bestand nun nur noch aus Muskeln und Sehnen, getrieben von der wilden Kraft der Lykanthropie, jenem Fluch, der ihr ein Segen geworden war.

Binnen weniger Augenblicke war der wahnsinnige Engel tot.

Arlinn wandte sich hechelnd zu den Katharern um, doch sie standen nicht unmittelbar hinter hier. Sie hatten sich vielmehr am Rand der Schlucht versammelt, und einige lagen auf dem Bauch und griffen nach etwas jenseits der Kante. Rembert war nirgends zu sehen. Arlinns Herz setzte einen Schlag aus und sie rannte auf die Schlucht zu, während ihr Verstand bereits begriffen hatte, was gerade geschehen sein musste.

Sie irrte sich nicht. Sie nahm die Einzelheiten der Szenerie noch in sich auf, während ihr Körper bereits handelte. Rembert war verwundet. Er lag auf dem knorrigen Stumpf eines toten Baumes, der sein Gewicht nicht lange tragen würde. Er war zu weit unten, um ihn von der Kante aus zu erreichen, weshalb sie bereits auf einen anderen zersplitterten Baumstumpf geklettert war. Mit den Klauen in das morsche Holz gekrallt ließ sie sich nach unten hängen und reichte Rembert ihre Pfote.

Er schnappte bei ihrem Anblick erschreckt nach Luft und kauerte sich zusammen, während ihm die Angst ins Gesicht geschrieben stand.

Sie streckte ihre Pfote weiter aus und flehte ihn stumm an, sie zu ergreifen.

„Untier.“ Rembert hatte endlich seine Stimme wiedergefunden. „Ich werde dich töten.“

Ein Grollen regte sich in Arlinns Kehle, doch sie schluckte es hinunter. Es waren Schmerz und Furcht, die ihn diese Worte sprechen ließen. So viel Schmerz stand zwischen ihnen. Und dennoch war da auch eine Verbundenheit. Die der Goldnacht. Auf ewig. Arlinn schloss die Augen und hieß die Verwandlung in ihre menschliche Gestalt willkommen. Sie würde den Erzmagier nicht hier und heute Nacht aus reiner Furcht umkommen lassen. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie ihre menschliche Hand vor sich, die sie nach ihm ausstreckte. „Nimm meine Hand“, sagte sie zu Rembert.

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Sein Blick fand den ihren. „Du hast mich belogen.“

Arlinn schluckte. „Das habe ich.“

„Du hast die anderen getötet.“

„Das habe ich.“

„Ich kann nicht ... Ich werde nicht ...“

„Ich bin keine Sklavin des Fluchs mehr“. sagte Arlinn. „Ich bin nun frei, um eine Beschützerin zu werden, wie es mir bestimmt war. Bitte. Einst kanntest du mich. Erkenne mich wieder.“

In Remberts Augen funkelten Tränen, als der Stamm unter seinem Gewicht ächzte.

Arlinn streckte erneut die Hand aus. „Nimm meine Hand.“

Rembert wappnete sich und hob den Arm. „Avacyn, steh mir bei“, flüsterte er.

„Avacyn ist tot“, sagte Arlinn. „Wir müssen nun ineinander Stärke finden.“

Veröffentlicht in Magic Story on 8. Juni 2016

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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Judge Fredd » Di 21. Jun 2016, 22:31

Stein und Blut


Sechstausend Jahre vor den im Handlungsstrang von Düstermond geschilderten Ereignissen arbeiteten drei Planeswalker zusammen, um die monströsen Eldrazi auf der Welt Zendikar einzusperren. Nahiri, eine Kor aus Zendikar, hielt Wacht über die Gefangenen. Ugin – genannt der Geisterdrache – und der Vampir Sorin Markov erklärten sich dazu bereit, zurückzukehren, falls ihre Hilfe gebraucht werden sollte. Doch vor tausend Jahren wären die Eldrazi um ein Haar entkommen, und weder Sorin noch Ugin kamen. Sorin war Nahiris Freund, und sein Fernbleiben besorgte und verwirrte sie. Nachdem sie die ersten Fluchtversuche der Eldrazi vereitelt hatte, machte sich Nahiri auf, ihren Freund zu finden. Wir wissen dank Sorins Erinnerungen, dass ihr Treffen nicht gut verlief. Aber jede Geschichte hat zwei Seiten ...
Wiedervereinigung
Vor tausend Jahren

Nahiri warf sich durch das Chaos der Blinden Ewigkeiten, des Raums zwischen den Welten. Zu lange hatte sie in ihrem steinernen Kokon geschlafen. Sie hatte zugelassen, dass gewisse Dinge an ihrem Bewusstsein vorbeigedriftet waren. Das entsetzlichste Beispiel für ihre Fahrlässigkeit hatte sie bereits wieder ins Lot gebracht: Sie hatte jene Schutzzauber verstärkt, die ihre Gefangenen sicher verwahrten und die deren Diener auch weiterhin in Vergessenheit hielten. Ihre eigene Welt war nicht bedroht, zumindest für den Augenblick.

Nun war es an der Zeit, einem alten Freund einen Besuch abzustatten und etwas weitaus weniger Greifbares wiederherzustellen.

Es dauerte nicht lange, ehe Nahiri seine Präsenz spürte und darauf zusteuerte, indem sie die Welt um sich herum beugte und krümmte, bis sie schließlich neben ihm stehen konnte. Sie waren uralte Freunde, auch wenn ihre Bindung aneinander nur mehr ein verblasstes Relikt war, doch Sorin Markov war ihr erster Verbündeter gewesen und Nahiri hätte ihn überall wiedererkannt.

Sie stand nun auf einer hohen Klippe über einer dunklen und aufgewühlten See. Sie war noch nie zuvor an diesem Ort gewesen, doch nichts an ihm überraschte sie. Innistrad und Sorin hatten einander wechselseitig geformt, und diese Welt schien bestens zu ihm zu passen: düster und gefährlich, beinahe schon aus vollster Absicht heraus unfreundlich. Und der Mond: Der Mond, der sich über den Wassern zeigte, hatte etwas Sonderbares an sich. Etwas, was sanft an all ihren Sinnen zupfte.

Sorin hatte sie nie hierhergebracht, doch er hatte oft in wehmütigen Tönen von dieser Welt gesprochen. Sie wusste, er hatte darauf gehofft, dass sie Innistrad im Notfall verteidigen würde – so wie sie darauf gehofft hatte, dass er es genau so mit Zendikar halten würde. Am Ende hatte keiner von ihnen beiden seinen Willen bekommen.

Sorin war nicht hier.

Am höchsten Punkt der Klippe – dort, wo sie seine Präsenz gespürt hatte – stand an seiner Statt ein massiver, roh behauener Silberklotz, der mindestens zwölf Schritt aufragte. Er wies zahlreiche Seiten auf, doch sie waren grob beschaffen und von ungleichmäßiger Natur, als hätte ein äußerst unerfahrener Lithomagier dieses Ding erst aus dem Boden gezerrt, um sich dann doch nicht die Mühe zu machen, es hübsch blank zu polieren.

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Doch vollendet war es – es war für sie unmöglich zu übersehen, dass es sich bei diesem Ding offenkundig um das Endergebnis einer gewaltigen Anstrengung und eben nicht um ein unvollendetes Werk handelte. Es war nicht auf Hochglanz gebracht, weil ein solcher Hochglanz für das, was dieses Ding darstellen sollte, nicht weiter von Belang war. Oder für das, was es anstellen sollte.

Und dieses – dieses Dingeben – war auch das, was sie gespürt hatte. Nicht Sorin. Über die Blinden Ewigkeiten als feines Mittel der Verständigung hinweg hatte dieses Ding seinen Namen gerufen.

Auf der Klippe gab es nichts außer dem Wind und dem silbernen Monolithen, abgesehen von einem kümmerlich gewachsenen Baum mit roten Blättern. Sie überließ den Baum seinen eigenen Angelegenheiten und umrundete den gewaltigen Silberbrocken.

Seiten. Er hatte acht von ihnen. Oder vielleicht auch nur sieben. Das hing ganz davon ab, wie großzügig man mit dem Begriff einer Kante umging. Doch es waren willentlich geformte Flächen, fast wie bei einem ... Aber es gab keine Polyeder in Innistrad, und Sorin besaß auch weder die Mittel noch den Anlass, welche von ihnen anzufertigen.

Und wie auch im Fall eines Polyeders war dieses Ding mehr als seine körperlich fassbaren Bestandteile. Sie tastete es mithilfe ihrer Lithomagie ab, sondierte das reine Metall und versuchte, sich eine Vorstellung von seiner inneren Struktur zu verschaffen.

Nichts. Einfach nur nichts. Sie spürte die Körnigkeit der Felssohle eine halbe Meile unter ihren Füßen und den langsamen, steten Takt jenes ruhigen, aber dennoch unwiderstehlichen Walzers, den die Kontinentalplatten tanzten. Doch sie vermochte nicht, in diesen Silbersplitter hineinzublicken. Sie konnte ihm nicht einmal den winzigsten Kratzer beibringen. Ihre Macht verschwand einfach in ihm wie in einem bodenlosen Brunnen. Fast wie bei einem ... Aber nein. Und nochmals nein. Es war kein Polyeder. Nicht hier.

Sie bückte sich und lugte unter das Ding, halb in der Erwartung, dass es über dem Boden schwebte. Doch es war mit dem Untergrund verwurzelt, und zwar über einen vergleichsweise schlanken Fuß aus Silber, der nicht viel breiter als Nahiri selbst war.

Sie richtete sich auf und setzte ihre gemächliche Umrundung des Dings fort. Anstelle der tiefer gehenden Untersuchung, die sie offenbar nicht zustande bringen konnte, fuhr sie mit den Fingerspitzen an ihm entlang. Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie mit der Erforschung des silbernen Monolithen schon zugebracht hatte, doch der Mond stand bereits höher am Himmel, als hinter ihr eine vertraute Stimme erklang.

„Du musst mir meinen unbeholfenen Versuch, Stein zu formen, bitte vergeben, Liebes.“

Sie fuhr auf der Ferse herum. Sorin!

Weißes Haar, schwarzer Mantel, diese unheimlichen gelbroten Augen. Seine Erscheinung war schrecklich und sein Blick nicht minder schauderhaft – und dennoch konnte sie nicht anders, als zu grinsen.

„Mein Freund!“, brachte sie endlich über die Lippen. „Du lebst!“

Er lächelte sie an, ging auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. Für seine Verhältnisse ging dies als die hellste Freude durch.

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„Und warum denn auch nicht?“

Sie fasste nach oben, um ihre Hand auf seine zu legen. Sie war nun vollkommen wach und ihr Körper von der Wärme des Lebens durchzogen. Seine Finger waren so kalt und tot wie eh und je.

„Du bist nicht gekommen,“ sagte sie. „Als ich auf Zendikar das Signal vom Auge Ugins auslöste, hast du nie geantwortet. Ich fürchtete, dass du–“

Sorin zog die Hand zurück und legte die Stirn in Falten.

„Die Eldrazi haben sich aus ihrem Kerker befreit?“

„Das haben sie, ja.“

„Wo ist Ugin?“, fragte er.

„Auch er ist nicht gekommen“, sagte sie und versuchte, ihre Verbitterung nicht in ihrer Stimme aufsteigen zu lassen. „Aber ich habe mich darum gekümmert. Allein. Mit aller Macht, die ich aufbringen konnte, ist es mir gelungen, den Kerker der Titanen wieder zu versiegeln.“

Urplötzlich traf sie die Erkenntnis, dass sie nun weitaus älter war als zum Zeitpunkt ihres letzten Treffens mit Sorin. In ihrer Erinnerung ragte er gewissermaßen als uralter Mentor über ihr auf, der tausend Jahre mehr an Erfahrungen aufzubieten hatte als sie. Doch was waren denn nun eigentlich schon tausend Jahre? Sie waren Gleichgestellte. Endlich.

„Nachdem die Aufgabe erfüllt war, machte ich mich auf die Suche nach dir. Ich musste wissen, ob du noch am Leben bist. Und hier bist du nun.“

Hier bist du nun. Ihre Freude über das Wiedersehen schwand dahin. Sie hatte sich Sorgen um ihn gemacht. So große Sorgen – dass ihm etwas zugestoßen war oder dass er wie sie einer tausend Jahre währenden Niedergeschlagenheit zum Opfer gefallen war. Sie war hierhergekommen, um ihn zu finden. Um ihn zu retten. Doch allem Anschein nach brauchte er gar nicht gerettet zu werden.

„Also? Wo warst du?“, fragte sie. „Sorin, warum hast du nicht auf das Signal geantwortet?“

„Es hat mich nie erreicht“, sagte er.

„Wie kann das sein?“

„Hm“, sagte er. Nur ein Hm ohne größeres Interesse oder jegliche Dringlichkeit.

Er fasste an ihr vorbei und presste eine Hand flach gegen die Oberfläche des Dings.

„Du hattest dich der Aufgabe verschrieben, die eingesperrten Eldrazi zu bewachen, und mir wurde klar, dass meine Welt dringend einen eigenen Schutz brauchte, besonders während meiner Abwesenheit. Dieser Höllenkerker ist die eine Hälfte dessen, was ich als Schutz erschaffen habe.“


Höllenkerker. Ihr schauderte. Es war ein Kerker. Was sollte in einem solchen Ding wohl verwahrt werden?

„Es ist nicht undenkbar“, fuhr er fort und klang dabei gelangweilt, „dass dein Signal aus dem Auge die Magie, die diese Welt beschützt, nicht zu durchdringen vermochte.“

Sorins eigene Zauberkunst hatte sie daran gehindert, in Verbindung mit ihm zu treten? Sie fühlte einen jähen Schwindel und wählte ihre nächsten Worte mit Bedacht.

„Wusstest du zu jenem Zeitpunkt, dass das geschehen könnte?“

„Es kam mir nie in den Sinn“, sagte er. „Ich erkenne nun jedoch, dass diese Möglichkeit bestand.“

Fels und Himmel!

Früh in ihrer Bekanntschaft – bevor sie begriffen hatte, was er längst war und wozu auch sie gerade geworden war – hatte er sich bei ihr erkundigt, ob sie gerne lernen wollte, wie man so kämpfte wie er. Sie hatte Ja gesagt – und dann hatte er versucht, sie umzubringen.

Oder zumindest war ihr das damals so vorgekommen. Nur wenig später war ihr klargeworden, dass er sich zurückgehalten hatte: Er hatte sie körperlich angegriffen, obwohl er sie mit einem einzigen Gedanken so mühelos hätte auslöschen können wie eine Kerze. Sie bot ihm kurz die Stirn, bis sein schwerer Zweihänder sie mit einem üblen Knacken am Arm streifte und Schmerz ihre sämtlichen Sinne übermannte.

Gut gemacht, sagte er, während er über ihr stand. Du hast fast sechs Atemzüge durchgehalten. Also natürlich welche von deinen. Und jetzt hoch mit dir.

Hoch mit mir?, rief sie. Du hast mir den Arm gebrochen!

Dann mach ihn wieder heil, sagte er. Er schaute sie dabei nicht einmal an.

Heil machen? Heil machen? Wie bei allen Teufeln

Erst dann hatte er ihr endlich erklärt, dass sie nicht länger sterblich war. Dass es sich bei ihrem Körper nur um eine reine Zweckdienlichkeit handelte. Um eine Projektion ihres Willens.

Das hättest du mir gleich am Anfang verraten sollen, sagte sie und hielt dabei Tränen der Wut zurück.

Ach, sagte er in seinem gelangweilten, aber wohlmeinenden Tonfall. Es kam mir nie in den Sinn.

Er hatte auch nun wieder diesen Tonfall, der so herablassend ihr gegenüber war. Doch das Mädchen, als dessen Mentor er sich betätigt hatte, war schon lange tot. Begraben in einer Gruft aus Stein. Nur eine Planeswalkerin war noch übrig. Und eine Planeswalkerin würde nicht zulassen, dass man ihr mit Herablassung begegnete.

„Die Möglichkeit? Du hast meine Welt aufs Spiel gesetzt – und mehr!“ Es gelang ihr nicht ganz, die Kränkung aus ihrer Stimme herauszuhalten. „Du hast mich im Stich gelassen!“

Sorin wedelte abschätzig mit einer bleichen Hand.

„Ich habe lediglich die nötigen Maßnahmen zum Schutz meiner Welt ergriffen. Ich glaube kaum –“

Oh, das war genug. Mehr als genug.

„Wir hatten eine Abmachung, du und ich“, sagte sie.

Das konnte er nicht leugnen. Vor fünftausend Jahren hatte sich Nahiri nach einigem Zögern dazu bereit erklärt, die Eldrazi auf ihrer eigenen Heimatwelt Zendikar einzukerkern. Und der Teil der Abmachung für die beiden anderen Planeswalker, die ihr geholfen hatten, bestand darin, dass sie ihr eine Möglichkeit verschafften, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, falls die Eldrazi sich je zu befreien drohten.

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Fünftausend Jahre lang hatte Nahiri ihre monströsen Gefangenen bewacht. Sie hatte sich in Stein eingeschlossen und dabei zugesehen, wie die Jahrzehnte und Jahrhunderte an ihr vorüberzogen wie Wolken vor der Sonne. Dann hatten die Eldrazi ihren Kerker auf die Probe gestellt und ihre grässliche Brut in einer Welt entfesselt, die allein durch ihre bloße Präsenz schon Veränderungen unterworfen worden war, die Nahiri nicht in ihrer Gänze begriff. Nahiri war erwacht und hatte sich aus ihrer selbst auferlegten Abgeschiedenheit gelöst, um Alarm zu schlagen.

Niemand war gekommen. Nicht der Drache Ugin, dem sie nie voll vertraut hatte und dessen Ziele und Ursprünge stets rätselhaft blieben. Und auch nicht Sorin – ihr Mentor. Ihr Freund.

Sie hatte die Krise allein bewältigt, wenn auch zu einem hohen Preis für ihre Welt – einem weitaus höheren Preis, als wenn ihre beiden Verbündeten sich an die Abmachung gehalten hätten. Sie hatte das volle Ausmaß des Schadens, den die Eldrazi an ihrer Welt und an deren Bewohnern angerichtet hatten, ehe es ihr gelungen war, ihnen Einhalt zu gebieten, noch immer nicht überblickt. Doch sie hatte ihnen Einhalt geboten, und als es vollbracht war, hatte sie sich auf die Suche nach ihm gemacht, da sie befürchtete, seine Existenz könnte ein Ende gefunden haben.

Und sie war nun damit konfrontiert, dass er Schlimmeres getan hatte, als ihren Hilferuf zu hören und ihn dann einfach nicht weiter zu beachten. Er hatte ihn bewusst übertönt und von sich ferngehalten, um seine eigene Welt vor fremden Einflüssen zu schützen.

Er hatte ihr den Rücken zugekehrt.

„Nimm das nicht auf die leichte Schulter“, sagte sie. „Ich war bereit, meine Heimat aufs Spiel zu setzen, indem wir die Eldrazi dorthin lockten. Ich versprach, mich an Zendikar zu ketten und sie zu bewachen. Ich verbrachte Jahrtausende mit diesen Ungeheuern. Weißt du, wie das ist? Alles, was du zu tun hattest, war, zu kommen, als ich dich rief.“

Der Boden unter ihnen begann, heftig zu erzittern, da die Felssohle unter ihnen in Anteilnahme mit ihrem wachsenden Zorn zu beben begann. Von allen Steinen und Metallen in der näheren Umgebung schien einzig der silberne Höllenkerker sich ihrem Zugriff zu entziehen.

„Maße dir nicht an, über meine Taten bestimmen zu wollen, Kleines. Ich bin zu nichts verpflichtet. Ich schulde dir nichts! Als sich dein Funke entzündete, war ich es, der dich fand. Ich hätte dich damals vernichten können, aber ich habe dich verschont.“

Er wandte sich wieder zu ihr um, und seine von Bosheit erfüllten Augen waren kaum mehr eine Handbreit vor ihrem Gesicht.

„Ich habe dich unter meine Fittiche genommen und dich zu dem gemacht, was du heute bist“, sagte er. Falls du es für nötig hältst, jemandem Vorhaltungen zu machen, dann gehe los und suche nach Ugin. Ich habe keine Geduld für so etwas.“

Keine Geduld. Keine Geduld. Mit einem kurzen Aufflackern einer grässlichen Hitze wandelte sich Schmerz zu Zorn.

Für fünftausend Jahre hatte Nahiri über die Eldrazi gewacht – nicht nur um ihrer eigenen Welt willen, sondern um aller Welten willen. Um Innistrads willen. Und nur einmal – nur ein einziges Mal – hatte sie in diesen fünftausend Jahren nach ihm gerufen, damit er nicht mehr tat, als ein von ihm gegebenes Versprechen einzuhalten. Ein Versprechen, das in erster Linie auch ihm diente und das er einzig und allein deshalb gegeben hatte, weil er dank ihm seine eigene Welt schützen konnte. Und er hatte dieses Versprechen eben nicht eingehalten. Er hatte es einfach ... bleiben lassen.

Ihre eigene Geduld war völlig erschöpft, aufgebraucht in ihrer schier endlosen Wacht über die Eldrazi. Sie war fertig – fertig mit dem Warten, fertig mit dem Betteln und noch vor allem anderen fertig damit, sich wie ein Kind behandeln zu lassen. Wenn Sorin einen Beweis brauchte, dass sie nicht länger seine Schülerin war, musste sie ihm diesen nun wohl liefern.

Sie beschwor eine Felssäule aus den Tiefen unter ihnen herauf – alter, starker Granit. Die Erde bäumte sich auf, und Sorin kämpfte um sein Gleichgewicht. Die Felssäule brach aus dem Boden unter ihr hervor und trug sie hoch über ihn.

„Ich gehe nirgendwohin.“

Sie holte noch mehr Felsen aus dem Boden um sich herum, die zu Pfeilen gespitzt waren und um die beiden Planeswalker umherwirbelten.

Sorin zückte sein Schwert.

„Ich habe dir nie gedroht“, sagte er und sah zu ihr hinauf. „Kein einziges Mal. Wenn wir nun Feinde werden sollten, Kind, dann liegt die Schuld dafür ganz allein bei dir.“

„Ich bin kein Kind“, sagte sie. „Was immer wir auch gewesen sein mögen: Du erkennst nun doch sicher, dass wir inzwischen Gleichgestellte sind.“

Es gab ein kurzes Zögern – und war da nicht auch ein Anflug von Furcht in diesen gelbroten Augen zu sehen? Verwendete er einen Wimpernschlag auf die Abwägung, ob sie womöglich recht hatte und sein Stolz dringend einer krassen Eindämmung bedurfte?

„Ich sehe nur einen Wutanfall“, sagte er. „Wenn du gekommen bist, um dich mit einem Gleichgestellten zu treffen, hättest du dich an die Friedenspflicht halten sollen, die die festen Gepflogenheiten für solche Begegnungen unter Planeswalkern vorsehen.“

„Ich kam, um einen Freund zu treffen“, sagte Nahiri.

„Dann sehe ich keinen Anlass zur Beschwerde für dich“, sagte Sorin. „Freunde sprechen bittere Wahrheiten doch aus ... oder etwa nicht?“

Vor langer Zeit hatte ein törichtes Mädchen diese garstige Kreatur einmal ihren Freund genannt. Während dieses allerletzte Überbleibsel jugendlicher Rührseligkeit verdampfte, schlug Nahiri zu.

Sie fuhr auf einer Faust aus Fels reitend auf Sorin herab. Sie hatte kein Schwert. Sie brauchte keines. Das Erdreich selbst war ihre Waffe.

Sorin entfesselte einen Schub Todesmagie, der sie mitten in der Brust erwischte und nach hinten warf. Die Felssäule folgte ihrer Bewegung ruckartig, damit sie nicht von ihr herunterfiel.

Sorin machte einen Satz vom zerschundenen Boden aus auf sie zu, die Zähne gebleckt, das Schwert im Licht dieses sonderbaren, drohend über ihnen schwebenden Mondes glitzernd. Sie sprang von der Säule und landete geduckt auf dem Boden. Sorin traf die Felssäule mit den Füßen zuerst, sofort bereit, sich erneut an ihr abzustoßen und einen weiteren Angriff zu unternehmen – doch die Säule verschluckte ihn einfach.

Nahiri richtete sich auf und ballte die Fäuste, um Sorin im Fels zu zerquetschen.

Risse zeigten sich. Erst einer, dann mehrere, und aus allen drang das Leuchten der Magie des Vampirs. Die Säule flog in einem Blitz aus Licht und Fels auseinander, als Sorin sich seinen Weg ins Freie erzwang. Anmutig ließ er sich zum Boden hinabfallen.

Sein Gesicht wirkte jedoch schmerzerfüllt.

„Ich strebe nicht nach deiner Feindschaft“, sagte Nahiri. „Alles, was ich je von dir wollte, war deine Hilfe, Sorin. Du hast ein Versprechen gegeben. Komm mit mir.“

„Nicht jetzt“, sagte Sorin mit einer Ruhe, die sie noch mehr zur Weißglut trieb. „Später vielleicht. Diese Zeit ist entscheidend für –“

„Diese Zeit ist entscheidend!“, entfuhr es Nahiri. „Die Eldrazi sind beinahe entkommen. Du magst in Äonen denken, doch soweit ich weiß, könnten die Eldrazi just in diesem Augenblick bereits frei sein. Alles, wofür wir gearbeitet haben, wird umsonst gewesen sein und deine eigene Welt in großer Gefahr schweben – macht dir das denn gar nichts aus?“

Da ereilte sie eine Einsicht. Die Einkerkerung der Eldrazi war zu ihrem Lebenswerk geworden. Zu einer beständigen Bemühung, die sie fast ihr gesamtes Dasein über an ihre Heimatwelt gebunden hatte. Doch für ihn war dies alles nur ein winziger Augenblick gewesen: vierzig Jahre überschaubare Anstrengungen vor fünftausend Jahren im Gegenzug für ein Jahrtausend voller Seelenruhe. Und nun schwebte Innistrad dank seiner neuen Vorkehrungen womöglich überhaupt gar nicht in Gefahr. Womöglich hatten Nahiri und Zendikar und hundert Millionen sorgsam platzierter Polyeder in der Vorstellung von Sorin Markov ihren Zweck schon längst erfüllt.

Sie knurrte und schleuderte ihm einen Hagel aus Pfeilen entgegen, jeder so lang wie ihr Unterarm und mit einer schrecklich scharfen Spitze versehen.

Sorin zerschoss einige der Splitter zu Staub, noch ehe sie ihn erreicht hatten, und einige weitere schlug er mit dem Schwert beiseite, sodass sie harmlos davonwirbelten. Drei andere jedoch bohrten sich ihm in den Leib, und er grunzte dumpf.

Seine Augen gleißten weiß und viel zu hell auf. Eine schwere Last legte sich auf Nahiris Schultern und zwang sie in die Knie. Alles war so hell –

Sie schaute nach oben.

Der Mond. Er hatte einen Strahl Mondlicht – schwer wie ein Felsblock, obwohl er über keinerlei Stofflichkeit verfügte – vom Himmel herabbeschworen, um sie an Ort und Stelle zu bannen. Und nun endlich – in sein Licht getaucht und mit seinem Geruch in der Nase – begriff sie, was so sonderbar an Innistrads Mond war.

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Er war aus Silber. Wie der Höllenkerker.

Sorin zog sich die steinernen Pfeile einen nach dem anderen heraus. Die Wunden schlossen sich ohne jeden Blutverlust. Er pirschte sich an sie heran. Doch seine Schritte waren unsicher und die Spitze seines Schwerts nach unten gesackt. War er so gebrechlich geworden?

Seine Magie war jedoch nach wie vor stark. Das Licht legte nicht nur ihrem Körper, sondern auch ihrer eigenen Magie Fesseln an. Solange es Bestand hatte, besaß sie nicht die Macht, irgendetwas außerhalb seines Umkreises zu beeinflussen.

„Geh nach Hause, Nahiri“, sagte er abgekämpft. „Mach dieser Farce ein Ende. Dann lasse ich dich –“

Sie grub die Finger in den Boden und sandte ihren Willen nicht nur nach außen, sondern zugleich nach unten, um so in die Erde selbst hinabzutauchen.

Sie sank in einen steinernen Schoß hinunter, wo sie für einen Augenblick ihren Zorn und Sorins verdammenswerte Arroganz und jenen sonderbaren und unnachgiebigen Brocken aus Silber hinter sich ließ, dessen Zweck sie noch immer nicht zu ergründen vermochte. Es gab nur noch sie und den Fels. Abgesehen vom langsamen und steten Herzschlag der Welt war sie von allem anderen abgeschnitten – so wie es zuvor fünftausend Jahre lang der Fall gewesen war.

Sie hätte jederzeit in eine andere Welt wandeln können. Zurück nach Zendikar. Zurück in die Abgeschiedenheit. Sie brauchte Sorins Hilfe im Grunde gar nicht. Jetzt nicht mehr. Doch es wäre unvorstellbar gefährlich gewesen und hätte zu einem Gegenschlag eingeladen, wenn sie die Dinge hier einfach ungeklärt gelassen hätte. Dann hätte sie sich tatsächlich einen Feind gemacht. Und sie wollte nicht gehen, solange noch irgendeine Aussicht bestand, dass sich das verhindern ließ.

Über ihr hallten Sorins ruhelose Schritte, wie er auf den Höllenkerker zupirschte.

Sie formte den Fels unter sich zu einer weiteren Säule, verdünnte das Gestein über sich, bis es die Konsistenz von Wasser besaß, und brach schlagartig wieder aus dem Boden hervor. Sorin hatte dem Strahl Mondlicht die Freiheit zurückgegeben und stand nun mit dem Rücken zum Höllenkerker, um so wenigstens ein Mindestmaß an Schutz zu haben.

Sie stieg auf ihrer Granitsäule in die Höhe, bis sie über ihm aufragte. Sie holte einen ganzen Schwarm Felsen aus der Erde und ordnete ihn um sich herum an.

Sie wollte Sorin nicht töten. Sie wollte ihm nicht wirklich wehtun. Sie wollte, dass die Dinge zwischen ihnen wieder richtiggestellt wurden. Dass es wieder so wie früher war. Doch damit das geschehen konnte, musste sie sich seinen Respekt verdienen. Und um das zu tun, würde sie ihn schlagen müssen.

Er stützte sich mittlerweile auf sein Schwert. Es schien, als würde sie ihm einen Gefallen tun, falls sie dazu übereinkämen, sich als Gleichgestellte zu behandeln.

Sie waren nämlich keine Gleichgestellten. Er war zu schwach. Schwächer noch, als sie es in jungen Jahren gewesen war. Ihr fiel ein, wie der Höllenkerker Sorins Essenz ausgestrahlt hatte, und sie fragte sich, wie viel von sich selbst er für die Erschaffung des Kerkers wohl aufgegeben haben mochte.

Sie ließ ihre Felssäule auf ihn zugleiten. Als sie an einem der schwebenden Steine vorbeikam, griff sie in ihn hinein. Er erhitzte sich umgehend und schmolz, während die Metalle in seinem Inneren ihrem Willen folgend gerannen.

Sie zog ein vollständig im Stein geschmiedetes Schwert aus dem Fels und rückte weiter vor, bis Sorin unmittelbar unter ihr stand und zur weißglühenden Spitze des Schwerts hinaufblickte.

„Sorin, du wirst dein Versprechen einlösen. Du wirst mit mir nach Zendikar zurückkehren. Du wirst mir dabei helfen, unsere Maßnahmen zur Eindämmung der Eldrazi zu überprüfen, und dich mit mir vergewissern, dass sie auch weiterhin eingesperrt bleiben. Erst dann kannst du dich davonmachen.“

Sorin spuckte aus.

Dann wurde jäh wieder alles hell – gleißender noch als der Mond – und eine Gestalt fuhr schreiend vom Himmel hernieder. Nahiri nahm noch gefiederte Schwingen und einen leuchtenden Speer wahr, ehe die Gestalt sie rammte und von ihrem Podest stieß. Sie taumelten gemeinsam in die Tiefe und landeten krachend auf dem Boden, wo sie eine tiefe Furche in die Erde zogen. Nahiris Konzentration war vollends dahin, und die von ihr angeordneten Felsen stürzten ab.

Schließlich lag sie flach auf dem Rücken da. Nahiri konnte ihre Angreiferin zum ersten Mal betrachten.

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Sie war ein überlebensgroßer Engel mit weißem Haar und weißer Haut und dunklen, ausdruckslosen Augen. Nahiri wurde von einem Engel angegriffen.

Nahiri war Engeln schon zuvor begegnet. In Zendikar. Sie waren von einer kühlen Entrücktheit und konnten durchaus furchteinflößend sein, aber sie waren Beschützer. Wesen des Guten und des Gerechten. Und keiner, den sie je getroffen hatte, war dumm genug gewesen, einen Planeswalker anzugreifen.

Bevor Nahiri etwas sagen oder das Geschehen auch nur ganz verarbeiten konnte, hob der Engel seinen Speer. Seine Doppelspitze strahlte hell wie zwei Sonnen und blendete sie.

Sie tauchte wieder in den Fels ab und spürte, wie sich die Spitze des Speers dort in den Boden grub, wo sie eben noch gelegen hatte.

Diesmal war nicht die Zeit für eine kurze Rast. In einem Regen aus Splittern platzte sie aus der Erde hervor, das Schwert nach wie vor in der Hand, und als der Engel sich vor dem umherfliegenden Gestein schützte, griff Nahiri an. Sie schwang das Schwert, das noch immer von der Hitze seiner steinernen Esse glühte.

Der Engel hob den Speer und wehrte die Attacke gerade noch rechtzeitig ab, doch Nahiri ließ Angriff um Angriff folgen und drängte den Engel zurück. Sie spürte ein vages Unbehagen dabei, gegen einen Engel zu kämpfen. Aber nein – der Engel hatte sie angegriffen, ohne jede Provokation ihrerseits. Und warum? Um Sorin zu beschützen? Der Gedanke kam ihr durch und durch abwegig vor.

Der Engel schwang sich mit einem Mal in die Luft – doch nicht, um den Rückzug anzutreten. Stattdessen stürzte er sich nach vorn, um Nahiri von oben anzugehen. Wieder stieg Nahiri auf einer Felssäule in die Höhe, da sie den Engel zwingen wollte, entweder zu fliehen oder auf den Erdboden zurückzukehren.

Der Engel wich nicht weiter zurück. Nahiri setzte ihre Angriffe unbeirrt fort. Der Engel war ohne jede Frage mächtig. Doch er war kein Planeswalker. Nahiri schlug erneut zu –

– und ihr Schwert wurde von Sorins aufgehalten, das er schützend zwischen sie und den Engel hielt.

„Genug“, keuchte er. „Genug.“

Sie starrte an ihm vorbei zu dem Engel mit den pechschwarzen Augen. Der Engel hatte etwas verstörend Vertrautes an sich, obwohl Nahiri sich ganz sicher war, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben.

„Was soll das, Sorin? Wie hast du es geschafft, dir einen Engel untertan zu machen? Wer ist sie?“

„Die andere Hälfte“, gab Sorin zurück.

Seine Hand fuhr blitzschnell nach vorn und die Finger schlossen sich um Nahiris Schwert. Seine Haut zischte und brutzelte, doch er schien es nicht zu bemerken. Nahiris Finger waren taub, ihr Verstand ins Wanken geraten. Sie begriff das alles immer noch nicht. Er hob die Spitze seines Schwerts an ihre Kehle, entrang ihr die Klinge und warf sie beiseite.

Der Engel landete sanft hinter Sorin, doch dieser bedeutete ihm, abzuwarten, und so wartete der Engel ab. Ein Engel wartete auf seinen Befehl!

„Ob du es hören magst oder nicht“, sagte Sorin. „Ich habe das alles nie gewollt, Kleines.“

Dann leuchtete Sorins Schwert, er beschwor ein mattes Licht herauf und stieß zu.

Nahiri wurde nach hinten geschleudert und prallte gegen die silberne Oberfläche des Höllenkerkers. Er war nicht länger hart und kalt, sondern er gab nach. Er hieß sie willkommen. Er zog an ihr.

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Begierig schnürten Silberfäden ihren Leib ein und zerrten sie in den Kerker hinein. Steinerne Splitter wirbelten durch die Luft und die Felssohle unter ihren Füßen regte sich angesichts ihres Zorns, doch dem Höllenkerker war dies völlig gleich.

„Verdammt sollst du sein!“, schrie sie. „Ich habe dir vertraut!“

Nun ragte er über ihr auf, die Schwingen des Engels hinter ihm ausgebreitet, und er sprach ein letztes Mal, ehe ihr geschmolzenes Silber in die Ohren floss. Er klang beinahe traurig. Beinahe.

„Ich habe nie verlangt, dass du mir vertraust, Kind. Nur, dass du mir gehorchst.“

Dann verschlang der Höllenkerker sie und sie verschwand in einer unermesslichen Finsternis.
Ruhe
Zwischenspiel

Sie fiel durch die Finsternis.

Sie kannte keine andere Empfindung mehr – keinen Laut, kein Licht. Nicht einmal einen Hauch von Wind, denn an diesem Ort gab es rein gar nichts – nicht einmal Wind. Nichts außer ihr und das nicht enden wollende Gefühl eines auf ewig unvollendet bleibenden Absturzes. Sie sah die Hand vor Augen nicht – und sie war sich nicht einmal völlig sicher, ob sie an diesem Ort überhaupt einen Körper besaß.

Sie tastete mit ihren Sinnen ihre Umgebung ab und sie schob und zog mit ihren Kräften der Lithomagie – alles in dem Versuch, an der silbernen Außenhaut des Höllenkerkers irgendeinen Halt zu finden. Doch um sie herum war kein Silber. Da war nichts. Sie versuchte, in eine andere Welt zu wandeln, doch selbst die Blinden Ewigkeiten – jener chaotische Un-Ort zwischen den Welten – lag außerhalb ihrer Reichweite.

Hier drin war es nicht wie in ihrem steinernen Kokon in Zendikar, jenem Felsbrocken, in dem sie fünf unruhige Jahrtausende lang geschlummert hatte. In ihrem Kokon hatte sie wie in einem Traum ganz Zendikar spüren und jeden Ort in ihm erreichen können, um dort aufzutauchen, wann immer ihr danach gewesen war.

Dies hier war viel, viel schlimmer: nur Finsternis und das Fallen und der unverkennbare Geruch von Sorin Markov.

Sorin würde für seinen Verrat büßen. Sie würde aus diesem Kerker entkommen und ihn dafür büßen lassen. Sie hatte geglaubt, sie wären Verbündete. Freunde! Nun erkannte sie ihn als das, was er in Wahrheit war: schlicht und ergreifend ein Monstrum.

Ein echtes Ungeheuer. Aber kein Narr. Er hatte damals in Zendikar genau gewusst, was auf dem Spiel stand. Er konnte nicht einfach nur auf seine eigenen Vorkehrungen vertrauen – auf seinen Höllenkerker und auf seinen versklavten Engel –, als dass er den Eldrazi einfach so die Flucht erlauben würde. Er würde Nahiri befreien, sobald er seine Kräfte zurückgewonnen und sich darauf vorbereitet hatte, ihr entgegenzutreten. Er würde sie in eine Falle locken und sie besiegen. Und er würde ihr die Rückkehr nach Hause gestatten. Er konnte sie nicht einfach hier lassen. Das war undenkbar.

Doch sie hatte eine Menge Zeit zum Nachdenken.

Irgendwann gelangte sie zu einer Entscheidung.

„Das reicht“, sagte sie ruhig.

Es kam keine Antwort. Nichts war zu hören. Ihre Worte fanden keinen Nachhall, sondern wurden von unendlicher Schwärze verschluckt.

„Das reicht!“, sagte sie etwas lauter. „Welche Lektion du mir auch immer erteilen willst: Ich habe sie gelernt. Mach dem hier ein Ende. Dann verlasse ich Innistrad und kehre nie mehr wieder. Wir beide haben einander offensichtlich nichts mehr zu sagen.“

Eine Erwiderung blieb aus. Und sie würde sich nicht entschuldigen und noch viel weniger würde sie betteln. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht verschaffen.

Sie dachte oft an Zendikar. An seine schroffen Gipfel und seinen weiten Himmel. An das Geschwür, das ihm das Herz zerfraß. An die Vampire, die über seine Oberfläche hinwegschwärmten und Statuen von Göttern errichteten, die monströser waren als alle, die sie je gekannt hatte. Sie hätte Zendikar niemals verlassen dürfen.

Die völlig Einsamkeit begann an den Rändern ihres Verstands zu nagen. Selbst eine Planeswalkerin – und sogar eine, die Jahrtausende in Stein zugebracht hatte – war für diese Form absoluter Abgeschiedenheit nicht gemacht. Selbst eine Planeswalkerin konnte den Verstand verlieren – und für eine Planeswalkerin, die ein Verstand war, wären die Folgen grauenhaft. Sie war einmal einem wahnsinnigen Planeswalker begegnet. Einmal hatte völlig gereicht. Sie würde nicht dem Wahnsinn verfallen.

Anfangs war es der Gedanke an Vergeltung, an dem sie sich festklammerte. Daran, Sorin für das, was er ihr angetan hatte, und das, was sich womöglich gerade in Zendikar abspielte, zu zermalmen. Doch die Möglichkeiten, ihn umzubringen, die sie sich ausmalen konnte, waren begrenzt, und ab einem gewissen Punkt brachte die Vorstellung mehr Sorge und Ermattung als die kühle Befriedigung einer in Aussicht gestellten Rache. Ihr Hass erstarb nie, aber er gerann und wurde träge.

Ihre Erinnerungen an Zendikar wurden ihr zu einem Licht in der Finsternis.

Sie kannte ihre Welt buchstäblich bis auf die einzelnen Knochen, und ihre Erinnerung daran war vollkommen ungetrübt. Sie dachte an einen Ort – an die Gräben in Akoum, durch die ihr Stamm gewandert war, bevor sie ihr sterbliches Leben aufgegeben hatte und in den Fels hinabgesunken war. Sie baute ein Modell dieser Gräben in ihrem Kopf. Sie zeichnete jede Schicht Basalt und jeden Splitter aus rotem Vulkanglas nach, aus dem der Regolith bestand, und jedes Körnchen und jede Falte in der Felssohle.

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Es war nicht Zendikar. Es war Zendikar, wie sie sich daran erinnerte – nach den Eldrazi, doch bevor Nahiris Schlummer es der Welt erlaubt hatte, aus dem Ruder zu laufen.

Je mehr ungemessene Zeit verstrich, desto weiter arbeitete sie sich von Akoum nach außen vor. Sie erinnerte sich an die genaue Beschaffenheit jeder Ablagerung und an die Hitze und die Zähigkeit der Magma, die unter der Oberfläche pulsierte. Sie arbeitete sich auch tiefer voran, meilenweit nach unten, und sie drang bis zu jenen Bereichen vor, in die sie sich bei ihren unerschrockensten Erkundungen hinabgewagt hatte – so lange, bis sie die Ränder jener tektonischen Platte nachgebildet hatte, die Akoum auf ihren Schultern trug.

All dies bewahrte sie in ihrem Verstand. Sie ließ Teile davon gefühlt viele Jahre lang unangetastet, nur um sie bei ihrer Rückkehr genau so vorzufinden, wie sie sie zurückgelassen hatte. Ihr Verstand gehörte ihr, so wie Zendikar ihr gehörte, und sie wollte von keinem von beiden je ablassen.

Es war unmöglich zu sagen, wie lange sie schon gefallen war, als ihre Träumerei unterbrochen wurde. Sie war nicht mehr allein in der Finsternis. Zu Anfang waren die anderen noch weit von ihr entfernt – nicht mehr als ein leises Geheul oder das Schaben ledriger Schwingen. Die Geräuschlosigkeit in ihrem Kerker war nicht unveränderlich, sondern nur eine Folge seiner Leere gewesen.

Nach und nach und über zahllose Jahre hinweg wurde der Höllenkerker bevölkert. Sie verstand nun seinen Daseinszweck. Sorin duldete keinerlei Bedrohungen für sein kostbares Innistrad, und er hatte dieses Ding – diesen bodenlosen Abgrund, dieses Nirgendwo – geschaffen, um sie darin zu verwahren.

Bedrohungen wie Dämonen und andere Schrecken. Und sie. Nach dieser Erkenntnis brachte sie ein ganzes Jahr – oder waren es zehn? – damit zu, vor Wut zu schäumen.

Die andere Hälfte, hatte er gesagt. Sie bezweifelte stark, dass er all diese Dämonen selbst einkerkerte. Sie entwickelte nach und nach ein Verständnis für die Rolle des Engels in dieser ganzen Angelegenheit – wie auch immer Sorin ihn hinters Licht geführt oder sich gefügig gemacht hatte.

Irgendwann hatte sie auf ihrer geistigen Landkarte von Zendikar Akoum in seiner Gesamtheit neu erschaffen – von den Bergmassiven der Zähne von Akoum bis zu den stillen Wassern des Glasteichs. Die Gewässer um den Kontinent in ihrer Erinnerung herum waren verglichen damit nur ein grober Entwurf und hastig hingekritzelt. Sie verstand nicht wirklich, wie sich Wasser bewegte, und daher schwappten die Wogen, die gegen die roten Klippen Akoums schlugen, auch nur träge hin und her. Sie schenkte ihnen nie sonderlich viel Aufmerksamkeit, um die Illusion nicht zu gefährden.

Sie musste nur ein bisschen Meeresgrund erschaffen, ehe sie mit Ondu beginnen konnte. Sie freute sich schon besonders auf die Inseln der Krone, deren heißes Juwel Valakut war. Doch sie weigerte sich, die Dinge ungeordnet in Angriff zu nehmen. Sie hatte alle Zeit der Welt.

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Die anderen begannen, mit Nahiri zusammenzustoßen und in der endlosen Finsternis von ihr abzuprallen. Sie sah sie nie – daran hatte sich nichts geändert –, doch sie hörte sie im letzten Augenblick vor ihrem Einschlag kreischen. Eine Klaue hier, eine Schwinge da, eine flüchtige Berührung mit einem Stückchen namenlosem, unmenschlichem Fleisch. Und dann waren sie auch schon wieder fort, zurück in der Finsternis.

Anhand dieser Ablenkungen – dieser kurzen und sinnlosen Begegnungen mit den Geschöpfen, die in der Finsternis hausten – maß sie die Zeit. Sie hasste sie nicht. Auch dann nicht, als ihre Zahl anwuchs und die Zusammenstöße mit ihrem nicht ganz körperlich fassbaren Leib häufiger und schmerzvoller wurden. Sie mochte Dämonen nicht sonderlich – und hatte auch mehr als einen ihrer Art zur Strecke gebracht, um sie daran zu hindern, ihre Welt heimzusuchen –, aber sie hasste sie auch nicht. Nicht hier.

Sie bemitleidete sie. Wie sie selbst waren sie Gefangene von Sorin Markov und seiner Vollstreckerin in Engelsgestalt. Und im Gegensatz zu Nahiri hatten sie keinerlei Aussicht auf Rache. Sie waren jämmerliche Gestalten, heulend und vor sich hin faselnd, wahnsinnig oder von nacktem Grauen gepackt oder gar beides – mindere Geister, die unter der Last einer Ewigkeit im Dunkel zerbrachen.

Nahiri war Einsamkeit gewohnt, und ihr Verstand gehörte ihr. Ihre geistige Gesundheit, ihr Zorn, ihre Erinnerungen: Das war alles, was sie in dieser Schwärze hatte ... außer sehr viel Zeit.

Sie brachte Ondu zu Ende und verwendete ganz besondere Sorgfalt auf den heiligen Gipfel von Valakut. Sie verbrachte Jahre damit, im Krater des Vulkans zu meditieren. Ihr Zendikar war ihr Anker, dasjenige, was sie daran erinnerte, wer sie war und woher sie kam. Es musste ihr unbedingt richtig gelingen.

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Manchmal kehrte sie in ihrem Kopf zu diesem Krater zurück. Doch sie durfte sich nicht damit zufrieden geben, es sich in ihrem Zendikar häuslich einzurichten. Nicht, solange es noch nicht fertig war.

Murasa war schnell erledigt: ein großer Felsblock, der sich aus der See erhob. Die Wälder dieses Kontinents waren wahrlich bemerkenswert, doch sie scherten sie nicht, und sie unternahm auch keinen Versuch, sie nachzustellen. Bala Ged fesselte ihre Aufmerksamkeit für eine sehr lange Zeit, während sie die wandelbaren Küstenverläufe der Bojukabucht und das verworrene Netz aus Höhlen unter der Guumwildnis nachbaute.

Danach ging es nach Guul Draz – die oberste Schicht mochte öde sein, doch unter der Oberfläche war es hier genauso faszinierend wie in Bala Ged. Sie hatte die unterirdischen Lavaröhren, die den brodelnden Marschen des Kontinents die Hitze lieferten, zur Hälfte fertig, als sich – endlich und nach ungezählten Jahren – eine Änderung vollzog.

Licht – ein kurzes Aufblitzen, blendend grell in der Finsternis, das ihr die Konzentration raubte und für einen von grauenhafter Panik erfüllten Augenblick ihr Zendikar völlig überdeckte. Und dann war da etwas bei ihr. Eine Präsenz, die fassbarer war als diese heulenden Dämonen, die so flüchtig wie Nebelschwaden waren. Sorin?, dachte sie für einen Augenblick – aber nein. Nicht er. Nicht ... ganz. Tief unter Nahiri erwachten zwei Sonnen zum Leben, die nichts zu erhellen hatten, und sie hörte das leise Rascheln von Gefieder.

Der Engel – hier? In ihrem eigenen Gefängnis? Das war spannend.

Die Lichter kamen näher, und nun konnte Nahiri sehen – sehen, zum allerersten Mal seit Jahrhunderten. Der Speer des Engels blitzte auf, und er ächzte vor Anstrengung, als er ihn in weiten Bögen in alle Richtungen schwang. Seine Schwingen waren ausgebreitet, während er nutzlos versuchte, im Nichts Auftrieb zu finden oder sie gegen etwas pressen zu können.

Die Dämonen fielen kreischend und mit den ledrigen Flügeln schlagend in Scharen über den Engel her. Abgesehen von ihren zufälligen Begegnungen, bei denen sie Nahiri kurz gestreift hatten, hatten sie ihr ihre Ruhe gelassen. Doch sie erkannten ihre Kerkermeisterin. Und sie erkannten ihre einzige Gelegenheit zur Vergeltung.

Der Engel stieg zu Nahiri in die Höhe – ganz, ganz langsam in dieser zeitlosen Leere –, bis sie Seite an Seite waren. Der Schwarm aus Dämonen war wieder auseinandergestoben, nachdem Sorins Beschützerin die Oberhand gewonnen hatte. Der Engel schaute zu Nahiri und kurz begegneten sich ihre Blicke – und Nahiri verstand endlich. Sorin hatte keinen Engel versklavt. Er hatte ihn nicht überlistet oder genötigt. Dieser Engel stank nach Sorin, genau wie der Höllenkerker.

Er hatte ihn gemacht. Genau wie den Höllenkerker.

Der Engel erkannte sie von ihrem lange zurückliegenden Kampf wieder. Dunkle Augen füllten sich mit Wut – Wut, die Sorin in sie hineingegeben hatte. Er hatte den Engel in seinem eigenen Abbild erschaffen und ihn von Beginn an absichtlich verdreht. Er hatte ihn mit Hass erfüllt. Er hatte ihn zu seiner Kreatur gemacht. Nahiri schauderte.

Noch ein Wesen, dem von Sorin Markov schlimmes Unrecht angetan worden war. Eines ohne Aussicht auf Vergeltung oder Widergutmachung. Ohne Aussicht auf Freiheit. Eine Porzellanpuppe, um die Schülerin zu ersetzen, die er verloren hatte.

Nahiri vermochte nicht zu sagen, wie lange sie so fielen – gemeinsam und den Blick des anderen erwidernd. Nach all dieser Zeit wirkte Sprechen wie ein Ding der Unmöglichkeit.

Und dann war da Licht. Echtes Licht, als die Leere um sie herum Risse bekam, und endlich ...

war sie ...

frei ...
Verheerung
Vor einem Jahr

Am Ende ihres vermeintlich ewigen Falls landete Nahiri hart auf Händen und Knien. Ihre Augen verweigerten sich der bloßen Vorstellung von Licht, und ihre Ohren wurden von einer Kakophonie von Lärm gemartert. Sie versuchte, etwas in den Fokus zu nehmen, und das blendende Licht löste sich zu Schemen auf. Aus dem lauten Toben wurden Stimmen und aus der rauen Oberfläche unter ihr eine saubere kleine Pflasterstraße. Sie hob den Kopf. Leute schrien und rannten durcheinander. Feuer loderten. Leichen – Leichen? – wankten umher. Und über all dem erhob sich Sorins verdammter Engel auf einem weißen dünnen Lichtstrahl in die Luft.

Und überall in ihrer Nähe regnete es Silbersplitter.

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Ihre Hände fühlten sich merkwürdig an. Etwas zu fühlen ... fühlte sich merkwürdig an. Sie betrachtete ihre Handflächen. Sie waren blutig. Blutig. Sie wollte die Wunden mit der Kraft ihres Willens schließen, doch nichts geschah. Ihr Körper war nicht länger eine reine Ausprägung ihres eigenen Selbstempfindens. Er war wieder das, was er vor langer Zeit einmal gewesen war. Er war ... einfach nur ein Körper. Fleisch und Blut. Sie spürte, wie das Blut pochend durch ihre Adern schoss und wie sie keuchte, um Luft in Lungen zu zwingen, die seit Jahrtausenden keinen Atem gebraucht hatten. Die Welt um sie herum begann, sich zu drehen.

Sie musste fort. Bevor er sie fand. Wenn sie denn fortkonnte. Wenn sie denn überhaupt noch eine Planeswalkerin war.

Sie drückte forschend gegen die Wände der Welt und versuchte, sich in jene unwirkliche Richtung zu bewegen, die nur Planeswalker wahrzunehmen vermochten. Sie spürte die Wände der Welt um sich herum: Sie war immer noch eine Planeswalkerin, ganz gleich, was ihrem Körper auch widerfahren war – doch als sie sie prüfend betastete, erwiesen sich diese Wände als weitaus fester als in ihrer Erinnerung. Früher waren sie wie Seifenblasen gewesen – nun waren sie eine Barriere, die nur mit Zeit und Mühe zu überwinden war. War sie so sehr geschwächt?

Aber nein. Nein. Sie drückte so gegen die Wände, wie sie es immer getan hatte. Es lag nicht an ihrer Kraft. Die Wände waren nun höher und dicker. Die Verbindungen der Blinden Ewigkeiten zu diesem Ort fielen kümmerlicher aus als zu jenem Zeitpunkt, als sie hier ursprünglich eingetroffen war. Die Form des Universums selbst hatte sich während ihres Sturzes geändert. Das konnte sie spüren.

Sie war noch immer eine Planeswalkerin. Was immer das hieß.

Mit einer großen Anstrengung warf sie sich selbst in die Blinden Ewigkeiten. Sie zerrten an ihr und bedrängten sie, genau so, wie es immer gewesen war. In Anbetracht ihrer mangelnden Orientierung gab es wohl nur eine Welt, die sie erreichen konnte – jene, die ihm als ihr wahrscheinlichster Fluchtort in den Sinn kommen würde, falls er denn nach ihr suchen sollte. Doch daran war nichts zu ändern.

Ihre Füße fanden die steinige Erde Zendikars, und zum ersten Mal seit dem Beginn ihrer Gefangenschaft stand sie wieder auf festem Grund. Zendikar. Das echte Zendikar. Heimat. Sie war nicht weit entfernt von jener Stelle, von der aus sie vor so langer Zeit aufgebrochen war. In Akoums schroffem Herzen, unweit dessen, was das Auge von Ugin hätte sein sollen.

Doch das Auge war nur noch eine eingestürzte Ruine. Geröllfelder breiteten sich unter ihr und um sie herum aus. Polyeder und Splitter roten Vulkangesteins drehten sich träge in der Luft. Sein sorgsam angelegter geometrischer Aufbau. Die penibel genau gesetzten Polyeder, die das Auge umringt hatten. Die eigentliche Kammer. Alles war einfach ... fort.

Nein. Nein.

Die drei Eldrazititanen waren entkommen, während Zendikars Beschützerin in Sorin Markovs Höllenkerker geschmachtet hatte. Alles, was sie hier aufgebaut und wofür sie gearbeitet hatte, war in der Zeit ihrer langen Gefangenschaft zunichtegemacht worden.

Nahiri ballte die blutigen Fäuste. Wo? Wo waren sie? Vielleicht hatten die Eldrazi Zendikar verlassen. Vielleicht war ihre Welt endlich von ihnen befreit.

Sie sandte ihre Sinne durch die Steine in ihrer Umgebung, bis sie eine vertraute Erschütterung spürte. Es war nur das leiseste Zittern: die leichten, flinken Schritte anderer Kor. Sie kletterte auf einen Grat, um sie zu erreichen, wobei sie die Steine dazu anhielt, ihr ein aufrechtes Gehen zu ermöglichen, um ihre Hände zu schonen. Die Wunden wollten sich immer noch nicht schließen.

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Eine Wache stieß einen Ruf aus, und Nahiri brüllte heiser zurück. Ihre eigene Stimme kam ihr fremd dabei vor. Es war ein Antwortruf – ein wortloses Signal, das einfach nur eines bedeutete: Ich bin eine Kor.

Es dauerte nur eine Handvoll Atemzüge, bis ein Dutzend erschöpft wirkender Kor sich um sie drängte.

„Du bist verletzt“, sagte eine von ihnen, eine groß gewachsene Frau mit einer ungewöhnlichen, höckerigen Narbe auf der nackten Schulter. Die Betonungen waren anders und der Rhythmus der Silben ungewohnt, aber sie sprachen dieselbe Sprache. Die groß gewachsene Frau hob die Hände und brachte sie mit der Kraft heilender Magie zum Leuchten. Nahiri nickte, und die andere Frau berührte ihre Handflächen, um die tiefen Kratzer zu schließen, die Kopfsteinpflaster und Mondscherben auf einer anderen Welt dort hinterlassen hatten.

„Ich bin Tenri“, sagte die Frau, während sich ihre Wunden schlossen.

Nahiri antwortete nicht und versuchte, den Eindruck zu erwecken, als wäre sie in den Heilungsvorgang vertieft. Sie wusste nicht, wie viel man hier noch von ihr wusste – oder genauer gesagt von der unheilbringenden Prophetin Nahiri, deren Statue sie noch vor ihrer Zeit im Höllenkerker gesehen hatte.

„Du bist allein“, sagte der Wächter, ein mit Waffen und Seilen behängter Mann. „Ohne Ausrüstung.“

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Nahiri. „Ich bin ... eine Einsiedlerin, könnte man wohl sagen. Ich lebte lange sehr zurückgezogen, und die Dinge haben sich geändert. Was ist mit der Welt geschehen?“

Sie starrten sie mit offenen Mündern an.

„Die Eldrazi und ihr Werk sind überall zu sehen“, sagte der Wächter. „Wo bist du bloß gewesen, dass du nichts von ihnen weißt?“

„Still jetzt, Erem“, sagte die groß gewachsene Frau. Tenri. „Sie hat keine Ausrüstung, weil sie eine Steinschmiedin ist, und sie lebte wahrscheinlich sehr zurückgezogen, um ihre Kunst zu verfeinern.“

„So ähnlich“, sagte Nahiri. Sie zupfte das rote Armband zurecht, das sie als Meistersteinschmiedin auswies, ehrlich erstaunt darüber, dass die Gebräuche ihres Volkes so viel Aufruhr und eine so lange Zeit ohne ihre Hege überlebt hatten.

„Letztes Jahr“, sagte Tenri, „erhoben sich drei gewaltige Ungeheuer aus den Zähnen von Akoum. Offenbar hatten sie sehr lange Zeit in der Erde geschlafen. Ihre Brut und ihre Ausgeburten verbreiteten sich überall, doch diese drei – diese Titanen – waren schlimmer. Wo sie hingehen ... bleibt nichts mehr.“

„Es gibt manche“, sagte Erem, „die glauben, sie wären die fleischgewordenen Kamsa, Talib und Mangeni.“

Einige der Kor spien aus. Nahiri kannte nur einen dieser Namen: Talib. Sie hatte ihn unter eine Statue eingeritzt gesehen, die sie selbst als seine Prophetin darstellte. Während ihrer langen Abwesenheit und ihrer noch längeren Zeit der Träumerei davor hatten sich halb überlieferte Geschichten über die Eldrazi – Geschichten, die vielfach das allererste Mal von ihr erzählt worden waren – in jenen Stoff verwandelt, aus dem Legenden sind. Die Monstren, die im Inneren Zendikars lauerten, waren zu seinen Göttern geworden.

Nahiri spie ebenfalls aus.

„Es bleibt nichts mehr“, wiederholte sie dumpf. „Wo? Wo sind sie gewesen? Was haben wir verloren?“

„Bala Ged“, sagte Erem.

Nahiri wartete darauf, dass er mehr sagte, um ihr zu verraten, welche Teile Bala Geds verloren waren. Er schwieg.

Bala Ged. Ein ganzer Kontinent ...

„Das muss ich mit eigenen Augen sehen“, sagte Nahiri.

Erem schnaubte verächtlich. Bala Ged war sehr weit entfernt. Tenri nickte.

„Ich kann euch ausrüsten, bevor ich aufbreche“, sagte Nahiri. „Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“

Erem schüttelte den Kopf.

„An Ausrüstung mangelt es uns nicht“, sagte er. „Nicht, wo wir doch so viele verloren haben.“

„Mögen die Götter mit dir sein“, sagte Tenri. „Was für Götter man dieser Tage noch aufbieten kann.“

Nahiri fasste fest nach der Schulter der größeren Frau.

„Danke für deine Hilfe“, sagte Nahiri. „Und verzeih bitte, dass ich nicht mehr tun konnte.“

Sie versank in dem Gestein unter ihren Füßen und ließ die anderen Kor zurück – sie waren ihr nicht minder fremd wie Sorin.

Sie spürte das Ausmaß des Schadens. Die tiefen Orte der Welt waren von neuen Tunneln durchlöchert, die mit einer absonderlichen Substanz verkrustet waren, aus der sie nicht richtig schlau wurde. Überall, wo sie hinsah, gab es Verwüstungen. Überall waren Anzeichen der Eldrazi: Landschaften, die auf Arten und Weisen erodiert und zersetzt worden waren, die sie nicht einmal ansatzweise verstand. Und weit weg auf der anderen Seite der Welt, in Bala Ged –

Sie konzentrierte sich – ihr Vorhaben kostete nun Konzentration – und versetzte sich auf der Suche nach der Wurzel all dieser falschen Dinge auf die andere Seite der Welt. Sie fühlte sich benommen und ihr war übel. Sie sollte warten und sich ausruhen und ihre Kräfte sammeln.

Sie hatte das Warten satt. Sie musste sehen, was da gerade vor sich ging. Sie tauchte in Bala Ged auf, wo sie in einem üppig wuchernden Dschungel hätte stehen sollen. Was sich vor ihr erstreckte, war eine endlos scheinende Weite aus grauem Staub – lebloser als jede Wüste und an die Oberfläche eines Mondes gemahnend.

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Auf dem Zendikar, das sie sich in ihrem Kopf bewahrt hatte – dem mentalen Modell, das sie in den Jahren ihrer Gefangenschaft in akribischer Genauigkeit angefertigt hatte –, gab es so etwas nicht. Auf ihrem Zendikar war Bala Ged lebendig und wild. Auf diesem Zendikar war es tot. Nichts lebte hier. Selbst die Felsen waren stumm.

Der Boden unter ihren Füßen bebte, ohne dass sie den Ursprung der Erschütterungen hätte spüren können. Der Staub erzitterte.

Sie drehte sich um. Dort am Horizont erhob sich gewaltig und grauenhaft anzuschauen ein Wesen, das sie schon zweimal zuvor gesehen hatte – einmal auf einer Welt, die an die Eldrazi verloren gegangen war, und einmal, als sie es und seine Geschwister auf Zendikar eingekerkert hatte. Der Verschlinger. Derjenige, den Ugin Ulamog genannt hatte.

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Nahiri fiel auf die Knie und presste die Hände in diesen leblosen Staub.

Wenn das auf ihrer Welt frei herumlief –

Wenn das, was hier geschehen war, überall geschehen konnte –

Wenn sie keine Vorkehrungen getroffen hatte, ihr nur ein geringer Anteil ihrer Macht zur Verfügung stand und sie auf ein seit Jahrhunderten aus dem Lot geratenes Polyedernetzwerk zurückgreifen musste –

Dann war das Zendikar, das sie einst gekannt hatte, tot. Es gab keine Rettung. Man hätte genauso gut versuchen können, den Lauf der Sonne am Himmel aufzuhalten. Sie schloss die Augen und sah ihr Zendikar. Zendikar, wie es gewesen war. Die Welt, die sie Sorin Markov hatte zerstören lassen. Heiße Tränen des Zorns rannen ihr das Gesicht hinunter und landeten zischend in diesem widerlichen Staub.

„So wie Zendikar blutete, so wird Innistrad bluten.“

Sie schlug die Augen auf und schaute auf ihre Hände hinunter. Hände, die Fels geformt und Titanen gefangen hatten. Sie waren von grauem Staub überzogen.

„So wie ich weinte, wird Sorin weinen.“

Sie blickte zu dem Ding am Horizont hinauf und beobachtete, wie es wie eine Urgewalt über die Landschaft zog.

„Das schwöre ich bei der Asche meiner Welt.“

Nahiri richtete sich auf.

Sie hatte viel Arbeit vor sich.

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Veröffentlicht in Magic Story on 15. Juni 2016

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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Judge Fredd » Di 28. Jun 2016, 22:08

Emrakul erhebt sich


Der Wahnsinn auf Innistrad hat seinen Höhepunkt erreicht. Jace und Tamiyo wurden Zeuge von Sorins Konfrontation mit Avacyn und mussten mit ansehen, wie der Vampir den Engel vernichtete. Ganz Innistrad erschauderte bei Avacyns letztem Atemzug. Nun hat die Welt ihre Beschützerin verloren und ist Bedrohungen von innen wie außen hilflos ausgeliefert – ganz so, wie Nahiri es wollte. Das Land erzittert, und die Beben erschüttern die wenigen Herzen, die sich dem Wahnsinn noch zur Wehr setzen.
Die Klippen von Sehlhof
Nahiri hatte Großes vollbracht.

Sie hatte ihren Eid erfüllt – jenen Eid, den sie im Staub Bala Geds geleistet hatte. Unter ihren Fingernägeln und in den Falten ihrer Kleidung war noch immer Staub, den sie als Erinnerung dort belassen hatte. Seit ihrem Aufbruch aus Zendikar hatte sie sich selbst zu unvermindertem Fleiß angetrieben – jede Stunde eines jeden Tages und bis spät in die Nacht hinein, angepeitscht von ihrer Wut. Sie hatte sich alles abverlangt, um in die Blinden Ewigkeiten hineinzugreifen, mit Fingern, die vom anschwellenden Äther brannten. Um mit Stein zu arbeiten und mit Magie, die mächtiger war als jede andere, die sie je zuvor gewirkt hatte. Und alles war zehnmal schwerer gewesen, als sie ursprünglich geahnt hatte. Doch nicht ein einziges Mal hatte sie sich beklagt, gezaudert oder innegehalten, um sich auszuruhen. Und nun endlich würde sie dafür belohnt werden. Sie würde sehen, wie sich all ihre Mühen auszahlten. Und Sorin würde es auch sehen.

Innistrads letzter Schutz war dahin. Nahiri hatte gespürt, wie das letzte bisschen davon abgefallen war, als hätte man einem Krieger nach der Schlacht ein schweres Rüstungsteil abgenommen. Die Welt war nackt und verwundbar. Allerdings war der Kampf noch nicht vorüber. Er hatte gerade erst begonnen.

„So wie Zendikar blutete, so wird Innistrad bluten.“

Nahiri hielt den Atem an. Der Boden unter ihren Füßen bewegte sich. Die Welt begann zu pulsieren und wurde von Beben erschüttert, wie eine Kette explosiver Reaktionen, die tief unter der Oberfläche rumorten und durch die Nacht hallten. Auch Sorin würde sie spüren. Dieser Gedanke erfüllte Nahiri mit großer Zufriedenheit. „Komm!“, rief sie zum Himmel empor. „Komm zu mir! Komm nach Innistrad!“

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Dann spürte sie es: eine Präsenz.

Die Luft wurde heiß und stickig. Nahiri sog sie tief in sich ein. Ja. Diesen Geruch kannte sie nur allzu gut. Eine Aufregung erfasste sie, wie sie sie seit Jahrhunderten nicht mehr verspürt hatte. Sie rannte zum Rand der Klippe. Ihre Beine bewegten sich beinahe wie von selbst, und ihre Gedanken konnten mit dem Hämmern ihres Herzens und dem Trommeln ihrer Füße kaum Schritt halten.

Sie blickte zum Wasser. Zu jenem Tempel, den sie für den Gott errichtet hatte. Er war nicht mehr leer. Tränen sammelten sich in Nahiris Augenwinkeln, doch sie wischte sie fort. Dies war nicht die Zeit für Tränen.

„So wie ich weinte, wird Sorin weinen.“

Wellen türmten sich auf. Die Gestalt unter der Wasseroberfläche wurde größer und größer und drohte, vollständig aus den Tiefen emporzubrechen. Endlich. Es war Zeit.
Die Sümpfe Gavens
Es war Zeit. Zeit zum Beten.

Erzengel Avacyn. Mutter meinte, ich soll beten, wenn ich Angst bekomme. Ich habe gerade Angst.

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Obwohl er von Katharern mit schimmernden Klingen und schwerer Stahlrüstung umgeben war, kauerte Maeli sich zusammen. Er fühlte sich allein.

Er fühlte sich allein, seit er sich an jenem Tag, an dem die entsetzlichen Engel mit ihrem Flammenregen gekommen waren, aus dem Dorf geflüchtet hatte. Er war in den Wald gelaufen, wie seine Mutter es ihm gesagt hatte, und er war nicht ins Dorf zurückgekehrt. Hundert Mal hatte er es gewollt. Doch sie hatte ihm gesagt, er könne auf keinen Fall zurückkehren, und ihr Blick war dabei ernster gewesen als je zuvor. Daher hatte er ihr lieber gehorcht. Nun wünschte er, er hätte es nicht getan. Nun wünschte er, er wäre daheim.

Er umklammerte das ausgestopfte Häschen, das ihm die alte Frau mit dem grauen Haar gegeben hatte. Die, die ihn im Wald gefunden und in ihr Haus mitgenommen hatte, das nach Süßigkeiten und trockenem Brot roch. Sie hatte ihm gesagt, er solle sie Fräulein Sadie nennen und dass ihr Haus sein Haus sein konnte, so lange er wollte. Doch das hatte er ja nie gewollt.

Erzengel Avacyn. Ich möchte nach Hause. Bitte. Darf ich nach Hause gehen?

Keine Antwort. Stattdessen griffen dicke, sich windende Arme nach ihm, die durch die Lücken zwischen den Katharern hindurchschossen. Es waren dieselben Arme, die in ebenjener Nacht aus Fräulein Sadies Brust hervorgebrochen waren, gerade als sie gemeinsam beim Abendessen gesessen hatten. Es war nicht lange nachdem geschehen, wie Maeli seinen Stuhl erbeben gespürt hatte, und kurz nach einer Windbö, die durch die offenen Fensterläden gefahren war und einen Duft wie von zu süßem Nektar mit sich gebracht hatte. Als Fräulein Sadies Brust sich aufgetan hatte, hatte er den Löffel im Mund gehabt, weil er just in jenem Augenblick im Begriff gewesen war, einen Mund voll dünnem Eintopf herunterzuschlucken. Das meiste davon war ihm aus der Nase gesprudelt und hatte ihn verbrannt – in seinem Kopf, hinter den Augen. Das hatte ihn zum Weinen gebracht. Tränen waren ihm die Wangen hinuntergeströmt, als Fräulein Sadie ihm mit ihren viel zu vielen Armen nachgejagt war.

„Bleib zurück!“ Die Katharer bewegten sich durch das hohe Gras und hackten einen Arm nach dem anderen ab. Einer landete zu Maelis Füßen. Als er zu ihm hinunterschaute, verkrampften sich Maeli die Eingeweide. Dies war zweifellos einer ihrer echten Arme. Da war ein Fetzen jener gelben Bluse, die sie getragen hatte, und ein Stückchen weiter starrte ihm ihr großes, haariges, braunes Muttermal entgegen.

Maeli vergrub das Gesicht in dem ausgestopften Häschen, und eine Träne rollte ihm die Wange hinab. Bitte, Avacyn. Der Engel war schon einmal zu ihm gekommen. Avacyn hatte ihm geholfen, als er sich verirrt hatte und von Furcht ergriffen gewesen war. Seine Mutter hatte ihm gesagt, dass Avacyn gekommen war, weil sie für seine Rettung gebetet hatte – so inständig, dass Avacyn sie ihr nicht hatte verwehren können. Maeli wusste nicht, wie ein Gebet inständiger sein konnte als ein anderes, und er wusste auch nicht, wie er sein Gebet so inständig machen konnte, dass Avacyn zum Erscheinen gezwungen war, doch er wusste, dass er es versuchen musste. Er schrie sein Gebet in das feuchte, verfilzte Fell des ausgestopften Häschens hinein, so laut er nur konnte. „BITTE, AVACYN! HILF MIR!“

„Avacyn ist tot!“ Die Stimme durchbohrte die kalte Leere in Maelis Magen, und eine eisige Furcht sickerte daraus hervor, die ihm die Wirbelsäule bis zum Nacken hinaufkroch. Wie kalte Finger fuhr sie ihm unter den Schädel, packte seinen Kopf und wandte seine Augen zum Himmel.

Ein Engel.

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Einen flüchtigen Augenblick lang keimte Hoffnung in Maelis Herz. Hoffnung, dass dies nur eine Lüge sein mochte, doch noch während er sie verspürte, begriff er, dass der Engel, der dort droben schwebte, nicht Avacyn war.

„Sie ist jetzt hier“, sagte der Engel und blickte Maeli unverwandt in die Augen. „Sie erhebt sich! Sie erhebt sich!“ Der Engel warf den Kopf zurück und stieß ein kreischendes Lachen aus, das über den gesamten Himmel hallte. Dann brach das Gelächter jäh ab, und der Engel blieb einen Wimpernschlag lang vollkommen reglos, als wäre er am Firmament eingefroren. „Ich – bin‘mrakul!“ Er stieß herab und seine Klinge schnitt durch die Luft vor ihm. Maeli kniff fest die Augen zusammen. Bitte.
Die Küste Nefalens
Bitte. Bitte erwähle mich. Edith klammerte sich mit den Zehen an den glatten, nassen Felsen und versuchte, Tritt zu fassen. Sie war so dicht, wie sie zur Zeit herankam. So dicht, wie es vor der Auferstehung und dem Werden möglich war. Und dennoch wollte sie noch dichter heran.

Bitte erwähle mich. Sie hatte bewiesen, wie fromm sie war. Mehr als fromm. „Mehr als fromm.“

Erwähle mich. Sie warf flüchtige Blicke unter ihrer Kapuze hervor, erst zur einen, dann zur anderen Seite. Ja. Auf den Felsen in der Nähe befanden sich tatsächlich keine anderen Kultisten. Sie richtete sich auf. Stolz. Niemand war hier, wo sie war. Niemand war so dicht heran. Sie war Ihr am nächsten. „Am nächsten.“ Sie wollte Ihr noch näher sein.

„Erwähle mich! Mich! Mi‘mrakul!“ Sie reckte die Arme gen Himmel und öffnete sich der, deren Ankunft bevorstand.

Die Wellen schlugen über ihr zusammen. Sie spürte es. Es war Zeit.

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„Emrakul!“ Der Name, die Macht, die Vollkommenheit breiteten sich in ihr aus, während das Wasser um sie herum toste. „Emrakul!“ Die Ganzheit hüllte sie ein, verflocht sich mit ihr, wurde eins mit ihr. Das Meer schwoll an, weiter und weiter dem Himmel entgegen. „Erwähle mich, Emrakul! Nimm mich! Emrakul.“

Andere Stimmen erklangen hinter ihr, um gemeinsam mit ihr im Takt des purpurnen Leuchtens, das unter der Wasseroberfläche pulsierte, zu singen. „Erwähle mi‘mrakul! Nimm mi‘mrakul. Bin‘mrakul.“

Das Leuchten wurde heller, stärker, mächtiger und schließlich zu einem beständigen Licht. Edith kroch auf ihrem Felsen weiter nach vorn, während ihre Zehen nach Halt suchten. Sie war die Vorderste. Am nächsten. Noch näher. Und noch näher.

Um sie herum schlugen die hohen, verkrümmten Steinsäulen Funken in die Nacht. Violette Blitze der Macht lösten sich aus den spitzen Kanten und sprangen von einer zur anderen und dann zur nächsten. Ihre Macht. Es war Ihre Macht. Alles war Sie. Näher. Näher.

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Das anschwellende Wasser ließ die Wellen tosen und brodeln. Land und Meer waren nun kaum noch zu unterscheiden. Edith bewegte sich dichter heran. Noch niemals zuvor war sie bei irgendetwas die Erste gewesen. Die Beste. Noch niemals zuvor. Aber es hatte auch noch niemals zuvor irgendetwas gezählt. Nun jedoch zählte es, und nun war sie es. Die Erste. Am nächsten. Die Beste. „Bin‘mrakul!“

Das Meer spie einen Teil seiner selbst in den Himmel hinein. Das Wasser ragte wie eine dicke Steinsäule auf, brach in sich zusammen und wuchs zugleich wieder aufs Neue an ... Wütendes Chaos. Und dann erstarrte es, als wäre die Zeit angehalten worden. Es hing wie eine felsige Klippe am Himmel. Von unten erklang ein Grollen.

Und dann erhob sich Emrakul.

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Edith konnte das Heulen, das ihr aus der Brust aufstieg, nicht unterdrücken. Der Klang ihrer Stimme schwoll mit den Wogen Ihrer Macht an und verschmolz mit der Resonanz Ihrer Umarmung. Vollkommen.

Emrakul sah Edith vor sich. Sie blickte mit einem riesigen, leuchtenden purpurnen Auge auf sie herab.

Und Edith sah Emrakul. Sie starrte wie gebannt in das Leuchten und versank tiefer und tiefer in der Intensität Ihres Seins. Es gab so vieles zu sehen, so vieles zu werden. Sie war erwählt worden. „Bin‘mrakul.“

Sie lehnte sich noch dichter heran.
Die Tiefen des Ulvenwaldes
Sie lehnte sich noch dichter heran und drückte ihren Rücken gegen den Alenas. Sie waren umzingelt. Hal spürte den Drang, sich zu ergeben und sich einfach zu Boden sacken zu lassen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Wärme, die von Alenas Armen ausging, und auf das Gefühl, wie sie sich gegen ihr eigenes klammes Fleisch drückten, und handelte so, als stünde die Welt nicht am Rande des Zusammenbruchs. „Wo willst du anfangen?“ Wie beiläufig warf sie die Frage über ihre Schulter.

Schritt für Schritt drehten sie sich auf der Stelle um eine gemeinsame Achse und schätzten dabei die Schwere der vor ihnen liegenden Aufgabe ab. Sie befanden sich in einem Hain im Ulvenwald, doch der Ulvenwald war nicht mehr so, wie sie ihn einst gekannt hatten. Alles war verzerrt und grässlich geworden: Die Bäume hatten Arme mit langen, schlanken Fingern, die nach Hals Haar griffen; die Brombeerhecken hatten Münder, die schwatzten und kreischten; das Moos hatte Beine, auf denen es wie Ratten umherhuschte; und selbst die Städter, die nicht hierher in den Wald gehörten, hatten der drängenden Macht nachgegeben und waren zu Geschöpfen geworden, die viel schlimmer waren als jedes Ungeheuer, das Hal je gesehen hatte.

„Wir sollten mit den Städtern anfangen“, sagte Alena.

Hal nickte.

Es waren drei. Sie waren derart mutiert, dass ihre menschliche Gestalt kaum noch zu erkennen war.

„Kom‘mrakul. Sei‘mrakul“, riefen sie.

Hal spürte den Sog in ihren Worten. Sie waren der Versuchung gefolgt, die auch Hal so bedrängt hatte. Sie hatten ihm nachgegeben und mussten ihm nun nicht mehr widerstehen.

„Sind‘mrakul. Wir‘mrakul.“

Hals Ohren dröhnten, und in ihren Eingeweiden rumorte es. Es könnte so leicht sein. Sie könnte ... Nein! Alenas gleichmäßiger Herzschlag sagte Nein.

„Ich fange mit dem Schreckhaften an und du mit dem Dicken.“ Alenas Stimme bebte nicht. Kein einziges Mal.

Hal zwang sich, ihrer zugeschnürten Kehle und dem Druck in ihrem Schädel keine Beachtung zu schenken. „Klingt wie ein Plan.“ Sie würde es versuchen. Sie würde kämpfen. Sie griff nach ihrer Klinge und verschloss ihr Bewusstsein vor dem verworrenen Singsang. Der Dicke. Sie konzentrierte sich auf den Dicken ... und keuchte dann erschrocken.

„Alena. Alena, ist das ...“ Hal konnte den Satz nicht beenden.

Alena spähte herüber. „Der Älteste Kolman. Möge der Engel ihm gnädig sein.“

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Ein Schwindel packte Hal und ihr Blick verschwamm. Unmöglich.

„Sind‘mrakul.“ Die Abscheulichkeit, die einst der Älteste gewesen war, schlurfte vorwärts. Alles, was Hal tun konnte, war, ihr Schwert zu ziehen und seinen dicken, ausladenden Arm abzuwehren.

„Kom‘mrakul. Sei‘mrakul.“ Kolmans Worte taumelten durch Hals angegriffenes Bewusstsein. Wie konnte dieses Ungeheuer ein Mann sein, den sie einst gekannt hatte?

Er holte mit einem Arm, der eher einem Baumstamm ähnelte, nach ihr aus. Hal stolperte zurück. Ihre Gedanken rasten.

„Sind‘mrakul. Sei‘mrakul.“ Die Worte legten sich um sie und hüllten sie ein. Sie sagten ihr, sie bräuchte nicht nachzudenken, bräuchte sich nicht zu sorgen ... Nur nachgeben. Sei‘mrakul. Bin‘mrakul.

„Hal?“ Alenas Stimme. „Hal! Sein Arm! Schau nach rechts!“

Hal hörte die Worte, verstand sie jedoch nicht. Urplötzlich fuhr ein silberner Blitz durch den dicken Arm des Ältesten. Alenas Klinge. Hal wusste, dass sie ebenfalls ihr Schwert schwingen sollte. Doch es war so schwer. Es wollte nicht geschwungen werden.

Sei‘mrakul. Ein‘mrakul. Sie fühlte sich, als würde sie schweben.

„Hal!“ Alena klang verärgert. Doch sie war weit weg. So weit weg.

Sei‘mrakul.

„Bleib bei mir, Hal.“

Sind‘mrakul.

„Ich brauche dich.“

Bin‘mraku...

„Bitte!“

Es war Alenas Berührung – ihre schweißnassen Finger, die nach Hals Handgelenk griffen –, die sie von der erdrückenden Umarmung wegrissen. Sie blickte zu der Frau auf, die sie liebte.

„Hal? O bitte, Hal.“

Sie wollte nicht, dass Alena verärgert war. Sie wollte nicht, dass Alena so weit weg war. Und sie wollte nicht, dass Alena allein war.

Sie musste kämpfen. Es war schwer. Schwerer als alles, was sie je zuvor getan hatte. Doch sie musste es tun. Sie drängte das Dröhnen aus ihrem Schädel und fand die nötige Kraft, die Klinge zu heben. „Es geht mir gut, Alena“, sagte sie. „Es wird alles gut.“

„Natürlich wird es das.“ Hal spürte, wie die Anspannung aus Alenas Körper wich, als sie ihr auf die Beine half.

„Sei‘mrakul.“ Die Wangen des Ältesten blähten sich auf.

Hal funkelte ihn an – Nein!Dieses Ding war nicht er. Das war nicht der Älteste Kolman. Das war ein Ungeheuer. Eines, das drohte, Hal von der unerschrockenen Frau an ihrer Seite fortzureißen. Das würde sie nicht zulassen.

„Ich finde, wir sollten ihn uns gemeinsam vornehmen.“ Alena nickte in Richtung des Ungeheuers.

„Ja, ich glaube, das wäre wohl das Beste.“

Sie standen Seite an Seite und drückten ihre Schultern eng gegeneinander. Alena atmete ein. „Auf mein Zeichen.“

Hal brauchte Alenas Zeichen nicht, um zu wissen, wann sie handeln musste. Sie spürte, wie sich Alenas Muskeln bewegten, und die ihren reagierten instinktiv. Gemeinsam waren sie wie eine Doppelaxt, nach beiden Seiten zuschlagend, aber in der Mitte stets verbunden. Alena hieb durch die linke Schulter des Ungeheuers, während Hals Klinge auf die rechte eindrosch. Die sich windenden Gliedmaßen landeten zu ihren Füßen, doch die Abscheulichkeit schien dies kaum zu bemerken. Sie stürzte sich ihnen entgegen. „Wir‘mrakul!“

Hal schwang erneut ihre Klinge und enthauptete den einst heiligen Mann, der immer noch unbeirrt weitersang: „Bin‘mrakul, Sind‘mrakul, Emrakul!“

Hal ertrug die Worte nicht mehr. „Sei still!“ Sie hob die Klinge und schlug mit solcher Kraft zu, dass sie den Kopf des Ältesten in zwei Teile spaltete. Ein Gewirr verflochtener Wurzeln quoll aus ihm heraus, als wären sie die ganze Zeit viel zu eng darin hineingestopft gewesen.

Der Singsang endete. Es war getan.

Hal streckte die Hand aus und fand die Alenas. So unvermittelt, wie sich ihre Finger miteinander verschränkten, wusste Hal, dass Alena immer da sein würde. Stumm versprach sie, es ihr gleichzutun.

„Wir‘mrakul.“ Hinter ihnen erklang die Stimme eines anderen Städters. „Sei‘mrakul.“

Hal wollte schreien. Und dann sah sie es. Eine Öffnung jenseits der Leiche des gefallenen Ältesten, die aus dem Hain des Schreckens hinausführte. „Komm!“ Sie zog an Alenas Hand. „Hier entlang!“

Alena folgte Hal durch die tastenden Gliedmaßen und sich windenden Massen hinaus. Hinaus in den Wald. Hinaus, wo die Luft nicht nach verwesendem Fleisch roch. Hinaus, wo die Brombeerhecken verwurzelt blieben und das Moos nicht in kranken Mustern über den Boden huschte.

Sie rannten, bis sie den Singsang nicht mehr hören konnten, bis sie das Dröhnen in ihrem Schädel nicht mehr spürten. Und dann rannten sie weiter, bis ihre Muskeln brannten und ihre Lungen schrien. Am Rand einer Klippe hielten sie an, sanken ineinander, Stirn an Stirn. Hände griffen nach Schultern, Atem verband sich in dem kleiner werdenden Raum zwischen ihren Lippen.

„Hal.“

„Alena.“

Sie würden dies niemals aufgeben; sie würden niemals loslassen.
Der Himmel über Innistrad
Sie würden niemals loslassen. Niemals. Sie hatten das Licht gesehen und die Macht gespürt. Die Wahrheit hatte sie umfangen. Sie hatte sie erschaffen.

Bruna war fort.

Sela war vollendet.

Stattdessen waren sie entstanden. Sie. Eins. Ein‘mrakul.

Emrakuls Engel breitete vier Schwingen aus, reckte zwei Arme in die Höhe und rief mit einer Stimme, die aus zwei Mündern erklang: „Wir sind Emrakul!“

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Sie waren Ihr Abbild, das Abbild Ihrer ewigwährenden Wahrheit, und ihre Stimme war die Ihre. „Wir sind Emrakul!“

Der Ruf zog andere an. „Wir sind‘mrakul!“ Stimmen erhoben sich von der Welt unter ihnen und verschmolzen in einem Klang, einer Wahrheit. „Ein‘mrakul, Sein‘mrakul, wir‘mrakul!“

Es war unbeschreiblich. Es war alles. Es war Sie.

Emrakuls Engel führte sie alle hinab, um Ihrer strahlenden Gestalt zu folgen. Was einst dunkel war, war nun ihr Ihr Licht getaucht. Wahres Licht, das sich weiter und weiter ausbreitete, ein strahlender Sonnenaufgang, der bald jeden Winkel der Welt berühren sollte. „Alles ist Emrakul! Wir sind Emrakul!“
Die gewundene Straße nach Thraben
Wir sind Emrakul. Alles ist Emrak... „Gah! Nein.“ Jace wischte die wirbelnden Worte entschlossen aus seinem Bewusstsein. „Und bleibt mir ja weg.“

Tamiyo hatte ihn gelehrt, sich gegen Emrakuls wahnsinnig machende Berührung zur Wehr zu setzen, doch es war schwieriger, das geistige Bollwerk aufrechtzuerhalten, als die Mondfrau es aussehen ließ. Das war ein Hindernis. Ein großes Hindernis für seinen Plan.

Jedes Mal, wenn er sich zu lange auf etwas anderes als die Eldrazititanin konzentrierte, kroch Ihr verderbtes Geflecht zurück in seinen Kopf, nagte an seiner Verteidigung und grub sich in die tiefsten Rückzugsorte seines Geistes.

Dieses Mal war es der Anblick des pervertierten Engels am Himmel über ihm gewesen, der ihn abgelenkt hatte. Er hatte sich gut geschlagen, als er seinen Blick auf Tamiyos Rücken geheftet und sich auf ihre Reise über die Felsen konzentriert hatte. Er folgte ihr zu etwas, was sie den Nexuspunkt nannte. Doch die Anwesenheit des Engels war unmöglich zu ignorieren gewesen. Seine Gestalt war so unfassbar fremdartig, dass Jaces Neugier die Oberhand gewonnen hatte. Er hatte hinaufgespäht und war sofort von dem Anblick gefangen gewesen, während er sich noch mühte, ansatzweise zu verstehen, was er da eigentlich sah. Zunächst hatte er es für einen Dämon gehalten, doch es war viel schlimmer als das. Als er endlich die zahlreichen Schwingen, das rankenhafte Bindegewebe zwischen den beiden Köpfen und die widerhallende Stimme verarbeitet hatte, hatte er sich schon verloren gehabt. Das war nicht hinnehmbar. Für das, was er zu tun beabsichtigte, musste er in der Lage sein, auf seinen Verstand zu vertrauen. Doch hatte er das eigentlich wirklich vor? Konnte er es tatsächlich irgendwie rechtfertigen, die anderen hierherzubringen? Sie diesem Wahnsinn auszusetzen?

Die Frage lag ihm schwer im Magen und schwoll zu einer Woge der Übelkeit an. Er hatte gedacht, es wäre das Richtige. Oder etwa nicht? Ja, das erschien wie die einzige Lösung. Er war sich sicher. Sogar so gut wie vollkommen sicher. Ganz dicht an vollkommen sicher dran. „Gah!“ Jace warf die Arme in die Luft.

„Pst!“ Tamiyo warf einen tadelnden Blick über die Schulter.

„Entschuldige.“ Jace hob beschwichtigend die Hände.

Tamiyo schaute finster drein, wandte sich dann aber erneut dem Pfad, ihrer magischen Laterne und ihren sanften Schritten zu. Er sollte es ihr sagen. Er sollte ihr sagen, dass sie hier warten sollte und er Hilfe holen würde. Das hier war größer als alles, was sie zu zweit bewältigen konnten. In Wahrheit war es das schon immer gewesen, selbst als Jace noch dachte, dass es nur um den wahnsinnigen Engel Avacyn ging. Wäre Sorin nicht in der Kathedrale gewesen ... Sorin. Jace verfluchte den uralten Vampir, der Innistrad an den Rand der Vernichtung geführt hatte, um dann einfach davonzuschweben und Jace die Beseitigung dieses Chaos zu hinterlassen.

Ein Titan der Eldrazi war jedoch nichts, was Jace hätte allein beseitigen können. Das war nichts, was er jemals hätte allein vollbringen sollen. Gideon selbst hatte Jace aufgetragen, nach Zendikar zurückzukehren, falls er Neuigkeiten über den Verbleib des Titanen erfuhr. Nun, Jace hatte sogar mehr als das getan. Er hatte Sie gefunden. Gideon würde gewiss sehr zufrieden sein.

Vor ihm hielt Tamiyo am Ufer inne und hob die Laterne. Jace folgte den Strahlen aus magisch verstärktem Licht und hob den Blick zum Himmel. Umgehend wünschte er, er hätte es nicht getan.

Es war das erste Mal, dass er Sie tatsächlich sah. Die Titanin. Emrakul.

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Jace war wie gebannt.

Er hätte schwören können, dass Emrakul größer war als die anderen beiden. Und auf ihre Weise viel, viel mächtiger. Sie war erst eine kurze Zeit auf dieser Welt und doch schien ihr bereits so vieles davon zu gehören. Ganz Innistrad hatte sich aufgemacht, ihr zu folgen. Kultisten, in Ihrem Abbild pervertiert, schleppten sich über die Felsen und ließen alles hinter sich, was sie in ihrem früheren Leben gewesen waren. Tiere und Ungeheuer gleichermaßen scharten sich zu Lande, zu Wasser und in der Luft hinter ihr, während sie sich immer weiter voranbewegte. Die Bäume, das Moos und das Unterholz ... Selbst die Algen krochen aus dem Wasser, um ihr nahe zu sein.

Auch Jace verspürte den Drang, zu ihr zu gehen. Bin‘mrakul.

Nein.

Er wollte sich selbst schütteln. Er musste seine Gedanken ordnen. Er musste nachdenken. Er durfte Sie nicht bekommen lassen, was Sie wollte. Erneut ahmte er das nach, was Tamiyo ihn gelehrt hatte, und ballte vor Anstrengung die Hände zu Fäusten. Der Vorgang, sich zu vergewissern, dass kein Quäntchen Delirium in seinem Bewusstsein verblieben war, ähnelte dem, Spinnweben im Inneren des eigenen Schädels fortzuwischen. Dicke, verflochtene Spinnweben, die von einer hoch aufragenden Ungeheuerlichkeit der Eldrazi gewoben wurden, welche im Begriff war, den Verstand eines jeden Lebewesens auf dieser Welt zu verzehren. Jace erschauderte.

Das war es, was er für sie tun musste. Für Gideon und Chandra und Nissa. Er musste nicht nur seine, sondern auch ihre Gedanken schützen. Er durfte sie nicht hierherbringen, nur damit sie von Ihr verschlungen wurden. Das würde er auch nie tun. Die Frage lautete nun also: Konnte er das schaffen? Er hatte sich das bestimmt schon Hunderte von Malen gefragt, doch er hatte noch immer keine Antwort.

„Du sagst, man nennt Sie Emrakul?“ Tamiyos neugierige Stimme riss Jace aus seinen Gedanken. Er warf ihr einen Blick zu. Ihr Gesicht war ein wahres Sinnbild innerer Ruhe, ganz so, als fiele ihr das Schützen ihres Bewusstseins vor dem Wahnsinn nicht schwieriger als das Atmen.

„Ja“, sagte Jace. „Das ist einer der Namen, den man Ihr gegeben hat.“

„Faszinierend, dass ein derartiges Ding einen Namen hat.“ Tamiyo nahm ihr Teleskop vom Gürtel und hielt es sich vor ein Auge. „Ich frage mich, wie Sie sich wohl selbst nennen mag.“

Jace hatte darüber noch nie nachgedacht. Er wäre nie darauf gekommen, dass das von irgendeiner Bedeutung sein könnte. Die Mondfrau blickte so viel anders als er auf diese Dinge. Er starrte auf Emrakuls massige Gestalt und versuchte, Sie mit Tamiyos Augen zu sehen. Er blickte in Ihr gewaltiges, purpurnes Auge. Es sah warm und einladend aus. Er fragte sich, was es dahinter zu finden gab. Kurz vor dem Steilhang hielt er sich zurück. Wie heißt du?, fragte er. Wie nennst du dich?

Eine Flut an Worten hallte aus allen Winkeln seines Bewusstseins wider:

Die ewige Unendlichkeit ... Diese Welt gehört mir.

Das Absolute ... Ich werde alles haben.

Der Anfang ... Ich werde alles sein.

Das Sein ... Alle sind‘mrakul.

Das Ende.

Das Ende.

Das Ende
.

Jace zog sich zurück und schnappte nach Luft. Dies war nicht das Ende. Dies würde nicht das Ende sein. Nicht für ihn und nicht für Innistrad. Er musste zu zweifeln aufhören und es nicht länger aufschieben. Er musste seinem Verstand vertrauen. Erneut blickte er zu der seelenruhigen Tamiyo. Wenn sie das schaffte, dann konnte er das auch. Für sie. Ja. Es war Zeit, die Wächter nach Innistrad zu holen. Er räusperte sich. „Tamiyo, ich muss fort.“

„Was?“ Tamiyo drehte sich um. Ihre lavendelfarbenen Augen waren weit aufgerissen.

„Es gibt noch drei andere. Planeswalker. Sie sind mächtig, sie sind die Besten, die es gibt, und sie können helfen. Ich muss sie holen. Auf einer anderen Welt haben wir zwei andere Kreaturen dieser Art getötet.“ Er nickte in Emrakuls Richtung, ohne Sie anzusehen.

Tamiyo schien ihm nicht recht zu glauben. „Zwei?“

„Es hat uns alles abverlangt, aber ja.“

Tamiyo legte den Kopf schräg und schaute ihm in die Augen. Jace hatte den Drang, wegzusehen. Er fühlte sich schuldig unter ihrem prüfenden Blick, obwohl er sich nicht sicher war, warum. Und dann lächelte sie plötzlich. „Das habt ihr. Das habt ihr wirklich und wahrhaftig getan. Diese Geschichte würde ich zu gern hören.“ Sie seufzte. „Ein anderes Mal. Wenn die Geschichte dieser Welt auf ein anderes Ende als Dunkelheit hoffen soll, dann müssen wir alle unseren Beitrag leisten.“

„Wirst du mich begleiten?“

„Nein, Jace. Das ist nicht mein Weg.“

„Wirst du hier sein, wenn wir zurückkommen?“

„Wir alle werden dort sein, wo wir sein müssen.“

Jace öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch dann spürte er eine beruhigende Berührung in seinem Bewusstsein. Tamiyo. Er musste sich nicht mehr anstrengen, um dem Wahnsinn standzuhalten. Ihm war nicht einmal aufgefallen, dass er sich so sehr abgemüht hatte. Es war wie ein grässlicher Kopfschmerz, der endlich abflaute. Erleichterung. Er entspannte sich.

„Ich werde deinen Geist schützen, damit du diese Welt verlassen kannst“, sagte Tamiyo. „Geh.“

In diesem Augenblick wollte Jace nichts sehnlicher, als zu tun, was sie sagte. Er wollte fortgehen, diese Welt und die Titanin hinter sich lassen. Auf jene Welt zurückkehren, die sie bereits gerettet hatten. Zendikar. Seetor. Zum Meervolk, den Kor und den Vampiren, die nun geeint waren. Nissa würde da sein, mit ihren leuchtenden grünen Augen. Und Gideon mit seinen breiten Schultern und seinem offenen Lächeln. Und ...

„Nun sieh mal an, wer sich entschlossen hat, doch noch aufzutauchen. He, Gideon, hier drüben!“

... Chandra.

„Das wird aber auch Zeit!“ Das Geräusch von Stiefeln manifestierte sich in Jaces Ohren und das Nachbild Emrakuls, wie Sie über ihm aufragte, würde durch das lächelnde Gesichts eines Freundes abgelöst.

Veröffentlicht in Magic Story on 22. Juni 2016

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Judge Fredd
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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Judge Fredd » Mi 6. Jul 2016, 21:08

Die letzte Hoffnung Innistrads


Dank Nahiris Machenschaften wurde die Eldrazititanin Emrakul auf Innistrad entfesselt. In der Zwischenzeit lotete Liliana in einem Turm des Vess-Anwesens die Macht des Kettenschleiers aus – und die schmerzhaften Nachwirkungen seines Gebrauchs. Nach ihrer Auseinandersetzung mit Jace hat sie erkannt, dass sie sich einzig und allein auf sich selbst verlassen kann, wenn sie sich ihren Dämonen stellen will.

Dünne Drähte aus Metall hingen von den Enden des Kettenschleiers. Liliana Vess konnte in den Verbindungen aus Spektralglas, an denen die Drähte befestigt waren, beinahe ihr Spiegelbild sehen, genau wie in dem Gitternetz der Hexenbann-Kugel auf dem Fenstersims und auch in den leitenden Röhren, die aus dem Fenster hinaus aufs Dach führten. Die Zeichnungen auf ihrem Gesicht waren durch den Schleier gerade eben noch sichtbar. Die Linien auf ihrer Haut passten zum bedrohlichen Licht der Sturmwolken. Blitze zuckten in angemessener Weise.

Zwei Dämonen mussten noch sterben. Liliana musste jedoch gewährleisten, dass sie nicht selbst den Tod fand, sobald es ihr gelang, ihnen gegenüberzutreten. Der Kettenschleier war eine mächtige Waffe, die für ihren Träger allerdings nicht minder tödlich sein konnte. Falls all das hier Erfolg zeigte, würde sie den Schleier gefahrlos einsetzen können. Dann wäre sie nicht auf die Hilfe irgendeines dahergelaufenen Gedankenmagiers angewiesen, der es vorzog, quer durch die Provinzen irgendeinem Geheimnis nachzujagen. Und sie würde das Multiversum ein für alle Mal von jenen Kreaturen befreien können, in deren Schuld sie stand.

„Sind wir bereit?“, fragte Liliana.

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Die anderen, die sich mit ihr im Turm aufhielten, waren nicht einmal ansatzweise so schlau wie der Junge im Mantel, doch sie würden genügen müssen. Der Geistermagier Dierk ging mit einem kaum hörbaren Murmeln eine nur in seinem Kopf aufgeführte Liste von Gegenständen durch, während er eine Reihe von Düsen und Klammern an der Kugel ausrichtete. Dierks Gehilfe Gared stand am Fenster. Der Blick aus seinem großen Auge huschte zwischen der Ausrüstung und dem Gewitter draußen hin und her. Gared hatte die Hand auf einen Hebel gelegt, dessen schiere Größe den Ausmaßen ihres Unterfangens durchaus gerecht wurde.

„Die Kollektoren sind ausgerichtet, gnädige Frau“, sagte der Geistermagier. „Und der Sturm erreicht seinen Höhepunkt. Doch ich fühle mich zu der Anmerkung verpflichtet, dass wir eine gewaltige Menge spektraler Energie in das Artefakt ...“

„Du brauchst mich nicht zu warnen“, sagte Liliana.

„... leiten werden, indem wir uns der Urgewalt eines Gewitters bedienen.“

„Richtig.“

„Während Sie es tragen."

„Ich weiß.“

„In Ihrem Gesicht.“

Liliana verdrehte die Augen. „Der Fluss der Geisterenergie durch die Kugel wird daher als eine Art Spektralempfänger fungieren und die Gegenkraft des Objekts vom Subjekt wegleiten, was den Rückschlag in harmlose statische Energie umwandelt, um so sämtliche Nebenwirkungen zu eliminieren und damit die gefahrlose Handhabung des Artefakts sicherzustellen.“

Dierk warf Gared einen Blick zu und tippte sich mit behandschuhten Fingerspitzen gegen den Mund. „Zumindest der Theorie nach.“

„Hör mal, Dierk“, sagte Liliana. „Meine Freundin hat dich empfohlen, weil sie meinte, du würdest etwas von Geistern und Besessenheit verstehen. Ist das nun der Fall oder nicht?“

„Natürlich, gnädige Frau“, sagte Dierk beschwichtigend.

„Also?“

„Also fahren wir fort.“ Dierk rückte sich die Schutzbrille zurecht. „Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass dieser Vorgang ... schmerzhaft ... sein wird.“

„Schmerz vergeht“, sagte Liliana und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Die Drähte baumelten von den herabhängenden Enden des Kettenschleiers. „Außerdem würden wir nicht das Geringste erfahren, wenn wir Gared einem Testlauf unterzögen.“

Gared grinste. Sein größeres Auge schloss sich kurz wie das eines Reptils. Dierk nickte ihm zu. Gared legte ruckartig den großen Hebel um.

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Die Hexenbann-Kugel summte und Zeiger schlugen aus. Liliana spürte, wie die Glieder des Schleiers die Umrisse ihres Gesichts berührten.

„Er ist aktiviert“, sagte Dierk. „Alles, worauf wir nun noch warten müssen, ist ein ausreichend naher –“

Blitz.

Liliana biss unwillkürlich die Zähne zusammen, als der Schub kam. Sich windende Schlingen aus Energie bildeten sich an den Drähten, die von den Kollektoren auf dem Dach hinunterführten, und die Geister der Toten folgten ihnen unmittelbar nach. Sie fuhren durch die Röhren und füllten die Kugel und das verstärkte Glas mit elektrospektralen Schreien. Ein Funkenregen stob von den Apparaturen auf, doch der Aufbau hielt.

Eine Welle heulender Energie wogte durch den Schleier. Liliana spürte, wie sich sein Gewicht leicht von ihren Wangen hob und seine Glieder sich gegen die Schwerkraft zur Wehr setzten.

Sie warf einen raschen Blick zu den anderen. Dierk hatte es aufgegeben, die Klemmen und Schalter noch feiner justieren zu wollen. Stattdessen drückte er sich mit schützend vors Gesicht gehobenen Armen mit dem Rücken gegen die Wand. Gared streckte einen Finger nach einem umherpeitschenden Bündel Energie aus und schreckte zurück, als er es berührte. Zwischen den beiden sah Liliana, wie sich ihre Zeichnungen leuchtend in der Ausrüstung spiegelten und das eingeritzte Diagramm ihres Dämonenpakts einen schimmernden Widerschein um sie herum bildete.

Diese Augenblicke waren es, in denen Liliana sich am schönsten fühlte: wenn sie kurz davorstand, Gebrauch von einer Macht zu machen, vor der andere sich fürchteten.

Sie klammerte sich an die Sessellehnen und rief die Macht des Schleiers an.

Der Rückschlag trat unmittelbar und mit absoluter Heftigkeit ein. Die Tausenden von Seelen im Schleier erfüllten sie mit Macht, doch mit der Macht kam der Schmerz, und dieser war Gift, das einen blendete. Der Schmerz war untrennbar mit jener Macht verwoben, die der Schleier gewährte. Der Spektralkreislauf hatte nichts vom Rückschlag irgendwohin abgeleitet.

Glaskolben zerplatzten und die Kollektoren brannten aus.

„Ich beende das jetzt!“, sagte Dierk und griff nach dem Hebel.

„Nein“, sagte Liliana mit messerscharfer Stimme. Dierk zog die Hand zurück.

Der Raum erbebte. Liliana klammerte sich an den Sessel. Sie versuchte, das Beben einzudämmen. Sie versuchte, den Schrei zu unterdrücken, der sich so verzweifelt Bahn brechen wollte. Sie versuchte, irgendetwas anderes als nur den Schmerz zu sehen. Schmerz vergeht.

Als sie es nicht mehr aushielt, schrie sie auf. Sicherungen brannten durch und der Turm wurde in Dunkelheit getaucht. Das spektrale Heulen verklang und Liliana hörte nur noch ihren erschöpften Atem.

Gared riss ein Streichholz an und entzündete eine Laterne. Das Laboratorium war verwüstet, die Ausrüstung zerstört. Regen trommelte auf den Fenstersims.

Liliana löste den Kettenschleier und streifte ihn ab. Blut rann aus ihren Zeichnungen.

„Ich habe auf die Risiken hingewiesen, gnädige Frau“, sagte Dierk.

Sie funkelte ihn an und stellte sich vor, wie die Haut des Geistermagiers verdorrte und seine Knochen ein grausiges „Es tut mir leid“ formten. Ungeachtet dessen nickte sie in Richtung der Tür. „Du findest sicher selbst hinaus. Bringe die Kugel ihrer Besitzerin zurück.“ Dumpfes Donnergrollen unterstrich ihre Worte.

Dierk stopfte in aller Eile die verbrauchte Hexenbann-Kugel und ein paar andere Gegenstände in seine Tasche und verließ den Raum. Das Echo seiner Schritte verklang auf der Wendeltreppe. Gared stieß vorsichtig einen Haufen Glassplitter mit den Füßen weg, rührte sich jedoch nicht von der Stelle.

Liliana verstaute den Kettenschleier in einer Rocktasche. Die Klügsten der Klügsten Innistrads waren ihr keine Hilfe gewesen. Bücher und Grimoires mit spektralen Heilmitteln hatten sie kein Stück vorangebracht. Nicht einmal Olivias bevorzugtem Geisterexperten war es gelungen, den Kettenschleier zu zähmen.

Liliana betrachtete durch das Fenster den Sturm, der über Stenzen tobte, während sie die Worte auf ihrer Haut mit einem Taschentuch abtupfte. In der Düsternis leuchtete Thraben in der Ferne wie eine Kerze.

Sie verabscheute es, auf andere angewiesen zu sein.

Doch es war ja nicht so, dass sie den Jungen im Mantel brauchte, sagte sie sich. Es war vielmehr so, dass sie jemanden brauchte, von dem sie gebrauchtwurde, damit sie den einen oder anderen warmen Körper hatte, der zwischen ihr und ein paar selbstgefälligen Dämonenfürsten stand.

Wäre er ihr doch nur irgendwie etwas schuldig gewesen.

Der Schrei eines Mannes erklang von unten. Ein knurrendes Handgemenge und ein Krachen folgten.

Liliana warf ihr blutbeflecktes Taschentuch beiseite und hastete die Stufen hinunter.

Sie hörte und roch sie, noch ehe sie sie sah: ihr kehliges Knurren und ihr geiferndes, hungriges Heulen. Der Gestank feuchten Fells über dem Gestank von Blut.

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Werwölfe. Lilianas gesamter Thronsaal war von ihnen überrannt.

Und sie wirkten ... nun, nicht wirklich krank, sondern eher verzerrt, als wären ihr Fleisch und ihre Knochen in die Fänge einer unnatürlichen, alles mutierenden Macht geraten. Ihre Gliedmaßen standen in seltsamen Winkeln ab und bogen und knautschten sich wie Seetang.

Doch es waren noch immer Werwölfe und sie hatten noch immer Klauen. Dierk lag mit aufgerissener Brust am Boden. Der Inhalt seiner Tasche ebenso wie der seines Brustkorbs war über den Boden verteilt. Sein Gesicht war bleich und in einem überraschten Ausdruck erstarrt. Er sog seinen letzten Atemzug ein wie ein erschlaffender Ballon.

Die Werwölfe wandten sich schnüffelnd Liliana zu. Einer von ihnen brüllte. Er hatte Augen dort, wo seine Zunge hätte sein sollen.

Eine Salve tödlicher Zauber, einen für jeden der Werwölfe vor ihr: Das schien hier angemessen. Gerade genug Kraft, um mit jedem von ihnen fertigzuwerden, gerade genug, um den Weg zur Tür des Anwesens frei zu machen.

„Gared!“, rief Liliana über die Schulter. „Hol deinen Mantel.“

Der Kettenschleier in ihrer Tasche rührte sich nicht.
__________

Stunden später hatte der Sturm nachgelassen, aber die Gegend um Stenzen herum war zu einem makabren Zoo geworden. Liliana bemerkte, dass jeder Passant irgendwie verformt wirkte. Die Körper umherstreifender Vampire hatten die falschen Konturen und oft zu viel oder zu wenig von etwas. Anatomisch verquere Reisende verkündeten zeternd Prophezeiungen vom Fels und vom Meer, während sie im Zickzack umherstolperten.

Endlich erreichten Liliana, Gared und – etwas staksiger zwar – auch Dierk das gewaltige Tor.

Die Festung Lurenstein thronte über ihnen auf einer steilen Klippe mit einer Zitadelle, die direkt aus dem Fels gehauen war. Weiter oben wurde die zweckmäßige Architektur weicher und ging in opulent verzierte Fenster über, jedes mit seinem eigenen schwebenden Kronleuchter voller flackernder Kerzen. Aus vielen der Fenster spähten Vampire in glänzender, alter Rüstung zu ihnen herab.

Liliana bedeutete Gared, er solle klopfen.

Gared glotzte die schiere Höhe der Tür an. „Sie kennen die Dame des Hauses wirklich?“, fragte er.

Dierk machte seinerseits ein gurgelndes Geräusch. Der Hals des Mannes war gebrochen, weshalb ihm der Kopf in einem schrägen Winkel auf den Schulten saß und seine Kehle angeschwollen wirkte. Doch zumindest hatten seine Beine ihn bis hierher gebracht und zumindest waren seine Arme in der Lage gewesen, die verbrauchte Hexenbann-Kugel zu tragen. Gareds langer Mantel war eng um Dierks Körpermitte geknotet und tat sein Bestes, die restlichen Eingeweide des Mannes in ihm zu halten. Liliana hob die Hand ein winziges Stückchen, und Dierk richtete sich gerader auf – auch wenn sein Kopf noch immer zu einer Seite hin wegbaumelte. Die trockene Zunge wollte nicht in seinem Mund bleiben und trug ihren Teil zu dem Gurgeln bei. Liliana zuckte die Schultern.

„Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, all diejenigen zu kennen, die Macht besitzen“, sagte Liliana. „Und das tut sie.“

Gared hämmerte an die Tür und trat zurück.

Die Tür öffnete sich und eine imposante Frau in einem verzierten Kleid – oder vielleicht auch eine verzierte Frau in einem imposanten Kleid – zeigte sich dahinter. Sie hielt Liliana einen Priesterstab ins Gesicht, der wie heiße Glut leuchtete.

„Sie empfängt keine menschlichen Besucher“, sagte die Frau mit blitzenden Fangzähnen. Ihre Augen waren wie schwarze Gruben, in denen ein schwaches Feuer zu glimmen schien.

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„Ich bringe ihr etwas zurück, was ihr gehört“, sagte Liliana.

Die Frau hielt inne und musterte Dierk und die Hexenbann-Kugel in seinen Händen. „Lass das hier. Und dann schaff dich von diesem Anwesen, bevor ich einen Zauber auf dich niederfahren lasse.“

Gared machte eine Bewegung, als wollte er sich mit der Vampirpriesterin anlegen, doch Liliana hielt ihn mit einer Bewegung zurück. In einer Zitadelle voller Vampire kämpfte man nicht, solange es noch Gelegenheit gab, die eigenen Überredungskünste gewinnbringend einzusetzen. „Ich möchte bitte mit Olivia persönlich sprechen. Richte ihr aus, Liliana Vess wünscht sie zu sehen.“

„Ich sagte dir bereits, dass sie keine Sterblichen empfängt.“

„Sterbliche!“ Liliana lachte. „Gesegnet sei dein blutleeres Herz.“

Die Vampirpriesterin hob ihren Stab. Das gezackte Symbol an seiner Spitze begann, die Luft durch seine Hitze flimmern zu lassen.

„Oh, Liliana, meine Liebe!“ Olivia Voldaren tauchte urplötzlich in der Tür auf und verscheuchte die Priesterin mit einem bösartigen Fauchen. Die Priesterin trat beiseite und senkte den Kopf. Sie folgte Liliana jedoch mit Blicken.

Olivia wirkte in ihrem schwarzen Schienenpanzer äußerst glanzvoll. Wie immer berührten ihre Füße nicht den Boden. „Bist du hier, um die guten Neuigkeiten zu feiern?“, fragte sie, während sie ihre Gäste hereinbat. „Komm, komm!“

„Ich bringe dir nur deine Kugel zurück“, sagte Liliana. „Und deinen Geistermagier. Ich habe zudem gehofft, dass du den Aufenthaltsort eines meiner Bekannten kennst.“ Sie warf der Priesterin im Vorbeigehen ein süßes Lächeln zu. „Was genau gibt es denn zu feiern?“

Olivia ergriff Lilianas Arm, während sie neben ihr schwebte und sie tiefer in die Zitadelle geleitete. „Nun, das lange Warten hat ein Ende! Hast du es nicht gehört?“

Sie betraten eine breite Galerie, auf der elegante Vampire auf jeder Treppenstufe und jedem Absatz standen oder schwebten. Hunderte von Augen betrachteten Liliana und ihre Begleiter, als Olivia sie durch die unteren Hallen der Festung führte. Jeder Vampir, der je den Namen Voldaren geführt hatte, schien sich hier aufzuhalten und finster dreinzublicken.

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Liliana machte eine verstohlene Handbewegung. Die Leiche Dierks des Geistermagiers schleppte sich zu einem antiken vergoldeten Sessel hinüber, ließ sich hineinfallen und erschlaffte mit der Kugel in ihrem Schoß. Der Mantel um Dierks Körpermitte spannte sich und hielt ihn nach besten Kräften zusammen.

Olivia beugte sich herüber und drückte verschwörerisch Lilianas Arm. „Es ist der Erzengel! Puff!“ Sie kicherte. „Ein Fleck am Boden der Kathedrale von Thraben. Oh, das ist einfach zu köstlich.“

„Avacyn ist tot?“ Leise schlich sich ein Gedanke an Jace in ihren Kopf, wie eine Motte, die auf ihrem Haar landete. Als sie das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte, war er Avacyn auf der Spur gewesen.

Olivia breitete weit ausladend die Arme aus. „Wir Kreaturen der Nacht können frohlocken, denn die Welt gehört wieder uns! Ich war schon recht ungehalten, als ich erfuhr, dass sie aus ihrer kleinen Falle entkommen ist.“

Liliana hob kaum merklich die Augenbrauen.

„Aber Sorin ist zu Verstand gekommen und hat dieses Ding zur Strecke gebracht. Und nun muss ich zugeben, dass sich alles doch recht gut gefügt hat, nicht wahr?“ Olivia lachte. Sie führte Liliana weiter, Galerie um Galerie entlang. Gared verschwand in dem Labyrinth.

Liliana hielt mit Olivia Schritt. „Und jetzt hebst du eine Armee aus.“

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Nun, meine Liebe, es scheint ganz so, dass wer auch immer den Höllenkerker geöffnet hat ...“

Lilianas Gesichtsausdruck blieb unvermindert höflich.

„... mehr als nur den Erzengel freiließ“, fuhr Olivia fot. „Und nicht nur das. Deine dämonischen Freunde. Sie haben auch die andere herausgelassen. Darf es ein Schluck zu trinken sein?“ Sie winkte einen Vampir heran. „Du da, bring unserem Gast etwas zu trinken.“

Ein Vampir drückte Liliana einen Kelch Wein – echten Wein – in die Hand und schepperte in seiner antiken Rüstung davon.

Es war natürlich Liliana selbst gewesen, die den Höllenkerker aufgebrochen und zugelassen hatte, dass sich sein Inhalt über ganz Innistrad verteilte. Sie hatte den Dämon Griselbrand getötet und alle anderen Folgen ihres Handelns hatten sie nicht weiter gekümmert. Sie hatte keinen Grund gesehen, ihren vampirischen Bekannten davon zu erzählen.

„Und nun, da sie frei ist, scheint sie recht verschnupft zu sein“, fuhr Olivia fort. „Ich kann nicht sagen, dass ich ihr das verüble. Wie bereits erwähnt: Ich war zuvor etwas ungehalten, doch nun wüsste ich nur allzu gern, wer sie alle freigelassen hat, damit ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen kann!“

Liliana wusste nicht, wer sonst noch aus dem Höllenkerker entkommen sein könnte, der so wichtig für Olivia war. Sie hatte jedoch das Gefühl, dass es irgendwie mit den Veränderungen in Verbindung stand, die sie in ganz Innistrad gesehen hatte. Die verzerrten Werwölfe in ihrem Anwesen. Die entstellten Vampire und zeternden Untergangsverkünder.

Dies war genau die Art von Angelegenheit, die den Jungen im Mantel faszinieren würde. Liliana wollte nur, dass ein paar Dämonen starben. Vielleicht ließ sich beides jedoch miteinander verbinden.

Sie stiegen in ein großzügiges, mit dicken Teppichen ausgelegtes Gesellschaftszimmer hinauf. Ein großer, weißhaariger Vampir in einem langen Mantel stand mit dem Rücken zu ihnen und blickte aus den hohen Fenstern in die Nacht hinaus.

Liliana spürte, wie sich Krallen in ihren Arm gruben. „Wir wissen, dass du es warst“, fauchte Olivia, die plötzlich dicht neben ihrem Ohr schwebte. „Wir wissen, dass du sie befreit hast.“ Vergnügt fügte sie hinzu: „Ist es nicht so, Sorin?“

Sorin Markov drehte sich zu ihnen um. Er trug seinen Hass wie einen eleganten Anzug.

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„Du“, sagte er.

„Sieh nur, wer uns einen Besuch abstattet!“, sagte Olivia mit nun wieder vollendeter Höflichkeit. „Sorin, ich glaube, du kennst Liliana Vess?“

„Du hast das getan“, sagte Sorin. „Du hast die Lithomagierin befreit und uns das alles eingebrockt.“

Liliana entwand ihren Arm aus Olivias Griff und sammelte sich. Sie ging auf Sorin zu und musterte ihn von oben bis unten. Schließlich kicherte sie und entfernte mit spitzen Fingern ein Staubkorn von Sorins Mantel. „Ich hatte mich um etwas zu kümmern“, sagte sie. „Es ist kaum meine Schuld, wenn dein Keller voller Leichen ist.“

„Dazu hattest du nicht das Recht“, sagte Sorin. Jedes Wort klang wie ein Messer auf einem Wetzstein.

"Sorin, wir beide haben uns um eine andere Angelegenheit zu kümmern“, sagte Olivia und schwebte um sie herum. „Doch es wäre unverzeihlich, wenn ich euch beiden nicht die Gelegenheit gäbe, euch zu unterhalten, nicht wahr?“

Sorin beugte sein Gesicht dicht an Lilianas heran. „All dies ist deinetwegen geschehen. Die Lithomagierin ist frei, und nun müssen wir uns ihr stellen."

„Du hast eine recht ansehnliche Armee aus Vampiren zusammengetrommelt“, sagte Liliana. Sie grinste ihn an. „Oder ... Lass mich raten ... Dient diese Streitmacht eher der Verteidigung? Du hast sie herausgefordert, nicht wahr?“

Sorins Fänge blitzten auf. „Ich habe es dir bereits gesagt, als du als Welpe hierherkamst. Innistrad gehört mir. Wer sich in meine Angelegenheiten einmischt, der stirbt.“

Liliana blickte ihm in die Augen. Ihre Finger tasteten nach den Gliedern des Kettenschleiers an ihrer Hüfte. Die Zeichen auf ihrer Haut begannen zu glühen und ihr Haar wehte sacht. „Innistrad mag dein Reich sein, Sorin“, flüsterte sie. Sie tätschelte ihm den Arm. „Doch meines ist der Tod.“

Sorin schnaubte, zog den Arm weg und drückte seine Stirn gegen ihre. Sein Blick huschte kurz zu ihrem Hals.

„Nun, meine Freunde!“ Olivia lachte hell und schob sich zwischen sie. „So amüsant ich es auch finde, dabei zuzusehen, wie ihr beide euch in meinem Gesellschaftszimmer in Stücke reißt ... Sorin, es scheint, als wäre es an der Zeit. Komm mit nach draußen. Nahiri wartet.“ Sie deutete durch die hohen Fenster in die Nacht.

Liliana stockte bei dem Anblick durch das Glas der Atem. Das, was die Überreste des Gewitters gewesen waren, war nun ein aufgedunsener Wolkenhaufen, der über der Küste Nefalens brodelte. Tentakel aus Nebel griffen in alle Richtungen. Es waren nicht nur ein paar Werwölfe oder Vampire, die nun eine Verzerrung erfuhren. Welche Macht auch immer Einzug gehalten haben mochte – sie drohte, ganz Innistrad auseinanderzureißen.

Olivia zog ein Schwert aus der Scheide. „Liliana, meine Liebe, ich fürchte, du hast meinen Vorrat an Geisterexperten und spektralen Spielzeugen erschöpft. Vielleicht möchtest du dich uns anschließen? Schließlich warst du es, die Nahiri freigelassen hat. Vielleicht möchte sie dir sogar danken.“

Liliana betrachtete die Wolken. Dies war tiefe, uralte Magie, weltenverändernd und voller Rache. „Sie hat all dies verursacht?“

„Die erbärmliche Tat einer erbärmlichen Magierin“, murmelte Sorin. „Mit einen verdrehten Sinn für Gerechtigkeit.“

„Also hast du dies alles verursacht“, sagte Liliana. „Du hast ihr etwas angetan!“

„Und jetzt machen wir uns auf, um ihr erneut etwas anzutun“, sagte Olivia mit einem Grinsen, bei dem sie freimütig die Fänge zeigte.

Vom Fenster der Festung eingerahmt bewegte sich die Wettermasse langsam von ihrem Ursprungsort über der Küste Nefalens fort in Richtung Gaven und der hell erleuchteten Stadt Thraben. Der Himmel schien faltig und zerrissen, dachte Liliana. Wie diese Werwölfe. Es war, als wäre diese gesamte Welt – Sorins Heimatwelt – mit Absicht befleckt und von Horizont zu Horizont verkrümmt worden, einfach nur, weil sie Sorin etwas bedeutete. Nahiri, wer auch immer sie sein mochte, machte keine halben Sachen, wie Liliana zugeben musste.

„Sorgst du dich denn kein bisschen darum, was ihre Rache Innistrad antut?“, fragte Liliana. „Jace ist ...“ Sie straffte die Schultern. „Da draußen befinden sich Tausende von Menschen.“

„Diese Welt ist verloren“, sagte Sorin. „Dafür hat sie gesorgt. Und dein Jace wird in Thraben umkommen wie alle anderen.“

„Was Sorin meint“, sagte Olivia beschwingt, „ist, dass wenn Nahiri aufgehalten wird, sicherlich auch die Unannehmlichkeiten aufhören werden, die sie uns beschert hat. Wir befinden uns auf einer Mission für echte Helden!“

Liliana spähte erst nach draußen und sah dann zurück zu Olivia, nun jedoch mit einer grässlichen Sanftheit im Blick. „Oh, du süßes Kind.“

Sorin zog langsam, wie beiläufig, sein Schwert aus der Scheide. „Gehen wir. Olivia.“ Er wandte sich um und trat aus dem Gesellschaftszimmer und dann aus dem Anwesen, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Olivia schwebte ihm hinterher, und ganze Reihen von Vampiren der Voldaren folgten ihr nach. Das Klappern ihrer Rüstungen hallte durch die Hallen.

Liliana folgte ihnen nach draußen. Als sie Gared begegnete, sagte sie: „Gared, hol deinen Mantel.“

Gared blickte traurig auf seinen Mantel und begann damit, ihn von Dierk zu lösen.
__________

Sie tauchten in die Nacht ein. Der Wind heulte nun, während gewaltige Wirbel über den Himmel zogen. Ein rötliches, außerweltliches Leuchten schwebte unter den aufgeblähten Wolken.

Liliana strich sich das Haar aus dem Gesicht, dessen Strähnen von einer Seite zur anderen gepeitscht wurden. Sie blickte zu den fernen Hügeln Gavens, über denen sich gewaltige Schatten zusammenbrauten. Das ist es, was Jace aufzuhalten versucht, dachte sie.

Sorin warf kaum einen Blick zurück, als er sich mit den Vampiren versammelte. Er hob sein Schwert. „Komm, Olivia“, rief er über den Wind. „Es ist Zeit, dass du deinen Teil der Abmachung erfüllst.“

Olivia grinste fröhlich und erhob sich hoch in die Luft. Die Armee aus Vampiren marschierte mit erhobenen Schwertern und Piken und glühenden Priesterstäben den Hügel hinab – hinein in den Nebel und auf in die Schlacht gegen Nahiri.

Nicht, um gegen die Schrecken zu kämpfen, die Nahiri über diese Welt gebracht hatte. Nicht, um dem wahnsinnigen Jace zu helfen.

Dieser Welt ist es dann wohl bestimmt zu sterben, dachte Liliana. All ihre Beschützer hatten sie verlassen. Es war Zeit, Abschied zu nehmen. „Leb wohl, Vess-Anwesen.“

Der Himmel gab ein unergründliches Geräusch von sich, das Liliana bis ins Mark erschütterte. In der Ferne glitzerte Thraben wie ein gefallener Stern, der auf dem Horizont ruhte. „Leb wohl, Junge im Mantel.“

Sie fand sich jedoch dabei wieder, auf einem anderen Weg als die Vampire den Hügel hinabzugehen. Sie fand sich auf der Straße wieder. Sie fand sich dabei wieder, wie sie an einem Schlingengrab vorbeikam, in dem die Verbrecher lagen und jenen Teil ihres Richtspruchs fristeten, in dem von der Ewigkeit die Rede war. Sie fand sich dabei wieder, wie sie die Hand ausstreckte. Leichen krochen aus der Erde. Sie ging weiter. Die Leichen folgten ihr.

Sie fand sich dabei wieder, wie sie an einem weiteren Friedhof vorbeikam, und dann an noch einem. Ein kleiner Schrein am Wegesrand. Ein verfluchtes, Düstergrab, das von einem Eisenzaun umgeben war. Ein Mausoleum voller Würdenträger der Katharer. Jedes Mal streckte sie die Hand aus. Jedes Mal gehorchten ihr die Toten, erwachten zuckend aus ihrer Ruhe und schlurften ihr nach.

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Als sie sich in Richtung Thraben aufmachte, griff sie nach ihrer Hüfte. Sie konnte beinahe hören, wie die Scharen spektraler Essenzen sie verhöhnten und ihr aus dem Schleier etwas zuraunten – über das Geräusch der Zombies hinweg, die pflichtbewusst hinter ihr die Straße entlangschlurften.

Sorin und Olivia hatten nicht vor, etwas gegen das Unheil zu unternehmen, das Nahiri angerichtet hatte. Und der einzige Mensch, auf den sie zählen konnte, das alles zu verstehen – er und sein angeschlagenes, enervierendes, unergründliches Gehirn –, folgte seiner Neugier geradewegs in einen hässlichen, bizarren und wahrscheinlich auch noch unvermeidlichen Tod.

Es war nicht so, dass sie ihn brauchte. Es war einfach nur so, dass sie jemanden brauchte, von dem sie gebraucht wurde.

„Nun, Gared“, sagte sie laut in den Wind.

Sie hob die Arme und spürte die Zeichnungen wie brennende Adern auf ihrer Haut.

„Es sieht so aus, als wäre ich ...“

Ein weiteres Dutzend Zombies erhob sich aus der Erde und folgte ihr entlang ihrer Schneise nekromagischer Macht.

„... die letzte Hoffnung ...“

Die Leichen schienen nicht verzerrt – zumindest nicht mehr, als es ihre Knochen im Laufe der Jahre im Boden ohnehin nun einmal waren. Die rastlosen Toten schienen all diese Effekte schlichtweg abzuschütteln. Liliana grinste.

„... für diese Welt.“

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Veröffentlicht in Magic Story on 29. Juni 2016

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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Judge Fredd » Do 14. Jul 2016, 15:37

Rachefeldzug


Ein seit tausend Jahren brodelnder Groll entlädt sich endlich.

Für Sorin geht es um die Zerstörung seines Stammsitzes. Um die Vernichtung Avacyns. Um die Ankunft Emrakuls.

Für Nahiri geht es um den Verrat an einer Freundschaft. Um die Jahrhunderte der Gefangenschaft im Höllenkerker. Um die Verwüstung Zendikars in ihrer Abwesenheit.

Wenn zwei Planeswalker sich ein Gefecht liefern, dann erbeben Welten.


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Sie hatten sie die Vorbotin genannt. Sie hatten nicht falsch gelegen, diese Fanatiker und Kultisten. Und sie waren ihr hierher gefolgt. Immer mehr waren es geworden, als sie mit ihrem Werk auf Innistrad begann. Sie waren ihr treu ergeben und erinnerten Nahiri daran, dass das Einzige, was sich auf dieser ganzen verdammten Welt zu retten lohnte, ihre Rache war.

Der dröhnende Chor Hunderter vor sich hin brabbelnder Kultisten hallte durch die Gänge, als sie dem Vampir ins Gesicht starrte. Er war hässlich mit seinen zurückgezogenen Lippen, die scharfe und gnadenlose Fänge entblößten. Zwei Augen – Bernsteinsplitter, die in einem tintenfarbenen Teich schwammen – starrten zurück. Oder vielmehr: an ihr vorbei. Soweit Nahiri es beurteilen konnte, war dieser Blutsauger prächtig gekleidet und – wie die Dutzenden von anderen Vertretern seiner Art um ihn herum – fest in die Wand eingelassen. Sie alle waren tot. Ihretwegen.

Sie hasste diesen Ort. Das Markov-Anwesen. Wie so vieles auf dieser Welt stank es nach Sorin. Sie hatte es zerschlagen, verzerrt und umgeformt, doch all dies hatte dennoch nicht ausgereicht, seine Spuren aus dem Gebäude zu tilgen. Aber trotzdem war sie nun hier. Es waren Vorbereitungen getroffen worden, und jetzt wartete getane Arbeit darauf, begutachtet zu werden.

Rache war eine diffizile Angelegenheit, aber Nahiri hatte eintausend Jahre Zeit gehabt, sie zu durchdenken.

Ein. Tausend. Jahre.

Genug Zeit, um ihre Rache aus sämtlichen Blickwinkeln und in aller Ausführlichkeit zu erörtern. Sie durchzuspielen, um sie dann anders auszurichten und erneut durchzuspielen, bis alles haargenau passte – so lange, bis sie sich in einen Plan verwandelt hatte.

Und nun, da Nahiri durch das blanke Gerippe des Markov-Anwesens schritt, gestattete sie sich ein leises Lächeln. Alles war tatsächlich an seinem Platz, genau so, wie es sein sollte – alles außer Sorin. Und er würde bald hier sein.

Diesmal hatte sie etwas ganz Besonderes mitgebracht. Eine Sammlung, die von ihr zusammengetragen worden war, nachdem die Kunde sie erreicht hatte, dass Sorin eine Streitmacht anführte, um sich ihr zu stellen. Sicher, sie hatte ihre Kultisten, aber Rache war nichts, wobei man nachlässig werden durfte.

Der erste Teil von Sorins Streitmacht, der eintraf, waren die Banner. Uralte Stoffbahnen, die von schwarzen Holzpiken herabhingen, getragen von Vampirrittern in polierter Plattenrüstung. Hunderte von Vampiren marschierten hinter ihnen und schwärmten über den flachen Hügel gegenüber des Anwesens aus.

Nahiri beobachtete die Prozession von dem gewaltigen Torbogen am Eingang des Anwesens aus. Als Sorin schließlich vor seiner versammelten Streitmacht auftauchte, presste Nahiri die Zähne zusammen. Sorin sagte etwas zu den Vampiren in seiner Nähe, doch sie konnte nicht ausmachen, was.

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Es spielte auch keine Rolle. All dies würde nun enden. Mit dem Schwert in der Hand trat Nahiri in das matte Licht des Tages, hinaus auf den zerstörten Damm, um Sorin willkommen zu heißen.
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Ein metallisches Kreischen durchdrang das Kampfgetöse, als Nahiri die Klinge ihres Schwertes aus der reich verzierten Brustpanzerung eines toten Vampirs zog. Die Leiche war eine unter vielen, die in einem kruden Halbkreis um sie herum lagen. Keuchend setzte sie über den leblosen Haufen hinweg, um sich einer Gruppe neuer Angreifer entgegenzuwerfen.

Es waren so viele.

Doch sie brauchte nur den einen.

Eine Axt wurde in ihr Blickfeld geschwungen. Die schwarze Klinge zog eine feine Spur aus dunkelrotem Nebel hinter sich her. Nahiri duckte sich außer Reichweite und stieß die Spitze ihres Schwertes in den Hals eines weiteren Angreifers, der von rechts auf sie eindrang. Mit einem Stoß ihrer freien Hand nach unten sackte der Boden vor ihr urplötzlich ab, sodass der zweite Schlag der Axt in den Rand der neu geschaffenen Vertiefung fuhr. Steinsplitter wurden durch den Aufprall aufgewirbelt und Nahiri fing sie mit ihrer Magie auf, um sie in das ungeschützte Gesicht des Axtträgers zu schleudern.

Andere drangen weiter auf sie ein. Einer von ihnen – eine Frau in einer weißen Plattenrüstung – trat aus ihrer Mitte hervor. Sie hielt ihr Schwert tief, und Nahiri bemerkte, dass die Waffe aus einem Paar Klingen bestand, die sich wie zwei Spiralen umeinanderschlangen, um schließlich gemeinsam eine garstige Spitze zu bilden. Die Vampirin sprach, ohne die Augen von Nahiri zu lassen: „Du kannst nicht entkommen.“

Nahiri neigte den Kopf und hob eine Augenbraue. „Entkommen?“

„Wenn dies vorbei ist“, fuhr die Vampirin in Weiß fort, „werde ich dein Blut trinken und –“ Sie verstummte jäh, als ihr ein marmorner Kragstein ins Gesicht prallte und ihr die grotesken Zähne zermalmte. Nahiri hatte das Bauteil aus dem Schutt gepflückt, der erstarrt über ihnen schwebte. Sie hatte genug gehört. Als die Vampirin in Weiß zu Boden sackte, sandte Nahiri den schweren behauenen Stein wieder und wieder gegen die Handvoll Blutsauger, die ihr am nächsten waren, bis deren Schädel und Rümpfe von den Schlägen vollkommen zerschmettert waren. Als die Leiber sich nicht mehr bewegten, wirbelte die blutige Steinmetzarbeit so schnell auf der Stelle in der Luft, dass zu allen Seiten rote Tröpfchen davonspritzten.

Nahiri wischte sich einen von ihnen von der Wange. Falls Sorins Plan war, sie müde zu machen, ehe sie auf ihn traf, dann war er ein Narr. Tausend Jahre im Höllenkerker waren genug Erholung für mehrere Leben. Und wenn das bedeutete, dass sie jedem anderen Blutsauger hier ein Ende bereiten musste, dann war sie bereits auf einem guten Weg.

Er war hier irgendwo. Das wusste sie. Um sie herum entbrannten Nahkämpfe in dem, was einst die große Halle gewesen war, wenn ihre Erinnerung sie nicht trog. Der Raum war nun voller Kultisten und Vampire, die dem grausigen Handwerk nachgingen, einander wechselseitig abzuschlachten. Ihr Blick huschte über das Chaos, und sie hoffte, wehendes weißes Haar auszumachen oder ...

Diese grausamen gelben Augen. Und einen Wimpernschlag lang starrten sie zu ihr zurück, ehe sie vom Tumult verschlungen wurden.

Nahiris Kehle war mit einem Mal staubtrocken. Ihr hämmerte das Herz in der Brust, und der geballte Zorn der letzten tausend Jahre staute sich in ihr an, bis alles, was sie noch tun konnte, darin bestand, seinen Namen hervorzupressen: „Sorin!“

Nahiri stieß ihren Willen mit aller Wucht in den geneigten Steinboden hinein und griff nach jeder der gewaltigen Bodenplatten, um daran zu reißen. Ihre Hände fuhren nach oben, und links und rechts von ihr wuchsen zwei Wände parallel zueinander einige Schritt hoch aus dem Boden. Stein scharrte auf Stein, und als das Scharren endete, nahmen die Wände die Länge der gesamten Halle ein und bildeten eine Art Gang, der vom größten Kampfgetümmel abgetrennt war. Sie befand sich am einen Ende, Sorin am anderen.

Zwischen ihnen tobte ein schmaler Ausschnitt der Schlacht: Vielleicht zwanzig Vampire und mindestens doppelt so viele Kultisten rangen noch immer miteinander. Einer der Vampire holte nach Nahiri aus, doch sie stand zu dicht vor der Vollendung ihrer Rache für derlei Ablenkungen. Ein Zucken ihres Fingers und eine Lanze aus Stein fuhr aus dem Boden. Sie erwischte den gepanzerten Blutsauger unterhalb der Brustplatte am Bauch und durchstieß dann mit einem schrillen Kreischen den polierten roten Stahl an der Schulter. Der Vampir erschlaffte, und Nahiri trat an ihm vorbei, während er langsam der Länge nach die Steinspitze herunterrutschte.

„Sorin“, rief sie erneut, mit einer Stimme, die so fest und kalt war wie der Stein, über den sie gebot. Und dann schritt sie geradewegs vorwärts, während weitere Spitzen vor ihr aus dem Boden fuhren, um Vampire und Kultisten gleichermaßen aufzuspießen.

Nun waren nur noch sie beide übrig.

Das letzte Mal, als Nahiri Sorin gesehen hatte, war er das Letzte, was sie auf dieser Welt erblickt hatte, ehe sie von der Einsamkeit des Höllenkerkers umfangen worden war. Als sie ihn nun ansah, wie er ein Dutzend Schritte von ihr entfernt stand, schien er sich kaum verändert zu haben – bis auf die fehlende Verletzlichkeit, die er bei ihrer vorherigen Begegnung gezeigt hatte. Er trug die gleiche Rüstung, doch sie war voller Blut, was dem roten Stein, der die Brustplatte verzierte, einen noch grausameren Glanz verlieh. Sein Schwert zeugte ebenfalls von dem Gemetzel, das er angerichtet hatte. Sein Gesicht, das wie geschaffen dafür schien, jenes süffisante Grinsen zur Schau zu tragen, das sie so gut kannte, war nun von scharfen Falten durchzogen, wie sie sie an ihm zuvor noch nie gesehen hatte. Es freute sie, ihn mit so finsterer Miene zu sehen.

„Du hast so viele Freunde mitgebracht“, sagte Nahiri und trat zwischen zwei ihrer grässlichen Sporne hervor. „Aber nicht alle haben es geschafft.“ Sie wusste, dass die Erwähnung Avacyns ihn schmerzen würde, doch es kam keine höhnische Erwiderung. Sorin hob lediglich eine bleiche Hand, aus der schwarze, rauchige Energie strömte. Tod lauerte in diesem Nebel aus Schatten – Tod, der für Nahiri bestimmt war. Es schien, als wünschte er sich nichts von all den Verstellungen eines echten Duells oder gar der Poesie und der Dramatik, die einem solchen innewohnten. Ihr Ende wäre ihm schon genug, und sie betrachtete Sorin reglos, während die finsteren Schattenfinger nach ihr griffen.

Doch sie berührten sie nicht. Plötzlich zerstoben sie und flogen in verschiedene Richtungen davon, um Mustern in der Luft zu folgen, die ansonsten völlig unsichtbar waren. Sorin entfesselte eine zweite Welle Todesmagie, gerade als die ersten Nebelschwaden ihren mörderischen Pfad zurück zu ihrem Ursprung beendet hatten und fauchend auf den Vampir prallten. Sorin fiel auf ein Knie und biss sich vor Schmerz auf die Lippe. Zwischen den Teilen seiner Rüstung stieg dunkler Nebel aus Wunden auf, die für den Betrachter nicht zu sehen waren.

„Du musst sehr wenig von mir halten, wenn du tatsächlich geglaubt hast, dass das Wirkung zeigen würde“, sagte Nahiri, während die zweite Zusammenballung aus Magie ebenso zurückgeschlagen wurde wie die erste. „Magie fließt durch Leylinien. Leylinien durchdringen Stein. Und, nun, wir beide wissen, was ich damit anzustellen vermag. Also nur zu, Sorin: Versuche diese billige List gerne noch ein weiteres Mal.“ Sie umkreiste ihn nun. „Ich habe Emrakul an deine Schwelle geführt, und du glaubst noch immer, ich sei ein Kind.“

Einen Augenblick lang sprach keiner von beiden. Über sechstausend Jahre Geschichte hatten sie an diesen Ort gebracht. Während sie in Sorins Augen starrte, fragte sich Nahiri, ob er das Gleiche dachte. Einst hatte sie geglaubt, dass sie Freunde waren. Und nun ... Nun würde sie ihre Rache bekommen. Schließlich sagte Nahiri: „Eintausend Jahre, Sorin. Eintausend Jahre lang hast du mich eingesperrt.“

„Und trotzdem bist du immer noch hier.“ Sorin hustete, was eine schwarze Rauchwolke in die Luft aufsteigen ließ. „Du hättest fortgehen sollen.“

„Das bin ich doch. Ich kehrte nach Zendikar zurück, nur um zu sehen, wie es von den Eldrazi verwüstet wurde. Du hast das geschehen lassen.“ Sie hob ihr Schwert in Richtung von Sorins Kehle. „Du hast mich und meine Welt dem Untergang geweiht.“

„Du wusstest um die Gefahren, als du zugestimmt hast, die Eldrazi auf Zendikar einzukerkern. Du wusstest um die Möglichkeit, dass sie entkommen.“

„Ich wusste auch, dass wir eine Abmachung hatten.“ Nahiri spürte, wie ihre Haut zu brennen begann. „Im Fall ihres Ausbruchs hätten du und Ugin zurückkehren sollen. Und als es geschah, wart ihr nirgends zu finden. So wie ich es sehe, waren wir alle drei gemeinsam an dieser Sache beteiligt. Doch nur ich habe am Ende dafür eingestanden. All diese Zeit über war nur ich da.“

„Also hast du dich entschlossen, nun diese Welt dem Untergang zu weihen.“

„Ich bin es leid, die Wächterin zu geben, und Zendikar wird nie wieder ein Gefängnis sein. Emrakul musste irgendwo anders hin. Du hast mir die Entscheidung lediglich erleichtert.“

„Sorin, ich bin geneigt, mir anzusehen, wie das hier ausgeht“, erklang eine melodische und gleichermaßen beißende Stimme über ihnen. Nahiri hob den Kopf und erblickte eine Vampirin, die in einen eleganten, schwarzen Plattenpanzer gekleidet war. Sie schwebte an der Spitze von etwa einem Dutzend ähnlich prunkvoll gerüsteter Vampire über ihnen. Sie trug keinen Helm, und ihr bleiches Gesicht und ihr leuchtend roter Haarschopf hoben sich deutlich von dem dunklen Metall ab. Eine Aura der Anmut schien von ihr auszugehen, und Nahiri erkannte eine Macht, die der Sorins ähnelte. Diese Frau war eine uralte Blutsaugerin.

„Zweifelsohne, Olivia“, erwiderte Sorin, noch immer auf ein Knie gestützt.

Olivia winkte mit einem Schwert aus filigranem schwarzem Stahl in Nahiris Richtung. „Das ist sie, nehme ich an?“ Ohne die Antwort abzuwarten, wandte sie sich an Nahiri. „Was auch immer Sorin getan haben mag, sich deinen Zorn zuzuziehen, ich bin sicher, dass er ihn verdient hat. Doch ebenso sehr hat er sich meine Unterstützung verdient. Ich kann dir deine Rache folglich nicht gewähren.“

„Noch ein Schutzengel, Sorin? Dieser hier ist wohl etwas in Eile entstanden“, sagte Nahiri. Sie winkte ausladend mit einer Hand und die Steinplatten vor ihr wurden glühend heiß.

Olivia lächelte. „Ich muss sagen, Sorin, sie gefällt mir. Aber nichtsdestominder ...“ Auf ihr Zeichen hin bewegten sich ihre Vampire auf Nahiri zu.

Die Platten vor der Lithomagierin glühten nun vor Hitze, und bevor die Blutsauger sie erreichen konnten, zog sie etwas aus dem geschmolzenen Stein – vier Klingen, gleich der, die sie selbst trug. Jede pulsierte mit der Energie ihrer steinernen Esse. Sie griff nach einer, sodass sie nun in jeder Hand eine Klinge trug. Die anderen fächerten sich hinter ihr auf wie das feurige Rad eines Phönix.

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„Es ist nicht an dir, mir meine Rache zu gewähren. Sie steht mir zu. Sorin gehört mir.“

„Du solltest nie vergessen“, fauchte Sorin, „dass ich dich verschont habe. Der Höllenkerker war ein Geschenk.“

„Ein Geschenk“, wiederholte Nahiri. Ihre Finger zuckten. Sie hätte ihn in Stücke reißen können. „Die Schrecken, mit denen du mich so lange eingesperrt hast – sie sind zu meiner Welt geworden.“

Bei ihrem letzten Wort stieß Nahiri die Spitzen ihrer Schwerter in eine der Steinfliesen. Sie ballte die Fäuste, und die Waffen begannen zu vibrieren. Die Schwingungen pflanzten sich durch den Boden fort und wurden stärker, je weiter sie sich ausbreiteten. Was als leichtes Summen begann, schwoll zu einem Grollen an, das die umgebenden Mauern zum Beben brachte. Helle Ströme aus Energie stiegen in schnellen Impulsen von ihren Händen auf und wanden sich durch die Klingen, um sich über das Mauerwerk auszubreiten und sich über jeden einzelnen Stein im gesamten Anwesen zu legen.

Eine Handvoll Leysteine spross um sie herum aus dem Boden. Jeder zeigte in eine andere Richtung, sodass sie eine Art Stern bildeten.

Dann ging ein gewaltiger Ruck durch das Anwesen. Die Mauern, die sie geschaffen hatte, um sich und Sorin abzuschirmen, brachen in sich zusammen und die gesamte Halle begann, sich unabhängig vom Rest des Bauwerks zu drehen. Die Fundamente knarrten wie die Gelenke eines alten Gottes, der sich zum ersten Mal seit vielen Äonen erhob. Das Geräusch war ohrenbetäubend und am äußersten Rand der Erträglichkeit.

Bald schlich sich ein anderer Klang in ihr Gehör. Mit jedem Stück, das sich die Halle weiterdrehte, wurde es lauter. Es war ein rauer, kratzender Laut und dem Chor der Kultisten nicht unähnlich, doch dies war kein Geräusch, das von Menschen ausging oder gar für sie bestimmt gewesen wäre.

Der Eingangsbogen der Halle bewegte sich mit der gewaltigen Kammer und führte nun nicht mehr zu dem zerstörten Damm jenseits des Haupttores. Als die Drehung endlich endete, lag hinter dem Eingang nur eine konturlose Steinmauer. Der fremde Klang schwoll an. Ohne das Knirschen von Stein auf Stein ertönte er ungedämpft, und sie spürte ihn bis ins Mark. Doch es war an der Zeit. Nahiri griff mit ihrer Magie nach den Steinen. Die Schichten der Mauer, auf die sie nun blickte, glitten in verschiedene Richtungen fort.

Noch bevor sie die letzte Schichte beiseite geschoben hatte, zersprang diese in einem Hagel aus Geröll. Sie kamen: Scharen von Ungeheuern, knollig und verkrümmt, und nur wenig an ihnen zeugte noch von den Menschen und Tieren, die sie einst gewesen waren. Sie gehörten nun Emrakul. Die Eldrazitanin hatte sie berührt, sodass ihr Fleisch sich wie ein sehniges, verzweigtes Geflecht über ihre mutierten Gestalten spannte.

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Nahiri hatte sie seit Emrakuls Ankunft hier versammelt und sie als Geschenk für ihren Freund in ihrem eigenen Kerker eingesperrt.

Nahiri sah zu, wie sie aus ihrem dunklen Verlies in die Halle ausschwärmten und auf sie zukamen. Sie zuckte nicht einmal zusammen. Albträume waren nichts Neues für sie. Sie kamen näher, und gerade als die entsetzliche Horde auf sie zu prallen drohte, teilte sie sich. In ihrem Kreis aus Leysteinen konnten die Ungeheuer sie nicht sehen. Kryptolithen nannten die Kultisten diese Steine, aber sie waren alles andere als kryptisch. Eldrazi folgten den Leylinien, jenem Netzwerk aus Mana, das es auf allen Welten gab. Genau wie sie es vor sechstausend Jahren auf Zendikar getan hatte, hatte Nahiri diese Steine so geformt, dass sich Innistrads Leylinien ihrem Willen beugten. Für diese Schrecken nahm sie einen blinden Fleck in der Wirklichkeit ein. Sie existierte nicht.

Auf die Vampire traf dies nicht zu. Die Eldrazi rasten ihnen entgegen, und die rothaarige Vampirin verschwendete gemeinsam mit ihren Lakaien keine Zeit, sich mit allem Zorn ihrer Art in die Menge zu stürzen.

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Nahiri wich vor dem Chaos zurück, und Mauerwerk schob sich bei jedem Schritt an den passenden Platz, um eine Treppe zu bilden, die sich in die Höhen des Anwesens wand. Ihr Aufstieg trug sie über die Klingen der Vampire und die Hiebe von mit Flechtwerk bedeckten Gliedmaßen hinweg. Sorin hatte gehofft, sie mithilfe seiner Verbündeten zu besiegen. Vergebens, denn sie war darauf vorbereitet. Sorin hatte zudem versucht, sie mit Todesmagie zur Strecke zu bringen, doch auch darauf war sie vorbereitet gewesen.

Aber war er umgekehrt auch auf sie vorbereitet?

Sie spürte seinen Blick auf sich, und als sie ihn in dem Getümmel entdeckte, starrte er zu ihr hinauf. Blut rann ihm das Kinn hinunter, und ein Kultist hing leblos in seinen Händen. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn bluten sah, doch er hatte nie so ungeheuerlich ausgesehen wie in diesem Augenblick. Und das war es, was er war: ein Ungeheuer.

Sorins Blick wich nie von ihr, selbst dann nicht, als der Vampir seinen Aufstieg begann. Er bewegte sich wie ein Blitz. Der schlaffe Kultist in seiner Hand zuckte heftig, während Sorin die zerklüfteten Wände hinauf und über die wie festgefroren in der Luft hängenden Steine huschte. Er war wie eine Katze auf der Jagd, flink und leichtfüßig. Bis Nahiri bei den losen, zerbrochenen Überresten des Dachs des Anwesens eintraf, war er ihr schon dicht auf den Fersen.

Nahiri war und blieb jedoch eine Kor von Zendikar. Von einem gefährlichen Ort zum nächsten zu springen war ihre zweite Natur. Außerdem war sie die Lithomagierin, und hier – auf einem Feld aus verstreuten Pfeilern, spitzen Türmchen und ganzer Flügel des Anwesens, die in unzählige Teile zersprungen waren – war sie voll in ihrem Element. Sie hockte auf dem Sims eines hohen, schmalen Fensters, das in einen Teil einer Wand eingelassen war, die der Schwerkraft trotzend in der Luft schwebte. Ihre Schwerter kreisten über ihrem Kopf, eine Krone aus Klingen, die dies als ihr Reich kennzeichneten. Es war an der Zeit, endlich zu sehen, ob Sorin mit ihr mithalten konnte.

„Nun können wir beenden, was wir angefangen haben. Ohne Unterbrechungen“, rief sie zu Sorin herunter, der sich nach einer anmutigen Landung auf einem Absatz aufrichtete, an dem noch immer ein Teil einer breiten Treppe hing. Ein langer roter Läufer klammerte sich an die verbleibenden Stufen, während er wie die Zunge irgendeines toten Tieres in die Tiefe in die Tiefe hinunterlappte.

„Bist du so begierig darauf, zu sterben?“, fragte Sorin. „Als wir uns das letzte Mal begegnet sind, war meine Kraft stark beeinträchtigt. Dieses Mal hast du nicht so viel Glück, fürchte ich.“ Er warf die Leiche des Kultisten auf Nahiri, als wäre sie ein feuchter Lappen. Sie hörte etwas im Inneren des Körpers knacken, als er auf den Stein neben ihr prallte. „Und ich habe durchaus vor, dich zu töten.“

„Glaubst du, du machst mir Angst?“

„Das werde ich auf jeden Fall bald tun.“ Seine Augen waren schierste, uralte Grausamkeit.

„Ich gehe nicht, bevor das hier nicht erledigt ist, Sorin.“

„Da sind wir uns einig, Kleines.“

Kleines. Ohne ein weiteres Wort ließ Nahiri ihre Schwerter fliegen – alle bis auf eines, das sie in der Hand behielt. Sorin sprang aus dem Weg, als sich ein Schwert nach dem anderen tief in den Stein unter ihm bohrte, und noch ehe er wieder einen sicheren Stand gefunden hatte, griff Nahiri nach dem Treppenabsatz und stellte ihn auf den Kopf.

Einen Augenblick lang dachte sie, es würde ihm gelingen, sich festzuhalten, doch seine Finger fanden keinen Halt. Er fiel.

Das frei baumelnde Ende des schweren roten Läufers folgte beim Umdrehen des Absatzes jedoch der Bewegung, und Nahiri musste dabei zusehen, wie Sorins Finger sich um den Stoff schlossen und er sich mit einem Mal nach oben schwang, anstatt abzustürzen.

Nahiri riss an den Platten des Absatzes, um die gesamte Konstruktion zu zerlegen. Als sie auseinanderbrach, ließ Sorin den Läufer los und der Schwung beförderte ihn auf einen verirrten Balken. Von dort aus sprang er an eine brüchige Wand und dann auf einen weiteren Balken, der schräg in der Luft hing. All das schien kaum einen Wimpernschlag lang zu dauern und Nahiri hatte größte Mühe, Sorin weiter zu beobachten.

Und dann scheiterte sie daran. Er war zu schnell, und bis sie in ihrem Fenster eine leicht veränderte Position eingenommen hatte, um seinen Bewegungen unter ihr zu folgen, hatte sie ihn aus dem Sichtfeld verloren.

Mehrere Herzschläge lang huschte ihr Blick wild umher und suchte nach irgendeinem Anzeichen einer Bewegung. Dann war da das Aufblitzen von Silber, und alles, was sie noch tun konnte, war, in die Wand selbst hineinzugleiten, von der Sorins Klinge danach mit einem ohrenbetäubenden Schlag abprallte, der lange durch den Stein hallte.

Von Mauerwerk umgeben hörte Nahiri Sorins Worte gedämpft, doch sie verloren nichts von ihrem Gift. „Nahiri, Nahiri ... All dieser Aufruhr nur um einen kleinen Aufenthalt im Höllenkerker. Und dabei scheinst du dich im Stein so wohl zu fühlen.“

Es gab ein lautes Knacken. Schmerz fuhr wie ein heißes Schüreisen durch ihre Seite. Der Stein war gebrochen. Sie spürte es, und sie spürte den Stahl in ihrem Fleisch. Mit einem Kratzen zog sich die Klinge zurück, und ehe sie erneut zuschlagen konnte, ließ sich Nahiri aus der Umklammerung der Wand fallen. Plötzlich taumelte sie durch die Luft. Ihre Hand fuhr zu dem Brennen an ihrer Seite. Sie fühlte Nässe.

Ein Teil einer Balustrade kam auf sie zu. Sie versuchte, es zu greifen, doch ihre Hand, klebrig vom Blut, rutschte ab, und so fiel Nahiri daran vorbei. Ihre Augenlider flatterten und die Welt drehte sich, bis dies jäh endete, als sie hart gegen die Oberfläche einer gewaltigen Säule prallte, die quer über die gesamte Länge des offenen Dachs gefallen war.

Als sie genug Kraft dafür gefunden hatte, rappelte Nahiri sich langsam auf. Sie lehnte gegen irgendeine steinerne Verzierung, die sich aus der Oberfläche der Säule erhob. Sie war außer Atem und ihr Mund trotz des Geschmacks von Blut trocken.

Beim Geräusch von Stiefelschritten vor ihr auf der Säule hörte, hob sie den Blick und sah Sorin, der von seinem Treppenabsatz herabgeklettert war. Er trat nach vorn, sodass er nun mit drohend erhobenem Schwert über ihr stand, genau wie vor tausend Jahren, als er sie in den Höllenkerker verbannt hatte. Doch diesmal gab es keinen Höllenkerker.

„Du hattest die Gelegenheit, mich zu töten, Kleines. Du hättest sie ergreifen sollen.“ Da war keine Prahlerei in Sorins Worten. Er war wie ein Mentor, der sich an seinen Schützling wendete, um ihm eine letzte Lektion mit auf den Weg zu geben.

„Vielleicht“, sagte Nahiri wie zu sich selbst. Ihr Schwert hing so kraftlos in ihrer Hand, dass die Spitze auf dem Boden ruhte. Schmerz strahlte von der klaffenden Wunde an ihrer Seite aus. Sie hatte sie mit ihrer freien Hand umschlossen gehalten, und als sie jetzt sich einen Augenblick Zeit nahm, um sie kurz zu betrachten, zitterten ihr die Finger.

So viel Blut.

Was schadete da schon noch etwas mehr. Sie holte tief Luft und sprach: „Was auch immer hier geschieht, ob ich es überlebe oder nicht, Sorin: Ich habe gewonnen. Sieh dich nur um.“ Nahiri wies vage mit der Hand auf das Anwesen. „Schau genau hin, was ich all dem, das du als deins bezeichnest, angetan habe.“ Sie deutete nach links. Dort in der Ferne, über der Stadt Thraben, thronte Emrakul. „Keiner deiner Engel wird dir dieses Mal zu Hilfe eilen.“

Sorins Klinge zuckte und schlug Nahiris fort. Ihr Schwert stürzte taumelnd in die Tiefe. „Was du mir mit Avacyn genommen hast, werde ich mir durch dein Blut zurückholen.“ Bevor sie auch nur einen Muskel rühren konnte, spürte sie Sorins Zähne in ihrem Hals. Sämtliches Blut in ihrem Körper änderte die Richtung, in die es strömte. Sorin rief es zu sich, und es brannte ihr in den Adern. Er trank gierig, und Nahiri fand ihren Augenblick.

Sie lehnte sich gegen die Wand hinter sich, die sich auf ihr Drängen hin für sie öffnete. Jeder Herzschlag war eine Qual, doch sie zwang sich zu flüstern: „Ich kann zurückbeißen, Sorin, und ich habe größere Zähne als du.“

Die Wand schlug um sie herum zusammen wie eine Woge, und Reihe um Reihe steinerner Hauer gruben sich in Sorins Beine und Rippen. Sein Schwert fiel ihm aus der Hand, und ein Schmerzensschrei brach sich Bahn. Nahiri stieß ihn von sich weg und durchquerte mühelos den festen Stein, um Sorin allein darin zurückzulassen. Der Stein schloss sich um ihn, bis er fest von ihm umklammert war. Als Nahiri ihr Werk vollendet hatte, baumelte Sorin im Griff ihrer Magie in der Luft. Er würde diese Welt nicht verlassen können. Die steinernen Zähne, die ihn festhielten, nagten an seinem Inneren und hielten einen Schmerz aufrecht, durch den es ihm unmöglich sein würde, sich darauf zu konzentrieren, diesen Ort je wieder verlassen zu können.

Dann wirbelte Nahiri Sorin und seinen Stein herum, sodass er auf die Ebenen unterhalb des Markov-Anwesens hinabblickte. Sorin wollte sprechen, doch es erklang nur ein unverständliches Gurgeln, während Nahiri auf den Kokon kletterte, den sie erschaffen hatte. Was auch immer er zu sagen hatte, spielte keine Rolle. Sie wollte, dass er ihre Worte hörte. Sie klammerte sich mit einer Hand an die Spitze des Steins und ließ sich zu ihm herab, um sie ihm ins Ohr zu flüstern. „Ich habe dich verschont“, sagte sie. „Betrachte es als vergoltenes Geschenk.“

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In der Ferne unter einem Dach aus Wolkentürmen: Emrakul.

Und im nächsten Augenblick verließ Nahiri Innistrad und überließ Sorin dem Schicksal seiner Welt.
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Der Horizont war Emrakul. Es gab nichts, was Sorin tun konnte, außer dabei zuzusehen, wie Innistrads Ende langsam durch Gaven auf Thraben zukam. Die Menschen dort unten kümmerten ihn nicht, aber Innistrad war sein, und Thraben war es, wo er Avacyn erschaffen hatte, um es zu beschützen. Es nun am Rande der Vernichtung zu sehen, schmerzte ihn mehr als die steinernen Zähne der Lithomagierin, die sich durch sein Innerstes mahlten.

Sorin spürte es einen Augenblick, bevor er es hörte – Metall auf Stein, ein langsames, langes Kratzen, das sich von der Spitze bis zum Boden seines Sarkophags bewegte.

„Ich glaube, das hier gefällt mir besser“, sagte eine spöttische Stimme. Und dann kam Olivia in sein Blickfeld und versperrte ihm die Sicht auf das Chaos unter ihm. Sie hielt sein Schwert in der Hand.

„Olivia“, presste Sorin hervor. „Befreie mich.“

„Selbst wenn ich es könnte, warum sollte ich? Avacyn ist tot. Nahiri wurde vertrieben. Unser Handel ist erfüllt.“ Sie kicherte grausam. „Ich nenne das einen Sieg. Versuche doch bitte, ihn zu genießen. Immerhin ist das Markov-Anwesen dein. Und was mich angeht ...“ Sie hielt Sorins Schwert in die Höhe, um die Klinge zu begutachten. „Mir gefällt der Klang von ‚Olivia, Herrin von Innistrad‘.“

Der letzte Rest Geduld, der ihm noch geblieben war, wurde von einer Welle der Verzweiflung hinweggespült. Diese Welt war verloren. Olivia war sein einziger Ausweg. „Schau hin!“, sagte er und stemmte sich gegen den unnachgiebigen Stein. Olivia warf einen raschen Blick über die Schulter, sagte aber nichts. „Siehst du es?“, fuhr er fort. „Das ist es, was kommen wird. Du hast gesehen, was sie tut. Wozu sie fähig ist.“ Er sprach nun schneller. Seine Stimme brach. „Du wirst meine Hilfe brauchen, wenn du damit fertigwerden willst!“

Sorin gefiel nicht, wie Olivia ihn ansah. Sie war eine Spinne und er eine Fliege. „Hör mir zu!“, versuchte er es erneut. „Was nützt dir all das, wenn es morgen fort ist?“

„Avacyn ist tot. Und du“, sagte sie und drückte ihm die Spitze seines eigenen Schwertes gegen die Wange, „bist es ebenso. Ich finde das ziemlich gut.“ Und alles, was Sorin tun konnte, war mit anzusehen, wie Olivia davonschwebte, sodass Emrakul und das Ende, das sie verhieß, nun wieder klar zu sehen waren.

Veröffentlicht in Magic Story on 6. Juli 2016

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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Judge Fredd » Di 19. Jul 2016, 21:09

Sankt Traft und der Schwarm der Albträume


Als wir Thalia, Odric und Grete das letzte Mal sahen, waren sie jenem Übel, das im Rat der Lunarchen – dem Leitungsorgan der Kirche Avacyns – lauerte, entflohen und hatten sich in einer entlegenen Kapelle in Heidenau in Gaven versammelt. Thalia stellte ihren Freunden den Orden von Sankt Traft vor. Dieser war nach einem uralten Heiligen benannt und buchstäblich auch von selbigem inspiriert – einem Heiligen, der bekannt dafür war, gegen Dämonen zu kämpfen. Thalia hatte sich als Gefäß für den Geist von Sankt Traft zur Verfügung gestellt. Mit heiliger Macht ausgestattet führte sie eine bunte Schar rebellischer Krieger, Katharer und anderer Geistlicher an, um die Mission der Kirche trotz der Verderbnis in ihrem Inneren weiterzuführen.

Doch nun hat sich die Welt verändert. Wie können die letzten Überreste der Kirche Avacyns ihre Aufgabe fortsetzen, wo Avacyn nun tot ist? Und welche Macht kann sie noch am Leben erhalten, nun da ihre Welt am Rand des Untergangs steht?


„Ich höre nur sehr wenig Neuigkeiten“, sagte Grete, „und die Hälfte davon widerspricht sich.“

Thalia nickte seufzend. „Manchmal kehren unsere Kundschafter nicht zurück“, sagte sie, „und manchmal sind sie kaum in der Lage, Bericht zu erstatten.“ Etwas krampfte sich in ihrem Magen zusammen, als sie an Halmig dachte, der sich gestern früh dem Marsch angeschlossen hatte und der vollkommen ...verändert ... gewesen war. Sie hatte sich gezwungen gesehen, ihn zu töten. Ihn oder wozu auch immer er geworden war – mehr ein sich windendes Ding als ein Mensch. Sie konnte nur Vermutungen darüber anstellen, was ihm auf seiner Kundschaftermission widerfahren und was mit den Soldaten unter seinem Befehl geschehen war.

„Ist es wahr, dass Hennweier zerstört ist?“, fragte Grete.

„Die Wahrheit ist viel schlimmer.“ Thalia fuhr mit den Fingern durch das glänzende Fell ihres Reittieres und tat so, als sähe sie Gretes hochgezogene Augenbraue nicht. Grete ihrerseits hakte nicht weiter nach.

Schweigend und jede ihren eigenen Gedanken nachhängend ritten sie eine Weile weiter. Das letzte Mal, als eine Armee nach Thraben marschiert war, hatte es sich dabei um eine von den Geschwistern Sesani erschaffene Horde aus Ghulen und Skaabs gehandelt, wie sich Thalia erinnerte. Nun war sie Teil einer voranmarschierenden Horde – wenn man so wenige Soldaten überhaupt als solche bezeichnen konnte. Sie waren nicht minder abgerissen und heruntergekommen wie Zombies, denn die Kämpfe der vergangenen Wochen hatten sie ausgezehrt. Die Welt schien vom Wahnsinn verschlungen worden zu sein. Doch so lange sie noch atmeten und so lange sie noch einen Hoffnungsschimmer fanden, an den sie sich klammern konnten, so lange würden sie weiterkämpfen.

Zumindest die meisten von ihnen. Odric war zurückgeblieben. Sein Geist war gebrochen, nachdem er sich gegen den Rat der Lunarchen gewandt und Thalia aus ihrem Kerker befreit hatte. Thalia trauerte um ihn, doch sie durfte keinen Deut ihres eigenen Glaubens darauf vergeuden, den seinen wieder zu stärken.

„Ich habe gehört, Seeta und ihre Inquisitoren setzen ihre Arbeit fort“, sagte Grete schließlich.

Thalia schnaubte verächtlich. „Sollen sie uns ruhig finden“, sagte sie. Nachdem Thalia dem Rat der Lunarchen entgegengetreten und gemeinsam mit Odric und Grete aus Thraben geflohen war, hatte eine eifrige Inquisitorin namens Seeta die Jagd auf sie angeführt. Seetas Schlachtruf lautete: „Reinigt die Unreinen!“, und sie reiste an der Spitze einer Prozession rollender Fallbeile. Die von Ochsen gezogenen Hinrichtungsanlagen hatten sie bislang so sehr aufgehalten, dass sie den Orden von Sankt Traft noch nicht gefunden hatte. Und nun war dieser groß genug geworden, dass Thalia glaubte, wenig von dem, was von der Inquisition noch übrig war, fürchten zu müssen.

Grete schüttelte den Kopf. „Sie nennen sich nun die Sündenfreien“, sagte sie. „Sie behaupten, die Verwandlung wäre ein Zeichen dafür, dass die Sünde aus ihren Körpern getilgt wurde.“

Thalia verzog angeekelt den Mund. „Sie versuchen, das als eine ... Tugend ... auszulegen?“

Grete nickte und starrte auf den steinigen Pfad vor ihnen.

„Wie tief wir doch gesunken sind“, sagte Thalia halb zu sich selbst.

„Was ist es denn dann?“, fragte Grete. „Angenommen, es ist keine Tugend, meine ich. Wodurch wird es verursacht?“

„Wenn es eine Antwort darauf gibt, werden wir sie in Thraben finden.“

Sie fragte sich, was sie tatsächlich dort finden würden – in der Stadt, in der Kathedrale. Ihr Herz schlug schneller und ihr Magen krampfte sich bei dem Gedanken an Thraben, das über so viele Jahre hinweg ihre Heimat gewesen war, noch schmerzhafter zusammen. Was, wenn es das gleiche Schicksal wie Hennweier ereilt hatte? Wenn dort Menschen und Dinge zu einer einzigen Wesenheit verschmolzen waren? Was, wenn es nichts mehr zu retten gab? Was, wenn Avacyn wirklich ...?

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Ein einsames Pferd stand ein Stück den Pfad hinunter. Thalia nickte Grete zu, spornte ihr Reittier an und galoppierte vorwärts. Sie lehnte sich gegen den Kopf ihres Tieres und der Dommelgreif breitete die Schwingen aus, um sich anmutig in die Luft zu erheben, an Gretes voranpreschendem Pferd vorbeizuschweben und sich neben Rem Karolus niederzulassen, ohne das kleinste Staubkorn am Boden aufzuwirbeln.

Rem war ein weiterer ergebener Diener der Kirche gewesen – die Klinge der Inquisitoren –, doch der Wahnsinn der Engel hatte ihn verändert. Er war seit jeher kein Mann vieler Worte gewesen und hatte seine Pflichten mit grimmiger Entschlossenheit erfüllt. Doch er hatte seinem Titel schon früh alle Ehre gemacht und seine berühmte Klinge gegen die wahre Bedrohung Innistrads geführt. „Engelstöter“ nannte man ihn nun, auch wenn er selbst diesen Namen nicht für sich verwendete. Und obgleich sie nie mit ihm darüber gesprochen hatte, vermutete Thalia, dass Rems Glauben gemeinsam mit dem ersten Engel, den er niedergestreckt hatte, gestorben war.

Als Grete ihr Pferd neben ihnen zügelte, schnitt Rem zwei Riemen an der Seite seines Sattels durch und ein langer, metallener Schaft fiel dumpf zu Boden. Selbst mit zerbrochener Spitze war Avacyns Speer unverwechselbar.

„Es ist also wahr“, flüsterte Thalia.

„Hast du sie getötet?“, entfuhr es Grete .

Rem machte ein abschätziges Geräusch. „Du überschätzt mich“, sagte er. „Versteh mich nicht falsch: Ich hätte es getan, wenn ich gekonnt hätte. Doch es sieht so aus, als sei mir jemand zuvorgekommen.“

Thalias Herz wurde schwer. Sie glitt vom Rücken des Greifen und fiel neben dem Speer auf die Knie, als würde die Last auf ihrer Brust sie nach unten ziehen. Ihr Greif stupste ihr Gesicht an. Sein eigenes war nass von ... Tränen? Trauerte er ebenso um Avacyn wie sie selbst?

Sie wankte nach vorn und griff nach dem Speer.

Rem rief noch halb: „Das würde ich nicht ...“

Ein Gleißen heiligen Lichts brach aus dem Schaft, wo ihre Hand ihn berührte, und Thalia zog die Finger zurück, als ein Schmerz ihr durch den gesamten Arm fuhr.

„... tun“, endete Rem flach. „Ich hätte mir schier etwas gebrochen, als ich ihn an der alten Jedda hier festzurrte. Ich konnte ihn nicht anfassen.“

Thalia schenkte ihm keine Beachtung. Kannst du das?, fragte sie den Geist in sich.

Ihre Hand begann in einem warmen, weißen Licht zu leuchten, als die Macht von Sankt Traft ihr den Rücken entlangfuhr. Sie fühlte sich leichter. Mit oder ohne Avacyn: Die Welt war noch nicht verloren.

Sie griff erneut nach dem Speer, und diesmal schloss sich ihre Hand fest um den Schaft. Sie stand auf und hob den Speer über den Kopf. Seine Spitze leuchtete unter dem bewölkten Himmel wie die Sonne. Rems Mund stand offen und Thalia versuchte, ihn nicht anzugrinsen.

„Grete, nimmst du bitte die Standarte aus meinem Sattel?“, fragte Thalia.

Grete stieg ab und näherte sich dem Greifen – zunächst zaghaft, doch als sie nahe genug war, um ihn zu berühren, sah Thalia, wie ihre Angst dahinschwand. Dommelgreifen wirkten beruhigend.

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Grete entfernte geschickt den langen Speer, an dem das Banner von Sankt Traft beim Reiten über Thalias Kopf wehte, und Thalia platzierte Avacyns Speer an seiner Stelle.

„Wir reiten nun unter diesem Banner“, sagte sie.

Rem war noch immer völlig verblüfft. „Wie hast du ...?“

„Du solltest häufiger mit mir reiten, Rem. Du würdest eine Menge überraschender Dinge sehen.“

„Und Dinge, die dir Hoffnung geben“, fügte Grete hinzu.

„Nun, wir werden sehen“, sagte Rem. Doch er blickte auf den Speer, der noch immer im matten Sonnenlicht schimmerte, und etwas glitzerte in seinen Augen, wenngleich es auch keine Hoffnung war.

Thalia kletterte zurück in ihren Sattel, wendete den Greifen in Richtung der sich nähernden Armee und ließ ihn sich wieder in die Luft schwingen. Sie flog über die gesamte, bunt zusammengewürfelte Schar hinweg und achtete darauf, dass jeder Avacyns Speer zu sehen bekam. Verhaltene Rufe erklangen – die Rufe von Soldaten, die ihrer Anführerin zujubelten –, doch als die Leute erkannten, was sie da vor sich sahen und was es bedeutete, wurden ihre Rufe zu Schreien der Verzweiflung.

Sie lenkte den Greifen in ihre Mitte. Mithilfe des Geistes hob sie den Speer erneut mit beiden Händen über den Kopf. Er war zu schwer, als dass sie ihn im Kampf hätte führen können, doch er war ein mächtiges Symbol.

„Avacyn ist tot!“, rief sie. Verzweifeltes Stöhnen und ungläubige Rufe erschallten um sie herum. „Ihre Kirche ist unwiderruflich verderbt. Und namenlose Schrecken kriechen und winden sich über unser Land.“

Mit schmerzendem Herzen hielt sie einen Augenblick inne. Die Trauer, die sie in den Gesichtern um sich herum sah, spiegelte ihre eigene wider. Jeder hier hatte Familie, Freunde und sein Zuhause verloren – und nun standen sie kurz davor, auch noch ihre letzte Hoffnung zu verlieren. Das Gewicht des Speeres ließ die Muskeln in ihren Schultern brennen.

„Doch wir sind noch hier!“, rief sie. „Wir, die wir gegen diese Schrecken kämpften. Wir, die wir uns dem Bösen und dem Wahn der Kirche entgegengestellten. Wir, die wir im Angesicht der Verzweiflung Hoffnung in unserem Glauben fanden – wir sind noch hier! Und wenn kein Erzengel mehr uns den Weg durch das Dunkel erhellt, dann müssen wir unser eigenes Licht sein. Wenn kein Schutzzauber die Schrecken mehr im Zaum hält, dann müssen unsere Schwerter diese Aufgabe übernehmen. Wenn wir keinen Glauben mehr in Avacyn finden, dann müssen wir an jene Ideale glauben, für die Avacyn vor ihrem Wahnsinn stand.“

Beim Sprechen sah sie, wie Katharer auf die Knie sanken und ihnen Tränen über die vom Kampf verhärmten Wangen rannen, während sie den Blick zum Himmel gerichtet oder die Gesichter dem Staub entgegengewandt hielten. Jeder von ihnen würde auf seine Weise und zu seiner Zeit mit der Trauer fertigwerden müssen. Ihr Schmerz setzte ihr zusätzlich zu ihrer eigenen Trauer zu – eine Bürde, die weitaus schwerer wog als der Speer, den sie mühsam erhoben hielt.

Sie erinnerte sich an das, was sie Odric vor Monaten gesagt hatte, und sagte alles, von dem sie wusste, dass es ihnen die Herzen etwas leichter machen konnte. „Vor all dem hier hielt das sanfte Licht des Mondes die Schrecken der Nacht zurück. Vor all dem hier hielten die Bande zwischen uns die Furcht fern, die uns zu trennen versuchte. Vor all dem hier strebten wir danach, mehr als nur gewöhnliche Menschen zu sein. Wir strebten nach Heiligkeit und nach einer Vollkommenheit, wie wir sie in den Engeln sahen.

Und das werden wir erneut tun. Liebe Freunde, wir sind noch hier! Und das ist es, wofür wir streiten! Für die Erinnerung an Avacyn, an das Licht und an die Güte, die aus der Welt verschwunden sind – dafür streiten wir! Für Innistrad und all seine Bewohner – für sie marschieren wir!“

Sie jubelten trotz ihrer Tränen. Sie standen auf und erhoben die Gesichter zum wolkenverhangenen Himmel und reckten ihm ihre Schwerter und Speere entgegen. Thalia berührte den Kopf des Greifen, und er stieg auf, um ein weiteres Mal über den Soldaten ihrer kleinen Armee zu kreisen. Dann landete sie erneut neben Grete an der Spitze ihrer Streitmacht und sie marschierten voran: nach Thraben und in ein letztes, verzweifeltes Gefecht gegen den Albtraum, der Besitz von ihrer Welt ergriffen hatte.
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Die Türme und Wehrgänge Thrabens ragten dort hoch über der Mündung des Flusses Kirch auf, wo sich seine Wasser über zerklüftete Klippen ins Meer ergossen. Die sich sanft dahinerstreckende Heide, aus der ein Großteil Gavens bestand, sorgte dafür, dass die Helle Stadt bei klarem Himmel aus vielen Meilen Entfernung zu sehen war. Thalia konnte sich jedoch nicht erinnern, wann sie das letzte Mal einen wolkenlosen Himmel gesehen hatte. Als sich die Schleier aus Regen und Nebel nun schließlich lüfteten und den Blick auf die Stadt freigaben, waren sie nur noch eine Stunde Fußmarsch von ihr entfernt.

Der Weg vor ihnen war allerdings von Schrecken übersät. Es würde kein leichter Marsch werden. Es waren Massen aus mit Geflecht überzogenem Fleisch und pockigen Tentakeln, verzerrten Zügen und missgestalteten Leibern – Dinge, die einst Vieh, wilde Bestien oder wesentlich gewöhnlichere Ungeheuer gewesen waren. Einige waren nicht einmal mehr als von der Natur geschaffene Lebewesen zu erkennen. Und viele – viel zu viele – waren einmal Menschen gewesen, und nun zeigten ihre grässlichen Züge nur noch in sehr unterschiedlichem Maße hier und da etwas, was man als menschlich hätte beschreiben können.

Im Vergleich dazu kamen einem die entsetzlichen Skaabs, die Geralf Sesani nach Thraben geschickt hatte – Flickwerke aus menschlichen und tierischen Körperteilen, die er den Eingebungen seiner wahnwitzigen Vorstellungskraft folgend zusammengesetzt hatte –, nicht weiter bemerkenswert und geistig gesund vor. Zumindest hatte eine klar als solche erkennbare Intelligenz sie geschaffen – ein menschlicher Verstand mit einem abscheulichen Geschmack und frei von jeder Art von Moral, aber immerhin ein menschlicher Verstand. Diese Dinge konnten nur der Vorstellung eines vollkommen fremdartigen Bewusstseins entsprungen sein – dem irgendeines wahnsinnigen Gottes, der im rastlosen Schlaf der Ewigkeiten träumte.

Auch sie fanden sich in Thraben zusammen. Sie schlurften auf knochenleeren Beinen oder krochen auf sich windenden Tentakeln oder zogen sich auf dem, was einst Hände gewesen sein mochten, über den Boden voran. Manche flatterten taumelnd auf membrandünnen Flügeln durch die Luft, während andere einfach auf dem Wind dahinglitten, ganz so, als sei die Schwerkraft nur ein weiteres Gesetz der Natur, dem sie keinerlei Bedeutung beizumessen brauchten.

Zunächst schienen sich die Schrecken mehr dafür zu interessieren, den Weg nach Thraben zurückzulegen, als Thalia und ihre Katharer aufzuhalten. Sie befahl den Soldaten, ihre Kräfte zu schonen und nur dann zu kämpfen, wenn sie angegriffen wurden. So übel ihr auch dabei war, die zappelnden Ungeheuer am Leben zu lassen, so sicher war sie sich, dass ihre Soldaten all ihre Kräfte brauchen würden, sobald sie die Stadt erreichten.

Doch dann kam sie einem dahinschlurfenden Ding von den Ausmaßen eines großen Pferdes zu nahe, und es wirbelte zu ihr herum. Sie schätzte, dass es tatsächlich früher einmal ein Pferd gewesen war – nein, ein Pferd samt Reiter, die nun zu einer einzigen entsetzlichen Masse aus Fleisch verschmolzen waren. So etwas wie sechs Beine trugen das Ding, und miteinander verwobene Stränge violetten Fleisches bedeckten seine Flanken und hielten Pferd und Reiter zusammen. Gezackte Zähne stachen aus verschiedenen kieferartigen Gebilden unter einer räudigen Mähne hervor, und ein rotgelbes Leuchten unter einen Dreispitz musste wohl früher das Antlitz des Reiters gewesen sein. In dem Gewirr aus Tentakeln war halb eine Hellebarde versunken.

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Ehe sie ihr Reittier wenden konnte, um sich der Kreatur zu stellen, als befänden sie sich in einer Art irrsinnigen Tjoste, erhob sich das Geschöpf auf drei Hinterbeine und rammte ihr einen Huf in die Schulter. Thalia wurde aus dem Sattel geschleudert. Mit einem Rascheln seines zerzausten Gefieders erhob ihr Greif sich in die Luft. Thalia machte sich die kurzzeitige Ablenkung der Kreatur zunutze, um sich aufzurappeln und eine Kampfhaltung einzunehmen.

Als es näher kam, zuckte ihre Klinge und schlug zwei Wunden in das, was der Hals des Pferdes gewesen sein musste. Ein bräunliches Etwas tropfte aus den Schnitten – kein Blut, denn es wand sich und zappelte wie Würmer, von denen es unter einem umgedrehten Stein wimmelte. Die Kreatur schien es nicht zu bemerken.

Ein Huf am Ende von etwas, was kein Bein war, schlug nach ihr aus. Sie stieß ihn beiseite und schnitt in das Fleisch genau darüber. Diesmal sickerte gelblicher Eiter hervor. Als sie jedoch nach einer Seite parierte, hieb ein Tentakel – vermutlich einer der Arme des Reiters – von der anderen Seite nach ihr. Ihr Gesicht schmerzte ... und dann nicht mehr. Wo die fleischige Masse sie erwischt hatte, wurde ihre Haut taub und kalt.

Sie stolperte zwei Schritte vorwärts und nahm ihr Schwert in die andere Hand, als sich die Taubheit auf Hals und Schultern ausbreitete. Das Ding folgte ihr und bäumte sich auf, um erneut zuzuschlagen, doch dann fuhr Thalias Greif herab und trieb seinen Schnabel mitten in die fleischige Masse des Dings. Ein Heulen fuhr aus einer Vielzahl von Mündern, die am Leib des Monstrums klafften.

Thalia versenkte ihre Klinge tief in das Ding – gleich über einem Fuß, der noch immer in einem Steigbügel steckte, wie sie mit einem Anflug von Abscheu bemerkte –, und das Geheul wurde lauter. Eine Reihe anderer Katharer waren ihr zu Hilfe geeilt und schwangen schwerere Schwerter und Äxte, bis der Schrecken zuckend zu ihren Füßen lag.

Und Dennias, der vor einem Jahr noch ein gutmütiger Schüler in Ellgau gewesen war, kniete am Boden und hielt sich den Kopf, als wollte er etwas in seinem Schädel daran hindern, aus ihm herauszubrechen. Sein Mund stand in einem stummen Schrei offen, und seine geweiteten Augen starrten ins Nichts. Sein Freund Mathan fiel neben ihm auf ein Knie, legte ihm einen Arm um die Schultern und murmelte leere, tröstende Worte. Thalia wandte sich ab.

Dann schrie Mathan.

Thalia wirbelte herum und sah, wie Mathan zurücktaumelte. Sein Gesicht war weiß wie das eines Greifen. Dennias hatte sich nicht bewegt, doch lange Tentakel schlängelten sich wie violette Bänder aus seinen Fingern. Und aus seinem Ohr.

Sein Gesicht wurde fahl, und er wirkte, als würde er sich übergeben. Thalia schüttelte traurig den Kopf und machte einen Schritt auf ihn zu. Sie wusste, was nun kommen würde.

Er beugte sich vornüber, als wollte er seinen Mageninhalt entleeren, doch stattdessen kamen weitere Tentakel aus seinem Mund. Etwas Großes zuckte unter seiner Rüstung.

Er war verloren.

Ihre Klinge beendete sein Leben schnell – viel schneller, als Ross und Reiter gefallen waren, und zweifellos auch rascher als die Verderbnis, die langsam das Leben aus ihm herausgesaugt hätte. Sie nahm die Bürde seines Todes auf sich, damit niemand anders sie schultern musste, doch sie überließ einem anderen die noch edlere Aufgabe, seinem Freund Trost zu spenden.

Dommelgreifen wirkten beruhigend. Als sie zurück in den Sattel kletterte, wurde ihr Herzschlag ruhiger und sie nahm einen tiefen, schaudernden Atemzug. Sie konnte den Speer nicht ansehen.
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Thraben zog sie nun alle an.

Thalias Gedanken waren klar und ihr Blick unbeirrt auf die Türme der Hohen Stadt gerichtet, doch sie spürte dennoch den Sog. Die Soldaten, die neben und hinter ihr marschierten, hatten den Blick auf Avacyns Speer geheftet, der von ihrem Sattel aus zum Himmel zeigte, doch auch sie spürten ihn. Das wusste sie. Mit Spitzhacken und Mistgabeln bewaffnete Menschen aus der Stadt schlossen sich ihnen an, ganz so, als wüssten sie, dass dies die letzte Gelegenheit war, für das Schicksal ihrer Welt zu kämpfen.

Und die wankenden, zappelnden, erzitternden Dinge um sie herum kannten nur den Sog. Einige waren noch immer weitestgehend menschlich – Städter und Dörfler, die in die Roben der Küstenkulte gehüllt waren und Krabbenscheren oder pockige Tentakel oder froschartige Mäuler hatten. Einige waren offenkundig einmal menschlich oder tierisch gewesen, wenn auch nun nicht mehr. Einige waren derart entstellt, dass Thalia sie nicht einmal ansatzweise zu beschreiben vermochte. Doch Thraben zog sie alle an.

Nein. Nicht alle. Ein Trupp Ritter auf gepanzerten Pferden ritt über die Heide auf Thalia und ihre Armee und nicht auf die Stadt zu. Eine Kompanie Soldaten marschierte hinter ihnen.

„Grete, Rem“, sagte sie und riss die beiden aus ihrem entrückten Zustand. Sie deutete zu den anrückenden Einheiten. Rem nickte grimmig, während Grete die Stirn runzelte.

„Weitere Feinde?“, fragte Grete.

„Vielleicht die Sündenreinen“, sagte Rem.

„Nenn sie nicht so“, herrschte Thalia ihn an. „Aber ich glaube nicht, dass das Seetas Leute sind.“

„Wer sind sie dann?“, fragte Grete.

„Ich werde es herausfinden.“ Thalia hatte nicht einmal Zeit, ihrem Reittier die Sporen zu geben, bevor es sich auch schon in die Luft erhob, als erahnte es ihre Gedanken.

Als sie sich den Rittern näherte, schwang sich eine Gestalt an ihrer Spitze ebenfalls in die Luft – nur eine menschliche Gestalt ohne irgendein Reittier, das sie trug.

Als ihr Greif sich der Gestalt annäherte, erkannte Thalia eine Mähne aus feuerrotem Haar, eine schwarze Rüstung – und ein langes schwarzes Kleid, das gänzlich ungeeignet für den Kampf schien. Die Gestalt hatte bleiche, beinahe weiße Haut und trug eine absurd lange Klinge, die dadurch leichter gemacht worden war, dass man sie so weit ausgehöhlt hatte, dass nun der graue Himmel durch sie hindurchschimmerte.

Das war also kein Mensch. Ein Blutsauger.

Die Vampirin hob beide Hände als Zeichen, dass sie sprechen wollte, obwohl sie noch immer offen ihre Klinge trug – was kein großes Wunder war, denn Thalia wollte sich kaum ausmalen, wie eine Scheide für dieses Ungetüm aussehen mochte. Thalia erwiderte die Geste. Ihre eigene schmale Klinge hing an ihrer Seite. Langsam schwebten sie aufeinander zu, bis sie nahe genug für einen Wortwechsel waren.

In gewisser Weise wirkte das alles geradezu lachhaft, doch es war tödlicher Ernst. Thalia saß auf einem Dommelgreifen, dessen Schwingen gerade so sehr schlugen, um sie in der Luft zu halten – von Angesicht zu Angesicht mit einer Vampirin, die dank ihrer eigenen Magie vom Erdboden abgehoben hatte. Und sie würden sich unterhalten.

„Wir haben ein gemeinsames Ziel, Mensch“, rief die Vampirin. „Ich bin Olivia Voldaren, Herrin von Ludenstein und Begründerin der Linie der Voldaren.“

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Thalia verschlug es einen Augenblick lang völlig die Sprache. Kaum einen Steinwurf entfernt schwebte eine der mächtigsten Vampirinnen Innistrads. Gerüchten zufolge war sie eine exzentrische Einzelgängerin und dafür bekannt, ausschweifende Feste auszurichten, auf denen sie sich selbst allerdings nur selten zeigte. Und sie war vollständig für den Kampf gerüstet – ein wahres Sinnbild eleganter Aristokratie in Kriegszeiten.

Mit einem tiefen Atemzug fand Thalia ihre Stimme wieder. „Ich grüße Sie, verehrte Frau Voldaren. Ich bin Thalia, die Erbin von Sankt Traft.“

„Wirklich? Ich traf ihn einst, müssen Sie wissen. Ich muss zugeben, Sie machen ihm alle Ehre, wie Sie da auf Ihrem Greifen sitzen mit Avacyns Speer an Ihrer Seite.“

Olivias Erinnerung daran, dass sie deutlich älter war, als Thalia zu begreifen vermochte, war subtil. Eine sanfte Warnung, vermischt mit einem Hauch von etwas, was beinahe Achtung hätte sein können.

„Was geht hier vor sich, Vampirin? Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie meine Soldaten zu einem weiteren der berüchtigten Festmahle der Voldaren werden.“

„Entspannen Sie sich, Liebes.“ Sie lachte. Ein melodisches Geräusch, das die Lage noch absurder zu machen schien. „Wie ich bereits sagte haben wir ein gemeinsames Ziel. Ich glaube, wir sind alle aus dem gleichen Grund hier: um die Welt zu retten. Immerhin scheint Ihr kostbarer Engel ja kaum in der Lage dazu.“

Thalia unterdrückte eine unfreundliche Erwiderung. Wenn die Vampire hier waren, um zu helfen, würde sie sie nicht abweisen. Ja, wenn einige ihrer eigenen Truppen den Marsch nach Thraben überlebten, würden sich die Vampire zweifellos anschließend hungrig von der Schlacht auf sie stürzen. Doch dies war verglichen mit der finsteren Wirklichkeit der Ungeheuer, die sich auf die Hohe Stadt zuwälzten, während sie hier sprachen, nur graue Theorie.

„Na gut“, sagte sie. „Wir werden die Welt gemeinsam retten. Sie mit Ihrer Armee, ich mit der meinen. Ich kann nicht von meinen Soldaten verlangen, Seite an Seite mit Vampiren zu kämpfen, aber wir ziehen gegen denselben Feind ins Feld.“

Im Verlauf ihrer Unterhaltung war Olivia näher gekommen – nahe genug, um eine Hand auszustrecken. Zu Thalias Rechten, mit dem Greifen zwischen ihr und Avacyns Speer.

„Kein Biss und keine Klinge eines Vampirs wird menschliches Blut kosten, solange dieser Kampf nicht beendet ist, Erbin von Sankt Traft. Haben wir eine Vereinbarung?“

Thalia konnte es nicht ganz fassen, dass sie tatsächlich eine Hand ausstreckte und die der Vampirin schüttelte.

„Keine menschliche Klinge wird Ihresgleichen ein Leid zufügen. Wir sind da einer Meinung.“

Olivia neigte sich in der Luft nach vorn, um ihr Gesicht dicht an ihrer beider Hände zu bringen, die sich noch immer berührten. Sie sog tief Luft durch die Nase ein – war das ein Schnuppern? – und blickte Thalia dann in die Augen. Ihre Fänge blitzten bei ihrem Lächeln deutlich sichtbar auf.

„Vorzüglich“, sagte sie. Eine letzte Warnung, dann drehte sie sich um und schwebte hinunter zu ihrer Streitmacht aus Vampiren.

Thalia erschauderte und kehrte zu ihren Soldaten zurück. Sie wusste noch nicht recht, was sie ihnen sagen sollte.
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Thalia ritt eine Weile mit geschlossenen Augen und vertraute ihrem Greifen, den Weg zu finden und sie vor Gefahren zu warnen. Sie zog sich in sich selbst zurück, nahm Verbindung mit dem Geist auf, mit dem sie sich einen Körper teilte, und erinnerte sich:

Es war, nachdem sie Odric in der Kathedrale zur Rede gestellt hatte, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Sie hatte nicht gewusst, wohin. Also war sie abseits der Wege in die Heide hinausgeritten, bis sie auf einen überwucherten Pfad gestoßen war. Etwas zog sie seinen verschlungenen Weg entlang, bis sie auf eine alte Kapelle in der Nähe jener Hügel stieß, die sich bis zur Geierweite Stenzens erstreckten.

Ein Gemälde im Inneren zog ihren Blick auf sich. Es zeigte Traft, wie sie inzwischen wusste, oder vielmehr seinen Geist, wie er hinter einer rothaarigen Frau stand, die ein Schwert in ihrer vierfingrigen Hand hielt. Seine Hand ruhte auf ihrer Schulter.


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Diese Frau, die als junges Mädchen von einem dämonischen Kult gefangen genommen worden war, um Traft in sein Verderben zu führen, war die erste Erbin von Sankt Traft gewesen. Die Kultisten hatten ihren Finger abgetrennt und ihn Traft geschickt, um sich seiner Zusammenarbeit zu versichern. Nach seinem Tod hatte er eigens über sie gewacht, während sie zu einer großen Kriegerin und Dämonenjägerin heranwuchs. Und da die Engel Traft zugetan waren, hatten sie auch auf sie herabgelächelt und an ihrer Seite gekämpft.

Als Thalia das Gemälde in jener abgelegenen Kapelle betrachtete, schien sich der Geist auf dem Gemälde zu bewegen. Sein ruhiges Gesicht wandte sich ihr zu, sein Blick traf den ihren und dann streckte er die Hand nach ihr aus. Ohne Zögern hatte sie sie ergriffen, und sie fühlte sich so fest wie Fleisch und Knochen an – kalt jedoch ... So kalt ... Furcht ergriff von ihr Besitz, sie sank auf die Knie und wandte den Blick von diesen leeren Augen ab, doch er hielt weiter ihre Hand fest und trat näher, als würde er aus dem Gemälde heraussteigen. Er kniete sich auf den Boden vor ihr, und seine andere Hand hob sanft ihr Kinn an.

„Wirst du mich aufnehmen?“, flüsterte er.

Sie nickte, er lächelte und ihre Angst war verflogen. Sie holte tief Luft und er füllte ihre Nase, ihren Mund und ihre Lungen aus. Kaltes Feuer brannte in ihrem Inneren, und sie warf den Kopf zurück, als er durch ihre Adern strömte und ihr ganzer Körper in Flammen stand
.

Dieses kalte Feuer war in den Monaten, die seitdem vergangen waren, nie erloschen. Die meiste Zeit über war es wie ein Knoten in ihrem Hinterkopf, der bisweilen Schauer ihren Rücken hinauf und in ihren Kopf hinein jagte, wenn der Geist sie an seine Anwesenheit erinnerte – oft als Warnung oder aus Ärger heraus. Manchmal – wie als sie Avacyns Speer ergriffen hatte – fuhr sein Feuer erneut durch sie hindurch und es war nicht mehr sie, die sich bewegte, sondern der Geist, der sie führte.

Er hatte sie bis hierher getragen. Das wusste sie. Er hatte an ihrer Seite gestanden, als sie Jerren und dem Rat der Lunarchen entgegengetreten war. Er hatte ihr geholfen, all diese Katharer – vermeintliche Ketzer – um sich zu scharen, um jenes Übel zu bekämpfen, das der Kirche von innen wie von außen zusetzte. Er würde sie nicht verlassen, wenn sie ihre Truppen nach Thraben führte. Irgendwie hatte er ihr zumindest dies versichert. Doch sie konnte sogar von ihm ein leises Zaudern spüren.

Würde seine Hilfe ausreichen? Das konnte er ihr nicht versprechen. Doch es war alle Hoffnung, die sie hatte.

Der Greif erbebte unter ihr und sie schlug die Augen auf, um sich nach dem umzusehen, was ihn gestört hatte. Die Mauern Thrabens waren nun nicht mehr fern. Die Streitmacht aus Vampiren, die langsam weiter vorgerückt war, während Thalia und ihre Leute sich der Hohen Stadt genähert hatten, befand sich nun dicht an ihrer linken Flanke. Es war nicht mehr möglich, den schlurfenden Schrecken aus dem Weg zu gehen: Sie alle strömten auf die Stadt zu und Kämpfe entbrannten an den vordersten Reihen ihrer Soldaten.

Doch ihre Leute wussten um die Bedeutsamkeit ihrer Aufgabe. Thalia konnte die Wildheit in ihrem Blick sehen, die Verzweiflung, die aus der stärker werdenden Überzeugung geboren wurde, dass die Welt enden würde und sie in eine letzte apokalyptische Schlacht zogen.

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Sie ließ ihren Greifen aufsteigen, um über der Front zu kreisen und den Verzweifelten und Verzweifelnden aufmunternde Worte zuzurufen. Doch dies war mehr als Verzweiflung, wie sie bald erkannte. So entsetzlich es auch sein mochte, diese pervertierten Ungeheuer zu bekämpfen, die einst ganz gewöhnliche Lebewesen und manche von ihnen sogar Menschen gewesen waren – es war nicht das Einzige, was ihre Leute in die Hoffnungslosigkeit trieb. Da war noch etwas anderes – etwas, was sie als eine Art Druck in ihrem Bewusstsein wahrnahm. Er zwang ihren Verstand, sonderbare Gedanken, Triebe und Wahrnehmungen auszubilden. Am Rand ihres Blickfelds sahen Menschen und Soldaten wie Ungeheuer aus. Der Himmel schien von blauen und purpurnen Tentakeln zu wimmeln, die die Wolken aufwühlten. Der Boden bäumte sich unter ihr auf, das Innere ihres Greifen wurde nach außen gekehrt, Avacyns Speer krümmte sich, um auf ihre Brust zu deuten –

Nein.

Es hallte wie eine Glocke in ihrem Geist wider: ein Wort der Macht, gesprochen vom Geist eines Heiligen, der schon lange tot war. Ihre Gedanken und ihre Wahrnehmung klarten wieder auf. Klarheit.

Doch die Soldaten unter ihr konnten nicht auf Trafts Schutz zurückgreifen, und sie sah, wie der Wahnsinn Besitz von ihnen ergriff, als sie sich voller Furcht umblickten.

Sie sind nicht bereit, flüsterte Traft in ihrem Geist.

„Das spielt keine Rolle“, sagte sie laut. „Wir müssen es jetzt tun.“

Es wird ihnen wehtun.

„Dieser Wahnsinn wird sie töten oder sie werden sich gegenseitig töten. Es ist Zeit.“

Dann tu es.

Sein Feuer durchströmte sie erneut, und sie packte Avacyns Speer, während sie ein weiteres Mal über den Frontlinien kreiste.

„Katharer von Sankt Traft!“, rief sie. „Der Wahnsinn, der von unserer Welt Besitz ergriffen hat, dringt auf uns ein. Ich weiß, ihr könnt ihn spüren. Ihr stellt eure Gedanken infrage und traut euren Augen und Ohren nicht. Hört mir zu!“

Ihr wurde klar, dass es für einige von ihnen zu spät war. Sie sah Katharer, die am Boden zuckten und sich den Kopf hielten oder sich zu einem Ball zusammengerollt hatten. Verdammt! Sie hatte zu lange gewartet. Doch es gab noch Katharer, die sie retten konnte.

„Ihr wisst, dass mir der Geist von Sankt Traft innewohnt“, rief sie und als sie es ausgesprochen hatte, ließ der Geist blauweißes Licht um sie herum aufleuchten. „Einst war er der Liebling der Engel, und die Gesegneten schützten ihn, wie Avacyns Kirche uns einst beschützt hat. Doch Avacyn ist nicht mehr, ihre Engel sind dem Wahnsinn verfallen und nur die Toten sind noch übrig.“

Es war Traft, der sie gerufen hatte, und sie waren seinem Ruf gefolgt. Vom Boden, vom brodelnden Himmel und aus der Hohen Stadt kamen sie herbei: Hunderte von leuchtend weißen Gestalten. Aus den Mausoleen und aus den Gesegneten Gräbern, die nicht länger durch die heiligen Schutzzauber verschlossen lagen, deren Magie durch Avacyns Tod verflogen war, kamen die Geister der Toten den Lebenden zu Hilfe. Einige ritten auf Geisterstuten, einige trugen Geisterspeere und Geisterschwerter, einige waren alt und kampferprobt und einige waren kleine Kinder.

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„Seht die Geister der Gläubigen, die vor uns getreten sind“, rief Thalia. Oder vielleicht war es Traft, der mit ihrer Stimme rief. „Heißt sie willkommen. Ehrt die Opfer, die sie erbracht haben, um heute mit uns gemeinsam zu kämpfen. Öffnet euch ihnen und erlaubt ihnen, euch zu schützen!“

Und sie sah, wie ihre Soldaten – die verzweifelten, abgerissenen, gesegneten Katharer des Ordens von Sankt Traft – vom Feuer ergriffen wurden. Einige von ihnen, die es sofort verstanden hatten, breiteten die Arme aus und umfingen die Geister, die auf sie zuschwebten und sie ausfüllten. Thalia sah, wie die heilige Ekstase über sie kam und die anderen es ihnen rasch gleichtaten. Es gab genug Geister für ihre gesamte abgekämpfte Arme, und selbst dann blieb noch eine ganze weitere Streitmacht übrig, um an der Seite der Lebenden zu marschieren.

Als das Feuer in ihnen loderte, stürzten sie sich erneut in den Kampf, und klägliche Schreie erklangen von den Frontlinien, während sie sich ihren Weg durch die ungeheuerlichen Schrecken bahnten.

Manche von ihnen können die Geister nicht einladen, sagte Traft und richtete ihren Blick auf die Soldaten, die sich noch immer den Kopf hielten oder sich zusammengekauert hatten.

Sie konnte sie retten. Sie konnte die Geister anweisen, gegen ihren Willen Besitz von ihnen zu ergreifen, den Wahnsinn zu vertreiben und den Nebel um ihren Verstand zu lichten. Ihr Magen zog sich vor Mitgefühl und Trauer zusammen.

„Nein“, sagte sie. „Ich kann diese Entscheidung nicht für sie treffen. Die anderen werden ihnen so gut helfen, wie sie können.“

Sie lenkte ihren Greifen erneut zu Boden, wo sie zwischen Grete und Rem Karolus aufsetzte. Sie sah das weiße Feuer in Gretes Augen, aber Rems Gesicht war wie versteinert und grimmig.

„Kein Geist für dich, Rem?“

Der alternde Soldat schüttelte den Kopf. „Das ist so, als würde man sich einen Blutegel in den Nacken legen, um die Vampire fernzuhalten“, sagte er.

Beunruhigt darüber, was ihm widerfahren mochte, wenn er mitten im Kampf die Beherrschung über seine Sinne verlor – ihm und den Soldaten um ihn herum –, setzte sie zu einer Erwiderung an. Doch auch diesmal konnte sie ihn zu nichts zwingen. Und wenn ein Soldat hier inmitten dieses Wahnsinns allein durch puren Starrsinn bei Verstand bleiben konnte, dann war es Rem Karolus, den man die Klinge der Inquisitoren und den Engelstöter nannte.
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Ihr Marsch wurde zu einer schier endlosen Schlacht. Jeder Schritt vorwärts wurde von einem der Schrecken infrage gestellt. Die pervertierten Abscheulichkeiten – selbst diejenigen, die noch weitestgehend menschlich aussahen – kämpften wie die Dämmerwaldschweine. Sie knurrten und schlugen trotz Dutzender Wunden um sich, ehe sie schließlich irgendwann zu Boden fielen und ihr entsetzliches Zucken ein Ende fand. Doch die heiligen Geister ließen Thalias Soldaten beinahe ebenso wild werden, und sie sah schwer verwundete Soldaten sich in aller Ruhe aufrappeln, während die Geister in ihnen ihre Wunden schlossen und ihre Stärke wiederherstellten.

Sie bemerkte kaum, wie sie die äußere Mauer hinter sich ließen und das eigentliche Thraben betraten. Nur ein flüchtiger Gedanke – Das Ende ist nah – strich durch ihr Bewusstsein, ehe sie eine Kreatur erstach, die einst ein Werwolf gewesen war, um dann herumzuwirbeln und einen seltsam verkrümmten Tentakel zu durchtrennen, der unbeholfen nach ihr griff.

Sie kämpften nun Schulter an Schulter mit Vampiren und bahnten sich ihren Weg durch die Straßen der Stadt. Die Vampire gaben furchteinflößende Verbündete ab: Sie töteten mit der gleichen Entschlossenheit und Freude verformte und verderbte Menschen, als sie es gemeinhin mit gesunden taten. Jedes Überbleibsel menschlicher Züge, die Thalia an einem von ihrer Klinge niedergestreckten Ungeheuer sah, mehrte die Last auf ihren Schultern, doch für die Vampire waren all diese Geschöpfe einfach nur Beute. Sie bemerkte sogar einige Vampire, die eigens anhielten, um sich an ihnen zu laben, ehe sie weiter voranstürmten. Sie rang eine in ihr aufsteigende Übelkeit nieder und zwang sich, wegzusehen.

Ein großer, offener Platz erstreckte sich vor der Kathedrale von Thraben – einem Ort, an dem sich in glücklicheren Zeiten Menschenmassen versammelt hatten, um an einem heiligen Festtag einer Ansprache der Lunarchen zu lauschen. Auch jetzt waren hier Massen versammelt: Massen aus brabbelnden, zuckenden, widerwärtigen Dingen, die gegen das kämpften, was von der Stadtwache und den Wächtern der Kathedrale noch übrig war. Thalia lenkte ihren Greifen aufwärts und kreiste über dem Platz, um sich einen Überblick über die Schlacht zu verschaffen.

Verzweifelte Städter schwangen Schaufeln und Sensen und versuchten, Horden pervertierter Kultisten abzuwehren. Kühne Katharer stürmten in einem schmalen Keil vor, um die Reihen der gesichtslosen Ungeheuer aufzubrechen, nur um sich von allen Seiten umzingelt wiederzufinden. Ein kleines Rudel Werwölfe, das von zwei Bestien mit weißem Fell angeführt wurde, fiel in die Reihen seiner vollständig verderbten Artgenossen ein. Ein massiger Skaab stand über der Leiche eines armen Gelehrten und verteidigte mit letzter Kraft seinen Schöpfer. Tod. So viel Tod.

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Als sie zu den vorrückenden Soldaten zurückkehrte, die sie hinter sich gelassen hatte, bemerkte sie eine Gruppe schwer gepanzerter Krieger, die die Reihermasken der Inquisition der Lunarchen trugen. Missbildungen ragten unter ihren Hauben und Roben hervor, und sie kreisten eine Gruppe verängstigter Städter ein. Thalia sah, wie ein paar der Bürger auf die Knie fielen und um Gnade durch die Kirche bettelten, die sie doch eigentlich beschützen sollte. Und dann erkannte sie Seeta, die Anführerin der sogenannten Sündenreinen. Mit dem Schwert in der Hand und Wut in den Augen stieß Thalia auf die blasphemische Katharerin hinab.

Dann sah sie, wie urplötzlich eine gezackte Klinge aus Seetas Brust hervorwuchs, und die Anführerin der Sündenreinen fiel auf die Knie. Hinter ihr blickte das bleiche Gesicht Olivia Voldarens Thalia an.

„Also schön“, murmelte sie und lenkte ihren Greifen erneut nach oben, um in dem Gewühl nach Rem Karolus oder Grete zu suchen.

Warum macht dir das so viel aus?, flüsterte Trafts Stimme in ihrem Kopf. Deine Feindin ist geschlagen, aber du wolltest es selbst tun?

„Ich bin keine Heilige“, sagte sie laut.

Gesichter wandten sich zu ihr hinauf und sie sah ungeahntes Grauen in den Blicken ihrer eigenen Soldaten. Endlich entdeckte sie Rem. Sein Gesicht war bleich und seine Augen geweitet. Sein Schwert landete scheppernd auf dem Kopfsteinpflaster und er deutete hinauf – hinter sie.

Sie wendete ihren Greifen und sah den Grund für sein Entsetzen. Vor der Kathedrale schwebte eine gewaltige Abscheulichkeit aus verzerrtem Fleisch, sich windenden Tentakeln und ... gefiederten Schwingen.

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Die beiden Köpfe des riesigen Engels gaben ein schrilles Kreischen von sich, das ihr in den Ohren schmerzte und sie aus dem Gleichgewicht warf, sodass sie sich an ihrem Sattelknauf festklammern musste, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Unter ihr stürmten Ungeheuer vor, als unverderbte Menschen sich an die Ohren griffen oder vor dem neuerlichen Angriff zurücktaumelten. Das Engelsding drosch mit einem seiner dicken, unteren Tentakel in die Massen auf dem Platz ein und stieß Menschen und Schrecken gleichermaßen durcheinander oder schleuderte sie zu Boden.

Wenn jemand sich diesem Albtraum stellen konnte, dann musste es Thalia sein. Die Flügel ihres Greifen machten es möglich – und das war mehr, als irgendjemand am Boden von sich behaupten konnte. Sie setzte sich in ihrem Sattel zurecht, festigte den Griff um ihr Schwert und stieg auf Augenhöhe mit dem Engel über das zerstörte Dach der Kathedrale auf.

Trotz der enormen Ausmaße der Kreatur waren ihre Köpfe nicht größer als der Thalias, und manche ihrer Züge als Engel waren noch im Ansatz zu erkennen – darunter eine zerzauste rote Haarmähne.

„Du Abscheulichkeit!“, rief sie und schluckte ihre Furcht und ihr Entsetzen herunter. Sie wollte irgendeine Art von formeller Herausforderung aussprechen, doch die passenden Worte wollten ihr nicht einfallen. Also stieß sie schließlich einfach nur zu einem Angriff hinab.

Einer der unmöglich langen Arme des Engelsdings schlug aus, um sie zur Seite zu fegen, doch der Greif ließ sich darunter hinwegsacken und Thalia hieb im Vorbeiflug danach. Die beiden Köpfe öffneten erneut ihre Münder, um zu heulen – einer davon war nur ein klaffendes Loch im Hals des anderen –, doch das Geräusch riss ab, als Thalia ihr Schwert in so etwas wie eine Schulter rammte, aus der mindestens drei Arme auf der linken Seite der Kreatur sprossen. Gleichzeitig riss der Schnabel ihres Greifen an dem knorpeligen Fleisch an einem dieser grässlichen Köpfe.

Als Erwiderung hob der Engel einen seiner eigenen Arme und hieb mit einem Dutzend Fingerklauen nach Thalias Hüfte und über die Flanke des Greifen, um sie beide in Richtung der Stufen der Kathedrale hinabzuschleudern. Der Greif versuchte verzweifelt, sich abzufangen, während er nach unten trudelte, doch ein Flügel war ganz offensichtlich gebrochen, und es gelang ihm nur, sich zwischen Thalia und die harte Steintreppe zu bringen.

Thalia tat alles weh, und ihr Bein war unter dem Greifen in einem schrägen Winkel eingeklemmt. Schmerz schoss bei der kleinsten Bewegung ihre Seite hinauf. Ihr war schwindelig. Sie legte den Kopf auf den Stein und starrte zu ihrem Verderben hinauf.

Irgendwie erschien es passend, dass sie durch die Hand eines Engels – der Verkörperung von allem, dem sie ihr Leben gewidmet hatte – ihr Ende finden würde. Die Verderbnis des Engels schien all jene Pfade widerzuspiegeln, auf denen ihr Leben in den vergangenen Monaten in die Irre gelaufen war. Die verschmolzenen Engel schwebten zu ihr hinab, um zu beenden, was sie begonnen hatten.

Bevor Thalia jedoch die Hand heben und sich verteidigen konnte, schob sich etwas Helles zwischen sie und das Engelsding.

„HALLO, MEINE SCHWESTER“, sagte das Engelsding mit seiner grässlichen doppelten Stimme, in der ungeahnte Ewigkeiten mitschwangen.

„Ihr seid nicht mehr meine Schwestern“, sagte die reine, klare Stimme. Thalia sah inmitten des Lichts eine Gestalt: einen Engel, der eine Sense hielt, deren Kopf wie ein Reiher geformt war.

„Sigarda“, flüsterte sie. Der Erzengel der Reiherschar hatte sich nie gegen die Menschheit gewandt – selbst dann nicht, als Avacyns Wahnsinn seinen Höhepunkt erreicht hatte. Sogar jetzt noch stellte sie sich ihren ... Schwestern? ... entgegen. Das bedeutete, dass das verschmolzene Engelsding aus Bruna und Sela bestand, den Erzengeln der anderen beiden Scharen. Verzweiflung senkte sich wie Blei in Thalias Eingeweide.

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„DU HÄTTEST UNSEREM RUF FOLGEN SOLLEN.“

„Um ein Teil des ‚Großen Werks‘ zu werden?“, erwiderte Sigarda.

Sigarda verschaffte ihr Zeit, sich zu erholen, erkannte Thalia. Mit aller verbleibenden Kraft stieß sie den toten Greifen von ihrem Bein. Beinahe hätte sich ihr ob der Welle aus Schmerz, die davon ausgelöst wurde, der Magen umgedreht.

„JA. DAS GROSSE WERK IST BEINAHE VOLLENDET.“

Das Engelsding streckte beide seiner gewaltigen Klauen nach Sigarda aus, und vier kleinere Hände aus seiner Brust reckten sich ihr ebenfalls entgegen. Sie erinnerten Thalia auf absonderliche Weise an ein Kind, das nach seiner Mutter griff.

„Euer Werk endet hier, Schwestern“, sagte Sigarda. „Ihr seid zu dem geworden, was wir zu vernichten bestimmt sind.“

Thalia spürte, wie Traft in ihr arbeitete, den Schmerz linderte, die Wunden schloss und sogar Knochen richtete. Wenn Sigarda ihre Schwestern nur ein klein wenig länger in Schach halten konnte, würde Thalia erneut kampfbereit sein. Sie sah sich nach ihrem Schwert um.

Es war fort. Der Aufprall, der sie und den Greifen zu Boden geschleudert hatte, konnte ihre Waffe über den halben Platz gefegt haben. Wie sollte sie denn nun ohne ein verdammtes Schwert kämpfen?

„DU KANNST UNS JETZT NICHT MEHR VERLETZEN, SCHWESTER“, sagte das Engelsding.

Sigarda hob die Klinge, in der sich ein verirrter Mondstrahl verfing und sie so zum Leuchten brachte.

„Das muss ich“, sagte sie und schwang die Sense in einem weiten, tödlichen Bogen über Arme und Brust ihrer Schwestern.

Einer dieser gewaltigen, sonderbar gegabelten Arme pflückte Sigarda aus der Luft. Thalia schnappte erschüttert nach Luft, als die riesige Hand die sich wehrende Gestalt des Engels vor das leuchtende Maul auf der Brust des Engelsdings trug, wo sie von den vier kleineren Armen umfangen wurde. Lange Fleischstränge quollen aus ihnen hervor und legten sich um Sigardas Arme.

„Nein, nein, nein“, sagte Thalia. Sie konnte nicht einfach so danebenstehen und dabei zusehen, wie der letzte Engel von dieser Ungeheuerlichkeit verschlungen und in sich aufgenommen wurde. Sie suchte fiebrig nach irgendetwas, was ihr als Waffe dienen konnte.

„ENDLICH WERDEN WIR WIEDER VEREINT SEIN“, sagten die verschmolzenen Engel.

Traft lenkte Thalias Blick auf Avacyns Speer.

„Er ist zu schwer“, sagte sie.

Nicht für uns beide, erwiderte der Geist des Heiligen.

„Na schön.“ Sie trat um ihr gefallenes Reittier herum und bückte sich, um den Speer aufzuheben. Ein Schauer fuhr ihr den Rücken hinunter, als Trafts Macht sie erneut durchströmte, um sie vor der Magie des Speers zu beschützen. Und einen Augenblick lang erzitterte sie vor schierer Ekstase, als sie leuchtende, durchscheinende Schwingen an ihrem Rücken ausbreitete – der Segen eines unsichtbaren Engels.

Einst war ich der Liebling der Engel, erinnerte sie Traft.

Der zerbrochene Speer schien im Licht der Fackeln und der kleinen Feuer auf dem Platz beinahe zu glühen. Sie ergriff ihn mit beiden Händen und richtete ihn himmelwärts.

So mühelos wie ihr Greif hoben ihre Engelsschwingen sie in die Luft. Traft hatte natürlich recht gehabt: Mit ihren vereinten Kräften fühlte der Speer sich genauso leicht wie ihr schlankes Schwert an. Sie schwebte hinauf, dorthin, wo das Engelsding Sigarda festhielt, die nun unter einer Schicht faserigen Fleisches kaum noch zu erkennen war.

Als Bruna-Sela Avacyns Speer in Thalias Händen schimmern sah, stieß das Geschöpf einen weiteren heulenden Schrei aus. Als eine dieser monströsen Klauen nach ihr ausholte, blockte Thalia sie mit dem Schaft des Speeres, ehe sie die gezackte, zerbrochene Spitze tief in das kränkliche blaue Fleisch rammte. Das Heulen wurde von einem der Trauer zu einem der körperlichen Pein, und Thalia stach erneut mit dem Speer zu, um ihn in die gleiche Schulter zu stoßen, die sie mit ihrem Schwert bereits verwundet hatte.

Die andere Klaue kam auf sie zu, und Thalia drehte den Speer, um ihn in etwas hineinzutreiben, was eine Handfläche hätte sein müssen. Sie riss an der Klinge und drehte sie, um die Wunde zu weiten und durch das Netz aus Fleisch und Knochen zu schneiden, aus dem die abscheuliche Gliedmaße bestand.

Sigarda schien ihre Kräfte wiederzufinden, während ihre verschmolzenen Schwestern schwächer wurden, und sie stemmte sich gegen die Tentakel, die sie festhielten. Thalia schlug nach der Brust des Engelsdings, um Sigardas Fesseln zu lockern, und stieß dann ihre Klinge durch das Gewirr aus Rippen und Sehnen in das rote Leuchten des Unterleibs hinein. Sie spürte den Schmerz in ihren eigenen Eingeweiden, während sie auf den blasphemischen Engel einstach.

Instinktiv vor Schmerz um sich schlagend traf das Engelsding Thalia mit seiner weniger verletzten Klaue und sandte sie erneut taumelnd in Richtung des Bodens. Diesmal jedoch fingen ihre Engelsflügel sie in einem weiten Bogen ab und trugen sie zum Rücken des Engels hinauf, wo sie Avacyns Speer durch gefiederte Schwingen stieß, um ihn tief im Rückgrat und dem zu versenken, was immer den Bauchraum dieser kranken Kreatur wohl ausfüllen mochte. Erneut durchzuckte Schmerz ihre eigene Brust.

Das entsetzliche Heulen des Engels jedoch verklang.

Er zuckte und wand sich. Er hieb wild mit seinen gewaltigen Klauen um sich und versuchte, hinter sich zu greifen. Flügel peitschten brausend in der Luft und das Knäuel aus Tentakeln, aus dem die Beine des Engels bestanden, bekam nichts mehr zu fassen.

Sigarda brach – von Blut und Eingeweiden bedeckt wie bei einer grausigen Geburt – aus der Brust ihrer Schwestern heraus und stürzte auf den Platz unter ihnen.

Thalia klammerte sich an den Speer und ritt ihn wie eine ungebändigte Stute, als das Engelsding im Todeskampf wütete.

„Schwester“, krächzte es.

Und es folgte Sigarda auf die harten Steine unter ihnen, wo es sich wie eine tote Spinne zusammenrollte. Thalia rutschte von seinem Rücken herunter und fiel neben ihm zu Boden. Sie starrte hinauf in die Dunkelheit.
__________

Sigarda half Thalia auf die Beine, und ihr Schmerz verschwand und ihr Blick wurde wieder klar. Der gesegnete Engel – der letzte Erzengel – lächelte sie an.

Sieg. Das Wort huschte durch ihren Geist, und sie erwiderte das Lächeln.

Dann wurde Sigardas Ausdruck wieder ernst und sie schüttelte den Kopf, als hätte sie Thalias flüchtigen Gedanken gelesen.

Thalia schaute sich um. Noch immer tobte der Kampf, doch es schien, als hätte sich das Blatt gewendet: Menschen und Vampire und Werwölfe trieben dank ihres so unwahrscheinlich wirkenden Bündnisses die brabbelnden Horden der Dunkelheit zurück.

Dann hob sich ihr Blick zum Himmel.

Das Ding dort oben in der Luft war unfassbar riesig. Es erinnerte vage an die verschmolzenen Engel Bruna und Sela. Sein kuppelförmiger Leib wurde von einer Masse seltsamer Tentakel getragen, und in seiner Mitte glühte ein rötliches Leuchten.

Doch nichts an seiner Gestalt erinnerte an natürliches Leben, geschweige denn an die Majestät und Anmut eines Engels. Sein Dasein trotzte der natürlichen Ordnung, verstieß gegen alle ihre Gesetze und spottete der Heiligkeit des Lebens. Seine schiere Anwesenheit lud jenen Wahnsinn ein, der trotz des Schutzes des Heiligen wie ein stumpfes Messer gegen Thalias Verstand drückte.

Als es sich näherte, brandete eine Woge aus verdorbenen Schrecken vor ihm auf, brach über den Platz herein und wendete das Blatt in dieser Schlacht erneut – hin zu ihrer aller völligen Vernichtung.

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Veröffentlicht in Magic Story on 13. Juli 2016

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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Judge Fredd » Di 9. Aug 2016, 18:25

Der Kampf um Thraben


Als wir Jace das letzte Mal sahen, hatte er gerade Emrakul, den dritten Titanen der Eldrazi, ausfindig gemacht. Angesichts der Dringlichkeit der Lage reiste er umgehend nach Zendikar, um die Wächter zusammenzurufen. Denn um dieses grässliche Ungeheuer aus einer anderen Welt zu töten, wird jeder Einzelne von ihnen gebraucht.

Jace erschauerte unwillkürlich, als er auf Innistrad die Augen aufschlug. Die Luft war hier ein ganzes Stück kälter. Sie roch auch anders und fühlte sich sogar anders an. Der Geruch war sonderbar – beinahe metallisch –, und als er den letzten Rest der Luft Zendikars ausatmete und diejenige Innistrads in seine Lungen sog, spürte er es. Diese Luft hier war irgendwie dicker. Der erste Atemzug schmerzte, wenn auch nur ein klein wenig.

Der Himmel riss sich selbst in Stücke. Sturmwolken türmten sich auf, als tobte ein Unwetter in sämtlichen Richtungen, und kein Sonnenlicht drang über den Horizont. Die ewige Dämmerung dieser Welt war einem violetten Leuchten gewichen. Seine Augen wollten sich einfach nicht an die Dunkelheit gewöhnen, sondern widersetzten sich ihm bei jedem Schritt. Er blinzelte zum Horizont und zu dem Riss in der Wirklichkeit und versuchte, sich zu konzentrieren. Konzentriere dich. Konzentriere dich. Seine Gedanken fühlten sich träge an, als hätte er statt eines Kopfes nur einen Sack nassen Reis auf den Schultern sitzen. Ein Sack, dessen Inhalt fortwährend schwappte, sich aneinander rieb, verrutschte ...

In seinem Bewusstsein erklang ein Glöckchen. Oder der aus seinem Gedächtnis heraufbeschworene Nachhall eines Glöckchens. Er diente ihm als Erinnerung an sich selbst, und sein Blick wurde wieder klar.

Er stand auf einem Hügel und blickte auf die sanften Hügel und Felder hinab, die Thraben umgaben. Er konnte die Stadt nun sehen. Sie stand halb in Flammen. Kämpfte tobten in den Straßen. Fackeln. Rufe. Schreie. Er war sich nicht sicher, ob er die Schreie aus dieser Entfernung überhaupt hörte oder ob er sie vielleicht nur spürte. Und über all dem schwebte am Himmel ... Er konnte sich nicht dazu überwinden, es anzusehen. Noch nicht.

Ein zweites Geräusch lenkte Jaces Aufmerksamkeit auf ein deutlicheres und dringlicheres Problem. Knurren. Schnauben. Grünlich leuchtende Augen in der Dunkelheit.

„Schon wieder Werwölfe“, murmelte Jace. Er griff in die Dunkelheit hinein und berührte sanft die Bewusstseine, die er dort fand. Drei waren es, vom Wahnsinn übermannt und in etwas verwandelt, was er kaum wiederzuerkennen vermochte. Als sie sich aus dem Schatten lösten, sah er die Werwölfe in aller Klarheit. Ihr Fell war räudig und ihre Haut von demselben Flechtwerk überzogen, das er auf allem Lebendigen auf Innistrad gesehen hatte.

Jace traf eine Entscheidung. Von diesen Bewusstseinen war nicht genug übrig, um sie zu retten. Sein mentaler Angriff war wenig subtil: Er packte ihre Sinne und überlud sie mit gleißendem Licht, ohrenbetäubenden Geräuschen und Gerüchen, die so stark waren, dass sie daran erstickten. Es war nicht schön, doch er musste hier einen ersten Stützpunkt errichten, bevor die anderen eintrafen.

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Zwei der Werwölfe jaulten auf und fielen zu Boden, wo sie erst zuckten und sich dann schließlich nicht mehr regten. Der Letzte der drei ... lachte? Jace spürte, wie das Bewusstsein der Kreatur sich veränderte, sich anpasste und sich in Reaktion auf den Angriff aufblähte. Die mentale Verbindung riss ab und er musste mit ansehen, wie die Haut des Werwolfs sich kräuselte, seine Gliedmaßen länger wurden, seine Krallen sich weiter ausfuhren und seine Haut Schleim abzusondern begann. Jace taumelte zurück. Was auch immer er getan hatte, hatte so etwas wie eine reflexhafte Mutation ausgelöst. Nun wusste er nicht einmal mehr, was er da vor sich hatte.

Mit einer raschen Geste spaltete er sich in ein Dutzend Abbilder seiner selbst auf. Das Ungeheuer verbrachte ein paar Augenblicke damit, Witterung aufzunehmen, ehe es sich auf seinen echten Körper konzentrierte und die Illusionen links liegen ließ. Jace sah sich nach einem Fluchtweg um und fand keinen. Handlungsmöglichkeiten rasten durch seinen Verstand, nur um eine nach der anderen verworfen zu werden. Jaces halbstoffliche Illusionen bedrängten das Untier und versuchten, ihm Zeit zu verschaffen, bis ...

... Ein Lichtblitz, der Klang einer peitschenden Klinge und das Geräusch von zerreißendem Fleisch. Der Schrecken wurde zu einem entstellten, winselnden Häuflein Elend. Gideon.

„Alles gut, Jace. Ich passe auf dich auf.“

Jace zog seinen Mantel glatt. „Hast du dich unterwegs verirrt? Oder auf Ravnica schnell noch einen Happen gegessen?“

„Es ist nicht so leicht, dir irgendwohin zu folgen, wo ich vorher noch nie gewesen bin. Hm.“ Gideon starrte den Hügel hinab in Richtung Thraben. Wenn er ebenfalls Schwierigkeiten mit seiner Wahrnehmung hatte, ließ er sich nichts davon anmerken. „Größer als die anderen beiden. Und es hat eine ziemliche Streitmacht zwischen sich und uns in Stellung gebracht. Wie ist der Plan?“

Die Luft flirrte vor Hitze, und eine Frau trat aus dem Flimmern heraus.

Chandra rieb sich die Hände. „Der gleiche wie letztes Mal, oder? Feuer? Na ja, das war damals zwar jetzt nicht zwingend der Plan gewesen, aber es hat Wirkung gezeigt. Das tut es in der Regel immer.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete die chaotische Szenerie unter ihnen.

Der Hügel erzitterte leicht – das einzige Zeichen für Nissas Ankunft. Sie runzelte die Stirn, als sie sich niederkniete und die Handfläche auf den Boden legte. „Das Mana hier ist dunkel. Verzerrt. Es ist in der Erde, den Bäumen ... Zum Teil ist Emrakul dafür verantwortlich, aber ...“

„Du bist das erste Mal auf Innistrad, oder? ‚Dunkel und verzerrt‘ ist hier an der Tagesordnung.“ Jace fuhr fort: „Wir haben hier im Grunde eine ähnliche Lage wie beim letzten Mal – mit ein paar kleinen Abweichungen. Emrakul bewegt sich auf Thraben zu, und wir müssen vor ihr da sein. Nissa setzt ihre planare Glyphe ein, um auf das Netzwerk aus Leylinien zuzugreifen. Gideon macht uns den Weg frei, damit wir dichter herankommen. Wir leiten die Kraft der Welt durch Chandra, und sie zieht ihr Ding durch.“

Nissa schüttelte den Kopf. „Das wird nicht klappen. Die Leylinien sind bereits umgeleitet worden. Dort hinein.“

Jace zwang sich zu einem Grinsen. „Nun, ja. Das Netzwerk aus Kryptolithen. Es bündelt nun sämtliche Leylinien in Richtung Thraben. Das – und die Tatsache, dass Thraben die dichteste Konzentration an Leben auf ganz Innistrad aufweist – bedeutet, dass Emrakul sehr wahrscheinlich dorthin gezogen wird. Diese Bündelung sollte die Wirkung der Glyphe verstärken. Ähnlich wie das Polyedernetzwerk.“

„Falls wir dicht genug herankommen. Doch dann wird Emrakul uns vernichten.“ Nissas Stimme war leise, aber fest. „Wenn wir nicht nahe genug herankommen, kann ich von irgendeinem anderen Punkt aus nur auf eine oder zwei Leylinien zugreifen. Höchstens drei. Und das ist nicht genug.“

Chandra legte Nissa eine Hand auf die Schulter. „He, eine Leylinie oder zwanzig – verschaff mir nur den Zugriff und dann sorgen wir schon dafür, dass es reicht.“

Gideon seufzte. „Nissa, glaubst du, du kannst das schaffen? Wir werden es nicht mit einem Plan versuchen, mit dem wir nicht alle einverstanden sind.“

Nissa las eine Handvoll Erde auf und zerrieb sie zwischen den Fingern. Sie blickte in die Gesichter ihrer Gefährten. Gideon war besorgt. Jace ungerührt. Chandra aufgeregt. Sie schloss die Augen und lauschte einige Zeit ihrem Herzschlag, der kränklichen Erde unter sich und ihren Erinnerungen.

„Ja.“
__________

„Sieh es dir an, Gared. Irgendwie hübsch. Deine Welt endet.“ Liliana sah zu, wie Thraben zu brennen begann und Tentakel aus den Stürmen herab nach der Erde unter sich griffen. Der Himmel wimmelte von Engeln, und am Boden unter der Titanin wimmelte es einfach. Aus dieser Entfernung konnte sie nur die Bewegungen ausmachen: eine schier unendliche, sich unablässig windende Masse von Kreaturen, die immer näher an den Ursprung des drohenden Endes dieser Welt herandrängte.

„Ja, Herrin. Das ist hier meistens so.“ Der Lehrling des Geistermagiers blickte mit seinem hervortretenden Auge unverwandt auf das Chaos hinab.

„Ah, da sind sie ja. Siehst du das Feuer und die Lichtblitze? Das müssen Jaces kleine Freunde sein. Anscheinend sind sie genau ins Zentrum des Ganzen unterwegs.“

Gared neigte den Kopf, was auf seinem ohnehin ungeschlachten Körper geradezu grotesk wirkte. „Ja, Herrin. Mir ist nicht entgangen, dass Sie diese zauberhafte kleine Armee ausgehoben haben, wir aber hier oben bleiben, während die anderen alle dort unten sind.“

„Hm. Ich schätze, das stimmt wohl.“
__________

Chandra schrie. Die anderen konnten nicht sagen, ob vor Schmerz, Freude oder Wut. Sie hörten nur die Laute und spürten die überwältigende Hitze. Chandra stand in Flammen – ein wandelndes Inferno, das Feuer in alle Richtungen abstrahlte. Sie versengte ihre Freunde, doch ließ dafür Welle um Welle der mutierten Überreste derer verkohlen, die vor einigen Tagen noch die Bewohner Thrabens gewesen waren.

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Die Schreie verklangen und das Feuer verlosch. Chandra fiel auf Hände und Knie, und Gideon sprang vor, um sie zu schützen. Sie saßen auf dem, was früher ein Marktplatz gewesen war, in der Falle: Zwei der vier Eingänge waren von Geröll und eingestürzten Gebäuden versperrt. Ein verfallener, von Flechtwerk überzogener Turm war geradezu waghalsig über die Pflasterstraße geneigt, die tiefer ins Herz der Stadt führte, doch beide – diese Straße und die, über die sie gekommen waren – waren durch Reihen um Reihen von Emrakuls Legion versperrt.

Manche darin waren noch als Menschen zu erkennen. Ihre Stimmen waren ein kreischendes Gewirr aus Schreien und Brabbeln. Manche von ihnen waren das, was von Bestien, Engeln und unaussprechlichen Dingen übrig geblieben war. Manche bewegten sich zielgerichtet, andere schlurften und stöhnten nur, die Gliedmaßen schlaff und das Fleisch geschmolzen wie Kerzenwachs.

Und über ihnen ragte drohend der Sturm auf.

Der Leib der Titanin war noch immer weitestgehend im Verborgenen, doch ihre Gegenwart war überall zu spüren. Emrakul. Der Sturm tobte, und gezackte Blitze zuckten und schlugen in die Stadt darunter ein. Tentakel tauchten aus den schwarzen Wolken auf und schabten am Boden entlang. Die Erde erbebte, während die Häuserblöcke der Stadt zu Asche und Stein zerfielen.

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„Möglichkeiten. Ich brauche mehr Möglichkeiten.“ Gideon spähte mit ausgerolltem Sural über den Platz. „Nissa. Elementare?“

Die Elfin schüttelte den Kopf. „Ich könnte welche herbeirufen, doch uns würde nicht gefallen, was dann erscheint.“

Gideon knurrte voller Verdruss. „Chandra? Bereit für eine neue Runde?“

Chandra stand gekrümmt und schwer atmend da. Sie hob eine Hand und signalisierte schwach ihre Bereitschaft. „Klar. Ich fange gerade erst an.“ Sie hustete und richtete sich auf – ihr Gesicht war von Schweiß und Asche bedeckt, doch ihr Lächeln wirkte einigermaßen aufrichtig.

„Jace. Wie sieht‘s aus?“

Jace musterte erneut die Umgebung. „Wir können nicht weiter. Wir haben ein offenes Gebiet, das sich gut verteidigen lässt. Ich sage, wir verwenden die Glyphe hier.“

Gideon nickte. „Nissa, kannst du das schaffen?“

Nissa kniete sich nieder und legte beide Handflächen auf den Boden. Ein grünes Leuchten kroch aus dem Boden und tauchte ihre Arme in üppiges Licht. „Zwei Leylinien. Bestenfalls drei.“

„Tu es.“ Gideons Stimme barg ein kaum wahrnehmbares Zögern. „Wir anderen müssen sie schützen. Alles, was sich uns bis jetzt in den Weg gestellt hat, entsprang nur reinem Zufall. Ich bin nicht sicher, dass es uns überhaupt schon bemerkt hat.“

Jace deutete auf den Turm, der einen der Eingänge des Platzes überblickte. Zwei illusionäre Markierungen erschienen darauf. „Chandra, ich möchte, dass du den Turm dort und dort triffst. Wenn das Flechtwerk Stein verwandelt, ist es ziemlich widerstandsfähig gegen Schaden, dehnt sich bei starker Hitze jedoch aus. Das sollte den Turm einstürzen lassen und die Straße versperren.“

„Was?“ Chandra warf mit bereits brennenden Händen einen Blick über die Schulter.

„Das habe ich in einem Buch gelesen. Vertrau mir.“

Chandra stieß ihre Fäuste in Richtung des Turms und zwei Feuerbälle schlugen genau auf Jaces Markierungen ein. Augenblicke später brach das gesamte Gebäude in sich zusammen und blockierte einen Großteil der Straße, als es in das gegenüberliegende Gasthaus krachte.

Der Marktplatz erwachte zum Leben: Neue Pflanzen sprossen aus dem Staub und den Pflastersteinen, und die saure, stickige Luft wurde ein wenig klarer. Nissa stand reglos in der Mitte des Geschehens, während leuchtende Runen am Boden um sie herum erschienen und sich von ihren Füßen aus davonschlängelten, bis die komplexe Glyphe vollendet war.

Die Horden um sie herum kreischten auf. Wie eins wandten sie sich um und stürmten auf Nissa zu – Gideon sprang vor, um sie abzufangen. Er hieb mit wuchtigen, über den Kopf geführten Schlägen auf die Reihen ein und warf sich in die Massen. Goldene Funken stoben in den Nachthimmel, als Treffer von ihm abprallten. Er stieß einen Kampfschrei aus, als er in weitem Bogen ausholte und versuchte, so viel Schaden wie möglich anzurichten und sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

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Doch die Kreaturen fielen nicht kampflos, und die, die es taten, blieben nicht liegen. Selbst solche, die all ihrer Gliedmaßen beraubt wurden, verharrten nur einen Augenblick lang bewegungslos. Neue, entsetzliche Glieder wuchsen ihnen aus jeder frischen Wunde, und sie liefen, krochen und huschten weiter voran – geradewegs auf Nissa und die Glyphe zu.

„Nissa, sind wir so weit? Ich glaube nämlich, jetzt ist wirklich ein guter Zeitpunkt!“ Chandra ging an den Rand der gleißenden Glyphe, während Nissa mit geschlossenen Augen unverständliche Silben murmelte. Chandra rief Gideon eine Warnung zu, bevor sie die gesamte Straße in eine Flammenwoge tauchte. Sie blickte über die Schulter und sah, wie Nissa in die Erde griff und etwas daraus hervorzog, was wie eine spektrale Dornenranke aussah, die so dick wie ein Baumstamm war. Sie mühte sich, sie aus der Erde zu ziehen, und schnappte entsetzt nach Luft, als die Dornen sie in die Arme stachen.

Nissa knurrte durch zusammengepresste Kiefer. „Macht euch ... bereit. Fast ... fertig.“ Sie griff erneut hinab und zog eine zweite Ranke hervor. Diese sträubte sich und wand sich in ihrem Griff wie eine Schlange. Mit quälender Anstrengung gelang es ihr, sie sich als Anker um die Hüfte zu schlingen und nach einer dritten zu greifen.

Chandra lief umher und war sich nicht sicher, was sie als Nächstes tun sollte. Sie konnte Nissa nicht helfen, und Gideon tat, was er konnte, um die herandrängende Flut an Kreaturen einzudämmen. Sie blickte auf und bereute es sofort. Gliedmaßen, Tentakel und von Flechtwerk überzogene Extremitäten begannen, in alle Richtungen über die Gebäude und das Geröll zu klettern. Hunderte von ihnen. Sie blickte zurück zu Nissa und sah, wie sie auf die Knie fiel.

Die dritte spektrale Ranke war dunkler als die anderen beiden, die Stacheln grausamer und ihre Bewegungen geschmeidiger und chaotischer. Nissa versuchte, sie unter Kontrolle zu halten, doch es gelang dem Ding, sich um ihren Hals zu schlingen. Es sah aus, als versuchte es, sie in den Boden hineinzuziehen.

„Das Leben kann nicht enden ... Selbst wenn es weiß, dass es das muss ... Selbst wenn es weiß, dass es falsch ist! Allein und missgestaltet. Selbst wenn es das weiß!“ Nissas Stimme hallte über den Platz, ihre Augen leuchteten in einem kränklichen Violett. Schlaff fiel sie zu Boden. Die Ranken waren fort. Die Glyphe wurde sofort dunkel. Und die Horden aus Kreaturen setzten ihren Ansturm fort.

„Zurück!“, rief Chandra, als sie zu Nissa eilte und ihren Kopf so sanft wie möglich anhob. „Komm schon, komm schon! Los, wach auf!“

„Wir können uns nirgendwohin zurückziehen, Chandra!“ Jace brachte sich neben den beiden in Stellung und berührte Nissas Stirn. „Sie ist noch da drin. Sie ist nur betäubt. Bald geht es ihr wieder besser.“

Gideon rannte zu den anderen zurück, alldieweil die Kreaturen langsam näher kamen. „Ich passe auf sie auf, bis sie aufwacht. Ihr beide bringt euch auf einer anderen Welt in Sicherheit.“

Chandra stand mit flammenden Händen auf. „Auf keinen Fall. Wir schaffen es alle hier raus oder ...“ Ihr Mut sank mit ihren Worten.

„Oder gar nicht“, fügte Jace hinzu. „Gemeinsam oder gar nicht?“

Chandra öffnete den Mund, um zu antworten, drehte dann jedoch den Kopf weg. „Warte mal ... Was ist das?“

Die Planeswalker hörten es, bevor sie es sahen – ein Stöhnen, Knurren, Knirschen und Reißen –, als die Reihen der Untoten auf den Platz strömten. Sie bewegten sich in enger Formation und warfen sich mit Klauen und Zähnen in die mutierten Kreaturen, die die Planeswalker umzingelt hatten, um sie mit entsetzlicher Kraft auseinanderzureißen.

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Nekrotisches Fleisch traf auf mutierte Gliedmaßen, und keine der beiden Seiten scherte sich um Schmerzen oder Verluste. Die Zombies jedoch bewegten sich präzise und zielgerichtet. Wenn Lücken in ihre Reihen geschlagen wurden, füllten sie sich sofort wieder auf. Und als sie die Planeswalker erreichten, teilten sie sich und bildeten eine Verteidigungslinie um sie herum, ehe sie wieder nach außen drängten.

Und dann erschien ihre Generalin.

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Liliana schwebte mit weit ausgebreiteten Armen heran, den Kettenschleier gleich hinter den Fingerspitzen. Ihre Hautzeichnungen gleißten, und Blut quoll daraus hervor. Mit einer beiläufigen Geste schoss nekromagische Energie aus ihren Händen und verbrannte die Leichen der mutierten Kreaturen zu Asche. All die krankhaften Auswüchse und all das verderbte Gewusel wurden einfach ausgelöscht. In einem unermesslich weiten Meer aus widernatürlichem Leben entstand eine Kugel aus Stille und Tod, die über das gesamte Gebiet gebot.

Lilianas Gesichtsausdruck wurde von verzückter Wut zu einem ernsten Lächeln, als sie anmutig zu Boden sank. Ihre Hautzeichnungen verblassten, und der Schleier schien an Größe einzubüßen. „Oh, Jace. Ich kam, so schnell ich konnte.“

„Was tust du hier?“ Gideon befand sich noch immer in Kampfhaltung. Sein Sural war von Macht durchströmt.

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„Die nette Dame in dem unbequemen Kleid hat uns gerade gerettet, Gideon. Beruhige dich mal.“ Chandra drehte Liliana den Rücken zu und trat zwischen sie.

Nissa regte sich und rappelte sich auf. „Das ... Ding, das sie bei sich hat. Es ist mir ein Gräuel.“ Nissa zuckte vor dem Schleier zurück und weigerte sich, auch nur in seine Nähe zu blicken.

Ein Lächeln breitete sich auf Lilianas Gesicht aus. „Das ist eine seltsame Art, um ‚Danke, Liliana, du hast mir das Leben gerettet und ich stehe auf ewig in deiner Schuld‘ zu sagen.“

Gideon knurrte und zog sein Sural ein.

„Liliana, ich ... Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich je wiedersehen würde. Aber jetzt bist du hier.“ Jace schlug die Kapuze zurück. Das Leuchten war aus seinen Augen verschwunden. Die dunklen Ringe unter ihnen waren nun deutlich zu erkennen.

„So redegewandt wie immer. Ja. Du wurdest gerettet, du schuldest mir etwas und jetzt solltest du dich wirklich in Sicherheit bringen.“

Jace schüttelte den Kopf. „Das können wir nicht tun. Wir müssen das hier beenden. Wir stehen so kurz davor. Und wenn du uns beschützt, können wir es auch schaffen. Das weiß ich.“

Liliana rieb sich die Stirn. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Scherze, Jace. Wir müssen hier dringend weg.“

„Dann solltest du dieses verfluchte Ding nehmen und verschwinden.“ Nissa schwankte, hielt jedoch ihr Schwert in der Hand. „Ich werde nicht an seiner Seite kämpfen.“

Gideon hob warnend die Hand. „In Seetor hast du an der Seite von Vampiren und Piraten und noch Schlimmerem gekämpft, Nissa. Wir nehmen alle Verbündeten, die wir bekommen können. Wenn sie vertrauenswürdig sind.“

„Ah, der Fleischbrocken zeigt Vernunft!“ Liliana strahlte übers ganze Gesicht.

„Aber ich weiß nicht, ob du vertrauenswürdig bist. Nissas Instinkte liegen selten daneben, und ich bin geneigt, ihr zuzustimmen. Dieser Gegenstand ist ... heikel. Aber ich kenne dich nicht. Er schon.“ Gideon wandte sich an Jace. „Entscheide du. Sag mir, Jace: Ist sie vertrauenswürdig?“

Liliana lachte hoch und klar, noch ehe Jace antworten konnte. „Diese Frage ist lächerlich, und das weißt du auch. Schau dich um. Ich brauche nur mit den Fingern zu schnippen und ihr werdet alle überrannt. Hier und jetzt vertraut ihr mir gerade. Doch wenn ihr nicht gehen wollt, kann ich euch nicht zwingen. So sagt mir, tapfere Helden: Was habt ihr nun vor?“

Sie blickte jedem von ihnen ins Gesicht. Gideon war verärgert. Chandra erschöpft. Nissa außer sich. Und Jace von Schmerz erfüllt.

„Oh, wundervoll.“ Mangels eines besseren Gesichtsausdrucks lächelte Liliana. „Ich bin mir sicher, das wird alles gut ausgehen.“

Veröffentlicht in Magic Story on 20. Juli 2016

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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von snotl » Mi 10. Aug 2016, 07:38

Bildgewaltig und brutal! Danke für die Geschichten!
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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Vindicator » So 14. Aug 2016, 21:43

@Snotl: Du müsstest die Karten einmal live in Action sehen ;)
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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Judge Fredd » Mo 22. Aug 2016, 17:58

Das prophezeite Ende


Die Zerstörung Innistrads steht kurz bevor. Emrakul hat sich erhoben, und die Titanin der Eldrazi hat unzählige Schrecken und Mutationen mit sich gebracht, die alles andere Leben auf der Welt auszulöschen drohen. Die Wächter haben sich in Thraben versammelt, und die Ankunft Lilianas und ihrer Untotenarmee hat ihnen die nötige Zeit und den erforderlichen Raum verschafft, um einen Plan zu fassen.

Doch wird überhaupt irgendein Plan genug sein, um Emrakul zu bezwingen?

Liliana
Es war ein Vergnügen, den sogenannten Wächtern dabei zuzusehen, wie sie sich ob einer schwierigen Entscheidung wanden. Gideons nur spärlich verhohlener Verdruss, Nissas Unbehagen, Chandras Ungeduld und Jaces qualvolle Unentschlossenheit. Jace war an seinem Lieblingsort: dank willkürlicher Beschränkungen, die er sich selbst auferlegt hatte, irgendwo zwischen allen Stühlen und mit der Frage befasst, warum sämtliche Entscheidungen immer so furchtbar schwierig sein mussten. Du wirst dich nie ändern, oder? Liliana konnte nicht sagen, ob sie das nun amüsant oder abstoßend fand. Manchmal war es beides.
Eine Angehörige des Mondvolks flog mit geweiteten Augen und kurzem Atem herbei. Sie nahm keine Notiz von den Untoten, die sie vor Emrakuls Dienern beschützten, doch sie sah sehr wohl zu jenem gewaltigen Spektakel auf, das Emrakul bot. Es war unmöglich, das nicht zu tun. Sie landete neben Jace und sprach hastig und zu leise, als dass Liliana sie hätte hören können. Sie beendete ihre kurze Rede auf eine Art, die Liliana verwirrend gefunden hätte, hätte sie nicht schon selbst eine Menge Zeit mit einem Telepathen verbracht. Das musste die Mondfrau sein, die Jace erwähnt hatte. Jace und Tamiyo setzten ihre stumme Unterhaltung fort und rückten enger zusammen, als ihre Bewusstseine einander berührten. Liliana runzelte die Stirn. Noch eine nutzlose Gedankenmagierin ... Genau das, was wir jetzt brauchen.

Sie wollte etwas Zeit mit Jace allein, um herauszufinden, worauf das hier eigentlich alles hinauslaufen sollte. Ihre Untoten hatten für eine zeitweilige Atempause gesorgt. Doch sie mussten hier weg. Raus aus Thraben, fort von Innistrad, fort von Emrakul.

Als sie an den Namen dachte, wurde Lilianas Blick zu der gewaltigen Gestalt hinaufgezogen, die vor den Toren Thrabens schwebte. Warum hockt es einfach nur da? Die Luft fühlte sich stickig und abgestanden an, durchzogen vom Geruch der ... Nein, es waren nicht die Toten. Liliana war an die Toten und deren Geruch gewöhnt. Dieser Geruch jedoch hatte etwas Fauliges an sich, was Liliana zu schaffen machte.

Die Luft erfuhr eine plötzliche Veränderung, um einen Geruch und einen Druck anzunehmen wie an einem Frühlingstag vor einem Sturm, und in dieser jähen Veränderung entfaltete sich Emrakul. Die Wolke ihres Leibes tat sich auf: Ihre langen, dürren Tentakel sprossen in die Länge und vermehrten sich – aus Hunderten wurden Tausende, Zehntausende, mehr. Eine unsichtbare Sphäre der Macht brach aus Emrakul hervor, kräuselte sich und traf jeden Planeswalker dort, wo er sich gerade befand.

Übelkeit wallte in Lilianas Magen auf, und Schwindel verklärte ihr den Verstand. Diese entsetzliche Vermischung von Verzweiflung und Unwohlsein hatte sie nur einige wenige Male in ihrem Leben erfahren. Als die Augen ihres Bruders Josu sich leblos geöffnet hatten – tintenschwarze Kugeln voller Verdammnis. Als sie das erste Mal Bolas unheilvollen Blick gesehen und sein verächtliches Lachen gehört hatte, während er ihr eine vergiftete Form der Erlösung versprach. Als die Macht des Kettenschleiers das erste Mal durch ihre Adern geströmt war und ihre Haut wie eine trockene Hülle hatte aufreißen und welken lassen, um das Blut – ihr Blut – hinaussickern zu lassen.

Nichts davon war auch nur im Entferntesten mit jenem Gefühl alles zersetzenden Unbehagens vergleichbar, das sie in Emrakuls Gegenwart empfand. Liliana Vess hatte ihr ganzes Leben damit zugebracht, nicht zu sterben, und das erste Mal seit langer Zeit fragte sie sich, ob sie womöglich dem falschen Ziel nachgejagt war. Im Schatten von Emrakuls Erblühen schien der Tod nur eine weitere oberflächliche Lüge des Lebens zu sein, eine falsche Hoffnung, die nur unzureichend jene wahren Schrecken zurückdrängte, die alle Lebenden zu erwarten hatten.

Emrakul. Emraakull. Emraaa...

Sie schüttelte entschlossen den Kopf und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie hatte zu lange gelebt und zu viele Widrigkeiten überwunden, um nun einfach klein beizugeben. Wir müssen von dieser Welt fliehen. Das hier ... Es ist Wahnsinn, hier zu bleiben. Das waren nicht ihre eigenen Gedanken, sondern der Rabenmann, der geradewegs in ihren Geist hineinsprach. Er klang ... verängstigt. Liliana fand einigen Gefallen an seiner Furcht. Du kannst also Angst empfinden. Ihre Untoten stöhnten im Chor: „Gefäß der Vernichtung. Wurzel allen Übels. Flieh.“ Liliana schreckte auf. Sie war es gewohnt, dass der Kettenschleier etwas von Gefäßen und Wurzeln von sich gab, aber fliehen? Was auch immer Emrakul war: Der Kettenschleier wollte damit nichts zu schaffen haben.

Der Druck in der Luft erhöhte sich und bescherte ihr einen Kopfschmerz, der ihr die Tränen in die Augen trieb. Die anderen Planeswalker krümmten sich, außer Jace, der irgendeinen Zauber wirkte. Liliana senkte den Kopf, als ihre Pein sich vervielfachte. Emrakul von außen. Der Kettenschleier von innen. Der verfluchte Rabenmann von wo auch immer er war. Sie würde sich nicht von ihnen bezwingen lassen. Das sind meine Untoten, mein Kettenschleier, mein Kopf. Sie sind mein!

Sie starrte Emrakul an, während ihre Furcht langsam zurückwich und einem lodernden Zorn Platz machte. Wie kannst du es wagen ...

Weitere Energie barst aus Emrakul heraus, ein ausgewachsenes Gewitter, das den vorherigen Ausbruch wie einen kurzen Frühlingsregen erscheinen ließ. Liliana wurde auf die Knie gezwungen, während sie vor Wut aufschrie. Ihre Untoten stöhnten ein einziges Wort.

„Em-ra-kuuuull.“
__________
Jace
Der purpurbeschattete Turm durch regnerisches Glas. Feuerschwere Adern fallen dunkelschwer. Emrakul keckert Gedanken in einer Schleife aus kaltem Metall ...

Eine Stimme schnitt durch das wirre Brabbeln – eine vertraute Stimme, die er zum ersten Mal hörte. Das läuft gar nicht gut. Ich werde mich davon nicht bezwingen lassen. So schwach bin ich nicht. Jace atmete langsam und gleichmäßig. Gedanken ordneten sich. Er versuchte, sich an den Unsinn zu erinnern, der sein Bewusstsein nur Augenblicke zuvor beherrscht hatte, doch er war bereits verschwunden – wie Tau, der in der Morgendämmerung verging. Er befand sich oben auf einer langen, breiten Wendeltreppe, deren weiße Stufen von Blau durchsetzt waren. Die Treppe war hell erleuchtet, wenngleich er keine Lichtquelle auszumachen vermochte, und sie erstreckte sich tief nach unten – viel weiter, als er sehen konnte.

Über ihm erhob sich ein hoher, dünner Turm aus Stein. Vom Boden aus wirkte er wie sein Refugium daheim auf Ravnica. Große Steintische voller Bücherstapel, Karten und verschiedenen ... Gerätschaften, die surrten und summten. Bücherregale, so weit das Auge reichte – er blickte sie sehnsüchtig an. Es sah nicht nur so aus wie seine Wohnstatt auf Ravnica, es war seine Wohnstatt ... außer dass sich in deren Mitte keine prächtige Treppe in die Tiefe wand.

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Und auf Ravnica gab es zweifellos auch kein gewaltiges Ungeheuer, das sein Refugium von oben zu zerstören suchte.

Hunderte Schritt über sich sah Jace gewaltige Steinblöcke des Turms wegbrechen oder davongeschleudert werden. Das gesamte Dach des Turms war bereits verschwunden und gab den Blick auf einen dunklen Himmel frei, der von Wolken in einem unheilvollen Purpur überzogen war. Als Jace die fortschreitende Zerstörung weiter beobachtete, erkannte er, dass es sich gar nicht um Wolken handelte. Es war ein Ding. Eine Kreatur. Die Kreatur löste sich in einer gigantischen purpurnen Wolke auf, aus der Hunderte zuckender Tentakel hervorwuchsen, die von Blitzen und ohrenbetäubendem Donner begleitet nach dem Turm schlugen und auf ihn einpeitschten. Die Kreatur hatte einen Namen ...

Emrakul. Der Name klang merkwürdig, als er ihn aussprach. Er war ein Wort, das er nicht kennen sollte. Ein Wort, das er nicht kennen konnte. Oder vielleicht war das auch nur das Wort hinter und unter dem Wort ... Jace hielt inne. Es war zermürbend, wie leicht es war, den eigenen Gedankengang zu vergessen. Konzentriere dich. Emrakul. Ein ... Ding. Ein Eldrazi. Der Eldrazi. Jaces Verstand hatte Mühe, die Natur dieses Wesens voll zu erfassen. Sein Kopf dröhnte von einem dumpfen, hämmernden Schmerz, der mit jedem Gedanken an die Titanin der Eldrazi dort draußen stärker wurde. Dann denke eben nicht an sie. Wo bin ich? Was ist das für ein Ort?

Weitere Erinnerungen kehrten zurück. Er war nicht in einem Turm gewesen. Er war in Thraben, das von unermesslichen Horden von Emrakuls Dienern belagert wurde. Sie alle waren dort. Gideon. Tamiyo. Nissa. Chandra. Liliana. Sie war überraschend aufgetaucht – an der Spitze einer Armee aus Untoten, um sie vor den Kultisten und Kreaturen Emrakuls zu beschützen. Liliana war zurückgekommen. Sie ...

Ein lauter Donnerschlag grollte draußen, der Boden erbebte leicht unter seinen Füßen und Jaces Kopf begann erneut zu dröhnen. Blitze zuckten und erhellten Emrakuls Tentakel, die weiter riesige Teile aus dem steinernen Bauwerk rissen. Der Turm war groß und massiv, doch Emrakul nahm ihn Stein für Stein auseinander.

Ein sanftes, weißes Licht begann weiter unten an der Treppe zu pulsieren. Es rief ihn zu sich. Unter gewöhnlichen Umständen war Jace vernünftig genug, um verlockenden weißen Lichtern an einem fremden Ort zu misstrauen, führten sie doch in aller Regel nur zu weiteren fremden Orten. Doch unter gewöhnlichen Umständen wurden solche Orte auch nicht von allmächtigen Titanen der Eldrazi angegriffen. Das weiße Leuchten wirkte zunehmend noch verlockender.

Draußen gab es eine gleißende Explosion – eine lange, tiefe Woge aus Purpur, gefolgt von krachendem Donner. Der gesamte Turm erzitterte, als ein Blitz darin einschlug. Jace wand sich vor Schmerz am Boden und hielt sich den Kopf, in dem es quälend pochte. Was geschieht mit mir? Und dann sprach eine andere Stimme – seine Stimme, die von irgendwo anders herkam – voller Befehlsgewalt: Beweg dich. Sofort. Geh nach unten.

Jace blickte durch die Ruinen des Turms zu dem hungrigen purpurnen Maul Emrakuls hinauf. Ihre endlosen Tentakel wanden sich um immer größere Teile des steinernen Bollwerks. Jace rappelte sich auf und stolperte auf die Treppe zu. Er beschloss, dass die Stimme – meine Stimme – recht hatte. Es war Zeit, von hier zu verschwinden. Er stieg in die Tiefen des Turms hinab.
__________
Liliana
Lilianas Blut stand in Flammen, ihr Verstand lag in Trümmern. Eine einzige Sache hielt sie noch notdürftig zusammen: Zorn. Das sind meine Untoten. Sie sind mein! Du wirst sie nicht bekommen! Ohne einen bewussten Gedanken in dieser Richtung zu fassen, sog sie die Macht des Kettenschleiers tief in sich ein und stemmte sich damit Emrakul entgegen. Sie spürte die verderbte Berührung des Eldrazi, die nun derart mächtig war, dass ihr sogar die Toten erlagen. Doch selbst diese unheilvolle Berührung war nichts gegen Lilianas nekromagische Kraft, die vom Kettenschleier gespeist wurde. Sie spürte, wie ihre Untoten zu ihr zurückkehrten.

Die Macht, die ihr durch die Adern strömte, war eine einzige Labsal. Jedes Mal, wenn sie den Kettenschleier zuvor verwendet hatte, war da nichts als Qual und ein Reißen in ihr gewesen, doch irgendwie schützte ihre Wut sie nun vor den schlimmsten Verletzungen, die ihr der Kettenschleier sonst zufügte. Vielleicht ist das das Geheimnis, wie man die volle Macht des Schleiers entfesselt. Ich habe sie nie genug gewollt.

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Stimmen flüsterten ihr noch immer zu, Stimmen von ihren Untoten und die des Schleiers unmittelbar in ihrem Verstand. „Gefäß der Vernichtung. Wurzel allen Übels.“ Dies waren nicht die einzigen Stimmen, die sie hörte. Der Rabenmann fiel in die lähmende Melodie ein. Wir müssen von hier fort. Das ist Wahnsinn. Ich dachte, du willst den Tod bezwingen. Das Wesen, dem du hier gegenüberstehst, ist älter als die Zeit und mächtiger als du, selbst wenn du tausend Kettenschleier trügest. Wir müssen von hier fort! Der Rabenmann versuchte, seinen Worten den Anschein eines Befehls zu geben. Nie zuvor hatte er so nackt, so verwundbar geklungen.

Liliana gestattete sich einen Blick zu den anderen Planeswalkern. Chandra, Tamiyo und Gideon lagen bewusstlos am Boden. Sie tastete kurz mit ihrer Macht nach ihnen, doch ihre Gestalten reagierten nicht auf die nekromagische Berührung. Sie waren also allesamt noch am Leben. Nissa war wie an Ort und Stelle festgewurzelt. Sie schrie, doch die Worte, die dabei aus ihrem Mund drangen, waren nur unzusammenhängendes Gestammel. Grüne und purpurne Energie sammelte sich um sie, prallte aufeinander, ebbte auf und ab. Jace war der Einzige, der auf den Beinen war und bei Bewusstsein zu sein schien, auch wenn er ihr keinerlei Beachtung schenkte. Sie bemerkte einen blauen Schimmer um ihn herum, einen Halbschatten, der sich auch auf die fünf anderen Planeswalker gelegt hatte. Auf alle bis auf sie. Ist es das, was euch am Leben hält?

Der Halbschatten reichte nicht bis zu ihr. Doch sie brauchte seine Hilfe nicht. Liliana hatte beachtliche Macht gekannt, vereint mit der Weisheit und der Unbarmherzigkeit, die aus zweihundert langen Lebensjahren erwachsen war. Doch sie kannte nichts, was sie vor dem geistigen Ansturm Emrakuls hätte beschützen können. Ohne die Macht des Kettenschleiers wäre sie hier untergegangen.

Eine Macht, über die sie nun gebot. Und sie tat dies mit großer Freude. Sie lachte angesichts des damit verbundenen Kitzels. Nie war sie ihrer früheren Allmacht so nahe gekommen. Ich kann alles schaffen. Und dennoch wisperten die Stimmen des Schleiers noch immer in ihrem Kopf. Gefäß. Gefäß der Vernichtung. Wir müssen vor dem Weltenbeender fliehen. Dem Weltenerschaffer. Gefäß! Die Stimme des Rabenmannes war von Panik erstickt. Höre auf den Schleier, du Närrin! Flieh! Ihre Untoten. „Wurzel allen Übels. Gefäß der Vernichtung. Gefäß!“

Liliana lachte ein Lachen, das von Zorn und Macht durchwirkt war. „ICH. BIN. KEIN. GEFÄSS!“

Sie verdrängte die Stimmen des Schleiers und des Rabenmannes und brachte sie jäh zum Schweigen. Sie spürte ihren Zorn und ihre Ungeduld, als sie sich verzweifelt gegen sie zur Wehr setzten. Alles, was zählt, ist mein Wille. Mein Verlangen. Nichts kann mir standhalten. Sie griff in den Schleier hinein und entzog ihm mehr Macht, als sie je zuvor gewagt hatte.

Ich gehöre nicht dir. Du gehörst mir.

Sie sammelte die Energien des Schleiers und bündelte sie gemeinsam mit ihrer eigenen bemerkenswerten Macht und Weisheit. In der Umarmung solcher Kräfte spürte sie Emrakuls geistigen Angriff nicht einmal mehr.

Sie wandte der Titanin nun ihre volle Aufmerksamkeit zu. Als würde Emrakul Lilianas wachsende Macht bemerken, bewegte sie sich langsam in ihre Richtung. Jeder scheint sich vor dir zu fürchten, Emrakul. Liliana lachte erneut, ein Keckern, während sie in ihrer Macht badete. Niemand glaubt, dass ich dich besiegen kann. Finden wir es doch heraus.
__________
Jace
Bei seinem Abstieg blickte Jace gelegentlich nach oben, doch alles nur wenige Schritte hinter ihm wurde von Schatten verhüllt. Ich schätze, diese Stufen führen nur nach unten. Er dachte, er sollte das Gefühl, einen unbekannten Gang hinunter in die Tiefen eines seltsamen Turmes geleitet zu werden, irgendwie beunruhigend finden – vor allem auch deshalb, weil sein Weg von andauerndem Donner von oben begleitet war – , doch er blieb ganz gelassen. Hier unten ist es zweifellos sicherer als dort oben.

Die Steinwand neben ihm begann zu schimmern. Während er dabei zusah, wurde der Stein zu Glas oder zumindest irgendeinem anderen durchsichtigen Material. Die gesamte Wand neben ihm wurde vom Boden bis zur Decke zu einer klaren Fläche. Hinter dem Fenster war eine Szene zu sehen, wie in einem Schaukasten, den Kinder für die Schule anfertigten, doch dieses Diorama bewegte sich.

Die Figur in der Mitte war Gideon. Er stritt gegen irgendeine Art von himmlischem Wesen, das über ihm aufragte – es war wahrhaftig himmlisch, denn es bestand aus einem sternenbedeckten Firmament. Es hatte zwei große, schwarze Hörner, die ein blaues Gesicht einrahmten. Es schwang eine grotesk große Peitsche, in deren Griff ein menschlicher Schädel eingearbeitet war. Gideon sah hinreichend nach Gideon aus: breites Kinn, goldener Sural und glänzende Rüstung. Der Ausdruck auf seinem Gesicht glich jedoch ganz und gar nicht jenem Gideon, den Jace kannte. Dieser Gideon wirkte besorgt, beinahe eingeschüchtert. Seine Miene zeigte Zorn – aber auch Furcht. Interessant.

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Um Gideon herum standen die anderen Mitglieder der Wächter. Chandra mit flammendem Kopf und Händen. Nissa. Selbst ein Jace. Ich bin doch sicher größer? Die himmlische Gestalt breitete die Arme weit aus, die Peitsche in der Hand. Sie sprach mit einer tiefen, hallenden Stimme, die aus dem Boden emporzudringen schien. „Und was ist es, was du, Kytheon Iora, am meisten begehrst? Was ist es, was du wirklich willst?“

„Nein!“, rief Gideon mit vor Schmerz und Trotz verzerrtem Gesicht. „Es gibt nichts, was du mir anbieten könntest, Erebos! Nichts! Alles, was du anzubieten hast, ist Gift.“

Das Wesen – Erebos – hob die Peitsche. „Das ist kein Angebot, Sterblicher. Sage mir wahrheitsgemäß, was du am meisten begehrst, oder ich werde deine Freunde einen nach dem anderen töten.“

Gideons Schultern senkten sich, und sein Sural fuhr in die Scheide zurück. Er blickte mit einer Mischung aus Zorn und Verzweiflung zu Erebos auf. „Am meisten begehre ich ...“ Er hielt inne und holte tief Atem. „Andere zu beschützen, sie zu retten ...“

„Du lügst.“ Erebos schlug mit der Peitsche zu, und als sie den Jace neben Gideon traf, löste dessen Fleisch sich auf und er verschwand. Ich mag es wirklich nicht, mich selbst sterben zu sehen. Gideon schrie auf und holte mit blitzendem Sural aus, doch Erebos zeigte keine Regung. Er hob die Hand und Gideon wurde zurückgeschleudert.

„Du kannst mich nicht besiegen, Sterblicher. Das konntest du nie. Und das wirst du nie. Sage mir die Wahrheit. Dann lasse ich den Rest deiner Freunde am Leben.“

Draußen grollte laut der Donner – Emrakul, das ist Emrakul –, und Jace konnte Gideons Antwort nicht hören. Doch wie auch immer sie gelautet hatte: Erebos war damit nicht zufrieden. Ein weiteres Mal schnellte die Peitsche vor und Nissa verschwand durch ihre Berührung. Gideon zuckte zusammen, als Nissa erschlagen wurde, griff jedoch diesmal nicht an. Chandra stand nur mit leerem Blick da. Ihre flammenden Hände hingen reglos an ihrer Seite. Dieses Schauspiel ist zweifellos nicht die Wirklichkeit. Findet es in Gideons Kopf statt?

Gideons Stimme brach vor Zorn. „Ich will dich besiegen, dich in Stücke reißen, damit du nicht länger ...“

„Nein. Noch immer sprichst du Lügen.“ Erebos Stimme hingegen war ruhig wie ein Friedhof. Ein weiterer Peitschenhieb, und Chandra verschwand. „Musst du erst alles verlieren, bevor du dir die Wahrheit eingestehst, Sterblicher? Wozu ist all dieser Starrsinn gut? Du bist sehr darauf aus, den größten Schmerz zu spüren.“ Erebos Peitsche tanzte unter der Führung ihres Meisters. „Was willst du?“

Gideon hob den Kopf gen Himmel und schrie: „Ich will ...“, doch noch ehe er seinen Satz beendet hatte, wurde das Fenster dunkel.

Jace rührte sich nicht, gelähmt von all dem, was er gerade gesehen hatte. Wer ist Erebos? Welchen Schmerz durchlebt Gideon? Jace hatte nicht geahnt, dass sein Freund so sehr litt. Und meine Unwissenheit über Gideon wird nur noch von meiner Unwissenheit darüber übertroffen, was hier vor sich geht. Sind das Träume? Bin ich in Gideons Verstand? Emrakul über mir wirkt zumindest sehr, sehr echt.

Die Schatten drängten dichter an Jace heran. Er musste in Bewegung bleiben. Die Antworten waren weiter unten zu finden. Er war nur ein paar Schritte gegangen, als eine weitere Wand durchscheinend wurde. Diesmal befand sich Tamiyo in der Mitte der Szene.

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Sie saß zusammengekauert an einem kleinen Pult und brütete über einer großen Schriftrolle, die auf einem staubigen Tisch ausgebreitet war. Die Szene war nur von einer Kerze erhellt, die jedoch im Verhältnis zu ihrer Größe viel zu viel Licht spendete. Hinter Tamiyo befanden sich Regale voller Bücher und neben ihnen weitere Stapel. Jace verspürte etwas Wehmut. Immer nur von Büchern umgeben zu sein und alle Zeit zu haben, sie zu lesen. Das war schon seit einer Weile nicht mehr sein Leben gewesen und würde es auch so schnell nicht wieder werden.

Aus einem von Tamiyos Augen rann Blut. Es begann mit einem leisen Tröpfeln. Jeder Tropfen traf mit einem leisen Pling auf den Tisch. Während sie weiter in der Schriftrolle las, begann auch aus dem anderen Auge Blut zu rinnen. Jeder zweite Tropfen stammte nun aus ihm. Pling, pling. Pling, pling. Pling, pling.

Jace sah entsetzt zu, wie fleischiges Flechtwerk über Tamiyos Augen wucherte und sie vollkommen bedeckte. Das Mal Emrakuls. Jace hatte in den letzten Tagen so viel von Emrakuls Zeichen gesehen. Das Blut tropfte weiter durch das Flechtwerk. Pling, pling. Pling, pling. Pling, pling.

Das Flechtwerk erblühte anderswo. Fleischige Auswüchse brachen aus Tamiyos Fingern hervor und bedeckten ihre Hände mit an ein Netz gemahnenden Mustern. Die Auswüchse breiteten sich auf den Tisch darunter aus und machten Tamiyos Hände daran fest. Nun war sie blind und konnte ihre Finger nicht mehr rühren. Das Blut tropfte noch immer aus ihren Augen. Pling, pling. Pling, pling. Pling, pling.

Während sie den Gebrauch ihrer Augen und Hände verloren hatte, hatte Tamiyo unablässig vor sich hin geflüstert, auch wenn für Jace kein Geräusch zu hören gewesen war. Die fleischigen Auswüchse überwucherten nun auch ihren Mund und versiegelten ihre Lippen mit Emrakuls Netz. Und selbst nachdem ihr Mund verschlossen worden war, wuchs das Geflecht wimmelnd und würmelnd weiter. Die Ranken sprossen aus ihrem geschlossenen Mund heraus, und wenn nun das Blut aus Tamiyos Augen tröpfelte, dann schnappten die Ranken danach, um sich zu winden und zu zucken, während der Lebenssaft in ihrer öligen Haut versickerte. Pling, zuck. Pling, zuck. Pling, zuck.

Tamiyo war vollkommen reglos. Ihr Mund, ihre Augen und ihre Hände waren völlig erstarrt. Jace hatte Tamiyos Bewusstsein berührt. Er kannte ihre Essenz besser als die meisten anderen. Ihre Fähigkeit zu sehen, zu sprechen, zu schreiben – das war der wichtigste Bestandteil ihrer Magie, ihres Verständigungsvermögens. Das war es, was sie ausmachte. Sie wird ausradiert. Jace schrie und hämmerte gegen das Fenster, doch weder Tamiyo noch irgendetwas anderes in dem Raum reagierte darauf. Das Fenster wurde wieder zu undurchsichtigem Stein.

Jace sackte in sich zusammen. Was ist das für ein Ort? Das können nicht die Bewusstseine meiner Freunde sein. Oder? Über ihm hingen die Schatten. Er war müde. So unendlich müde. Langsam rappelte er sich auf und setzte seinen Abstieg fort.
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Liliana
Diese Macht. Sie war eine Offenbarung. Alles, was nötig gewesen war, war ihr Wille. Ihr Verlangen. So lange Zeit hatte sie sich selbst als vollkommen pragmatisch und nur von ihrem Ziel angetrieben betrachtet. Nicht zu sterben. Ihre dämonischen Folterer zu töten. Doch nun wusste sie, dass sie nicht willens gewesen war, diesen endgültigen Schritt zu gehen. Die allerletzte Grenze zu überschreiten. Ich zeigte Zurückhaltung. Wie töricht.

Vor ihr ragte Emrakul auf. Eine Titanin der Eldrazi. Ein Wesen älter als die Zeit, falls die Stimme in ihrem Kopf die Wahrheit gesagt hatte. Ich glaube, du bist ein Ding. Ein mächtiges Ding, doch eines, das lebt. Und wenn du lebst, dann kannst du sterben. Und wenn du stirbst – ein weiteres Lächeln –, dann gehörst du mir.

Die Energien des Schleiers zuckten und bäumten sich unter ihrer Kontrolle auf. Sie wollten verwendet werden, um zu verdorren und zu töten. Macht ist dazu da, benutzt zu werden. Sie sammelte sie, formte sie und schleuderte einen gleißenden Strahl nekromagischer Energie nach dem anderen auf die gewaltige Gestalt Emrakuls, um die Titanin mit ihrer Macht zurückzutreiben.

Da war ein Lied in Lilianas Bewusstsein – eines, das alles andere übertönte. Es war ein Lied der Macht, und es erklang mit einer ach so süßen Melodie. Das ist es, wofür ich geboren wurde. Dies ist mein Schicksal. Jeder Strahl, der Emrakul traf, hinterließ klaffende Krater vernarbten, toten Materials und turmhohe Tentakel, die verschrumpelten und verdorrten. Manches davon regenerierte sich, doch nicht genug, ehe Liliana auch schon ihren nächsten Treffer landen konnte. Das erste Mal seit ihrem Erblühen wurde Emrakul kleiner. Sie wurde zurückgeworfen. Liliana gewann.

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Die Stimme des Rabenmannes schnitt durch ihre Verzückung wie ein Spritzer eiskalten Abwassers. Du weißt nicht, was du da tust. Was du da wagst. Du kannst nicht ernsthaft hoffen, diese Macht noch länger beherrschen zu können.

Lilianas Zorn umhüllte jedes einzelne Wort ihrer gedachten Erwiderung. Versuche nicht, mich mit deinen beschränkten Erwartungen zurückhalten zu wollen, kleiner Mann. Heute ist der Tag, an dem ich eine Titanin der Eldrazi vernichte. Und warum? Weil ich es wage.

Sie wünschte, die Wächter wären bei Bewusstsein, um ihren Sieg mitzuerleben. So sieht wahre Macht aus, ihr erbärmlichen Ausreden für echte Planeswalker. Sie schoss Emrakul weitere Strahlen entgegen und forcierte ihren Angriff.
__________
Jace
Jace war nicht überrascht, wenig später auf ein neues Fenster zu stoßen. Diesmal war es Chandra. Oder zumindest nahm er das an. Sie war ein kleines Mädchen, doch das rote Haar und ihr Gesicht verrieten schon etwas von jener Frau, zu der sie einst werden sollte. Chandra war von einer bedrohlichen Menge an Wachen umzingelt, deren Uniformen reich verziert und farbenfroh waren. Jace erkannte den Ort nicht, zu dem sie gehörten. Ihre Heimat. Die Wachen hoben ihre Piken und Chandra schluchzte. Ströme von Tränen rangen mit einem tiefen, keuchenden Schnappen nach Luft um die Herrschaft über ihre Züge.

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Eine der Wachen, groß und dürr, trat vor. Auf dem Gesicht des Mannes lag ein breites Lächeln, das im Widerspruch zu seinen harten Worten stand. „Wir haben deinen Vater getötet, Rebellin. Und deine Mutter. Und nun werden wir dich töten.“ Jace nahm an, dass diese Szene nicht der Wirklichkeit entsprang, sondern nur ein Albtraum in Chandras Kopf war, aber er ballte dennoch die Fäuste. Niemand sollte einen solchen Schmerz erdulden müssen. Die Wachen rückten mit ihren Piken vor, während ihr Anführer höhnisch fortfuhr: „Und das Beste daran ist, dass du nichts dagegen tun kannst.“

Chandra hörte auf zu weinen und starrte ihre Gegner an. Eine winzige Flamme gleißte in ihrem Auge auf. „Du irrst dich“, sagte sie. Ihre Stimme klang keineswegs wie die eines Kindes. „Es gibt etwas, was ich tun kann.“ Ihr Körper veränderte sich, wuchs und entwickelte sich vor seinen Augen zu der Chandra, die er kannte. „Ich kann immer etwas tun. Ich kann etwas verbrennen.“ Feuer loderte ihr aus Kopf und Händen.

Sie lächelte. Die Wachen wichen verunsichert zurück. Sie trat einen Schritt vor. „Ich kann euch verbrennen.“ Der Anführer ging in Flammen auf. Er schrie vor Schmerz. „Ich kann euch alle verbrennen.“ Nun standen auch die anderen Wachen in Flammen. Ihre Haut knisterte und platzte auf, und ihre gellenden Schreie hallten zum Himmel hinauf. „Ich kann die ganze Welt verbrennen.“ Hitze und Licht und Feuer brachen hervor, eine weißglühende Energie, die alles einhüllte und verbrannte. Auch Chandra. Chandra schrie. Ob aber nun vor Vergnügen oder Schmerz vermochte Jace nicht zu sagen.

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Das Fenster wurde wieder zu Stein, doch Jace konnte die Hitze noch immer spüren. Das war eines der wichtigsten Prinzipien von Illusionen. Nur weil es bloß in deinem Kopf ist, heißt das nicht, dass es dich nicht töten kann.

Gideon, Tamiyo, Chandra ... aber noch keine Liliana. Er hastete weiter nach unten und schaute begierig nach dem nächsten sich öffnenden Fenster. Er ließ die Mundwinkel hängen, als er die Gestalt hinter der Wand sah. Oh, Nissa. Er versuchte, nicht enttäuscht zu sein, doch er fand es schwierig, die elfische Planeswalkerin zu verstehen.

Der Hintergrund hinter Nissa sah genau aus wie die Welt draußen – der dunkle, purpurne Himmel, die seltsamen Lichtblitze, der drohende Schatten Emrakuls, Liliana und ihre Untoten. Nissa stand schmerzerfüllt in der Mitte. Sie schrie. Sie wand sich. Sie wurde verzerrt, sie wurde verdreht, sie zitterte – doch dies waren nicht die einzigen Verletzungen, die ihr zugefügt wurden. Etwas ... kroch ... ihr zuckend über die Hände.

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Als Jace genauer hinsah, bemerkte er, dass aus Nissas Fingern winzige Finger wuchsen, zehn aus jedem. Und dann sah er, wie weitere Finger aus diesen winzigen Fingern wuchsen, kaum dicker als ein Haar. Er erschauderte, doch als er ihre Augen sah, schrie er unwillkürlich auf. Aus jeder von Nissas Augenhöhlen standen mehrere winzige Augäpfel vor und aus jedem von diesen noch weitere. Grüne Energie blitzte aus ihren Händen und Augen, doch in diesem Grün lauerte ein dunkles, grausames Purpur.

Emrakul ist Emrakul ist Emrakul auf ewig.

Jace wusste nicht, woher der Gedanke gekommen war, doch selbst in seiner Unverständlichkeit erschien er ihm richtig. Auf ewig und ewig und ...

„Negglish pthoniki ab‘ahor!“ Unzusammenhängende Silben sprudelten aus Nissa heraus – oder zumindest waren sie in einer Sprache, die Jace noch nie zuvor gehört hatte. Beim Sprechen zuckte ihr Kopf wie wild, und zwischen den Worten rutschte ihr schlaff die Zunge aus dem Mund. Was ist das da auf ihrer Zunge? O nein. Nein, nein, nein, nein. Die Menge an Einzelheiten, die ich ertragen kann, ist fast überschritten. Nein, eigentlich ist sie das schon längst.
Während Unsinn und Geifer aus ihrem Mund sprudelten, mischten sich verständliche Worte in das Gebrabbel. „Shigg epsi-alles chut‘ghb endet! Gilma-alles chts-stirbt!“ Die Zuckungen ließen nach, ihre Stimme gewann an Kraft und Sicherheit. Nun war sämtliche Energie, die von ihr ausging, purpurn – ein tiefes Purpur ohne jede Spur von Grün. Sie hob Kopf und Arme gen Himmel und rief:

„Wachstum! Wachstum ist die Antwort! Die einzige Antwort! Die Entropie kann nicht verlieren. Aber darf sie gewinnen? Natürlich sind Opfer zu bringen! Warum kämpfen sie dagegen an? Eine Ewigkeit ohne Opfer bietet nur die schreiende Starre! Blut muss aufgewühlt und dick gestampft werden wie Butter. Warum fürchten sie das Leben? Warum fürchten sie die Wahrheit?“

Dass Nissa nun erkennbare Worte hervorstieß, machte kaum einen Unterschied für Jaces Vermögen, sie zu verstehen. Obwohl er wusste, dass es vergeblich war, griff er nach ihrem Bewusstsein. Nissa, hilf mir. Hilf mir zu verstehen. Wovon sprichst du?

Nissa veränderte ihre Haltung, um Jace geradewegs durch das Fenster anzusehen. Sie sieht mich. Jace zitterte und war wie erstarrt. Er konnte sich nicht bewegen oder auch nur wegsehen. Ihre Augen leuchteten in einem dunklen Purpur. Sie sprach zu ihm. „Ich kann alles tun, was ich will. Alles. Denke daran. Das Einzige, was dich rettet, ist ...“ Das purpurne Licht erlosch und der Nimbus um sie herum verflog. „.Dass ich nichts will.“

Einen langen Augenblick starrte sie ihn an, das Gesicht grotesk verzerrt, während ihre zusätzlichen Augen ruhelos hin und her zuckten. Das Fenster wurde gnädigerweise zu Stein.

Jace stand noch immer wie festgefroren vor der Wand. Er zitterte, und Schweiß rann ihm über das Gesicht und den Nacken hinunter. Die Schatten von oben trieben ihn weiter. Wie lange bin ich schon auf dieser Treppe? Was geschieht mit meinen Freunden? Die Tiefe lockte noch immer mit ihrem hellen Leuchten. Doch er wollte sich nicht rühren. Er wollte gar nichts tun. Schlafen. Ich könnte schlafen. Ich wache dann vielleicht nicht mehr auf, aber wäre das so schlimm? Seine Augen wurden schwer, und eine angenehme Verschwommenheit legte sich über seine Wahrnehmung. Er setzte sich auf die Stufen. Ich bin so müde.

Als er in den Schlaf dämmerte, dachte er an Liliana. Er wusste nicht, wo sie war oder was mit ihr geschah. Sie ist nicht hier. Sie ist nicht an diesem Ort. Doch wenn er ehrlich war, hatte sie ihn ohnehin nie gebraucht. „Traurig. Für eine Weile. Und dann käme ich darüber hinweg.“ Das hatte sie damals in ihrem Schloss gesagt, als sie seinen Tod mit dem eines Hündchens verglichen hatte. Ein Hündchen. Würde mein Tod sie wirklich nicht mehr berühren als der eines Hündchens? Das kann nicht wahr sein. Ein Hündchen. Der Gedanke nagte an ihm.

Schlaf. Wie kann ich denn jetzt nur an Schlaf denken? Was geschieht mit mir? Er wusste nicht, ob es nur an der Erschöpfung lag oder ob ein bösartigerer Effekt am Werk war. Ist das wichtig? Die Lösung ist die gleiche. Er stand auf. Gehe weiter nach unten. Löse das Rätsel. Stirb nicht. Besiege Emrakul. Als er weiter hinabging, dachte er an Liliana.
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Liliana
Das erste Anzeichen von Schwierigkeiten war ein Nachlassen ihrer Geschwindigkeit. Liliana hatte nie zuvor so viel Energie kontrolliert, und mit jedem Atemzug hatte sie Strahl um Strahl auf Emrakul abgefeuert. Atmen, feuern, atmen, feuern.

Und obwohl die Macht sie nicht im Stich ließ, so doch ihr Körper. Sie zögerte einen Augenblick, um tief Luft zu holen, und dies nutzte Emrakul, um aufzuwallen und ihren Leib und ihre Tentakel schneller zu regenerieren, als Liliana es je für möglich gehalten hatte. Eine Reihe dicker Tentakel hieb nach ihr, nur um bei der Berührung durch ihre Magie zu verdorren und sich aufzulösen. Weitere folgten jedoch rasch. Während zuvor jeder Treffer Lilianas Emrakul zurückgetrieben hatte, hatte sie nun Mühe, nicht selbst zurückweichen zu müssen.

Du bist sterblich. Du hast Grenzen. Das da nicht. Die Stimme des Rabenmannes stach mit kaltem Flüstern in ihr Hirn. Schaue dir dieses Gras und den Staub an, du Närrin. Sie werden dein Friedhof sein.

Sie schrie vor Zorn, während sie weitere Strahlen abfeuerte. Der Ausbruch hielt die Titanin vorerst auf Abstand. Augenblicke später ebbte die Energie jedoch erneut ab. Liliana schnappte nach Luft, und Emrakul kam wieder näher.

Ich werde nicht heute sterben, knurrte sie den Rabenmann, den Schleier und jeden an, der ihr sonst noch lauschen mochte. Und sich selbst. Emrakul und ihre Tentakel setzten ihren gnadenlosen Vormarsch fort. Ich werde nicht heute sterben.

Wenn du Glück hast, Liliana, ist dein Tod das Beste, was dir heute widerfahren könnte. Du hast uns beide zum Untergang verdammt. Der Rabenmann sprach ohne Verachtung, Hass oder Furcht. Er klang ... resigniert. Das erste Mal, seit sie die Wächter gerettet hatte, fürchtete sich Liliana.
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Jace
Jace rechnete damit, dass eine weitere Wand durchsichtig wurde, um ihm eine Szene aus Lilianas Verstand zu zeigen. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass die Stufen an einer Tür endeten.

Es war eine schwere Eichentür mit eisernen Beschlägen, aber ohne Klinke oder Schlüsselloch. Nur Holz und Eisen, von dem gleichen dicken Stein eingefasst wie der Rest der Treppe. Er legte seine Hand an die Tür. Eine Stimme schrie – nein nein nein nein nein –, und blanker Schrecken ergriff von seinem Verstand Besitz. Doch die Stimme verklang und der Schrecken wich. Jace schaute die Stufen hinauf. Die Schatten kamen weder näher noch teilten sie sich, um den Weg zurück freizugeben. Wenn er weitergehen wollte, dann durch diese Tür. Er schob die Tür auf und trat über die Schwelle.

Der Raum besaß weder Form noch Farbe. Schwindel überkam ihn, da sein Verstand Mühe hatte, seine Umgebung auch nur ansatzweise zu begreifen. Jace spürte den heftigen Sog der Ewigkeit, eine endlose Schleife, die sich zu dem Schrecken auswuchs, niemals den Frieden der Auslöschung zu kennen, um nur um nur um nur ... bis die Wirklichkeit zurückkehrte. Das ihn umgebende Nichts wurde zu einem weiten, weißen Feld.

Vor ihm befand sich ein Engel.

Er näherte sich ihm, und Jace bemerkte, dass der Raum um sie beide herum langsam Gestalt annahm. Sie befanden sich an einem echten Ort. Einem Raum. Einer Nachahmung jenes Refugiums, in dem diese bizarre Reise begonnen hatte. Sein Refugium. Der Engel war groß – größer als jeder Engel, den er zuvor gesehen hatte. Selbst größer als Avacyn. Und seine Schwingen waren gewaltig, mit dicken Muskelsträngen versehen und dicht gefiedert. Sie falteten sich hinter ihm beinahe in Form einer Pilzwolke ...

Jaces rasendes Herz ließ ihn in kalten Schweiß ausbrechen. Nein o nein o nein ...

Das Gesicht des Engels war von einer Kapuze verborgen, doch die beiden Schwerter, die er trug – eins in jeder Hand –, waren deutlich zu erkennen. Der Saum seines Wamses wurde zu langen Bändern – zehn, nein hundert –, und es schienen immer mehr zu werden. Sie zuckten und wanden sich. Als würden sie Jace bemerken, tasteten sie die Luft vor ihm ab wie lebendige Geschöpfe. Wenn ich zu schreien anfange, weiß ich nicht, ob ich je wieder aufhören kann. Also schreie ich besser nicht. Ob Weinen hilft? Ich weine gern, wenn es hilft.

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Jace lachte vor Vergnügen und Furcht zugleich. Ich bin so froh, dass ich mich witzig finde. Das Lachen durchbrach seine Lähmung und setzte seinen Verstand wieder in Gang. Ich kenne diesen Engel. Ich habe ihn schon einmal gesehen. Oder zumindest Statuen von ihm – damals auf Zendikar. „Emeria?“, keuchte er. Das Wort klang auf seinen Lippen fremd.

Sie blickte ihn an, doch er konnte ihr Gesicht unter der Kapuze nicht erkennen. Jace betrachtete aufmerksam die Bänder und die Schwerter, doch nichts davon schien ihn angreifen zu wollen. Seine Zuversicht wuchs.

„Bist du ... Bist du Emeria? Bist du ... Emrakul?“

„Darf ich mich setzen?“ Es war eine weibliche Stimme. Leicht, beinahe heiter. Jace hätte unter anderen Umständen vielleicht sogar gesagt, dass dieses Wesen trällerte. Doch nicht jetzt. Jace konnte keine Lippen unter der Kapuze sehen, die diese Laute erzeugt hatten, doch die Stimme klang völlig gewöhnlich. Zumindest irgendwie.

Jace war so damit beschäftigt, die Stimme auszudeuten, dass er einen Augenblick brauchte, um zu begreifen, was sie eigentlich gesagt hatte. „Du fragst mich?“ Von allen Überraschungen dieses Tages wäre der Erhalt einer höflichen Nachfrage eigentlich kaum als die bemerkenswerteste zu sehen gewesen. Aber ehrlich gesagt stand sie auf dieser Liste womöglich sogar an allererster Stelle.

„Dies ist schließlich dein Zuhause.“ Eine Pause. „Jace. Jace Beleren.“ Als sie „Beleren“ sagte, tat sie es langsam, Silbe für Silbe.

Ich habe jetzt sehr große Angst. Und ich bin auch sehr neugierig. Was für ein sonderbarer Gegensatz.

„Ich bin hier nur eine Besucherin. Also: Darf ich?“ Sie wartete.

Um wie vieles unwirklicher wird dieser Tag denn noch? Er war sicher, darauf nicht wirklich eine Antwort zu wollen. Denke daran, was wichtig ist: Stirb nicht. Löse das Rätsel. Besiege Emrakul. Sein Mantra. Er fügte einen weiteren Satz hinzu. Lade Emrakul auf eine Tasse Tee ein. Er lächelte, und das Lächeln erreichte sein Gesicht. „Bitte. Aber selbstredend. Bitte setz dich.“ Jace winkte in Richtung des großen steinernen Tisches, und Emeria – nein, ich weiß nicht, was das ist. Hör auf so zu tun, als wüsstest du es – der Engel setzte sich.

Er steckte seine beiden Schwerter in Scheiden am Rücken. Als seine Hände wieder auf dem Tisch lagen, hielten sie etwas anderes: eine große Schriftrolle mit eisernen Beschlägen. So eine Schriftrolle habe ich schon einmal gesehen. Wo? „Es macht dir doch nichts aus, dass ich arbeite, während wir reden, oder?“ Ihre trällernde Stimme klang, als käme sie von einem Gildenmagier der Azorius, der um Rat zu einer Protokollfrage bat.

Gib dich dieser Unwirklichkeit einfach hin. Kämpfe nicht länger dagegen an. Schau, wohin das führt. „Natürlich nicht. Nur zu. Ich möchte dich keineswegs von der Arbeit abhalten.“ Sie nickte und rollte die Schriftrolle auf. Eine unheimliche Empfindung nagte an Jaces Hinterkopf. Wo habe ich diese Schriftrolle gesehen? Doch es wollte ihm nicht einfallen. Von irgendwoher erschien ein langer Griffel und sie begann, auf die Schriftrolle zu schreiben.

Jace räusperte sich. „Nun, da wir ja, ähm ... reden wollen. Wer genau bist du? Was ist das für ein Ort? Was geht hier vor?“ Jace konnte nicht wählerisch sein, woher er Antworten bekam. Er konnte seinem üblichen Instinkt, einfach Gedanken zu lesen, nicht widerstehen – Unwissenheit ist so viel schlimmer als Wahnsinn –, doch da war ... nichts. Nichts, woran er sich orientieren konnte. Geheimnisse machen keinen Spaß, wenn sie geheim bleiben. Er musste das also auf die ganz gewöhnliche Art tun, auf die auch jeder andere zurückzugreifen hatte. Durch Worte. Worte für eine Titanin der Eldrazi.

„Alles endet. Alles stirbt. Ganzheit liegt immer hinter uns. Die Zeit weist nur in eine Richtung.“ Dies waren Echos von jenen irren Äußerungen, die Nissa zuvor getätigt hatte, doch Jace verstand sie ebenso wenig, als sie nun von dem Engel kamen. Er blickte nicht auf, als er schrieb. Die Kapuze verdeckte, womit auch immer diese absonderlichen Worte ausgesprochen wurden.

„Bist du Emrakul?“ Jace wusste nicht, was er da genau riskierte, und es begann auch, ihn zunehmend weniger zu kümmern. Vorsicht ist etwas für Leute mit einem Ass im Ärmel. „Was willst du?“

Sie hielt einen Augenblick inne und betrachtete die Schriftrolle. „Das ist alles falsch. Ich bin unvollständig, unerfüllt, unfertig. Da sollten Blüten sein, keine öde Abweisung. Der Acker war nicht bereitet. Es ist nicht meine Zeit. Noch nicht.“ Die Art, wie sie noch sagte, jagte Jace einen Schauer über den Rücken. Sie nahm das Schreiben wieder auf und strich einen langen Absatz getrockneter Tinte aus.

„Es reicht!“, rief Jace. „Du bist aus einem Grund hier! Du könntest mich auf unzählige andere Weisen töten – mit deinen Schwertern oder deinen Tentakeln –, aber du tust es nicht. Du sitzt hier und redest Unsinn ... Warum? Ich verstehe nicht, was du sagst, und ich verstehe nicht, was du willst. Hilf mir. Bitte.“ Als Jace sprach, verrauchte sein Zorn und wurde durch etwas noch Nützlicheres ersetzt. Konzentration. Er spürte, wie sich ein Schleier lüftete, der nur durch sein Weichen enthüllte, wie viel er verborgen gehalten hatte.

„Spielst du Schach?“, fuhr die Stimme fort, als hätte Jace ebenso viel Unsinn erzählt wie sie selbst. Jace war erneut versucht, laut aufzuschreien, glaubte aber nicht, dass es viel nützen würde. Und außerdem spielte er Schach. Und er war ziemlich gut darin.

„Ja, das tue ich.“

„Würdest du eine Partie mit mir spielen?“ Sie stellte das Schreiben ein und rollte die Schriftrolle zusammen.

„Ich bin nicht sicher, ob ich Zeit zum Spielen habe ...“

„Wenn du gewinnst, hört all dies auf. Ich werde dir alle Antworten geben, die du verlangst.“ Sie legte die Rolle hinter sich.

Jace witterte zwar eine Falle, doch er war wirklich gut im Schach. „Und was, wenn du gewinnst?“

„Ich gewinne bereits, Jace Beleren. Lass uns eine Partie spielen.“

„Oh, es gibt da ein Problem.“ Jace blickte sich um. In seiner echten Wohnstatt auf Ravnica gab es ein Schachbrett – ein sehr schönes, das ihm die Boros geschenkt hatten –, doch in diesem seltsamen Scheinbild konnte er keines sehen. „Ich, äh, habe gar kein ...“

Der Engel machte eine Geste und ein Schachspiel erschien vor ihnen dort auf dem Tisch, wo gerade noch die Schriftrolle gelegen hatte. Das Brett und die Figuren waren aus schwerem Stein und voller feiner Details. Jace hob eine Augenbraue, doch falls der Engel dies bemerkte, ließ er sich nichts davon anmerken. Ich schätze, solange sie nur Schachbretter erschafft, ist alles gut. „Sollen wir spielen?“ Sie deutete auf das Brett. Jace war weiß und machte den ersten Zug. Großzügig von ihr.

„Du wirst schneller ziehen müssen, Jace. Die Zeit läuft.“ Schneller? Er zog beinahe sofort. Sie schien keine besonders geübte Spielerin zu sein, und Jace begann, ein mögliches Schachmatt in sechs oder sieben Zügen zu erkennen.

„Die Verständigung zwischen uns ist schwierig. Ich kann nicht mit dir sprechen. Ich weiß nicht einmal, ob es dich wirklich gibt. Doch du – dein Hirn – ist sehr ... anpassungsfähig.“ Dort – ein Fehler. Noch fünf Züge. Siegessicher hielt er inne. Sie sagte etwas, was er tatsächlich verstehen konnte.

„So, was ist das alles hier denn nun?“ Er deutete auf ihre Umgebung. „Was bist du? Wie lässt mein anpassungsfähiges Hirn das hier geschehen?“

„Diese Antwort kennst du besser als ich.“ Sie legte die Hand auf eine Figur und zögerte. „Oder zumindest ein Teil von dir. Was macht dein Kopfschmerz?“

Woher weiß sie davon? In Wahrheit war nur ein leichtes, dumpfes Pochen geblieben – sehr wohl noch zu spüren, aber nicht störend. „Es ... Es geht schon. Du bist also nicht Emeria? Bist du überhaupt real?“

„Ich wurde vor langer Zeit personifiziert. Kräften kann man nicht mit Vernunft beikommen. In sich ausbreitenden Wellen existiert keine Handlungsfähigkeit. Wenn man den leichten Weg wählen will, um mit dem zu ringen, was man nicht wahrnimmt oder auch nur begreift, wer bin dann ich, mich dem entgegenzustellen? Niemand. Du. Vielleicht.“

Sein Kopfschmerz wurde stärker. Jace und der ... was auch immer dieses Geschöpf war tauschten einige weitere Züge aus. Das Schachmatt war nur noch einen Zug entfernt. Je mehr Jace darüber nachdachte, desto mehr schien all dies auf bizarre Weise Sinn zu ergeben. Das hier war nicht Emeria. Das hier war nicht Emrakul. Das hier war der Versuch seines Verstands, dem Drängen und den Emanationen Emrakuls Sinn zu verleihen, die er in sich verspürte. Er musste sie personifizieren, um überhaupt die Chance dazu zu haben, sich irgendeinen Reim auf sie zu machen. An diese Personifizierung zu glauben, hieß allerdings, den Tod zu riskieren. Oder Schlimmeres. Ein Schwindel erfasste ihn. Auf ewig und ewig und ewig und emrak...

Genug. Er nahm seine Dame und bewegte sie in Position. „Schachmatt.“ Er lächelte. Er war nicht sicher, was es bedeutete, die Partie gewonnen zu haben, doch es fühlte sich gut an, zu gewinnen ... wenigstens etwas. Sie hielt inne und betrachtete das Brett.

„So ist es.“ Sie griff nach ihrer Kapuze und schob sie zurück. Instinktiv zuckte Jace zusammen, da er plötzlich sicher war, dass er nicht wissen wollte, wie sie aussah, aber ... sie sah völlig gewöhnlich aus. Wie ein Engel. Wie die Statue, die er auf Zendikar gesehen hatte. Er tat einen langen, tiefen Atemzug.

Einer der Bauern neben seiner Dame begann zu zucken und zu zerfließen. Hände und ein kleines Steinschwert erschienen an der Figur, die sich umdrehte, um nach der Dame zu stechen. Diese kreischte auf. Blut strömte aus ihrer Seite. Sie fiel zu Boden, blutend und zitternd. Sterbend. Auf dem Rest des Brettes brach Tumult aus, als sich weitere von Jaces Figuren verwandelten. Mutierten. Sie griffen einander gnadenlos an und töteten einander, bis die wenigen verbleibenden Figuren sich der anderen Seite des Brettes zuwandten. Sie trugen nun alle Waffen, von denen das Blut tropfte, und sie begannen, gemächlich auf Jaces König zuzumarschieren, der nun Jace selbst ähnlich sah.

Jace starrte das Chaos mit offenem Mund an. „Wa... ab ... da ... Das ist nicht fair! Du hast gemogelt! Das kannst du nicht tun! Das sind meine Figuren!“

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Das Gesicht des Engels begann zu schmelzen. Fleisch fiel von ihm ab, als der Rest von ihm – Schwingen, Schwerter, Bänder, alles – sich nach und nach in purpurnen Rauch verwandelte. Die Stimme blieb jedoch.

„Es sind alles meine Figuren, Jace Beleren. Das waren sie schon immer. Ich habe nur keine Lust mehr, mit ihnen zu spielen.“

Draußen gab es eine gewaltige, krachende Explosion, die von einem lauten Knirschen begleitet wurde. Die Decke wurde fortgerissen und enthüllte den nun vertrauten Anblick Emrakuls – jener gewaltigen Pilzwolke mit ihren Hunderten von Tentakeln und zuckenden Blitzen, die den Raum Stück für Stück zerschlugen.

Die Stimme fuhr fort, leicht und luftig wie eine Brise. „Es kommt, Jace. Ich komme. Bleibe in Bewegung. Finde deine Antworten. Aber tu es schnell. Die Zeit weist nur in eine Richtung, und das tut sie voller Hunger.“

Am Ende des Raumes erschien eine Tür und dahinter ein helles blaues Leuchten. Jace warf einen weiteren Blick auf Emrakul über sich und floh.
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Liliana
Sie hatte einen Teil ihrer Macht dazu verwendet, die Auswirkungen des Kettenschleiers zu dämpfen. Sie hielt ihre Haut vom Zerreißen und ihre Adern vom Bluten ab. Als sie den Kettenschleier vollständig übernommen hatte, hatte sie geglaubt, sein Geheimnis gelüftet zu haben.

Sie hatte sich geirrt.

Doch so schmerzhaft das Aufreißen ihrer Haut und ihrer Adern auch war, so war es doch besser als die Vernichtung durch Emrakul. Sie nutzte noch immer ungeheure Kräfte, doch diese dienten nun alle nur noch einem einzigen Zweck: nur noch einen Augenblick mehr am Leben zu bleiben.

Doch ihr gingen die Augenblicke aus. Als Emrakul ob ihrer magischen Attacken in alle Richtungen um sich schlug, wies sie ihre Untoten an, anzugreifen. Sie bissen, griffen, hieben nach Emrakul – wie Fliegen nach einem Sturm und mit dem gleichen Ergebnis. Unter Emrakuls Angriff wurden Hunderte von Untoten vernichtet und Hunderte weitere lösten sich auf, als Liliana instinktiv Macht von ihren Wiederbelebungen abzog, um noch einen Augenblick mehr zu überleben

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Wenn es einen Trost in ihrer drohenden Niederlage gab, dann den, dass in ihrem Kopf Stille herrschte. Keine Stimme des Rabenmannes, kein Flüstern des Kettenschleiers. Selbst wenn ihre Wirklichkeit derzeit aus nichts als Blut und Schmerz und einem verzweifelten Überlebenskampf bestand, gehörte ihr Verstand doch ihr und nur ihr allein. Das war ein Trost, wenn sie ihn denn als solchen begreifen wollte.

Ein großes Tentakel so dick wie ihr Oberkörper brach durch ihre Abwehr und schlang sich um ihre Hüfte. Sie schrie wutentbrannt auf und durchtrennte es. Das verdorrte Fleisch fiel einfach von ihr ab. Sie hustete Blut und taumelte, als weitere Tentakel sich ihr näherten.

Sie würde hier sterben.

Sie blickte zu den anderen Planeswalkern, deren Körper noch immer auf der freien Fläche lagen, die ihre Zombies zu ihrem Schutz geschaffen hatten. Nissa schrie nicht mehr. Sie war bewusstlos wie die anderen. Nur Jace stand noch, und der blaue Schimmer beschützte ihn vor ... etwas. Doch weder bewegte er sich noch sprach er.

„Jace!“ Ihr Schrei rief keinerlei Reaktion hervor. Keinerlei Zeichen des Erkennens.

„Jace, du Bastard! Ich hoffe, du machst etwas Nützliches!“ Das war alles, wozu sie Zeit hatte, bevor Emrakul wieder herandrängte. Jeder Augenblick zählte. Das wurde zu ihrem Mantra. Nur noch einen Augenblick mehr. Nur noch einen Augenblick mehr. Nur noch ...
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Jace
Jace warf sich durch das offene Portal und suchte Zuflucht vor Emrakuls Angriff.

Er befand sich in einem kleinen, dunklen Raum, einer Kopie einem seiner persönlichsten Rückzugsorte auf Ravnica. Und dort vor ihm stand er selbst.

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Nach all dem anderen Wahnsinn, den Jace seit seinem Erwachen im Turm erlebt hatte, war es eindeutig eine der gutartigeren Verwirrungen, nun sich selbst gegenüberzustehen.

„Oh, das wird sicher spannend.“

Das Ebenbild zeigte keinerlei Regung. Nicht einmal ein Lächeln. „Du bist hierhergelangt. Das wurde auch Zeit. Aber ich weiß nicht, ob du ich bist.“ Er zog kurz eine nachdenkliche Miene. „Löse dieses Rätsel.“

„Was? Ich bin fertig mit Rätseln. Ich brauche Antworten. Was –“

„Erst ein Rätsel“, sagte das Ebenbild.

„Du machst Witze. Ich werde hier nicht herumstehen und Rätsel lösen, die mir irgendeine tyrannische Form meiner Selbst aufgibt. Oder schlimmer noch: ein bösartiger Hochstapler, der nur meine Zeit verschwenden will.“ Jace beendete seine Tirade mit einem wütenden Schrei.

Das Ebenbild stand mit einem selbstzufriedenen Lächeln und einer hochgezogenen Augenbraue da. Bin ich wirklich so nervenaufreibend? Das bin ich wohl. Daran sollte ich arbeiten.

„Es ist nur nervenaufreibend, wenn du weißt, dass ich recht habe. Ich muss wissen, dass du ich bist.“ Jace fragte sich, ob es bleibende Schäden hinterließ, wenn man sich selbst ins Gesicht boxte. Wahrscheinlich.

„Woher weiß ich, dass du ich bist?“ Das war nicht die klügste Erwiderung, doch mehr fiel ihm im Augenblick nicht ein. Sein Hirn hatte gerade eine Menge zu verarbeiten.

„Weil ich derjenige mit den Antworten bin. Du verschwendest Zeit, die wir nicht haben.“ Das Ebenbild wippte auf eine Weise mit dem Fuß, die Jace nur zu gut wiedererkannte. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder mit einem anderen Menschen zu tun haben kann. Ich bin zu nervig, um sich mit mir abzugeben.

Er ließ die Schultern sinken und winkte ab. „Na schön, stell dein Rätsel.“

„Nicht größer als ein Kiesel, aber mein Lid bedeckt die ganze Welt. Was bin ich?“

„Das? Das ist dein Rätsel? Damit willst du sichergehen, dass ich ich bin? Du musst ein Hochstapler sein, denn ich weigere mich zu glauben, dass ich so dumm bin.“

„Du hast die Frage noch nicht beantwortet. Diese Unterhaltung wird schnell zu Ende sein, wenn du es nicht tust.“ Die Augen des Ebenbildes leuchteten blau. Jace war auf perverse Weise froh, dass es bedrohlich wirkte. Es ist schön, wenn man weiß, dass man ab und an einen bedrohlichen Eindruck machen kann.

„Pah. Ich würde meinen, mir hätte etwas echt Schwieriges einfallen sollen. Augen. Die Antwort lautet Augen.“ Jace starrte sein Ebenbild an und blinzelte dann mehrere Male auffällig, um seinen Punkt zu verdeutlichen. „Ich sehe die ganze Welt. Und jetzt nicht. Ich sehe was. Ich sehe nichts. Wie kann dir dieses Rätsel irgendetwas genutzt haben?“ Das Ebenbild entspannte sich und ließ den Zauber fallen, den es offenkundig vorbereitet hatte.

Und dann verstand Jace. Der Sinn des Rätsels bestand nicht darin, zu überprüfen, ob er es lösen könnte. Vielmehr ging es darum, wie abschätzig und ungläubig er sich angesichts eines derart einfachen Rätsels zeigen würde. Er nickte. Also schön, das bin also ich. Er wusste, dass das Ebenbild das Gleiche dachte.

„Fein. Ich bin ich. Ich meine, ich bin ... Ja, wir sind wir. Wahrscheinlich. Du hast mir Antworten versprochen.“ Jace versuchte, die Gedanken seines Ebenbildes zu lesen, doch nichts geschah.

„So funktioniert das hier nicht. Hier unterhalten wir uns.“ Ein freches Lächeln.

„Na gut.“ Jace hatte Mühe, nicht mit den Zähnen zu knirschen. „Unterhalten wir uns. Jetzt sofort.“

Das Ebenbild grübelte kurz nach. „Ich weiß noch immer nicht alles, was du nicht weißt. Frag mich etwas.“

„Wo sind wir?“ Jace war sich nicht sicher, ob das die dringlichste Frage war, aber er war die letzte Stunde in diesem verfluchten Turm herumgelaufen und wollte wirklich wissen, wo er sich befand.

„Im Ernst? Das ist der Teil, den du dir noch nicht zusammengereimt hast?“ Du überheblicher ... Jaces Zorn wurde nicht dadurch gemildert, dass die Überheblichkeit von ihm selbst kam. Und in diesem Aufwallen von Ärger kam die Erkenntnis. Jace erinnerte sich.

Daran, wie Emrakul sich erhob, knospte, erblühte. Liliana hatte ihnen durch ihre Untoten eine kurzzeitige Pause von Emrakuls Dienern verschafft, doch keiner von ihnen war darauf vorbereitet gewesen, dass sich Emrakul selbst erhob. Die körperlichen Anzeichen waren offensichtlich, doch die echte Gefahr lag in dem geistigen Angriff. Ein Druck – ein Schmerz wie keiner, den er je zuvor gespürt hatte. Tamiyos Windspiel hatte sich augenblicklich aufgelöst. Es war keine Zeit für einen Plan oder auch nur einen Gedanken gewesen.

Der Zauber, den er gewirkt hatte, war reflexartig erfolgt. Er hatte ihn schon vor sehr langer Zeit vorbereitet, um seinen Verstand vor einer drohenden Auflösung zu schützen.

Ich bin nicht in einem Turm. Ich bin der Turm. Alles wurde ihm plötzlich völlig klar. Die Szenen mit seinen Freunden, die Unterhaltung mit Emeria, selbst dieses Gespräch hier fanden in seinem Kopf statt und erhielten Form und Gestalt durch seinen Zauber. Willkommen im Anwesen von Jace. Ich hoffe, ihr habt euren Aufenthalt genossen. Den Szenen nach zu urteilen, die er in den Gedanken seiner Freunde gesehen hatte, war er jedoch recht überzeugt davon, dass nicht einer von ihnen Gefallen daran gefunden hatte. Doch die Alternative war der Untergang oder Schlimmeres. Auf ewig und ewig und ewig und emra...

Er schüttelte hastig den Kopf, um den Singsang loszuwerden, und er bemerkte, dass sein Ebenbild es ihm gleichtat. Der Druck durch Emrakul verstärkte sich. Jace blickte auf und sah die Decke des Raumes beben. Es greift an. Es kommt.

„Und du? Ich?“

„Innistrad war ein seltsamer Ort. Ein gefährlicher Ort. Schon gleich nach meiner Ankunft wusste ich, dass etwas hier nicht stimmte. Ich habe einige ... Sicherheitsvorkehrungen getroffen, falls irgendeine Katastrophe eintritt. Rätsel in Rätseln, Schatten in Schatten. Emrakul ist das Furchteinflößendste, was ich – wir – jemals gesehen haben. Also habe ich einen Ausweichplan erstellt, um mich von mir abzuspalten. Um herauszufinden, was wirklich vor sich geht und es aufhalten zu können. Um alles wieder instand zu setzen. Du weißt schon.“ Und nun wusste er es.

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Re: Eldritch Moon - Storys

Beitrag von Judge Fredd » Mo 22. Aug 2016, 19:36

FORTSETZUNG:

Er war so gut darin, sich selbst abzuwandeln. Er schauderte und fragte sich, welches Ich der echte Jace war. Der bessere Jace. Unsinn. Das bin natürlich ich.

„He!“, protestierte das Ebenbild. „Nicht so voreilig! Du bist nur der Zweitklügste in diesem Raum.“

„Genug.“ Jaces Gedanken begannen, auf eine vertraute und tröstliche Art und Weise zu rasen. „Der Plan. Ich habe dich hoffentlich nicht nur dazu erschaffen, mir ein blödes Rätsel zu stellen. Wir wissen nicht, wie wir Emrakul besiegen können.“

„Sprich mit Tamiyo. Sie war gerade dabei, uns etwas Interessantes zu sagen, als Emrakul angriff.“

„Das ist dein nützlicher Hinweis? Sprich mit Tamiyo?“

„Nein, mein nützlicher Hinweis ist, endlich herauszufinden, wie wir alle weiter durch die Gegend laufen, miteinander sprechen und klar denken können, während das geistige Gegenstück einer Rakdos-Golgari-Mörderbande uns ohne jeden Unterlass attackiert. Das ist tatsächlich ziemlich knifflig.“

„Oh. Na ja, danke, Ich. Gut gemacht.“

„Alle sind in ziemlich schlechtem Zustand. Aber zumindest können wir zusammenhängend denken. Es ... Es sieht nicht gut aus da draußen. Und es gibt noch ein Problem.“

„Was ...“ Noch während er die Frage stellte, kannte er bereits die Antwort. Die beiden Teile von Jace verschmolzen und wurden zu einem. Es gab Worte, doch die Worte wurden von ihnen beiden gleichzeitig ausgesprochen.

„Liliana stirbt gleich.“ Jace hob den Zauber auf. Der Turm verblasste, um der Wirklichkeit Platz zu machen.
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Er kehrte ins Chaos zurück. Liliana lag vor ihm am Boden, bewusstlos und aus zahlreichen Wunden blutend. Über ihnen schwebte Emrakul in ihrer vollen Größe. Um die Mitte ihres Körpers leuchtete hell ein lavendelfarbener Ring – das Auge ihres Sturms. Ihre Tentakel, breit und dick, verwüsteten das, was von Thraben noch übrig war.

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Von Lilianas Untoten war nur noch ein Bruchteil übrig. Die Menschen und Bestien, die von Emrakuls Wahnsinn infiziert waren, hatten sich wieder zusammengerottet und drohten, durch die Reihen der Untotenarmee zu brechen. Es würde nicht viel nützen, Emrakuls geistigen Ansturm zurückzuschlagen, wenn sie anschließend von ihren Dienern in Stücke gerissen wurden.

Die anderen Planeswalker, die einen Wimpernschlag nach Jace das Bewusstsein wiedererlangt hatten, taumelten orientierungslos umher. Jace lenkte etwas von seiner Konzentration auf seine Freunde und wischte damit die Spinnenweben von Emrakuls Angriff fort. Chandra, Gideon – Lilianas Untote brauchen eure Hilfe. Wir können Emrakuls Diener nicht durchlassen. Gideon bewegte sich als Erster, mit der entschlossenen Zügigkeit eines erfahrenen Kriegers. Das Bild von Erebos‘ Peitsche blitzte in Jaces Bewusstsein auf, doch er schüttelte es ab.

Chandra blieb noch stehen. Ich kann ... Ich kann noch immer versuchen, sie zu verbrennen. Ich schaffe das schon. Ihr Zögern verschwand und wurde durch jene natürliche Zuversicht ersetzt, die Jace gleichermaßen anziehend und verblüffend fand. Sie spielt ihre Zuversicht nicht. Die Zuversicht kommt einfach zu ihr. Merkwürdig, dachte er bei sich. Jace zögerte. Es schien nicht richtig, Emrakul zu verbrennen. Nicht einmal möglich. Doch wie konnte er sicher sein, dass dies alles nicht nur ein weiteres Spiel war, das Emrakul mit ihm – mit ihnen allen – spielte? Emrakul war in seinem Verstand gewesen. Er hatte ihre Macht gespürt.

Er teilte seine Gedanken mit der gesamten Gruppe. Sein Schutzzauber hielt ihre Bewusstseine miteinander verknüpft. Nein, Chandra. Emrakul ist zu groß. Zu mächtig. Wir können sie nicht auf diese Weise besiegen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie überhaupt vernichtet werden kann.

Jace hat recht. Der Versuch, Emrakul zu verbrennen, ist, als würde man eine Fackel in den Ozean werfen. Das wird nicht klappen. Selbst wenn alle Leylinien verfügbar wären. Sie ist zu ... unermesslich groß. Nissas Stimme klang seltsam und weit entfernt. Sie verflocht Ranken, Knospen und Blätter mit Verbänden, die sie auf Lilianas Wunden legte, um sie am Leben zu halten. Emrakul war da, als ich erwachte. Im Augenblick meines Funkens. Vielleicht ist es nur passend, dass sie auch dem Ende beiwohnt.

Oh, schön. Du wirst sicher nicht auf viele Feiern eingeladen. Chandras schelmische Stimme strafte ihre Worte Lügen. Genug der düsteren Worte. Sprechen wir lieber darüber, wie wir das hier gewinnen können. Ich werde ein paar Sachen verbrennen. Chandra rannte zum äußeren Ring aus Zombies, wo ihre Flammen wahnsinnige Kultisten zurückschlugen.

Jace. Denke daran, was Avacyn gesagt hat. Tamiyos Stimme, eine leichte Brise an einem sonnenbeschienenen Ufer.

Ein Echo erklang in seinem Kopf – ein wahnsinniger Engel, der seine letzten Worte an seinen Schöpfer richtete. Was nicht vernichtet werden kann, muss gebannt werden.

Jace, das ist die Antwort. Das ist es, was wir tun müssen. Wir können Emrakul nicht vernichten. Wir müssen sie bannen. Tamiyos Stimme war drängend und klar. Die Wächter hatten auf Zendikar vor dem gleichen Dilemma gestanden und sich für die Vernichtung entschieden. Doch hier auf Innistrad war das undenkbar. Emrakul war mächtiger als sie. Die einzige Vernichtung, die hier überhaupt infrage kam, war ihre eigene – zusammen mit allen anderen Bewohnern Innistrads.

Wie? Sie zu bannen, ist vielleicht ebenso wenig möglich, wie sie zu vernichten. Welcher Kerker könnte sie schon halten?

Der gleiche Kerker, dem alle Schrecken Innistrads für Hunderte von Jahren nicht entfliehen konnten.

Der Höllenkerker? Jace war verwirrt. Wurde der nicht zerstört?

Nicht der Höllenkerker, erwiderte Tamiyo. Das, woher der Höllenkerker stammt. Der Mond. Ein silberner Mond. Ich habe einen Bannzauber. Einen mächtigen. Ich kann ihn auf den Mond einstimmen. Doch er muss auch mit Emrakul verbunden sein ...

Jaces Gedanken überschlugen sich schier. Das konnten sie schaffen. Jace war zuversichtlich, dass er Tamiyos Zauber an Emrakul binden konnte. Doch sie würden Macht brauchen, die den Zauber speiste. Nissa ...

Nissa hatte geschwiegen und weiterhin ihr Mana in ihre Wundumschläge für Liliana geleitet. Liliana atmete gleichmäßig, war aber noch bewusstlos. Jace spürte eine warme Welle der Dankbarkeit für Nissa, doch nun musste er noch mehr von ihr verlangen. Weitaus mehr ... Kannst du den Zauber mit Macht speisen?

Nissas Stimme war kühl und ruhig. Nein. Hier gibt es nur wenige Leylinien, die ich berühren kann. So wenige, die ich berühren will. Jace zögerte. Er war unschlüssig, was er als Nächstes sagen oder wie er ihr helfen konnte. Doch ich schulde dir etwas, Jace Beleren. Ich werde es versuchen.

Du schuldest mir etwas?

Mein Verstand gehörte nicht mir. Ich war in einer Dunkelheit gefangen, die durch ihren Aufstieg erschaffen wurde. Ich wurde viel zu leicht von ihr verschlungen. Das war nicht ... angenehm. Du hast mich von diesem Schrecken befreit. Du hast die Gabe, schwierige Dinge sehr einfach aussehen zu lassen. Ich werde tun, was ich kann.

Jace geriet ins Stammeln. Oh, also ... Danke. Das war nicht wirklich ich. Ich meine, ich habe den Zauber gewirkt, aber ich habe damals gar nicht richtig nachgedacht und habe es vermutlich sogar ein bisschen schlimmer gemacht, weil ich nicht ...

Ein einfaches Danke reicht schon, Jace. Du hast außerdem auch die Gabe, sehr einfache Dinge sehr schwierig aussehen zu lassen. Ich bin bereit.

Jace wusste keine Antwort, also schwieg er. Tamiyo, bist du bereit?

Tamiyo hatte eine Schriftrolle hervorgezogen. Eine weitere Erinnerung blitzte in Jaces Verstand auf. Der Engel holte eine lange Schriftrolle hervor. Eine Schriftrolle mit eisernen Beschlägen. Dort hatte er Tamiyos Schriftrolle gesehen – in seiner geistigen Unterhaltung mit Emeria. Doch die Schriftrolle, die Tamiyo in der Hand hielt, hatte keine eisernen Beschläge.

Jace hatte keine Zeit mehr, über dieses Rätsel nachzudenken. Die freie Fläche um sie herum wurde immer kleiner. Gideon und Chandra hielten Emrakuls Diener auf, doch sie konnten nicht überall gleichzeitig sein, und die Untoten waren kurz davor, überrannt zu werden. Es war Zeit.

Ich bin bereit, bestätigte Tamiyo. Sie begann, ihre Schriftrolle zu lesen. Jace konnte sich nicht auf die Worte konzentrieren. Er war zu sehr damit beschäftigt, Tamiyos Zauber mit Hilfe des Wissens, das er Ugin und seinen eigenen Veränderungen am Polyedernetzwerk auf Zendikar verdankte, an Emrakul zu binden. Eine Glyphe blitzte auf dem Mond auf – helle, scharfe Linien auf dem silbrigen Spiegel. Er musste diese Glyphe auf Emrakul – auf Emrakuls Präsenz – anbringen.

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Doch der Zauber verlangte nach Macht. Nach wahren Strömen, Fluten von Macht. Nissa stemmte sich mit grün leuchtenden Augen gegen die Erde, während sie jene verderbten Manafragmente, die auf Innistrad noch übrig waren, zu etwas verwob, was Jace verwenden konnte. Jace spürte, wie sie die Leylinien leer saugte, um nach jedem letzten Rest an Energie zu suchen. Es war nicht genug. Es würde nicht genug sein. Nissa fiel zu Boden, die Arme weit von sich gestreckt.

Sie würden den Zauber verlieren.

Während Jace sich mühte, den Zauber aufrechtzuerhalten, brach seine geistige Verbindung zu Tamiyo ab. Wo sie in seinem Kopf gewesen war, war nun nur noch eine Wolke – ein dunkler, grauer Nebel, den er nicht durchdringen konnte. Tamiyo zog eine weitere Schriftrolle hervor – eine lange Schriftrolle mit eisernen Beschlägen – und begann, einen zweiten Zauber zu lesen.

Kraft floss in Jace hinein. Er befand sich in einem breiten Strom aus Mana – mehr Magie, mehr Kraft, als er jemals zuvor gespürt hatte. Es war wundervoll. Er nahm die Magie, um sie zu formen, und jeder Punkt der Glyphe verband sich mit einem Knoten der Macht an Emrakul, die Jace aus dem Stegreif erschuf. Jace entfesselte die volle Wirkung des Zaubers.

Licht brach aus dem Mond heraus.

Ein kalter, silberner Strahl traf Emrakul von oben.

Er hüllte die Kreatur ein ... und die Kreatur streckte sich. Hin zum Licht und zum Mond.

Die Verzerrung war körperlich unmöglich. Vor Jaces Augen wand sich Emrakuls Gestalt durch das Licht zum Mond hin. Sie streckte sich, streckte sich weiter, um dann ...

... zu reißen.

Emrakul fiel in sich zusammen. Sie zerbröckelte wie ein dünnes Pergament, auf dem feine Glassplitter verstreut waren, und verdichtete sich zugleich zu einem Nichts, wie es für eine Kreatur von ihrer Größe völlig unmöglich erschien. Doch sie tat es.

Das Licht verlosch. Emrakul war fort. Sie hatten gesiegt.

Auf dem silbernen Antlitz des Mondes leuchteten die dreieckigen Formen der Glyphe. Verbrannt. Vernarbt. Versiegelt.

Einen Augenblick lang war das einzige Geräusch das Rascheln trockenen Laubs im Wind. Neben ihm fiel Tamiyo auf die Knie und übergab sich.
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Liliana
Sie war noch am Leben.

Sie fühlte sich überglücklich. Sie hatte schon viele Male zuvor echte Freude erfahren. An jenem Tag, als sie ihre Jugend zurückerhalten hatte. Als sie die Dämonenfürsten Kothoped und Griselbrand getötet und ihren verzweifelten Schreien gelauscht hatte. Jeder dieser Augenblicke hatte sich wie ein Betrug angefühlt – die beste Art von Betrug, bei der man ungeschoren davonkam und am Ende auch noch den Sieg für sich verbuchte.

Doch dieser Moment war noch süßer. Vielleicht deshalb, weil sie wahrhaft gewusst hatte, dass sie sterben würde. Vielleicht deshalb, weil sie sich aus ihrem Stolz und ihrer Gier nach Kontrolle heraus Emrakul derart übereilt entgegengestellt hatte und doch niemand von ihnen jetzt noch am Leben wäre, hätte sie es nicht getan. Vielleicht deshalb, weil es keine Emrakul mehr gab. Ihr Makel – ihr Geschmack – war von Innistrad verschwunden, und alles war besser durch ihre Abwesenheit.

Der bloße Gedanke an Emrakul ließ Liliana erschaudern. Sie war dem Tod so nahe gewesen. Oder Schlimmerem. Sie starrte den Mond an. Mögest du für immer darin verfaulen. Das hast du davon, dich Liliana Vess in den Weg zu stellen.

Die Planeswalker hatten sich am Ende eines sehr langen Tages wieder zusammengefunden. Nachdem der Kampf gegen Emrakul gewonnen war, mussten noch immer Feuer gelöscht, Augen geschlossen, Trost gespendet und Wunden geheilt werden ... oder auch nicht, wenn der angerichtete Schaden zu groß war. Liliana kümmerte das wenig. Jedes Mal, wenn sie die Grenzen des Kettenschleiers auslotete, fühlte sie sich danach leer, als würde ein Teil von ihr fehlen. Es war nun schon so viele Male geschehen, dass sie sich nicht mehr sicher war, überhaupt noch erkennen zu können, was da fehlte.

Es spielte auch gar keine Rolle. Sie hatte ihr Soll an guten Taten nun für eine ganze Weile erfüllt. Niemand von euch wäre noch am Leben, wäre ich nicht gewesen. Ihr habt Glück, dass ich keine Entlohnung dafür verlange, diese Welt gerettet zu haben. Nun, sie würde eine Entlohnung dafür einfordern, doch nicht jetzt und nicht von irgendjemandem auf Innistrad.

Es war erstaunlich, wozu vermeintliche Verpflichtungen und eingebildete Treue die Menschen bringen konnten. Man brauchte nur die Wächter als Beispiel zu nehmen. Sie schuldeten einander nichts. Buchstäblich nichts. Und dennoch standen sie hier, kämpften füreinander und waren willens, füreinander zu sterben. Liliana war an die Auswirkungen solcher Beziehungen gewöhnt und sogar von ihnen abhängig – solange es dabei um ihre Untoten ging. Das war ein sehr verlässliches Machtgefüge. Doch Innistrad hatte ihr die Grenzen dieses Ansatzes aufgezeigt. Untote gaben gute Diener ab, doch es gab Aufgaben, die sie nicht erfüllen konnten. Und es war wirklich ganz wunderbar, auf eigene Faust zu kämpfen ... Zumindest solange, bis es das nicht mehr war. Wenn man nicht auf das Unwahrscheinliche vorbereitet war und niemand da war, der einen vor seinem vorzeitigen Ende retten konnte.

Vor einiger Zeit hatte sie darüber nachgedacht, sich jene Gefühle zunutze zu machen, die Jace für sie hegte. Oder gehegt hatte, wie sie zugeben musste. Er ist nur ein Junge. Ein Junge, und ich sollte es besser wissen. Jace hatte sich ungeachtet seines jüngsten Erfolges als sehr zuverlässig in seiner Unzuverlässigkeit erwiesen. Was hast du mit deinem Zauber gemacht, während ich dich am Leben hielt? Hast du versucht, Emrakul zu Tode zu denken? Obwohl sie zugeben musste, dass das, was er getan hatte, tatsächlich geklappt hatte, verbesserte es dennoch nicht unbedingt ihre Meinung über ihn. Ein Junge. Ich sollte mir dir fertig sein.

Doch hier ergab sich nun eine Gelegenheit, die weit über Jace und seine Beschränkungen hinausging. Hier war eine ganze Gruppe. Eine Gruppe von Freunden. Heute hatte sie etwas erkannt: die Macht der Freundschaft. Richtig eingesetzt waren Freunde wie bessere Zombies. Sie halfen und retteten einem das Leben, weil sie es wollten, und nicht, weil sie es mussten.

Wie viel mehr konnte sie mit solch mächtigen Freunden erreichen? Wie viel mehr konnte sie erobern? Wie viel mehr konnte sie an sich reißen? Der Gedanke brachte sie zum Lächeln. Sie würden zwar ihren Befehlen nicht gehorchen, aber spielte das eine Rolle? Jace war im Vergleich zu ihr nicht das einzige Kind. Sie alle waren Kinder. Niemand unter ihnen hatte ihre jahrhundertelange Erfahrung, niemand unter ihnen hatte von jener Macht gekostet, von der sie gekostet hatte – weder zuvor irgendwann noch jetzt –, und niemand unter ihnen war so zielstrebig und ruchlos wie sie.

Sie wusste nicht, wo der Rabenmann war. Weder in ihrem Kopf noch außerhalb davon gab es irgendein Zeichen von ihm. Der Kettenschleier war bezwungen. Heute hatte sie auf sehr schmerzhafte Weise erfahren müssen, wie unzuverlässig er als Waffe war. Doch wenn ich meine eigenen Wächter habe, die mich nach jeder Verwendung heilen ... Ein Gedanke für später. Aber ihr gefiel die Idee. Meine eigenen Wächter nur für mich.

Gideon hatte unablässig auf Tamiyo eingeredet. Die Mondfrau sah aus, als wäre ihr übel, und Liliana konnte ihr kaum einen Vorwurf daraus machen. Gideon war sicher hübsch anzusehen, doch sie kannte Untote, die klüger waren. Gideon brabbelte irgendetwas über die Wächter und wie sie gerade erst damit anfingen, Gutes zu tun. Und wollte Tamiyo nicht auch unbedingt nur Gutes tun? Tamiyo schüttelte den Kopf und ging mit vor Furcht geweiteten Augen davon. Es passte, dass eine Gedankenmagierin sich als zu anfällig und verletzlich herausstellte. Sie war wie Jace: nutzlos.

Jace sah zu ihr herüber, und er hatte noch immer diesen treudoofen Ausdruck dabei in den Augen. Entscheide dich doch mal, Kind! Sie rang ihre Gereiztheit nieder. Sie brauchte ihn und seine Anhänglichkeit jetzt.

„Gideon.“ Jaces Stimme war zögernd und dünn. Sie sprachen leise miteinander, und Liliana achtete darauf, kein Anzeichen jenes Lächelns zu zeigen, das sich auf ihr Gesicht zu stehlen versuchte. Ja, Kapuzenjunge, nutze nur deine zögerliche Art, um dein ehrliches Verlangen zu stillen, mir unbedingt helfen zu wollen. Es war jedoch klar ersichtlich, dass Gideon nicht glücklich damit war. Liliana wusste allerdings auch nicht, ob Gideon jemals mit irgendetwas glücklich war. Du solltest zumindest Freude an deiner Jugend und deinem guten Aussehen zu haben, solange du beides noch hast. Warum sind Kinder nur so dumm?

Irgendwann trat die Augenweide an sie heran. Es folgten weitere Worte darüber, Gutes zu tun, aber Liliana war zu sehr auf den Eid konzentriert, um aufmerksam zuzuhören. Sie hatte ausgiebig darüber nachgedacht, wie sie ihn wohl angehen sollte. War er zu aufrichtig und zu geschwollen, würde man nur Verdacht schöpfen – einen Verdacht, der ihre nächsten Schritte schwerer machen würde. War er jedoch zu zynisch und zu offenherzig, dann würde genau dieser Verdacht ohne weiteres Zutun bestätigt werden. Sie brauchte einen schmalen Mittelweg mit einem Hauch von Zynismus, aber mit dem Herzen dennoch deutlich am rechten Fleck.

Als Gideon um ihren Eid bat, war sie bereit.

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„Ich erkenne, dass wir gemeinsam stärker sind als allein. Wenn das bedeutet, dass ich das, was getan werden muss, ohne die Hilfe des Kettenschleiers tun kann, dann werde ich Wache halten. Zufrieden?“

Sie sagte es mit dem Hauch eines Lächelns. Nur einem Hauch. Und außerdem war ihre Freude aufrichtig. Der besten Täuschung lag ohnehin immer ein Körnchen Wahrheit zugrunde.

Sie war nun ein Mitglied der Wächter. Eine Zukunft voller Verheißungen und ehrgeiziger Ziele breitete sich in ihrer Vorstellung vor ihr aus.
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Jace
Jace war erschöpft. Es war der längste Tag seines Lebens gewesen, und er wollte nur noch schlafen – einen Schlaf ohne jede Träume oder Gedanken.

Doch zunächst musste er mit jemandem sprechen.

Er fand sie in den Vororten Thrabens, wo sie in der Ruine einer kleinen Kirche saß. Nur wenige Gebäude in Thraben standen noch, und diese Kirche war nicht verschont geblieben.

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Sie saß einfach nur mit übereinander geschlagenen Beinen und geschlossenen Augen da. Jace fühlte sich unbehaglich, einen so intimen Augenblick zu unterbrechen. Doch er brauchte Gewissheit.

„Tamiyo ... ? Bist du ... Kann ich ... ?“ Jace wusste nicht, wie er seine Fragen stellen sollte. Tamiyo öffnete die Augen. Ihr Gesicht zeigte noch immer das gleiche Unwohlsein und das gleiche Grauen wie seit dem Ende des Zaubers.

„Was ist da draußen geschehen, Tamiyo? Du warst da. Unsere Bewusstseine waren miteinander verbunden. Und dann ... nicht mehr. Du bist verschwunden. Was ist mit dir geschehen?“

Tamiyo saß nur da und brach in Tränen aus. Eine nach der anderen fielen sie – pling, pling – auf den Schutt unter ihr.

Ihre Worte klangen unsicher, zögerlich. „Nissa war zu Boden gegangen. Der Zauber drohte zusammenzubrechen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wie ich helfen konnte.“

Jace war überrascht. „Also hat Nissa diese Macht allein erzeugt? Ich bin beeindruckt. Ich dachte, das warst du mit deiner zweiten Schriftrolle.“

Tamiyo blickte ihn voller Trauer und Zorn zugleich an. „Nein. Du verstehst nicht. Das war ich. Mit der zweiten Schriftrolle. Die Energie stammte von ihr.“

„Aber das ist doch wundervoll! Du hast uns gerettet! Du hast Innistrad gerettet ... Alles! Ist es, weil es eine der eisernen Schriftrollen war? Eine von denen, die du nicht öffnen wollest?“

„Sei jetzt still, Jace! Hör zu. Hör einfach nur zu. Ich war das nicht. Es ... Sie ... hat mich übernommen. Verstehst du? Das war nicht ich! Ich war da, in meinem eigenen Körper. Hilflos, als sie mich übernommen hat. Meine Augen, meine Hände, meine Stimme ... Sie übernahm sie alle. Sie gehörten nicht mehr mir.“ Ihr Weinen wurde zu einem Schluchzen.

Er erinnerte sich an eine Stimme – eine Stimme, als er dabei zusah, wie seine Schachfiguren einander töteten. Es sind alles meine Figuren, Jace Beleren. Das waren sie schon immer. Ich habe nur keine Lust mehr, mit ihnen zu spielen.

„Es ... Es tut mir leid, Tamiyo. Ich weiß nicht ...“

„Doch das war nicht das Schlimmste. Die Schriftrolle, die ich geöffnet habe. Die zweite. Du hattest recht. Das hätte ich nicht tun sollen. Ich habe vor langer Zeit ein Versprechen gegeben, und eines Tages werde ich mich dafür verantworten müssen. Aber der Zauber, den sie gelesen hat ... Das war nicht der ursprüngliche Zauber. Sie hat einen ... anderen Zauber gewirkt.“

Emeria. Von irgendwoher erschien ein langer Griffel und sie begann, auf die Schriftrolle zu schreiben. Jace begann zu zittern.

„Er wurde verändert. Wie hat sie das gemacht? Wie konnte sie das tun?“ Ihr Stimme nach zu urteilen, war Tamiyo nackter Panik nah. „Als dieses Ungeheuer meinen Körper übernahm und eine Schriftrolle las – eine Schriftrolle, die alles auf dieser Welt hätte vernichten können –, da speiste es stattdessen einen Zauber, der es selbst hier gefangen halten würde ... Wie konnte das geschehen, Jace? Warum ist es geschehen? Was haben wir nur getan?“

„Ich ... Ich weiß es nicht.“ Jace hatte keine Worte mehr für sie. Und keine für sich selbst.

Tamiyo holte tief Luft. „Ich habe es dir schon einmal gesagt, Jace. Manchmal müssen unsere Geschichten enden. Und dennoch sind wir hier, und jeder versucht, seine Geschichte zu verlängern, ganz gleich, um welchen Preis. Was aber, wenn alle Geschichten nur ihre Geschichte sind? Im Dienst eines entsetzlichen Schicksals, das sich erst noch zeigen wird?“ Tamiyo blickte zum Mond auf.

„Haben wir wirklich gewonnen?“ Tamiyos Stimme klang nicht mehr furchtsam, sondern schwermütig. Jace wusste keine Antwort. Irgendwann stand sie auf und entschwebte in den dunklen Nachthimmel. Es gab keine Abschiedsworte.

Jace saß lange Zeit nur da. Erneut blickte er zum Mond und dessen silbernem Schein hinauf. Zu der Glyphe, die noch immer hell auf seiner Oberfläche leuchtete – als Zeugnis dessen, was die Wächter erreicht hatten. In den Tiefen dieses Mondes ruhte die mächtigste und zerstörerischste Kraft, die jeder von ihnen je gesehen hatte. Die Worte des Engels stachen in seinen Kopf wie Dolche eines unerfüllten Schicksals. Das ist alles falsch. Ich bin unvollständig, unerfüllt, unfertig. Da sollten Blüten sein, keine öde Abweisung. Das Feld war noch nicht bereitet.. Es ist nicht meine Zeit. Noch nicht.

Ein eiskalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Es ist nicht meine Zeit. Noch nicht. Er löste seinen Blick vom Mond und machte sich auf die Suche nach einem sicheren Bett, um für eine kurze Weile völliges Vergessen zu finden.

Veröffentlicht in Magic Story on 27. Juli 2016

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