Kaladesh

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Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Fr 2. Sep 2016, 12:54

So liebe Magic-Spieler weiter gehen die Abenteuer unserer Wächter auf der Welt von Kaladesh, die Heimat von Chandra Nalaar.

Wer ein bisschen mehr über diese Welt wissen will der kann sich hier kundig machen.
http://magic.wizards.com/de/story/planes/kaladesh

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Fr 2. Sep 2016, 13:12

Die erste Geschichte in diesem Set ist meiner Meinung nach ziemlich langatmig und schlecht geschrieben. Wer will und Zeit hat kann sie gerne lesen.
Spoiler:
Heimweh


Fünf Planeswalker haben sich zusammengeschlossen und die Wächter gegründet. Die Pyromagierin Chandra Nalaar aus Kaladesh. Der Hieromagier Gideon Jura aus Theros. Die elfische Animistin Nissa Revane aus Zendikar. Der Telepath Jace Beleren von einem Ort, an den er sich nicht mehr erinnert. Die Nekromagierin Liliana Vess aus Dominaria. Mithilfe Tamiyos, einer Soratami-Gelehrten aus Kamigawa, besiegten sie die Titanin Emrakul, indem sie die unheimliche Wesenheit in den silbernen Mond Innistrads sperrten.

Drei Monate sind seitdem vergangen


Sie klopfte erneut, diesmal lauter.

Hinter der Tür erklang ein Poltern und ein gemurmelter, farbiger Fluch. Nach langen Augenblicken, in denen Stoff mal hierhin, mal dorthin raschelte – begleitet von gedämpften Verwünschungen dieser Decken und sämtlicher Bettwäsche überhaupt und den Berufsstand der Weber im Allgemeinen –, ertönte endlich das Geräusch unsicherer Schritte auf Holzdielen, die sich auf die Tür zubewegten.

„Ja. Was. Was?“, fragte die schlaftrunkene Stimme einer Frau.

„Es ist schon fast Mittag. Du musst aufstehen.“

„Es kann noch nicht Mittag sein. Draußen ist es noch dunkel.“

„Könntest du bitte die Tür aufmachen?“

„Nein." Ein Moment des Schweigens, ein Seufzen und dann ein langes Hantieren am Türschloss. Eine letzte Pause. „Augenblick. Ich hatte gar nicht abgesperrt. Mach du doch auf.“

Sie drückte sanft gegen die Tür, die sich quietschend öffnete. Der entstehende Luftzug fing sich in der dunklen Seide ihres Kleides. Die Frau, die erschöpft am Türrahmen lehnte, war ein heilloses Durcheinander aus vom Schlaf zerzaustem, kupferrotem Haar in einem sackähnlichen Nachthemd, dessen Kragen aufgeknöpft war und an einer Schulter herunterglitt. Das Licht aus dem Flur fiel auf eine sonnenverbrannte, sommersprossige Wange. Die Frau, die ihrer Besucherin gerade einmal bis zum Kinn reichte, stöhnte und kniff ein bernsteinfarbenes Auge zu. „Guten Morgen, Liliana“, murmelte sie in den Türrahmen.

„Ach herrje“, sagte Liliana. „Du siehst ja furchtbar aus, Chandra.“

Chandra wischte sich mit der Hand, mit der sie sich gerade nicht abstützte, den Schlaf aus den Augen. „Ach ja? Nun, du siehst ...“ Sie ließ die Hand sinken und blinzelte ihr Gegenüber träge an. Ihr Augenlid zuckte. „... eigentlich ganz toll aus.“ Am Ende des Satzes stand ein deutliches, unausgesprochenes „Verdammt!“.

„Oh, vielen Dank.“

Das einzige Licht hinter Chandras Schultern war ein winziger Sonnenstrahl, der sich durch zugezogene Vorhänge stahl. Das Schlafzimmer schien von wütenden Goblins heimgesucht worden zu sein. Oder vielleicht hatte sich auch ein Bär dort dauerhaft niedergelassen. Die Decken auf dem Himmelbett waren heruntergezogen und über die glanzlackierten Holzdielen verstreut, um nur eine schwankende Festung aus dicken Kissen in der Mitte der Matratze zurückzulassen.

Der Schreibtisch war von ausgetrockneten Farbfässchen in verschiedensten grellen Tönen sowie einem riesigen, angebissenen Keks bedeckt. In zwei verschiedenen Ecken stapelte sich Kleidung. In der Dunkelheit vermochte Liliana nicht zu sagen, welche davon sauber waren. Ihrer Einschätzung nach wahrscheinlich gar keine. In einer dritten Ecke lagen die verkohlten Überreste mindestens zweier Staffeleien.

„Ich nehme an, der Abend hat sich gelohnt?“, erkundigte sich Liliana. Eine Brise fuhr durch den Flur und trug den Duft von sonnengebrannten Ziegeln und gebratenem Essen, das Flüstern der Menge und das Klimpern von Musik auf dem Platz unter ihnen mit sich. Eine verirrte Haarsträhne regte sich im Sommerwind und fiel Chandra über ein Auge. Liliana griff danach und steckte sie dem Mädchen seufzend hinters Ohr. Das Haar war trocken wie Stroh und die Enden voller Spliss. Das war angesichts dessen, dass es in Flammen aufzugehen pflegte, womöglich auch gar nicht anders zu erwarten.

„Lass das“, sagte Chandra und schob Lilianas Hand weg. „Ich habe letzte Nacht gar nichts gemacht. Ich habe mir bloß ...“ Sie zögerte und lugte mit bernsteingelben Augen in die Düsternis ihres Schlafzimmers. „Äh, ein paar Barden angesehen. Ja. Eine Taverne in ... In der Zinnstraße. Sie hatten so ... Fideln.“

Im Laufe der Jahrhunderte hatte Liliana viele grässlich schlechte Lügner kennengelernt, doch beeindruckend wenige davon hätten Chandra das Wasser reichen können. Liliana verschränkte die Arme vor der Brust und gestattete einem ihrer Mundwinkel, sich nach oben zu verziehen. „Du hast dir die Luftrennen der Izzet angesehen.“

„Nein! ... Ja.“ Chandra gähnte. „Willst du mich jetzt dafür zusammenschreien oder was?“

Liliana lachte fröhlich. „Warum um alles in der Welt sollte ich das tun? Du kannst doch machen, was du willst.“ Sie deutete flüchtig über die eigene Schulter. Der kurze Wink umfasste den sonnigen Flur, die stillen, von Bücherstapeln dominierten Räume von Jaces Refugium sowie die groteske Schar freiwilliger Weltverbesserer, der sie nun ständig mit einem Abstand von zwei Schritten folgte und über die sie nur den Kopf schütteln konnte. „Niemand hier hat das Recht, dir zu sagen, was du tun sollst. Das ist sicherlich nicht, wozu ich mich hier verpflichtet habe.“

„Du hast dich zu gar nichts verpflichtet.“

„Das tue ich nie, Süße. Ich lebe am liebsten ungebunden.“ Liliana klopfte sich mit einem Finger gegen die Lippen. „Luftrennen sind für die meisten Leute gefährlich. Doch nach Emrakul scheint der Schrecken von Goblins, die sich Raketen auf den Rücken geschnallt haben, für dich wohl vergleichsweise harmlos.“

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„Einer von ihnen hatte Raketen in seinen Stiefeln. Aber er ist explodiert. Puff!“ Chandra hob die Hände und deutete eine Wolke auseinanderstiebender Innereien an. „Die Brocken von ihm waren überall. Brutal eklig.“

„Entzückend. Hattest du Spaß?“

Die jüngere Frau grinste und die Sommersprossen auf ihrem Gesicht gerieten in die allerbezauberndste Unordnung. „Ja! Ich liebe Luftrennen. Ich habe keines mehr gesehen, seit ...“ Ihr Mund stand einen Augenblick offen und sie blinzelte zweimal rasch hintereinander. „Seit einer ganzen Weile. Sie sind bei den Mönchen nicht sonderlich beliebt“, sagte sie mit einem wenig überzeugenden Lachen.

Liliana betrachtete, wie die Mittagssonne auf Chandras Haar fiel, und sie erinnerte sich daran, wie trocken und brüchig es sich zwischen ihren Fingern angefühlt hatte. „Der Fleischklops will, dass wir alle in einer Stunde unten sind. Wir haben einen Gast.“

„Wer?“

„Ich habe nicht weiter nachgefragt.“

„Was? Nein, ich meine ... der Fleischklops?“

Liliana ließ erneut einen Mundwinkel nach oben wandern, legte eine Hand auf die Hüfte und wartete.

„Oh!“ Chandra lachte prustend. „Gids.“

Liliana wackelte mit einem bleichen Finger in der Luft und verdrehte dramatisch die Augen. „Das hast du doch sicherlich auch gedacht? Man hat den Eindruck, ihn jeden Tag bitten zu müssen, sich was überzuziehen.“

Chandra rieb sich das linke Auge und gähnte erneut. „Mir macht der Anblick nichts aus. Ich will mir auf dem Weg noch etwas zum Frühstücken holen. Oder zum Mittagessen. Auch egal. Kommst du mit?“

Sie schickte sich an, an Liliana vorbeizurauschen, doch diese hielt sie mit einer Hand an ihrer entblößten Schulter auf. Die Haut fühlte sich unnatürlich warm an, als hätte Chandra lange in der Sonne gelegen. Zu den wenigen Gelegenheiten, bei denen Chandra tatsächlich einmal still saß, zog ihr Schoß unweigerlich eine kleine Schar dösender Katzen an, wie Liliana aufgefallen war.

„Süße, bevor wir nach unten gehen“, sagte sie, „solltest du dir vielleicht lieber Hosen anziehen.“

„Wer bist du denn? Meine M– Tante?“, knurrte Chandra. Sie drehte sich um und schlurfte auf einen der Kleiderhaufen zu, wobei sie ob der kalten Hartholzdielen die Zehen krümmte. Das beantwortete die Frage, welcher der beiden Haufen der saubere war. Hoffentlich.

Liliana zwitscherte ein Lachen in die Luft. „Ich fände es schöner, wenn du mich als deine Schwester ansähest. Findest du nicht?“

Chandra zog ein paar eng anliegende Hosen aus dem Haufen, roch daran und warf sie danach mit einer angewiderten Grimasse in hohem Bogen hinter sich. „Ich habe keine Geschwister. Und bist du nicht irgendwie zweihundert Jahre alt oder so?“

„Ach, aber im Herzen bin ich keine Dreißig.“
__________

„Trägst du heute keine Rüstung?“, fragte Liliana, während sie in Richtung Treppe gingen.

„Im Haus? Nö. Meinst du, ich sollte für dieses Treffen eine anlegen?“ Chandra blickte zur Schnürung ihres Hemdes hinunter. Sie hatte sich an einem Knoten versucht, sich dabei aber nur den Daumen eingeklemmt. „Ich habe sie unten gelassen. In dem Raum, in dem Jace seine ganzen Mäntel aufbewahrt.“ Sie verzog grübelnd den Mund. „Er hat schon ungeheuer viele davon. Warte mal eben.“

Sie hielt vor einer offenen Schlafzimmertür an, um ihren Daumen zu befreien. Theoretisch handelte es sich um Nissas Zimmer. Die Vorhänge waren jedoch weit aufgezogen und ließen die Sonne auf unberührtes Bettzeug und einen staubigen Schreibtisch fallen. Chandra spähte hinein. „Wir sind schon fast seit drei Monaten hier, aber seit Innistrad habe ich Nissa kaum gesehen.“

„Du wirst sie dort drin auch nicht finden. Lass mich mal sehen.“ Liliana wandte sich ihr zu und stupste Chandras Hand unsanft von der Schnürung ihres Hemdes weg. Inzwischen hatten sich der Daumen und ein weiterer Finger der anderen Hand hoffnungslos verheddert. „Gleich am ersten Morgen, nachdem ihr alle hier eingezogen wart, stolperte sie aus diesem Zimmer heraus und sah dabei wie der lebende Tod aus.“

Chandra grinste und öffnete den Mund.

„Ja, ja“, seufzte Liliana. „Ich muss wohl am besten wissen, wie das aussieht.“

„Ohhhh ...“

„Vertrau mir, Süße. Ich kenne schon alle Witze über Nekromagier.“ Liliana biss sich auf die Unterlippe, während sie mit einem Fingernagel einen Knoten zu entwirren versuchte. „Nissa hat so etwas gemurmelt wie: ‚Kann nicht schlafen. Zu viele Winkel und Ecken.‘ Seither hält sie sich im Dachgarten auf.“

„Seltsam.“ Chandra beobachtete, wie kleine Staubkörnchen in der Luft tanzten. „Was ist mit dir?“

„Was soll denn mit mir sein?“ Liliana zog an einem weiteren Knoten.

Mit der freien Hand schob sich Chandra die Schutzbrille höher die Stirn hinauf. „Jace hat dir auch ein Zimmer angeboten. Stimmt doch, oder? Wie uns anderen auch. Aber du hast dir eine eigene Bleibe gesucht, obwohl hier alles so teuer ist.“

Ein letztes, festes Zupfen und Chandras Hand war befreit. „Ich bin nicht gern auf die Großherzigkeit anderer angewiesen“, sagte Liliana und zwang dabei viel Fröhlichkeit in ihre Stimme. Das war zwar die Wahrheit, aber nicht ganz die vollständige. „Lass mich das jetzt mal richtig schnüren.“ Unter einem Dach zu schlafen, für das Jace bezahlte? Das war kein „Nein!“. Das war ein klares „Auf überhaupt gar keinen Fall!“.

„So. Fertig.“ Sie strich Chandras Hemd glatt. „Fass es nicht wieder an. Das nächste Mal verhedderst du dir wahrscheinlich noch einen Zeh.“

„Danke." Chandra grinste, legte einen warmen Arm um Lilianas Schultern und drückte sie. „Ich bin so hungrig, ich könnte einen ganzen Eldrazi verschlingen. Vielleicht sogar einen von den schleimigen.“ Sie wirbelte in Richtung der Treppe davon. „Auf Ravnica wird gar nicht gefrühstückt. Es ist, als würden sie alles rückwärts machen. Ein üppiges Abendessen, ein großes Mittagessen, kein Frühstück. Knuspriges Brot mit Butter? Zum Frühstück?“ Chandra machte ein Gesicht, als hätte sie in etwas Saures gebissen. „Also bitte.“

„Kommst du hier deshalb morgens nicht aus dem Bett?“, fragte Liliana milde.

Chandra knuffte sie in den Arm. „Blöde Kuh.“ Liliana war so überrascht, dass sie ins Stolpern geriet. Chandra ging unbekümmert weiter, während Liliana sich die Stelle rieb, wo sich demnächst womöglich ein blauer Fleck bilden würde. Chandras Schritte wurden schneller, als sie sich für ihr Gesprächsthema erwärmte und zu einer Zuhörerschaft sprach, die nur sie sehen konnte. „Aufgepasst. Ein richtiges Frühstück beginnt mit Methi Thepla. Mit Ingwer, Chilis und etwas Joghurt. Wenn man von diesem Geruch aufwacht ...“ Sie hielt inne, schluckte und schüttelte den Kopf. „Mit eingelegter Mango! Mango ist das Beste. Jeder, der etwas anderes sagt, verdient aufrichtiges Mitleid ob seines tragischen und offenkundigen Irrtums.“

Liliana schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung, was Mango ist.“

„Ein Obst“, sagte Chandra. „Nichts im gesamten Multiversum schmeckt so. Zumindest nicht dort, wo ich gewesen bin. Wenn sie perfekt reif ist und man in sie hineinbeißt ...“ Sie hielt sich beide Hände wie kleine Auffangschüsseln unter den Mund. „Dann läuft der Saft dir das Kinn herunter. Süß und gleichzeitig würzig – und scharf in der Nase. Ein bisschen so wie der Geruch von Wacholder. Das ist wie ein Sonnenaufgang in deinem Mund, der so groß und hell ist, dass er dir zwischen den Lippen hervorquillt.“

„Das klingt nach einer ziemlichen ... Sauerei“, gab Liliana zu bedenken.

„Ja, schon. Manchmal. Aber das ist es mehr als wert.“ Chandra grinste. „Für den zweiten Gang ... Weißt du, was Kichererbsen –Oh“ Sie waren um die Ecke in eine Halle getreten, die sich zur einen Seite hin zu einem Hof öffnete, über dem der Himmel zu sehen war und in dem es vor Grün nur so strotzte. Chandras bremste ihren Schwung, als sie auf die Balustrade zuhielt.

„Wir haben Zeit für eine weitere Runde, ehe das Treffen beginnt. Wann immer du bereit bist.“ Die dröhnende Stimme Gideons. „Auf geht‘s!“ Ein widerhallendes Klatschen mit fleischigen Händen.

Sie stellte sich neben Chandra. Unter ihnen nahm der Muskelprotz eine Haltung an, die wohl so etwas wie eine Ringerstellung aus Theros war, und wappnete sich in Erwartung eines Hiebes. Ihm gegenüber stand die gertenschlanke Elfe aus Zendikar, die mit ihrer rechten Hand nach ihrer linken Schulter griff, was den Eindruck erweckte, als wollte sie sich selbst zusammenfalten und so verschwinden.

„Bist du dir sicher?“, fragte sie das Gras. Ihre Stimme schwankte und war kratzig vom langen Schweigen.

Das Mauerwerk warf Gideons Lachen zurück. Liliana hätte schwören können, in der Ferne Glas klirren zu hören. „Wenn ich weiß, was auf mich zukommt, bin ich unverwundbar. Es geht hier doch einzig und allein darum, dass wir sehen wollen, wie weit du gehen kannst. Vertraue auf dich, Nissa. Und falls du das nicht kannst ... dann vertraue auf mich. Ich halte das schon aus.“

„Aber ...“

„Unverwundbar“, wiederholte er fröhlich und entblößte perfekte Zähne.

„Na schön.“ Nissa schloss die kiefernschattengrünen Augen. „Hier ist nicht viel, mit dem ich arbeiten könnte.“

„Wir könnten das im Garten machen.“

„Ich meinte ... Vergiss es.“ Sie atmete ein und hob eine Hand.

Die Büsche begannen schlagartig zu blühen. Blütenblätter in Lavendel und Weiß wirbelten in einem plötzlichen Windstoß umher und erfüllten die Luft mit schwerer Süße. Efeu schoss die Wände hinauf. Smaragdgrüne Blätter sprossen hervor, falteten sich auf und bedeckten jede Oberfläche. Das Gras streckte sich und bog sich und flüsterte im Wind, während es sich liebkosend um Nissas Beine schlang.

Chandra machte unwillkürlich einen Schritt zurück und sog scharf die Luft ein, als das Grün die Balustrade umrankte.

Zweige wuchsen und verflochten sich zu einer einzigen, vierbeinigen Gestalt. Irgendeine Bestie aus Zendikar? Liliana hatte diese Welt vor einigen Jahrzehnten besucht, sie allerdings zu öde gefunden, um länger dort zu verweilen. Das Gebüsch riss sich selbst aus dem Boden und scharrte Erde von seinen Wurzelfüßen wie eine reinliche Katze.

Die Buschbestie – die inzwischen schon eher einem Baum ähnelte – bäumte sich auf und knarrte und ächzte wie der Welt größter Schaukelstuhl. Blütenblätter regneten beständig von ihr herab, und Pollenstaub tanzte in der Mittagssonne. Ihre Vorderläufe verschmolzen zu einer einzelnen Faust, die wie eine grünbraune Lawine auf Gideon niederfuhr.

Seine Haut glänzte vor flüssigem Gold.

Dann wurde er bis zur Brust in die Erde getrieben.

Nissa schnappte nach Luft. Ein Wink von ihr genügte, und die Baumbestie sprang von Gideon weg. Sie landete mit einem dumpfen Aufprall, der Liliana dazu brachte, die efeuumrankte Balustrade zu umklammern. Irgendwo im Haus hörte sie Porzellan zerspringen. An verschiedenen Orten sogar.

Gideon lachte schallend. „Das war unglaublich!“ Er stemmte die Hände zu beiden Seiten des Kraters gegen den Boden und wuchtete sich ächzend daraus hervor. Er rollte sich auf die Füße und klopfte sich schwarze Erde von den Hosen, wobei er über beide Ohren grinste. „Mir kannst du zwar nichts anhaben, aber ich habe glatt den Boden vergessen.“

Die Baumbestie winselte wie ein gescholtenes Hündchen Nissa an. „Sch“, flüsterte die Elfe und beugte sich vor, sodass ihre Stirn die der hölzernen Bestie berührte. „Meine Schuld, meine Schuld.“

„Gut gemacht.“ Gideon legte eine gewaltige Pranke auf Nissas schmale Schultern. Sie zuckte zusammen und holte erschrocken Luft. Die Baumbestie drehte sich zu ihm um und schüttelte sich, wodurch ihre Blätter ein katzenhaftes Fauchen von sich gaben.

Er hob die Hände und wich vor ihr zurück. „Ganz ruhig, Großer. Ich greife deine Mama nicht an.“

Nissa legte der Bestie beruhigend eine Hand auf den Rücken. „Danke. Ruhe dich jetzt aus.“ Die Bestie grub die hölzernen Finger und Zehen in die Erde, ächzte auf und wurde wieder eins mit ihrer Umgebung. Nissa richtete sich auf, während die letzten bleichen Blütenblätter der Bestie um sie herumtanzten.

Gideon rieb sich das stachelige Kinn. „Ich hoffe, Jace hat nichts gegen unsere Gartenarbeit einzuwenden.“

Liliana warf Chandra einen Blick zu. Diese stand auf Zehenspitzen weit über die Balustrade gebeugt, ein verzücktes sanftes Lächeln auf den Lippen. „Pass auf, dass du nicht runterfällst.“

Liliana lächelte und folgte ihr.

Hinter ihr hallte Gideons Stimme von den Mauern des Hofs wider. „Nissa, bevor du gehst. Diese Sache, die ich immer mache, bei der ich Leuten auf die Schultern klopfe. Löst das Unbehagen bei dir aus?“

Liliana hielt an der Tür inne und lauschte. Wenn die Elfe antwortete, so waren ihre Worte nicht zu hören.

„Es tut mir leid. Das wusste ich nicht. Ich mache das nicht noch mal.“ Liliana konnte sich seinen Gesichtsausdruck nicht vorstellen, doch sein Tonfall triefte nur so vor so viel hündischer Aufrichtigkeit, dass ihre Mundwinkel gereizt zu zucken begannen.

„Danke.“ Kaum mehr als ein Wispern des Windes in den Blättern.

„Gib mir bitte Bescheid, wenn du dich wegen irgendetwas unbehaglich fühlst, ja? Besonders dann, wenn es an mir liegt.“

Liliana presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und folgte Chandra. Ihre Stiefelabsätze klackerten auf den Dielen, und ihr seidener Saum wehte seufzend hinter ihr her. Wenn sie noch mehr davon hörte, bestand die Gefahr, dass sie speien musste. Natürlich bekam die Elfe Entschuldigungen und Versprechungen zu hören. Vor zweihundert Jahren hatte sie lernen müssen, wie man Finger bricht.
__________

Es gab ein Dutzend Wege in Jaces Bibliothek – die zahllosen Geheimgänge, die ihre Schatten aufgespürt hatten, gar nicht mitgezählt. Drei Stockwerke voll überbordender Bücherregale, alle in alphabetischer Reihenfolge nach Verfasser und nach Themengebiet sortiert. Nach ein paar Wochen hatte sie damit begonnen, wahllos Bücher in andere Regale zu stellen. Das würde ihn in den Wahnsinn treiben, sobald er es bemerkte.

Der Marmortisch in der Mitte war üblicherweise von Jaces akkurat angeordneten Notizen bedeckt. Diese hatte er jedoch in sein privates Arbeitszimmer verlegt, denn da der Tisch der einzige war, an dem sie alle Platz fanden, war die Bibliothek zu einer Art Gemeinschaftsraum geworden. Er war deutlich sichtbar zusammengezuckt, als sie dort auch zu essen begonnen hatten.

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Heute standen auf dem Tisch nur eine Karaffe mit Wasser und sechs Gläser. Jace war natürlich schon da. Stirnrunzelnd ging er auf und ab, während er durch ein Bündel Notizen blätterte und dabei versuchte, Lavinia fernzubleiben, die sich an der äußeren Tür postiert hatte und pragmatisch in die Ferne starrte. Man konnte beinahe sehen, wie sie im Kopf abwechselnd Listen und Formationsmärsche durchging, während sie darauf wartete, dass etwas Wichtiges passierte.

Liliana hatte ihresgleichen schon tausende Male gesehen. Pflichtbewusst, wachsam und vollkommen fantasielos. Wenn sie denn eine Lieblingsschänke hatte – was unwahrscheinlich erschien –, dann würde sie dort aller Wahrscheinlichkeit nach stets nur einen Krug Wasser in Zimmertemperatur bestellen.

Lavinia stand ohne jeden Zweifel bloß dort an der Tür, um Jace davon abzuhalten, sich in irgendein Abenteuer zu stürzen. Doch wenn er wirklich fortwollte, brauchte er natürlich nur ein paar Augenblicke ganz allein für sich. Das wusste Lavinia mittlerweile. Da nun inzwischen vier Planeswalker hier lebten (und eine weitere Vertreterin ihrer Art dankend auf die Unterbringung verzichtet hatte), war eine Erklärung notwendig geworden. Jace hatte sich auf irgendeinen Absatz eines Paragrafen irgendeines Gesetzes des Gildenbunds berufen, das von wem auch immer erlassen worden war, um sie zur Verschwiegenheit zu verpflichten.

Liliana lächelte in sich hinein, als sie sich einen Stuhl zurechtrückte und sich die Wache dabei vorstellte, wie sie an die Tür zum Abort klopfte: „Bist du noch da drin, Gildenbund? Antworte mir auf der Stelle!“

Jace blickte beim Scharren ihres Stuhls auf. „Du bist zu früh?“ Er klang bestürzt. Sie war angemessen empört.

„Nein. Alle anderen sind zu spät.“ Sie musterte ihn kritisch von Kopf bis Fuß. Schlank, gesund, wachsam und mit gekämmtem Haar. Sie durchschaute ihn sofort. „Du kannst den Zauber fallen lassen, mein Lieber. Niemand schert sich darum.“

Er seufzte und schimmerte, als sich die Illusion auflöste. Da war der echte Jace: bleicher, das Haar zerzaust, dank der langen Nächte mit tiefen Ringen unter den Augen und das Kinn von jenem entzückenden Flaum überzogen, der eines Tages vielleicht fast als Bart durchgehen würde.

„Eitelkeit?“, fragte sie. „Das sieht dir gar nicht ähnlich.“

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, was allerdings nicht dabei half, es auch nur ansatzweise zu bändigen. „Ich sollte mich für solche Besprechungen von meiner besten Seite zeigen. Führungsqualitäten ausstrahlen. Und Zuversicht. Zeigen, dass ich weiß, was ich hier tue. Und warum muss ich ausgerechnet dir das erklären?“ Er wirkte, als ärgerte er sich über sich selbst.

Sie hob eine elfenbeinfarbene Schulter in einem nichtssagenden Achselzucken. „Wer sonst kennt dich gut genug, um dich zu verstehen?“ Liliana lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und legte die Füße auf den Tisch, einen Knöchel über den anderen. Der Saum ihres Kleides entblößte mit dem Rascheln von Seide ihre Stiefel.

„Das ist unhöflich“, sagte Jace mit in Falten gelegter Stirn.

„Hm.“

Seine Augenbrauen wurden zu einer einzigen buschigen Linie aus schierer Gereiztheit. „Und es lenkt ab.“

Liliana bedachte ihn mit einem müden Lächeln. „Ich werde es mir merken.“ Sie wandte ihre Aufmerksamkeit den Buchrücken in der Nähe zu und stellte sich vor, wie er aus der Haut fuhr.

Gideon polterte die Treppe hinunter. Er nahm immer zwei Stufen auf einmal, während er sich ein Hemd über die verschiedenen Ausbuchtungen, Wülste und pulsierenden Teile seines Leibes streifte. „Oh, gut. Du hast an heute gedacht“, sagte sie.

Er blinzelte sie an. „Was?“

„Ach, nichts.“ Sie sandte einen gleichgültigen Salut in seine ungefähre Richtung. „Weitermachen, Herr General.“

Jace ließ seine Notizen sinken, als Gideon sich den Stuhl ihm gegenüber heranzog. „Wir sind beinahe vollzählig. Also fange ich an. Wir können Chandra auf den neuesten Stand bringen, sobald sie eintrifft.“

Liliana ließ den Blick durch den Raum streifen. Was ist denn mit – oh. Nissa saß einige Schritte entfernt im Schneidersitz auf einem Stuhl im Schatten der Bücherregale. Sie fragte sich, wie lange die Elfe wohl schon hier war.

„Es ist so“, fuhr Jace fort, „dass ich derzeit noch die Pflichten des Gildenbundes erfüllen muss – und das auch noch für eine ganze Weile. Bei meiner Rückkehr von Innistrad quoll mein Schreibtisch über. Eigentlich war das gesamte Arbeitszimmer ein einziges Labyrinth aus Papierstapeln und Büchern. Ich habe allein fünf Minuten gebraucht, um meinen Schreibtisch überhaupt zu finden.“

Ein leises Lächeln zupfte an Lavinias Mundwinkeln. Liliana korrigierte ihre Einschätzung zur Kreativität der Frau ein wenig nach oben.

Jace legte die Fingerspitzen auf den Tisch, als würde er sich grazil darauf abstützen. „Ich habe allerdings kundtun lassen –“

Rüstungsteile sprangen scheppernd quer über den Tisch. Jace funkelte Chandra an. Die Pyromagierin klaubte ihre frisch verstreute Ausrüstung eilig wieder zusammen. „Tschuldschung“, brachte sie murmelnd um das Gebäckteilchen herum zustande, das sie gerade zwischen den Zähnen durch die Gegend trug. Zimtglasur tropfte auf den Marmor. Sie ließ sich in den Stuhl neben Liliana fallen, biss ein Stück von ihrem Gebäck ab und begann dann damit, Rüstungsteile anzulegen. „Wasch hascht du geschagt?“, fragte sie mit vollem Mund.

„Ich sagte“, erwiderte Jace mit übertriebener Geduld, „dass ich Tamiyo kundtun lassen habe, dass die Wächter bereit sind, ihre Hilfe anzubieten. Sie und andere Planeswalker tauschen sich untereinander aus. Sie sammeln Neuigkeiten und Geschichten auf ihren Reisen. Ganz so, wie es auch unter Barden üblich ist. Sie tragen die Kunde jedoch über ganze Welten hinweg anstatt nur in die nächste Stadt.“

„Wie viele gibt es von ihnen?“, fragte Gideon und stützte das Kinn in eine Hand. „Wie oft treffen sie sich?“

Jace schüttelte den Kopf. „Sie sind nicht so organisiert wie wir. Das ist alles eher zwanglos. Im Grunde nur Tratsch. Doch sie reisen oft umher und sprechen mit vielen Leuten. Falls jemand um Hilfe bittet, wird unser Name nicht unerwähnt bleiben. Und falls jemand akut Hilfe braucht, werden sie es uns wissen lassen.“ Er hielt inne und sah jeden von ihnen der Reihe nach an. „Dieser Ansatz hat bereits Früchte getragen. Jemand hat uns aufgesucht. Er wartet draußen.“

Gideon grinste und richtete sich in seinem Stuhl, der unter seinem Gewicht knarrte, ein wenig gerader auf. „Hervorragende Arbeit, Jace.“

Jace nickte. „Unser Gast heißt Dovin Baan. Er ist der Inspektionsminister bei irgendeinem Erfinderwettstreit auf Kaladesh.“ Eine plötzliche Wärme stieg rechts von Liliana auf. „Lavinia, bittet du ihn herein?“

Minister. Hm. Liliana nahm die Füße vom Tisch, setzte sich gerade hin, schlug die Beine übereinander und strich die Falten ihres Kleides glatt. Jace flirrte erneut, als er wieder jene ordentliche und gepflegte Illusion heraufbeschwor, die er bei ihrem Eintreten getragen hatte.

Von der anderen Seite des Tisches aus beäugte Gideon ihrer beider Vorbereitungen nachdenklich.

Chandra ließ sich tiefer in ihren Stuhl sinken, zog sich die Schutzbrille über die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust.

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Der Vedalkenmann war groß, dünn wie eine Duellklinge, blauhäutig und makellos gekleidet. Sein Anzug war teilweise mit filigranen Messinggebilden verziert, von denen einige leise zischten und tickten. Mit präzisen, forschen Bewegungen und hinter dem Rücken gefalteten Händen schritt er die Stufen hinab. Liliana fragte sich, wie er das anstellte. Würde sich das Metall, das seine Ärmel bedeckte, so nicht zwangsläufig verheddern?

Als er an einem Gemälde vorbeikam, hielt er mit kritischer Miene inne und streckte eine Hand aus, um den Rahmen an der einen Seite eine Winzigkeit nach oben zu verschieben.

„Minister Baan“, sagte Jace. „Dies sind meine Kollegen Nissa, Gideon, Chandra und Liliana.“

Als sie vorgestellt wurde, erhob sich Liliana aus ihrem Stuhl und setzte ein gefälliges Lächeln auf. Sie knickste und hielt dabei den Blick auf Baan gerichtet. Seine Augen waren von einem fieberhaften, unsteten Fuchsienrot. Ein faszinierender Gegensatz zu seinem kühlen Verhalten. „Es ist mir ein Vergnügen, Minister.“ Sie war etwas eingerostet, doch sie bezweifelte, dass er mit den Einzelheiten der Manieren bei Hof auf Dominaria vertraut war.

Baan nahm einen Arm quer über die Brust und verbeugte sich aus der Hüfte, während er den Blick auf den Boden vor Liliana senkte. „Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Fräulein Liliana.“

„Ich hoffe, Eure Wartezeit war angenehm“, sagte Jace und deutete auf einen leeren Stuhl am anderen Ende des Tisches.

Baan schaute das Möbelstück mit kurzzeitiger Verwirrung an und machte keinerlei Anstalten, sich darauf niederzulassen. „Die Unterbringung war akzeptabel.“

Jaces projiziertes Gesicht ließ kein Anzeichen jenes Unbehagens erkennen, das Liliana dahinter vermutete. „Gut. Nun. Was können die Wächter für Euch tun?“

„Ich kam hierher, um Erkundigungen wegen jener Angelegenheit einzuholen, die in meiner vorherigen Korrespondenz bereits zur Ausführung gelangt ist.“

Nach einem Augenblick des Schweigens, den er zweifellos gebraucht hatte, um Baans verschwurbelte Formulierungen zu enträtseln, räusperte sich Gideon. „Verzeiht uns, Minister. Nicht alle hier haben Euren Brief zu Gesicht bekommen.“

Baan atmete langsam ein. „Ah. Wohlan denn. Dann werde ich wohl rekapitulieren müssen.“ Er verschränkte erneut die Hände hinter dem Rücken und begann, am Ende des Tisches auf und ab zu gehen.

„Ich habe die Ehre, heute als offizieller und ordnungsgemäß ernannter Vertreter des Konsulats von Kaladesh vor Sie treten zu dürfen. Selbstredend habe ich mich mit den Gepflogenheiten der Regierungsform auf Ravnica und Ihrem System miteinander im Widerstreit liegender ‚Gilden‘ vertraut gemacht.“ Baan sprach das Wort mit Bedacht aus, als wäre es eine seltene Süßigkeit, die er noch nie zuvor probiert hatte. „Unser Konsulat ist das exakte Gegenteil. Es ist geeint, zentralistisch und meritokratisch. Sämtliche Ressourcen werden über eine rationale und gerechte Anwendung von Gesetzen verwaltet und verteilt. Auf diese Weise haben wir eine Gesellschaft errichtet, in der niemand etwas will.“

Lilianas rechter Arm fühlte sich an, als hätte sie dort einen Sonnenbrand. Sie warf Chandra einen Blick zu. Über dem Kopf der jungen Frau flirrte Hitze. Verirrte Strähnen kupferroten Haares schwebten und tanzten in der nach oben steigenden heißen Luft. Sie blieb jedoch stumm und stocksteif sitzen. Nur ihre Kiefermuskeln zuckten, als sie die Zähne zusammenbiss.

Liliana rutschte sachte mit ihrem Stuhl nach links.

„Vor sechs Monaten“, fuhr Baan fort, „rief das Konsulat in der Hauptstadt Ghirapur einen Erfinderwettstreit aus. Er wird am kommenden Morgen beginnen. Es wird dabei zahlreiche Zuschaustellungen der Handwerkskunst aus einer ganzen Reihe verschiedenster Gebiete zu sehen geben. Außergewöhnliche Arbeiten werden mit Stipendien belohnt.“

Baan gestattete seinen Mundwinkeln, sich eine Winzigkeit nach oben zu bewegen. „Es war mir ein persönliches Vergnügen, alle Einreichungen zum Zwecke der Sicherheit der Besucher zu inspizieren. Und wenn mir diese Anmerkung gestattet ist: Die Preisrichter werden ganz gewiss viele schwere Entscheidungen zu treffen haben. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass es zumindest einer unserer Koryphäen gelungen ist, ein vollkommen neues Gebiet der Handwerkskunst ins Leben zu rufen.“

Er hielt an den Büchern inne, die an der Wand gestapelt waren, und tippte gegen sein Schulterstück aus Messing. Eine Anordnung aus Linsen surrte vor sein linkes Auge. Er schaute einen Augenblick hindurch, um dann grübelnd mit einem dürren Finger über das Regal zu fahren.

„In den vergangenen Wochen“, fuhr er fort, während er ein Taschentuch hervorzog und sich auf dem Absatz umdrehte, „wurden die Vorbereitungen jedoch zum wiederholten Male von Vandalen und anderen Querulanten gestört. Meine Sicherheitsvorkehrungen konnten bislang verhindern, dass jemand zu Schaden kommt.“ Er wischte sich seinen Finger an dem Taschentuch ab, faltete es sorgfältig zusammen und verstaute es wieder. „Bemühungen, die Ursache dieser Unruhen aufzuspüren und zu eliminieren, haben sich bedauerlicherweise als weitaus weniger erfolgreich herausgestellt.“

Baans Linsenanordnung schnappte zurück in eine Ruheposition auf seiner Schulter. „Das ist alles.“

Gideon räusperte sich. „Also nur um das klarzustellen: Ihr wollt, dass die Wächter sich um die ... Sicherheit dieser Veranstaltung kümmern?“

„Oder die Quelle dieser Angriffe ausmerzt?“, schlug Jace vor.

Baans Blick wanderte vom einen zum anderen, und der Minister atmete zaghaft ein, als würde er an etwas riechen, was an einer Schuhsohle klebte. „Genau das“, sagte er. „Wie auch bereits in meiner ursprünglichen Korrespondenz erwähnt.“

„Wer sind diese Leute?“, fragte Gideon. „Warum wollen sie eine Ausstellung? stören?“

Baan neigte den Kopf. „Eine logische Frage, Herr Gideon. Doch ich fürchte, es gibt keine logische Antwort darauf. Die Unzufriedenheit dieser Renegaten hat ihren Ursprung größtenteils in jenem vom Fieber geplagten Raum zwischen ihren eigenen Ohren. Ihr wichtigster Einwand bezieht sich darauf, dass die gleichmäßige Verteilung von Ressourcen durch das Konsulat auf irgendeine Weise ihnen persönlich gegenüber ungerecht sein soll. In einfachen Worten: Sie glauben, ihnen würde mehr zustehen als ihr gerechter Anteil. Da das Konsulat sich weigert, ihrem selbstsüchtigen Verlangen nachzugeben, greifen sie auf Sabotageakte gegen Regierungseigentum sowie auf den Diebstahl von Ressourcen zurück, die für das Gemeinwohl bestimmt sind.“

Chandras Stuhl kippte nach hinten, als sie auf die Füße sprang. Liliana streckte eine Hand aus und fing den Stuhl auf, während Chandra in einem Wirbel aus vor Hitze flirrender Luft und sprühenden Funken davonstapfte.

„Was machst du –?“, setzte Gideon an, zuckte jedoch vor Chandras aufflammenden Händen zurück, als sie an ihm vorbeiging. Sie stürmte die Treppe nach oben und stieß dabei derbste Verwünschungen aus.

Baans Blick folgte ihr, und seine Augenbrauen hoben sich. „Ich gehe davon aus, sie weiß, dass das anatomisch gar nicht möglich ist, ja?“

Jace räusperte sich etwas zu laut. „Minister Baan?“ Der Vedalken drehte sich zurück zum Tisch, als die massiven Türen zur Bibliothek zugeschlagen wurden. „Sind irgendwelche dieser Renegaten Planeswalker?“

„Meines Wissens nach nicht.“

Gideon schüttelte den Kopf. „Dann weiß ich nicht, wie wir Euch helfen können. Verzeiht, aber –“

„Warte.“ Jace beugte sich vor. „Er sagte, er weiß es nicht. Wir können für Gewissheit sorgen.“

Baan schloss die fieberhellen Augen und zwickte sich mit dünnen Fingern in die Nasenwurzel. „Meine Herren, bitte entschuldigen Sie meine Dreistigkeit. Doch wer von Ihnen trifft die Entscheidungen für diese Gruppe?“

Jace und Gideon schauten einander an.

„Nun ...“

„Also ...“

„Gideon hat auf dem Schlachtfeld den Befehl ...“

„Jace ist eher eine Art Verwalter ...“

„Aber wir beide ...“

„Aber keiner von uns ...“

Baan griff sich an den Kopf, als litte er unter Migräne.

„Minister Baan“, warf Liliana ein. Sie erhob sich in einem prächtigen Rascheln aus Seide und Spitze und setzte ihr entwaffnendstes Lächeln auf. „Was meinen Kollegen Sorge bereitet, ist der Fokus unserer Gruppe. Die Wächter wurden gegründet, um Leute wie uns – Planeswalker – daran zu hindern, sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Bedrohungen von außen sozusagen. Eure Bedrohung scheint jedoch von innen zu kommen. Und in einem solchen Fall“, sie vollführte eine Geste gespielter Hilflosigkeit, „sind uns die Hände gebunden.“

Baan atmete leise und erleichtert aus. „Ah. Danke, Fräulein Liliana. Ihre Position ist mir nun um einiges klarer. Ich hatte die Vorgaben, innerhalb derer Sie agieren, noch nicht ganz begriffen. Selbstverständlich erwarte ich nicht von Ihnen, die Gesetze zu übertreten, welche Sie sich auferlegt haben.“ Er verneigte sich ein weiteres Mal. „Ich bitte aufrichtig um Verzeihung. In Zukunft werde ich mich bei meinen Nachforschungen um noch mehr Präzision bemühen. Wenn Sie es gestatten, werde ich mich nun empfehlen.“

Jace starrte Liliana mit offenem Mund an. Verärgerung und Verblüffung standen ihm ins Gesicht geschrieben. Köstlich.

„Ähm ... wartet mal!“ Gideon sprang auf die Füße. „Minister, Ihr solltet zumindest zum Abendessen bleiben.“

Baan sah Gideon an, als wären diesem gleich mehrere zusätzliche Köpfe auf einmal gewachsen. „Herr Gideon, selbst wenn ich es als akzeptabel ansähe, Ihre Gastfreundschaft noch länger in Anspruch zu nehmen, so ist meine Anwesenheit auf Kaladesh dringend vonnöten. Ich hege keinen Zweifel, dass sich seit meiner Abreise mehrere Sabotageakte ereignet haben müssen.“

Gideon grinste Baan an. „Das Weltenwandeln ist mühsam, und Ihr habt heute schon eine solche Reise hinter Euch. Wir können Euch doch nicht mit leerem Magen aufbrechen lassen. So lauten die Regeln der Gastfreundschaft. Während wir uns darum kümmern, führe ich Euch gern durch Jaces Ha... – unser Hauptquartier.“

Baan starrte ihn hochmütig an. „Ich versichere Ihnen, dass meine Gesundheit sich für einen Mann meines Alters und meines Berufes innerhalb eines vollkommen annehmbaren Rahmens bewegt, auch wenn ich kaum wüsste, weshalb Sie das etwas anginge. Und dennoch. Wenn es Ihr Brauch ist, einem scheidenden Gast eine Stärkung zukommen zu lassen, so werde ich dies respektieren.“

„Hervorragend!“ Gideon machte eine Bewegung, als wollte er dem Minister auf die Schultern klopfen, hielt sich aber gerade noch zurück und führte die Geste in einem höchst absonderlich wirkenden Recken und Strecken zu Ende.

Lavinia räusperte sich. „Gildenbund. Bevor Eure Verbündeten gehen ... Da wäre noch diese andere Angelegenheit, nicht wahr?“

Gideon stutzte. „Eine andere Angelegenheit?“

Jace verzog das Gesicht. „Während ich auf Zendikar und Innistrad unterwegs war, wurden einige einflussreiche Mitglieder des Azorius-Senats ... ausgeschaltet.“

„Das ist zweifellos ein Grund zur Sorge“, sagte Gideon. „Doch was hat das mit uns –“

„Ihr spracht von ‚ausschalten‘“, warf Liliana ein. „Nicht ‚töten‘.“

Jace nickte. „Sie wurden petrifiziert. In Stein verwandelt.“ Er zögerte. Liliana hob die Augenbrauen. Jace war sprachlos? Wie faszinierend. „Vor etwa einem Jahr gab es eine gorgonische Meuchlerin, die auf Ravnica operierte. Eine weltenwandelnde Gorgo mit einem Groll auf die Azorius. Ich konnte sie aufhalten, doch ich habe sie ... gereizt.“

„Du hast aber auch ein echtes Händchen mit den Damen“, sagte Liliana.

„Der Punkt ist“, sagte Jace, „dass sie geschworen hat, eines Tages zurückzukehren.“

Gideon rieb sich das Kinn. Sein Blick huschte zu Lavinia. „Hm. Irgendwelche Spuren?“

„Noch nicht“, sagte Lavinia.

Jace wandte sich zu Gideon. „Ich möchte, dass du dir das ansiehst.“

Gideon schüttelte den Kopf. „Du bist dafür die beste Wahl, Jace. Nimm dich der Sache an und erstatte mir anschließend Bericht.“

Lilianas Blick pendelte zwischen den beiden hin und her. Sie war so was von froh, dass sie ihre eigene Bleibe hatte. Sollte es jemals zu einer Abstimmung innerhalb der Gruppe kommen, würde es dieser Umstand nur noch leichter für sie machen, die Dinge ganz nach ihrem Belieben in eine bestimmte Richtung zu lenken.

„Du hast keine Vorstellung, wie gern ich mich selbst darum kümmern würde“, sagte Jace. Leder knirschte leise, als Lavinias Hand sich enger um die Scheide ihres Schwertes schloss. „Ich habe Papierkram zu erledigen.“ Er spie das Wort wie eine Obszönität aus. „Gideon, ich habe nicht vor, dir ... Das ist kein Befehl, klar? Es ist nur etwas, was getan werden muss. Ich kann es nicht selbst erledigen, und ich glaube, du kannst gut mit den Azorius zusammenarbeiten. Zumindest besser, als Liliana das könnte.“

„Oh, da hat er recht“, sagte Liliana milde. Sie war sich ziemlich sicher, dass ihr Steckbrief von vor vier Jahren, als sie und Jace für Tezzerets verbrecherisches Konsortium gearbeitet hatten, noch immer bei ihnen aushing. Seltsam, wenn man bedachte, wie viel sich seither geändert hatte. Nun war Jace derjenige, den die Azorius um Hilfe baten, und sie war mächtiger, als die Gilde es sich wohl je hätte ausmalen können.

Sie legte eine Hand auf die verborgene Tasche, in der sie den Kettenschleier aufbewahrte. Nicht, dass sie sich seiner Gegenwart hätte versichern müssen. Sie spürte seinen eisigen Hauch an ihrer Taille, und wann immer ihre Konzentration nachließ, erklang das rasselnde Flüstern der Onakke-Geister in seinem Inneren aus den dunklen Winkeln des Raumes.

„Das macht Sinn“, sagte Gideon und nickte langsam. „Na schön. Lavinia, ich hätte gern eine Zusammenfassung dessen, was die Azorius wissen.“

Die Wache blickte pikiert drein. „Eine Zusammenfassung? Hauptmann Jura, die Zeugenaussagen allein umfassen mehrere tausend –“

„Ich bin neu hier.“ Er lächelte sie an. „Ich muss mich auf Eure Kundigkeit verlassen. Ich weiß, es ist viel verlangt, doch könntet Ihr mir bis heute Abend etwas zusammenstellen? Selbst etwas von nur geringem Umfang wäre schon ganz prächtig.“

Lavinia wirkte unter seinem Blick fahrig. „Selbstverständlich, mein Herr.“

„Danke, Lavinia." Gideon winkte Baan zu und bewegte sich zur Tür am anderen Ende des Raumes. „Jaces Küche ist unglaublich. Das scheint einer der Vorzüge zu sein, wenn man der Gildenbund ist. Was möchtet Ihr denn gern?“

Jace ließ seine Illusion der Gelassenheit fallen und funkelte Liliana an.

„Ich bin mit einem Laib ungesäuertem Brot, einer dünnen Scheibe Fleisch und etwas Wasser zufrieden.“

Ein dröhnendes Lachen. „Wir haben weitaus mehr zu bieten!“ Sie bogen in einen Gang ab.p>

Lavinia trottete davon und machte sich auf einem kleinen Block Notizen.

Sie waren wieder allein.

Liliana postierte sich zwischen dem Tisch und der Tür zu Jaces Arbeitszimmer, während er seine Papiere zusammensammelte. Er blickte finster drein, als er bemerkte, dass sie wartete. Mit gesenktem Kinn und betont abwesendem Blick stapfte er an ihr vorbei. Sie lächelte gutmütig. Großherzig. „Mein Lieber, vielleicht solltest du in Zukunft lieber mir das Reden überlassen, hm?“

„Ich hasse es, wenn du das tust“, sagte Jace mit tiefer Stimme und kälter, als sie es verdient hatte. „Wenn du hereinschneist und alles an dich reißt. Als würde dir alles und jeder gehören. Und dann noch erwartest, dass ich dir danke.“ Er wandte ihr die Schulter zu und rauschte an ihr vorbei.

Ihre Worte kamen reflexhaft, ungewollt – und sie vergalten Schmerz mit Schmerz. Sie hauchte in den kleiner werdenden Raum zwischen ihnen: „Ich erinnere mich noch an eine Zeit, in der du daran Freude hattest.“

Dann war er fort und ließ nur seine zornigen Worte zurück, jedes wie ein eisiger Nagel, den man ihr ins Herz gehämmert hatte.

Na schön, verdammt. So viel zu ihrer guten Laune. Sie wischte sich mit der Hand unter einem Auge entlang (nur um sich zu vergewissern, dass sie dort niemals etwas finden würde), straffte die Schultern und hob das Kinn. Dann soll er doch in Grixis schmoren. Schauen wir mal, wohin Chandra davongestürmt ist. Das könnte Spaß machen.

Sie wandte sich zur Treppe und bemerkte, dass Nissas Stuhl leer war. Die Elfe hatte den Raum so unbemerkt verlassen, wie sie ihn betreten hatte.

Erst auf halben Weg zum zweiten Stockwerk wurde Liliana klar, dass Nissa während der gesamten Zusammenkunft kein einziges Wort gesprochen hatte.
__________

Ich teile Schläge aus.

Die Stöße der Treffer zucken mir die Arme hinauf, unregelmäßig, abgehackt. Gideons Sack aus Sand schwingt und wackelt unter den Hieben.

Wäre er hier, würde er mir raten, es nicht zu übertreiben, meine Arme immer schön durchzudrücken und kurze, kontrollierte Geraden zu üben. Da habe ich wohl großes Pech gehabt, dass er stattdessen lieber diesem Armleuchter vom Konsulat zuhört.

Erfinderwettstreit? Am Arsch. Sie haben die verdammt noch mal besten Erfinder auf Kaladesh umgebracht. Baan und seinesgleichen. Die Konsuln und ihre dummen Regeln.

Und jetzt versuchen sie, wen anders zu jagen. Das Kind von wem anders. Vielleicht sogar –

Das grobe Tuch von Gideons Sandsack geht in Flammen auf.

„O Mist!“

Es muss hier doch ... Er muss doch irgendwo hier drin Wasser haben. Immerhin trinkt er acht Flaschen davon am Tag. Ich schaue mich im Raum um. Gewichte. Bodenkissen zum Ringen oder so. Ein großer Ball, den ich nicht noch mal nach Jace werfen soll. Mehr Gewichte. Ein Regal voller komischem Kram, den er nie erklärt hat. Noch mehr andere Gewichte. Da!

Ich werfe mich über den Tisch und schnappe mir den Eimer unter dem Fenster. Er riecht komisch. Vielleicht taucht er seinen Kopf da hinein. Keine Ahnung. Ich brauche nur das Wasser.

Hinter mir platzt der Stoff auf und Sand rieselt zu Boden.

Oh, verdammt.

Ich leere den Eimer über brennenden Stofffetzen aus.

Das ist ein gewaltiger Schlammhaufen. Ich frage mich, ob er den Boden ruiniert. Ich stecke die Spitze meines Stiefels hinein und ziehe eine Linie durch die Unordnung. Vielleicht kann ich ja eine Sandburg bauen.

Ich hasse das. Ich hasse dieses Ich, das unschuldigen Leuten ihr Zeug kaputtmacht. Auch wenn Gids gerade nett zu einem der Kerle ist, die meine –

Meine Augen brennen schon wieder. Ich lasse den Eimer fallen und reibe sie. Glut und Funken schweben davon.

Vielleicht hat Gids das auch gar nicht anders verdient. Pfeif auf seinen Sandsack.

Warum bin ich überhaupt hier? Ich gehöre nicht hierher.

Ich sollte nach Regatha zurückkehren. Um dieses dumme Ritual abzuhalten, bei dem man die ganze Nacht einem Baumstamm beim Brennen zuschaut. Stück für Stück beginnt er zu glühen. Rot, Orange und Gelb kriechen die Rinde hinauf. Gleißen auf und verblassen wieder. Dann wird der Stamm grau und zerfällt zu Asche. „Das ist, was es bedeutet, von Göttlichkeit verzehrt zu werden“, meinte Mutter Luti. „Verwandelt zu werden.“ Das alte Leben zerfällt und bla, bla, bla.

Welche Göttlichkeit? Die Eldrazi? Die Typen, die Gids reingelegt haben? Ich kann nicht an einen Gott glauben, der alles verbrennt, was er berührt. Ein Gott muss besser sein.

Ich erinnere mich an den stillen Teich.

Hinter der Macht, die mir sämtliche Kraft aus den Beinen geschüttelt hat.

Ich war da. Ich habe ihn gesehen. Ich schwöre, dass ich ihn gesehen habe.

Sie schwebte im Grün und ich konnte dort atmen.

Dort möchte ich sein.

Dort muss ich sein.

Das ist ein Jucken, das ich unbedingt kratzen muss. Es kriecht mir den Rücken hinauf und unter mein Haar. Ich muss gehen. Jetzt.

Meine Füße haben mich bereits zur Tür getragen. Nein, halt. Ich kann nicht einfach so hereinplatzen und ... Ich meine ... Das wäre schräg, oder? Unhöflich. Ich will nicht, dass sie mich für wen hält, der einfach so irgendwo aufschlägt und ... Also schön, vielleicht bin ich ja so jemand, aber ich versuche wirklich, von jetzt ab höflich zu sein. Ich brauche nur ein paar Augenblicke Zeit, um ...

Verdammt, ich bin schon oben auf der Treppe. Und ich trample durch den Flur wie ein grober Klotz, weil mir die Beine zittern und mir der Kopf schwirrt. Das ist so dumm. Ich werde jetzt sofort aufhören, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich werde mich umdrehen. Ich werde ganz leise die Treppe hinunterschleichen – wie ein kleines Mäusejunges. Gleich. Verdammt, Chandra, mach diese Tür nicht auf. Hör auf, die gewaltigen Blüten anzustarren, die hier vor einem Monat noch nicht waren. Böse Chandra. Kein Zimtgebäck mehr. Dreh dich einfach um, gehe zurück nach unten und denk nie wieder daran, das zu t–

„Chandra?“

SCHHHHHEI ...

„H-hey. Nissa? Du bist hier?“ Ja, genau so. Tu richtig beiläufig. Gut gerettet. Sei ganz nonchalant. Wie Liliana. Liliana bringt nichts aus der Fassung.

„Ich meine, hehe, natürlich bist du hier. Weil du ja gerade eben erst was gesagt hast. Ich meine, öhm, hast du einen Augenblick Zeit? Vielleicht?“ In Ordnung. Du kannst das Reden jetzt einstellen.

„Ja. Ich bin hinter den Kass-... Hinter den purpurnen Blumen."

Meine Hände zittern. Ich schiebe Zweige beiseite und gehe auf ihre Stimme zu. Die Blätter fühlen sich wie Sandpapier an. Nur noch ein kleines Stückch–

Sie sitzt im Schneidersitz auf einem Flecken Moos. Das dunkle Haar ist offen und fällt ihr in Wellen über die Schultern bis in den Schoß. Sie hat sich kleine Blüten ins Haar geflochten. Schmetterlinge tanzen um sie herum. Sie beachtet sie nicht. Ein Lichtstrahl durch die Blätter taucht sie in goldenen Glanz. Sie riecht wie die schönste Kindheitserinnerung, die man je haben könnte.

Sie hat den Blick nicht von mir gelassen. Sitzt einfach nur da. Hört zu. Wartet. Es macht mich unruhig, und ich glaube, ich schwitze.

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal gebadet? Haben Elfen nicht unglaublich feine Sinne ... wie Hunde oder so?

Noch dazu stehe ich vornübergebeugt unter einem Zweig und halte mir die Blätter aus dem Gesicht wie ein verdammter Tölpel. „Ähm. Darf ich mich setzen?“ Ich atme durch den Mund und ringe um Atem und versuche, nicht laut zu schnaufen.

„Bitte.“ Sie macht eine Geste. Ihr Arm bewegt sich wie Wasser. Er fließt einfach irgendwie.

Dann schaffe ich es, zu stolpern und mich lang hinzulegen.

„Oh!“ Sie streckt die Hand aus, doch ihre Finger scheinen an einer unsichtbaren Blase eine Handbreit von mir entfernt abzuprallen. „Da ist eine Wurzel ...“ Sie zieht die ausgestreckte Hand zurück und umfängt sie mit der anderen.

„Nichts passiert!“, plappere ich in den Schmutz, bevor ich mich auf die Knie aufrichte und mir an den Kopf fasse, um festzustellen, ob diese Behauptung auch zutrifft. Es wäre unfassbar peinlich, während dieser Unterhaltung im Gesicht zu bluten. „Geht es dir gut?“

Sie neigt den Kopf zur Seite. „Ich ...“

„Ha-ha-ha! Natürlich geht es dir gut. Entschuldige. Immerhin bin ja ich diejenige, die gerade hingefallen ist.“ SEI STILL SEI STILL.

Ich versuche, mich so hinzusetzen wie sie, aber die Rüstung an meinen Schienbeinen gräbt sich in meine Oberschenkel. Ich lehne mich an einen Baum, strecke die Beine aus und schlage sie an den Knöcheln übereinander.

Moment! Meine Füße berühren ja beinahe ihre Knie! Das sollte ich nicht tun. Das gefällt ihr vielleicht nicht. Ich verlagere mein Gewicht und strecke meine Beine stärker zu einer Seite hin aus.

Toll. Jetzt sticht mir eine Wurzel in den Hintern.

Sie sieht mich einfach nur an. Schweigend. Geduldig.

Ich kichere und streiche mir das Haar aus der verschwitzten Stirn. Ich dampfe unter ihrem Blick und meine Haut schmilzt. „Ich glaube, ich zerdrücke deine Blumen.“

„Das macht ihnen nichts aus.“ Ihre Augen sind so tief. Als ich ein Kind war, gab es da diesen Steinbruch bei Ghirapur. Er war mit Wasser voll gelaufen, und überall wuchs Moss und so Grünzeug, das im Wasser herumtrieb. Tief, schwarz, ruhig. Wenn man dort hineinfiel, erreichte man nie den Boden. Zumindest erzählte man sich das so. Ich stehe am Rand und habe zu viel Angst, um zu springen.

Sie räuspert sich. „Kann ich etwas für dich tun?“

Ich schlucke, aber meine Kehle ist trocken und ich brauche ein paar Anläufe. „Ich ... Ich dachte nur gerade daran, wie ... Weißt du noch auf Zendikar, als sich unsere Bewusstseine verbanden? Sie haben einander berührt. Ich habe Zendikars Zorn gespürt, oder? Die Macht einer ganzen Welt. Deiner Welt. Und es war atemberaubend. Das Unglaublichste, was ich je erlebt habe. Aber hinter Zendikar, hinter dem Zorn und der Macht, da habe ich dich gespürt. Dein Bewusstsein. Und es war richtig ruhig und ausgeglichen, weißt du? Du hast mich irgendwie ... geerdet, schätze ich mal. Du warst ganz gefasst und so sehr mit allem verbunden ...“

Dann knipst sich mein Verstand aus, während mein Mundwerk mich um Kopf und Kragen redet.

„Als ich diesen Teil von dir berührt habe, war es, wie wenn man schwimmt und man sich einfach flach auf den Rücken legt und treiben lässt und in den Himmel schaut. Unter einem ist nichts. Über einem ist nur Blau und Luft, und alles ist kühl und still. Man kann unendlich weit sehen und muss sich keine Sorgen um nichts mehr machen ...“

WAS REDE ICH DENN DA?

Ich fahre mir mit der Hand durch das verschwitzte Haar. „Haha, hui. Du musst das für ganz schön dumm halten, hm? Ich platze hier einfach so rein und brabble schlechte Poesie vor mich hin ...“

Die winzigste Andeutung eines Lächelns. „Ich fand es sehr treffend ausgedrückt.“

Ich ziehe an einer Haarsträhne, bis es wehtut. Das wird mir helfen, mich zu konzentrieren, wette ich. „Wie auch immer. Ich dachte mir nur, es gibt da so Augenblicke, in denen ich unheimlich angep... – äh, verärgert bin. Und dann fliegt irgendwas in die Luft. Aber ich glaube, es wäre mir lieber, ich könnte diesen Ort wieder berühren. So, wie sich dein Verstand angefühlt hat. Ruhig. Geerdet. Ich meine ...“ Ich mache den Fehler, aufzuschauen, und ihre Augen sind einfach da und beobachten mich und die Luft in meiner Kehle staut sich auf und weigert sich, sich zu bewegen.

Ich habe Mühe, meinen nächsten Atemzug zu tun. „Ich glaube, Jace wäre das lieber. Damit ich sein Haus nicht zerlege. Ich meine, er hat überall so teures Zeug rumstehen.“

„Ich kann dich das Meditieren lehren, falls du dies wünschst.“

„Äh ... ja.“ Versuchen wir‘s. Klingt gut.

Ihre dünnen Augenbrauen kräuseln sich. „Fühlst du dich nicht gut? Du wirkst beunruhigt.“

Der gesamte Garten ist voller schwebender, glitzernder, silberner Stäubchen. Ich habe die letzte Stunde damit verbracht, mich so weit im Zaum zu halten, dass ich Jaces Haus nicht in die Luft jage, und mein Herz hämmert mir gegen die Brust, als hätte ich gerade einen Langstreckenlauf hinter mir. MIR GEHT‘S BESTENS. DANKE DER NACHFRAGE.

Stattdessen plappere ich drauflos: „Es ist nur so, dass du mich die ganze Zeit über so angestarrt hast.“

„Du hast mit mir gesprochen. Sollte ich dir da nicht aufmerksam zuhören?“ Ich könnte schwören, dass ihre Lippen beben. „Ist dies auf deiner Welt nicht – nicht höflich?“ Zum ersten Mal wendet sie den Blick ab und eine Hand zupft an einem ihrer Ohren, deren Spitzen so lang wie Grashalme sind. Der Schnee ihrer Wangen nimmt die Farbe des Sonnenuntergangs an.

WAS ZUM TEUFEL HABE ICH DA GERADE GESAGT?

„Wa...? O nein! Ich meine ... entschuldige!“

Ich springe auf und stoße mir den Kopf an einem niedrig hängenden Ast. „Au! E-entschuldige. Das war dumm.“ Ich weiche zurück, greife mir an den Kopf, nehme die Ellenbogen hoch, um meine brennenden Augen zu verbergen, stolpere über die gleiche verdammte Wurzel, zittere und ringe um Atem, während sich mir der Magen umdreht. Was habe ich nur getan? Was habe ich nur getan? Was habe ich nur getan?

In einem Wimpernschlag ist sie auf den Beinen. „Warte.“

„Du fühlst dich meinetwegen komisch. Ich sollte gehen. Ich gehe einfach. Entschuldige. Bis dann. Entschuldige.“

„Chandra, bitte ...“

Ich drehe mich um und laufe los. Funken, Bäume und Blumen verschwimmen für mich miteinander, als ich durch die Tür poltere.

... Ich glaube, ich muss vor Aufregung gleich kotzen.
__________
Zuletzt geändert von Judge Fredd am Fr 2. Sep 2016, 13:19, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Fr 2. Sep 2016, 13:13

FORTSETZUNG:
Spoiler:
„Was für eine Katastrophe“, murmelte Liliana. Sie lehnte mit einer Hüfte gegen den Türrahmen zum Übungsraum des Fleischklopses. Nach der Szene unten hatte sie mit Feuerschäden gerechnet. Die Sandburg war eine Überraschung.

Gideons Stimme dröhnte von der Treppe hinter ihr. „Und hier oben mache ich meine Übungen. Ich habe versucht, Chandra und Jace zu ertüchtigen und jeden dazu zu befähigen, mit einer echten Waffe umzugehen. Ihr wisst schon. Nur für den Fall.“

„Ich bin voller Zuversicht, dass sich dieser Raum als nicht minder faszinierend wie der Rest Ihrer Einrichtungen erweisen wird“, erwiderte Baan müde.

RUMS.

Liliana fuhr zusammen und sah gerade noch, wie Chandra an Baan und Gideon vorbeiwirbelte wie ein Komet mit rotem Haar. Sie zog Bahnen aus Funken hinter sich hier, die ihr aus den Augen sprühten.

„Entschuldigungdassichdaskaputtgemachthabe“, sagte sie im Vorbeigehen, als würden die Worte wie Luftblasen aus einem See emporschießen.

Dann war sie fort und ihre Schritte donnerten die Treppe hinunter.

„Vorsicht! Fall nicht!“, rief Gideon ihr nach.

Liliana trat auf die Treppe und spähte hinauf. Nissa blickte händeringend nach unten, die Lippen in unausgesprochener Verwirrung geöffnet und die langen Ohren traurig herabhängend.

Liliana schüttelte den Kopf und machte sich auf den Weg nach unten. Irgendjemand musste dieses Chaos beseitigen. Chandra war so leicht zu durchschauen. Zu leicht. Und dennoch verfügte sie über unbändige Macht. Eine nützliche Kombination.

Die Sonne wanderte westwärts und beschwerte ihnen einen langen, heißen Nachmittag. Im Osten kündeten tief hängende, schiefergraue Wolken einen jener Schauer an, die dafür sorgten, dass die Sommerluft sich noch schwüler statt kühler anfühlte.

Nicht, dass die Hitze Liliana sonderlich zugesetzt hätte. Nekromagische Macht bot gewisse Vorzüge, von denen man nur selten hörte. Beispielsweise eine Körpertemperatur, die niedrig genug war, um Heilern einen Schrecken einzujagen. So wurde ein Sommer deutlich angenehmer, und ihr Atem war eisig statt warm. Jace war außerordentlich empfindlich dagegen gewesen. Der kleinste Lufthauch an seinem Hals hatte ausgereicht, ihn aus dem Schlaf zu reißen.

Sie runzelte die Stirn und schob die Erinnerung entschlossen beiseite.

Chandra war nicht schwer zu finden. Auch wenn man den Umstand außer Acht ließ, dass sie die klare Neigung dazu aufwies, in allerlei Gegenstände und Personen hineinzulaufen, wenn sie losrannte, rauchte ihr Haar zudem in einer leicht anderen Farbe als die Essenskarren, die auf dem Platz verteilt standen. Liliana musste nicht einmal einen Schatten heraufbeschwören, um ihr suchen zu helfen.

Chandra hatte sich in einer Gasse drei Blocks von Jaces Haus entfernt zusammengekauert, deren Eingang von einem heiseren Essensverkäufer verborgen war, dessen Karren nach billigem Schweinefleisch und zerkochtem Kohl roch. Mit den Knien bis ans Kinn gezogen und gegen eine Backsteinmauer gelehnt zupfte sie an Strähnen ihres kupferroten Haares.

Zischende Laute kamen vom Eingang der Gasse als Echos zurück: „Saublöd, saublöd, saublöd ...“

Das klang überhaupt nicht gut. Liliana fegte beherzt um die Ecke und achtete darauf, dass der Saum ihres Kleides nicht in die Pfützen geriet, die wie Regenbogen schimmerten. „Ach, Chandra, hier steckst du also.“

Sie sprang auf die Beine und wischte sich mit einem zittrigen Handrücken übers Gesicht. „Oh, he. Was ... Was machst du denn hier?“

„Ich war auf dem Weg, ein paar Einkäufe zu erledigen“, flunkerte Liliana. Das würde sie wahrscheinlich glauben. Die große Schwester Liliana, die so ein glamouröses Leben führte und so weiter und so fort.

Chandra zog die Nase hoch und warf Liliana einen skeptischen Blick zu. „In einer Gasse?“

„Wir kaufen nicht alle an den gleichen Orten ein“, sagte Liliana. „Möchtest du mitkommen?“

Chandra spähte über die Schulter zum anderen Ende der Gasse, wo die Schatten der Menschenmenge flirrten und im Licht des Nachmittags tanzten. „Ist jemand bei dir? Gids?“

„Um Himmels willen, nein. Er würde eher sterben, als mit mir einkaufen zu gehen.“

Chandra grinste. „Würde er das tun, dann würdest du ihn allerdings sofort wieder von den Toten auferstehen lassen, damit er dir deine Taschen trägt!“ Sie hielt inne. „Hast du mich gerade einen Nekromagier-Witz machen lassen?"

„Nur dieses eine Mal. Weil ich dich so mag.“ Die Steifheit in Chandras Schultern löste sich, wenn auch nur ein wenig. Gut.

Chandra wischte sich erneut die Nase ab und rieb sich danach gedankenverloren die Hand an dem Schal sauber, der um ihr Handgelenk geknotet war. „Was wolltest du denn überhaupt einkaufen?“

„Ach, nichts Wichtiges“, sagte Liliana fröhlich. „Eine Flasche Wein, ein halbes Dutzend tote Katzen – wenn möglich welche, die schon zwischen sieben und zehn Tagen vor sich hin wesen –, Lavendelduftkerzen, eine drei Ellen lange Knochensäge ...“

Chandras Mund zuckte einen Augenblick, ehe sie die nächsten Worte über die Lippen brachte. „Ich ... Ich kann nicht sagen, ob du das ernst meinst.“

„Dann wirst du wohl mitkommen und es dir mit eigenen Augen anschauen müssen. Wir können uns unterwegs unterhalten.“
__________

Alles war dunkel. Kalt. Still. Feuchtigkeit umgab sie. Von fern sickerte eine schwache Wärme zu ihr durch, nur ein kaum spürbarer Hauch auf ihrem Rücken. Sie hatte eine Ewigkeit gewartet, unter Monden aus knisterndem Eis und plätscherndem Regen, und sie hatte gespürt, wie über ihr in aller Hast ganze Lebzeiten vergingen.

Es war Zeit, sich zu regen.

Behutsam entrollte sie sich und schob die Weichheit von sich, die auf ihr lastete. Ihre Gliedmaßen streckten sich ächzend und zitternd von der unvorstellbar langen Zeit, die sie zusammengekauert im Dunkel verbracht hatte. Überall um sich herum nahm sie wahr, wie auch ihre Geschwister sich rührten. Die Wärme auf ihrem Rücken breitete sich auf alle von ihnen aus und rief sie wach. Endlich war es an der Zeit, sich zu versammeln.

...Nissa...

Sie stemmte sich dem Gewicht über ihr entgegen. Sie streckte sich. Bleiche, dünne Zehen sanken in die violetten Tiefen unter ihrem Bauch – dort drunten, wo die lange Kälte noch immer knurrend umherschlich und Klingen aus Kristall durch unerforschte Räume schnitten. Sie bebte vor Anstrengung.

Vielleicht konnte sie es gar nicht schaffen. Vielleicht würde sie für immer hier unten bleiben müssen. Verloren und wieder zu einer vergessenen Hülle zusammengefallen. Nicht tot, doch niemals lebendig.

...Nissa?

Die Dunkelheit über ihr brach auf.

Sie erschauerte. Auf schmerzenden, unsicheren Beinen kämpfte sie sich hoch. Ihre Arme zitterten, als sie sie behutsam weit von ihrem Oberkörper streckte. Jede Bewegung war eine schreckliche Qual. Die Hitze drückte auf sie nieder, brachte kaltes Blut zum Fließen und füllte ihre Gliedmaßen mit Kraft und Farbe. Ihr Kopf hob sich ins Licht, und ihr Haar begann zu leuchten.

„Nissa?“

Bild

Das Wort traf sie selbst aus einer Entfernung von tausend Meilen wie ein Peitschenschlag.

Binnen eines einzigen Atemzugs wurde sie davongerissen.

Die Welt schoss an ihr vorbei. Ein Gewirr aus Holz und Pilzen, die über- und durcheinander wucherten. Ödlande aus fauchendem Staub, der geduldig Steine verschlang. Massen murrender Wolken, die sich der Erde unter ihnen öffneten. Reihen messerscharfer Steine, die den Himmel aufrissen. Tiefe, kalte und leere Wasser.

Sie blinzelte zu Gideon, augenblicklich verwirrt von seinen grunzenden Bestienlauten – seinen Worten, verbesserte sie ein Teil von ihr – und den knubbeligen Auswüchsen – den Fingern –, mit denen er vor Augen herumwedelte, die plötzlich Licht statt Wärme sahen. „Ich ...“

Ich bin kein Samen.

Nissa. Ich bin wieder Nissa
.

Er blickte sie erwartungsvoll an. Regen trommelte gegen die Fenster von Jaces Bibliothek. Ihre Worten klangen rau und krächzend: „Entschuldige, Gideon. Was hast du gesagt?“

Er zeigte die Zähne. Ein Grinsen. „Ich dachte, du wärst für einen Augenblick eingeschlafen.“

„Ich habe nur ...“ Eine Blume spross eine halbe Welt entfernt aus dem Boden einer frühlingshaften Tundra und frohlockte ob ihrer Berührung durch die ersten Sonnenstrahlen. Sie musterte sein freundliches und offenes Gesicht, entdeckte aber nichts, woraus sie ein tieferes Verständnis für die Situation hätte entwickeln können. Keinen Zusammenhang, der ihr Orientierung geboten hätte. Keine Worte der Erklärung.

„... nachgedacht.“ Sie schaute in ihren Schoß, auf dem eine unangetastete Schüssel mit Essen ruhte.

Er spießte ein Stück Fleisch auf seinem Teller mit einem Werkzeug auf – Gabel nannte man es, wie sie sich nun erinnerte –, das zwischen seinen dicken, schwieligen Fingern geradezu verloren wirkte. „Ich habe Minister Baan erzählt, was ihr auf Zendikar getan habt. Du und Chandra.“

Chandra. Das Blut, das heiß durch ihre sommersprossigen Wangen strömte. Die schnellen, geschickten Bewegungen ihrer Hände. Wie Vögel.

Nissa fütterte manchmal die Vögel, dort im Garten. Sie pickten ihr Samen aus der Hand, hungrig und gierig, doch sie flatterten schon bei der kleinsten falschen Bewegung davon.

Sie hatte sich falsch bewegt und Chandra war davongeflogen.

All ihre Sinne und Instinkte waren verwirrt.

Ravnica bedrängte sie schon seit ihrer Ankunft – der heiße, beständige Atem einer Bestie in ihrem Nacken. Die Sonne war gleißend weiß, die Gerüche schwer und unangenehm. Jede Oberfläche schien scharfe Kanten aufzuweisen, die nur dazu dienten, Dinge zu schneiden und zu zerreißen.

Eine endlose Aneinanderreihung von Gesichtern strömte durch die Straßen, fremd und bedrohlich. Mehr Gesichter, als sie sich je hatte vorstellen können. Sie flossen ineinander, wurden zu einer einzelnen Monstrosität mit tausend Köpfen, die sich an ihr vorbeidrängte. Allein schon ein kleiner Spaziergang um das Gebäude herum ließ sie zitternd in Schweiß ausbrechen. Sie musste sich zusammenkauern und die einsamen Blumen betrachten, die sich durch das zerbrochene Kopfsteinpflaster mühten. Sie durfte den emsigen, lauten Gestalten, die unablässig schubsten und traten und stachen, keinerlei Beachtung schenken.

Es gab keine Stille. Tagsüber dröhnten von überall misstönende Ambosse. Endlose Bankette zischten und fauchten aus tausend Öfen. Bei Nacht erhob sich eine Mauer aus Sirenen und dem Knistern von Mana. Milliarden Stimmen krakeelten und keiften beständig, schrien vor Schmerz und Trauer, vor Lust und Zorn und überlagerten sich in ihrem Gebrabbel. Seit drei Monaten hatte sie nicht mehr das Flüstern des Windes in den Bäumen gehört. Sie hatte nichts davon gehört.

Die Gesichter. Der Lärm. Die unzähligen fremden Gerüche, die sich in ihrer Kehle ansammelten, um sie zu knebeln. Wenn es zu schwer zu ertragen war, kauerte sie sich im Garten zusammen und hielt sich die Ohren zu, und die Bäume wiegten sie in Sicherheit.

Alles hier war hart und grell und scharf.

Chandra. Augen wie ein Sonnenaufgang. Ein Gesicht, auf dem jeder ihrer Gedanken klar zu lesen stand. Furchtlos.

Oh, Zendikar. Wodurch habe ich sie nur verärgert? Was habe ich getan?

Doch ihre Freundin – ihre beste Freundin, ihre ständige Gefährtin seit vierzig Jahren – konnte ihr nicht antworten. Jener Winkel in ihrem Verstand, in dem Zendikar gelebt hatte, war stumm und leer. Es gibt so vieles, was ich nicht verstehe. Ich wünschte, du wärst hier.

Sie war noch nie unter so vielen anderen und doch noch niemals so allein gewesen.

„Nissa?“

„Ja.“ Sie nahm eine kleine rote Frucht aus ihrer Schale. Tomate, nannte Jace sie. Straffe Haut voller Wasser und ein feiner Geruch von Säure. „Was wolltest du gerne wissen?“

Baan legte sein Besteck in einem derart präzisen Winkel quer über den Rand seines Tellers, dass es ihr in den Augen wehtat, ehe er die Fingerspitzen wie zu einem kleinen Dach aneinanderpresste. „Bitte verzeihen Sie meine Neugier, Fräulein ... Nissa.“ Er runzelte die Stirn, als der Name ihm zwangsläufig einen Zischlaut entlockte. „Wenn ich das recht verstanden habe, verfügen Sie über die Fähigkeit, natürlich vorkommende Muster der Magie zu erkennen und zu manipulieren? Durch das Land selbst, wenn ich mich nicht irre?“

Der goldene Zierrat auf seinem Mantel tickte leise, ein Kontrapunkt zu der Uhr am anderen Ende des Raumes. Sie konnte die Energie in seinem Inneren zischen und klackern hören, unerkennbar für Gideon und vielleicht sogar für Baan selbst. Seine Ohren waren so klein wie die eines Menschen.

„Leylinien“, sagte sie. „Ja.“

Seine Nasenlöcher zuckten, als er scharf einatmete. „Ein faszinierende Inversion. Auf meiner Welt strömen ähnliche Energien durch die oberen Schichten des Himmels. Man nennt sie Äther. Wir schöpfen diese Kraft ab – auf Bergspitzen oder mithilfe von Thoptern – und speichern sie in mechanischen Geräten, um sie für eine Reihe produktiver Anwendungsgebiete zu nutzen. Tun die Menschen auf Ihrer Welt etwas Ähnliches?“

Dolchscharfe Steine schwebten in der Luft und beugten die Welt ihrem Willen. Ein Netz, ein Käfig ... ein Geflecht.

Eine Woge aus Übelkeit stieg kurz in ihr hoch.

„Nein“, sagte sie in ihre Schüssel und zog die Schultern zusammen. „Manche taten es, aber sie ...“ Die Geschichten türmten sich in ihrer Kehle auf. Wo sollte sie anfangen? „Das Land ist nicht – wir bitten es. Wir nehmen uns nichts ungefragt.“

„Bitten?“, wiederholte Baan und zog das Wort sehr lange. „Wen bitten Sie denn? Ihre Leylinien sind doch zweifellos ein natürlich vorkommendes Phänomen, nicht wahr?“ Seine Stimme wurde dünn vor ätzender Verachtung. Die Form seiner Augen veränderte sich und zeigte nun sehr spitze Winkel. „Würden Sie auch den Berg um seine freundliche Erlaubnis bitten, das Eisen an seinem Fuß zu schürfen? Würden Sie den Baum um die Frucht bitten, die Sie ernährt?“

„Ja.“ Mehr sagte sie nicht. Sie nahm die Tomate in den Mund und biss darauf. Das Wasser spritzte heraus – das scharfe Licht einer weißen Sonne, die unbarmherzig herabgleißte. Furchen dunkler Erde, durchsetzt mit den Überresten jener, die längst fort waren. Sanft bebaute Pfade, über die flüsternde Elfen und Dryaden tanzten. Schräg gehaltene Kannen, die geborgten Regen brachten, der auf Blätter prasselte und zitternd an ihnen herabrann..

Ein ganzes Leben in einem Mundvoll süßen Fleisches. Monate der Geduld. Danke, dachte sie und schluckte.

Gideon bewegte sich in seinem Stuhl. Er beugte sich vor und platzierte sich so auf unauffällige Weise zwischen ihnen. „Herr Minister, die Dinge sind ... anders ... auf Nissas Welt.“

Die schwere Tür am Ende des Raumes öffnete sich und ein erschöpft aussehender Jace trottete herein. Lavinia folgte ihm auf dem Fuße. Als er murmelte: „Ich könnte wirklich etwas zu trinken gebrauchen“, drückte sie ihm einen Becher Tee in die Hand, dessen Dampf nach Zitrone, Hibiskus und verschiedenen Kräutern duftete, die Nissa nicht erkannte. Er blinzelte. „Woher wusstest du ...?“

„Es ist meine Aufgabe, dich zu kennen, Gildenbund“, sagte sie steif. „Soll ich jemanden dein Abendessen aufwärmen lassen?“

„Nein. Danke, Lavinia.“ Er zog sich einen Stuhl heran – alte Eiche, dunkel von Jahren der Sonne. Nissa fragte sich, woher dieser Stuhl stammte. Er war deutlich älter als das Haus. Das Leben in ihm war nun nur mehr ein Flüstern, ein flüchtiger Schatten an einem wolkigen Tag.

Auf Jaces Teller befand sich eine gelblich-weiße Masse aus Käse und Getreide. Selbst kalt konnte Nissa sie von der anderen Seite des Raumes aus riechen. Er runzelte die Stirn. „Ist da Brokkoli drin?“

„Du brauchst Eisen“, sagte Lavinia.

„Ich hasse –“

„Du wirst ihn kaum schmecken.“ Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch.

Baan sah ihn kühl an. „Sie wurden als Kind gehänselt.“

Jace verschluckte sich schier an seinem ersten Mundvoll Essen und brachte ihn nur mit größer Mühe hinunter. „Ich, ähm, erinnere mich nicht an meine Kindheit.“ Ein Dutzend verschwommener Gedanken flackerte vor seinem inneren Auge auf.

Der Kaladeshi hob die Brauen. „Man muss sich nicht bewusst an ein Ereignis erinnern, um sich Verhaltensweisen anzugewöhnen, die in der fraglichen Erfahrung begründet liegen. Es ist nicht unvorstellbar, dass jemand sein gesamtes Leben vergisst. Wenn dies der Fall wäre, so würde ich darauf wetten, dass der Betreffende noch immer die gleichen Entscheidungen träfe und sich zu den gleichen Menschen hingezogen fühlte.“ Er wedelte mit einer Hand wie ein Ochse, der eine lästige Fliege mit dem Schwanz verscheucht. „Das Wesen der Sterblichen ist nicht so veränderlich, wie man es leichtfertigerweise vielleicht annehmen könnte. Jemand mit religiösen Tendenzen wird immer etwas finden, was größer ist als er selbst, woran er glauben kann. Und ein Verbrecher bleibt für immer ein Verbrecher.“

Jace legte die Gabel weg. „Das ist ein sehr ... deterministischer Standpunkt, Herr Minister.“

Baan blinzelte, erst mit dem einen Auge, dann mit dem anderen. Es war kein einfaches Zwinkern, sondern eine Körpersprache, die einzigartig an ihm war. Eine, wie sie Nissa noch nie zuvor gesehen hatte. „Der sterbliche Korpus und selbst der Verstand ist lediglich eine Anordnung ausgefeilter Mechanismen. Nichts ist leichter, als einen in Gang gesetzten Mechanismus zu beobachten und die richtigen Schlüsse aus seinem Verhalten zu ziehen.“

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Jace räusperte sich. „Hat Euch die Führung gefallen?“

Nissa blickte auf ihr Essen. Sie zupfte ein Stückchen gedämpften Fisch mit den Fingern heraus und ließ den Geschmack auf ihrer Zunge zergehen. Silbrige Leiber flimmerten in grünen Schatten. Torfbröckchen rau wie Grieß und das schwache Aroma von Metall. All dies kam nicht in ihrer Muttersprache zu ihr, aber es war ihr dennoch verständlich. Danke, dachte sie. Ich werde das, was du gegeben hast, weise nutzen.

Baans Stuhl knarzte, als er sich zurücklehnte. „Es gibt eine Reihe struktureller und organisatorischer Unzulänglichkeiten, auf die ich Sie nur zu Ihrem Besten hinweisen möchte. Die tragenden Balken in der untersten Etage sind angebrochen. Die Anwendung ausreichender Kraft würde sie einstürzen lassen. Die Anordnung der Möbel in den meisten Schlafräumen ist ineffizient und hinterlässt eine Vielzahl von ‚Taschen‘ im Raum – wenn Sie mir die Ungenauigkeit dieses Begriffs bitte verzeihen mögen –, die zu klein sind, um sie praktisch zu nutzen. Es gibt siebzehn Bücher, die auf die falschen Regale in der Bibliothek einsortiert wurden. Mehreren Lampen in der zweiten Etage fehlt der angemessene Schutz vor Zugluft ...“

„Vielleicht sollte ich mir das aufschreiben“, sagte Gideon mit einem schiefen Lächeln.

„Ich werde an alles denken“, sagte Jace.

Baan merkte auf. „Wenn ich das richtig verstanden habe, geht der Zwischenfall in Gideons Übungsraum zulasten der Pyromagierin in Ihren Diensten?“

„‚Dienste‘ ist da vielleicht etwas zu hart.“

„Ungeachtet der genauen Einzelheiten der von Ihnen untereinander getroffenen Vereinbarungen ist der Mangel an Vorsichtsmaßnahmen dennoch sehr bedenklich. Sie besitzen immerhin eine Bibliothek von einer hinreichend beachtlichen Auswahl und Größe. Für eine Pyromagierin ist sie jedoch lediglich Zunder. Würde etwas hier drinnen in Flammen aufgehen ...“

„Ich mag vielleicht ... Differenzen ... mit Chandra haben, aber ich vertraue darauf, dass ...“ Jace hielt inne. „Wo ist Chandra eigentlich?“

Nissa blickte auf. Chandras üblicher Platz am Tisch war leer.

Gideon zuckte die Schultern. „Ich habe auch schon nach ihr gesucht. Wir zwei müssen uns über den pfleglichen Umgang mit anderer Leute Sachen unterhalten. Das letzte Mal, dass ich sie sah, rannte sie vom Dach –“

Ihr Atem stockte.

„... und Liliana folgte ihr.“

Jace blickte ruckartig auf. Lavinia, die an der Tür stand, räusperte sich. „Gildenbund. Erlaubnis zum Rapport?“

„Was? Ja!“ Jace drehte sich in seinem Stuhl um. „Weißt du, wo sie sind?“

Lavinia nahm beinahe unmerklich Haltung an. „Vor einiger Zeit erbat Hauptmann Jura, dass ich jemanden abstelle, der der Gräfin Vess folgen soll, sobald sie das Haus verlässt.“

Jace funkelte Gideon an, der die Schultern zuckte. „Eine Nekromagierin. Man kann nie vorsichtig genug sein.“ Er schob sich eine weitere Gabel voll Fleisch in den Mund.

Lavinia verlagerte ihr Gewicht auf den anderen Fuß, wodurch ihre Rüstung zu schwingen begann – ein Geräusch, das niemand sonst im Raum hören konnte. „Sie hat die Mönchin Nalaar kontaktiert –“

Baan beugte sich in seinem Stuhl vor. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

„Sie haben den Nachmittag damit verbracht, durch das Marktviertel zu spazieren und haben dann ... äh ... diese Welt verlassen.“

„Gemeinsam?“, fragte Jace.

„Jawohl.“

Gideon ließ die Gabel sinken. „Wohin?“

„Das können wir nicht wissen, mein Herr.“

„Nalaar,“, sagte Baan leise. Er sprach es mit der gleichen Betonung wie Chandra aus, die niemand sonst von ihnen jemals ganz genau nachzuahmen vermochte. „Sie müssen mir meine Konsterniertheit verzeihen. Dies ist ein Name, den ich seit vielen Jahren nicht mehr gehört habe.“

Jace schob seinen Teller beiseite und legte die Hände auf den Tisch. „Das müsst Ihr mir bitte erklären.“

„Ich könnte zwar nicht behaupten, dass mir das eine Freude wäre, doch ich nehme an, es ist nun einmal meine Pflicht.“ Baan faltete die Hände im Schoß. „Pia und Kiran Nalaar sind zwei Führungsfiguren aus der Frühzeit der Renegatenbewegung. Es handelte sich bei ihnen, so ungern ich dies auch sage, um Verbrecher, die an Diebstählen und der ungesetzmäßigen Umverteilung von Ätherressourcen des Konsulats beteiligt waren.“

„Sie sind mit Chandra verwandt?“, fragte Gideon. „Ich wusste nicht einmal, dass sie aus Kaladesh stammt ...“

„Ihre Eltern, wenn ich mich nicht sehr täusche. Vor zwölf Jahren überredeten sie ihre Tochter – deren Name nicht überliefert ist –, ihnen bei ihren Umtrieben als Schmuggler zu helfen. Ich bin mit den Einzelheiten nicht vertraut, doch das Mädchen entging ihrer Gefangennahme, als sie unvermittelt gefährliche pyromagische Kräfte entwickelte. Die Nalaars versuchten, sich auf dem Land zu verstecken. Durch eine Großfahndung wurden sie in Bunarat aufgespürt, doch während des Versuchs, sie dingfest zu machen, ging das Dorf in Flammen auf. Alle drei wurden vom diensthabenden Offizier als tot gemeldet.“

„Vor zwölf Jahren?“ Gideon zeigte sich verblüfft. „Aber sie ist doch erst ...!“

„Sie muss noch ein Kind gewesen sein“, sagte Nissa sanft.

Baan öffnete den Mund, schloss ihn wieder und lauschte in sich hinein, während er mit den Fingern auf die Verzierungen an seinem Ärmel tippte. „Sie müssen das bitte verstehen“, sagte er schließlich. „Dies wurde unter der Herrschaft einer früheren Regierung durchgeführt. Und selbst damals wurden diese Maßnahmen als ... ungewöhnlich ... angesehen. Der für die Untersuchung zuständige Offizier setzte selbige trotz einer offiziell anberaumten Beendigung fort. Wenn ich mich recht entsinne, wurde ihm der daraus entstandenen Kosten wegen ein ordentlicher Prozess gemacht.“

„Wegen der Kosten ... ?!“, entfuhr es Jace.

„Ich weiß nicht, was ihre Eltern getan haben“, sagte Gideon mit grimmiger Miene. „Und es ist mir auch gleich. Welche Verbrechen sie auch immer begangen haben mögen, so haben diese nichts mit Chandra zu tun.“ Er kniff die Augen ein wenig zusammen. „Handelt sie oft vorschnell? Sicher. Ich wäre ein Narr, das zu leugnen. Aber ihr Herz ist so groß wie der Mond.“

Baan verschränkte die Finger ineinander und stützte das Kinn auf ihnen ab. „Herr Gideon, Äther ist die Luft, die wir atmen. Er ist der Regen, der auf die Erde fällt, und das Laub an den Bäumen. Eine derartig große Macht wagen wir nur mit den Handschuhen des Handwerks anzurühren – Abertausenden von Teilen einer Maschinerie, von denen jedes seine ihm zugewiesene Funktion sicher und gefahrlos ausführt. Durch striktes Befolgen dieser Methode vermeiden wir 87,4 % der Unfälle, die von Magiern verursacht werden, welche unmittelbar auf Mana zugreifen. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber insbesondere Pyromagier sind für durch sie ausgelöste ... Kollateralschäden ... bekannt.“ Baan atmete langsam ein, während seine fuchsienroten Augen über ein Bild huschten, das nur in seinem Kopf existierte. „In der Vergangenheit haben Pyromagier entsetzliche Tragödien angerichtet. Nicht immer mit Absicht, doch stets aufgrund ihrer Natur.“

„Also habt Ihr Streichhölzer verboten?“, fragte Gideon mit einer Ernsthaftigkeit und Strenge, die Nissa noch nie zuvor bei ihm gehört hatte.

Baan senkte den Blick. „Darf ich aus Ihren Reaktionen schließen, dass Fräulein Nalaar in Ihrem Beisein nie darüber gesprochen hat?“

„Kein einziges Wort“, sagte Gideon. Er starrte auf die Reste seines Essens und ballte eine Hand zur Faust.

Jace blickte ihn mitfühlend an. „Sie hat sich niemandem von uns anvertraut.“

Gideon schüttelte schwach den Kopf. „Aber sie hätte doch wissen müssen, dass sie das kann.“

„Das war ihre Entscheidung. Nicht unsere“, murmelte Nissa. Sie legte eine Fingerspitze auf den Rand ihrer Schale und strich darüber, um das Gefäß in Schwingungen zu versetzen. „Wir alle haben Narben, von denen wir nicht wollen, dass ein anderer sie berührt.“

Chandra hatte ihr gegenüber gesessen, mit brennenden Wangen und mit den Händen Blumenstängel verbiegend, und sie hatte um nichts weiter als einen Augenblick des Friedens gebeten. Um etwas, was das heftige, vogelhafte Flattern ihres Herzens verlangsamt hätte. Doch Nissa hatte sich falsch bewegt. Chandra war auf und davon geflogen.

„Wenn ich eine Frage stellen dürfte“, sagte Baan. „Wohin ist sie Ihrer Meinung nach denn gegangen? Sie wird doch kaum so voreilig sein, nach Kaladesh aufzubrechen?“

Nissa schaute auf. Jace und Gideon wechselten einen Blick. Beide sahen sie kurz an.

Sie standen gemeinsam auf.

Jace wandte sich zum Mantelraum um. „Ich gehe nach Kaladesh. Es sollte ein Leichtes für mich sein, sie –“

Lavinia stellte sich ihm in den Weg, eine Hand am Knauf ihres Schwertes. „Schon wieder?“, fragte sie mit leiser, enttäuschter Stimme.

Er blickte sie finster an. „Du kannst doch nicht erwarten, dass ich hier herumsitze und Papierkram erledige!“

Sie nickte in Richtung von Gideon und Nissa. „Sie können die Mönchin Nalaar finden. Sie können nicht der Gildenbund sein."

Gideon legte Jace eine fleischige Hand auf die Schulter. „Sie hat nicht ganz unrecht. Denk an das große Ganze, Jace. Ich kann das hier erledigen. Obwohl ich mich kaum darauf freue.“ Er seufzte. „Du weißt, wie sie ist, wenn ihr jemand vorschreibt, was sie tun soll ...“

Kaladesh. Ghirapur. Eine Stadt aus Messing und Industrie. Wie auch Ravnica eine Stadt, die niemals schlief, wo der Wind nach Metall und knisternden Energien roch und endlose Ströme menschlicher Gesichter auf und ab wogten. Ein Meer aus Fremden, die sie angafften und flüsterten. Sie anstarrten. Auf sie deuteten. Sie schubsten.

„Ich werde gehen.“ Die Worte waren schon ausgesprochen, noch ehe sie sie gedacht hatte.

Gideon drehte sich zu ihr um. „Bist du sicher?“ Sein Blick wanderte zu ihren zitternden Fingern. „Nissa, du musst nicht allein gehen.“

Sie ballte die Hände zu Fäusten, um sie zu beruhigen. „Ich werde nach Kaladesh gehen. Baan kann mich führen. Ich werde ...“

Was?

Chandra nach Hause holen? Sie war zu Hause.

Sie aus Schwierigkeiten befreien? Sie war eine erwachsene Frau. Sie konnte tun, was sie wollte.

Sie beschützen? Chandras Herz war ein Baloth. Sie brauchte keine Heldin.

„... ihr zur Seite stehen.“

Das fühlte sich richtig an.

Veröffentlicht in Magic Story on August 29, 2016

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Fr 2. Sep 2016, 13:34

Wer sich das nicht an tun will, hier eine kurze Zusammenfassung:
Spoiler:
Drei Monate sind vergangen, seit die Wächter - nun auch mit Lilliana - die Titanin Emrakul besiegt haben. Alle 5 wohnen nun bei Jace auf Ravnica, der in seinen üblichen Aufgaben als Gildenbund untergeht.
Unerwartet erhalten sie besuch von Dovin Baan, einem Planeswalker von Kaladesh, der die Wächter im Namen des Konsulats bittet sich der Aufständischen gegen die Regierung anzunehmen und für die Sicherheit bei einem großen Erfinderwettstreit in der Hauptstadt zu sorgen. Die Wächter lehnen diesen Auftrag ab, da sie sich nicht in die politischen Angelegenheiten der Welt einmischen wollen.
Chandra Nalaar, wird aber an die tragischen Ereignisse ihrer Kindheit erinnert, verliert etwas die Fassung und macht sich, begleitet von Liliana, auf nach Kaladesh.
Als die restlichen Wächter durch Dovin Baan von Chandras Vergangenheit erfahren und feststellen müssen, dass sie nicht mehr auf Ravica ist, beschließt Nissa ihr zu folgen.

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Re: Kaladesh

Beitrag von Rotfuchs » Fr 2. Sep 2016, 22:52

Quasi die Dienstleistung für Lesefaule ;)
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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » So 18. Sep 2016, 12:12

Eindeutig besser

Eine Zeit der Innovationen


Auf Kaladesh hat der Erfinderwettstreit begonnen, bei dem sich Kreativität und Genie treffen. Erfinder sind in die Stadt Ghirapur geströmt, um an diesem weltbewegenden Ereignis teilzunehmen. Hier gilt für sie: „Sehen und gesehen werden“ – und sie haben die Chance, die Herzen der Bevölkerung und der Preisrichter für sich zu gewinnen. Die leidenschaftliche Ätherforscherin Rashmi hofft genau darauf: Sie muss die Preisrichter dazu bringen, an ihre Schöpfung zu glauben, wenn sie je darauf hoffen will, die Welt zu verändern und ihre Spuren auf ihr zu hinterlassen.

Mittlerweile hatten die Stadt Ghirapur und ihre Bewohner sich an die Anwesenheit des gewaltigen und an einen Käfer gemahnenden Inquiriums gewöhnt. Die weitläufige, hochmoderne Forschungseinrichtung hockte auf ihren sechs langen, unter dem Körper zusammengelegten Beinen aus Metall in einer Ecke des großen Platzes im Zentrum von Ghirapur. Wo der Verkehr zuvor noch oft zum Erliegen gekommen war, wenn die Fahrer mit offenem Mund die glänzenden, bauchigen Auswüchse und die äthermessenden Antennen bestaunten, nahmen die Pendler inzwischen kaum mehr Notiz von der Anlage, während sie an ihr vorbeirauschten. Das Inquirium war seit so langer Zeit an ein und demselben Ort geblieben, dass sich in dem Areal, das einem Kopf am nächsten kam, eine Familie von Pfauen eingenistet hatte. Selbst wenn ungefähr einmal in der Stunde ein Zischen aus den Eingeweiden des Labors zu hören war und eine Reihe knisternder Funken durch den Schornstein entwich, regten sich die Vögel nicht einmal. Das Leben hatte sich angepasst und Ghirapur das Inquirium wie so viele seiner anderen bunt zusammengewürfelten Wahrzeichen als Teil seiner eigenen Identität angenommen. Kaum jemand hielt mehr inne, um sich zu fragen, welcher brillante Forscher wohl in seinem Inneren leben mochte.

Auch Rashmi hatte die Leute draußen völlig vergessen. Sie hatte auch sonst nahezu alles vergessen außer dem Gerät, das sie gerade entwarf. Erst vor wenigen Monaten war der Materietransport zu einem heißen Thema unter den üblicherweise sehr zurückhaltend agierenden Gesellschaften für Ätherologie geworden. Im überschaubaren Kreis dieser Erfinder hatte es sich von einer bloßen Theorie, über die man lediglich hinter vorgehaltener Hand sprach, zu einer regelrechten Obsession entwickelt. Doch allein Rashmi verfügte über ein Gerät, das in der Lage war, genug Energie für solch ein Unterfangen zu erzeugen. Ihr bahnbrechender Ätherkondensator, der kaum Beachtung gefunden hatte, als er das erste Mal von ihr vorgestellt worden war, würde nun als Kernstück des Transporters urplötzlich mitten im Rampenlicht stehen. Es war, als wäre der Kondensator für genau diesen Zweck gemacht und sie – Rashmi – genau für dieses Experiment. Die Ätherströme waren ausgerichtet und zogen alles an den richtigen Platz, während sie mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit in Richtung ihres Crescendos jagten.

Sie würde es schaffen. Sie würde das Gerät gerade noch rechtzeitig zum Wettstreit fertigstellen. Gerade noch rechtzeitig, um der Welt zu zeigen, was alles möglich war.

„Pinzette.“ Rashmi streckte die Hand aus.

„Pinzette.“ Ihr Vedalken-Assistent Mitul legte das Werkzeug in ihre Handfläche.

Sie zwirbelte einen dünnen Draht zusammen und lauschte dabei auf das Muster des Ätherstroms. Sie wusste, der Äther würde es ihr erlauben, den Draht genau so weit zu straffen, dass er sicher befestigt war, ohne dabei das Metall zu stark unter Spannung zu setzen. „Messschieber.“

Mitul tauschte die Pinzette gegen den Messschieber. „Auf 3,084 einstellen.“

Rashmi nahm die Einstellung vor. „Wir strapazieren hiermit zweifellos die Grenzwerte.“

„Ich kann damit umgehen. Ich habe die Berechnungen vorgenommen. Dreimal.“ Mitul nahm den Messschieber und reichte ihr einen optisch zentrierenden Körner.

Sie stanzte ein Loch in das goldene Metallrohr und führte mit der Präzision einer Chirurgin das neue Filament ein, um es mit dem Rest des Ätherkreislaufs zu verbinden. „Das sollte genügen.“ Rashmi stand auf und reckte den steifen Nacken, während nervöse Aufregung sich in ihr breitmachte. Obwohl sie schon Hunderte von Versuchen durchgeführt hatten, war Rashmi jedes Mal aufs Neue gespannt, wenn sie kurz vor einem weiteren Durchlauf standen. Schließlich konnte es ja genau dieser eine Versuch sein, der ihre Theorie bestätigte. Besonders nun, da der Wettstreit so kurz bevor stand.

„Ich erledige den Aufbau.“ Mitul ging mit einer Eleganz, um die Rashmi ihn beneidete, zu einem Blumentopf, der in dem Sonnenlicht stand, welches durch das Fenster der Kuppel über ihnen hereinfiel. Er zupfte eine Blume aus dem Topf und platzierte sie in einer Vase auf dem Tisch in der Mitte des Raumes. „Versuchsobjekt Nummer 848 ist bereit.“ Mitul trat zurück.

Rashmi versuchte, nicht an die anderen Blumen zu denken, die vor 848 an der Reihe gewesen waren.

Sie wuchtete den Transporter von der Werkbank und trug ihn in den Versuchsbereich. Der Transporter hatte die Form eines großen, goldenen Reifen von den ungefähren Ausmaßen wie ein Rad eines Straßenkreuzers des Konsulats. Sie hielt ihn über die Blume und betätigte einen zierlichen, goldenen Schalter, um das Ätherventil zu aktivieren. Vibrationen bauten sich in seinem Inneren auf, als leuchtend blauer Äther durch den Ring strömte. Sie öffnete sich selbst der Großen Verbindung und dämpfte ihre anderen Sinne, um den Äther sehen zu können. Das Muster, das durch den Transporter floss, war ausgezeichnet. Die Anpassungen der Bauweise hatten den Fluss ausreichend verändert, um im Ring einen Impuls zu erzeugen, der sich in regelmäßigen Abständen wiederholte und dessen verschnörkelte Form sie an den Schwanz eines Bandaren erinnerte. Sie wertete das als gutes Zeichen, denn immerhin betrachteten Elfen Bandaren als Glücksbringer.

„Ich glaube, das ist es, Mitul“, flüsterte sie. „Ich kann es im Äther spüren.“ Ihre Hände zitterten.

„Meinen Berechnungen zufolge wirkt diese Iteration in der Tat sehr vielversprechend.“ Mitul verzog keine Miene, und sein gesamtes Gebaren blieb wie immer ausgesprochen professionell. Anders als sie wirkte er vor einem Versuch nie aufgeregt oder nervös: Er war eine beständige, stetige Kraft im Labor, die nie ihren Fokus verlor.

„Bereit?“, fragte sie.

Mitul nickte. Er stand an einem hohen Tisch, auf dem verschiedene Äthermessgeräte angeordnet waren. Die Spitze seines Bleistifts schwebte über seinen Laboraufzeichnungen. „Ich bin bereit.“

Du schaffst das, ermutigte Rashmi schweigend ihr Versuchsobjekt 848. „Also schön. Ich gebe den Transporter frei in drei ... zwei ... eins ...“ Sie ließ den Ring los, woraufhin der Äther in dessen Inneren anschwoll und einen Puffer bildete, auf dem der Ring dicht über der Blume schwebte.

„Startzeit des Versuchs ist notiert.“ Mitul kritzelte emsig. „Erste Äthermessungen erfasst.“

Mit einem leichten Seufzer senkte der Ring sich langsam ab und bewegte sich auf die Blütenblätter der Blume zu. Rashmis Nervosität wurde vom Summen des Äthers verschlungen. Sie konnte den Blick nicht mehr von seinem pulsierenden Fluss abwenden, der schneller und schneller wurde, je dichter der Transporter sich 848 annäherte. Die Kadenz nahm mit jedem weiteren Herzschlag zu, bis der Fluss die Begrenzung seiner eigenen Struktur hinter sich ließ und sich zu verlagern begann. Rashmi sah, wie die für gewöhnlich sanften Schwingungen heftige Ausschläge zeigten und mit einem Mal scharfe Kurven vollführten. Die wirbelnden Bandarenschwänze umkreisten einander wild. Sie erkannte dieses Verhalten wieder. Der Äther bildete jene Muster, die die Verheißung in sich bargen, den Gesetzen der Welt zu trotzen.

Als sich der Ring auf gleicher Höhe mit den Blütenblättern befand, hörte sie wie aus weiter Ferne Mituls Stimme. „Zeitpunkt des Kontakts erfasst.“

Rashmi hielt den Atem an.

Die Spitzen der Blütenblätter flackerten, als der Ring über sie hinwegfuhr. Der goldene Transporter setzte seinen Abstieg fort.

Ein weiteres Flackern.

Und dann löste sich die strukturelle Integrität der gesamten Blume urplötzlich auf, als sie mit einem leisen Knall zu einem schwebenden Umriss aus Staub zerfiel. Einen Atemzug später zerbarst dieser Umriss, da jedes Materieteilchen mit enorm hoher Geschwindigkeit nach außen strebte. Die winzigen Projektile schossen in den Ring und bohrten sich in das Metall hinein, um es an einigen Stellen sogar komplett zu durchschlagen. Der Transporter sprühte Funken und knisterte. Das zerbrechliche Ätherfilament gab ein hohes Winseln von sich und brannte aus, noch bevor Rashmi es hätte bergen können.

„Versuch fehlgeschlagen. Versuchsobjekt 848 wurde desintegriert“, sagte Mitul.

Rashmi seufzte und fuhr mit den Fingern über das Metall des Transporters, um die Schäden einzuschätzen. Sie hatte wirklich geglaubt, dass es dieses Mal funktionieren würde.

„Anzumerken ist“, sagte Mitul, „dass die Messungen Spuren transmutierter Materie erkannt haben, was darauf hindeutet, dass 848 gut auf die initiale Kontaktphase angesprochen hat.“

„Transmutation als Vorbereitung für den Transport?“ Rashmis Schulter strafften sich und sie fasste neuen Mut.

„So scheint es, ja.“

„Nun, in diesem Fall müssen wir lediglich für eine stabilere Umgebung sorgen.“

„Haargenau das, was ich auch denke“, sagte Mitul. „Ich sehe mich zu dem Vorschlag geneigt, unseren nächsten Versuch mit einem weniger turbulenten Ätherstrom durchzuführen. Wenn wir den Durchmesser des Rohrs vergrößern ...“

„... dann reduzieren wir die Turbulenzen im Initialdurchfluss und verringern die Volatilität!“, beendete Rashmi seinen Satz. „Mitul, das ist brillant!“

„Ich glaube, diese Hypothese ist recht vielversprechend, ja.“

Aus genau diesem Grund arbeiteten sie so gut zusammen. Keiner von ihnen ließ sich je lange entmutigen. Rashmi hatte die Große Verbindung, um sie daran zu erinnern, dass sie auf dem richtigen Weg war, und Mitul hatte seinen Glauben an iterative Forschungsmethoden. Auch wenn er ihr Verhältnis zu der Großen Verbindung nie infrage gestellt hatte, hatte Rashmi das Gefühl, dass Mitul nur wenig darauf gab. Sie nahm an, dass er sich wie die meisten Vedalken, die sie kannte, jenem schier unendlichen Prozess verschrieben hatte, bei dem einen die Wiederholung einer vorherigen Methode mit einer leichten Variation schlussendlich der Lösung irgendwann näherbrachte. Obwohl sie nicht ganz verstand, wie jemand in dieser Art von Iteration Inspiration finden konnte, hatte sie dennoch nie auch nur einen Moment an ihm gezweifelt. Es machte ihr nichts aus, dass ihre Philosophien sich unterschieden, denn ihre jeweiligen Beweggründe spielten keinerlei Rolle. Es waren ihre optimistische Einstellung und ihre Hingabe an ihre gemeinsame Forschung, die ein so enges Band zwischen ihnen geflochten hatten. Und kein Tag verstrich, an dem Rashmi sich nicht glücklich schätzte, in Mitul einen derart talentierten Forschungspartner und Freund gefunden zu haben.

Der Vedalken blickte von dem Buch auf, in dem er seine Aufzeichnungen festhielt. „Wie es der Zufall will, haben wir ein passendes Rohr im Lager. Ich werde es holen und bin dann gleich wieder zurück.“ Er hatte den Raum schon halb durchquert, als er den Satz beendete. Rashmi ihrerseits war bereits bis zu den Ellenbogen im Ring des Transporters, um Reparaturen daran durchzuführen.

Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Obwohl Rashmi versuchte, dem Datum, das auf dem Kalender eingekreist war, keine Beachtung zu schenken, wusste sie, dass es bedrohlich schnell näher rückte. Der Vorentscheid für den Erfinderwettstreit fand in kaum einer Woche statt. Das war ihre Gelegenheit, der Welt – und viel wichtiger noch: den Preisrichtern und Finanziers – den Transporter zu zeigen. Sie würde gewinnen – dessen war sie sich sicher –, und dann hätte sie Geldgeber und Gönner für ihre Forschungen. Sie hätte die Unterstützung des Konsulats anstatt nur eines rasch dahinschmelzenden Vorrats an Äther. Vielleicht könnte sie sogar ihre eigenen mechanischen Arbeiter für das Inquirium bekommen. Doch das griff dann doch etwas zu weit vor. Es war Zeit für Versuchsobjekt 849.
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„Versuchsobjekt 887 ist bereit.“ Mituls Stimme war heiser. Weder er noch Rashmi hatten in den letzten beiden Tagen geschlafen. Es war der Nachmittag des Vorentscheids für den Erfinderwettstreit und sie hatten noch keinen einzigen erfolgreichen Versuch durchgeführt. Dies war ihre letzte Chance. Falls dieser Versuch sich als Erfolg erwies, hatten sie gerade noch genug Zeit, den Ring einzupacken, auf einen Karren zu laden und rechtzeitig in der Arena einzutreffen, in der der Vorentscheid stattfand. Schlug dieser Versuch fehl, dann war es vorbei.

Rashmi hielt den Ring über die leicht welkende Blume. Ihre Arme zitterten – nicht vor Aufregung, sondern vor Erschöpfung. Warum hatte die Große Verbindung sie an diesen Punkt geführt, wenn es ihr nicht bestimmt war, den Wettstreit zu gewinnen? Warum hatte sie sie so weit vorangetrieben, nur um sie versagen zu sehen? Sie wollte schreien. Doch das tat sie nicht. In diesem Augenblick bemerkte sie, wie Mitul ein Gähnen unterdrückte, und der Anblick rührte etwas in ihr. Sie konnte nicht aufgeben. Noch nicht.

Es gibt noch eine letzte Chance, gemahnte sie sich. Sie versuchte, ihren Verstand von zynischen Gedanken zu befreien. Sie sagte sich, dass es Mitul und ihr vielleicht bestimmt war, sich bis zum letzten Moment abzumühen. Vielleicht war dies alles Teil des Musters, das die Große Verbindung wob. Vielleicht war dies ihr Augenblick. „Na gut. Auf geht‘s“, sagte sie so zuversichtlich, wie sie nur konnte. „In drei ... zwei ... eins ...“ Sie ließ den Ring los.

„Startzeit des Versuchs ist notiert.“ Mitul machte eine Notiz. „Und die Messungen sind erfasst.“ Er rieb sich die geröteten Augen.

Rashmi versuchte, die Rolle einer unbeteiligten Beobachterin einzunehmen, doch als der Ring sich auf die herabhängenden Blütenblätter senkte, hielt sie erneut den Atem an und hoffte. Dieses Mal musste es funktionieren. Das musste es einfach.

Der Ring fuhr am obersten Blütenblatt vorbei. „Zeitpunkt des Kontakts ist erfasst“, sagte Mitul.

Das Blütenblatt flackerte. Nicht implodieren. Nicht implodieren, flehte Rashmi.

Ein weiteres Flackern.

Und noch eines.

Der Ring war nun zur Hälfte an der Blüte entlanggefahren. Tief in Rashmi regte sich etwas. Das musste es sein. Staunend und ehrfürchtig sah sie dabei zu, wie die Muster einen Weg durch den Raum öffneten. Als sie in den Äther starrte, konnte sie beinahe den Riss sehen, der sich im Gewebe ihrer Welt bildete. Es tat ihr so leid, dass sie je gezweifelt hatte. Sie konnte kaum glauben, was sie mit eigenen Augen vor sich sah. Die gesamte Blume flackerte. Jeder Muskel in Rashmis Körper spannte sich an. Und dann ...

PLOPP! Die Blume implodierte.

Eine eisige Kälte kroch durch Rashmis Eingeweide. Nein. Der Ring sprühte knisternd Funken. Nein. Sie hörte, wie das Filament zersprang. Nein! Das hätte nicht passieren sollen. Das konnte nicht sein.

„Versuch fehlgeschlagen. Versuchsobjekt 887 wurde desintegriert“, sagte Mitul.

Rashmi machte sich nicht die Mühe, den Ring von den zerstäubten Überresten der Blume aufzuheben. Es gab keinen Grund, ihn zu bergen ... Es war vorbei. Sie wandte sich ab, weil sie nicht mehr hinschauen konnte. Vage hörte sie den Ring auf den Tisch prallen. Das Geräusch dröhnte in ihrem Schädel wie die Glocke der Akademie, die das Ende des Tages ankündigte. Der Test war vorbei und sie war durchgefallen.

„Addendum: In der Zeit nach der aufgezeichneten Vollendung des Versuchs mit Objekt 887 ergibt eine fortgesetzte Beobachtung, dass offenbar ein Unterschied in der Art und Weise besteht, wie organische respektive anorganische Stoffe durch die Ätherwellen im Raum beeinflusst werden.“ Mituls Stimme floss über Rashmi hinweg wie Wasser über eine offene Wunde.

„Mitul, es gibt keinen Grund mehr für weitere Aufzeichnungen.“ Sie spähte zu den roten Mahnungen am anderen Ende des Tisches. „Ich hätte es dir schon längst sagen sollen. Es tut mir so leid, aber das Inquirium ist ...“

„Rashmi,“ unterbrach sie Mitul. Es war merkwürdig, ihn ihren Namen sagen zu hören, da er sie so selten direkt ansprach. „Rashmi.“ Etwas in seiner Stimme brachte sie dazu, sich umzudrehen. „Sieh nur.“ Er deutete in die Ecke des Labors und blinzelte heftig.

Rashmi folgte seinem Finger. Dort lehnte in einem kleinen aufgemalten Kreis die Vase an der Wand. Rashmi schnappte nach Luft. Sie blickte zurück zum Tisch in der Mitte des Raumes. Dort lag nur der Ring. Ihr erster Gedanke war, dass ihre Sinne ihr einen Streich spielten. Es konnte eine andere Vase sein. Doch ein Irrtum war ausgeschlossen. Es war die einzige Vase im gesamten Labor. Sie war an zwei Eisenbarrieren, einem Stapel Ausrüstung und Mitul selbst vorbeigewandert und lehnte nun in ebenjenem Kreis, der für die Blume vorgesehen gewesen war, an der Wand.

Rashmi lachte. Es klang seltsam und überraschte sie selbst. Sie hätte vielleicht weiter gelacht, hätte ihr pochendes Herz ihr nicht die Kehle zugeschnürt und sie beinahe erstickt. Sie brachte keinen einzigen vollständigen Satz hervor. „Mitul – Mitul –w-wi –“

„Ja.“ Mitul blinzelte noch immer hektisch. „Wir haben anorganisches Material erfolgreich durch den Raum transportiert.“

„Ha! Wir haben es geschafft!“ Heiße Tränen sammelten sich in Rashmis Augen, und sie rannte zu ihrem Freund, um dem großen Vedalken die Arme um den Hals zu werfen. Sie drückte ihn. „Wir haben es tatsächlich geschafft.“

„Das haben wir in der Tat“, sagte Mitul und befreite sich aus ihrer Umarmung. „Jetzt muss ich mich darauf konzentrieren, diese Resultate aufzuzeichnen. Ich kann es mir nicht erlauben, mich potenziell ablenkenden Emotionen hinzugeben, wenn es um die Wissenschaft geht.“

Rashmi lachte erneut. Das schien die einzige Reaktion zu sein, zu der sie im Augenblick imstande war.

„Betrachte das jedoch nicht als Mangel an Freude.“ Mitul gestattete sich ein winziges Lächeln, ein kaum merkliches Heben der Mundwinkel. „Ich freue mich in der Tat sehr. Oh ja, und wie.“ Doch er sammelte sich, setzte den Bleistift an und räusperte sich. „Na schön. Gehen wir‘s an: In Anbetracht des jüngsten Versuches scheint die von uns beobachtete Rückkopplung durch die Interaktion zwischen dem organischen Material und dem transdimensionalen Raum hervorgerufen worden zu sein. Wir haben zwar unseren Aufbau iteriert, aber nie die Art unserer Versuchsobjekte verändert.“ Mituls Konzentration auf die Fakten hatte ihm anscheinend die Kontrolle über seine Augenlider zurückgebracht.

Und der sichere und vertraute Klang seiner Stimme brachte auch Rashmi wieder zur Besinnung. „Der Wettbewerb!“, rief sie.

Mituls Konzentration war ungebrochen. „Ich werde nun fortfahren, alle beobachteten Eigenschaften der Vase aufzuzeichnen, um sicherzugehen, dass der Transport ohne Kompl–“

„Nein, Mitul, dazu ist keine Zeit!“ Rashmi schnappte sich den Transporter vom Tisch. „Wir müssen zum Wettbewerb! Zu unserem Vorentscheid!“

„Oh!“ Mitul drehte sich mit leuchtenden Augen um. „Oh, ja, da hast du recht.“ Er ließ um ein Haar seine Aufzeichnungen fallen. „Ich erlebe einen solchen Adrenalinrausch, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen kann. Ich werde die Dokumentation fortsetzen, sobald wir zurückkehren. Wenn wir sofort alles zusammenpacken, sollten wir noch genügend Zeit haben, das Gerät in der erforderlichen Sicherheitsverpackung zu verstauen, es in den Karren zu laden und es durch die zweifellos völlig überfüllten Straßen zu ziehen, was eine geringere Transportgeschwindigkeit bedingen wird, um wie verlangt eine Stunde vor unserer geplanten Demonstration die Arena zu erreichen.“

„Perfekt.“ Rashmi musterte den Ring. „Aber wir brauchen zuerst ein neues Filament. Dieses ist hinüber.“

„Das muss an dem Initialkontakt mit dem organischen Material liegen“, sagte Mitul. „Ich vermute, dass wir diesen Effekt nicht mehr beobachten werden, wenn wir ausschließlich anorganische Materialien transportieren.“

„Wollen wir‘s hoffen.“ Rashmi war schon an der Werkbank, um das Drahtgeflecht zurückzuziehen und an das Filament heranzukommen. „Ich möchte die Preisrichter lieber nicht mit einem Feuerwerk überraschen.“

„Nein, ich glaube kaum, dass das gut aufgenommen werden würde.“ Rashmi hätte schwören können, dass sie Mitul leise kichern hörte, als er zum Lagerraum eilte.

Rashmi strich mit den Fingern über das Drahtgeflecht. Es gab ein paar Dellen und Kratzer, aber nichts, was seine Funktionalität hätte beeinträchtigen können. Die Funktionalität, die Materie durch den Ram beförderte. „Wir haben es tatsächlich geschafft“, flüsterte Rashmi. Sie blickte über die Schulter auf die Vase. Ein Teil von ihr wollte nicht so recht glauben, dass das Ding wirklich dort stand, doch das tat es. „Ich hätte niemals zweifeln dürfen.“ Sie schloss die Augen. Da war die Große Verbindung, die hell vor ihr erstrahlte. Ihre Wärme hüllte sie ein. Sie griff danach.

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„Wir haben kein weiteres Filament.“ Beim Klang von Mituls Stimme schlug Rashmi die Augen auf. Er stolperte in den Raum. „Sie sind uns ausgegangen. Ich wusste, dass unser Vorrat schwindet. Ich hätte welche bestellen sollen – doch dafür war nie die Zeit. Die Iterationen gingen ständig weiter. Aber das ist keine Entschuldigung. Die Verantwortung liegt bei mir. Ich erwarte nicht, dass du mir meinen Fehler verzeihen kannst.“ Seine zwölf Finger bewegten sich unstet um sein langes, blaues Gesicht.

„Mitul, es ist schon gut.“ Rashmi legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie war sonderbar gefasst. Sie spürte, wie die Große Verbindung sie anleitete, und sie wusste genau, was sie zu tun hatte. „Verpacke das Gerät“, sagte sie. „Wir bringen es zum Markt, kaufen dort ein Filament und fahren dann zum Messeplatz. Wir sollten noch immer rechtzeitig zu unserem Vorentscheid in der Arena eintreffen.“

„Oh.“ Mitul blinzelte. „Oh, ja.“ Er atmete tief aus. „Das könnte durchaus klappen.“

„Das wird es“, sagte Rashmi. „Das ist unser großer Moment.“
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Rashmi schirmte die Augen vor der Helligkeit ab. Alles erstrahlte im Licht der wärmenden Sonne: die auf Hochglanz polierten metallenen Automaten, die schimmernde Architektur und die wehenden Banner, Bänder und Girlanden, die den gesamten Platz schmückten.

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Die Anlage für den Erfinderwettstreit war um das Inquirium herum errichtet worden, während sie in den zurückliegenden Monaten ihrer Arbeit nachgegangen waren und ohne dass sie groß etwas davon mitbekommen hätten. Es war, als hätte Rashmi sich in einer Welt in ihr Labor zurückgezogen und es auf einer anderen wieder verlassen – einer Welt, die ein gewaltiges Labyrinth aus glitzerndem Metall und ausgelassenen Feierlichkeiten war. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Die Verbindung drängte sie zur Eile. „Hier entlang“, sagte sie zu Mitul und deutete auf die gewaltigen Pfauenfedern in der Ferne, die den Eingang zum Markt kennzeichneten. Bevor sie jedoch den ersten Schritt tun konnte, rollte ihr ein Automat in den Weg.

„Willkommen zum Wettstreit der Erfinder“, sagte er fröhlich. „Wo sich Kreativität und Genie treffen.“

Sie drehte sich zur Seite, um um ihn herumzugehen, und zog den Karren mit dem Transporter hinter sich her, als ein zweiter Automat auftauchte. „Verpassen Sie nicht die Dragster-Rennen im Ovalhatz! Sichern Sie sich gleich jetzt Ihre Eintrittskarten.“

Rashmi wich zurück und suchte nach einem Ausweg.

„Besuchen Sie den einhundert Hektar großen Zoo! Tierkonstrukte aller Art!“

Sie schien umzingelt.

„Vielleicht finden wir hier drüben einen anderen Weg da durch.“ Mitul übernahm die Führung und Rashmi folgte ihm – genau wie eine Handvoll Automaten.

„Bestaunen Sie die lebendige Zahnradarchitektur, die von einigen der berühmtesten Metallarbeitern Ghirapurs entworfen wurde! Ist sie nicht höchst erstaunlich?“

„Ja, ja“, versuchte Mitul, den Automaten zu verscheuchen. „Wir haben es etwas eilig, weißt du.“

Davon ließ die Maschine sich nicht entmutigen. „Finden Sie eher Geschmack an Automatenkämpfen?“

„Nein, wenn du mich jetzt entschuldigen würdest ...“

Der Automat weigerte sich, Mitul vorbeizulassen. „Bitte denken Sie daran, dass Gremlins auf dem Messegelände nicht zugelassen sind.“

„Natürlich nicht, denn das wäre ja absurd. Jetzt muss ich jedoch darauf bestehen ...“

„Bitte sehen Sie davon ab, fremde Ätherkanister mit auf das Gelände zu bringen. Und sollten Sie Zeuge irgendwelcher verdächtiger Aktivitäten werden, so melden Sie diese bitte unverzüglich der nächsten Ehrenwache oder einem Autom–“

„Würdest du uns jetzt bitte aus dem Weg gehen?!“ Mitul schob den Automaten beiseite. „So.“ Er winkte Rashmi zu. „Ich glaube, wir kommen jetzt zum Markt.“

Rashmi schob den Karren eilig an dem schwankenden Automaten vorbei, der ihnen sagte, sie mögen doch bitte ihre Zeit beim Erfinderwettstreit genießen. Sie hatte Mitul noch nie so forsch erlebt. Einen Augenblick lang sah sie ihn prüfend an. War es möglich, dass auch er das Drängen der Großen Verbindung spürte? Vielleicht konnte sie ihn eines Tages davon überzeugen, dass es Mächte gab, die seine analytische Weltsicht nicht erklären konnte ... Gemeinsam nahmen sie Tempo auf und eilten auf den mit goldenen Verzierungen überzogenen Marktplatz zu.

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Die Sonne stand tief am Himmel, gerade unterhalb der gewaltigen Federn am Tor des Marktplatzes, als sie hastig die Neunte Brücke hinunterrasten und in Remis Laden stürmten. Die ineinandergreifenden Zahnräder der Tür quietschten und klapperten, als Rashmi den Karren hindurchschob. Der Geruch von poliertem Metall, süßem Rost und beißendem Öl begrüßte sie – üblicherweise hätte dieses besondere Bukett Rashmis Nerven beruhigt, doch heute verstärkte es nur ihr Gefühl von Dringlichkeit. Sie zog das defekte Filament aus der Tasche. „Wir brauchen die WP-Reihe“, sagte sie zu Mitul. Sie beide wussten genau, wo sie suchen mussten: an der hinteren Wand mit den perfekt angeordneten und nach Farben sortierten Fächern. Sie hatten die meisten ihrer Bauteile bei Remi gekauft: Er machte die besten Preise und erlaubte es ihnen, bei ihm im Laden zu bleiben und sich die illegalen Automatenkämpfe anzuschauen.

„Es sollte gleich ...“ Mitul zog ein grünes Fach heraus. „... hier sein.“

Das Fach war leer.

Rashmi geriet in Panik. Nur für einen Augenblick. „Ich bin sicher, dass er hinten noch welche hat. Remi!“, rief sie und erblickte den groß gewachsenen, blauen Ladenbesitzer zwischen den Regalen.

„Ist das ... ? Habe ich etwa ... ? Rashmi! Mitul! Das ist ja Ewigkeiten her!“ Ein von Öl bedeckter Remi bahnte sich seinen Weg durch den Laden und wischte sich die Hände an einem Lappen ab. Er warf sich den Lappen über die Schulter, ehe er Rashmi umarmte. „Seid ihr hier wegen –“

„Wir brauchen ein Filament“, schnitt Rashmi ihm das Wort ab. „WP-Reihe.“ Mitul hielt das leere Fach hoch.

„Hm?“ Remi starrte hinein. „Die sind auch aus? Diese Erfinder sind schlimmer als Gremlins. Sie werden mich noch um Haus und Hof bringen.“

„Du hast sicher noch welche hinten“, sagte Rashmi und hatte Mühe, ihr aufkommendes Entsetzen im Zaum zu halten.

„Ich fürchte nicht, meine Freunde.“ Remi schüttelte den Kopf. „Hinten ist es genau so leer wie vorn. Seit der erste Zug aus Peema eingetroffen ist, war es ein ständiges Kommen und Gehen. Man sollte meinen, wir werden angegriffen. Jeder braucht ein zusätzliches Dies oder einen Ersatz für Jenes. Ich werde bis zur Lieferung aus Lathnu keine neue Ware mehr erhalten.“

„Eine Lieferung. Wann?“

„Oh, in etwa drei Tagen.“

Der letzte Rest von Rashmis Beherrschung zerbröselte. „Nein, nein, nein, Remi, wir brauchen das Filament jetzt. Bitte, du musst doch irgendetwas haben.“

„Ich wünschte, es wäre so. Ihr wisst ja, ihr beiden seid meine Lieblingserfinder.“

Wenn sie dieses Filament nicht bekamen, waren sie bald keine Erfinder mehr. Bilder von angemahnten Rechnungen tauchten vor Rashmis innerem Auge auf. Ihre Handflächen begannen zu schwitzen. Plötzlich wirkte der Laden viel zu eng.

„Ach, na ja. Dann müssen wir den nächsten logischen Schritt tun.“ Mituls Stimme war fest, doch seine zwölf Finger hatten Mühe, das leere Fach zurück an seinen Platz zu stellen. „Wir müssen in den anderen Läden nachfragen.“

„Die anderen Läden.“ Rashmi schluckte ihre aufkeimende Hysterie herunter. „Das klingt logisch. Ja.“

„Nach allem, was ich gehört habe, ist jeder so klamm wie ein leerer Ätherkanister“, merkte Remi in spöttischem Ton an.

Rashmi war jedoch mit dem Karren schon halb durch den Gang geeilt. Sie hastete aus dem Laden und gleich in den nächsten auf der Brücke. Wenn es nötig war, würde sie in jedem einzelnen nachsehen.

„Ich bedaure ...“

„Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, aber ...“

„Sie sind schon die Zweite, die heute nach der WP-Reihe fragt, wissen Sie ...“

„Das war ein derart irrsinniger Ansturm ..."

„Kommen Sie morgen wieder ...“

„Wir sind komplett ausverkauft ...“

Es schien, dass es in ganz Ghirapur keine WP-Reihe mehr zu finden gab.

Erschöpfung setzte ein, und Rashmi ließ sich gegen das Brückengeländer sinken. Mitul kam mit gesenktem Blick von den Läden auf der anderen Seite der Brücke zurück. Er atmete aus. „Es ist meine Schuld.“

Das war es zwar nicht, aber Rashmi konnte sich nicht dazu überwinden, ihm zu widersprechen. Nicht jetzt. Sie streifte sich das lange Haar aus dem Nacken, während sie zusah, wie die Sonne über dem Wasser in der Ferne versank. Ihre Demonstration begann jeden Augenblick und sie würden sie verpassen. Es schien derart unmöglich, dass sie mit dem Transporter hier standen – jetzt in diesem Augenblick, so dicht vor ihrem Ziel –, aber ohne die Mittel, das Gerät fertigzubauen.

Sie spürte weder Panik noch Wut in sich. Sie war einfach nur noch am Boden zerstört. Es ging um mehr als nur einen Materietransporter. Es ging auch um das Inquirium. Ohne die Gönner und Geldgeber, auf die sie dank des Erfinderwettstreits gehofft hatte, würden sie alles verlieren. Es war Zeit, es Mitul zu sagen.

Rashmis Magen fühlte sich flau an. Sie starrte einen vorbeiziehenden Postboten-Automaten an, um nicht ihren Freund ansehen zu müssen.

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„Mitul, wir werden das Inquirium schließen müssen. Unsere Frist ist abgelaufen. Es ist meine Schuld. Ich habe alles, was wir haben, in dieses Projekt gesteckt, und jetzt ...“ Ihre Stimme bebte und sie konnte nicht zu Ende sprechen. „Es tut mir so leid. Es war mir wahrlich eine Ehre, in den letzten Jahren mit dir zusammenzuarbeiten.“ Ehe er etwas erwidern konnte, packte sie den Griff des Karrens und ging die Brücke entlang auf den Sonnenuntergang zu.
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Das Inquirium war zwar kein Ort, an dem Rashmi sich jetzt zwingend aufhalten wollte, doch ebenso wenig wollte sie irgendwo anders in der Stadt sein. Die überall herrschende Aufregung und der Rausch der Feierlichkeiten waren ihr schlichtweg zu viel. Sie zerrte die Kiste die Stufen hinauf und schloss die Tür auf. Sie würde mit dem Packen anfangen. Es gab keinen Grund mehr, es noch aufzuschieben.

„Du bist also am Leben!“ Die Stimme ihrer Freundin ließ Rashmi beinahe rücklings die Stufen hinunterfallen.

„Saheeli?“ Die schlaue junge Erfinderin stand in der Mitte der Werkstatt und schien in dem eleganten Netz aus schimmerndem Metall, das sie sich raffiniert um Arme und Hüfte geschlungen hatte, beinahe zu leuchten. Sie sah aus wie die Sonne an einem wolkenverhangenen Tag.

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„Ich habe überall nach dir gesucht.“ Saheeli betrachtete Rashmi und runzelte die Stirn. „Du siehst ja furchtbar aus. Was machst du denn hier? Du bist gerade in die Arena gerufen worden.“

Tränen stiegen Rashmi in die Augen, und sie konnte sie nicht zurückhalten.

„Was ist denn los?“ Saheeli eilte zu ihr und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Was ist denn passiert?“

Rashmi schüttelte den Kopf. „Es ist vorbei. Ein kaputtes Filament. Mehr hat es nicht gebraucht. Und es gibt nirgendwo Ersatz. In der ganzen Stadt nicht.“ Sie brach in Tränen aus.

„Oh. Sch, sch.“ Saheeli strich über Rashmis Rücken. „Na komm. Du hattest ein beschädigtes Stück Metall und hast nicht daran gedacht, bei mir vorbeizuschauen?“

Rashmi schniefte. „Bei dir?“ Und dann fiel es ihr ein. „Du! Du kannst es reparieren.“ Natürlich konnte Saheeli das. Sie war meisterhaft im Umgang mit Metall und arbeitete in ihren Entwürfen selbst mit den winzigsten Teilen. Sie konnte so gut wie alles reparieren. In ihrer Panik hatte Rashmi nicht einmal an Saheeli gedacht. Die monatelange Abgeschiedenheit hatte sie alles und jeden außerhalb des Inquiriums so gut wie völlig vergessen lassen.

„Also dann zeig mal her.“ Saheeli streckte ungeduldig die Hand aus.

Rashmi kramte in ihrer Tasche nach dem Filament. Dann hielt sie inne. „Es hat keinen Sinn. Ich habe meine Präsentation verpasst.“

„Oh, ich würde mir deshalb keine Sorgen machen.“ Saheeli lächelte verschwörerisch. „Ich kenne Padeem gut genug. Ich bin sicher, dass sie zu neugierig sein wird, um sich deinen Ätherkondensator nicht anschauen zu wollen, sobald ich ihr erst einmal davon erzählt habe.“

„Das würdest du tun?“

„Es ist genau, wie du sagst: Der Kondensator mag vielleicht nicht spektakulär sein, doch er ist exakt die Art von Erfindung, auf die andere aufbauen können. Wer weiß, wozu er eines Tages eingesetzt werden wird?“

„Tatsächlich weiß ich da schon mindestens eine Sache“, sagte Rashmi und konnte ihre Aufregung kaum verbergen. „Saheeli, ich habe ich es geschafft! Wir haben es geschafft! Mitul und ich haben einen Materietransporter gebaut! Und er funktioniert! Wir haben eine Vase von einer Seite der Werkstatt zur anderen bewegt.“ Sie deutete auf die Stelle, wo die Vase gestanden hatte. „Ist das zu glauben? Ich weiß nicht einmal genau, wie. Die Formeln deuten darauf hin, dass wir mit Kräften von außerhalb dieser Welt gearbeitet haben. Wenn ich in den Äther blicke, kann ich sehen, wie er sich teilt, um einen Durchgang zu schaffen. Einen Durchgang durch die Unendlichkeit. Es ist brillant. Und es ist spektakulär! Es wird Padeem und den Rest der Preisrichter in Erstaunen versetzen! Und das alles dank dir.“ Sie hielt Saheeli das Filament hin. „Ich stehe wahrhaft in deiner Schuld.“

Saheeli nahm das Filament nicht an sich. Sie rührte sich nicht einmal.

„Was ist los?“, fragte Rashmi.

Saheeli senkte den Blick und machte einen Schritt zurück. „Es tut mir leid. Ich will das nicht tun. Ich will dir nicht wehtun, meine Freundin. Aber ich kann nicht.“

„Du kannst was nicht?“ Rashmi war verwirrt.

Saheeli schüttelte den Kopf und hob die Hände. „Ich kann dir nicht helfen.“

„Aber du hast gesagt –“

„Du sagtest, es wäre ein Ätherkondensator.“ Saheeli schien zunehmend aufgebracht.

„Das war es auch. Aber dann haben wir das da gemacht. Das ist viel besser. Viel mehr.“

„Das weißt du nicht. Du weißt ja nicht einmal, wie es funktioniert. Du kennst die möglichen Konsequenzen deiner Erfindung nicht. Es ist zu gefährlich.“

Rashmi konnte kaum den Sinn hinter Saheelis Worten begreifen. „Natürlich gibt es Gefahren, aber wir führen weitere Versuche durch. Wir machen zusätzliche Iterationen damit. Das ist genau der Grund, weshalb wir den Erfinderwettstreit gewinnen müssen. Ich brauche die Unterstützung des Konsulats, um das Gerät zu perfektionieren. Wir stehen hier an der Schwelle zu etwas ganz Erstaunlichem, was die Welt verändern wird.“

„Hast du je bedacht, dass es Veränderungen gibt, die die Welt nicht braucht?“, erwiderte Saheeli. Sie schob sich an Rashmi vorbei auf die Tür zu.

„Wo willst du denn hin?“, rief Rashmi. Ihre Gedanken rasten, und sie hatte Mühe zu verstehen, was hier gerade vor sich ging.

„Ich will dir nicht wehtun“, sagte Saheeli erneut im Gehen. „Aber ich kann dir nicht helfen.“

„Warte.“ Zum zweiten Mal an jenem Tag wurde Rashmi von Panik übermannt. „Saheeli, bitte. Ich verstehe nicht. Ich brauche deine Hilfe.“ Sie eilte ihrer Freundin nach und griff nach deren Arm. „Bitte.“

Saheeli drehte sich um. Ihre Wangen waren gerötet und ihr Blick hart. „Ich sagte, ich kann dir nicht helfen. Vielleicht fehlt dir der nötige Abstand, um es zu erkennen, doch das, was du erschaffen hast, ist etwas, was nicht erschaffen werden darf.“

Rashmi starrte ihre Freundin entsetzt an. Ihre Verwirrung wich Wut. „Ich dachte, du glaubst an Erfindungen ohne Grenzen. Ich dachte, du wolltest erstaunliche Dinge geschehen sehen. Ich dachte, du wolltest dabei helfen, erstaunliche Dinge geschehen zu lassen.“

„Nicht das.“ Saheeli befreite sich aus ihrem Griff. „Ich muss gehen.“ Sie schritt die Stufen hinunter.

Rashmi brodelte vor Zorn. „Also was dann? Du glaubst nur an Erfindungen, wenn du sie machst? Wenn dir all die Aufmerksamkeit zuteil wird?“

Saheelis Hals versteifte sich.

„Du lebst dein Leben im Rampenlicht, Saheeli. Nun, jetzt bin ich an der Reihe. Bist du eifersüchtig? Machst du dir Sorgen, dass deine Erfindung nicht das Allertollste auf der gesamten Messe sein wird?“

Saheelis Hände ballten sich zu Fäusten, doch weder wandte sie sich um, noch wurde sie langsamer. Rashmi sah zu, wie die Frau, die sie für ihre Freundin gehalten hatte, sie in genau jenem Augenblick einfach stehen ließ, in dem sie sie am meisten brauchte.
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Saheeli hatte sich die ganze Nacht lang Automatenduelle mit den Renegaten geliefert. Es hatte nicht geholfen.

Sie war, nachdem sie Rashmis Inquirium verlassen hatte, geradewegs zur Hauptarena des Wettstreits gegangen – jenem Ort, an dem bei Tage die Vorentscheide und des Nachts Duelle im Flinkschmieden stattfanden. Glücklicherweise waren eine Menge Erfinder versessen darauf, ihre Schöpfungen auszuprobieren, denn sie konnte es kaum noch abwarten, bis ihr Automat endlich seine Krallen in etwas versenkte, was sie zerstören konnte.

Seit ihrer ersten Partie hatte sie nicht weniger als zwei Dutzend metallische Schöpfungen in Grund und Boden gestampft. Viele der Überreste wurden noch immer aus der Arena geschafft. Da nun die Sonne aufging, steuerte sie eine ihrer liebsten Schöpfungen: einen stromlinienförmigen Vogel, der gegen einen brutal aussehenden, grünen Automaten antreten sollte. Ihrer Meinung nach sah die hoch aufragende Erfindung am anderen Ende der Arena ein bisschen wie einer der Riesen aus, die gelegentlich durch die Stadt zogen. Umso mehr Grund, ihn zu zermalmen.

„Lasst den Kampf beginnen!“, rief der Sprecher von oben herab.

Die Menge auf den Tribünen johlte, als Saheeli ihren Vogel zum Angriff auf den Hals des gigantischen Automaten übergehen ließ.

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Ein Treffer! Er war perfekt platziert. Ein Pfeifen und Johlen erklang, als der Koloss strauchelte. Ein weiterer direkter Treffer dieser Art würde ihn zu Fall bringen. Sie knurrte verärgert. Das brachte alles nichts. Wenn doch nur einer dieser Erfinder irgendetwas bauen könnte, was sie vor eine echte Herausforderung stellen würde. Etwas, was sie von allem anderen ablenken konnte ... Sie war auf der Suche nach Zerstreuung hierhergekommen, doch stattdessen hatte sie die ganze Nacht darüber nachgedacht, was ein Materietransporter war. Und über Rashmis Gesicht und ihre beißenden Worte.

Saheeli ließ den Vogel einen zweiten Angriff fliegen. Wie konnte Rashmi es nur wagen, sie der Eifersucht zu bezichtigen? Neid war das Letzte, was ihr in den Sinn gekommen war, als ihre Freundin ihr von ihrer Erfindung erzählt hatte. Wie konnte sie es bloß wagen? Saheeli richtete den Vogel auf den Hals seines Kontrahenten aus – doch diesmal blockte der Koloss den Angriff ab. Irgendein Auswuchs an ihm hatte sich über die Schwachstelle geschoben. Nicht schlecht, dachte sie und beglückwünschte ihren Kollegen im Stillen für seine Voraussicht. Doch sie wusste bereits, wie sie diese Verteidigungsmaßnahme umgehen konnte. Sie ließ ihren Vogel den Sturzflug abbrechen und ihn nach oben hin wegwirbeln, um Schwung für einen dritten Anflug aufzubauen.

Sie hatte das Richtige getan. Das Einzige, was sie tun konnte. Sie trug als Planeswalkerin mit ihrem Wissen über die Blinden Ewigkeiten eine Verantwortung. Es war keine Frage, dass Rashmis Gerät mehr Potenzial hatte, als der Elfe bewusst war. Und das stellte ein Risiko dar – für Rashmi und für jeden anderen auf Kaladesh. Sie hatte das Richtige getan.

Mit einem lauten Krächzen stieß Saheelis Vogel von hinten herab und versenkte seinen Schnabel im Nacken des gewaltigen Automaten. Die Leute auf den Rängen schnauften erschrocken auf und erhoben sich von ihren Plätzen. Der Koloss schwankte wie eine hohe Ätherspitze im Sturm, fiel aber nicht um. Na schön. Ein weiterer Treffer war also nötig. Saheeli zog den Vogel zurück und bereitete ihn auf einen finalen Angriffsflug vor.

Rashmi hatte es selbst zugegeben: Sie verstand nicht, wie ihre Erfindung funktionierte. Sie riss Löcher in den Raum, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Es war an Saheeli, sie und diese ganze Welt zu beschützen, selbst wenn das bedeutete, ihre Freundin im Stich zu lassen.

Sie schickte den Vogel nach vorn. Er wich den um sich schlagenden, grünen Armen seines Gegners aus und rammte ihn mit dem Kopf voran in die Brust. Mit einem langen, tiefen Stöhnen sackte der Koloss zu Boden und landete mit einem krachenden Scheppern auf dem Rücken. Die Menge jubelte.

„Und das ist ein weiterer Punkt für die Erfinderin Saheeli!“, rief der Sprecher laut. „Und das bringt ihr für die heutige Nacht eine perfekte Wertung von fünfundzwanzig Punkten ein!“ Weiterer Jubel.

Saheeli verneigte sich, während sie in den Reihen bereits nach ihrem nächsten Gegner Ausschau hielt.

„Und das scheint für heute auch schon wieder alles gewesen zu sein, verehrte Freunde des Kampfes. Die Messe öffnet morgen ihre Türen und wir wollen doch nicht die Hauptarena besetzt halten! Ich für meinen Teil möchte den Ausdruck auf Inspektor Baans Gesicht nicht sehen, wenn er erfährt, dass wir hier drin waren.“

Der Applaus verebbte. Ein gemeinschaftliches Schlurfen von Füßen und das kollektive Strecken steifer Gliedmaßen war zu vernehmen, als sich die Zuschauer einen Weg zu den Ausgängen bahnten.

„Danke, dass Sie uns heute beehrt haben“, sagte der Sprecher. „Denken Sie daran, nach unten zu sehen, wenn Sie erfahren wollen, wo der nächste Kampf stattfindet.“

Dies war eine Anspielung auf die geheimen Zeichen der Renegaten, die dazu genutzt wurden, um Informationen zu Automatenkämpfen und dergleichen zu verbreiten. Saheeli konnte leicht herausfinden, wohin sie bei Einbruch der Dunkelheit gehen musste, doch sie wollte keinen ganzen Tag warten. Was sollte sie denn bis dahin anstellen? „Ach, kommt!“, rief sie aus der Mitte der Arena. „Einen schaffen wir noch. Wer ist der Nächste?“ Sie schaute sich rasch in alle Richtungen um, doch niemand schenkte ihr Beachtung. Die anderen Wettstreiter machten sich schnellstmöglich davon. Die Arena war schon beinahe leer. „Feiglinge“, murmelte sie in sich hinein.

Falls das überhaupt möglich war, so fühlte sie sich noch verdrossener als bei ihrer Ankunft. Das war das erste Mal, dass ein paar Runden guten alten Automatenkampfs ihre Stimmung nicht zu heben vermochten. Verärgert stürmte sie aus dem nächsten Ausgang.

Die Menge strömte schnell auf den Messeplatz. Die Tore mussten bereits geöffnet worden sein. Saheeli war nicht in der Stimmung für Menschenmassen. Sie war eigentlich nicht in der Stimmung für irgendetwas außer einem weiteren Kampf. Vielleicht wurde sie bei Gonti fündig. Sie schlug einen Bogen um den geschäftigsten Durchgang und bahnte sich ihren Weg zum Haupttor. Sie hatte das Richtige getan. Oder? Der Materietransporter war zu gefährlich. Oder? „Das ist er“, sagte sie zu sich selbst. „Das ist er.“

„Das ist sie!“, erklang eine dünne Stimme links von Saheeli.

Saheeli zuckte zusammen und duckte sich gleichzeitig. Sie kannte den Klang überschäumenden Entzückens und wusste genau, was als Nächstes passieren würde, wenn sie nicht sofort ein Ausweichmanöver durchführte. Eine schnelle Drehung und sie lief in die andere Richtung. Zwei Schritte später versperrte ihr jedoch ein Absperrseil den Weg.

„Da drüben!“ Dieselbe Stimme erhob sich über den Lärm der dicht gedrängten Menge.

Saheeli wirbelte herum, nur um vor einer weiteren Absperrung zu stehen. Sie bog um die Ecke und fluchte. Weitere Absperrungen. Sie waren einfach überall.

„Verzeihen Sie. Verzeihen Sie.“ Irgendjemand tippte ihr auf die Schulter. Saheeli holte tief Luft und versuchte, ihre Gesichtszüge so weit unter Kontrolle zu bekommen, dass sie zumindest nicht allzu mordlustig wirkte. Sie drehte sich um. „Ja.“

Es handelte sich um eine Zwergin in einem hellblauem Rock nebst Weste, die die Hand einer wesentlich jüngeren Zwergin hielt, welche eine Schweißerbrille trug. „Meine Tochter meint, Sie wären Saheeli“, sagte die ältere Zwergin.

„Saheeli Rai, berühmte Erfinderin, begnadete Feinschmiedin und angesehenste Koryphäe unserer Zeit“, ratterte das Zwergenmädchen herunter.

Seine Mutter wurde rot. „Ja, finden wir doch erst einmal heraus, ob sie es überhaupt ist.“

„Sie ist es!“ Das Zwergenmädchen strahlte und deutete auf ein Bild von Saheeli in seinem Autogrammbüchlein zum Wettstreit. Es las vor: „‚Am bekanntesten für ihre unvergleichliche Fähigkeit, lebensechte Repliken jeder Kreatur herzustellen, die sie zu Gesicht bekommt.‘ Das ist wirklich toll.“ Es riss die Augen so weit auf, dass sie ihm schier aus den Höhlen fielen, als es Saheeli bewundernd anstarrte. „Wenn ich groß bin, werde ich eine Erfinderin. Genau wie du.“

Die Frau, die weiter versucht hatte, ihre Tochter zu beruhigen, hatte endlich Erfolg damit. „Verzeihen Sie bitte“, sagte sie. „Zara ist nur so furchtbar aufgeregt, hier zu sein. Sie hat seit Monaten über nichts anderes als den Wettstreit gesprochen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, ihr ein Autogramm zu geben?“

Das Zwergenmädchen hielt ihr die Broschüre mit der Seite mit Saheelis Bild hin. Saheeli seufzte. Sie konnte nicht Nein sagen. Sie griff nach dem Stift.

„Du kannst neben deinem Zitat unterschreiben“, sagte das Zwergenmädchen. „Das ist von allen mein Lieblingssatz.“

Saheelis Blick huschte über die Seite und fand den Satz. Sie kritzelte ihren Namen daneben. Als sie ihre eigenen Worte las, stockte sie jedoch. Es mag Zeiten für Regeln und Vorschriften geben, doch diese Ära der Erfindungen zählt nicht zu ihnen. Wir müssen ohne Furcht weiter voranschreiten. Wir müssen ohne Zögern und ohne Grenzen Neues erschaffen. Es ist unsere Pflicht als Erfinder, die erstaunlichsten Dinge herzustellen, die uns nur möglich sind, um einander zu helfen, das Außergewöhnliche zu schaffen und die Welt zu verändern. „Na, das ist doch etwas, was man gern ins Gesicht gesagt bekommt, oder?“

„Wie bitte?“, sagte die Zwergin.

„Oh.“ Saheeli blinzelte. Einen Augenblick lang hatte sie vergessen, wo sie war. „Es tut mir leid. Ich habe nur ... Hier, bitte sehr.“ Sie gab dem Zwergenmädchen sein Autogrammbüchlein zurück.

„Danke schön.“ Das Zwergenmädchen strahlte. „Vielen, vielen Dank!“

Saheeli hörte es kaum. Ihre Füße trugen sie entschlossen davon – sie wusste genau, wohin. Hoffentlich kam sie nicht zu spät.
__________

Saheeli hatte noch nie gesehen, dass ein Gebäude todtraurig aussah, doch das Inquirium tat es. Es schien die Antennen hängen zu lassen, und jenen Teil, der dem Kopf eines Käfers ähnelte, hatte es zwischen die beiden Vorderbeine gelegt. Saheeli kletterte die Stufen hinauf und klopfte zaghaft an die Tür. In Gedanken ging sie das durch, was sie sagen wollte und wie sie es sagen wollte. Sie war nicht gut darin, sich zu entschuldigen, und sie war offen gestanden nicht einmal überzeugt, dass es nötig war, doch irgendetwas musste gesagt – und getan – werden, bevor es zu spät war. Sie klopfte.

Schritte auf der anderen Seite der Tür verrieten ihr, dass jemand kam. Die Tür öffnete sich und Mituls blaues Gesicht erschien. „Mitul. Ich muss mit Rashmi sprech–“ Mitul schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

„Na gut“, murmelte Saheeli finster. „Das habe ich verdient.“ Sie strich sich die Röcke glatt und knirschte mit den Zähnen, um dem Drang zu widerstehen, die Treppe hinunterzustürmen. Stattdessen klopfte sie erneut. „Verdient, aber kindisch.“ Beim letzten Wort hob sie die Stimme und klopfte lauter. „Komm schon. Lass mich rein. Ich werde nicht ewig hier stehen.“

Weitere Schritte. Diesmal war es Rashmi, die die Tür öffnete. Die Elfe sah schlimmer aus als vorher. Ihre Augen waren rot und verquollen, und Gesicht und Arme waren von Schweiß und Staub bedeckt. Der letzte Rest von Saheelis Zorn schmolz dahin. Sie konnte es nicht ertragen, ihre Freundin so zu sehen. Sie wollte sie umarmen und sie trösten, doch sie hielt sich zurück. Zuerst musste sie etwas sagen. „Ich möchte dir erklären, warum ich dir nicht geholfen habe.“ Rashmi wich ihrem Blick aus. „Ich hatte Angst. Ich war unsicher. Was du tust ist gefährlich und ...“

„Das habe ich alles gehört, Saheeli.“ Rashmi richtete sich auf. „Wenn du gekommen bist, um mir weitere Vorträge zu halten, dann geh bitte.“ Rashmi machte Anstalten, die Tür zu schließen, doch Saheeli hielt sie offen.

„Du hast mich nicht ausreden lassen.“ Sie stellte sich in den Türrahmen. „Es ist gefährlich, ja. Aber“, fuhr sie über Rashmis beinahe hörbares Verdrehen der Augen fort, „es ist außerdem auch sehr spannend. Sogar regelrecht aufregend. Es kann die Welt verändern ... Zum Besseren.“ Rashmi ließ die Tür los. „Wenn irgendjemand den nächsten Durchbruch in der Ätherologie schafft, dann du. Und ich möchte dabei sein, um ihn zu sehen. Ich möchte helfen.“ Saheeli hielt ein perfekt geformtes Filament in die Höhe, das von ihr aus dem härtesten Metall gefertigt worden war, das sie hatte finden können. „Für dich“, sagte sie. „Padeem hat mir versprochen, dir eine Audienz zu gewähren, falls es funktioniert.“

Rashmi starrte sie an. Dann wanderte ihr Blick langsam zu dem Filament.

„Also? Worauf wartest du noch?“, fragte Saheeli. „Musst du nicht noch einen Versuch durchführen oder so etwas in der Art?“

Rashmi rief nach Mitul, und gemeinsam reparierten die beiden Erfinder den goldenen Ring, als wäre er das Kostbarste, was sie je besessen hatten. Saheeli sah schweigend aus einer Ecke der Werkstatt heraus zu, wie Rashmi vorsichtig eine Vase zum Tisch in der Mitte des Raumes trug und sie im Inneren des Rings abstellte.

Mitul nickte. „Versuchsobjekt 1 ist bereit“, sagte er.

Rashmi legte einen Schalter um, und der Transporterring erwarte surrend zum Leben. Saheeli versteifte sich und hielt den Atem an. Sie wollte nicht hinsehen, doch ebenso wenig konnte sie den Blick abwenden. Sie beschloss, alles aus einem Augenwinkel heraus zu beobachten.

„Startzeit des Versuchs ist notiert“, sagte Mitul. „Initiale Äthermessungen erfasst.“

Der Ring schwebte vom Tisch hoch. Dabei flackerte die Vase auf und verschwand.

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Einen Augenblick später erschien sie am anderen Ende des Raumes.

Saheeli starrte sie mit offenem Mund an. Ihrer Freundin war das Unmögliche gelungen. Es existierte jetzt ein Gerät, das Materie durch den Raum transportieren konnte. Saheeli konnte nur hoffen, das Richtige getan zu haben.
__________

Während sie hinauf zum obersten Stockwerk mit den Wohnungen der Preisrichter getragen wurden, schaute Rashmi durch die gläserne Wand des Fahrstuhls. Die Sonne ging über Ghirapur unter, und die Geschäftigkeit des Tages war der Stille des Abends gewichen. Ein loser Ätherstrom wand sich sanft durch die spiralförmigen Kuppeln auf den höchsten Gebäuden der Stadt. Ein tief fliegender Kranich berührte sachte das schimmernde Wasser des Kanals unter ihnen. Als sie zusah, wie die Stadt sich auf die Nacht vorbereitete, legte sich eine Ruhe über Rashmi, die sie seit langer Zeit nicht mehr in sich gespürt hatte. Sie hielt den goldenen Transporterring an ihrer Seite. Es schien unmöglich, dass alles nun genau hier enden sollte: mit einer Privataudienz bei der Erleuchteten Hüterin Padeem. Manchmal wirkte die Große Verbindung auf eine Weise und in Mustern, die selbst Rashmi nicht begreifen konnte. Nach all der Zeit, die von ihr in das Studium des Ätherflusses investiert worden war, und nach all der Arbeit, die sie bei ihrem Versuch geleistet hatte, seinen Einfluss auf das Leben zu entmystifizieren, fand sie noch immer, dass diese Augenblicke diejenigen waren, die sie am meisten schätzte: wenn das Leben sie überraschte und die Menschen sie in Erstaunen versetzten.

„Wie hast du das geschafft?“, fragte sie Saheeli. „Wie hast du es fertiggebracht, Padeem hierzu zu überreden?“

Ein verschlagenes Lächeln huschte über Saheelis Gesicht, als sich die Fahrstuhltüren zischend öffneten. „Ein Platz in der ersten Reihe beim Handwerkerduell im Untergrund nächste Woche.“

Rashmi stolperte beinahe beim Hinaustreten aus dem Aufzug. „Die Konsulin Padeem? Sieht sich Duelle an?“

„Natürlich.“ Saheeli lachte. „Möchtest du unsere Freundin einweihen, Mitul?“

„Es ist etwas, was nur wenige Leute wissen“, sagte Mitul. „Niemand mag das von einem Vedalken erwarten, aber wir können uns sehr schnell bewegen, wenn es nötig ist, und das macht uns zu exzellenten Duellanten.“

„Wollt ihr damit sagen, dass Padeem eine Flinkschmiedin im Untergrund war?“ Rashmi klappte der Unterkiefer herunter.

„Die Beste ihrer Zeit“, sagte Saheeli. „Sie würde wahrscheinlich sogar heute noch gewinnen.“

„Trägst du ... Duelle aus?“, fragte Rashmi Mitul.

„Oh, nun ja, weißt du ... Ich befasse mich so nebenbei damit.“ Mitul schien plötzlich sehr von den Türen abgelenkt, die sich gerade öffneten, um den Weg in einen kleinen Empfangsraum freizugeben. Er eilte hinein.

Rashmi betrachtete ihren Kollegen in einem neuen Licht. Er wirkte recht geschickt, und sie konnte sich bestens vorstellen, dass seine Meisterschaft geometrischer Berechnungen ihm in einer taktischen Kampfsituation von Vorteil sein konnte. Der Tag hielt wohl immer noch einige Überraschungen für sie bereit, wie es schien.

„Die Erfinder Rashmi und Mitul für die verehrte Preisrichterin Padeem“, sagte Saheeli zu einem offiziell aussehenden Funktionär des Konsulats, der hinter einem hohen Tisch stand.

„Einen Augenblick bitte.“ Der Funktionär schlüpfte durch eine Schiebetür und ließ die drei in dem Empfangsraum warten.

Saheeli wandte sich mit einem ernsten Ausdruck in ihren großen Augen an Rashmi. „Ich würde dir ja viel Glück wünschen, aber das brauchst du nicht.“

„Das verdanke ich nur dir.“ Rashmi neigte den Kopf nach unten zu Saheeli. „Danke. Für alles, was du getan hast. Ich bin dir auf ewig zu Dank verpflichtet.“

Saheeli zuckte die Schultern. „Ich hätte das sicher besser angehen können. Es ... Es tut mir leid.“ Verstohlen blickte sie unter ihren Wimpern zu Rashmi auf. „Freunde?“

„Immer.“ Rashmi zog Saheeli in die Arme.

Saheeli drückte ihre Hand. „Nun geh und zeig dieser alten Duellantin die Erfindung, die die Welt verändern wird.“

„Gut.“ Rashmi umklammerte ihren Transporter, als sich die Schiebetür öffnete und der Funktionär hindurchtrat.

„Die Konsulin wird Sie jetzt empfangen.“

Rashmi blickte zu Mitul. „Bist du bereit?“

Er nickte und hielt die Vase hoch. „Ich bin bereit.“ Sie folgten dem Funktionär durch die Tür. Der Gang führte zu einem kleinen Gemach, in dem Padeem in einem weichen Sessel lag. Rashmi konnte sie nicht anschauen, ohne sofort die legendäre, tollkühne Handwerksduellantin vor sich zu sehen. Der Gedanke brachte sie zum Lächeln.

„Die Erfinder Rashmi und Mitul, Konsulin“, sagte der Funktionär.

Padeem nickte. „Willkommen.“

„Sie dürfen anfangen.“ Der Funktionär streckte den Arm aus und deutete auf einen Tisch, der vor Padeem aufgestellt worden war – zweifellos zum Zweck dieser Demonstration.

Mitul näherte sich und stellte die Vase ab, sorgsam darauf bedacht, sie genau in der Mitte des Tischs zu platzieren. Nachdem er einen Schritt zurückgetreten war, schritt Rashmi heran, hob den Transporterring an und streifte ihn über die Vase, um ihn auf der Tischplatte abzulegen. Sie fühlte sich noch nicht ganz bereit, weswegen sie einen tiefen Atemzug tat und in die Große Verbindung blickte. Zunächst dachte sie, sie wäre verschwunden, doch dann verstand sie, dass sie genau in ihrem Inneren stand und ihr Licht sie umstrahlte. Dies war der Moment, dem sie so lange nachgejagt war. Und nun, da er da war, erkannte sie, dass sie nicht wusste, was als Nächstes kommen würde. Alles, was sie wusste, war, dass es von nun an kein Zurück mehr gab. Sobald sie Padeem erst einmal gezeigt hatten, was ihnen gelungen war, würde die Welt nie wieder so sein wie vorher. Vielleicht war das genug. Rashmi trat einen Schritt zurück und blickte zu der Vedalken-Preisrichterin.

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Padeem stützte das Kinn auf die Fingerspitzen. „Also schön, Erfinderin Rashmi. Beeindrucken Sie mich.“

Veröffentlicht in Magic Story on August 31, 2016

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Mi 21. Sep 2016, 20:52

Fackel des Widerstands


Ein Planeswalker aus Kaladesh besuchte Ravnica, um die Wächter um Unterstützung zu bitten. Diese stimmten jedoch darin überein, dass sie sich nur in interplanare Angelegenheiten einmischen sollten und eine mögliche Bedrohung der Erfindermesse auf Kaladesh daher nicht in ihren Aufgabenbereich fällt. Für Chandra Nalaar jedoch handelt es sich bei Kaladesh um etwas Persönliches – um ihre Heimatwelt nämlich, auf der sie nicht mehr gewesen ist, seit sich vor zwölf Jahren ihr Funke entzündete und sie ihre erste Weltenreise unternahm. Ohne Absprache mit den anderen ist sie in ihre Heimat Kaladesh zurückgekehrt.

Ihre Heimat war für sie wie ein durch mangelnde Benutzung verkümmerter Muskel. Der Weg zurück nach Kaladesh glich einem überwucherten Pfad, den das Gras mit der Zeit für sich zurückerobert hatte, und für einen Augenblick fragte sich Chandra, ob sie sich überhaupt noch an ihn erinnerte. Doch noch ehe sie einen tiefen, beruhigenden Atemzug tun konnte, war sie auch schon angekommen.

Chandra stand in der Mitte eines Platzes aus sonnenwarmem Pflaster und geriet ob des Gefühls einer geradezu unwirklich scheinenden Vertrautheit schier ins Wanken. Kardamom und Räucherstäbchen, geschmolzenes Kupfer und Schmieröl, der aromatische Duft vorbeiziehender Baumrücken und der scharfe Geruch von Bandarfell. Spuren von Äther in der Luft, frisch und offen wie sonnengetränktes Leinen, aber mit einem prickelnden Hauch der Verheißung großer Taten. Es war der Äthergeruch, der ihr endlich verriet, dass sie daheim war – das rohe Potenzial, das die Wolken am Himmel umherwirbeln ließ, in den Herzen von Luftschiffen aufwallte und in dicken Glasrohren durch die Stadt geleitet wurde.

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Der letzte Tag, den sie auf dieser Welt verbracht hatte, war bruchstückhaft und unvollendet in ihrer Vergangenheit eingefroren gewesen. Nun ging dieser Tag mit einem Mal weiter, nur dass alles geschäftiger wirkte – und sie um so vieles kleiner. Sollte man sich denn nicht eigentlich größer fühlen, wenn man das Zuhause seiner Kindheit besuchte?

Die Leute rauschten in der üblichen Geschäftigkeit Kaladeshs an ihr vorüber. Die Melodie ihrer Stimmen durchzuckte sie. Sie hörte Gesprächsfetzen, die geradewegs aus dem Haus ihrer Familie hätten stammen können: eifrige Vorhersagen über irgendeinen berühmten Erfinder auf dem Wettstreit, unwirsche Meinungen zu den Vorteilen dieser oder jener Luftschiffschiffbauweise, knappe Wortwechsel über sich rasch nähernde Liefertermine.

Chandra hielt sich an den eigenen Ellenbogen umklammert. Sie wollte sich in ihrer Hängematte aus Kindertagen zusammenrollen, die an den Laufgängen der alten Mine aus der Zeit vor dem Ätherboom festgemacht gewesen war, über der Maschinenwerkstatt, in der ihre Eltern über neuen Erfindungen gebrütet hatten. Sie wollte nur noch dort liegen und ihren Stimmen lauschen, während sie das Metall formten. Sie sehnte sich danach, einfach heimzukehren – doch sie war daheim und es war nicht mehr ihre Heimat und sie war nicht mehr elf und ihre Mutter würde sie nie wieder in die Arme schließen –

Sie knurrte und stampfte mit dem Fuß auf. Sie wischte sich die Hände an den Oberschenkeln ab und dann damit über die Augen. Nein.

Irgendwo in dieser Menge war der Renegat, nach dem sie suchte. Der Erfinder, der in Gefahr war – und den Rest der Wächter kümmerte das nicht. Ihre Familie hatte gegen das Konsulat gearbeitet, als sie noch ein Kind gewesen war. Sie hatten Patrouillen umgangen, um brillanten Erfindern Äther zu liefern. Sie wusste nicht, warum ihr diese Person so wichtig war oder warum es gerade diese Mission hatte sein müssen, die sie zurück nach Kaladesh geführt hatte. Sie wusste nur, dass sie diesen Erfinder aufspüren musste. Und zwar bald.

Ghirapur toste um sie herum, eine Stadt voll von Tausenden von Gesichtern. Sie wusste nicht einmal, wie dieser Renegat aussehen sollte. Chandra spürte einen Stich eines vertrauten Gefühls – das Gefühl, sich völlig kopflos in etwas gestürzt zu haben und nicht zu wissen, wie man wieder aus ihm herauskommen sollte. Sie hatte das Bedürfnis, sofort umzukehren und sich zurück nach Ravnica aufzumachen.

Ein paar Gesetzeshüter des Konsulats warfen ihr einen raschen, prüfenden Blick zu und gingen weiter – und ein Anflug von sturem Trotz vertrieb ihren Wunsch, die Flucht anzutreten. Instinktiv hatte sie die Hand zur Faust geballt und nach einem Banner in der Nähe gegriffen. Sie setzte einen Fuß auf ein verziertes Kupfergeländer, fasste nach einer herabhängenden Flagge des Konsulats und schwang sich auf einen Balkon ein Stockwerk über ihr.

Beim Hinaufklettern bereitete sich die Stadt unter ihr aus. Fahrzeuge und Menschen strömten durch die Straßen und versammelten sich zur Erfindermesse. Dachgärten unter Glas drehten sich im Einklang mit dem Lauf der Sonne. Im Zentrum der Stadt erhob sich ein einzelner, gewaltiger Turm hoch in den Himmel. Von Äther angetriebene Luftschiffe umkreisten ihn wie Monde. Sie fragte sich, ob sie jemals jenes wüste Knäuel aus Gefühlen würde entwirren können, das Kaladesh für sie war. Doch selbst wenn sie einen Freund hier gehabt hätte – jemanden, der das alles hätte verstehen können –, so wäre sie nie in der Lage gewesen, ihm zu erklären –

„Das ist also deine Heimat“, sagte eine Frau neben ihr.

Chandra fuhr zusammen und setzte dann eine düstere Miene auf. Auf dem bislang leeren Balkon stand nun Liliana neben ihr, die sich mit verschränkten Armen auf die Brüstung lehnte und den Blick über Ghirapur schweifen ließ.

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Ein grauhaariger Mann huschte in einer Abfolge verstohlener Manöver durch Ghirapur. Er hielt sich von den Hauptstraßen fern, mied den fahrscheinpflichtigen Express, duckte sich in Ersatzteilläden hinein und wieder hinaus, stahl sich an Ätheradern entlang und eilte über schattenverhangene Höfe. Er raffte sich die Kapuze vor dem Gesicht zusammen, um es vor Patrouillen und Thoptern zu verbergen. Niemand trat auch nur auf seinen Schatten, als er sich näher und näher an die Erfindermesse herantastete.
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Chandra packte das Balkongeländer und funkelte Liliana an. „Wenn du hier bist, um mich nach Hause zu holen, dann kannst du gleich wieder gehen.“

Liliana schnaubte verächtlich. „Daran würde ich im Traum nicht denken. Du bist zu Hause.“

„Ich gehe nicht eher zurück, bis ich denjenigen gefunden habe, nach dem dieser Baan gesucht hat.“ Chandra knirschte mit den Zähnen und knotete sich den Schal ihrer Mutter um die Hüfte. „Mir ist egal, was du oder die anderen wollen.“

„Es ist nur wichtig, was du willst. Zum Teufel mit den anderen, wenn sie nicht sehen, was dir deine Heimat bedeutet.“

„Sie meinen es bloß gut“, gab Chandra zurück. „Sie würden nur ... Sie würden das alles nicht verstehen.“ Hundert Erklärungen, was Kaladesh bedeutete, drängten sich in den Vordergrund ihres Bewusstseins, doch keine von ihnen war umfassend oder kompliziert genug. Was bedeutete einem die Heimat seiner Kindheit, wenn sie einem die eigene Kindheit geraubt hatte? Wie konnte Heimat überhaupt etwas bedeuten, wenn man zu demjenigen geworden war, der man war, indem man seine Heimat verlassen hatte?

„Erzähl mir davon“, sagte Liliana. „Vielleicht kann ich dir helfen.“

„Du würdest es auch nicht verstehen“, sagte Chandra.

„Ich verstehe, dass Heimat etwas ist, was schmerzhaft für einen sein kann“, sagte Liliana. Ihr Gesicht war eine Anordnung nicht zu deutender Falten. „Ich verstehe, dass Baan nur ein Sammelsurium langweiliger Vorschriften in einer schicken Uniform ist.“

„Baan ist einer von ihnen. Vom Konsulat. Sie halten die Stadt am Laufen, doch sie hassen alle, die versuchen, Dinge anders zu machen als vorgesehen. Ausgestoßene. Renegaten.“

„Spaßige Leute also.“

„Ich meine einfach nur Leute wie mich. Und meine Eltern.“ Chandra legte die Hände auf die Brüstung. Ein Rauchfädchen stieg von dem Holz auf.

Liliana beschwor ein violettes Leuchten um ihre Fingerspitzen, und ihre Lippen öffneten sich zu einem Grinsen. „Dann glaube ich, dass es höchste Zeit ist, deine Rückkehr in deine Heimatstadt gebührend zu feiern.“

Chandra hob eine Augenbraue. „Ich bin hier, um etwas zu erreichen.“

„Wir können unterwegs immer noch nach deinem ach so wichtigen Renegaten suchen. Aber schau dich doch nur an! Du hast ja nicht einmal Freude an dieser riesigen Feier, die dort unten stattfindet. Und außerdem: Wir beide? In dieser Stadt? Ich glaube, wir könnten hier in einige äußerst befriedigende Schwierigkeiten geraten.“

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Chandra musste unwillkürlich grinsen. „Liliana, du bist zwei Jahrhunderte älter als ich. Wer von uns beiden sollte noch gleich die Vernünftige sein?“

„Lass mich dir ein Geheimnis verraten.“ Liliana legte spielerisch eine Hand an Chandras Ohr und sprach in einem Theaterflüstern weiter. „Es muss gar nicht unbedingt eine Vernünftige geben.“
__________

Der Mann unter der Kapuze ließ sich vom bunten Trubel der Erfindermesse einhüllen und lauschte. Er hielt sein Gesicht und seinen rechten Arm verborgen – nicht länger, um den Soldaten des Konsulats oder den suchenden, hellen Linsenaugen der Thopter zu entgehen, sondern nur, um sich frei unter den Messebesuchern bewegen zu können. Erfinder hätten ihn nämlich sofort erkannt und sein Tun unterbrochen. Das konnte er nicht zulassen. Er musste seine Aufgabe zu Ende bringen, ehe irgendjemand auch nur die Gelegenheit dazu hatte, ihn zu bemerken.

Er ließ sich von der Masse treiben und lauschte weiter, während er den Worten der Leute zu seinem Ziel folgte.
__________

Die Ätherstreifen am Himmel verwuschen von zartem Blau und Weiß zu Gold und Kupfer, zu Lachs und Purpur und schließlich zu leuchtendem Türkis vor schimmerndem Schwarz. Ketten äthergetriebener Lampen erwachten funkelnd zum Leben, und Licht und Musik drangen aus jedem Fenster und jeder Tür in der Stadt. Chandras und Lilianas Suche nach dem Renegaten war zunächst zu einer Reihe von Plaudereien mit Sympathisanten der Renegaten geworden. Darauf waren Stunden gefolgt, in denen sie sich unter die Erfinder in den Gesellschaftshäusern und Ballsälen gemischt hatten. Zu guter Letzt hatten sie das Tanzen begonnen. Chandra fand sich in wirbelnde Drehungen und akrobatische Sprünge hineingezogen und vollführte zeremonielle Tänze, die die Errungenschaften großer Erfinder und Piloten feierten – und hier da zeigte sie auch nur ein ausdrucksstarkes Gezappel, das aus ihrer Zeit als Mönchin auf Regatha stammte.

Chandras Wangen glühten. Sie warf Liliana einen Blick zu, die irritierenderweise wirkte, als wäre sie hier zu Hause, obwohl sie nicht einmal einen ganzen Tag auf dieser Welt zugebracht hatte. Liliana lehnte mit einem Getränk in der Hand an einer Wand und bezirzte stumm einen Vedalken in einer Konsulatsuniform. Sie sah dabei ein wenig wie eine Löwin aus, die mit einer verwundeten Antilope spielte.

Als das blaue Gesicht des Soldaten schlagartig purpurn wurde und sich sein Lächeln in eine mürrische Miene verkehrte, setzte Chandras Reflex ein, entweder fliehen oder kämpfen zu wollen. Sie eilte in seine Nähe und hörte, wie der Mann des Konsulats einen anklagenden Tonfall anschlug.

Die Augen des Vedalken waren nur noch Schlitze. „Und selbst wenn ich von Drohungen gegen die Messe wüsste“, sagte er, „was ginge Sie das an, werte Dame? Falls Sie etwas beobachtet haben, so ist es Ihre Pflicht, es zu melden.“

Lilianas dreiste Erwiderung war ausgefeilt. „Nun, ich glaube, es ist Ihre Pflicht, sich kräftig in den –“ Dann ließ sie eine Obszönität fallen, die derart schockierend war, als hätte sie dem Vedalken ihr Getränk ins Gesicht geschüttet – und genau das tat sie dann auch noch prompt. Nass lief die Flüssigkeit dem verdatterten Mann übers Gesicht und rann die scharfen Falten seiner Konsulatsuniform entlang.

Chandras Mund formte ein O. Sie war sich nicht sicher, ob sie entsetzt sein oder in Gelächter ausbrechen sollte.

„Geschieht ihm ganz recht, oder, Chandra?“ Liliana zwinkerte ihr zu. „Dies ist meine Kollegin Chandra. Eine stolze Sympathisantin der Renegaten.“

Alarmglocken begannen in Chandras Kopf zu schrillen.

„Renegaten“, sagte der Vedalken-Soldat auf eine Weise, wie man den Namen einer Sorte von Ungeziefer aussprach, von der man gerade entdeckt hatte, dass sie bei einem unter den Dielen hauste. Er wischte sich das Gesicht mit einem Tuch ab und suchte nach irgendetwas in seiner Tasche. „Sie beide“, sagte er. „Sie kommen mit.“

Als Chandra sah, was der Vedalken vom Konsulat aus seiner Tasche geholt hatte – ein an sich einfaches Paar Handfesseln, das in seinem künstlerischen Glanz dennoch an fein geschliffene Juwelen heranreichte –, kam die Wut. Ihr Haar wurde zu Feuer. Ihre Finger zu einer Faust. Sie war wieder elf Jahre alt und ritt auf einer anschwellenden Woge des Zorns.

Der Soldat blickte erschrocken auf Chandras Haar, und allein das wäre womöglich schon Antrieb genug für sie gewesen. Doch erst, als er höhnisch sagte: „Strecken Sie die Fäuste vor!“, beschrieb Chandras Faust einen weiten Bogen und erwischte ihn in einer fließenden Bewegung am Kiefer. Das Gesicht des Mannes fuhr zur Wand des Nachtlokals herum, von der ein Zahn abprallte. Dann brach er zusammen.

Liliana lachte in einer Art von Beifall – wie jemand, der dabei zusah, wie nacheinander eine Reihe von Dominosteinen umfiel. Sie hob ihr Glas.

Chandra spürte, wie jedes Gesicht in dem Lokal sich zu ihr umwandte. „Lass uns von hier verschwinden“, sagte sie.

„Aber möchtest du diesen Leuten nicht zeigen, wozu du fähig bist? Es diesem Gecken heimzahlen?“

„Lass uns gehen. Sofort!“

Chandra sprang über ein Geländer und huschte durch das Nachtlokal. Sie stieß die Hintertür auf. Liliana folgte ihr in eine Gasse. Sie wichen zwei Erfindern aus, die ihre Automaten gegeneinander antreten ließen. Eines der Geräte spreizte seine beeindruckenden Kupferfedern, während das andere sich auf einem gyroskopischen Rad drehte.
__________

Es war schon dunkel, als der Mann mit der Kapuze endlich die Ziele, nach denen er auf der Suche war, gefunden hatte. Eine Schlange junger Leute eilte aus den überschatteten Ständen am Ovalhatz hinaus. Aus ihren Rucksäcken ragten die kupfernen Arme und Greifer ihrer nicht ganz legalen Automaten. Renegaten-Erfinder.

Er bewegte sich wie beiläufig in ihren Weg. Er hielt die Strähnen seines silbernen Haares unter der Kapuze verborgen, doch er hielt ihnen eine Hand – nicht die Hand, die andere – auf eine Weise hin, mit der er ihnen das Symbol eines undichten Turms auf der Innenseite seines Handschuhs deutlich sichtbar präsentierte.

Eine Zwergenfrau bemerkte das Symbol und schlug ein, um es mit ihrem eigenen zu verbinden. „Ich fürchte, wir sitzen für heute Nacht auf dem Trockenen, mein Freund.“

„Ich suche nicht nach Äther“, sagte er. Er wirkte einen versteckten Zauber, um den Inhalt ihres Rucksacks zu untersuchen. Im Inneren ihres Automaten befand sich ein Abhörmodul. Perfekt. Nun musste er sie nur noch am Reden halten. „Ich suche nach einer Verbündeten. Ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht wissen, wo Ihre kleine Vorführung morgen stattfinden soll.“

„Es finden eine Menge Vorführungen statt. Wissen Sie den Namen?“ Sie versuchte, Blickkontakt zu ihm aufzubauen und sein Gesicht zu erkennen. Angemessen vorsichtig.

Seine Informationen waren eher fragmentarisch, doch das passte zu seiner Maskerade als vorsichtiger Renegat. „Sie sagte, wir sollten keine Namen verwenden. Ich soll sie einfach nur treffen. Sie haben nichts davon gehört?“ Zwischenzeitlich begann sein nächster Zauber zu wirken. Das kleine metallene Abhörmodul befolgte seine Befehle und löste sich aus ihrem Automaten. Es schwebte still aus ihrem Rucksack und in seine Jackentasche.

„Tut mir leid“, sagte sie schulterzuckend. „Ich weiß nicht, über wen oder was Sie da sprechen.“

Doch er wusste, dass sie eine Verbündete seines Ziels war. Er lächelte entschuldigend. „Tut mir sehr leid. Ich werde Sie nicht weiter belästigen.“

„Nichts passiert“, sagte die Zwergin. „Wie kann ich Sie erreichen, wenn ich etwas über Ihre Freundin höre? Wie nennt man Sie denn?“

Er drehte sich um und winkte. „Einen schönen Abend noch.“

Er raffte seine Kapuze zusammen und ging weiter. Er blickte auf seine Hand – die Hand –, in der er das kleine, reich verzierte Kupfermodul hielt. Im Gehen aktivierte er es, und als seine Zahnräder sich zu drehen begannen, verriet es ihm nach und nach alles, was es gehört hatte: Unterhaltungen, Zeiten, Daten. Und einen Ort.
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Jedes Mal, wenn Chandra und Liliana eine Patrouille sahen, bogen sie um eine Ecke, und jedes Abbiegen führte sie weiter auf ihrer verwinkelten Reise durch die Stadt. Sie duckten sich durch ein Marktzelt und sprinteten eine elegante Treppe hinauf. Aus einem Fenster blickten sie nach unten, und unten war eine stille Gasse, die außerhalb der Patrouillenrouten der Wachen lag.

„Da runter“, sagte Chandra. Lilianas Missfallen war offensichtlich, doch sie rutschten gemeinsam an den Holmen einer Reihe von Leitern in die Gasse hinunter.

An gegenüberliegenden Wänden lehnend holten sie Luft. Zaghaftes Tageslicht streifte die Dächer der Gebäude. Die Leute begannen, in den jungen Morgen hinauszuströmen.

„Ich habe wirklich keine Lust mehr auf dieses ‚Atemlos durch die Nacht‘-Gehetze.“ Liliana runzelte kläglich die Stirn. „Ich bin eher der Typ für ein dramatisches Daherschreiten.“

Doch Chandra betrachtete lediglich das Mosaik an der Wand hinter ihr.

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Das Mosaik war teilweise herausgebrochen und verwittert. Der Erfinder, der in dem runden Rahmen abgebildet war, trug seine Schutzbrille auf der Stirn und blickte zu einer Seite. Er wirkte so sanftmütig wie eh und je. Leicht belustigt, so wie er sie immer angesehen hatte. Chandra fand ein farbiges Mosaikteilchen im Staub der Gasse und versuchte, es wieder an seinen Platz zu setzen, doch es weigerte sich beharrlich.

Liliana stand an ihrer Seite und betrachtete das Mosaik.

„Das war mein Vater“, sagte Chandra. „Kiran.“

„Du hast seine Nase. Und seine Schutzbrille.“

„Meine Mutter und er waren beide großartige Erfinder. Sie wurden getötet, als ich noch ein Kind war.“

„Das tut mir leid. Von wem denn? Dem Konsulat?“

Chandra kniff einen Augenblick lang die Augen zu. „Von einem Psychopathen in Uniform. Baral. Meine Eltern starben seinetwegen. Weil er mich gehasst hat. Weil sie versucht haben, mich zu beschützen.“

Liliana blickte sie mit neugierigem Interesse an. Chandra wünschte sich, sie täte es nicht.

„Das ist doch nicht deine Schuld. Sondern seine.“

„Ich hätte nicht hierher zurückkommen sollen. Warum bin ich nur hierher zurückgekommen?“

„Weil du glaubst, dass du ihnen etwas schuldest. Wir alle müssen uns den Entscheidungen, die wir getroffen haben, als wir noch jünger waren, irgendwann stellen.“ Liliana blickte das Mosaik an und wischte Staub von dem Porträt. „Vielleicht sollten wir versuchen, diesen Baral zu finden.“

„Dieser Ort ... Hier habe ich gelernt, immer nur mit Tragödien zu rechnen. Leuten immer nur zu misstrauen.“

„Hier hast du auch gelernt, dich zu wehren. Gefährlich zu sein.“

„Du sagst das, als sei das etwas Gutes.“

„Die meisten Leute sind damit zufrieden, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Die Welt sagt ihnen, dass sie schwach sind, und sie stimmen ihr zu. Sie fressen ihre Enttäuschung in sich hinein, lassen sie in ihrem Inneren vor sich hin faulen und dann legen sie sich hin und sterben. Aber wir anderen? Wir lernen, uns zu wehren. Wir lernen, wie man spuckt und Sachen wirft. Wir lernen, wie man überlebt. Und du bist jemand, der das Überleben gelernt hat, Chandra.“

Chandra blickte in die Augen ihres Vaters. Sie griff nach dem Saum des Schals – des Schals ihrer Mutter –, den sie sich um die Hüfte geschlungen hatte.

Liliana grinste schief. „Wenn Baral deine Familie so sehr gehasst hat, sollten wir herausfinden, ob es ihn noch gibt. Nur zur Sicherheit. Und außerdem: Falls wir ihm über den Weg laufen, kannst du ihm in die Augen sehen anstelle von diesem Porträt und ihm sagen, was du von ihm hältst. Das steht dir zu.“

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„Ich weiß nicht“, sagte Chandra. „Baral glaubt wahrscheinlich, dass ich an diesem Tag gestorben bin.“

„Dann stell dir nur mal seinen Gesichtsausdruck vor, wenn er merkt, dass dem nicht so ist. Wenn er merkt, dass du überlebt hast.“

Chandra musste bei dem Gedanken ein wenig schmunzeln.

Liliana sah ihr in die Augen. Ihr Gesicht war ernst. „Wenn du ihn zu Asche verbrennst.“

Chandra zuckte entsetzt zurück, doch gleichzeitig wallte eine düstere Form der Erregung in ihr auf. Baral hatte ihren Vater vor ihren Augen getötet. Und sie wusste, dass Baral der Befehlshaber jener Soldaten gewesen war, die die Feuer entzündet hatten, welche ihr Dorf zerstört und ihre Mutter getötet haben mussten. Ihre gesamte Familie ausgelöscht wegen eines Mannes. Wie befriedigend es sein würde, ihnbrennen zu sehen.

„Wenn er noch am Leben ist“, sagte Chandra, „wird er für das, was er getan hat, bezahlen.“

Lilianas Stimme war ein leises Flüstern. „Es ist nur recht und billig, ihm den Schmerz, den er dir zugefügt hat, zurückzuzahlen.“

„Es ist nur recht und billig“, sagte Chandra, und ihr Haar fing Feuer.

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„Da sind sie!“, riefen zwei Uniformierte an einem Ende der Gasse und eilten auf die beiden Planeswalker zu. Entdeckt.

Chandra setzte zum Spurt in die entgegensetzte Richtung an, doch Liliana hielt sie fest. „Wir müssen nicht fliehen“, sagte die Nekromagierin und blickte den Wachen gelassen entgegen. „Diese Hetzjagd lässt sich auch auf andere Weise beenden.“

„Nein. So etwas tun wir nicht.“

„Wir tun alles, was nötig ist“, sagte Liliana. Ihre Worte wurden vom Pfeifen eines Zuges ein paar Straßen weiter untermalt.

Chandra schüttelte Lilianas Hand ab. Sie nahm die beiden Männer in den Blick und rief einen wirbelnden Flammenstoß herbei. Anstatt jedoch in die Wachen des Konsulats hineinzufahren, prallte der Zauber auf den gepflasterten Boden und breitete sich zu einer Flammenwand aus, die die Gasse versperrte. Die Wachen blieben wie angewurzelt stehen.

Sie schaute Liliana an. „Schreib mir nicht vor, was ich tun soll“, sagte sie. „Komm schon. Ich habe eine Idee.“

Sie gelangten auf eine der Hauptstraßen. Der Aradara-Dämmerungszug war gewaltig groß, ruhte jedoch sehr elegant in einer einzelnen Fahrrinne zwischen den Steinen. Sonnenlicht spiegelte sich auf seinen polierten, hölzernen Flanken. Passagiere hasteten auf seiner gesamten gewundenen Länge durch seine Türen. Chandra rannte los, sprang auf und legte eine Hand in die sich schließende Tür.

Sie und Liliana waren an Bord, als der Zug fauchend anfuhr. Durch die Fenster konnten sie die Wachen des Konsulats sehen, die die Verfolgung aufgaben und kleiner und kleiner wurden.

Ein komplizierter Apparat am Eingang verlangte klappernd, ihre Fahrscheine zu sehen. Chandra rammte die Faust in ihn hinein und schuf so einen glühenden Krater. Der Apparat stellte das Klappern ein.

Sie setzten sich hin. Chandra lehnte den Kopf an die Scheibe und sah zu, wie die Gebäude ihrer Kindheit an ihr vorüberzogen. Keiner der beiden Planeswalker sprach.
__________

Der Zug ruckte und Bremsen kreischten. Chandra griff nach ihrem Sitz und stand auf, nur um sofort in den Sitz vor ihr geschleudert zu werden. Der Zug pfiff wiederholt, die Räder unter ihnen blockierten und rote Warnleuchten begannen, an der Decke des Waggons aufzublinken.

Chandra schaute aus dem Fenster, als der Zug sich aufbäumte. Draußen herrschte kontrolliertes Chaos. Ein Trupp Sonderinspektoren des Konsulats winkte Menschenmengen in verschiedene Zonen. In der Ferne sprühten zerborstene Ätherleitungen schillernde Gase in die Luft und Luftschiffbesatzungen warfen Fangnetze nach verirrten Thoptern aus. Ganze Gebäude waren dunkel, abgeschnitten von der Ätherversorgung. Messebesucher plapperten und deuteten aufgeregt zum Himmel, doch was auch immer dort gewesen war, war bereits wieder verschwunden.

Eine Störung. Die Nachwehen irgendeines Schauspiels am Himmel. Das musste das Werk des Renegaten gewesen sein – jenes Renegaten, dessentwegen sich Baan solche Sorgen gemacht hatte.

Eine Ansage krächzte über das Zischen der Rohrleitungen der Ätherbahn hinweg. „Dieser Zug hat einen unplanmäßigen Halt eingelegt. Bitte bleiben Sie auf Ihren Sitzen –“

„Gehen wir“, sagte Chandra über die Schulter zu Liliana und eilte an einer Reihe sitzender Passagiere vorbei auf die Tür zu.

„– bis Sie anderslautende Anweisungen durch einen Aradara-Schaffner oder einen Beamten des Konsulats erhalten. Vielen Dank.“

Chandra schlug auf den Türgriff ein. Er verschwand in einer nahezu lautlosen Feuersbrunst und hinterließ nur ein leuchtendes, weiß glühendes Loch. Sie trat nach der Tür, und diese sprang auf. Noch immer sauste draußen die Straße vorbei.

„Das könnte der Renegat sein“, sagte Chandra. „Das muss er sein.“

Liliana nickte, und sie machten einen Satz aus dem Waggon. Ihre Füße kamen auf der Straße auf, noch ehe der Zug vollständig angehalten hatte. Überall um sie herum versuchten Wachen des Konsulats, die Menschen von der Quelle der Störung wegzubewegen. Chandra tauchte in der Menge unter und kämpfte sich durch einen steten Strom aus Leibern, die sich von dem Unglück wegbewegen wollten, wohingegen sie versuchte, genau dorthin zu gelangen.

„Chandra“, sagte Liliana. Ihr war etwas ins Auge gefallen.

„Was?“

„Dort. Der mit der Kapuze.“

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Chandra folgte Lilianas Blick. Eine Gestalt bahnte sich geschickt einen Weg durch die Menge und hielt dabei das Gesicht sorgsam von einer dunklen Kapuze bedeckt. Der Mann hatte sie nicht bemerkt. Er schlug einen Kurs um den abgesperrten Bereich herum ein und behielt die Quelle der Störung im Blick.

„Verdächtig unverdächtig, findest du nicht?“

Chandra nickte ernst. Ihr Renegat. Sie mussten ihn warnen. „He!“, rief sie. „He, du!“

Entweder hörte er sie nicht oder ein in seine Richtung gebrülltes „He, du!“ war genau das, was der die Messe störende Erfinder der Renegaten auf einem belebten Platz voller Offizieller nicht hören wollte. So oder so stob er vor ihnen über eine Bank voller Schaulustiger und um einen Kontrollpunkt des Konsulats herum davon.

Chandra und Liliana nahmen die Verfolgung auf und holten ihn nur ein, als er anhielt, um eine ältere Frau anzuschnauzen.

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Die Kapuze des Mannes war nun zurückgezogen und entblößte einen Schopf grauer Locken. Seine rechte Hand, die aus seinem Ärmel ragte, war eine metallene Klaue, die er auf die Frau gerichtet hielt.

Sie hatten ihn eingeholt und traten aus der Menge hinter ihm. Es war jedoch die Frau, die Chandras Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte kastanienbraunes Haar wie Chandra, wenn auch etwas dunkler und hier da von grauen Strähnen durchsetzt. Sie trug eine Schweißerbrille und ein Handschweißgerät und funkelte den Mann mit der Klauenhand an.

Chandras Herz hörte auf zu schlagen, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie fand keine Worte.

„Endlich habe ich Sie gefunden, Erste Renegatin“, sagte der Mann und richtete seine Metallhand auf sie, als wäre sie eine Waffe. „Glauben Sie, dass Ihr kleines Spektakel meine Messe auch nur im Geringsten schert?“

Die Frau schnaubte höhnisch. „Wir werden Sie aufhalten, Oberster Preisrichter. Wenn nicht heute, dann eines Tages, der sehr bald kommen wird.“

Liliana griff sich den Mann und drehte ihn zu sich um. Mit einer Abscheu, die Chandra so noch nicht bei ihr gehört hatte, stieß sie einen Namen aus, den Chandra nicht kannte:

„Tezzeret.“

Und dann, während sie die Frau mit Haar wie dem ihren anstarrte, fand Chandra endlich ein Wort in sich. Sie zwang es durch ein Meer aus blankem Schock an die Oberfläche ihres Verstandes, und schließlich gelang es ihr, es ächzend über die Lippen zu bringen:

„... Mutter?“

Veröffentlicht in Magic Story on September 5, 2016

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Mi 28. Sep 2016, 21:33

Die Erste Renegatin


Chandra Nalaar verließ ihre Heimatwelt Kaladesh beim Erwachen ihres Funkens, was sie vor dem sicheren Tod durch die Hand von Leutnant Baral rettete, indem sie zu einem Kloster auf Regatha versetzt wurde. Nun kehrte sie zurück, um einen geheimnisvollen Renegaten vor der Verhaftung zu bewahren, nur um auf jemanden zu treffen, den sie seit Jahren für tot hielt: ihre Mutter Pia.

„Heute habe ich deine Tochter getötet, Pia.“ Eine tiefe Stimme drang durch eine bleierne Decke aus Schlaf und einen bohrenden Kopfschmerz.

Sie zwang sich, die Augenlider zu heben, doch da war nur Dunkelheit. Steife Stimmbänder pressten knisternde Laute durch eine trockene Kehle. „Was –?“

„Dürres kleines Ding.“ Seine Worte klangen seltsam abgehackt und langsam, sein Atem schwer wie das Zischen eines Brennofens. „Kaum größer als meine Klinge.“ Die Stimme kicherte freudlos: ein tiefes Grollen, das Pia durch die Tür zwischen ihnen spüren konnte.

Die Dunkelheit löste sich langsam erst in verschwommene Schatten und dann in dicke Flecken aus Licht auf. Sie streckte die Hände aus und fand die kalte, leicht geschwungene Oberfläche von Wänden, die mit Metallverzierungen überzogen waren. Der Versuch, sich aufzurichten, erwies sich als zu voreilig.

„Natürlich habe ich dich bei all dieser ... Aufregung ... nicht vergessen. Hier. Ich habe dir etwas mitgebracht.“

KLIRR. Ein Stück Metall klapperte irgendwo vor ihr auf den Boden.

„Nur zu. Eine Erinnerung an das, was du verpasst hast“, sagte die Stimme.

Zögernd griff sie nach dem Gegenstand. Ein flaches Bruchstück, an einer Seite vollständig geschmolzen und an der anderen voller tiefer Kratzer. Leicht. Kalt. Sich durch ihre Berührung nur kaum erwärmend, aber mit tiefen, präzis angelegten Reliefs an der intakten Seite. Eine Titanlegierung, die wegen ihrer Hitzebeständigkeit und Formbarkeit gern in Luftschiffen der Renegaten verwendet wurde – auch wenn dieses Stück an einer Seite aus nichts anderem mehr als Schlacke bestand.

„Erkennst du es wieder?“, fragte die Stimme etwas zu neugierig.

Als ihre Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, konnte sie einige der Symbole erkennen und fuhr mit der Hand über den Rest. Ein ausgestanzter Wirbel unter einem spitzen Turm. Pia kannte dieses Symbol: Es schien, als wäre es erst gestern gewesen, dass Kiran und sie es sich bei ihrem Aufbruch aus Ghirapur ausgedacht hatten. Ein undichter Turm – ein Symbol für die Renegaten und für das Ghirapur, in das sie eines Tages zurückzukehren hofften. Doch was war das für ein Gegenstand? Ihre Finger tanzten über die Gravierungen und ertasteten die Oberfläche. Und hielten inne.

Unter dem Symbol waren die Buchstaben „K.N.“ auf eine krude, aber entschlossene Weise eingeritzt, die auf einen Handwerker schließen ließ, dem sein übliches Werkzeug abhandengekommen war. Jetzt wusste sie genau, worum es sich hierbei handelte: um einen Teil von Kirans letztem Projekt.

Chandras Dampfkasten.

Die Muskeln zwischen ihren Rippen zogen sich zusammen, und ein plötzliches Einschießen von Blut füllte ihr die Brust mit Hitze. Ihre Hände wurden taub und ließen das Zeichen fallen.

„Oh, sieh nur!“, triumphierte die Stimme auf der anderen Seite der Zellentür. „Natürlich tust du das.

Es gibt in diesen Angelegenheiten nur wenig, was es mir wert wäre, mich daran zu erinnern“, fuhr die Stimme fort. „Aber ich erinnere mich an ihren Blick. Wie er durch die Menge huschte. Wie er meinem nicht standhalten konnte. Feige. Trotzig.“

Sie war nun beinahe wieder vollständig Herrin ihrer Sinne. Das verschwommene Licht kam von den Ätherrohren an der Decke einer kargen Gefängniszelle mit einer Gittertür. Sie war gefangen genommen worden, als das Konsulat sie und ihre Familie in einem Dorf außerhalb Ghirapurs aufgespürt hatte. Dies war nicht die Wirklichkeit, in der sie zu erwachen gehofft hatte. Geh weg. Sei ein Traum. Und diese Stimme ... Diese so vertraute Stimme ...

„Doch dann erkannte ich“, fuhr die Stimme aufrichtig begeistert fort, „dass sie nach etwas sucht. Oder vielleicht nach jemandem?“

O ja. Sie kannte diese Stimme. Die Stimme des Mannes, der ihre Familie gejagt hatte: Hauptmann Baral.

„Sie hat nach dir gesucht, Pia.“

Die Luft in ihrer Brust entfuhr ihr in einem Anfall von Empörung, obgleich sie nicht zu sagen wusste, wem diese genau galt. Ihre Hände fuhren an die Gitterstäbe und wollten Baral packen, auch wenn er ein gutes Stück außerhalb ihrer Reichweite stand. Schultern und Fäuste flogen gegen die Zellentür. Baral starrte sie ausdruckslos an, das maskierte Gesicht ohne jede Regung.

„Bin wirklich ich es, der deine Verachtung verdient?“, fragte er. „Warst nicht du es, die sie hätte retten sollen? Ihr einige letzte, tröstende Worte sagen?“

Natürlich. Warum war ich nicht dort?, fragte etwas in ihr.

Er ging ohne ein weiteres Wort. Wie jedes Mal.

Als seine Schritte verklangen, war sie plötzlich sehr, sehr allein. Ihr Kiran, ihre Chandra und die Fäden ihres Lebens, die einst so eng miteinander verwoben waren, waren ihr nun entglitten und trieben unaufhaltsam von ihr fort durch Zeit und Raum. Ihre ehedem so große und lebendige Welt bestand nun nur noch aus dieser Zelle.

Baral kehrte am nächsten Tag zurück und auch am darauffolgenden. Bald war eine Woche vergangen.

„Sie hat nach dir gesucht, Pia.“

Die Worte waren nun nur noch Klänge für sie – erkennbar, aber bewusst in die Bedeutungslosigkeit gezwungen. Sie stählte sich, um das erste Mal mit ihm zu sprechen.

„Hast du nichts Besseres zu tun, als eine trauernde Witwe heimzusuchen? Ich habe nichts mehr, was du mir noch nehmen könntest. Du hast gewonnen. Kannst du mich nun nicht in Ruhe lassen?“

„Nalaar, unsere Stadt hat sich seit jeher über den Fortschritt definiert. Wir alle bringen Opfer, um ihr Wohlergehen über unser eigenes zu stellen“, sagte Baral.

„Wir alle“, fuhr er mit scharfer Stimme fort, „außer dieser Handvoll Eigensüchtiger, die es wagen, ihre eigenen Interessen über die der Stadt zu stellen. Es bringt mir ... Freude, euresgleichen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Euch jedes noch so kleine bisschen eures einfältigen Trotzes bereuen zu lassen.“

Pia hob mit einem kalten, mitleidigen Lächeln den Kopf. „Dann hast du mich eines Besseren belehrt, Leutnant. Mir ist doch noch etwas geblieben, und es wird niemals dir gehören.“

Er lachte, wenngleich auch schriller als zuvor, und ging durch den Gang voller Zellentüren davon.

Es dauerte beinahe eine Woche, bis er zurückkehrte.

„Sie hat nach dir gesucht, Pia“, sagte Baral wie schon so viele Male zuvor.

Pia antwortete langsam und vermied es, ihn anzusehen. „Und ich werde zu ihr zurückkehren, wie auch zu allen anderen dort draußen, damit sie erfahren, was du getan hast. Und zu dir, Leutnant.“

Ihre Hände waren nun stark und ruhig – stark genug, die winzige, verzierte Ätherlampe aus ihrer Zelle mit einer beunruhigenden Geschwindigkeit und einer ebensolchen Treffsicherheit durch die Gitterstäbe in Richtung von Barals Gesicht zu schleudern.

Mit einem instinktiven Knurren riss er einen Ellenbogen hoch, als die Lampe ihn im Gesicht traf und seine Maske mit einem hallenden Scheppern zu Boden fiel. Ein leuchtend blaues Gleißen erwachte zum Leben, umhüllte seinen Körper und füllte den Gang des Dhunds mit Licht aus. Nur wenige Wimpernschläge, nachdem es aufgetaucht war, verschwand es wieder und hinterließ eine Reihe tanzender Punkte in Pias Blickfeld. Es war viel zu hell und unstet gewesen, um irgendeine Art von Äther zu sein. Nein, das war etwas völlig anderes.

„Du bist ein ... Magier?“ Pia schnappte nach Luft. Abgesehen von der Pyromagie ihrer Tochter hatte sie nie einen Magier gekannt. Magie und Magiewirker waren nicht nur selten, sondern wurden stärker reglementiert und beobachtet als der Äther selbst.

Ein langes, tiefes Zischen erklang von der anderen Seite der Tür. Das Geräusch war um so vieles leiser und um so vieles menschlicher, als es unter dieser Maske gewesen war. Pia eilte zu den Gitterstäben und spähte hinaus.

Barals unmaskierter Blick fuhr nach oben und traf den ihren. Unter der Maske wand sich eine Ansammlung aus dickem Narbengewebe über seine Züge. Einige davon waren noch immer rot und geschunden. Die starken und vielleicht sogar schönen Konturen seines Gesichts waren zerschlagen und geschmolzen.

„Dein ... Was ist mir dir geschehen?“

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Baral hielt inne, als er die Klammern der Maske wieder schloss. „Das Schicksal ist selten gerecht, Nalaar.“ Sie sah mit zögerlicher Faszination zu, wie die angespannten, verkrümmten Muskeln in seinem Gesicht an den Worten arbeiteten. „Die Dinge, die darüber bestimmen, wozu wir werden, werden in dem Augenblick festgelegt, in dem wir auf die Welt kommen. Die Glücklicheren unter uns werden als Helden geboren. Doch einige von uns sind entstellt – gefährliche Abweichungen vom Lauf der Natur. Vielleicht sehen sie sogar so aus und handeln auch so wie der Rest von euch, der uns aus den Schatten heraus bedroht.“

Als er die Maske wieder befestigt hatte, zog er sich vorsichtig die Kapuze über den Kopf. „Ich selbst habe mich mit meiner Natur abgefunden: Weder verberge ich mich, noch lasse ich zu, dass andere sich vor den Urteilen zu verbergen suchen, die über sie gefällt wurden. Dies ist mein Schicksal: das Ausmerzen solcher verborgenen Gefahren und sie ans Licht zu bringen und der Gerechtigkeit zu übergeben.“

Jede Spur von Sorge schwand dahin. „Es ist dir bestimmt, deine eigenen Dämonen niederzuringen, indem du kleine Kinder jagst?“

„Kinder?“ Er stieß ein freudloses Lachen aus. „Natürlich. Wessen Fähigkeiten ließen sich besser für selbstsüchtige oder fehlgeleitete Zwecke missbrauchen. Im Übrigen spielt das Alter kaum eine Rolle bei einer natürlichen Veranlagung für eine verbrecherische Neigung – du selbst bist dafür der lebende Beweis.“

Seine Stimme wurde leise und er beugte sich mit einem anklagenden Flüstern den Gitterstäben entgegen. „Du wolltest wissen, was geschehen ist. Dein Kind. Dein Kind ist geschehen, Nalaar. Dies ...“ Er drückte das Gesicht an die Stäbe und strich mit den Fingern über die Maske. „Dies ist das Werk deines Kindes.“

Pia lehnte sich so nah an ihn heran, wie sie nur konnte. „Nichts könnte eine Mutter stolzer machen.“

Baral warf sich mit einer solchen Wucht gegen das Gitter, dass Pia davon zurückgeschleudert wurde. Kalte Entschlossenheit zügelte ihre Wut. Allein in der samtenen Dunkelheit der Dhund-Zelle schloss sie die Augen und lauschte dem langsamer werdenden Pochen ihres Herzens ...

... und begann, Pläne zu schmieden.
__________

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Jahre später und weit entfernt vom Dhund öffnete Pia Nalaar die Augen und blinzelte ins Sonnenlicht, während sie ihre Schutzbrille an der Rückseite ihres abgetragenen Handschuhs sauber wischte.

Die Jahre waren wie im Flug vergangen. Jahre, in denen Pia eine wachsende Schar aus Erfindern, Tüftlern, Künstlern – Bürgern aus allen Teilen Kaladeshs – um sich versammelt hatte, die den zunehmend engeren Griff des Konsulats um die Stadt und den lebenswichtigen Äther aufdecken und anprangern wollten. „Renegaten“, wie das Konsulat sie nannte, geboren aus der sturen Leidenschaft, jenes Gefühl von Heimat, das sie sich alle gemeinsam aufgebaut hatten, irgendwie zu bewahren.

Eine ausgewählte Gruppe dieser Renegaten hatte sich heute auf einem der vielen reich verzierten und bunten Dächer hoch über dem Viertel eingefunden. Unter ihnen war die Stadt ein lebendiges, nie ruhendes Ding, voll von schillernden Strömen aus dem glänzendem Messing der Konstrukte, die dort entlanghasteten. Banner und Herolde kündeten laut von der Erfindermesse, deren Ausstellungsstücke sich in einer geradezu schwindelerregenden Ansammlung aus Formen und Farben auf dem großen Platz zusammendrängten. Und in nur wenigen Augenblicken würden die Renegaten ihr eigenes, nicht genehmigtes Schaustück auf dem Messegelände enthüllen.

Ein lauter Knall und der beißende Geruch nach Rauch erweckten Pias Aufmerksamkeit. Sie blickte gerade rechtzeitig über die Schulter, um zu sehen, wie der junge Lehrling Tamni am Rand des Dachs aufschrie und drohte, das Gleichgewicht zu verlieren.

Pia griff nach Tamnis Arm, um sie festzuhalten, und spähte nach unten: Der fast fertiggestellte Thopter des Lehrlings war von gelbroten Flammen umhüllt. Das Messing schlug Blasen und verzog sich.

Pia erstickte die Flammen rasch mit ihrem Handschuh und warf den Thopter zum Abkühlen in eine Ecke des Daches. „Nur ein kleines Feuer. Kann ich dir mit irgendetwas helfen?“, fragte sie Tamni mit einer hochgezogenen Augenbraue.

Tamni entrollte hastig einen Bauplan und fingerte an einer Reihe von Messinstrumenten herum, die sie vor sich ausgebreitet hatte. „Alles ist doch an seinem richtigen Platz, oder? Ich habe vorhin alles überprüft. Ehrenwort! Ich weiß, dass uns die Zeit davonläuft, aber ... ich schaffe das schon!“ Sie biss sich auf die Unterlippe, während sie fieberhaft das Diagramm überflog.

Asche und Schlacke, sie hat recht – es ist fast so weit! , sagte Pia zu sich selbst. Sie schob den Gedanken jedoch beiseite und legte Tamni ermutigend einen Arm um die Schultern. „Es ist schon gut. Sie wollten, dass du hier bist. Ich bin sicher, du hast das schon hundert Mal gemacht!“

„... Ich, ähm, würde jetzt nicht unbedingt sagen, hundert Mal, ja? Ich meine, ich kriege das schon hin, aber ...“

Pia starrte sie an.

„Ich bin mir sicher! Ich meine, ich war mir sicher?“ Tamni scharrte beschämt mit den Füßen. „Ich habe bei meiner Erfahrung vielleicht ein wenig ... übertrieben, um hier sein zu können.“

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Pia schlug sich in Gedanken mit der Hand vor die Stirn.

„... Ich habe gehört, der Erste Renegat hätte hier die Leitung! Das musste ich sehen!"

Pia konnte hören, wie sich die anderen um sie herum unbehaglich rührten. Sie warf ihnen ein zuversichtliches Lächeln zu und gab ihnen ein Zeichen, das sagte: „Wir kriegen das hin. Gebt uns nur einen Augenblick.“

Pia hob Tamnis Kinn und ahmte den elterlich-stählernen Blick ihres Vaters nach. „Du schaffst das schon, aber wir müssen uns sputen. Denke an das, was du gelernt hast: Die Schöpfungen eines Flinkschmieds können uns nicht verraten, was nicht mit ihnen stimmt, wenn wir ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken.

Diese Werkzeuge“, sie deutete auf das Ätherometer, die Druckschläuche, die Periodizitätsregler, „verraten uns nur einen Teil dessen, was wir wissen müssen. Diese Werkzeuge“, sie berührte Tamnis Hände, „kennen viele Teile der Maschine aus Erfahrung und dank ihres Gespürs. Sie nehmen Druck, Hitze, Bewegung, Größe – alles auf einmal – wahr. Versuch‘s mal. Gib ihm etwas Energie.“

Tamni führte der Maschine nervös etwas Äther zu: Die seitlichen Propeller erwachten zum Leben, doch der Heckrotor blieb bewegungslos.

„Hör genau hin. Was hörst du?“, fragte Pia.

Der Lärm des Rotors war ein vertrautes, hohes Heulen über dem regelmäßigen Klackern von Zahnrädern. Tamni drückte ihr Ohr an seine verzierte Seite. Unter den normalen Rhythmen lauerte ein Basston im Hintergrund. „Irgendetwas ist da verschoben und dreht sich nicht gleichmäßig.“

Tamni legte die Hand flach auf den hinteren Lüftungsschlitz. Irgendetwas drehte sich zu langsam und nicht im Einklang mit dem Rest der Vibrationen. Eine lose Ätherleitung hatte sich im Getriebe verfangen und war gerissen, wodurch flüchtiger Äther aus der Maschine austrat und die Rotoren überhitzen ließ.

„Wenn wir das Metall jetzt neu zurechtbiegen“, ermutigte sie Tamni, „müssen wir sorgsam auf seine Bewegungen achten. Das Filigran, das durch das Auftreffen von Äther auf Metall entsteht, wird durch eine komplexe und oftmals auch flüchtige Reaktion gebildet.“ Pia öffnete das Ventil an ihrem Äthertank und leitete Tamnis Hand mit ihrer eigenen an.

„Aber du wirst seine Muster lernen, selbst wenn du sie noch nicht vollkommen verstehst“, sagte Pia. „Achte auf seine Bewegungen und passe dich ihm an, so wie es sich dir anpasst. Die Dinge werden nicht immer so sein, wie du sie brauchst oder haben willst, aber wir müssen sie dennoch so gut formen, wie wir können. Denn dann zeigen sie sich uns in ihrer besten Form.“

Tamni nickte eifrig. „Natürlich, ja. Ich wünschte, das hätte man uns in der Werkstatt gelehrt!“

Dies sind hart erkämpfte Lektionen, die nur die Zeit lehren kann, dachte Pia ironisch.

Das matte, oxidierte Metall wölbte sich und bäumte sich unter dem hellen Leuchten des Äthers auf. Dieser teilte sich zu einem Netz aus strahlenden, blauen Tentakeln auf, die pulsierten, als wären sie lebendig, und beim Abkühlen eine glänzende neue Oberfläche freigaben.

Tamni sah genau zu, wie ein Stück des Messings sich in sich zusammenrollte. Ein bremsender Schub mit ihrem Ätherbrenner brachte es an seinen richtigen Platz. Der Rotor erwachte zu schwirrendem Leben und hob den winzigen neuen Thopter auf frisch geformten Flügeln in die Luft.

Die junge Erfinderin atmete seufzend aus.

Fast fertig. Jetzt war Pia an der Reihe.

Schutzbrille runter, Ätherventil auf – und schon erreichte das kühle Prickeln des Äthers die Spitzen von Pias Flinkschmiede-Handschuhen. Von der anderen Seite des Daches wurde ihr ein Messingzylinder zugeworfen, der mit einem satten Geräusch in ihrem Handschuh landete. Ein geborgener Motorzylinder – der würde sehr gut passen.

Ihre flinken Hände flogen mit sanftem Druck über seine Oberfläche, während der Äther langsam aus ihren behandschuhten Fingerspitzen strömte und sich das Messing gierig um die feinen, vom Äther geformten Muster wand. Die Bewegungen des Metalls waren sprunghaft und unberechenbar, während der Äther sich darum schlang.

Pias Gedanken rasten. Ihre Entwürfe passten sich in Sekundenbruchteilen den wilden Bewegungen des Äthers an. Bald hatte sie ein zentrales Gehäuse geformt, das eine Ätherphiole für den Antrieb mehrerer Rotoren umschloss, dann durchscheinende Flügel aus Metallgeflecht zur Navigation und schließlich Greifärmchen, die die Ladung festhalten konnten. Als Pia ihre Konstruktion beendet hatte, begann diese, sich aufzublähen und von innen heraus zu verfestigen – wie die Flügel eines Insekts, nachdem es aus seinem Kokon geschlüpft war. Bald vibrierte die Luft vom wilden Surren der Flügelschläge des neuen Thopters.

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Eine Turmuhr schlug die Stunde, und die spitzen Giebel um sie herum drehten sich lautlos auf ihre neue Position, um sich dem nachmittäglichen Passantenaufkommen optimal anzupassen.

Genau zur richtigen Zeit.

Eine schwere, schwielige Hand legte sich auf ihren Arm. Pia drehte sich um und sah einen stämmigen, älteren Mann in der glänzenden Rüstung aus Messing und Gold eines Leutnants des Konsulats. Oder zumindest sah er auf den ersten Blick so aus.

„Venkat!“, rief sie aus und schlug ihm mit der Faust gegen die Schulter. „Was zur ... Du kannst dich doch in diesem Aufzug nicht einfach so an Leute anschleichen!“

„Die Uniform scheint also zu funktionieren, meinst du nicht?“, sagte Venkat und machte sich nicht die Mühe, ein schelmisches Grinsen zu unterdrücken, während er versuchte, sich die Taubheit aus dem Arm zu schütteln. Einst war er ein hochrangiger Befehlshaber der Streitkräfte des Konsulats gewesen, doch seine Abneigung gegen immer striktere Regularien gegen jene Bürger des Bronzeviertels, die er eigentlich zu beschützen geschworen hatte, hatte seiner Gehorsamkeit schließlich den Garaus gemacht. Er war vor kaum einem Jahr unerwartet an der Schwelle von Pias Werkstatt aufgetaucht – einem Ort, den er im Laufe seiner vielen Jahre im Dienst des Konsulats stets verborgen gehalten hatte.

„Außerdem bin ich nur einer von vielen, die weise genug sind, auf dich zu vertrauen“, fügte Venkat hinzu und nickte mit dem Kopf in Richtung der auf dem Dach versammelten Menge.

„Und auf mein Vertrauen in Halunken wie dich“, sagte Pia lächelnd. Stolz wallte in ihr auf, als sie die vertrauten Gesichter auf dem Dach musterte – es handelte sich bei ihnen um nicht minder geachtete Handwerkskünstler, Visionäre und Schöpfer wie sie. Für alle Welt hätte es einfach ein gewöhnlicher Nachmittag sein können, an dem man schwatzend um die Werkbänke herumstand, die Luft voller Unterhaltungen und dem Geruch dampfenden Tees. Sie hatten die Last der schärferen Restriktionen des Konsulats gemeinsam geschultert und ihre schwindenden Vorräte an lebenswichtigem Äther zusammengelegt, der die geschäftigen Werkstätten, Küchen und Krankenhäuser ihres Viertels am Leben hielt.

Die Renegaten hoben die Hände als Zeichen ihrer Bereitschaft: Es war Zeit.

„Meine Freunde und Nachbarn!“, rief Pia ihnen zu. „Wir sind heute nur aus einem Grund hier – um uns gegen das auszusprechen, was wir gesehen haben, und Antworten auf das zu erhalten, was getan wurde.“

Die Gesichter um sie herum nickten ernst. So wie sie alle darunter zu leiden hatten, wie rar der Äther gemacht worden war, so teilten sie die Empörung darüber, was man Pia und ihrer Familie angetan hatte.

„Heute ist für viele ein Tag zum Feiern“, sagte sie und beschrieb einen weiten Bogen mit der Hand über die Stadtlandschaft unter ihnen. „Seit ihrer Gründung stellte die Erfindermesse den innovativen Geist unserer Stadt stets an erste Stelle. Doch für viele von uns sind die Feierlichkeiten in diesem Jahr etwas ganz anderes. Die Messe wird mehr und mehr von Lieblingsprojekten zur Ätherumleitung des Konsulats beherrscht. Für mehr Sicherheit ... und Waffen!“ Unmut erklang aus der Menge, und Fäuste reckten sich gen Himmel.

„Und in der Zwischenzeit sind wir zum Ziel ebenjener Regierung geworden, die geschworen hat, uns zu beschützen!“ Nickende Köpfe schauten ihr aus der Menge entgegen.

„Sie haben den Himmel selbst abgesperrt, um euch, Nadya und Kari, davon abzuhalten, euren eigenen Äther zu sammeln!“ Die beiden Äthersammler tauschten einen Blick aus und hoben gemeinsam die Fäuste.

„Und was ist mit der Gießerei der Hammerfausts? Das Konsulat nahm ihnen ihren Äther weg, und nun ist die Gießerei stillgelegt und leer!“ Drei Renegaten in schwerer Kleidung reckten Pia die Hämmer entgegen.

„Viprikti, deine Familie war gezwungen, ihr Heim zu verlassen, als Äther aus ganzen Häuserblöcken im Bronzeviertel abgesaugt wurde!“ Ein hochgewachsener, alter Mann zog ernst die Schutzbrille über die Augen.

„Es ist nicht länger die Aufgabe unserer Anführer, ihre Bürger zu unterstützen, sondern sie verfolgen nur noch ihre eigenen Interessen. Doch nun, Freunde, Renegaten, geben wir ihnen unsere Antwort. Ihr alle habt euch großzügig daran beteiligt, dies hier möglich zu machen, und ich bin stolz, es auch dem Rest der Stadt präsentieren zu dürfen. Lasst uns genauso stolz, furchtlos und unnachgiebig sein wie jene, die glauben, sie könnten unseren Freigeist ersticken!“

Pia ließ die Hand nach unten fahren, und vier Renegaten in Schutzbrillen erwiderten das Signal. Sie beugten sich über den Rand des Dachs und ließen ihre Thopter auf den Platz unter ihnen hinabschwirren.

Die Maschinen schossen durch die Luft zu gegenüberliegenden Seiten des Platzes. Es waren beinahe hundert an der Zahl. Sie formierten sich über den Zelten der Messe zu einer gewaltigen Säule aus glitzerndem Metall, die beinahe so hoch aufragte wie die größten Gebäude der Stadt.

Das melodische Summen mechanischer Flügel erfüllte die Luft und die Gesichter in den Zelten unter ihnen wandten sich schlagartig nach oben. Messebesucher grinsten und deuteten auf das Spektakel, während mechanische und menschliche Wachen des Konsulats auf die Straßen strömten.

Als sich das Metall der Thopter erhitzte, wechselte ihre Farbe von Gelb über Grün zu sattem Blau und Violett, ein Schauspiel aus Form und Farbe, das einer mechanischen Aurora glich. Sie umkreisten einander und bildeten ihre Säule zu einem spitzen Kegel über einer Wellenlinie um: der undichte Turm.

Erfinder und Schaulustige in der Menge jubelten gleichermaßen. Dieser Auftritt war derart imposant, dass er sogar der Aufmerksamkeit der Preisrichter würdig war. Die Thopter sanken sanft zu Boden und zeigten dabei die Eleganz von Akteuren auf einer Bühne, die sich ein letztes Mal vor ihrem Publikum verneigten. Unter ihnen versammelten sich Dutzende Automaten des Konsulats und streckten die Hände nach ihnen aus.

Oben auf dem Dach klammerte sich Tamni an die Brüstung, bis ihr die Fingerknöchel weiß wurden.

„Das gehört alles zum Plan“, versicherte ihr Pia, legte ihr eine Hand auf die Schulter und warf Venkat ein strahlendes Lächeln zu.

Über den Automaten schwebend erstrahlte der Thopterschwarm in einem grellen, blauen Leuchten, als er seinen Äther in einem langen Impuls ausstieß. Der plötzliche Energieschub flutete in die identisch gefertigten Automaten hinein und erzeugte Funken aus konzentriertem Äther. Die Maschinen fielen wie eine Reihe von Dominosteinen in sich zusammen.

„Die Gefahren der Massenproduktion ...“, flüsterte Venkat Pia grinsend zu.

Eine lebhafte, unpersönliche Stimme erklang durch die Lautsprecher unter ihnen: „Guten Tag, Bürger! Dies ist eine Routineüberprüfung der Notfallerkennungssysteme. Dieser Bereich des Messegeländes ist hiermit offiziell geschlossen. Sämtliche Fußgänger und Züge werden während der Wartungsarbeiten um dieses Gebiet herumgeleitet. Wir bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit und hoffen, Sie haben Ihre Zeit heute hier genossen!“

Pia nickte ihren Gefährten auf dem Dach zu.

„Ihr solltet mehr als genug Zeit haben, ins Bronzeviertel zurückzukehren, bevor die Wachen zurückkommen. Passt auf euch auf, und solltet ihr in Schwierigkeiten geraten, dann verwendet einfach das Notsignal und Venkat wird euch zu Hilfe kommen.“

Die anderen grinsten und nickten ihr zu. Sie umarmten und beglückwünschten einander noch rasch, ehe sie sich auf den Weg machten. Sie ließen sich an den Seiten des Turms herab, jedoch nicht, ohne ihr Zeichen zu hinterlassen.

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Pia schwang sich vom Dach auf einen Fenstersims. Ihre geschickten Handwerkerhände fanden leicht Halt an den verzierten Wänden. Sie machte einen Satz von einem Gebäude zum nächsten, bevor sie sich an einem Spalier auf die Straße unter ihr herunterhangelte.

Etwas Wildes und Leichtfertiges strömte ihr durch die Adern, während sie durch die Stadt eilte und grüne Schals und graue Haarsträhnen hinter ihr her wehten.

Im Schatten der hohen Türme der Stadt begann ein großer, vermummter Mann sich mit einem Mal geschickt einen Weg durch die Menge zu bahnen. Zwei weitere Passanten folgten ihm.
__________

Die weichen Sohlen von Pias Stiefeln trugen sie lautlos über das Kopfsteinpflaster, als sie die Stufen des Äther-Knotenpunkts des Bronzeviertels erreichte. Hier konnte sie mühelos in eine der vielen Nebenstraßen verschwinden und unter die hohen, geschwungenen Skulpturen abtauchen, die den Platz zierten. Ein stolzes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Eine schwere Hand legte sich auf ihren Arm. Selbst durch ihren Ärmel strahlte die Hand eine Eiseskälte ab, die ihrem Körper alle Wärme zu entziehen schien.

„Venkat, bitte! Ich hatte dich doch schon einmal gebeten –“

Sie wandte sich um, doch dort stand nicht Venkat, sondern ein großer Mann mit Kapuze, dessen gelbrote Gesichtsbemalung ihn als den Obersten Preisrichter des Erfinderwettstreits auswies. Die Hand, die nach ihrem Arm gegriffen hatte, war eine massive Klaue aus dunklem Metall, das aus dem Ärmel des Mannes hervorragte und das selbst sie nicht erkannte. Seine Rüstung ahmte die Muster und Formen von zwei Automaten nach, die ihn flankierten: das helle, polierte Gold und Messing des Konsulats. Neben ihm stand der vornehme Inspektionsminister Dovin Baan höchstselbst. Und eine Elfe, hochgeschossen und mit grünen Augen, die sich verwirrt umblickte.

„Endlich habe ich Sie gefunden, Erste Renegatin“, sagte der vermummte Mann und richtete die metallische Hand auf sie wie eine Waffe. „Glauben Sie, dass Ihr kleines Spektakel meine Messe auch nur im Geringsten schert?“

Seine Messe?! Pia kochte vor Zorn. Das ist unsere Stadt!

„Wir werden Sie aufhalten, Oberster Preisrichter. Wenn nicht heute, dann eines Tages, der sehr bald kommen wird“, herrschte sie ihn an.

Eine bleiche, in fließende Seide gekleidete Frau mit einem goldenen Kopfschmuck erschien gegenüber dem Obersten Preisrichter. „– Tezzeret“, fauchte sie.

Sein Kopf fuhr nach oben. Zähne blitzten auf. „Vess“, gab er mit tiefer und vor Zorn brodelnder Stimme zurück.

Dann tauchte neben der Frau eine weitere Gestalt auf, schwer gerüstet und außer Atem. Sie strich sich ein Gewirr aus wildem, feuerrotem Haar aus dem Gesicht –

Eine Woge der Erinnerungen spülte über Pia hinweg.

... Chandra?

Älter zwar, aber unverwechselbar. Ihr kleines Mädchen, jetzt sogar größer noch als Kiran, das sich mit jauchzendem Gelächter und affenhafter Geschwindigkeit auf die Schultern seiner Eltern geschwungen hatte, während sie durch die Gärten des Grünviertels gestreift waren. Auf dem Markt hatte sich seine warme Handfläche in die Pias gedrückt, ehe es davongehuscht war, um auf eine kleine Erkundungsreise zu gehen. So gierig, Teil jener Ziele zu sein, denen seine Eltern ihr Leben gewidmet hatten – trotz ...

Trotz der Gefahr.

„... Mutter?“ Eine Stimme, winzig und zerbrechlich, ganz anders als ihre eigene. Glut formte sich in ihrem Augenwinkel, wurde vom Wind erfasst und flog davon.

Eine Gefängniszelle. Eine heruntergefallene Maske. Ein geschmolzenes Zeichen aus Metall. Ein freudloses, grollendes Lachen.

Pia schüttelte den Kopf, als wollte sie die Erinnerungen verscheuchen.

Sie hätte auf der Stelle gehen können. Einfach davonlaufen und in den vertrauten Straßen verschwinden.

Doch was war dann mit Chandra?

Was, wenn sie mittels jenes Infernos zurückgeholt worden war, das Pia in der Arena gesehen hatte? Gemeinsam mit diesem Mann, der ihrer beider Leben mit Freuden zerstört hatte?

Soldaten des Konsulats materialisierten sich zwischen ihnen und bildeten eine Mauer aus Fleisch und Metall – mit Pia, Dovin und Tezzeret auf der einen Seite und der bleichen Frau, Chandra und der Elfe auf der anderen.

Chandra warf sich in den Wall aus gepanzerten Soldaten und rief etwas, was Pia über das Klirren metallener Schritte nicht verstehen konnte. Ihre Tochter wich wie beiläufig einem Hieb eines der Automaten aus und tauchte eine Reihe der Maschinen in ein Meer aus Flammen. Die Hitze wusch wie eine brechende Welle über Pias Gesicht hinweg.

Ein Schleier wilden, mütterlichen Stolzes senkte sich über sie. Sie rieb sich die vor Hitze tränenden Augen.

„Die Pyromagierin“, stieß Baan missbilligend mit abgehackter, präziser Stimme hervor. Er deutete mit einem langen, dürren Finger auf das Kontingent Wachen an seiner Seite. „Kümmert euch darum, wenn es euch nichts ausmacht. Isolieren und eindämmen. Mechakolosse nach vorn – unter meiner Aufsicht wird es keine Verletzten geben. Seid ebenso klug, wie sie voreilig ist.“

Nein!, schrie Pia Chandra aus den engen Begrenzungen ihres Bewusstseins heraus zu. Zurück! Lass sie dich nicht erneut kriegen! Bitte!

Chandra brüllte eine vertraute Obszönität und boxte einen Mechakoloss, der brennend zurückgeschleudert wurde.

„Ah, ja.“ Baan legte den Kopf schräg. „Sie liebt ... farbenfrohe anatomische Beschreibungen.“

Pias Kinn klappte herunter. Hatte sie das von Kiran aufgeschnappt ...?

Eine Reihe schwer gepanzerter Wachen löste sich von Dovins Seite und begann, Chandra einzukreisen, während diese sich weiter in die Mitte der Konsulatsvertreter vorarbeitete. Mehrere der Wachen kippten um. Ihre Füße hatten sich in einem raschelnden Gestrüpp aus blühenden Ranken verfangen, das scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war.

Sie musste jetzt handeln. Pia riss den Blick von Chandra los und wandte sich mit funkelnden Augen Tezzeret zu. „Mein Name ist Pia Nalaar, Anführerin der Renegaten. Ich bin bereit, dem Konsulat übergeben zu werden.“

Dovin hob eine glatte, haarlose Braue, und ein überraschtes Murmeln erklang von dem Trupp Soldaten. „Tatsächlich?“, fragte er. War dies die gefürchtete Erste Renegatin, für die sie sich alle gewappnet hatten? „Sie werden sicherlich verzeihen, dass wir Vorkehrungen für eine Gefangene Ihres ... Rufes treffen müssen.“

Unbeeindruckt winkte Tezzeret die Soldaten des Konsulats herbei. Sein Gesicht zeigte ein wölfisches Grinsen, das seine Augen nicht erreichte, deren Blick unverändert berechnend blieb. „Natürlich. Zeigt dieser Verbrecherin ihre neuen Räumlichkeiten“, sagte er und wedelte mit der Hand in Pias Richtung. Hände griffen nach ihren Handgelenken, um die sich filigrane Fesseln schlossen.

„Hochsicherheit?“, fragte Baan hoffnungsvoll.

„Was auch immer Sie für angemessen halten“, sagte Tezzeret ungeduldig. „Und was die anderen angeht ...“

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„Pia Nalaar“, intonierte einer der Soldaten. „Hiermit werden Sie der Autorität des Konsulats überstellt. Ihnen werden die folgenden Verbrechen zur Last gelegt: Zerstörung von Regierungseigentum, Gründung einer Verschwörung gegen die Regierung, Störung der öffentlichen Ordnung, unziemliches Verhalten, Verletzung der Ätherverteilungsrichtlinie –“

Chandras Rufe kamen noch immer näher – bald würde sie von der wachsenden Zahl an Soldaten umringt sein. Sie musste sie irgendwie aufhalten.

„Du hast Körperverletzung vergessen!“, sagte Pia und trat dem Soldaten neben ihr in den Bauch. „Und die Ätherverteilungsrichtlinie war ein entsetzlicher Schwindel“, fügte sie hinzu und ließ die gefesselten Hände wie einen Hammer auf einen anderen Soldaten niederfahren.

Sofort schlossen sich die Hände um ihre Arme wie Schraubstöcke und begannen, sie fortzuzerren.

Durch die Reihen der Soldaten hörte Pia, wie die bleiche Frau Chandra zurief: „Sie haben sie! Du kannst das jetzt nicht riskieren. Wir müssen weg!“

Pia erschlaffte, während die Türme des Bronzeviertels, die Renegaten, die ihre neue Familie geworden waren, und die Tochter, die sie verloren geglaubt hatte, allesamt aus ihrem Blickfeld verschwanden.

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__________

Ein Rückzug war nie Lilianas bevorzugte Reaktion.

Sie hatten einen Großteil der Wachen des Konsulats in den dicht bevölkerten Straßen abgehängt und fanden sich nun allein in einer der Gassen Ghirapurs wieder. Hier gab es nur ein paar Kuriositätenhändler und eine ältere, in leuchtend grünblaue Roben gekleidete Frau, die deren Waren durchstöberte. Das Chaos des Handgemenges hatte sich gelegt.

Chandra saß am Fuß einer staubigen Treppe zu einer Wohnung. Sie hatte die Knie ans Kinn gezogen und das Gesicht in den alten Schal vergraben, den sie oft um die Hüfte trug. Schweigend. Liliana hatte sie seit einer Weile nicht mehr so lange schweigen sehen – in aller Regel bedeutete das, dass sie schlief.

Nissa stand in einiger Entfernung und fühlte sich wahrscheinlich schrecklich respektvoll, wie sie da so den Mund hielt und sich mit schlanken Fingern die Schläfen massierte.

Liliana ging mit zum Zerreißen gespannten Nerven vor den beiden auf und ab. „Dieser Mann mit dem Metallarm – ich kenne diesen Mann. Er ist –“

Sengend heiß blitzten Erinnerungen vor ihrem geistigen Auge auf. Jace, dessen Rücken hässliche weiße Narben von einer Manaklinge zierten. Ein Zurückzucken im Dunkeln und Tränen in den Augen, als sie mit den Fingern darüber strich.

Sie fuhr zusammen, als ihre eigenen juwelenbesetzten Ringe mit einem metallischen Misston aneinanderschepperten. „Er ist ... gefährlich“, murmelte sie und zwang ihre Fäuste, sich zu öffnen. „Seine Gegenwart hier ist ... Das kann kein Zufall sein.“

Nissa wandte ihren Blick der Nekromagierin zu. Ihre grünen Augen glühten mit kaltem Vorwurf. „Warum seid ihr ohne ein Wort fortgegangen? Um euch einfach so in Gefahr zu bringen? Ihr habt Glück, dass ich euch gefunden habe!“

Lilianas Lippen verzogen sich, als sie eine verächtliche Handbewegung in Nissas Richtung machte. „Tezzeret ist eine größere Bedrohung, als du dir je vorstellen könntest.“ Sie hob herrisch den Blick und sah Nissa an. „Und achte auf deinen Ton. Ich bitte nicht um Erlaubnis oder Verzeihung.“

Nissas grüne Augen verengten sich. Grünes Feuer erschien am Ende ihres Stabes. Liliana entging dies nicht. Umgehend glättete sie ihre Züge zu einer Maske distanzierter Nonchalance.

„Warum bist du überhaupt hier?“ Liliana vollführte eine ausladende Geste in der heißen Nachmittagsluft, die die ganze glitzernde Welt Kaladesh einschloss. „Habt ihr etwa abgestimmt, während wir fort waren? ‚Wächterregel Nummer Soundso viel: Keine Heimkehr ohne schriftliche Genehmigung‘?“ Sie spähte erwartungsvoll zu Chandra hinüber, doch die Pyromagierin ließ durch nichts erkennen, dass sie sie überhaupt gehört hatte.

Nissa indes hatte sie gehört. „Hast du sie die ganze Zeit provoziert?“, fragte sie bestürzt. „Ich dachte, du ... Ist es das, was du unter Freundschaft verstehst? Du ... Ungeheuer. Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden!“ Die Elfe richtete sich vor Liliana zu voller Größe auf und rammte das Ende ihres Stabes auf das Kopfsteinpflaster. Die grünen Funken, die von den Enden sprühten, schien sie nicht zu bemerken.

Es war Jahrhunderte her, dass jemand ihr gegenüber diesen Ton angeschlagen hatte – und oft genug war es das Letzte gewesen, was jemand je getan hatte. Doch Liliana hatte Pläne. Pläne, für die sie mächtige Verbündete brauchte. Stattdessen stand sie nun unerfindlicherweise einer wütenden Elfe gegenüber, die interdimensionale Ungeheuer tötete, und dem, was eben noch ein entzückendes wandelndes Pulverfass gewesen war und sich nun aber in ein Häuflein Mutlosigkeit verwandelt hatte.

Die Nekromagierin zuckte angesichts Nissas anklagendem Blick die Achseln. „Wir sind doch hier alles erwachsene Frauen. Chandra kann tun, was ihr beliebt.“

Ungeheuer, ja?

Die Worte brodelten in ihrem Verstand. Genau das, was am tiefsten traf.

„Sie ist vor dir davongelaufen“, flüsterte sie der Elfe zu. „Du bist ihr nicht gefolgt – also kam sie zu mir.“

Nissas gerötete Wangen stachen deutlich aus ihren grünen Gesichtszeichnungen hervor. Sie öffnete den Mund, doch kein Wort kam über ihre Lippen.

Sie hatte schon immer eine besondere Gabe besessen.

„Wenn das alles ist, was du zu sagen hast, dann habe ich mich jetzt wichtigeren Fragen zu widmen.“ Liliana drehte sich auf dem Absatz um und warf gekonnt ihr Haar zurück. Sie hinterließ den Geruch von Lavendel und das Rascheln von Röcken.

Von ihrem Platz auf der Treppe aus hob Chandra den Kopf und versuchte, sich mit der Rückseite ihres Handschuhs übers Gesicht zu wischen. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, als sie aufstand.

„Ich ... Ich wollte dableiben ...“, sagte Chandra, als sie das Gesicht aus dem Schal hob. Nissa streckte die Hand nach ihr aus, aber Chandra ergriff sie nicht.

„Ich gehe spazieren“, murmelte sie und stolperte auf die Straßenhändler zu. Nissa eilte ihr nach.

Die Frau in der Robe am Stand des Händlers schloss ihren Kauf ab und legte dann eine tröstende Hand auf Chandras gepanzerte Schulter.

„Es scheint, du hattest einen harten Tag, meine Liebe“, sagte sie sanft und warf den beiden Planeswalkern ein einladendes Lächeln zu.

Chandra nickte ihr zu und schniefte laut. Ihr gelang ein vages Lächeln, als sie die Hand der Frau drückte. Da war etwas Tröstliches und Vertrautes in ihrem Gesicht.

Die Frau in der Robe zog ein reich besticktes Taschentuch hervor und drückte es der Pyromagierin in die Hand. Chandra vergrub das Gesicht darin und wischte sich die Tränen ab. Es roch nach Tee mit einem Hauch von Maschinenöl und nach ... Zuhause.

„So ist es gut. Trockne deine Tränen ...“, sagte die ältere Frau leise, während Chandra sich die Augen zu Ende abtupfte und sich in das Taschentuch schnäuzte.

„Wir müssen stark sein“, fuhr sie fort, die Stimme plötzlich stählern und klar, „wenn wir deine Mutter finden und sie vor den Soldaten des Konsulats retten wollen, Chandra.“

Chandra blickte auf und in ein Gesicht, das sie nun erkannte. „Frau Pashiri?“

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„Es ist eine Weile her, dass ich dich das letzte Mal gesehen habe, Kind“, sagte Oviya Pashiri, während sie die wirren Haarsträhnen aus Chandras Stirn strich und die Pyromagierin an ihre Schulter zog. Gemeinsam bahnten sich die drei ihren Weg durch die verschlungenen Straßen Ghirapurs, tief hinein in das Gewirr geheimer Laufgänge, in dem Frau Pashiri sich bestens auskannte.

Veröffentlicht in Magic Story on September 14, 2016

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Di 4. Okt 2016, 19:38

Aus Äther geboren


Die Äthergeborenen Ghirapurs sind ein vergnügungssüchtiges Volk. Mit einer Lebenserwartung von nicht mehr als vier Jahren betrachten sie die Stadt als ihren natürlichen Lebensraum und festliche Anlässe aller Art als ihren persönlichen Tummelplatz. Trotz ihrer kurzen Lebensspanne besitzen sie empathische Fähigkeiten, mithilfe derer sie die Energien anderer Personen um sich herum wahrzunehmen vermögen.

Die Erfinderin, Philanthropin und Salonlöwin Yahenni weiß, dass sich ihr Leben dem Ende zuneigt. Als sie anlässlich der Erfindermesse eine ihrer berühmt-berüchtigten opulenten Feiern ausrichtet, erscheinen drei unerwartete Gäste auf der Suche nach gefährlichem Wissen.


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1

Ich liebe es, mich am frühen Nachmittag zurechtzumachen. Es hat schon etwas für sich, sich mitten am Tag auf eine lange Nacht vorzubereiten – es ist eine Art von Voraussicht und Vorbereitung, die leicht einmal unter die Räder geraten kann, wenn man eine Feier in letzter Minute besucht. Ich kleide mich nicht für etwas an, was in zwei Stunden stattfindet – sondern für etwas in zwei Tagen.

Welcher Gastgeber gibt schon sechzehn Stunden nach Beginn seiner Feier ein jämmerliches Bild in zufällig zusammengesuchter Kleidung ab? Schlechte Gastgeber. Solche.

Der Nachmittag schimmert durch die Vorhänge meines Privatgemachs und erhellt den Frisiertisch aus purem Gold, der die längste Wand des Zimmers beherrscht. Das Licht bricht sich an den zahllosen Juwelen, Schmuckstücken und Schätzen, die aus jeder Schublade hervorquellen und auf sämtlichen Ablageflächen des gewaltigen Möbels glitzern. Ich bin äthergeboren: Ich weiß, dass ich sterben werde, und ich weiß genau, wie ich meine Zeit bis dahin verbringe – und zwar nicht mit irgendwelchen Trotteln, die nicht glauben wollen, dass ich es verdient hätte, gut auszusehen.

Während ich meine zweitliebsten Broschen anlege, kann ich das rege Treiben der Angestellten unten fast schon hören. Die Köche machen sich meine Küche klug zunutze – organische Lebewesen sind ja so wählerisch, was ihre Nahrung angeht. Glücklicherweise hat mich mein Koch Nived bislang noch nie enttäuscht. Im Augenblick schuftet er in der Küche für die Leute mit Mägen: ein Palmweinbrunnen, Tablett um Tablett mit Samosas, Pani Puri und Auberginencurry und ein gewaltiger Tisch voller Nachspeisen. Vor dem Shrikhand war stets eine lange Schlange – er musste also gut schmecken. Der Rest meiner Angestellten ist damit beschäftigt, den Baldachin auf dem Dach zu befestigen. Lange nachdem die müden, fleischigen Gäste sich zur Ruhe begeben haben, werden meine Äthergeschwister und ich durch diese und die nächste Nacht tanzen – verloren in der Ekstase der Feier.

Doch das kommt später. Nach zweieinviertel Sekunden des Abwägens und Durchwühlens meines Frisiertischs entscheide ich mich für das von Jasmin und Äther durchsetzte Duftwasser. Es ist mein persönlicher Favorit. Mein Blick fällt auf mein Spiegelbild. Ich wende mich hin und her. Ich sehe keinen Tag älter aus als drei!

Selbst von hier aus kann ich die fröhliche Aufregung und die vom Duft von Sandelholz durchzogene Erwartung der Angestellten auf dem Dach spüren. Ich habe begonnen, andere Spezies ob ihrer Unfähigkeit, das wahrzunehmen, was wir wahrnehmen können, zu bedauern. „Empathische Resonanz“ hatten sie das genannt, als meinesgleichen vor fünfzig Jahren erstmals aus frühen Ätherraffinerien herausgekrabbelt gekommen war. „Eine sonderbare Gabe, den emotionalen Zustand von Wesen in der näheren Umgebung zutreffend einzuschätzen.“ Sie ernteten großen Ruhm, uns erfunden zu haben, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken, ob wir uns nicht womöglich selbst erfunden hatten. Ich stoße ein trauriges Lachen aus. Das Einzige, was wir seither erfunden haben, sind Wege, uns zu amüsieren.

Als ich einen Hauch des Duftes auf meinen Hals und meine Handgelenke auftrage, sehe ich dabei zu, wie sich ein winziger Teil meiner Dermis zu einem feinen, sanften Nebel auflöst. Je mehr von ihr verschwindet, desto näher bin ich dem Ende. Ich kann das Blau meines Äthers unter dem Riss hindurchströmen sehen. Seine Schönheit verschlägt mir den Atem. Er ist bezaubernd. Eine sachte Erinnerung, mich zu beeilen. Ich bedecke den Riss mit einem weiteren Armreif.

Meiner Art ist es gegeben, uns des Verstreichens der Zeit und wie viel von ihr uns noch bleibt, genauestens bewusst zu sein. Es ist, als würde man auf einen Zug warten. Bei jedem Geräusch hebt man den Kopf und jeder Windhauch lässt uns fast aufspringen, doch der Zug ist noch nicht ganz da.

Ich bin fertig angezogen, schimmernd und bereit. Ich habe noch vierundfünfzig Tage zu leben.
__________

2

Angemessen zurechtgemacht steige ich die Stufen zum Dach hinauf und treffe auf eine Wand aus Klängen. Es gibt kein besseres Gefühl, als wenn einem aufpeitschende Feiermusik eine schallende Ohrfeige verpasst.

Der Baldachin wirft einen willkommenen Schatten auf den flauschigen Teppich, den meine Angestellten von unten heraufgeholt haben. Die Dekorateure haben Magnolien auf den Tischen platziert und von den Seiten des Gebäudes herabhängen lassen, und sie haben zarte Seide, die in der Spätnachmittagssonne schimmert, um die Brüstungen gewunden. Im Vorbeigehen fülle ich wie beiläufig leere Gläser auf und weiche zwei sich küssenden Menschen aus. Ich strahle sie an. Auf der letzten Feier habe ich sie zusammengebracht – es ist immer schön, meine Kräfte zum Guten zu nutzen. Ich zeige Zwergen das Badezimmer und passe die Lautstärke meines Panharmonikums für den Hausgebrauch an.

Vergesst Rauschmittel und Adrenalin – Feiern sind das erlesenste Laster. Ich labe mich an der Freude meiner Gäste. Ich habe keine Vorstellung davon, wie es ist, ein gebratenes Tier zu essen, doch ich kann mir vorstellen, dass es sich so ähnlich anfühlen muss. Ich gehe in meinen Pflichten als Gastgeberin auf, und meine Gäste sind voll des Lobes.

Meine gute Freundin und hervorragende Pilotin Depala (die Depala!) sitzt entspannt auf einem etwas intimer gelegenen Sofa. Ihre Hyäne döst an ihrer Seite und nagt glücklich an einem Knochen, während Depala an ihrer goldenen Leine herumspielt.

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„Depala, Teuerste. Meine Feiern sind stets strahlender, wenn du hier bist.“ Ich umarme sie und beuge mich hinunter, um die Hyäne liebevoll hinter dem Ohr zu kraulen. Sie schnüffelt an meiner Hand.

„Sie hat dich gern, Yahenni“, sagt Depala mit einem vertrauensvollen Lächeln. „Hast du nun Zeit, dich zu entspannen, seit du im Ruhestand bist?“

„Da ist aber jemand ausgesprochen gut informiert“, schelte ich sie, während ich ihr Glas auffülle.

„Für gewöhnlich lese ich nur die Rennergebnisse, aber bisweilen auch den Wirtschaftsteil.“

Meine Familie hat mit Erfindungen ein Vermögen gemacht. Ich kündigte meinen Ruhestand an, sobald ich wusste, dass ich nur noch weniger als sechzig Tage übrig hatte. Kühne Investitionsstrategien fallen einem wesentlich leichter, wenn man ihren Ausgang nicht mehr miterlebt.

Ich lasse mich an Depalas Seite nieder. „Ich nehme doch an, dass du in einem Monat auch meine vorletzte Feier besuchen wirst? Ohne die beste Pilotin in Ghirapur wäre sie sterbenslangweilig.“

Depala lächelt. Ihre Hand krault abwesend die Hyäne. „Das würde ich um keinen Preis verpassen wollen. Die Gebräuche der Äthergeborenen sind die besten.“

„Da hast du vollkommen recht. Wir haben schlicht nicht die Zeit für irgendetwas anderes, Schätzchen.“

Depalas Mund wird schmal. Ihre Brauen kräuseln sich, während ihr Blick auf der Suche nach möglichen Lauschern umherhuscht. „Also ... du hast nicht vor, es aufzuschieben?“

Ich kann mich nicht dagegen wehren, eine gereizte Haltung einzunehmen.

„Ich weiß, wozu du in der Lage bist, Yahenni“, sagt sie mit einem bedeutungsschwangeren Ausdruck im Gesicht.

„Ich bin nicht bereit, so weit zu gehen, Depala.“ Ich zupfe an der zerfallenden Dermis an meinem Arm. Ich weiß seit einiger Zeit, dass ich in der Lage bin, anderen Essenz zu entziehen, doch ich will das nicht tun. Es ist eine seltene Gabe, die besser im Verborgenen bleibt. Ich könnte einem anderen vernunftbegabten Lebewesen nie die Kraft rauben, nur um mich über mein Verfallsdatum hinaus an meinem eigenen Dasein festzuklammern. Was sollten denn meine Freunde von mir denken?

„Es ist eine Möglichkeit“, sagt sie schnippisch. „Ich weiß nicht, wie es funktioniert oder wie viel Zeit du von ... wem anders bekommst. Ich war mir nicht sicher, ob du es überhaupt auch nur in Erwägung ziehst.“

„Es kam mir durchaus in den Sinn, aber ich möchte auf die altmodische Art aus dem Leben scheiden“, zwinge ich mich zu sagen.

In diesem Augenblick bringt mein Koch Nived eine Flasche von Depalas Lieblingsgetränk vorbei. So umsichtig – er ist fast so gut wie ich.

„Du bist eine gute Seele, Yahenni“, sagt Depala, als wir wieder allein sind. „Ein paar Tage mehr sind die Schuldgefühle nicht wert, die mit dieser Tat verbunden wären.“

Ich bin mir nicht so sicher, ob sie damit recht hat.
__________

3

Drei Frauen stehen vor dem Eingang zu meiner Wohnung. Frau Pashiri erkenne ich sofort, denn sie ist schließlich eine der berühmtesten Erfinderinnen der Welt und zudem eine der leidenschaftlichsten Brettspielerinnen, die mir je untergekommen sind. Zu ihrer Rechten steht eine rothaarige Frau in einem aus der Mode gekommenen Überwurf (dieser Stil ist Jahre alt – geht sie denn sonst je vor die Tür?).

Auf der anderen Seite steht das faszinierendste Geschöpf, das ich je gesehen habe.

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Ihre Augen sind endlos, ein leuchtendes Grün vom Zentrum bis zum Lid. Eine lebendige Schönheit mit einer Haltung, die ein großes Unbehagen verrät. Es ist tragisch, dass jemand, der derart interessant aussieht, so angespannt ist. Ihre Kleidung ist mit hellen Blumen geschmückt (sind sie echt?) und auf eine Weise geschnitten, die nur ihr allein passen kann. Hegte ich ein Interesse an Romanzen, wäre ich versucht, doch für mich besteht ihre Verlockung einzig in dem gesellschaftlichen Zugewinn, den sie verheißt. Meine Aufgabe als Gastgeberin besteht darin, meine Gäste glücklich zu machen, doch es ist immer eine nette Dreingabe, dabei mit interessanten Leuten gesehen zu werden.

„Yahenni, meine Freundin“, sagt Frau Pashiri. „Das hier sind Chandra und Nissa. Chandra, Nissa – das hier ist Yahenni. Sie ist eine Investorin für junge, notleidende Erfinder und eine der großzügigsten Philanthropinnen, die mir bekannt sind. Dürfen wir uns zu den Feierlichkeiten gesellen?“

„Selbstverständlich, Frau Pashiri.“ Welch eine Vorstellung. Ich erröte innerlich.

Ich halte der Elfe die Tür auf. „Bezaubernde Augen, Teuerste“, sage ich, als Nissa eintritt. Sie lächelt angestrengt.

Die Rothaarige steht unentschlossen draußen. Ich blicke sie misstrauisch an und wende mich an Frau Pashiri.

„Das ist Pia Nalaars Tochter Chandra“, sagt sie.

Ich trete beiseite und lasse die Tochter der gefährlichsten Person in ganz Ghirapur eintreten. „Die Feier findet oben statt. Unterhalten wir uns also doch lieber an einem ruhigeren Ort“, sage ich.

Ich führe sie auf meine Veranda im Erdgeschoss. Frau Pashiri flüstert mir im Gehen zu:

„Pia Nalaar wurde gefangen genommen, wissen Sie.“ Das wusste ich noch nicht. Das ist ungewöhnlich für mich.

„Pia macht solche Fehler nicht. Sagen Sie mir, was Sie wissen.“

Wir gehen ein Stück und Frau Pashiri erläutert mir die Lage. Topfpflanzen und ein fröhlicher Springbrunnen rahmen die Sitzgruppe draußen ein, die aus vier verwitterten Sesseln besteht. Die Geräusche der Feier tröpfeln vom Dach herab und bieten unserer Unterhaltung zusätzlichen Schutz. Ich bitte sie, sich zu setzen, und schicke einen meiner Angestellten los, uns Getränke zu holen, während Frau Pashiri ihren Bericht beendet. Ich sinniere über Pia Nalaars Verhaftung.

„Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen“, sage ich. „Denn ich weiß nicht, wohin das Konsulat Gefangene von Pias Ruf hinbringt.“

Frau Pashiri nickt. „Ich verstehe.“

„Sie müssen mir das bitte verzeihen. Ich bin sehr stolz auf meine Verbindungen, doch diese hier führt mich nur in eine Sackgasse.“

Ich spüre eine heiße Welle rauchigen Zorns zu meiner Rechten. „Würde es um Ihre Eltern gehen, würden Sie uns helfen“, schnappt Chandra.

„Ich habe keine Eltern“, sage ich mit einem leichten Schulterzucken. Chandras Miene verfinstert sich noch weiter. Sie fühlt sich dumm. Das wäre wirklich nicht nötig – mir macht das nichts aus.

Mein Angestellter kehrt zurück und ich reiche Frau Pashiri einen Becher Palmwein und der Elfe ein Glas eines Holzschnapses. Ich habe festgestellt, dass Elfen stärkere Getränke zu schätzen wissen – eine Eigenschaft, um die ich sie beneide und bewundere.

„Es könnten dennoch Leute hier sein, die für uns nützlich sind“, fügt Frau Pashiri hinzu und nimmt ihren Becher mit sanfter, wettergegerbter Hand entgegen.

Ich denke an die Gäste oben und gehe meine Verbindungen durch.

Plötzlich höre ich einen Tumult an der Vordertür. Nissa zuckt zusammen und Chandra blickt neugierig auf. Von unserem Platz auf der Veranda aus sehe ich eine Horde Äthergeborene durch die Vordertür preschen, die einen Stuhl mit einem sich schnell auflösenden Äthergeborenen tragen. Er leuchtet mit dem Gleißen des nahenden Todes. Seine Dermis zerfällt, und er ist inzwischen mehr Rauch als Form. Es ist peinlich. Ich wende den Blick ab.

„Das ist meine vorletzte Feier!“, ruft er begeistert. Die bunt zusammengewürfelte Gruppe hievt den Stuhl in die Höhe, und die lebende Totenwache bewegt sich die Treppe zum Dach hinauf.

Chandra blickt mich amüsiert an. „Wissen Sie, wer das ist?“

„Das möchte ich lieber gar nicht wissen“, sage ich und zupfe an der Stelle an meinem Handgelenk, die ich früher am heutigen Tag abgedeckt habe. Ein winziges Rauchwölkchen entweicht. Ich hasse es, mir dabei zuzusehen, auf diese Weise zu sterben.

Chandra legt entschlossen die Hände auf den Tisch und steht auf. „Unsinn. Ich werde herumfragen. Nissa –“

„Mir geht es hier bestens“, erwidert die Elfe leise. Ihre Energie ist kalt und bitter vor Unbehagen. Es geht ihr nicht bestens, weswegen ich beschließe, mich einzumischen.

„Nissa, richtig? Folgen Sie mir. Sie müssen mir erzählen, wo sie dieses Ensemble gefunden haben.“
__________

4

Wir steigen die Stufen hinauf, bis wir das Stockwerk gleich unter dem Dach erreicht haben. Ich führe Nissa auf den Balkon. Welche Art Gastgeber wäre ich wohl, wenn ich zuließe, dass ein Gast sich auf meiner Feier unbehaglich fühlt?

„Sie schienen mir an einer kleinen Flucht interessiert“, sage ich.

Die Elfe verschränkt die Arme vor der Brust. „Mir geht es bestens“, wiederholt sie. Es geht ihr nach wie vor nicht bestens, doch ihre Neugier siegt. „Was ist eine vorletzte Feier?“

„Das Letzte, was wir Äthergeborenen tun, ist sterben. Daher ist das Vorletzte, eine Feier auszurichten, bei der das Erscheinen Pflicht ist. Hat jemand nicht genug Freunde, lädt er sich kurzerhand auf die Feier von jemand anderem ein.“ Ich deute in Richtung Dach, zu dem Lärm der Feier und dem Jubel des sterbenden Äthergeborenen. „Diesem Versager ist es bedauerlicherweise erlaubt, hier zu bleiben.“

Die Elfe antwortet nicht. Sie spricht vielleicht nicht viel, aber ihre Energie ist unglaublich leicht zu lesen.

„Also schön. Auf einer Skala von eins bis ‚Ich wünschte, ich wäre tot‘ – wie sehr hassen Sie Feiern? Seien Sie ehrlich.“

„Acht. Neun. Welcher Zahl auch immer ein Baloth entspricht, der mir das Bein abnagt.“

Ich gebe ein unverbindliches Geräusch von mir. „So sehr, ja?“

Diese unglaublichen Augen richten sich in die Ferne. Sie erinnert sich an etwas, und die Aura um sie herum ist von bitterer Süße erfüllt.

„Wir hatten oft Feiern in meiner Heimat.“

Leise fülle ich ihr Glas wieder auf. „Und was haben Sie dort so gemacht?“

„Wir sprachen miteinander. Frischten alte Freundschaften auf. Manchmal gingen wir an einen besonderen Ort.“

„Gehen Sie noch häufig auf solche Feiern?“

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Nissa schweigt. Ich spüre, dass es diese Orte nicht mehr gibt. „Also dann. Was kann ich tun, um Ihnen diese Feier hier etwas zu versüßen?“

„Können wir etwas abseits sitzen?“

„Teuerste, für Sie gehe ich bis an den Rand der Stadt. Platonisch. Und nur, wenn Sie mich nett darum bitten. Und wenn es nicht regnet oder so.“ Das amüsiert die Elfe. Ich spüre, wie sie sich ein klein wenig entspannt. Ihre Energie steigert sich, als droben ein neues Lied gespielt wird. Wie süß. Sie mag Musik. Ich schenke dem Rauchwölkchen, das aus meinem Nacken aufsteigt, keine Beachtung. „Gehen wir aufs Dach. Bleiben Sie einfach bei mir – es ist zu köstlich, die Leute zu beobachten.“

Ich spüre Nissas Anspannung und bahne uns sanft einen Weg durch die Menge. Auf dem Weg nach oben heiße ich rasch einen neuen Gast willkommen und reiche einem anderen mit Samosakrümeln im Gesicht ein Taschentuch. Die Feier hat eine natürliche Ruhephase erreicht und die Gäste plaudern höflich miteinander. Ich führe die Elfe zum Ende des Baldachins, das durch eine geschickt platzierte Barriere aus Topfpflanzen abgetrennt ist.

Ein Angestellter nähert sich uns, als wir uns setzen. Ich nehme den Flakon mit Duftwasser entgegen und flüstere ihm zu: „Lassen Sie meinem Gast hier zuliebe jemanden die Lautstärke des Panharmonikums herunterdrehen und spielen Sie nur langsame Stücke.“ Es gibt keinen größeren Schatz als eilfertige Dienstboten.

„Dies mag anmaßend klingen, doch Sie wirken auf mich nicht wie eine Städterin“, sage ich sanft. Die Elfe zeigt ein leises Lächeln. Ich lehne mich auf dem Sofa zurück. „Sie sind noch nie Äthergeborenen begegnet, nicht wahr?“

„Nein. Erzählen Sie mir von Ihresgleichen“, sagt Nissa sanft und voller Ernst. Sie ist die aufmerksamste Zuhörerin, die ich je bewusst beim Zuhören beobachtet habe. Ihr unbeirrter Blick ist nur ein ganz klein wenig verstörend.

„Wir sind das lebende Nebenprodukt des Ätherkreislaufs. Unsere Familien erheben Anspruch auf bestimmte Gebiete, in denen Junge von uns auftauchen, und adoptieren dann jeden, der dort herauspurzelt. Vom ersten Tag an sind unsere Körper vollständig entwickelt und haben eine Lebenserwartung von vier Wochen bis zu vier Jahren.“

„Das, was Sie beschreiben, erinnert mich an Elementarwesen, denen ich begegnet bin“, sagt Nissa mit gerunzelter Stirn.

„Dann sind Sie mehr von ihnen begegnet als ich. Ich weiß nur, was ich bin.“

„Ich verstehe das nicht.“

„Was verstehen Sie nicht?“

Sie macht eine Geste, deren Bedeutung sich mir nicht erschließt.

Ich fühle mich ein bisschen peinlich berührt. „Stimmt etwas nicht?“

Sie versucht es mit einer weiteren Geste. Dann hält sie inne und sucht nach Worten. Endlich sagt sie einen Satz. „Ich verstehe nicht, wie etwas, was der Natur entspringt, in einer Stadt heimisch sein kann.“

„Wir sind die Stadt. Ich bestehe aus Äther, und eines Tages werde ich in ihn zurückkehren. Die Natur ist überall um uns herum. Sie mag nur etwas anders aussehen, als Sie es gewohnt sind.“

Nissa gibt ein leises Geräusch von sich. So hatte sie das zweifellos noch nie betrachtet.

Während der Gesprächspause zeige ich einem anderen Gast stumm den Weg zu den Badezimmern.

Die Stille dauert an und ich sehe dabei zu, wie Nissa die Augen schließt. Was tut sie da? Ihre Miene wirkt verwirrt. Ihre Ohren zucken, als lauschte sie nach etwas. Hört sie etwas, was ich nicht höre? Einer ihrer Mundwinkel hebt sich zu einem Lächeln.

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„Ich spüre es. Diese Welt besitzt eine Struktur. Zyklisch.“

Irgendwie kann die Elfe das Wesen meiner Heimat erspüren.

Ich lehne mich entspannt zurück. „Die Große Verbindung ist allgegenwärtig. Sogar hier in Ghirapur. Mein Volk ist der Beweis dafür. Unsere Wildnis kümmert es nicht, ob diese Stadt dicht bevölkert ist. Ihr Rhythmus besteht einfach fort.“

Nun schleicht sich ein richtiges Lächeln in Nissas Gesicht.

Ich nehme eine elfische Karaffe, die in der Nähe steht. „Mehr?“

„Ja bitte“, erwidert Nissa automatisch. Ich fülle ihr Glas wieder auf. Sie mag nicht gewillt sein, viel von sich preiszugeben, doch ich spüre ihr reges Erstaunen. Ich muss heute Nacht voller Offenbarungen sein.
__________

5

Ich höre ein Geräusch von unten und stehe auf. Nissa stellt ihr Glas ab und blickt mich aus ihren endlosen Augen fragend an. Das Alter hat meine Sinne geschärft, und ich weiß sofort, wo etwas vorgefallen ist und worum es sich handelt.

Ich halte mich davon ab, die Treppe hinunterzurennen (Anstrengung sorgt dafür, dass ich schneller verwelke), und mache mich stattdessen zielstrebig auf den Weg zu dem Badezimmer auf dem Stockwerk unter mir. Gäste machen den Weg frei und ich bemerke, dass Nissa und nun auch Chandra mir folgen.

Am Ende des Flurs vor dem Badezimmer steht ein imposanter Angehöriger der Sicherheitskräfte des Konsulats. Die Tür zum Badezimmer ist offensichtlich abgeschlossen, und er versucht, gewaltsam hineinzugelangen. Dieser Mann ist groß – fast so groß wie der Zimmerbaum neben der Tür. Seine Kleidung ist alt, doch die Nähte sind neu. Körperliche Auseinandersetzungen sind ihm nicht fremd. Die Waffe an seiner Seite ist für den Kampf in den Straßen nicht geeignet, doch das Klirren von Schlüsseln an seiner Rüstung verrät seine Position. Er muss in den Gefängnissen arbeiten.

Ich gebe Nissa und Chandra einen Wink, sich hinter einer Ecke zu verstecken, während ich mich dem Mann allein nähere.

„Kann ich Ihnen helfen, mein Herr?“

Der Mann lässt vom Türknauf ab und mustert mich von oben bis unten. „Ein gesuchter Verbrecher hat sich hinter dieser Tür verschanzt. Er wird mich begleiten – ungeachtet dessen, was Sie davon halten.“

„Sie sind also uneingeladen auf meine Feier – in mein Haus – gekommen?“

Der Mann macht einen halben Schritt auf mich zu und baut sich vor mir auf.

„Möchten Sie, dass Ihre Feier gegen die Lärmschutzbestimmungen verstößt?“

„... Nein ...“

„Dann mischen Sie sich nicht in die offiziellen Angelegenheiten des Konsulats ein.“

Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieser Mann meine Feier beenden wird, um denjenigen zu bekommen, der sich hinter der Tür versteckt. Das Konsulat ist engstirnig genug dafür. Ich verachte Engstirnigkeit.

Ich wende dem Bullen von einem Mann den Rücken zu und suche nach Nissa und Chandra. Hierfür gibt es eine einfache Lösung. Diese beiden sind kräftig gebaut – sie können kämpfen –, und für diesen Gefallen kann ich ihnen eine Gegenleistung anbieten. „Ich gebe Ihnen die Information, die Sie brauchen, wenn Sie mir helfen.“

„Worum geht es denn?“, fragt Nissa leise.

„Nissa, ich möchte, dass Sie diesen ungebetenen Gast nach draußen geleiten.“

Die Elfe lächelt. „Mit Vergnügen“, sagt sie mit ruhiger Überzeugung. Sie hebt eine Hand und ein weiches Licht leuchtet in diesen endlosen Augen auf.

Etwas in meiner Brust singt, doch das Lied ist nicht für mich bestimmt. Mein wacher Geist rät mir, das sonderbare Summen nicht zu beachten, das ich aus der Ferne spüren kann. Ich wende mich an Chandra.

„Chandra, ich möchte Sie bitten, mir dabei zu helfen, diese Tür aufzubrechen, sobald er fort ist.“

Pia Nalaars Tochter blickt mich mit offenkundiger Überraschung an. Mit einer seltsam dünnen Stimme sagt sie: „Wirklich?“

„Ja, wirklich. Mein Körper wird schwächer und ich schaffe das nicht allein. Glauben Sie, dass Sie das schaffen, Teuerste?“

Chandras einzige Reaktion ist ein leicht beunruhigendes, unterdrücktes Glucksen. Es ist sehr befremdlich, ein solches Geräusch von einer so jungen Menschenfrau zu hören.

Ein Poltern um die Ecke. Ich luge um sie herum und kann einen leisen, erschreckten Aufschrei nicht unterdrücken. Der Zimmerbaum hat sich auf unerfindliche Weise um das Bein des Mannes gewunden und ihn zu Boden geworfen, wo er nun benommen daliegt. Es ist wohl das Beste, wenn ich nicht allzu genau darüber nachdenke, wie das alles geschehen ist. Ich habe auch gar nicht die Zeit dazu. Ich biege um die Ecke und beuge mich zu dem Gesicht des Mannes herunter.

„Also schön“, flüstere ich. „Pia Nalaar. In welchem Gefängnis hält man sie fest?“

Der Mann stöhnt. Ich glaube, er hat sich im Fallen einen Zahn abgebrochen. Das spielt keine Rolle – er muss nicht reden, um mir zu sagen, wo sie ist. Ich öffne meine Sinne und spreche schnell.

„Kohali-Gefängnis?“

Der Mann stöhnt, und seine Energie stinkt nach Gereiztheit.

„Gupha-Besserungsanstalt?“

Ungeduld.

„Dhund-Gefängnis?“

Ein entferntes Aufblitzen von Gewürzen und Salz, das zu Panik wird, als er mich ansieht. Hätte ich nicht die Gabe, seine Energie zu lesen, wäre ich nie in der Lage gewesen, die Antwort in seinem Gesicht zu erkennen. Er ist gut. Ich tätschle dem Mann den Kopf. „Danke für Ihre freundliche Mithilfe.“

Ich wende mich an die Elfe. „Nissa, wären Sie so lieb?“

Sie kommt herüber und wirft sich den Mann über die Schultern, um ihn hinauszutragen. Zum Teufel.

„Wie viel von dem Haus hier soll denn stehen bleiben?“, unterbricht mich Chandra und zieht sich die Schutzbrille über die Augen.

„Idealerweise alles außer dieser Tür?“

Chandra nickt, grinst bis über beide Ohren und schmilzt rasch das Schloss mit einem weißglühenden Finger. Ich schüttle den Kopf. Menschen und ihre Taschenspielertricks.

Ich spüre, wie Nissa hinter mir auftaucht, als Chandra fertig ist. Der Gestank von zu viel Duftwasser dringt aus der Lücke zwischen der Tür und der Wand.

„Jeder mit Lungen geht besser zurück auf die Feier“, verkünde ich dem Rest der Schaulustigen und wende meine Aufmerksamkeit den Gästen zu. Frau Pashiri hat sich zu ihnen gesellt. Sie wirkt besorgt. Ich bewege mich in ihre Nähe.

„Sie finden Pia im Dhund-Gefängnis“, flüstere ich.

Frau Pashiri schnappt nach Luft. „Nicht dort“, sagt sie. „Bitte sagen Sie mir, dass er gelogen hat.“

Ich schüttle den Kopf. Frau Pashiri wendet sich an Chandra. „Dort ist Baral stationiert.“

Die Luft um mich herum wird heißer. „Wir müssen fort“, sagt Chandra gepresst. Frau Pashiri nickt und die beiden gehen die Treppe hinunter. Nissa bleibt zurück und schaut mich an.

„Danke für die Unterhaltung, Yahenni.“

Ich nicke. „Gern, Teuerste. Wenn Sie in einem Monat Zeit haben, sollten Sie zurückkommen. Dann gebe ich die größte Feier meines Lebens. Selbst Sie würden das nicht verpassen wollen.“

Sie lächelt, und dann ist sie fort.
__________

6

Ich öffne die Tür und werde von einer Parfümwolke übermannt. Die Tür schließt sich hinter mir und ich drehe mich um, um zu sehen, wer sich hier eingeschlossen hat. Ich hatte schon zuvor ein nervöses Eingesperrtsein wahrgenommen, und hier sitzt nun offensichtlich die Quelle dieses Gefühls. Am Ende des Badezimmer sitzt der sterbende Äthergeborene mit dem Rücken zur Wand auf dem Boden. Seine Dermis ist beinahe vollständig verschwunden und das blaue Leuchten seiner Essenz vermischt sich in ungewöhnlicher Weise mit dem Licht der untergehenden Sonne, das gefiltert durch das Fernster hereinfällt. Leere Parfümflaschen sind zu seinen Füßen verstreut.

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„Da haben Sie ja das gute Zeug für sich behalten“, sage ich beschwingt. Ich bin mir mehr als bewusst, dass mein Scherz nur ein Stück Seide auf einer klaffenden, blutigen Wunde ist.

„Ich habe noch ungefähr eine Minute“, keucht er. „Ich wurde vom Konsulat verfolgt und wollte nicht vor aller Augen sterben.“

„Sind Sie aus einem Gefängnis geflohen?“, frage ich, als mein Blick auf eine aufgebrochene Fußfessel fällt. Der Äthergeborene stöhnt nur.

Ich setze mich neben ihn. Ich weiß, dass ich Gesellschaft hätte haben wollen, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre. „Kennt irgendjemand oben Ihren Namen?“, frage ich.

„Nein. Sie sind nur wegen der Feier hier.“

„Das ist der einzige Grund, aus dem überhaupt irgendwer hier ist, Schatz.“

Ich atme die Duftwolken ein, die in der Luft hängen. Während der andere Äthergeborene weiter zerfällt, vermischt sich seine Essenz mit dem Parfüm. Ich habe viele meiner Art in ihren letzten Augenblicken gesehen, und in ihnen liegt beinahe immer ein Hauch von Triumph. Sie haben im Glanz des Lebens gekämpft, sich an ihm ergötzt und um sich gebissen und getreten – und nun sind sie endlich am Ziel angekommen.

Ich ergreife das, was von seiner Hand übrig ist.

Ich spüre seine Energie, die in meiner Handfläche pulsiert.

„Hatten Sie ein gutes Leben?“

Der andere Äthergeborene dreht mir den Kopf zu und blickt mich an. Er hat Mühe mit dem Sprechen, doch es gelingt ihm, eine Bestätigung hervorzustoßen: „Darauf können Sie Ihren Hintern verwetten.“

In diesem Augenblick erfüllt mich Neid. Mir bleibt so wenig Zeit. Mein Leben, das Leben dieses Äthergeborenen, alle Leben meiner Art werden damit zugebracht, so viele Erfahrungen wie nur möglich in unsere erbärmlich kurze Lebensdauer hineinzustopfen. Es ist nicht gerecht, dass wir so schnell ausbrennen.

Es ist nicht gerecht, dass es mich als Nächstes ereilt.

Der andere Äthergeborene krampft sich zusammen und stößt schwarzen Rauch aus. Seine Dermis zerbröselt, der gebundene Äther entweicht aus ihr und steigt als feiner Nebel zur Decke auf.

Ich sitze schweigend unter dem Dunst aus Äther über mir. Er ist ganz hinreißend.

Nach einem Augenblick stehe ich auf und öffne das Fenster. Der Geruch und die Energie entschwinden in die Luft, in die Welt, in die Große Verbindung. Ich wende mich dem Kleiderhaufen zu, der am Boden zurückgeblieben ist, und sammle ihn zusammen mit dem Schmuck und den Accessoires auf. Eine Geldbörse, eine Uhr, ein Bündel Dokumente des Konsulats. Ich blättere sie rasch durch – eine kleinere Ordnungswidrigkeit und Bagatelldiebstähle. Dafür hätte er gar nicht erst ins Gefängnis wandern dürfen.

Wütend zerknülle ich die Dokumente. Diese Bastarde vom Konsulat töten uns nur umso schneller.

Als ich die Schmuckstücke des Fremden durchsehe und mir eines seiner Armbänder überstreife, trifft mich ein plötzlicher Gedanke.

Was, wenn ich die Feier verlassen und nach draußen gehen würde? Was, wenn ich den Abschaum vom Konsulat, der diesen Äthergeborenen verhaftet hat, aufspüre und es ihm heimzahle? Ich habe bereits zuvor einmal (versehentlich) jemand anderem Essenz entzogen – und es hat sich wundervoll angefühlt. Das könnte ich erneut tun. Das könnte ich Hunderte von Malen tun, wenn jemand es verdient hätte.

Ich sehe zu, wie ein winziges Rauchwölkchen aus meiner Haut zum offen stehenden Fenster aufsteigt.

Ich denke an den bewusstlosen Konsulatsvollstrecker, der auf der Straße vor meinem Haus liegt.

Er wird noch einige Stunden dort liegen bleiben.

Ich könnte mich für ein paar Minuten davonstehlen.

Niemand würde es bemerken.

Nein. Die Zeit dafür wird kommen. Sobald ich es bin, der von nichts weiter als leeren Parfümflaschen umgeben auf dem Fußboden eines Badezimmers hockt und sich langsam auflöst ... Vielleicht tue ich es dann.

Mit der Zeit, die mir noch bleibt, habe ich anderes vor.

Ich greife nach einer der halb leeren Flaschen ätherdurchsetzten Duftwassers und sprühe mich damit ein. Lebendige, unverwechselbare Zeder. Der Energiestoß durchfährt mich, das Glänzen frisch geborgten Goldes schimmert an meinem Hals und das Grollen der Feier hallt vom Dach herunter.

Ich stürme nach oben und trete in das Licht der gerade untergegangenen Sonne und in das Leuchten von Laternen an filigranen Haltern. Die Menge teilt sich aus Respekt vor meiner mächtigen Stellung in meinem selbst erschaffenen Ökosystem und das Panharmonikum verstummt. Energisch schreite ich zum Hauptbaldachin und hebe die Arme. Meine Gäste verstummen und wenden mir ihre Aufmerksamkeit zu.

Ich rufe: „Streicht euch den Tag in genau einem Monat in euren Kalendern an, geschätzte Gäste und weniger geschätztes Gesindel!“

Meine Freunde und Gäste jubeln. Sie sind wie ich. Sie ergötzen sich an ihrem hohen Stand und an ihren niedrigen Ansprüchen.

„Ich werde nach dem Ende der Erfindermesse hier die Feier meines Lebens geben. Ich erwarte, dass jeder von Ihnen dabei ist – und sagen Sie allen, die Sie kennen, dass sie Narren wären, wenn sie das verpassen.“

Sie jubeln. Ich fühle mich, als könnte ich noch zehn Jahre leben.

„Doch genug davon. Sie möchten doch sicherlich nicht noch mehr über mich hören, nicht wahr?“

„Natürlich wollen wir das!“, rufen die Gäste wie aus einem Mund.

„Nun, wie bedauerlich! Ich habe nämlich keine Lust mehr zu reden! Gehen Sie auf die Tanzfläche, lassen Sie die Musik laut erklingen und öffnen Sie noch ein Fass für alle hier, die eine Leber haben!“

Die Menge tobt. Die kollektive Begeisterung über die Opulenz durchströmt mich und reißt mich mit. Ich rausche in den Sturm der Tanzenden und werde vom Nebel eines Ätherduftwassers umhüllt, das jemand in die Luft gesprüht hat. Die Musik wird lauter und der Takt des Liedes treibt die Bewegungen der Leiber um mich herum an und alles fühlt sich an, als wäre es lebendig. Das Leuchten der Äthergeborenen wird schwach vom Schweiß der Tänzer zurückgeworfen, ein sanfter Ätherschweif entfliegt in den Himmel über uns und ich bin am Leben, ich bin am Leben, ich bin am Leben – und in diesem einen Augenblick ertrinke ich im Reichtum des Daseins.

Veröffentlicht in Magic Story on September 21, 2016

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Di 18. Okt 2016, 17:30

Aufgestaut


Von Berichten des Konsulats über eine unruhestiftende Renegatin nach Kaladesh gelockt, fand Chandra zu ihrer großen Überraschung heraus, dass die fragliche Renegatin niemand anders war als ihre eigene Mutter. Ihre Wiedersehensfreude währte jedoch nur kurz, denn Soldaten des Konsulats nahmen Pia Nalaar gefangen. Während Liliana einer anderen Spur folgte, stießen Chandra und Nissa auf eine alte Freundin von Chandras Eltern namens Oviya Pashiri. Gemeinsam begannen sie, nach Pias Gefängniszelle Ausschau zu halten. Durch einen der unzähligen Kontakte Oviyas zu den Renegaten fanden sie heraus, dass sie im Dhund festgehalten wird, einem Geheimgefängnis, das von dem bösartigen Magier Baral geleitet wird – ebenjenem Baral, der Chandra als Kind gejagt und ihren Vater getötet hatte.

Nissa schwirrte der Kopf, als Frau Pashiri sie und Chandra vom Lärm und den Gerüchen auf Yahennis Feier zurück in die Dunkelheit der Straßen führte, wo die überschäumende Aufregung der Erfindermesse zur fröhlichen Geschäftigkeit der Nacht abgeklungen war.

Ghirapur war nicht so schlimm wie Ravnica mit seinen harten Kanten und grauen Straßen. Tatsächlich war die Stadt zweifelsohne auch mit einem Augenmerk auf den Fluss der Magie – des Äthers – durch die Straßen und um die Gebäude herum ausgerichtet worden. Und die Ästhetik dieses Ortes wurde vorrangig von anmutigen Schwüngen und filigranen Linien dominiert – mehr wie die Wälder Zendikars und weniger wie die schroffen Winkel Ravnicas.

Aber dennoch wimmelte es hier von Leuten.

Nissa konnte nichts anderes tun, als sich darum zu mühen, Schritt zu halten – mit den Ereignissen des Tages, mit Chandras geradezu greifbarer Gereiztheit, mit dem gesamten chaotischen Wirrwarr dieser Welt.

„Der Dhund“, sagte Frau Pashiri und schüttelte den Kopf. „Ausgerechnet.“
Chandra knurrte. „Baral! Warum er? Sollte er nicht mittlerweile tot oder ... oder im Ruhestand oder was auch immer sein?“ Sie hielt inne. „Tot wäre mir lieber.“ Sie ging ein paar Schritte weiter. Kleine Flämmchen züngelten ihr um die Finger und wurden erstickt, als sie die Fäuste ballte. „Im Feuer.“

„In einer gerechten Welt wäre er das“, sagte die ältere Frau.

„Nun, wenn ich ihn zu fassen bekomme ...“ Chandra schien sich auf die Zunge zu beißen, wahrscheinlich sogar buchstäblich. „Tut mir leid, Frau Pashiri.“

Nissa runzelte die Stirn. Bis jetzt hatte sie Chandras feurige Wut nur gegen die Eldrazi gerichtet gesehen oder gegen die pervertierten und verderbten Kreaturen auf Innistrad, die ebenso gut Eldrazi hätten sein können. Die Vorstellung, dass sie diesen Zorn auch gegen Menschen richten konnte, war beunruhigend. Wie viel Leid hat er ihr wohl zugefügt?, fragte sie sich.

„Liliana meinte zu mir, ich sollte ihn zur Strecke bringen“, sagte Chandra. „Ihn finden und mich rächen. Ich hätte auf sie hören sollen.“

Nissa wollte die Hand nach ihr ausstrecken und sie ihr auf die Schulter legen, um Chandra durch ihre Berührung ein wenig Trost zu spenden. Doch sie fürchtete sich ... vor was? Schmerz zu verursachen, wie wenn man eine Brandwunde berührte? Oder davor, Chandras Schmerz, der wie ein ausgewachsener Brand zwischen ihnen loderte, noch stärker zu spüren, als sie es ohnehin schon tat?

„Und wo zum Teufel ist Liliana eigentlich? Was ist denn bitte wichtiger, als herauszufinden, wohin meine Mutter verschleppt wurde?“

Lilianas Anspannung war weniger ... hitzig ... gewesen, als sie sich von ihnen getrennte hatte, aber nicht minder greifbar. Es war das erste Mal gewesen, dass Nissa die Nekromagierin in einer anderen Verfassung als unerschütterlicher Ruhe gesehen hatte, und sie vermutete, dass das, was Liliana tat, tatsächlich sehr wichtig war.

Chandra blieb abrupt stehen, stampfte mit dem Fuß auf, woraufhin ein kleines Flämmchen auf dem Kopfsteinpflaster verpuffte, und sagte: „Und wohin gehen wir überhaupt?“

„Wir müssen den Fluss überqueren“, sagte Frau Pashiri.

Chandra legte die Stirn in Falten. „Was ist denn am anderen Ufer? Die alten Kraftwerke?“

„Ja. Und das am schlechtesten gehütete Geheimnis in Ghirapur.“ Sie senkte die Stimme. „Gonti.“

„Was sind denn Gonti?“, fragte Chandra.

„Gonti ist ein anderer Äthergeborener. Ich glaube, er hat sein Vermögen durch Schmuggelgeschäfte gemacht – ich hatte früher ein paarmal mit ihm zu tun. Gontis Nachtmarkt ist eine Art Sammelpunkt für Ätherschmuggel und Renegaten-Erfinder.“

Chandra raufte sich die Haare und fachte damit weitere Flammenzungen an, die ihr über Kopf und Hände leckten, ehe sie verrauchten. „Und warum gehen wir dahin? Wo ist meine Mutter?“

„Es tut mir leid, Liebes. Ich folge der besten Spur, die wir haben. Wie ich hörte, liegt der Dhund in den Tunneln unter dem Nachtmarkt.“
__________

Chandra wirkte, als bereite es ihr körperliche Schmerzen, auf ihrem Platz sitzen zu bleiben, als eine kleine Barke sie über den Fluss trug, die von einem jungen Mann gelenkt wurde, der Gleichgültigkeit vortäuschte, während sein Gesicht reges Interesse an jedem von Chandras Worten verriet. Sie führte die aufgestaute Energie in sich ab, indem sie wütend mit dem Fuß wippte. Ihre Hände waren ständig in Bewegung, und sie sah aus, als kaute sie auf ihrer Zunge herum, um zu vermeiden, etwas zu sagen, was sie in Schwierigkeiten hätte bringen können.

Doch in jenen wenigen Minuten abseits der Lichter und des Lärms und der Bewohner der Stadt blickte Nissa zu den Sternen und dem wirbelnden, wabernden Blau der Äthersphäre auf und verspürte Ruhe ... nur von der drängenden Sorge gestört, dass Chandra in ihrer Ungeduld und ihrer Wut ihr kleines Boot in Brand stecken könnte. Die stärkste Ätherströmung am Himmel spiegelte den Kurs des Bootes beinahe perfekt wider und Nissa konnte die Eintracht zwischen ihnen spüren – ganz so, als wären Äther und Wasser Gefährten auf einer gemeinsamen Reise.

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Dann dachte sie an Ashaya – ihre Elementargefährtin und ein Splitter der Weltenseele Zendikars – und fragte sich nicht zum ersten Mal, weshalb sie einverstanden gewesen war, von ihrer Heimatwelt Abschied zu nehmen und sich auf den Wahnsinn einzulassen, mit diesen Menschen diese Reise anzutreten. Sicher, sie hatten gemeinsam große Dinge vollbracht, und sie fand, dass sie sehr gut zusammen kämpften. Jeder von ihnen ergänzte die Gruppe um einzigartige Fähigkeiten und half dabei, die Schwächen der jeweils anderen auszugleichen. Es gefiel ihr, ein Teil von etwas zu sein, was größer und besser war als sie selbst. In gewisser Weise war es, als wäre man mit der Seele einer Welt verbunden, zu einem höheren Zweck vereint.

Doch in dem rasenden Kampf gegen die Eldrazi hatte sie wenig Gelegenheit gefunden, die gefühlsmäßigen Beziehungen unter den anderen zu begreifen. Und diese Beziehungen waren zweifellos ... kompliziert. Es war mühsam, ihren eigenen Platz in diesem Geflecht aus Gefühlen zu finden. Alles war so anders als die einfache, wortlose Zwiesprache, die sie mit Ashaya geteilt hatte – so mühelos wie eine Berührung.

Wenn sie Ashaya berührte, floss Energie ... Mana ... nein, Leben zwischen ihnen und vereinte sie – es verflocht Nissa mit der natürlichen Essenz Zendikars. Am nächsten war sie daran durch Jaces wortlose Form der Verständigung gekommen, durch die Unmittelbarkeit seiner Gedanken in ihrem Bewusstsein. In der Hitze des Kampfes an der Seite der anderen Planeswalker, wenn Jace ihre Verständigung erleichterte, konnte sie den Manafluss um sie herum kontrollieren. Sie konnte sich in diesem Fluss verlieren und ganz Teil ihrer gemeinsamen Anstrengungen werden. Chandra und sie hatten in diesen Augenblicken ein mächtiges Band geteilt und sich gemeinsam dem Fluss der Magie durch die Welten geöffnet.

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Von Angesicht zu Angesicht jedoch – ob nun mit Chandra oder einem der anderen – war es um so vieles schwerer. Die Menschen erwarteten, ihre täglichen Begegnungen auf einer oberflächlichen Ebene abzuhandeln. Genau wie Jace seine Gedankenmagie nicht für seine alltäglichen Unterhaltungen einsetzte, konnte sie nicht erwarten, die gleiche tiefe Verbundenheit bei einem Frühstück in seinem Refugium aufzubauen. Und wenn Chandra so gereizt und verärgert war, dann fürchtete Nissa, dass es sein würde, als öffnete sich eine Schleuse, um ein Flammenmeer zu entfesseln, wenn sie sich der Pyromagierin öffnete.

Sie seufzte und ließ sich von dem Fluss um sich herum treiben, umfangen vom Äther über und dem Wasser unter ihr. Sie spürte das schlagende Herz Kaladeshs, und alles andere war nicht mehr wichtig.
__________

Nissa versuchte, an dieser Verbindung festzuhalten, als Oviya sie in das Gewühl auf Gontis Nachtmarkt führte, doch jeder Schritt vorbei an Erfindern, die ihre neuesten Entdeckungen anpriesen, und an Schmugglern, die ihre illegalen Äthervorräte zu Sonderpreisen verscherbelten, entriss sie ihr ein Stückchen mehr. Der Lärm drückte ihr auf die Ohren, der Geruch dicht gedrängter Körper drang auf ihre Nase ein und Chandra war ein Schmelzofen aus Gefühlen, der seine eigene kleine Blase aus starker Hitze inmitten der Menschenmassen schuf.

Während Frau Pashiri mit noch einem ihrer Kontakte – einem mürrischen Zwerg, dem ein verdächtig nach einem Biss aussehendes Stück Ohr fehlte – darüber sprach, wie sie wohl Zugang zum Dhund erhalten könnte, streckte Nissa zögernd eine Hand nach Chandras Schulter aus. Sie wollte ... Sie war sich nicht sicher. Sie wollte sie irgendwie trösten. Sie wollte einen Teil ihrer Angst auf sich nehmen und – wenn sie denn nur konnte – jene Last mitschultern, die Chandra solche Mühe hatte zu tragen. Doch Hitze strahlte von Chandras Metallrüstung ab und Nissa zog die Hand zurück, wobei sie sich vorstellte, wie die Schleusentore die Feuersbrunst zurückhielten.

„Chandra“, sagte sie stattdessen. „Auf Ravnica hast du mich gefragt ... Du wolltest, dass ich dir helfe ... Du suchtest nach Ruhe.“

Chandra fuhr mit funkelnden Augen zu ihr herum. „Ich will mich nicht beruhigen“, sagte sie mit verkniffenem Gesicht und rauer Kehle. „Ich will meine Mutter finden.“ Ihr Blick glitt eine Weile über Nissas Gesicht – wonach suchte sie bloß? –, ehe sie sich abwandte. „Du verstehst das einfach nicht“, murmelte sie.

Ich schätze, das tue ich wirklich nicht, dachte Nissa. Sie schloss die Augen und versuchte, den Lärm und den Gestank und all die Farben auszublenden, während sie tief Luft holte.

Interessant, dachte sie. Äther hinterließ verschlungene Spuren in ihrem Bewusstsein, von verirrten Windböen verweht und von Lüftungssystemen mitgetragen. Ich frage mich ...

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„Nichts“, sagte Frau Pashiri, als der Zwerg in die Dunkelheit einer Gasse eintauchte. „Jeder vermutet, dass der Dhund irgendwo hier ist. Aber entweder weiß niemand, wie man in ihn hineingelangt, oder sie wollen es mir nicht verraten. Könnte ich doch nur ...“ Ihre Stimme verklang, während sie die Menge musterte.

Nissas Lider hoben sich flatternd. „Ich weiß es“, sagte sie.

Frau Pashiris Augen weiteten sich überrascht, aber Chandra setzte eine düstere Miene auf. „Warum hast du denn nichts gesagt? Verdammt, Nissa! Vielleicht wird sie da unten gefoltert. Oder vielleicht ist sie schon tot.“

„Ich weiß.“ Das tat sie: Sie konnte Chandras Furcht und Sorge beinahe so stark spüren, wie sie einst Zendikar gegen die brutale Anwesenheit der Eldrazi hatte ankämpfen spüren. „Ich verberge nichts vor dir. Ich habe es nur gerade erst herausgefunden. Es hat etwas damit zu tun, wie der Äther durch die Stadt strömt. Wenn ich mich konzentrieren kann ...“

„Ist mir egal“, blaffte Chandra. „Bring uns einfach nur dorthin!“

„Wenn ich mich konzentrieren kann“, wiederholte Nissa, „kann ich uns vielleicht hinführen. Vielleicht finde ich mich sogar in den Tunneln zurecht.“

Chandra packte sie an den Schultern und schüttelte sie beinahe – die Hitze ihrer Gereiztheit, die gegen das Schleusentor drängte, war noch beängstigender. „Na dann konzentriere dich!“

„Chandra, Liebes“, sagte Frau Pashiri und legte sanft eine Hand auf Chandras Rücken. „Ich glaube, deine Freundin braucht ein wenig Raum.“

Nissa blinzelte. Deine Freundin? Ich bin nicht ...

Ashaya war ihre Freundin gewesen. Zu Ashaya hatte sie nur die Hand auszustrecken brauchen, um eine Verbindung herzustellen. Vollkommen beiläufig und vollkommen natürlich. Mühelos. Mit Chandra – oder Gideon oder Jace – war nichts mühelos. Nicht einmal eine einfache Berührung wie die eben von Frau Pashiri.

Chandra nahm die Hände weg und trat einen halben Schritt zurück. „Oh, Verzeihung.“ Sie starrte Nissa erwartungsvoll an.

Nissa hielt ihrem Blick stand, und plötzlich brannte sich Chandras gesamter Verdruss und Ärger in sie hinein. Ihr kamen die Tränen, und sie schaute weg. „Ich werde es versuchen.“ Sie drehte sich um, kniff die Augen zu und schob ihre Gefühle beiseite, während sie die Finger an die Schläfen legte.

Die Welt breitete sich plötzlich vor ihr aus, wie eine Karte, die auf einem Tisch entrollt wurde. Äther strömte durch die Welt wie ein riesiges Netz aus Flüssen. Hier schwebte er durch den Himmel, dort tropfte er herab, um die Erde zu küssen, manchmal dem Weg der Ströme folgend und manchmal sich durch die Straßen der Stadt windend. Raffinierter Äther, der einen anderen Geschmack auf ihrer Zunge weckte, floss durch Rohre über und unter den Straßen. Kleine Knoten konzentrierten Äthers formten sich an unterirdischen Orten, wo er nicht so ungehindert dahinströmen konnte.

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Durch ein Tunnelsystem jedoch konnte Äther sich durchaus voranbewegen. Nicht stolz wie die Ströme, die hoch droben in der Äthersphäre glitzerten, sondern eher als verirrte Wölkchen und kleine Bäche. Nissa hatte es unter ihren Füßen gespürt: ein feines Kribbeln im Vergleich zu dem Rauschen über ihr und um sie herum. Als sie sich auf diesen Teil des Flusses konzentrierte, begann sie, nach den Punkten zu suchen, an denen Äther in die Gänge hinein- und herausströmte.

„Hier entlang“, sagte sie schließlich und deutete nach links.

Frau Pashiri legte den Kopf schräg. „Woher weißt du ...“

Doch Chandra bewegte sich bereits in die Richtung, in die Nissa deutete. „Zeig es mir“, sagte sie. „Wo entlang?“

Nissa eilte ihr nach und steuerte auf ein kleines Gebäude zu, das an der Wand des höhlenartigen Raumes errichtet worden war, der diesen Teil des Marktes beherbergte. Mit einem Blick über die Schulter versicherte sie sich, dass Frau Pashiri noch hinter ihnen war, und sie bahnten sich einen Weg durch die Menge, bis sie eine Stahltür erreichten.

Chandra drückte die Klinke. „Abgeschlossen“, sagte sie.

Frau Pashiri fing an, in den tiefen Falten ihrer Kleidung zu wühlen. „Ich suche eben rasch mein Werkzeug ...“

Ein Stoß aus weißleuchtendem Feuer sprang von Chandras Hand und umfing die Klinke und vermutlich auch den Schließmechanismus der Tür. Nissa musste die Augen vor dem hellen Blitz schließen und spürte die gewaltige Hitze im Gesicht.

„Du erregst Aufmerksamkeit“, murmelte Frau Pashiri.

Chandra trat gegen die Tür und sie schwang auf. „Sollen sie nur kommen“, knurrte sie.

Als nähme er ihre Einladung an, schlenderte ein Berg von einem Mann zu ihnen herüber, gefolgt von einer noch wuchtigeren Ansammlung aus Metallplatten, Drahtwerk und Zahnrädern. Der Mann schob Chandra beiseite und postierte sich zwischen ihr und der halb geschmolzenen Tür. Entweder hatte er Chandras Feuerstoß nicht gesehen oder er war nicht klug genug, sich davor zu fürchten – Nissa vermutete Letzteres. Oder vielleicht ließ ihn auch sein Pflichtgefühl die eigene Sicherheit vergessen.

„He da“, sagte er. „Wohin meinen Sie, dass Sie da gehen?“

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Chandras Haar und ihre beiden Fäuste entflammten, als sie den ernsten Blick des Mannes erwiderte. „In den Dhund“, sagte sie. „Geht es da entlang?“

Nissa sah einen Raum hinter der Tür – vollgestellt, aber ungenutzt – und eine Treppe, die nach unten führte. Sie konnte das Kribbeln des Äthers, der aus den Tunneln aufstieg, beinahe schmecken.

„Das ist Privatbesitz“, sagte der Mann scheinbar unbeeindruckt von Chandras feuriger Zurschaustellung. Er hatte zwar Gideons Körperbau, aber nichts von dessen Ausstrahlung oder Humor. Er erinnerte Nissa mehr an die Oger Murasas, und erneut spürte sie ein schmerzliches Sehnen nach ihrem geliebten Zendikar.

„Warum sprechen wir nicht irgendwo anders darüber?“, fragte Frau Pashiri milde, während sie den Mann am Arm nahm und ihn in das kleine Gebäude hineinbugsierte.

Eindeutig fehlte ihm auch Gideons Klugheit – oder Frau Pashiris freundliches Gesicht hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Als er den Kopf senkte, um unter der Tür durchzupassen, trat Chandra ihm wohlgezielt in den Rücken und schickte ihn zu Boden. Er schlug hart mit dem Kopf auf und hob ihn auch nicht mehr an. Während Chandra Nissas Hand nahm und sie hineinzog, versuchte der Automat, seinem Herrn zu Hilfe zu kommen. Er war viel zu groß für die Tür, weswegen er sich vorbeugte und die Arme hineinstreckte. Chandra und Frau Pashiri in Richtung der Treppe winkend griff Nissa auf die Magie zu, die durch den Boden unter der Kreatur floss. Ranken brachen durch den Zement und schlangen sich um die Beine der Maschine, während andere vor Nissa nach oben sprossen und dem Apparat die wild umherwedelnden Arme fesselten. Äther zischte aus einem Dutzend winziger Düsen, als die Ranken begannen, den Automaten auseinanderzunehmen.

Nissa folgte den anderen die Treppe hinunter tief unter die Erde und fand sich in der Mitte eines langen Tunnels wieder.

Chandra warf sich der Elfe um den Hals. „Du hast es geschafft!“

Chandras noch immer heiße Rüstung bohrte sich in Nissas Brust, und eine Haarsträhne der Pyromagierin, die noch immer nach Rauch roch, kitzelte ihr die Nase. Und noch eine andere Hitze, das tosende Feuer Chandras grenzenloser Energie, drang auf Nissa ein – der leiseste Hauch einer echten Verbindung. Dann löste sich Chandra von ihr und drehte sich hin und her, um in beide Richtungen des Tunnels zu spähen.

„Wo entlang?“, fragte sie erneut.

„Ich ... habe keine Ahnung“, gestand Nissa.

„Was meinst du? Du hast uns doch schon bis hierher geführt!“

„Wir haben nach den Tunneln unter dem Nachtmarkt gesucht. Ich habe sie gefunden, indem ich dem Ätherfluss unter unseren Füßen gefolgt bin. Hier unten deine Mutter zu finden, ist aber eine vollkommen andere Sache.“

„Folgt mir“, sagte Frau Pashiri und ging nach rechts. „Und schnell! Dieser Automat wird nicht unbemerkt bleiben.“

„Und dann wird er ausgeschlachtet, wie ich den Nachtmarkt so kenne“, sagte Chandra und schenkte Nissa ein schiefes Grinsen.
__________

Erneut schwirrte Nissa der Kopf. Chandras hektischer Bewegungsdrang, angetrieben durch den verzweifelten Wunsch, ihre Mutter zu finden, brachte Nissa völlig außer Atem. Jedes Mal, wenn Frau Pashiri anhielt, um eine Abzweigung zu begutachten, tigerte Chandra auf und ab, während ihre Hände Flammenstöße abgaben, weil sie immerzu die Fäuste ballte. Nissa fragte sich, ob sie sie in ein nutzloses Netzwerk aus Versorgungstunneln für das alte Kraftwerk geführt hatte, denn bislang deutete nichts auf ein Geheimgefängnis hin. Menschen, die wie zwielichtige Renegaten des Nachtmarktes aussahen, hielten sehr beiläufig Wache an einigen der Durchgänge. Sie waren leicht dadurch abzulenken, dass Frau Pashiri ein kleines biotronisches Tier oder einen Servo durch die Tunnel huschen ließ.

„Das kann nicht der richtige Ort sein“, sagte sie. „Es ist zu einfach. Sie sind zu nachlässig für eine hochgerüstete Geheimpolizei.“

Chandra lachte. „Unterschätze nie die menschliche Dummheit.“

„Sie sind auf der Hut“, fügte Frau Pashiri hinzu. „Ihre Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Daher jagen sie jedem kleinen Geräusch in der Dunkelheit nach.“

Beide Erklärungen klangen plausibel, aber Nissa war nicht überzeugt. Sie schloss einen Moment die Augen und holte tief Luft, um zu versuchen, jene Ruhe wiederzufinden, die sie auf dem Fluss gespürt hatte.

Chandra riss sie durch ein Zerren an ihrem Arm wieder zurück ins Hier und Jetzt. „Keine Zeit zum Meditieren“, sagte sie.

Nissa blickte düster drein. „Vielleicht solltest du auch einmal tief durchatmen“, sagte sie so sanft, wie sie nur konnte.

„Vielleicht später.“

„Nur ein Atemzug. Öffne dich dem Fluss der Energien durch die Welt. Spüre ihre Weite.“

„Ich sagte: ‚Später!‘“ Chandra stapfte den Gang hinunter.

Nissa eilte ihr nach, gefolgt von Frau Pashiri.

„Du bist so verschlossen, Chandra. Es ist, als hättest du dich um all deinen Schmerz und all deine Angst zusammengerollt und würdest sie dir fest gegen die Brust pressen.“

Chandras Schmerz und Wut brachen erneut als Flammen hervor. „Natürlich bin ich das!“, rief sie. „Ich kann mich nicht entspannen. Ich kann mich nicht beruhigen. Nicht, solange sie meine Mutter haben!“

„Aber es wird dir besser gelingen, sie zu finden –“

Chandra fuhr zu ihr herum und Feuer loderte gefährlich nahe an Nissas Gesicht. „Sie ist meine Mutter! Zwölf Jahre lang habe ich sie für tot gehalten! Verstehst du das nicht? Hast du überhaupt eine Mutter?“

Nissa blieb unvermittelt stehen. Etwas hatte nach ihrer Brust gegriffen und drückte nun zu, sodass ihr sämtliche Luft aus den Lungen entwich.

Chandras plötzlicher Zorn verebbte, als sie sich der Wirkung ihrer Worte bewusst wurde. „Es tut mir leid ...“

„Hast du je Bala Ged gesehen“, fragte Nissa, „als du auf Zendikar warst?“

Chandra schüttelte den Kopf und blinzelte.

„Das war die Heimat der Joraga, meines Volkes. Und als Ulamog aus seinem Kerker ... entkam, war es der erste Ort, der zerstört wurde.“ Sie schluckte. „Staub.“

„Also sind ... deine Eltern ...?“

„Sie sind nicht fort ... Das lehren uns die Ältesten. Die Geister der Generationen, die uns vorangingen, leben unter uns. Ich schätze, sie helfen denen, die den Wiederaufbau wagen wollen ...“ Nissas Stimme versagte. Das letzte Mal, dass sie ihre Mutter gesehen hatte, war lange vor dem Erwachen Ulamogs gewesen. Sie wusste, dass einige der Joraga überlebt hatten. Doch sie hatte nie versucht, ihre Mutter zu finden.

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, zog Chandra sie in eine weitere Umarmung und quetschte ihr die Arme an der Seite fest. Sonderbarerweise schien der Druck auf ihrer Brust nachzulassen.
__________

Frau Pashiri stand an einer Wegkreuzung zweier völlig gleich aussehender Tunnel irgendwo tief in dem Labyrinth unter Gontis Nachtmarkt.

„Ich weiß, dass es nicht hier entlang geht“, sagte sie und deutete nach rechts. „Und es ist auch nicht der Weg, auf dem wir gekommen sind.“ Sie deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Aber es könnte jeder der anderen beiden sein.“

„Wonach suchen wir denn überhaupt?“, fragte Chandra. „Führt irgendeiner dieser Tunnel irgendwohin?“

„Wenn nicht“, sagte Frau Pashiri, „gäbe es kaum einen Grund, sie zu bewachen. Ich habe herauszufinden versucht, wohin sie führen, indem ich mir gemerkt habe, welche Tunnel wichtig genug sind, um bewacht zu werden. Aber ich glaube, wir laufen einfach nur im Kreis herum am Rand der Anlage entlang. Ich finde keinen Weg in die Mitte.“

Chandra schickte einen Feuerstoß in den Tunnel zur Rechten und schrie: „Nein!“ Das Fauchen der Flammen und ihrer Stimme hallte durch die engen Gänge. „Du hast uns im Kreis geführt, während sie meine Mutter haben?“ Sie wirbelte herum und packte erneut Nissas Schultern. „Nissa! Mach dein Ding. Erspüre den Ätherfluss oder was auch immer. Finde es heraus!“

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„Ich werde es versuchen“, sagte Nissa und keuchte unter der Hitze von Chandras Händen. „Es ist ... anders ... von hier unten.“

Chandra trat zurück, um ihr Freiraum zu lassen.

Nissa stand in der Mitte der Kreuzung und versuchte, zu lauschen, zu spüren und sich selbst zu öffnen – für den Hauch der Luft, die sich um sie herum bewegte, für die Erde über und unter sich, für den Fluss des Äthers, für die Leylinien, für die Magie, die alles durchdrang. Doch kein Windhauch regte sich, die nächsten Ätherknoten hingen reglos in der Luft und die Erde weigerte sich, ihre Geheimnisse preiszugeben.

„Rohre“, platzte es aus Chandra heraus. „Sie brauchen raffinierten Äther in ihrem kleinen Geheimversteck oder Gefängnis oder was auch immer da unten ist. Gibt es Rohre?“

„Ja“, sagte Nissa und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das Gefühl raffinierten Äthers – ein konzentrierter Strom gleich über den Tunneln. „Hier entlang“, sagte sie und deutete in Richtung des Stroms – in den Tunnel zur Linken.

Chandra machte sich in den Tunnel auf. Nissa und Frau Pashiri hatten Mühe, ihr zu folgen, bis sie sie schließlich an der nächsten Kreuzung einholten ... Warte mal.

„Chandra! Zurück!“, rief Nissa. Das Rohr hatte die Richtung geändert und war plötzlich nach rechts abgeknickt, doch es gab keinen Tunnel darunter hinweg. Nur blanke Steinwände.

„Ja“, sagte sie laut. Die Wände der Tunnel waren aus Stein, aber mit den verschlungenen Kurven und Wirbeln verziert, wie sie sämtliche Architektur aufwies, die sie in der Stadt gesehen hatte. Säulen – vermutlich nur zur Zierde und nicht tragend – ragten entlang des Tunnels in regelmäßigen Abständen aus den Wänden wie Reliefs hervor. Aus jeder rankte sich geschwungenes Drahtwerk und verband sie so alle miteinander, um über dem blanken Stein dekorative Bögen zu bilden.

War es Zufall, dass das Rohr ausgerechnet über einem dieser Bögen zur Seite hin abknickte?

„Was?“, fragte Chandra. Sie war zu Nissa und Frau Pashiri zurückgekehrt und trommelte gleichzeitig mit den Fingern und wippte mit den Füßen. Das erzeugte tatsächlich einen recht interessanten Rhythmus, wie Nissa bemerkte – ob Chandra dies nun beabsichtigte oder nicht.

„Könnte sich hier eine Geheimtür befinden?“, fragte Nissa und deutete auf die Wand.

Chandra trat an sie heran und drückte die Handflächen dagegen ... und stolperte nach vorn, um durch den Stein zu verschwinden, als wäre er Wasser. Oder eine Illusion.

Sie streckte den Kopf wieder heraus, was den Anschein erweckte, als wäre an dieser Stelle eine Jagdtrophäe an die Wand gehängt worden.

„Keine Geheimtür“, sagte sie. „Aber auch keine Wand. Kommt schon!“
__________

Das Netzwerk aus Tunneln hatte sich vollkommen verändert. Statt scheinbar verlassener Zugangstunnel bewegten sie sich nun durch saubere, gut gewartete und hell erleuchtete Gänge, die offenbar neueren Ursprungs waren. An den Seiten befanden sich Türen. Die meisten davon standen offen und gaben den Blick auf Räume frei, die wie die Arbeitszimmer von Bürokraten aussahen – auf unheimliche Weise erinnerten sie sie an Jaces Arbeitszimmer voller Papiere auf Ravnica.

Aber wer arbeitete in solchen Räumen hier unten?, fragte sich Nissa.

Es stand außer Frage, dass sie nun auf dem richtigen Weg waren, und Nissa rechnete damit, jeden Augenblick auf ein Gefängnis voller grimmiger Wärter zu stoßen. Doch es gab kein Zurück. Sie führte sie über jede Kreuzung und folgte dem Weg der Ätherrohre. Bald erreichten sie eine Gabelung, an der ein Rohr aus der Decke kam, sich grazil die Seitenwand des Gangs hinunterwand und in der Tiefe unter ihnen verschwand.

„Es muss ganz in der Nähe sein“, sagte Nissa. „Andere Rohre laufen hier ebenfalls zusammen ... Überall um uns herum, um genau zu sein.“

„Ähm, Nissa?“, machte Chandra.

Nissa schaute auf und erblickte gepanzerte Gestalten, die sich ihnen von allen Seiten näherten. Das blaue Leuchten der Ätherrohre spiegelte sich auf ihrer metallenen Rüstung und ihren gezückten Klingen.

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Eine der Gestalten streckte die Hand aus und zog sich eine Maske aus Filigran vom Gesicht. Nissa sah zuerst seine glühenden blauen Augen, wie Fenster in eine lichterfüllte Ewigkeit. Sie waren von vernarbter Haut umgeben, die beinahe so blau wie diese seltsam leuchtenden Augen wirkte.

Chandras Gefühle brachen sich in einer lodernden Feuersbrunst Bahn, die im Tunnel auf den vernarbten Mann zuraste und eine recht gute Vorstellung davon vermittelte, wie er sich diese Narben wohl zugezogen haben mochte. Doch das Feuer verschwand, als es ihn erreichte, und Nissa sah, wie die letzten Flammenzungen in die Hand des Mannes gesogen wurden – wahrscheinlich durch ein ätherbetriebenes Gerät an seinem Arm.

„Nicht dieses Mal, Pyromagierin“, sagte er. Er fasste an die Wand und machte irgendetwas – und gerade, als Chandra auf ihn zustürmen wollte, prallte sie gegen eine Wand, die vor ihr aus dem Boden schoss.

Wir sitzen in der Falle! Nissa hörte ihr eigenes Herz schlagen.

Ähnliche Wände umgaben sie nun von allen Seiten und bildeten eine winzige Kammer, die fest abgeschlossen schien. Auf einer Seite befand sich etwas, was wie eine Tür aussah, einschließlich einer dicken Glasplatte, die – natürlich – in reich verziertes Drahtgeflecht eingefasst war.

Selbst der Tod besitzt hier große Anmut. Der sonderbare Gedanke huschte durch Nissas Verstand.

Chandra hämmerte mit der Faust gegen die Tür und erzeugte einen gelbroten Flammenstoß, der augenblicklich zu blauen Funken verwandelt wurde, die harmlos davonhuschten. Sie presste das Gesicht gegen die Scheibe und rief: „Baral!“

Das ist also Baral, dachte Nissa.

Sie machte überrascht einen Schritt nach hinten, als das Gesicht des Mannes auf der anderen Seite des Fensters erschien. Nissa konnte seine Narben nun besser erkennen. Eine Hälfte seiner Nase, eine Wange und seine Stirn waren von jenem charakteristischen Narbengewebe überzogen, das auf schwere Brandwunden hindeutete. Verachtung breitete sich auf seinem Gesicht aus und verzerrte seinen Mund.

„Pyromagierin.“ Er spie das Wort aus, das durch das dicke Glas kaum zu hören war. „Baan sagte, dass du zurück bist. Ich wollte es nicht glauben. Ich weiß nicht, wie du mir letztes Mal entwischt bist oder wo du dich all die Jahre verkrochen hast, aber das wird nicht noch einmal vorkommen.“

Chandra warf sich erneut gegen die Tür und hämmerte mit beiden flammenumhüllten Fäusten gegen die Tür, erzeugte damit aber nur weitere blaue Funken. Irgendeine Art Gegenzauber, dachte Nissa. „Ich bringe dich um!“, schrie Chandra. „Du Bastard!“

Baral zeigte keine Regung ob ihres Ausbruchs. „Du bist erbärmlich, kleine Nalaar. Eine widerliche Laune der Natur.“

Nissa bezweifelte, dass Baral es merkte, doch sie konnte sehen, wie sehr seine Worte Chandra kränkten und irgendeinen wunden Punkt in ihrer Vergangenheit trafen. Sie trat näher, um Chandra Beistand zu leisten, und erwiderte Barals Funkeln.

„Ich habe dir doch schon als kleines Kind in den Hintern getreten!“, schrie Chandra. „Warte nur, bis du siehst, wozu ich jetzt fähig bin!“

„Brenne nur, so viel du willst. Du stirbst nur umso schneller, sobald du alle Luft verbrannt hast. Und deine Freunde auch.“

Chandra warf einen gehetzten, hilflosen Blick über die Schulter zu Nissa. Ihr Schmerz und ihre Wut waren derart wild, so heiß, dass ein Teil von Nissa zurückweichen wollte, doch sie streckte die Hand aus und legte sie auf Chandras Rücken – genau wie Frau Pashiri es getan hatte.

Eine Verbindung baute sich zwischen ihnen auf und Nissa spürte, wie Chandras Feuer tief in ihrer Seele loderte. Sie zog die Hand weg und machte einen Schritt zurück.

„Ob nun schnell oder langsam“, fuhr Baral fort, „du wirst hier sterben. Ich habe lange hierauf gewartet, Pyromagierin.“ Er wandte sich ab, schob seine Maske zurück an ihren Platz und machte ein paar Schritte zurück in den Gang, aus dem er gekommen war.

„Warte!“, rief Chandra. „Meine Mutter. Lass sie gehen. Dein Groll gilt mir. Nissa, Frau Pashiri – sie kannst du auch gehen lassen. Töte mich – nur mich.“

Baral drehte sich nicht um und seine Stimme war kaum zu hören. „Nein.“

Chandra brüllte, doch alle Worte waren aus ihrem Geist getilgt, und eine Woge aus Feuer erhob sich aus ihrem Leib und schlug gegen die Tür. Wie das Meer, das sich am großen Damm von Seetor brach, erzeugte sie eine brausende Gischt aus blauen Funken, ehe sie zurück in Chandras Richtung brandete.

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Nissa duckte sich und warf ihren Umhang über Frau Pashiri, während sie versuchte, die ältere Frau so gut es ging mit ihrem Körper zu schützen. Die Hitze prallte ihr gegen den Rücken und schleuderte sie zu Boden. Einen Wimpernschlag später war es vorbei. Sie rollte sich auf den Rücken, um etwaige Flammen auf ihrem Umhang zu ersticken, und setzte sich dann auf.

Frau Pashiri schien unverletzt. Chandra kniete mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern am Boden. All ihr Feuer war verloschen.

Ich bin am Zug, dachte Nissa.

Sie ging an Chandra vorbei und legte die Hand auf die Tür. Luftdicht – das konnte sie sofort spüren. Und die Magie, die Chandras Zauber neutralisierte, war nicht nur auf Feuer ausgelegt. Vielmehr handelte es sich um eine pervertierte Abart eines Gegenzaubers, die in die Tür eingearbeitet war.

Dann also nicht die Tür.

Sie ließ sich auf ein Knie sinken und berührte den Boden, sandte ihre Sinne aus und suchte nach Wurzeln und Ranken, die den Boden durchbrechen konnten. Mit genügend Zeit konnte selbst der kleinste Schössling Zement durchdringen – und mithilfe ihrer führenden Hand würde eine Pflanze diese Tür beinahe sofort aus den Angeln heben können.

„Was ist das für ein Geruch?“, fragte Frau Pashiri.

Chandra tippte ihr auf die Schulter. „Nissa, sieh nur.“

Nissa drehte sich um und folgte Chandras ausgestrecktem Finger zur Decke. Aus einer winzigen Öffnung – einer von vielen, die gleichmäßig über den Raum verteilt waren – drangen winzige Schwaden eines grünen Nebels in den Raum, der rasch nicht mehr zu sehen war, sobald er tiefer sank. Nun konnte sie es auch riechen: beißend und übel, ein vollkommen unnatürlicher, chemischer Gestank. „Gift“, sagte sie. „Er will wohl, dass wir schneller ersticken.“

Chandra ließ sich zurück auf den Boden sinken und zog die Knie an die Brust.

„Es ist schon gut“, sagte Nissa und kehrte auf ihre Position an der Tür zurück. „Ich hole uns hier raus ...“

Doch es gelang nicht. Der Boden war von derselben Dämpfungsmagie durchsetzt wie Tür und Wände. Sie konnte ihre Sinne, ihren Willen, ihren Ruf an die Erde nicht aussenden. Nichts Lebendiges wuchs in ihrer Reichweite.

Die Enge in ihrer Brust kehrte zurück. Es war schlimm genug, wie ein Tier in der Falle eines Jägers gefangen zu sein. Doch nur ein einziges Mal zuvor hatte sie sich derart allein gefühlt, so vollkommen abgeschnitten vom Leben und der Seele der Welt um sie herum: als der Dämon Ob Nixilis die Leylinien auf Zendikar unterbrochen und ihr Ashaya entrissen hatte.

Sie setzte sich hin und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, um nach Luft zu schnappen, während sie versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen.

„Das Atmen wird schwerer“, sagte Chandra leise.

Nissa blickte sie an. „Ich weiß nicht, was ich tun soll“, sagte sie.

„Jace hätte einen Plan.“ Chandra versuchte ein Lächeln, doch es erstarb ihr auf den Lippen.

„Dieser ... Baral? Er hat uns eine ganz schöne Falle gestellt. Unsere Zauber zu neutralisieren und auf uns zurückzuwerfen ...“

„Er hat seine Karriere darauf aufgebaut, Leute wie Chandra zu verfolgen“, sagte Frau Pashiri. „Es passt, dass er sein Versteck mit Fallen gespickt hat, um Vergeltungsmaßnahmen seiner Opfer vorzubeugen.“

„Gideon würde wahrscheinlich einfach die Tür einschlagen“, sagte Chandra. „Sie würde wahrscheinlich vor ihm Schaden nehmen.“

Nissa schüttelte den Kopf. „Ich bin völlig abgeschnitten, Chandra. Ich kann nicht einmal die Pflanzen in der Nähe erreichen. Ich kann kein Elementar herbeirufen. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Vielleicht taucht Liliana auf und rettet uns. Wie sie es auf Innistrad getan hat.“

Chandra stand die Verzweiflung so offen ins Gesicht geschrieben, dass Nissa sie in den Arm nehmen und an ihre Brust drücken wollte. Selbst wenn das bedeutete, vom Feuer ihres Aufruhrs umfangen zu werden. Selbst wenn es bedeutete, verbrennen zu müssen ...

Natürlich.

„Versuche etwas mit mir“, sagte sie, stand auf und streckte Nissa eine Hand hin.

Chandra nahm ihre Hand, und Nissas Blut wurde heiß. Anstatt die Schleusentore zu schließen, ließ sie das Feuer durch sich hindurchströmen. Sie spürte alles: den Zorn, die Verzweiflung, die aufgewühlten Gefühle, ihre Mutter zu finden und sie wieder zu verlieren ... und einen winzigen Funken Hoffnung. Und sie griff in sich hinein und fand etwas, was sie im Gegenzug anbieten konnte: einen Hauch tiefer Ruhe, eine Offenheit und den Geschmack der Seele dieser Welt. Chandras Augen weiteten sich.

„Lass mich dein Feuer anfachen“, sagte Nissa. „Vielleicht können wir gemeinsam Barals Gegenzauber überlasten.“

Chandras Miene hellte sich auf. „Einen Versuch ist es wert!“, sagte sie. „Diese Verbindung ...“

„Eine konzentrierte Flamme“, sagte Nissa. „Keine weitere große Flammenwelle. Das ist zu gefährlich. Klein, aber so heiß, wie es dir möglich ist, geradewegs auf die Kante der Tür. Vielleicht können wir die Angeln schmelzen.“

„Fangen wir an! Pump mich auf!“

Chandras Aufregung war so greifbar wie der Rest ihrer Gefühle. Nissa holte tief Luft und zog Mana aus der lebenden Erde um sich herum. Zumindest das gelang ihr. Sie konnte ihre Magie zwar nicht nach draußen richten, aber immerhin konnte sie die Magie in diesen Raum hineinziehen.

Ihre Lungen begannen zu brennen. Das Gift.. Sie hustete und lockerte ihren Griff um das Mana, das sie festhielt. „Los“, keuchte sie.

Chandra versuchte einen ähnlichen, erdenden Atemzug, begleitetet von dem unbeholfenen Versuch einer Haltung, die sie wahrscheinlich von den Mönchen auf Regatha gelernt hatte. Meine liebe Chandra, dachte Nissa. Konzentration liegt dir wirklich nicht.

Doch ein Gleißen wie ein Dolch erschien in Chandras Hand, klein und kontrolliert. Nissa begann, ihr Mana zu Chandra hin zu leiten, und die Klinge wurde heller und heißer, bis sie blendend weiß war. Grinsend richtete Chandra sie auf ihr Gefängnis und versuchte, sie in den Türrahmen zu drücken.

Blaue Funken flogen wie die eines Schweißers zu Chandra zurück, und sie sah aus, als spannte sie jeden Muskel an, um das Feuer am Lodern zu halten und es in die Türdichtung hineinzutreiben.

Einen Augenblick lang schien es, als hätte sie Erfolg. Chandras Arm bewegte sich nach vorn ... doch dann gleißte ein blauweißes Licht mit einem Knall wie von einer Peitsche auf und Chandra stolperte zurück in Nissas Arme, während die letzten Flammen in ihrer Hand davonstoben.

„Verdammt!“, rief sie. „Verdammt sollst du sein, Baral! Verdammtes Konsulat! Verdammtes Kaladesh! Warum zum Teufel bin ich nur hierher zurückgekehrt? Verdammt, verdammt, verdammt!“ Jedes Wort wurde von einem Faustschlag und einem Wirbel blauer Funken gegen die Tür begleitet.

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Sie drehte sich um und ließ sich zurück auf den Boden sinken. Die gesamte Wut in ihrem Gesicht zerfloss zu Traurigkeit.

„Wie konnte das alles nur so schiefgehen?“, klagte sie.

„Warum bist du hierhergekommen?“, fragte Nissa. „Was hast du gehofft, hier zu finden?“

„Schmerz. Ich weiß es nicht. Liliana meinte ... Ich weiß es nicht.“ Einen Augenblick lang kaute sie sich auf der Unterlippe herum. „Warum hast du dich denn den Wächtern angeschlossen, Nissa?“

„Was?“

„Du bist doch so eng mit Zendikar verbunden, oder? Warum bist du dann fortgegangen? Warum bist du mit uns Menschen mitgekommen und schlägst dich mit diesem ganzen Mist von uns herum?“

„Gemeinsam sind wir stärker“, sagte Nissa. „Wir können diese Stärke nutzen, um anderen Welten zu helfen, so wie wir Zendikar geholfen haben. Ich möchte keine andere Welt so leiden sehen wie Zendikar.“

„Gemeinsam stärker. Das ist es doch, was Liliana gesagt hat, oder? Nein, ich glaube nicht.“

„Was meinst du?“

Chandras Blick ruhte auf Frau Pashiri, die sich an die gegenüberliegende Wand gelehnt hatte und versuchte, ihre Kräfte zu schonen. „Wir sind Planeswalker, oder? Und das bedeutet, dass es leicht ist, sich einsam zu fühlen ... Abgeschnitten, wie du vorhin sagtest. Es wird immer dazu führen, dass wir unsere Familien zurücklassen. All diejenigen, die wir lieben. Ich habe meine Mutter und Frau Pashiri gefunden, aber ich glaube nicht, dass ich jemals für immer auf Kaladesh bleiben könnte. Wir sind Planeswalker – und die Wächter sorgen dafür, dass wir uns nicht mehr allein fühlen.“

Nissa blinzelte. „Dass wir ein Teil von etwas sind, was größer ist als wir selbst ...“

„Nein. Nur ein Teil von irgendetwas. Zusammen. Eine Familie zu haben, ganz gleich, auf welcher Welt wir uns befinden.“ Sie lächelte schwach. „Freunde zu haben.“

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Nissa versuchte, sich daran zu erinnern, wen sie zuletzt als Freund betrachtet hatte. Nicht Ashaya, die Seele Zendikars, sondern eine Person.

Mazik? Damals, bevor ich Zendikar überhaupt verlassen habe. Bevor –

Chandra war wieder auf den Beinen und ihr Gesicht war dicht vor ihrem. „Es geht nicht nur darum, das Multiversum zu retten. Es geht darum, einander zu retten. Einander zu helfen. So wie du hierhergekommen bist ... Meinetwegen. Um mir dabei zu helfen, meine Mutter zu finden.“

„So etwas war mir bislang fremd ...“

Chandra legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das bedeutet mir viel, Nissa, Danke.“

Noch während Nissa nach einer passenden Erwiderung suchte, ging Chandra an ihr vorbei und kniete sich neben Frau Pashiri.

„Wie geht es dir?“

„Es geht schon, Kindchen.“

„So sieht es aber nicht aus.“ Sie blickte mit vor Sorge gerunzelter Stirn zu Nissa auf. „Du solltest gehen.“

„Was?“

„Wir sind Planeswalker. Du solltest einfach weggehen.“

„Was wird aus dir?“

Chandra lächelte, als ihr Tränen in die Augen stiegen und sie den Kopf schüttelte. „Ich werde hier bei Frau Pashiri bleiben. Ich glaube, das würde Mutter gefallen.“

„Unsinn, Kindchen“, sagte Frau Pashiri. „Wenn ihr irgendeine Möglichkeit habt, hier zu verschwinden, dann solltet ihr beide gehen – selbst ohne mich.“

„Nein, ich kann dich hier nicht allein sterben lassen.“

Frau Pashiri nahm Chandras Hände. „Geh, Chandra. Geh. Ich habe ein langes, glückliches Leben geführt. Ich habe meinen Partner vor Jahren begraben. Ich bin bereit.“

Chandra schüttelte weiter den Kopf. Ohne Frau Pashiris Hand loszulassen, setzte sie sich neben sie.

„Chandra, du solltest deine Mutter finden“, sagte Nissa. „Sie retten. Ich werde hier bei Frau Pashiri bleiben.“

Chandra lächelte und schüttelte den Kopf. „Du bist eine gute Freundin, Nissa.“

Das ergibt alles keinen Sinn, dachte Nissa. Wir sind Planeswalker. Wir sind ein Teil der Wächter. Wir haben geschworen, das Multiversum zu beschützen – wir können so viel Gutes für so viele Menschen tun.

Doch ich will einfach nur hierbleiben.

Sie setzte sich neben Chandra und Frau Pashiri.

Bei meiner ... Freundin.

Veröffentlicht in Magic Story on September 28, 2016

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Mo 24. Okt 2016, 16:18

Frei


Zwölf Jahre, nachdem sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Eltern getötet worden waren, kehrte Chandra Nalaar nach Kaladesh zurück. Sie fand heraus, dass ihre Mutter überlebt hatte .... doch Pia Nalaar, die nun die Anführerin einer Widerstandsbewegung ist, wurde auf Befehl des Planeswalkers Tezzeret vom herrschenden Konsulat verhaftet. Chandra spürte ihre Mutter mithilfe von Nissa Revane und Frau Pashiri auf, aber alle drei gerieten in eine Falle des grausamen Baral.

Eingesperrt in eine magiesichere Kammer, die sich langsam mit Gift füllt, wäre der einzige Ausweg, zwischen den Welten zu wandeln. Doch Chandra will Frau Pashiri nicht zurücklassen ... und Nissa ebenso wenig Chandra.


An die Hände hatte er sich immer noch nicht gewöhnt. Deshalb wäre er auch fast vom letzten Dach gefallen.

Die mechanischen Finger, die Großmutter ihm gegeben hatte, waren stark und reagierten erstaunlich gut. Es war fast, als würde er Handschuhe tragen. Doch wie wenn man einen Handschuh trug, fühlte sich das Zugreifen anders an. Er musste sich bewusst daran erinnern, weniger Druck einzusetzen, wenn er ein Glas hielt, und mehr, wenn er in irgendwelchen Gassen über die Dächer sprang.

Nachdem der Luftzug seiner Bewegung sich gelegt und seine Füße ihn lautlos zu einem Halt an dem staubigen Backstein befördert hatten, spürte er, wie sich sein Körpergewicht ungünstig verlagerte. Die Kante entglitt ihm. Seine Finger – die echten – verkrampften sich in den Handschuhen, in denen sie steckten. Mit lautloser Effizienz spannten die mechanischen Finger sich an und gruben sich in das Mauerwerk. Er spürte, wie er das Gleichgewicht wiedererlangte, und schwang die Beine mit dem Geräusch von Kleidung, in die der Wind fuhr, über die Kante des Daches. Azurblauer Himmel und sich auftürmende Nachmittagswolken wirbelten durch sein Blickfeld.

Es hatte nur einen Atemzug gedauert.

Er hielt inne, lauschte und roch den Wind. Der Duft eines Dutzends aromatischer Gewürze, für die er vor fünf Monaten noch keinen Namen gekannt hatte, wallte von den Küchen unter ihm auf. Inzwischen kannte er sie als Kardamom, Kurkuma, Nelken, Kreuzkümmel und viele andere. Die meisten Leute hätten nur sie gewittert, so sehr überlagerten sie doch alles andere. Darunter jedoch nahm er sonnenwarme Steine und Messing wahr, den erdigen Geruch alten Öls und den Schweiß eines Dutzends Inspektoren des Konsulats.

Das hummelartige Surren der Flügel der Überwachungsthopter erklang über ihm. Mörtel rieselte aus den Löchern, die seine metallenen Finger hinterlassen hatten, und prasselte auf das Pflaster der Gasse.

Das Rascheln von Stoff. „Dieser Ort fällt auseinander.“ Eine Inspektorin – ihre Stimme hallte von den Mauern und dem Kopfsteinpflaster wider. „Die Konsuln sollten es abreißen und neu bauen.“

Eine andere Stimme, männlich: „Vielleicht tun sie das ja. Ich habe gehört, dass viele Gelder für die Stadtentwicklung in den neuen Gebäuden für die Messe gebunden waren ...“

Zufrieden, dass sie nichts Verdächtiges entdeckt hatten, begab er sich leise zur anderen Seite des Daches und musterte die Mauer unter ihm. Balkon, Balkon, Regenrinne, Markise ... Würde das sein Gewicht tragen? Vielleicht doch lieber die Straßenlaterne. Dann die Mauer und zu guter Letzt schließlich die Straße. Nach wenigen Wimpernschlägen befand er sich am Boden. Metallbeschlagene Finger zogen den geborgten Mantel enger.

Er betrachtete die glänzenden Messinghandschuhe. Unter den weiten Ärmeln des Mantels waren nur die Hände zu sehen, doch die Handschuhe reichten ihm bis zu den Ellenbogen. Sie waren von den Glanzband-Handwerkern angefertigt worden, einer Gruppe, die sich auf solche Körperanpassungen spezialisiert hatte. Großmutter hatte sie für ihn hergestellt. Hier würden sie niemandem weiter auffallen. Den Mantel hatte sie mit findigen Geräten, die sich drehten und tickten, selbst gemacht. „Der, den du da anhast, ist so gewöhnlich! Mit diesem hier stichst du noch mehr aus der Menge heraus, weißt du?“ Er hatte die Seidenstreifen für sie gehalten und Fragen zu Farben und Schnittmustern mit höflichem Desinteresse beantwortet.

Er ließ die Schultern sinken, beugte sich vor und glitt in die murmelnde Menge, lauschte und schenkte dem beißenden Gestank von Angstschweiß keine Beachtung.

„... was machen sie denn ...?“

„... schon eine ganze Weile da drinnen ...“

„... es heißt, die Renegaten haben Fallen aufgestellt ...“

„ ... Papa, wann können wir zurück ...?“

„... noch nie so viele gesehen ...“

Aus den Schatten seines Mantels heraus beobachtete er die Flugmuster der kreisenden Thopter und das unruhige Umherlaufen der Menschen und Vedalken in Uniformen der Konsulatsinspektion. Großmutters Gebäude war umzingelt.

Er schlüpfte in eine weitere Gasse und begab sich zurück auf die Dächer. Er lehnte sich gegen einen Verschlag voller Gartenwerkzeuge, um seine Erinnerung aufzufrischen. Der Goldene kam jeden zweiundzwanzigsten Atemzug an der Rückseite vorbei, der Gelbrote passierte das Gebäude in Richtung des Sonnenuntergangs jeden vierzigsten ... Die Düfte des Kräutergartens der Bewohner füllten ihm die Nasenlöcher.

Es war zu schaffen.

Er wartete und lauschte den Herzschlägen der Thopter, die über ihm ihre Kreise zogen.

Jetzt.

Er rollte sich ab, warf sich über das Dach und stieß sich ab.

Die Landung presste ihm die Luft aus den Lungen.

Nun rannte er und schlug einen Haken um ein Oberlicht und einen Schornstein.

Der pulsierende Schlag von Flügeln donnerte von der Ziegelwand zurück, die Echos stoben auseinander. Kaum noch Zeit.

Großmutters Gebäude war das höchste des ganzen Blocks. Er sprang nach oben, streckte die Metallhände über den Kopf, das helle Blau und Gold seines Mantels flatterte hinter ihm ...

Seine Messingfinger krallten sich in die Kante des Daches. Seine übergroßen Stiefel drückten sich weich gegen den Backstein.

Er keuchte – so laut! –, als er sich hinaufschwang.

Einige Herzschläge lag er da und atmete durch den Mund, zwang die Luft flach und still in sich hinein und aus sich hinaus und lauschte auf eine Veränderung in der Flugbahn der Thopter oder einen Ruf von der Straße.

Nichts.

Großmutter hatte eine Terrasse auf der anderen Seite des Gebäudes, mit Blick auf den hoch aufragenden Ätherturm des Konsulats. Sie hatte ihre eigenen Namen für dieses Bauwerk, von denen der schmeichelhafteste „Verschandelung“ und der bösartigste eine eskalierende Reihe schockierend spezifischer skatologischer Andeutungen war. Er schnüffelte über die Kante. Nur ihre Orchideen – nichts, was auf die unmittelbare Anwesenheit von Inspektoren hindeutete.

Er ließ sich lautlos zwischen die Pflanzen fallen und schlüpfte in ihre Wohnung. Verzeih mir mein Eindringen.

Er duckte sich und lauschte, als der Wind ihre verblichenen Leinenvorhänge um ihn herum raffte. Zwei Stimmen. Nein ... Drei. Eine mit hartem Befehlston. Alle den Flur hinunter in ihrem Schlafgemach. Die Wohnung war grob durchwühlt worden: Der Inhalt der alten Holzkommoden lag über den bunten Fliesenboden verstreut und die Sofakissen waren aufgeschlitzt.

Er bewegte sich lautlos über die Fliesen, sorgsam darauf bedacht, die Inhalte der Schubladen nicht zu berühren, und lauschte der Unterhaltung in dem anderen Raum.

Eine Frau mit tiefer und ernster Stimme: „Haben Sie diesen Schrank durchsucht?“

Ein junger Mann, mürrisch: „Selbstverständlich habe ich den Schrank durchsucht. Nichts.“

Die dritte Stimme, männlich und scharf: „Irgendetwas muss es doch geben. Irgendeinen Beweis. Sie stand über ein Jahrzehnt mit dem Herz der Bewegung in Kontakt. Sie konnte doch unmöglich all diese Geheimnisse im Kopf behalten. Warum geht ihr beide nicht – ich weiß nicht – den Salon durchsuchen?“

Schritte im Flur. „Hast du gehört, dass diese Rashmi es in die nächste Runde geschafft hat?“, fragte der junge Mann. Der metallische Geruch äthergeladener Luft wehte ihnen nach. Bewaffnet. Natürlich. Seine Stimme senkte sich zweifelnd: „Ein Vasenteleporter scheint mir jedoch wenig nützlich.“

„Du musst dir die Langzeitfolgen klarmachen“, sagte die Frau beiläufig. Glas zerbarst unter ihren Stiefeln, und sie fluchte in sich hinein. „Heute Vasen, morgen Mechakolosse ...“

Er setzte seine Schritte mit äußerster Präzision und ging auf Zehenspitzen, um jedes Geräusch zu vermeiden, als er durch den Flur und in den Salon schlüpfte. Die Inspektoren standen in passenden Uniformen in Rot und Orange nebeneinander und begutachteten die Unordnung, die sie angerichtet hatten. Zischende Artefakte aus schwarzem Metall hingen an ihren Gürteln.

„Hast du ihr Haustier gesehen?“, fragte der junge Mann.

„Sie hat keins“, antwortete die Frau. „Sie ist eine Biotronikerin. Sie macht sich ihre eigenen.“ Ihre vernarbten Hände zeichneten vogelartige Schemen in die Luft.

Er bewegte sich flink und lautlos über die Fliesen und streckte die Arme aus, als wollte er die Eindringlinge umarmen. Der Wind verfing sich unter seiner Kapuze und blähte sie auf.

Der Junge begann, sich mit gerunzelter Stirn umzudrehen. „Aber das ganze Sofa ist voll weißem Fell.“

Sein Schatten fiel über das Gesicht des Jungen. Er zuckte, seine Hände fuhren an seine Scheide und sein Blick weitete sich.

Seine metallummantelten Hände fanden ihre Köpfe und schlugen sie aneinander.

Er zuckte zusammen, als Knochen auf Knochen prallte und die Inspektoren in einem Haufen aus schwerem Atem und schlaffen Gliedmaßen zusammensackten. Ich beneide euch nicht um euren gemeinsamen Kopfschmerz.

Die Stimme ihres Vorgesetzten klang durch den Flur. „Basani? Was war das?“

Er schlüpfte in eine Position neben der Tür.

„Basani?“ Schritte donnerten durch den Flur.

Seide in Orange und Rot. Goldenes Metall. Elfenbeinfarbenes Leinen. Ehe er den Wirbel aus Farben in seiner Wahrnehmung bewusst zu einem Mann hätte zusammensetzen können, hatten sich die Metallfinger schon um dessen Hals gelegt und ihn hochgehoben. Alte Instinkte.

Der Mann keuchte und seine Finger suchten nach den Instrumenten an seinem Gürtel.

Er schlug mit der freien Hand die Artefakte beiseite, wirbelte den Mann herum und rammte ihn mit dem Rücken gegen die nächste Wand. „Guten Tag.“

Der Mann griff sich an die Kehle und bewegte stumm den Mund.

„Verzeihen Sie“, sagte er und lockerte seinen Griff leicht. „Dies sind nicht meine gewohnten Hände.“ Der Mann keuchte einen Augenblick. Sein Gestank wurde stärker. „Sie riechen nach Angst“, fuhr er fort und legte den Kopf schräg. „Haben Sie Angst?“

„Ja“, keuchte der Aufseher. Seine geweiteten Augen huschten suchend unter die Schatten seiner Kapuze.

„Gut“, murmelte er. Er ließ den Mann zwei weitere Atemzüge lang schwitzen, bevor er fortfuhr: „Wo ist Großmutter Pashiri?“

„In Gewahrsam. Mittlerweile.“ Er schnappte nach Luft wie ein Fisch, den man in die unerträgliche Wüste über seiner Welt gezogen hatte. „Falle. Sie ist Renegatin.“

Er hatte gehofft, dass sie entkommen war. Dass sie hierhergekommen waren, um nach ihr zu suchen. Aber nein – sie hatten sie. Und sie waren hierhergekommen, um nach etwas zu suchen, um das zu rechtfertigen. „Welche Art von Falle?“, sagte er.

„Suchte. Nach wem. Habe verlauten lassen. Dass wir. Sie haben.“

Ausweichend. Er hob den Aufseher eine weitere Handbreit über den Boden. „Wen?“

„Die Erste. Renegatin.“ Der Mann erbebte in seinem Griff, als der erstickte Drang zu husten ihn übermannte.

Großmutter hatte oft von der Ersten Renegatin gesprochen, aber nur mit dem falschen Namen. Er hatte sie nur einmal getroffen. Eine Frau noblen Gebarens mit in die Ferne gerichtetem Blick und einem Rückgrat aus Eisen, das jene Bürde, die so schwer auf ihren Schultern lastete, beinahe völlig verbarg.

„Wo ist diese Falle?“

Der Aufseher riss den Kopf von einer Seite zur anderen. „Ich ... Ich weiß es nicht!“

„Zu schade.“

Sein Blick weitete sich, seine Pupillen wuchsen zu schwarzen Abgründen an. „Wirst du. Mich töten?“

„Ich töte nicht.“ Er schlug den Mann mit der freien Hand bewusstlos und ließ ihn zu Boden gleiten. „Nicht mehr.“

Er kehrte auf Großmutters Terrasse zurück und schob sorgsam die Orchideen beiseite. Falls sie vorgehabt hatten, sie anzulocken, musste sie das Gebäude aus freien Stücken verlassen haben. Das konnte er sich zunutze machen. Er schloss die Augen und atmete ein.

Die Luft war eine einzige Kakophonie. Er konzentrierte sich und blendete die Gewürze, das Metall, die besorgte Menge und den allgegenwärtigen, gewitterartigen Geruch der Ätherdämpfe aus, die durch die Stadt zogen.

Da.

Nur ein Wispern von der Straße unter ihm: Sommerfrüchte, Rosen, Hyazinthen und Honig. Großmutters unverkennbares Duftwasser. Beinahe unmöglich noch irgendwo zu finden, wie sie ihm voller starrsinnigem Stolz erzählt hatte. Noch schwacher das Maschinenöl und das warme Messing des mechanischen Vogels, der auf ihrer Schulter saß und kodierte Nachrichten sang.

Die rückseitige Gasse war leer. Für den Augenblick. Wer wusste schon, wie lange das noch so bleiben würde. Er schwang sich über das Geländer, ließ den Wind Großmutters Mantel aufbauschen und rollte sich bei der Landung ab.

Der Dufthauch führte in Richtung der sinkenden Sonne. Er bewegte sich flink durch die gewundenen Straßen. Bei jedem Atemzug flatterten seine Nasenlöcher. Tauben und Schneidervögel stoben ihm aus dem Weg.

Es mochte eine andere Art von Dschungel sein, doch er war und blieb ein Fährtenleser.
__________

Vor sechs Monaten

Der Junge kniff die Augen zu, nahm die Hände vors Gesicht und begann zu zählen. „Ichi, ni ...“

Überall Gekicher, und der Boden bebte, als Leiber sich rasch in alle Richtungen verstreuten. Er konzentrierte sich auf die Geräusche und hörte auf das Trappeln nackter Sohlen auf Holz und Schilf. Sein Gehör war besser als das der meisten anderen. „... san, shi ...“

Er war schlecht in diesem Spiel. Der Kleinste und Langsamste. Doch er musste nur einen fangen. Nur einen, und das wäre schon genug. Nur einen, und die anderen würden den auslachen. „... go, roku ...“

Ein Platschen? Es klang, als sei jemand im Teich. Das war gemogelt. Er konnte nicht in den Garten gehen. Nicht wie die anderen. Während der Rest ausschwärmte, um in der Sonne zu lachen, musste er auf der Veranda sitzen und warten und seine schweren Füße in den kühlen Frühlingsnebel hängen lassen. „... shichi, hachi ...“

Sie mussten die Regel nur für ihn aufstellen, wenn er dran war. Doch er war der Kleinste und Langsamste. Und darin war er der Allerbeste. „... kyu, ju!“

Er öffnete die Augen in der hellen Bibliothek. Die Sonne schien warm und golden durch die papiernen Fenster und fiel in Streifen auf Bücher und raschelnde Stapel von Schriftrollen. „Bereit oder nicht: Ich komme jetzt!“, rief er. Als Erstes trat er durch die Schiebetür zur Veranda, schaute zu dem Moglerteich und blinzelte im Licht.

Bild

Nur ein Kranich hob den Kopf aus dem Wasser, um zu sehen, wer da so einen Lärm veranstaltete. Der Nebel im Garten regte sich und waberte im Wind. Ein hölzernes Windspiel sang und klackerte vom Dach. Großköpfige Regenamulette wiegten sacht in der Brise. Zartrote Blütenblätter wirbelten ihm um die Zehen.

Er drehte sich um und tapste zurück ins Haus, kratzte sich die Seite und versuchte, über die Schritte nachzudenken, die er gehört hatte. Er befand sich in der Sechsten Bibliothek. Es klang, als wäre Vetterin Umeyo in die Dritte Bibliothek gegangen, aber Ume war nett. Sie gab ihm Bissen von ihrem Eis ab, die ihn an den Zähnen schmerzten, und rieb ihm über den Kopf, bevor sie zu Bett ging. Also sollte sie ruhig die Dritte Bibliothek haben. Er würde irgendwo anders hingehen. Vielleicht in die Zehnte Bibliothek, wohin der große Bruder Hiroku für gewöhnlich ging, denn dort war sein Lieblingsbuch: das über die Feldmaus und die Krähe. Außerdem scherte Hiro sich ohnehin kaum ums Versteckspielen.



Er tapste den Gang entlang durch flirrende Strahlen aus Gold und versuchte, so leise zu sein, wie er nur konnte.

Ein Windstoß erfasste ihn von rechts und straffte die Papierwände. Die Eingangshalle! Jemand musste die Tür nach draußen geöffnet haben.

Er wirbelte herum und riss die Schiebetür auf. „Ich hab dich!“, rief er.

Die Eingangstür war noch immer verschlossen. Ein bleicher Riese starrte auf ihn herab. Ein blaues Auge blinzelte. „Das hast du wohl, kleiner Jäger“, grollte er.

Es war Zeit für eine Begrüßung.

Man hatte ihm beigebracht, sich zu verbeugen und zu sagen: „Willkommen in unserem Haus.“

Wie heißt Ihr. Kann ich Euch ankündigen. Seid Ihr weit gereist. Braucht Ihr Hausschuhe.

Die Füße des Riesen waren größer als sein gesamter Kopf und endeten in Klauen so lang wie Finger.

Der Riese duckte sich vor ihm und war dennoch doppelt so groß wie er. Er roch nach Sommergras und fremden Bäumen. Sein blaues Auge war rotumrandet, wie das von Hiroku, wenn er zu lange wach blieb, um noch zu lesen. Wo das andere Auge hätte sein sollen, war nur eine Narbe. „Ich glaube nicht, dass wir uns kennen“, sagte er. Seine Zähne waren sehr spitz, und es gab viel zu viele von ihnen.

Hinter ihm erklangen Schritte, die die Dielen der Halle quietschen ließen, doch er wandte den Blick nicht von dem Riesen ab, denn was, wenn diese Zähne näherkamen, sobald er sich wegdrehte?

Das himmelblaue Auge des Riesen musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Du zitterst.“

„HERR KATZE!“ Sie fuhren beide zusammen, als der Schrei hinter seinem Ohr ertönte. Die Stimme der großen Schwester Rumiyo. Füße stampften den Gang hinunter. „Maaaa-mmmmma! Herr Katze ist wieder da!“

Der Riese lächelte über seine Schulter. „Rumi ist so laut wie eh und je.“ Er wich einen Schritt zurück, ließ sich im Schneidersitz nieder und legte die Handgelenke auf den Knien ab. Er senkte den Kopf. „Diese Hände werden dir kein Leid zufügen.“

Er machte dennoch einen Schritt zurück.

„Nashi?“

Er hatte keine Schritte gehört, denn sie war groß und berührte den Boden nur noch, wenn sie es wollte. Doch er konnte spüren, wie ihr Schatten in die Halle fiel, und huschte hinter ihre Beine. „Was ist – ah. Willkommen zurück auf Kamigawa, mein Freund“, sagte sie.

Er streckte die Nase um die grünblaue Seide ihrer Robe. Der bleiche Riese hatte sich aus seiner sitzenden Position erhoben und verneigte sich ehrfürchtig. „Es ist schön, dich wiederzusehen, Tamiyo.“

Sie wandte sich von dem Riesen ab, um ihn anzulächeln, und legte sich dabei ein langes Ohr über die Schulter. „Das ist Ajani. Er ist Teil unseres Geschichtskreises.“ Ihre Stimme war wie die einer Porzellanvase – kühl und von strahlender Anmut. „So wie Narset? Auch er kann hinter der Luft wandeln.“

Narset erzählte Geschichten, die sich in langen, ausschweifenden Kreisen immer weiter ausdehnten, und sie legte sich gern mit ihm aufs Dach, um die Wolken zu betrachten. Sie lachte über all seine Scherze und keines seiner Worte. Narset mochte am liebsten Geschichten über Drachen.

Tamiyo legte ihm eine Hand auf den Kopf. „Ajani, das ist Nashi. Er gehört nun zu unserer Familie.“

Der Riese – Ajani – verneigte sich erneut. „Ehre mit dir.“

Er blieb hinter Tamiyos Beinen, erwiderte jedoch die Verbeugung, wie er sie gelernt hatte. „Und mit E–“

„HERR KATZE!“ Ein elfenbeinfarbener Schemen flitzte an seiner Nase vorbei.

Ajani fuhr herum und es gelang ihm gerade noch, den Schemen in seinen gewaltigen Armen aufzufangen. „Uff! Hallo, Rumi.“

Ihr zahnloses Grinsen erhellte den Raum. „Du warst viel zu lange weg.“ Hinter ihm donnerten die Dielen der Halle, als Geschwister und Vettern herbeigeeilt, gesprungen, gekullert und gelegentlich auch geschwebt kamen. Rumi streckte die Hand aus, um Ajanis Fell zu wuscheln. „Ich wette, du hast unglaubliche Geschichten mitgebracht!“

„Ajani ist wieder da!“

„Erzähl uns noch mal von dem Drachen!“

„Ich will Geschichten über das Loch in der Welt hören!“

Mondvolkkinder schwärmten um Ajanis Beine, berührten sein bleiches Fell, seine riesige, glänzende Axt und den langen weißen Umhang, den er trug. Hiroku war das größte von ihnen, doch auch er reichte dem Riesen nur bis zur Brust. Rumi, die noch immer auf seinem Arm hockte, blickte von oben herab und schimpfte die anderen aus.

Tamiyo klatsche zweimal in die Hände. „Genug!“

„... und deshalb müsst ihr alle das machen, was ich sage! – Oh.“ Rumis Stimme wurde lauter, als das Gelärm verebbte.

„Ajani ist ein Gast. Es ist unhöflich, ihm Forderungen zu stellen.“ Tamiyo verschränkte die Finger vor dem Bauch, als er Rumi zu Boden ließ. „Er ist weit gereist, um uns zu besuchen. Rumi, sag deinem Vater, er soll ein Willkommensmahl zubereiten. Der Rest von euch darf helfen.“

„Er darf aber nicht weggehen, bevor er uns Geschichten erzählt hat“, sagte Rumi. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und streckte das Kinn vor. „Das ist eine eiserne Regel, Mama. Wer losgehen und Abenteuer erleben darf, der muss davon erzählen, wenn er zurückkommt.“

Tamiyo blickte mit zusammengepressten Lippen und lächelnden Augen zu Ajani. „Sie kommt nach ihrem Vater.“

„Natürlich“, sagte der Riese höflich. Er blickte auf die Kinderschar herunter und legte eine Hand auf die Brust. „Ich werde nicht gehen, ohne eine Geschichte zu erzählen.“

Alle grummelten noch immer, als sie nach draußen verschwanden.

„Komm schon, Nashi.“ Vetterin Ume nahm mit großen, vor Aufregung geweiteten Lavendelaugen seine Hand. „Du kannst mit mir Reisbällchen rollen.“

„Na gut“, sagte er und ließ sich von ihr mitziehen. Während sie gemeinsam den Gang entlanggingen, warf er einen letzten Blick über die Schulter.

Tamiyo legte die Hand auf Ajanis Arm. Sie hatte einen Ausdruck im Gesicht, den er sie bislang nur Genku hatte zeigen sehen, spät nachts, wenn eigentlich alle schlafen sollten. „Du warst monatelang fort“, sagte sie beinahe unhörbar. „Wo ist Elspeth?“

Der Hals des Riesen neigte sich wie eine Weide im Regen. Das Strahlen in seinem Auge verlosch. „Sie ... kommt nicht.“

Ume zog ihn um die Ecke.
__________

Der Geruch hatte Ajani zu noch mehr Inspektoren geführt.

Er ließ sich auf der Kante eines glänzenden Messingturms nieder, während sie unten umhergingen und sorgsam jede Maschine auseinandernahmen, die sie finden konnten. Wie Ameisen schwärmten sie um die Ränder von Dingen herum, die viel größer waren als sie selbst, und entfernten gründlich kleinste Teile davon, um diese fortzuschleppen und irgendwohin zu bringen, wo niemand sie je wieder zu Gesicht bekommen würde.

Die Nachwehen eines Kampfes schwebten noch immer herauf: der allgegenwärtige Geruch von Äther und das Beißen verbrannten Metalls.

Etwas drückte leicht gegen die Rückseite seines Mantels, gerade stark genug, dass er wusste, dass es sich um die Spitze einer Klinge handelte. „Du hast also verloren?“ Eine melodische, weibliche Stimme, leicht belustigt.

Erstaunlich. Er hatte nichts gehört oder gerochen. Wer auch immer sie war, sie war keine Anfängerin darin, anderen nachzustellen.

Er verlagerte langsam und kaum merklich sein Gewicht – „Willst du springen?“ Die Klinge pikte ihn spielerisch an. „Es gibt leichtere Arten zu sterben, wenn du mich fragst. Wenn du in den Ätherströmen tanzt, kräuselt sich dir nur das Haar.“

Er entspannte sich. Es war ein Satz, den Großmutters Freunde verwendeten, um einander zu erkennen, eine versteckte Anspielung auf die Heraldik des Konsulats. Sie hatte ihm die richtige Antwort genannt. „Besser als sich die Schuhe loszutreten“, grollte er, „und sich die Zehen kräuseln zu lassen.“ Eine Anspielung auf die Umkehrung des Symbols durch die Renegaten.

„Ah, ausgezeichnet!“ Die Klinge verschwand. „Verzeih mir, mein Freund. Wie du siehst hatten wir einen schlechten Tag.“

Er war gerade im Begriff, sich umzudrehen, als eine Elfe sich plumpsend neben ihn hockte und die Füße über die Kante des Daches baumeln ließ. Sie wirkte, als wäre sie ausgesprochen jung, aber eine Elfe konnte so aussehen und dennoch viel älter sein als er selbst. Ihre Kleidung bestand aus dunklen Violett- und Grautönen und war mit einer beachtlichen Menge an Taschen und Gürteln versehen. Dunkle Metallbänder bändigten eine Flut wilder Zöpfe, die ihr wahrscheinlich bis auf die Taille fielen, wenn sie gelöst wurden. Sie roch nach Mandeln, starkem schwarzen Chai und Schweiß.

„Ein ziemliches Schauspiel, nicht wahr?“ Sie spähte zu den Inspektoren hinunter und schwang die Füße hin und her wie ein rastloses Kind. Ein halbes Dutzend winziger, metallener Insekten klammerte sich an die Schultern ihres Mantels, Schmetterlinge aus Messing breiteten in einer verblüffenden Nachahmung echten Lebens seidene Flügelchen aus und Spinnen aus dunklem Stahl saßen bis auf ihre stetig umherblickenden Augen völlig reglos da. Lebende Blüten in Violett und Indigo sprossen zwischen ihren metallenen Rippen hervor.

„Wonach suchen sie?“, fragte er.

„Wer weiß das schon?“, sagte die Elfe unbekümmert. „Fallen vielleicht?“ Sie lachte zwitschernd. „Das wäre ein Spaß, nicht wahr? All diese Zeit damit zu verbringen, nach etwas zu suchen, was keiner von uns jemals verwenden würde?“ Sie wandte ihm ihre fröhlichen silbergrauen Augen zu. „Du kannst mich übrigens ‚Schattenklinge‘ nennen. Mit einem Y in ‚Klinge‘.“

„Schattenklynge?“, wiederholte er skeptisch.

Sie strahlte. „Ist das nicht ein ganz bezaubernder Deckname?“

„Ich ... sehe, dass du ihn magst“, sagte er höflich. Großmutter hatte eine begabte junge Biotronikerin erwähnt, eine der Vahadar-Elfen, die in der Stadt lebten. Ein Wunderkind, hatte sie gesagt, dessen mechanische Insekten die Überwachungsthopter des Konsulats einzufangen und auseinanderzunehmen vermochten. Als er nach dem Namen dieses Wunderkinds gefragt hatte, hatte Großmutter allerdings nur die Augen verdreht.

„Habe ich mir selbst ausgedacht, weißt du. Ich finde, er klingt unheimlich kühn.“ Sie lugte in die Schatten seines Umhangs und er wandte sich schnell ab, während er die Kapuze mit seinen Metallhänden tiefer zog. „Ah, ein Mann der Geheimnisse, ja?“ Sie stupste ihm den Ellenbogen in die Seite. „Brillantes Beiwerk.“

Er räusperte sich. „Wo ist Großmutter?“

Ihr Lächeln erstarb. Nach einem Augenblick sprach sie wieder und ihre Stimme war leiser ... Älter. „Ich weiß es nicht. Ich kam hier auf der Suche nach der Ersten Renegatin. Sie hatte sich verspätet.“ Eine Hand fuhr an ihren Mund, und sie nagte an einem bereits angekauten Fingernagel. „Wenn sie hier war ... dann hat das Konsulat sie mit Sicherheit geschnappt.“

„Du hast recht. Ich habe einen Inspektor befragt, der ihre Wohnung durchsucht hat.“

Eine ihrer Brauen hob sich langsam. „Du hast ihn befragt?“

„Es bedurfte ein wenig Überzeugungskraft“, sagte er und ballte eine seiner Metallhände zur Faust. „Ich hatte zu erfahren gehofft, wohin sie Großmutter gebracht haben. Die Inspektoren haben die Spur verwischt.“

„Hm, hm, hm“, machte Schattenklynge bedächtig. Er blinzelte. Hatte sie die Worte tatsächlich ausgesprochen? „Es gibt einen Unterschlupf der Renegaten in der Nähe. Jeder, der es aus dem Chaos heute herausgeschafft hat, hat sich sicherlich dorthin begeben. Hören wir uns mal um.“

Er neigte den Kopf. „Das wäre freundlich.“

Sie sprang auf die Füße und klopfte sich die Hosen ab. „Kannst du mithalten, wenn ich über Dächer und dergleichen springe?“ Ihre Stimme war wieder heller geworden, ihre Sorge nur noch eine Wolke, die hoch über ihr rasch an der Sonne vorbeizog.

Er lächelte unter der Kapuze. „Das wirst du schon sehen.“

„Ausgezeichnet.“ Sie wandte sich einem der mechanischen Schmetterlinge auf ihrer Schulter zu und pfiff sechs Töne. Einem anderen Zuhörer wäre es wie der Ruf eines Vogels erschienen. Das metallene Insekt flatterte davon und folgte einem kreisenden und verworrenen Weg über die Inspektoren hinweg. „Nur um die Dinge hier im Auge zu behalten“, sagte sie zwinkernd. „Gehen wir.“ Und damit schoss sie davon wie ein junges Reh und sprang anmutig auf das nächste Dach.

Bis er endlich auf den Beinen war, hatte sie bereits zwei Gebäude überquert und unterdrückte wenig erfolgreich ein Kichern. Er nahm die Lücken vorsichtig ins Visier. Mit einem Auge war das Abschätzen von Entfernungen eine Frage von Intuition, Vergleichswerten und Erfahrung. Er nahm Anlauf, stieß sich ab und landete neben ihr.

Ihre Mondlichtaugen lächelten. „Starke Beine, wie ich sehe.“

Sie führte ihn über sonnenbeschienene Dächer, unter Wäscheleinen hindurch, um Schornsteine herum, auf Schutthaufen und verfallene Treppen hinauf und über Straßen, die von Tausenden von Beispielen für ein geschäftiges Leben verstopft waren. Ihr Weg führte sie im Kreis, in weitem Radius nach außen und wieder zurück. Gut. Das bedeutete, dass sie ihm nicht vollständig vertraute. Jeder ohne sein Gedächtnis und seinen Orientierungssinn wäre nicht in der Lage gewesen, ihren Zielort wiederzufinden.

Sie tauchten in die Schatten einer Wohnanlage ein, in deren Dach ein Loch klaffte und deren oberstes Stockwerk aus einem See aus flachem, brackigem Wasser bestand. Die Wände unten waren von schwarzen und grünen Flecken bedeckt – Leben, das sie mit aller Bedächtigkeit nach und nach verzehrte. Die Ätherlampen entlang der Treppen waren dunkel und kalt. Sein Auge hatte keine Mühe, sich dem Dämmerlicht anzupassen, aber Schattenklynge zog einen leuchtenden blauen Stab aus einer ihrer zahlreichen Taschen.

„Ich wusste nicht, dass es solche Orte gibt“, murmelte er in die Grabesstille hinein. „Von oben wirkt ganz Ghirapur so prächtig.“

„Harrrrumpf“, machte sie grimmig.

Sie hatte tatsächlich Harrrrumpf gemacht. „Liest du viel?“, fragte er.

Sie blickte ihn verwirrt an. „Ein bisschen zu viel, wenn du meine Mutter fragst. Warum?“

„Nur so.“

Ihr Weg wurde von einer Tür versperrt, die von einem komplex aussehenden, summenden Artefakt verschlossen war. „Vor sechs Monaten hatte dieser ganze Block noch Energie.“ Schattenklynge hielt inne, schloss die Augen und vollführte eine rasche Abfolge von Bewegungen in der Luft, ehe sie sie auf die Steuerung des Mechanismus übertrug. Das Summen verstummte und die Tür schwang auf. „Dann entschied das Konsulat, dass dieses Viertel ‚untergenutzt‘ ist. Es schnitt ihm den Äther ab, um den Bau der Erfindermesse damit voranzutreiben.“ Ihr Mund verzog sich, als sie die Tür hinter ihnen schloss. „Komisch, wie alle ‚untergenutzten Viertel‘ zufällig diejenigen sind, in denen Renegaten leben. Aber die Konsuln schwören, dass diese Viertel bis zum Monatsende wieder mit Äther versorgt werden.“ Sie verdrehte die Augen.

Er roch die Furcht und die Anspannung, bevor er das Gemurmel der Unterhaltung hörte. Als sie um die Ecke bogen, verklang das Geräusch.

„Ich bin‘s nur“, sagte Schattenklynge winkend. „Hat irgendwer heute schon Frau Pashiri gesehen? Wir glauben, sie war bei der Ersten Renegatin.“

Ein Vedalkenjunge tauchte wie aus dem Nichts auf und griff nach Schattenklynges Arm. „Va –“, setzte er an.

„Schattenklynge!“, zischte die Elfe.

Der Vedalken machte einen Schritt zurück. Sein Blick huschte zwischen der Elfe und ihrem vermummten Gefährten hin und her. „Ähm, ja. Fräulein Klynge. Ich meine, Schatten. Frau Klynge. Ich bin ... Ich freue mich, dass es Ihnen gut geht.“ Seine jungen Augen funkelten vor Bewunderung.

Die Elfe plusterte sich auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Kein tollpatschiger Konsulatsinspektor könnte der gewieften Schattenklynge je habhaft werden!“, verkündete sie.

„Entschuldigung?“ Eine Menschenfrau in einer versengten goldenen Robe stand auf und keuchte, als sie ihr linkes Bein belastete. Sie hatte eine prächtige Haarmähne – nicht glatt und fließend, nicht zu Knoten gebunden, sondern hoch und stolz aufragend. „Ich war bei der Ersten Renegatin. Wir wurden getrennt, aber ich war auf dem Weg zu ihr, als ...“ Sie hielt inne, gereizt und nach bitterer Erschöpfung und beißender Furcht riechend.

Er trat auf sie zu, senkte die Schultern und beugte sich zu ihr herab. „Bitte. Können Sie mir sagen, was Sie gesehen haben, Frau ...?

„Tamni“, sagte sie. „Ich ... Ähm ... Als ich ankam, hatte das Konsulat sie umzingelt. Einer von ihnen hielt sie am Arm fest. Er hatte eine künstliche Hand. Keinen Aufsatz, sondern einen Ersatz.“ Sie runzelte die Stirn und versuchte, sich näher zu erinnern. „Nur drei Finger. Dunkles Metall. Leuchtete violett statt ätherblau. Sie wirkte ... primitiv.“

Im Schatten seiner Kapuze, wo niemand es sehen konnte, presste er die Kiefer zusammen. „Und Großmutter Pashiri?“

Tamni schluckte. „Auch sie war da, irgendwo an der Seite. Und drei andere Frauen, die ich nicht kannte. Eine hatte rotes Haar, eine war ganz in Schwarz gekleidet, die andere in Grün. Die Inspektoren haben Pia – die Erste Renegatin weggebracht. Die Fremden stritten einen Augenblick, und dann ging die Frau in Schwarz weg. Pashiri führte die anderen beiden fort. In Richtung Kujar.“

Kujar. Ein wohlhabendes Viertel, weitläufig und grün. Hier wohnten viele der Konsuln selbst. Schwierig zu betreten und stark bewacht. Seine Anwesenheit würde Fragen aufwerfen.

Tamnis Augen wurden feucht. „Ich habe nur ... Ich habe nur zugesehen.“ Sie spie die Worte vor die eigenen Füße.

„Bist du eine Kriegerin?“, fragte er.

„Eine Krieg– nein! Nein, ich ... Ich baue nur Sachen.“ Sie starrte auf ihre versengten und schwieligen Finger.

Er dachte darüber nach, ihr tröstend eine Hand auf die Schulter zu legen. Aber nein – er kannte sie nicht gut genug für derlei Vertrautheiten. „Sich unvorbereitet in einem Kampf zu werfen, zeugt nicht von Mut. Es ist töricht und führt nur zu noch mehr Tod.“ Er hielt seine Stimme leise, aber fest. „Dieses Wissen habe ich mir hart erarbeitet. Bitte vertrauen Sie auf es.“

„Ich hätte ... irgendwas tun sollen“, flüsterte sie und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Sie haben alles genau beobachtet. Sie haben ihre Geschichte erzählt. Nun wissen andere, was sie tun müssen.“ Er verneigte sich vor ihr. „Dafür danke ich Ihnen.“

Tamni sagte nichts und tauchte zurück in die Schatten.

„Das ist ärgerlich, nicht wahr?“, sagte Schattenklynge. „Kujar ist echt riesig. Große Gärten und Bäume und all so was. Jede Menge Mauern und Wachen. Und du fällst dort auf, mein Freund, selbst wenn du dich die ganze Zeit duckst.“ Sie wandte sich zu dem Vedalkenjungen. „Dayal! Versammle die Truppen.“

Sein Grinsen war strahlend. „Sofort, Frau Klynge!“

„Was hast du vor?“, fragte er.

„Ich bin die beste Biotronikerin, der du je begegnen wirst“, sagte sie fröhlich. „Aber ich bin nicht die einzige Biotronikerin.“ Dayal huschte durch den Raum und suchte nach Leuten, auf deren Schultern oder in deren Nähe mechanische Tiere hockten. „Ich habe meine Insekten. Andere haben Vögel, Ratten Katzen, Schlangen, Frösche und sogar kleine Kläffer. Dich Hünen mag es nur einmal geben. Aber in Ghirapur gibt es Hunderte von kleinen Schöpfungen wie unsere.“

Er hatte nicht vorgehabt, noch jemand anderen in Schwierigkeiten zu bringen. „Ich kann ihrer Spur selbst folgen.“

Die Elfe lachte. „Zweifellos. Aber wir können sie schneller finden. Wie heißt es so schön? Viele Augen sehen besser als eins, oder so ähnlich? Und sei unbesorgt“, zwitscherte sie und schlang ihren Arm um seinen. „Ich bleibe an deiner Seite. Damit du dich von Ärger fernhältst. Ähm ...“ Sie hielt inne und drückte seinen Bizeps. „Sollten wir unterwegs Türen einschlagen müssen, überlasse ich das aber trotzdem wohl eher dir.“

Der Raum um sie herum füllte sich mit jungen Leuten, die tickende, umherstolzierende Wunderdinge aus Messing und Grünholz bei sich hatten. Keiner ihrer Freunde schien älter als zwanzig zu sein.

„Woher kennst du Frau Pashiri überhaupt?“, fragte Schattenklynge.

Er überlegte. Wie viel konnte er verraten? „Sie hilft mir dabei, jemanden zu finden. Jemanden sehr Gefährliches. Der wahrscheinlich mit jemand noch Gefährlicherem zusammenarbeitet.“

„Ein Mann voller geheimer Geheimnisse!“, lachte sie. „Na dann: Brechen wir auf.“
__________

Vor sechs Monaten

Nashi wand sich unter den Dielen hindurch. Seine Hüften kratzten über Bodenträger.

Er hatte ein Loch in der Wand seines Schlafzimmers gefunden, versteckt hinter der Truhe, in der er seine Kleidung aufbewahrte. Seine Vettern und Geschwister passten nicht hindurch, und falls Tamiyo und Genku etwas davon wussten, so sagten sie nichts. Von hier aus konnte er sich leise zwischen den unteren Böden der Großen Bibliothek hindurch bewegen, durch Astlöcher spähen, atmen und lauschen – von allen Seiten dicht von sicherem Holz umgeben. Niemand konnte ihn in seiner ganz persönlichen Dunkelheit sehen. Manchmal verbrachte er Stunden hier drin, brachte Bücher und Spielzeug mit und hörte dem Trampeln der anderen Kinder zu, die nach ihm suchten.

Manchmal war es gut, der Kleinste und Langsamste zu sein.

Er glitt auf den Speiseraum zu, wo Tamiyo und Genku mit dem Riesen saßen. Die Gerüche des Essens waren seltsam. Nicht wie das trockene Braun und scharfe Grün, das sie sonst aßen. Da war auch noch fettiges Rot mit staubschwarzen Spuren. Sie sammelten sich in seiner Brust und weckten ein Würgen tief in seiner Kehle, doch er wusste nicht, warum. Er kniff sich die Nase zu, atmete durch den Mund und bewegte sich weiter.

Da war ein Astloch in der Ecke, von dem aus er den gesamten Raum überblicken konnte. Tamiyo saß auf ihrem üblichen Kissen am Kopf des niedrigen Tisches, Genku zu ihrer Rechten. Der Riese – Ajani – ragte am anderen Ende auf und aß höflich von einem Teller, der mit braunen, graumarmorierten Würfeln gefüllt war. Fleisch. Er erinnerte sich an Fleisch. Jetzt machte es ihn krank.

Genku stand auf und verbeugte sich vor Ajani. „Es gibt Dinge, um die ich mich kümmern muss. Wenn du mich bitte entschuldigst?“

Der Riese blinzelte. „Oh. Natürlich. Bitte.“

Genku beugte sich herab, um Tamiyo einen Kuss auf die Stirn zu geben. Sie lächelte, schloss die Augen und legte kurz den Kopf an seine Brust, während ihre Arme und Finger sich wie Efeuranken ineinander verflochten. „Kümmere dich um deine Aufgaben“, sagte er. „Ich beschäftige die Kinder.“

„Danke“, sagte sie. „Ich bin sicher, sie haben meine Eltern mittlerweile müde gespielt.“ Genku sammelte ihre Teller ein, verließ den Raum und schloss die Tür mit einem Fuß.

Der Riese saß unschlüssig da. Das Windspiel sang und klirrte. In der Ecke des Raumes, die ihm am nächsten war, glomm noch Glut im Kohleofen. Doch wenn Nashi den Ofen anschaute, schlug sein Herz zu schnell und seine Finger gruben sich in das Holz. Also betrachtete er stattdessen lieber Tamiyo dabei, wie sie ihrerseits Ajani betrachtete. Die violetten Siegel auf ihrer Stirn waren sorgenvoll zusammengezogen.

Als Genkus Schritte verklungen waren, sprach sie. „Du bist auf der Suche nach Elspeth nach Theros gegangen. Hast du sie gefunden?“

„Ja.“ Ajani sah aus, als wollte er mehr sagen. Doch das tat er nicht. Stattdessen blickte er sich im Raum um und machte eine Geste zu einem Stapel Koffer mit einem dicken Tagebuch darauf. „Bin ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen? Es scheint, du bereitest dich auf eine Reise vor.“

„Kennst du die Welt Innistrad?“, fragte sie. Der Riese schüttelte den Kopf. „Ich habe letztes Jahr ein paar Monate dort verbracht, um den Mond zu studieren. Er ist faszinierend.“ Sie lehnte sich mit weiten und leuchtenden Augen vor. „Sämtliche Magie dieser Welt strebt darauf zu und wird von seinen Zyklen beeinflusst. Selbst viele der einheimischen Kreaturen ...“ Sie hielt inne und spielte mit dem Saum ihres Ärmels. „Das letzte Mal, als ich bei Jenrik vorbeigeschaut habe – einem Einheimischen, mit dem ich zusammenarbeite –, berichtete er Ungewöhnliches. Von Veränderungen im Manafluss und bei den Gezeiten. Ich möchte die Auswirkungen auf das Leben dort beobachten.“

„Ich verstehe.“ Er legte die massigen Hände auf den Tisch und starrte sie an.

„Ajani“, sagte sie. „Wenn du nicht mit mir sprechen willst, warum bist du dann hier?“

Der Riese atmete langsam ein und aus. Eine gewaltige Last regte sich hinter seinem Gesicht. „Ich ... Ich habe Nashi bei meinem letzten Besuch nicht gesehen. Er ist nicht wie seine Geschwister.“

Tamiyo seufzte auf die gleiche Weise, wie wenn sie und Genku stritten und er versuchte, sie ihren Büchern zu überlassen. „Nashi ist ein Nezumi. Eines der Rattenwesen aus den Sümpfen.“

Nashi wand sich im Dach: Er wollte unbedingt weiter lauschen, auch wenn er sich vor dem fürchtete, was er da womöglich zu hören bekam.

Tamiyo sagte: „Vor einigen Jahren wurde sein Dorf von Planeswalkern niedergebrannt.“

Der Atem stockte ihm in der Kehle.

„Niedergebrannt? Aber warum?“

Der Kohleofen fauchte mächtig neben dem Riesen.

„Das weiß ich nicht. Nicht genau. Es geschah wohl auf Geheiß eines weltenwandelnden Verbrechers namens Tezzeret. Er wollte, dass sie sich ihm unterwerfen. Dass sie seinem Konsortium dienen.“

Die glühende Kohle spie rotgoldenes Licht über den Boden, tanzend und gleißend und verzehrend und wachsend und alles verdunkelnd, was nicht sie war. Er kratzte sich an dem Fleck an seiner Seite, an dem das Fell struppig wuchs und die Haut rot und rau blieb.

Er musste gehen.

„Tezzeret? Ich habe von ihm gehört. Elspeth ... Sie traf ihn auf Mirrodin.“

Er musste jetzt gehen.

Er schloss die Augen. Schob sich von dem Astloch weg. Rutschte im Dunkel zurück. Er rollte sich auf die Seite, davon überzeugt, dass sein klopfendes Herz auf der anderen Seite der Wand zu hören sein musste – bumm, bumm, bumm –

„Er hat mit ihren Feinden zusammengearbeitet. Das war vor ... zwei Jahren?“

Nacht und Sterne. Hitze und Schmerz in tosenden Wellen. Das Dach steht in Flammen! Nimm den Jungen! Raus hier!

Die Hütten brennen. Alles ist hell und heiß. Ein krankes Gelb. Mama hebt ihn hoch. Rennt. Wo ist Papa? Halt! Wo ist Papa? Wir können Papa nicht zurücklassen!

Ein Krachen. Mama hält plötzlich an. Er späht über ihre Arme. Die Hütten sind eingestürzt. Der Ausgang ist versperrt. Da ist Feuer hinter ihnen. Es erhebt sich auf zwei Beine und brüllt die Sterne an. Dächer stehen in Flammen, als es funkensprühend durch die Gasse pirscht.


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„Zwei Jahre? Das ist unmöglich, Ajani. Tezzeret starb vor ... drei Jahren, glaube ich? Er wurde von seinen Gefährten verraten. Nashis Dorf – die, die überlebten – sie haben ihn getötet. Ein Drache erhob Anspruch auf die Leiche.“

„Ein Drache?“

Du wirst rennen und nicht hinter dich schauen. Mamas Fell raucht um die Worte herum. Was du auch hörst: Du rennst.

Sie schlingt die Arme um ihn und springt durch die Flammen. Treibt ihn voran. Stolpert. Los! Lauf!

Er läuft. Seine Haut bricht bei jedem qualvollen Schritt auf. Er will sich hinlegen, sich in die Erde hineinwühlen. Schlamm ist kühl. Alles wird gut sein, wenn er sich selbst eingraben kann.

Ein Schrei. Er blickt zurück –

Mama steht in Flammen, hochgehalten von einem menschgewordenen Feuer. Sie kreischt, zuckt in der Luft –

Sie riecht wie verbranntes Fleisch.


Er schluchzte. Nur einmal. Er konnte es nicht unterdrücken.

Die Unterhaltung verstummte. Er nahm die Hände vor die Augen, rollte sich zusammen und erschauderte in der geheimen Dunkelheit.

Das Rascheln von Seide unter ihm. Tamiyos ruhige Stimme, gleich außerhalb seines Verstecks. „Bitte komm heraus, Nashi.“ Sie hob ein Panel der Decke an und öffnete ihm einen Durchschlupf.

Er hätte weglaufen sollen. Sich verstecken. In die kleinste, am weitesten entfernte Ecke der Tunnel kriechen, bis er nicht mehr der Kleinste und Langsamste war und niemand ihn mehr zwingen konnte, beim Versteckspiel dran zu sein, und niemand mehr lachen würde und niemand mehr sein struppiges Fell und seine runzlige Haut antippen und sagen würde, er wäre nur ein räudiges Scheusal.

Die Mondfrau murmelte in den Tunnel, eine Stimme nur für ihn. „Erinnerst du dich daran, was ich dir erzählt habe? Du kannst bei mir sitzen, wenn du magst.“

Er taumelte ihr in die Arme und vergrub das Gesicht an ihrer Brust. Die Welt schwankte, als sie sich bewegte und sich setzte, während sie ihn in ihrem Schoß wiegte. Warme Arme umfingen ihn. Er biss sich auf die Lippe und versuchte, ruhig zu sein. Der Riese war da draußen. Er war groß und stark und hatte gewaltige Zähne und musste wahrscheinlich nie –

Sie legte ihr Kinn auf seinen Kopf und wiegte ihn. „Es ist gut, alles rauszulassen. Ich bin bei dir.“

Die Tränen kamen heiß und schnell, und sie wollten nicht aufhören.

„Handlungen haben Folgen“, sagte Tamiyo zu Ajani. „Manchmal vergessen Menschen wie wir, wie groß unsere Füße sind.“
__________

Ein mechanischer Vogel – eine nahezu unheimliche Nachbildung eines Tiers aus Fleisch und Blut – schwirrte auf dem fettigen Rauch eines Essenskarrens zu ihm herab. Sein Rumpf bestand aus moosigem, von Blumen gespicktem Holz, der Rahmen aus weißgoldenem Metall, die Flügel aus bunt gefärbter Seide. Er flatterte, streckte geschickte Messingfüßchen aus und ließ sich elegant auf Ajanis breiter Schulter nieder.

Er blickte die kleine Kreatur verblüfft an, als diese ihn mit einem regelmäßigen, abgehackten Rhythmus anpiepste – so wie es Großmutters Messingvogel getan hatte. „Ist das eine ... Sprache?“

„Hm?“ Schattenklynges Mondlichtaugen wandten sich ihm zu. Ihre Wangen waren mit geröstetem Geflügel gefüllt. „MM! MFF!.“ Sie deutete mit ihrem abgenagten Fleischspieß auf den Vogel und schluckte etwas von dem, was sie kaute, herunter. „Mihir!“, sagte sie um den Rest herum. Sie schluckte erneut angestrengt, schlug sich auf die Brust und ließ den Spieß in einen Eimer neben dem Karren fallen, wo sie ihn gekauft hatte.

Obwohl „gekauft“ wohl eine sehr großzügige Auslegung dieses Begriffs war. Der Besitzer des Karrens, ein ehrwürdiger und undurchschaubarer Elf, hatte mit einem Augenzwinkern zugesehen, wie eine von Schattenklynges mechanischen Spinnen eine Münze aus dem Geldbeutel eines vorbeigehenden Konsulatsinspektors gezogen und ihm mit einer steifen, tickenden Verbeugung in die Hand gelegt hatte.

Sie befanden sich am Rand von Kujar auf einem geschäftigen Marktplatz, der den Stadtteil von einem weniger attraktiven Viertel abgrenzte. Ein Ort, wie Schattenklynge sagte, an dem die Leute sich unters einfache Volk mischten oder mit Höhergestellten verkehrten, je nachdem, von welcher Seite sie ihn betraten. Sie schien von der vorbeigehenden Menge unendlich fasziniert, deutete auf Passanten, die sie kannte, und erzählte ihm Hunderte von entzückenden und belanglosen Anekdoten über die Geschichte dieser Straße.

Sein Schädel dröhnte. Das Musikgerät, das auf der anderen Seite des Platzes aufgestellt war, hatte seit ihrer Ankunft wie wahnsinnig geplärrt und gepiepst, während seine Lichter grelle Farben auf das Kopfsteinpflaster warfen. Die schrillen hohen Töne und die durch Mark und Bein gehenden Bässe schmerzten ihm in den Ohren.

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„Das ist einer von Mihirs Vögeln. Die Verschlüsselung haben wir uns alle gemeinsam ausgedacht. Toll, oder?“ Schattenklynge grinste. Ihre Zähne schimmerten hell vor ihrer dunklen Haut. „Pashiri wurde vor zwanzig Minuten gesichtet. Im Dhund.“

„Gut“, sagte oder vielmehr schrie er über den Lärm hinweg. „Was ist der Dhund?“

„Kennst du Gontis Nachtmarkt?“

Er nickte. Ein offenes Geheimnis: eine betriebsame, illegale Tauschbörse in den Mauern eines ehemaligen Kraftwerks, einem Relikt aus der Zeit vor dem Äther. Dort fanden sich Erfindungen von zweifelhafter Sicherheit und fragwürdiger Moral – für den richtigen Preis oder den passenden Gefallen.

„Der Dhund ist ein Hauptquartier der Konsuln, das unter und durch Gontis Markt gebaut wurde. Ein Labyrinth aus Tunneln und miteinander verbundenen Räumen. Kanalisation und Schächte und so was. Von dort aus schicken sie ihre Spione los, und dort halten sie wichtige Gefangene fest. Es ist alles ganz schrecklich geheim, weißt du?“ Sie zwinkerte ihm zu.

Eine Gilde von Gesetzeshütern, die im Verborgenen unter den Füßen respektabler Bürger in Abwasserkanälen operierte. In dieser Welt stand alles auf dem Kopf. Er blickte in Richtung Sonnenuntergang. „Ich weiß, wie wir von hier aus zum Nachtmarkt kommen. Wie kann ich einen Weg in diesen Dhund finden?“

Schattenklynge wirkte gekränkt. „Ich zeige dir eine Tür. Wir kennen ein paar davon. Das wird kein Problem.“

Er schüttelte den Kopf. „Du kommst nicht mit.“

Ihr Mund wurde zu einer schmalen Linie und ihre Brauen senkten sich. „Das wirst du nicht–!“

„Schattenklynge“, unterbrach er sie. „Das war eine Falle, die sie Großmutter da gestellt haben. Es wird schwieriger sein, ihr zu entrinnen, als in sie hineinzutappen. Dazu wird Hilfe von außen nötig sein. Kannst du uns einen Fluchtweg verschaffen? Etwas Schnelles. Etwas Geheimes.“

Sie atmete tief ein und ließ den Blick über die Steine einer nahen Mauer gleiten, ohne sie wirklich zu sehen. „Thopter“, sagte sie und blickte auf. „Die des Konsulats werden in Massen hergestellt. Dieselben Stärken, aber auch dieselben Schwächen. Die Erste Renegatin hat mir gezeigt, wie ich einen stehlen kann.“

Er musterte sie kritisch. „Hat sie dir auch gezeigt, wie man einen fliegt?“

„Sagen wir mal: ein bisschen?“

„Ein bisschen wird reichen.“

„Hier“, sagte sie und stupste den mechanischen Vogel auf seiner Schulter an. Sie pfiff und zwitscherte eine lange Notenfolge, die klang, als würden zwei Vögel streiten. Er flatterte mit den Flügeln und verfiel wieder in sein fröhliches Piepsen. „Er gehört jetzt dir. Wenn du dich in der Nähe eines Eingangs zum Dhund befindest, wird er hinfliegen.“

„Ich danke dir.“ Er wandte sich zum Gehen, aber sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Du bist ein Freund von Frau Pashiri. Sonst hätte sie dir unsere Erkennungszeichen nicht verraten. Und jetzt begibst du dich in die Klauen des Konsulats.“ Sie reckte das Kinn in die Luft und stemmte eine Hand in die Hüfte. „Ich würde sagen, du bist nun ein Renegat. Jeder, der etwas anderes behauptet, muss sich mit mir im Flinkschmieden messen. Aber du hast mir deinen Decknamen nicht verraten. Das ist schrecklich unhöflich, wenn du mich fragst.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wippte ungeduldig mit dem Fuß.

Er blinzelte sie ratlos an. „Ich habe keinen ... Manche haben mich die „Weiße Katze“ genannt?“

Schattenklynge warf ihm einen prüfenden Blick zu. „Das ist nicht mal ein bisschen kühn. Warum sollte jemand dich so nennen?“

Er hielt inne. Der Gedanke war töricht. Doch die Elfe hatte ihm geholfen, ihm vertraut und nie etwas als Gegenleistung verlangt.

Er zog die Kapuze zurück.

Ihre Mondlichtaugen weiteten sich. Er konnte seine gesamte Gestalt in ihnen sehen; das weiße Fell, das blaue Auge und die Narbe, die Tasthaare und die breite Nase.

Dann lächelte sie. „Eine Schande, ein solch edles Gesicht verborgen zu halten.“

Er verbeugte sich vor ihr – nicht, wie es auf Kaladesh Brauch war, sondern so, wie auf dem Naya seiner Jugend. Diese Leute waren freundlich und doch so eigenartig. „Ich begebe mich in deine Hände, Schattenklynge.“ Er zog die Kapuze wieder über den Kopf.

„Vatti.“

Er drehte sich zu ihr um. „Entschuldigung?“

Sie grinste ihn schief an. „Das ist mein echter Name. Vatti. Du hast mir ein Geheimnis verraten. Das ist nur gerecht so. Nun achte mir darauf, dass der Vogel heil bleibt. Mihir wird ihn zurückhaben wollen, und ich will ihm nichts schuldig bleiben.“ Sie drehte sich um und kletterte flugs eine Regenrinne hinauf.

Er wandte sich um und musterte die nächste Mauer, während er seine Finger in den Messinghandschuhen ausstreckte.

Fenstersims. Loser Backstein. Regenrinne. Über die matte, blaue Ätherröhre hinweg aufs nächste Gebäude.

Der Weg erschien ihm so klar wie ein abgebrochener Farn oder eine Fußspur am Ufer.

Er schwang sich nach oben, sprang mit den Zehenspitzen ab. Sichere Metallfinger klammerten sich in Lücken zwischen den Steinen und legten sich um geschwungenes Eisen. Der mechanische Vogel gab ein leises Krächzen von sich und hielt sich stärker an seiner Schulter fest.

Er sprintete über die Ätherröhre, während der Rauch der Fleischspieße des alten Elfen hinter ihm herwehte.

Und dann war da Wind.

Die Gerüche der Stadt drängten ihm in die Nase. Schattenkühle und Tageshitze flackerten auf und vorbei. Seine Bewegungen wurden unbekümmerter, instinktiv.

Er duckte sich um einen Schornstein oder vielleicht auch um einen Baum.

Die Räume, die er durchquerte, waren ein Nebel aus Messing und weißem Marmor. Sie waren ihm fremd. Er musste sie auch nicht kennen.

Er setzte über eine Gasse oder vielleicht auch einen Abgrund hinweg.

Er wusste, wie man rannte. Die Hitze in seinen Beinen, das Stechen in seinen Lungen, die Sonne auf seinen Schultern – das waren alte Freunde. Eine lange Jugend des Rennens über Ebenen und durch Dschungel, so schnell und lautlos wie Wetterleuchten.

Er machte einen Satz auf den Rücken eines großen Vogels – oder vielleicht auch eines Thopters – und sprang von dort aus auf eine höhere Klippe oder vielleicht auch ein Dach.

Der mechanische Vogel gab ein kurzes, sanftes Zirpen von sich. Er kam zum Stehen und atmete tief und gleichmäßig. „Wo?“, fragte er im Ausatmen. Der Vogel breitete Seidenflügel aus und flog davon.

Sie hatten den Rand des Nachtmarktes erreicht. Die Gerüche der Stadt verblassten zu Fett, Äther, Rost und Papier, das zu lange in einem Keller gelegen hatte. Hinter der nächsten Häuserzeile erklang das undeutliche, zähe Lärmen einer Menschenmenge.

Der Vogel ließ sich auf einem Haufen zersplitterter, ölfleckiger Holzbalken nieder und drehte seinen Kopf hierhin und dorthin. Er zirpte erneut.

Hinter dem Holz ... eine Tür. Sie war mit einem Verschlussmechanismus gesichert, nicht unähnlich dem in der Zuflucht der Renegaten.

Er sprang nach unten und wirbelte eine Wolke sonnengebleichten Staubs auf. Die mechanische Kreatur piepste ihn an – nicht wie ein Vogel, sondern in der Codesprache, die sie zuvor verwendet hatte. Mit heftig schlagenden Flügelchen schwirrte sie vor der Tür herum und benutzte ihren schlanken Schnabel, um eine Reihe von Blöcken darauf zu drücken. Das leise Summen einer Ätherladung verstummte und die Tür schwang auf.

„Danke“, murmelte er dem Vogel zu. Dieser piepste erneut und schoss davon.

Er ging in die kühlen Schatten.

Eine Gestalt in Zinnoberrot löste sich von der Wand. Sonnenlicht glänzte weiß auf der Spitze einer Klinge. „Wohin glaubst du –“

In den Handschuhen wurden seine Hände zu Tatzen. Er versetzte der Wache einen Schlag und keuchte ob des plötzlichen Geruchs von Blut. „Verzeihung“, murmelte er dem Bewusstlosen zu.

Mit witternder Nase drang er tiefer in die blau erleuchteten Tunnel vor, weg von der Wache. Er zog die Kapuze von Großmutters Mantel zurück und ließ seine Ohren in diese oder jene Richtung wandern. Er lauschte nach Schritten.

Der Dhund war voller unangenehmer Gerüche. Schwerer, alter Schweiß, stechend-süßlicher Urin, zu viele Menschen, die auf zu engem Raum zusammengepfercht waren. Es stank nach Verzweiflung und den Verschwundenen. Nach Zähnen im Dunkel.

Da. Schwach, aus einem Tunnel zur Linken. Sommerfrüchte, Rosen, Hyazinthen und Honig.

Er huschte durch die Tunnel, jagte dem Duft ihrer in Sonnenlicht getauchten Terrasse nach, schlüpfte um Räume voller Schritte und Stimmen.

Vor ihm ein offener Raum. Das blauweiße Licht der Nachmittagssonne.

Er kam zum Stehen, lauschte und kostete die Luft. Gemurmel, von zu vielen Echos verzerrt und zerschlagen, um es zu verstehen. Das tiefe Ächzen von Metall und ein fremdes Fauchen. Stiefel auf Stein. Gedämpfte Schritte.

Er trat vorsichtig ein.

Der Raum bestand aus Kreisen. Messingringe erstreckten sich vom Boden bis zur gewölbten Decke, verbunden durch Laufstege, die weite Bögen beschrieben. Ovale Fenster gleich unter der Traufe ließen Licht von oben hineinfallen.

Der Raum roch nach Großmutter, doch sie war nicht hier.

In der Nähe der Mitte des Raumes schenkten zwei Wachen in Zinnoberrot und Gold irgendeiner Art ... Kiste ... sehr gewissenhaft keine Aufmerksamkeit. Gedrungenes, dunkles Metall, das auf unangenehme Art zu sich selbst flüsterte und grollte. Da war ein Geruch, den er nicht kannte, eine bittere Süße, die seine Zunge bedeckte. Er konnte an einem Ende eine Tür mit einem kleinen Fenster erkennen.

Eine Faust schlug gegen das Glas. Dann eine Hand, schwach.

Von hier aus konnte er die Gesichter nicht sehen. Das musste er nicht.

Die Hand glitt nach unten.
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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Mo 24. Okt 2016, 16:18

FORTSETZUNG:

Vor fünf Monaten

Sie hatten die meisten der Türen geschlossen. Die Wolken türmten sich grau auf, ein Haufen nasse Baumwolle, die den Duft von Regen brachte.

Ajani hatte seine Besitztümer am Boden ausgebreitet. Weißer Umhang, bronzefarbene Rüstung, die gewaltige Waffe. Nashi blickte ihn von der Tür aus an, während der Riese sorgfältig zum dritten Mal sein Futon zusammenrollte. Jeden Tag brauchte er mehrere Versuche. Seine Hände waren zu groß und die Bewegungen zu fremd. Ume und Hiro hatten ihm Hilfe angeboten. Rumi hatte die Hände in die Luft geworfen und war zurück in den Garten gegangen. Sie schlug auf genau die Weise, die Tamiyo ihr verboten hatte, Räder im Nebel. Ihre Robe war patschnass und Wassertropfen perlten ihr von Nase und Ohren, wenn sie lachte.

Tamiyo war letzte Woche fortgegangen und hatte ihnen aufgetragen, sich um Ajani zu kümmern, während sie sich irgendjemandes Mond ansah.

Der Riese kniete noch immer und faltete, knotete und rollte geduldig.

„Du kannst reinkommen, wenn du möchtest, Nashi“, sagte er.

Er glitt durch den Raum auf die Axt des Riesen zu. Sie war merkwürdig: dunkel an einem und hell am anderen Ende. Er fragte sich, ob das etwas zu bedeuten hatte.

Behutsam drückte er einen Finger gegen die Kante der glänzenden Schneide. Sie wirkte dick. Harmlos. Der Riese blickte auf.

„Sollte sie nicht schärfer sein?“, fragte Nashi.

„Das muss sie nicht. Sie schneidet wegen ihrer Geschwindigkeit. Wegen ihres Gewichts..“

Er drückte fester zu.

„Sei vorsichtig. Sie ist nicht völlig stumpf.“ Der Riese hob den zusammengerollten Futon auf und legte ihn in die Truhe.

Er setzte sich auf und blickte in das Gesicht, das in die flache Seite der Klinge graviert war: ein Katzengesicht mit gebleckten Zähnen und einem langen, dünnen Bart. „Du gehst fort, oder?“

„Ja“, sagte er.

„Wo gehst du denn hin?“

Der Riese musterte ihn. „Ich will den Mann finden, der deine Familie getötet hat. Unsere Freunde haben ihn an einem Ort namens Kaladesh aufgespürt. Irgendjemand hat ihm Geld und Geheimnisse gegeben. Und er hat sie dazu verwendet, sich Macht zu erkaufen.“

Nashi kratzte seine Seite dort, wo das Fell komisch wuchs. „Ich habe ihn gesehen, weißt du? Als die Schamanen ihn getötet haben? Wir waren alle in den Wäldern. Wir haben zugesehen.“

Der Riese seufzte. „Sie hätten euch nicht zusehen lassen sollen.“

Er blinzelte. „Sie meinten, es wäre wichtig.“

„Wichtig?“ Ajani begann, die Platten seiner Rüstung anzulegen.

„Ja. Weil er uns Unrecht angetan hat. Wir mussten sehen, wie es wiedergutgemacht wird. Es ging um Ehre. Also mussten wir es sehen. Das haben sie gesagt.“ Der Himmel grollte. Er rieb sich die Nase. „Er hatte einen seltsamen Arm. Ein anderer Mann hat ihn abgeschlagen. Wenn dieser Mann etwas sagte, machte es keinen Sinn und mein Kopf hat wehgetan.“

Der Riese schob seine Waffe in die Scheide und befestigte sie an den Riemen auf seinem Rücken. Die Kante der dunklen Schneide glänzte kalt.

„Wirst du ihn töten?“, fragte Nashi.

Der Wind frischte auf und brachte die Windspiele auf der Veranda zum Klirren und Klappern. „Ich ... Ich weiß es nicht.“ Der Riese blickte auf die Terrasse hinaus und ließ die Hand auf seinen weißen Umhang sinken. Die ganze Welt roch nach aufgestautem Wasser, das sich danach sehnte, vom Himmel herabzustürzen. „Vielleicht ist das am Ende der rechte Pfad. Es gibt zu viele, die nicht darauf achten, wohin sie treten.“

Ajani nahm den weißen Umhang mit beiden Händen auf. Darauf befanden sich verblasste Muster, ausgewaschen, weißrot wie Kirschblütenblätter. Er zog sie an sein Gesicht und atmete tief ein.

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„Macht dich das traurig?“, fragte Nashi.

„Was? Nein.“ Der Riese blinzelte und richtete sich auf, während er sich mit dem Daumen unter dem Auge entlangstrich. „Dies hier gehörte einer Freundin. Elspeth. Es erinnert mich an sie.“

„Wo ist sie?

„Sie ist ...“ Der Riese strich mit den Fingern über den Stoff. Sein Auge war wie der Himmel, bemerkte Nashi. Das Blau war grau und umwölkt geworden. „... Ich habe sie verloren.“

Oh. „So wie ich meine Eltern verloren habe, meinst du?“

Der Riese schloss sein eines großes, helles Auge. „Ja.“

Nashi schluckte und blickte zu den sich auftürmenden Wolken hinauf. „Sie ist tot.“

Ein Zittern fuhr durch den Riesen. „Ja“, sagte er sanft. Heißes Glas wand sich von seiner Narbe fort. „Elspeth ist tot.“

Der Himmel grollte. Rumi rief wegen irgendwas im Garten. Er versuchte, sich daran zu erinnern, was die Schamanen ihm gesagt hatten, als Mama und Papa gestorben waren, doch er wusste nicht mehr viel davon. Alles hatte sich damals wie der Nebel im Garten angefühlt: taub und kalt und klamm. Er hatte zugesehen, wie der Mann, der es getan hatte, Blut und Schlick gehustet hatte, und er hatte nichts dabei gespürt. Vielleicht Übelkeit.

Er hatte lange Zeit gar nichts mehr gespürt. Manchmal Wut. Wenn Leute zum Beispiel meinten, er solle sie Mama und Papa nennen. Von denen hatte es eine Menge gegeben. Er erinnerte sich nicht an viele davon. Bis die Mondfrau aus der Bibliothek gekommen war und ihn nach seiner Geschichte gefragt und ihre eigene zum Tausch angeboten hatte. „Nenn mich Tamiyo“, hatte sie gesagt. „Nichts weiter.“

Der Wind wirbelte die Blütenblätter auf der Veranda auf. Er streckte den Fuß aus und hielt eines mit dem Zeh fest. „Tamiyo meint, wenn man jemanden verliert, dann ist das, als würde man verletzt werden. Ich meine, als würde man hinfallen und sich wehtun? Wenn man sich das Knie zerkratzt, dann muss es bluten, damit es besser werden kann. Und sie meinen, dass Tränen das sind, wie dein Herz blutet. Man muss sie herauslassen, damit es besser wird.“

Der Kiefer des Riesen zitterte. „Tamiyo ist sehr weise.“

„Wenn ich traurig werde, dann sitzt sie bei mir. Vielleicht kann ich bei dir sitzen?“

„Ich glaube, das würde mir gefallen.“

Der Riese rollte seine Beine unter sich zusammen, dort, am Rande der Veranda, wo die Bibliothek aufhörte und der Himmel begann. Er legte seine Axt auf das Holz neben sich. Nashi saß auf der anderen Seite und ließ die Füße in die Wolken baumeln. Das Blau des Himmels war nun beinahe verschwunden. Die Ferne murmelte.

Er legte seinen Kopf an Ajanis Schulter. Seine Arme waren so dick wie Baumstämme. „Willst du mir vielleicht von deiner Freundin erzählen?“

Der Riese sagte nichts.

„Du musst nicht.“

Die Regenwolken blitzten und grollten. Er hielt seine Tasthaare in den Wind.

„Sie wurde an einem Ort der Dunkelheit geboren“, sagte der Riese. „Sie hat nie viel darüber gesprochen. Ein Land, das vom Bösen verschlungen und von Ungeheuern beherrscht worden war. Von der Art, die dich nicht tötet. Von der Art, die dich knechtet. Sie haben sie so lange verletzt, bis sie ein Teil dessen war, wie sie andere verletzten. Sie hielt durch, weinte und träumte. Bis zu dem Tag, an dem sie sie holen wollten. Sie war in ihren Klauen, als sie sich selbst fortwünschte.“

„Sie konnte hinter der Luft wandeln“, sagte Nashi. „Wie du und Tamiyo.“

Der Riese nickte. „Sie erwachte in einem anderen Land. Es war heller, mit einem Sternenhimmel, der voller wirbelnder Farben war. Aber sie war noch sehr jung, und diese Welt ist ... nicht sehr gnädig zu jenen, die anders sind. Sie ging weiter, bis sie zu einem Ort kam, wo die Sonne warm und golden und die Menschen freundlich waren. Die gaben ihr Brot, hüllten sie in Decken und hielten sie fest, bis das Zittern aufhörte. Dort blieb sie viele Jahre. Sie lehrten sie, erst sich und dann andere zu beschützen und dann jene zu heilen, die nicht beschützt worden waren.“

Eine bleiche Hand legte sich auf den anderen Arm des Riesen. Hiroku war stumm eingetreten, wie er es immer tat, und blickte zu den Wolken auf.

„Damals traf ich sie zum ersten Mal. Damals, als die Welt sich veränderte. Sie rettete mein Leben. In gewisser Weise war es auch meine Welt, und wir kämpften gemeinsam um ihre Rettung. Doch das Land, das ihre Heimat geworden war, war vernarbt und krank von der Schlacht, und alles, was sie sehen konnte, war, was gewesen war. Sie ging immer weiter, bis sie das Beste von sich fast vergessen hatte ...“

Der Riese verstummte und blickte suchend zum Horizont. Die Ferne war grau und formlos und nebelverhangen. „Sie wurde gesucht. Von mir und anderen. Die Ungeheuer ihrer Kindheit waren zurückgekehrt und hatten ihr eigenes kahles Reich verlassen. Eine andere Welt wurde verändert, ein glänzend sauberer, kühler und guter Ort. Sie ging, um gegen sie zu kämpfen.“

Ajani hielt inne. Er blickte auf die Axt, die neben ihm auf dem Holz lag. „Ich kann mir nicht vorstellen“, sagte er, „wie es sein muss, sich den Albträumen der eigenen Kindheit zu stellen. Ihnen mit erwachsenen Augen gegenüberzutreten und zu erkennen, dass es sie wirklich gibt. Und dass sie hungrig sind. Sie ging geradewegs auf sie zu, mit zitterndem Herzen und ruhiger Hand. Sie kämpfte, bis sie nichts mehr zu geben hatte und es keinen Grund zu kämpfen mehr gab, denn alles in diesem strahlenden Land war inzwischen von Schwarz befleckt. Die Ungeheuer hatten gewonnen. Und sie floh erneut vor ihnen.“

Vetterin Ume kniete sich anmutig mit raschelnder Seide hin und faltete sich wie ein Origamischwan zusammen. Sie legte dem Riesen eine Hand auf das Knie, und ihre Lavendelaugen waren hell vor Mitgefühl.

„Sie kehrte in das Land der farbigen Himmel zurück. Dort trafen wir uns wieder. In diesem Land wurde sie zu einer berühmten Heldin und einer gefürchteten Schurkin. Sie trug eine Waffe, die von ... von denen gefertigt wurde, die glauben, uns überlegen zu sein.“ Ein Schatten legte sich auf die Stirn des Riesen und war sogleich wieder verschwunden. „Etwas war geschehen. Etwas war in ihr zerbrochen. Sie sprach nie darüber, doch man konnte sehen, wie es sie nicht mehr losließ. Sie ging immerzu, als würde sie sich gegen den Wind stemmen – die Schultern gebeugt und den Blick nie ganz nach vorn gerichtet.

Das Land war dem Ende nah. Für seine sogenannten Meister reisten wir ans Ende der Welt und traten zwischen die Sterne. Wir kämpften gegen ein Ungeheuer und siegten. Und als Dank ...“ Er krallte die Hände um die Knie und grub die großen, schwarzen Krallen hinein. „Als Dank streckte ein weiteres Ungeheuer sie nieder. Vor ... vor meinen Augen. Und ich konnte nichts tun. Nichts.“

Hinter ihnen schniefte Rumi. Sie stand in ihrer durchnässten Robe da und wirkte beschämt, während sie mit einem ihrer Ohren spielte. Sie wippte auf ihren Sohlen herum und blickte zur Tür. „Dummkopf“, murmelte sie zu sich selbst – oder vielleicht hatte er sich das nur eingebildet – und warf sich plötzlich auf die breiten Schultern des Riesen, umklammerte seinen Hals und vergrub die Nase in seinem bleichen Fell.

Ajani blickte nicht auf, legte jedoch die große Tatze auf ihre kleine, zierliche Hand. „Ich ging unter die Menschen“, sagte er. „Ich erzählte ihnen ihre Geschichte, so wie ich sie gesehen habe. Sie mussten es erfahren. Sie mussten sich erinnern. Sie musste wichtig sein. Ich ging und sprach und ich ruhte nicht, bis die Worte Wurzeln geschlagen hatten und von selbst wuchsen. Es war wichtig. Und es bedeutete ... dass ich nicht nachdenken musste.“

Sie waren nun alle um ihn herum versammelt und lauschten schweigend seiner Geschichte. Vetterin Ume. Der große Bruder Hiro, die große Schwester Rumi. Der Himmel blitzte und grollte.

„In den Geschichten, die mein Volk erzählt – in den alten, in denen, die wichtig sind –, verliert die Heldin ihren Mentor. Sie lebt, trauert und zieht aus, die Welt zu retten.“

Die Wolken grummelten. Pausbäckige Regentalismane drehten sich und tanzten an ihren Schnüren. Nashi wusste nicht, was Tamiyo an seiner Stelle gesagt hätte. Also sagte er nichts. Manchmal sagte auch Tamiyo nichts und es war genau richtig.

Schließlich flüsterte Ajani: „Ich hätte es sein sollen. Nicht sie.“

Seine großen Hände zitterten. Die scharfen, eingezogenen Krallen, die langen Zähne, die Arme wie Baumstämme.

„Meine Heldin ist tot“, sagte er rau. „Und alles, was sie wollte, alles, wofür sie so sehr gekämpft hatte, war ... ein Zuhause. Die einfachste Sache. Die winzigste.“

Nashi legte die Arme um den Riesen, konnte ihn jedoch nicht einmal zur Hälfte umschließen. „Es ist gut, es herauszulassen“, sagte er. „Wir sind alle bei dir.“

Ajanis Schultern sackten ein und bebten. Er bedeckte die Augen mit einer Hand.

Der Regen setzte ein.

Die Kinder saßen bei ihm und um ihn herum, ein Wald aus Händen auf seinen Schultern und Armen und Rücken und Knien. Sie sagten nichts. Sie atmeten nur.

Es regnete sehr, sehr lange.
__________

Eine Faust schlug gegen das Glas. Dann eine Hand, schwach.

Von hier aus konnte er die Gesichter nicht sehen. Das musste er nicht.

Die Hand glitt nach unten.

Sie töteten sie.

Wie

Langsam.

Können sie

Qualvoll.

Es wagen?

Ajani sprang mit gebleckten Zähnen über die Brüstung.

Der Umhang, den ihm Großmutter geschenkt hatte, glitt ihm im Flug von den Schultern und entblößte das Weiß darunter.

Er klickte die Halterungen in seinen falschen Händen. Sie lösten sich und fielen ab.

Er fuhr durch die Luft wie ein Sommerblitz, hell und lautlos.

Es war, als hätte die Axt seine Tatzen nie verlassen.

Er rannte auf den Ballen, ein endloser Sturz vorwärts.

Irgendwo hinter ihm klapperten die Handschuhe auf den Boden.

Ein Mann starrte entsetzt zu ihm auf. Dunkles Haar. Dünner Schnauzbart. Braune Augen. Eine Woge stinkender, klebriger Angst stieg von ihm auf.

Ajani zielte auf seine Kehle.

Manchmal vergessen Menschen wie wir, wie groß unsere Füße sind.

Alte Magie stieg in ihm auf und strich ihm den Rücken entlang. Genau wie es mit Tenoch gewesen war, vor so vielen Monden in einem so weit entfernten Leben, dass es nun wie die Sage eines anderen erschien. Die Augen der Wache weiteten sich zu schwarzen Löchern aus Furcht, und Ajani sprang durch sie hindurch, um nach dem titanenhaften Licht zu suchen, das hinter ihnen lag.

Einen endlosen Wimpernschlag lang hielt er den schimmernden Palast der Seele des Mannes in seiner Handfläche und wog ihn ab.

Eine Jugend, in der er sich fehl am Platze fühlte und nur grau sah, wo Farben waren. Der Anblick eines enttäuschten Vaters. „Einfach kein Erfinder, schätze ich.“ Ein Leben im Hintergrund der anderen, darauf wartend, dass etwas geschah. Liebe für eine Frau mit einem langen Zopf und Fingern, die stets vom Blitz verbrannt waren. Ein Säugling, der lachte, wenn er Grimassen schnitt. Ein freier Morgen, an dem er mit der Sonne erwachte und die kleine Küche mit dem Geruch von Brot und Gewürzen erfüllte.

Eine Schneeflocke mit unzähligen glitzernden Facetten. Hier und da, vergraben in schamtiefen Abgründen, waren verzerrte Schemen, ja, dunkle Augenblicke ... So klebrig und hartnäckig, dass auch eine ganze Lebzeit des Scheuerns daran sie nicht hätte fortwaschen können.

Doch weitaus weniger als auf Ajanis eigener Seele.

Kein Planeswalker. Kein Schurke.

Nur ein Mann.

Ajani verdrehte den Fuß und veränderte den Winkel der Schneide seiner Axt.

Sie hieb über den Brustpanzer der Wache. Metallsplitter schlitterten über die Marmorfliesen. Er taumelte zu Boden und wurde von der Wucht des Aufpralls umhergeschleudert.

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Kein Blut.

Die andere Wache stolperte zurück und versuchte, mit unsteten Fingern ihr Schwert aus der Scheide zu ziehen. Ajani wirbelte herum und funkelte sie lange aus seinem einen Auge an, um dann die dunkle Schneide seiner Axt mit einem leisen Klirren auf den Marmor prallen zu lassen.

Der Mann ließ sein Schwert fallen und versuchte, zur Tür zu gelangen. Er würde Alarm auslösen. Es war nicht viel Zeit.

Ajani spähte zu der Steuerung für das Behältnis. Hebel und Zahnräder, sich drehende Teile und blinkende Lichter. Er konnte sich keinen Reim auf sie machen. Es spielte keine Rolle.

Er hieb die helle Klinge seiner Axt in die Lücke zwischen der Tür und der Wand. Knurrend warf er sich dagegen und drückte. Atemzug um Atemzug, Schritt für Schritt, Arme und Beine zitternd und brennend vor Anstrengung hebelte er die Maschine auf.

Die Tür brach mit einem donnernden Krachen aus den Angeln. Grüner Rauch quoll nach oben fort.

Eine Elfe mit smaragdgrünen Augen saß im Schneidersitz vor ihm und hielt ein bewusstloses, rothaariges Mädchen in den Armen. „Frau Pashiri?“, fragte er sie.

Die Elfe nickte über die Schulter. „Dort.“ Sie hob das rothaarige Mädchen hoch, als wöge es nichts, und trat beiseite, um ihn einzulassen. Ihr Blick wich dem seinen aus. „Ich ... Ich habe getan, was ich konnte.“

Großmutter lag mit geschlossenen Augen da. Sie atmete kaum. Doch ihr Gesicht wirkte friedlich und ihre Hände waren über dem Bauch gefaltet. Wie an jedem anderen Nachmittag, wenn er sie schlummernd auf dem Sofa auf der Veranda vorgefunden hatte. Die Ruhe eines wohl gelebten Lebens.

Als er sie geduckt aus der Kammer trug, regte sich das rothaarige Mädchen in den Armen der Elfe. Sie hustete schwach und blinzelte. „Nissa“, krächzte sie. „Lass mich runter, ja?“

Er legte Frau Pashiri vorsichtig auf den Marmorboden. Silberne Zöpfe breiteten sich um sie herum aus. Er legte ihr eine Hand auf den Bauch und schloss die Augen. Brackiges Gift hatte sich in ihren Lungen und Adern angesammelt und ließ ihr Blut gerinnen und zu Asche verdorren. Er sandte leuchtende Fäden aus Magie durch sie hindurch, brannte das Schwarz fort und füllte ihr Blut mit sauberer Luft.

Ihre Lider flatterten und sie hustete. Er half ihr, sich aufzusetzen. „Geht es dir gut?“, fragte er leise.

„Ajani“, lächelte sie. Dann kniff sie die Augen zusammen und setzte ihre beste strenge Miene auf. „Du siehst dünn aus.“ Sie tätschelte ihm die Wange. „Hast du genug gegessen?“

Ein tiefes Grollen stieg in seiner Kehle auf. „Ja, Großmutter.“

„Teufel noch eins!“. Das rothaarige Mädchen schnappte nach Luft und hustete erneut trocken und abgehackt. Er blickte auf und sah, wie sie nach dem Arm der Elfe griff, als ihr die Knie versagten und der Husten stärker wurde, bis er sie beinahe entzweiriss. Ein Blutstropfen zitterte in ihrem Mundwinkel.

Nissa atmete bei seinem Anblick scharf ein und rieb ihr den Rücken. „Du solltest dich setzen“, sagte sie. Ihre seltsamen Augen verzogen sich sorgenvoll. „Bitte, Chandra.“

„Mein Hals ist nur ein bisschen trocken“, keuchte das rothaarige Mädchen. „Es geht gleich wied–“. Ein neuerlicher Hustenanfall schüttelte sie. Rot spritzte auf die Fliesen. „Oh. Das ist nicht gut ...“

Vorsichtig half Ajani Frau Pashiri auf die Beine. „Entschuldige mich“, sagte er zu ihr und wandte sich den anderen beiden Frauen zu. „Halte sie fest.“ Die Elfe nickte und richtete Chandra auf.

„Hui, großes Kätzchen“, keuchte Chandra. Ihr Atem roch nach heißem Kupfer. „Du hast ja Arme wie Gids.“

Er fragte sich, was Gids waren. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und schloss die Augen.

Das Donnern ihres Herzens war ohrenbetäubend. Stark, drängend. Kein Wunder, dass das Gift ihr Blut so rasch verbrannt hatte. Silberne Fäden heilender Magie schossen durch sie hindurch, säuberten die Unreinheiten und linderten Tausende kleiner Risse. Ihr Atem wurde ruhiger und langsamer.

Er öffnete die Augen. „Du wirst es eine Zeit lang ruhig angehen lassen müssen“, sagte er. „Ich habe das Gift entfernt, aber deine Lungen ...“

„... werden schon wieder“, sagte sie und zog ihre Schulter unter seiner Hand fort. Sie zwang sich zu einem Lächeln und wischte sich mit dem Handrücken das Blut vom Mund. „Danke. Das meine ich ernst.“

Nissa sagte nichts, nickte ihm jedoch mit zarter Dankbarkeit zu. Sie hatte die Hand nicht von Chandras Rücken genommen.

Aus dem Gang klangen Rufe. Die Wachen versammelten sich.

„Du als Nächstes“, sagte er zu der Elfe, obgleich sie kaum von dem Gift in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Sie schüttelte allerdings den Kopf und spähte in Richtung des Donnerns näherkommender Stiefel. „Mir geht es gut. Kennst du einen Weg hier hinaus?“

Die Luft in seinen Ohren schwirrte vom abgehackten Surren herannahender Thopterflügel. In der hinteren Ecke des Raumes zerbarst ein Fenster. Glas fiel einem Windspiel gleich in einer Wolke aus Splittern zu Boden. Der Vogel aus Messing flatterte durch den Raum, tschilpte drängend und ließ sich auf seiner Schulter nieder. Nissa blickte die mechanische Kreatur verblüfft an, scheinbar unschlüssig, ob sie sie als Wunder oder als Schrecken betrachten sollte.

„Wir werden von jemandem mitgenommen“, sagte Ajani zu ihr, als ein Seil vom Fenster herabgeworfen wurde.

„Ajani, hattest du vor, das einfach hierzulassen?“, schalt Großmutter ihn von der anderen Seite des Raumes aus und bückte sich, um seine Handschuhe aufzuheben. „Gan Ghaheer hat wochenlang an ihnen gearbeitet.“

Er würde ... es später erklären.

Der Wächter, den er niedergeschlagen hatte, stöhnte zu seinen Füßen und rollte sich auf Hände und Knie. Beim Anblick von Stiefeln erstarrte er und blickte langsam, zögernd auf.

„Geh heim zu deiner Familie“, sagte Ajani zu ihm.

Der Mann blickte voll Entsetzen und Staunen zu ihm auf. „Du wirst mich nicht töten?“

„Ich töte nicht“, sagte Ajani. „Nicht mehr.“

Veröffentlicht in Magic Story on Oktober 5, 2016

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Mi 26. Okt 2016, 19:40

An ebenjenem Ort


Chandra und Nissa machten sich mithilfe von Frau Pashiris Kontakten auf Kaladesh auf die Suche nach Chandras Mutter Pia. Anstatt sie jedoch tatsächlich zu finden, gerieten sie in eine Falle in einem unterirdischen Gefängniskomplex des Konsulats. Nur die rechtzeitige Ankunft des Leoniden-Planeswalkers Ajani rettete sie vor einer tödlichen Entscheidung. Besorgt über Tezzerets Anwesenheit auf Kaladesh, war Liliana ohne die anderen fortgegangen, während der Rest der Wächter – Jace und Gideon – auf Ravnica geblieben waren.

RAVNICA

Das Karnarium war belebt, laut und voller Bewusstseine. Gaukler schwangen mit blitzenden Zähnen an langen, an der Decke befestigten Ketten. Jace saß in der mittleren Reihe, außerhalb der Reichweite der Akrobaten und Feuerspucker, aber dennoch voll im Gelächter und im Lärm.

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Der Izzet-Magier, der neben ihm saß, trug einen Mizzium-Handschuh, der von Energieströmen durchflossen war. Jace spürte die Besorgnis hinter Ral Zareks elektrischer Aura. Er öffnete ein mentales Ohr zum Bewusstsein des Magiers.

Der Gildenbund ist ein –", war der laute und klare Gedanke in Rals Geist, gefolgt von einer vielfarbig vulgären und verblüffend bildhaften Salve aus Verwünschungen.

Jace seufzte hörbar.

Ral lachte verhalten. „Ich wollte nur sehen, ob Ihr wirklich meine Gedanken lesen könnt."

Test erfolgreich", dachte Jace. Er wandte den Blick der Bühne und den Rakdos-Gauklern zu. Nur ein ganz gewöhnlicher Zuschauer, fest in Lärm gehüllt. „Wir hätten das auch in der Halle des Gildenbundes tun können, wisst Ihr? Es sei denn, Ihr wolltet Euch wirklich eine Vorstellung ansehen."

All Eure offiziellen Besucher werden erfasst und vermerkt", dachte Ral. „Es ist nicht sicher."

Also war Ral nicht als besorgtes Mitglied der Izzet-Gilde hier. Er wollte mit Jace als Planeswalker sprechen. „Worum geht es denn dann?"

Ein ungewöhnliches Weltenwandeln." Rals Bewusstsein zögerte – entweder weil er seinen Worten Nachdruck verleihen wollte oder um zu überlegen, wie er den nächsten Gedanken formulieren sollte. „Irgendjemand hat Ravnica auf eine Weise verlassen, die ... anormal ... war."

Was? Wer? Woher wisst Ihr das?"

Ihr habt die Wolken draußen gesehen, Beleren. Lasst mich doch nicht die ganze Arbeit machen."

Projekt Leuchtkäfer?"

Na geht doch."

Jace runzelte die Stirn. „Ich dachte, das wurde eingestellt, nachdem wir die Ergebnisse sabotiert haben."

Offiziell ja." Rals Gedanken begannen, um sich selbst zu kreisen. Bilder magisch erzeugter Gewitter und empfindlicher Sensormechanismen trieben durch sein Bewusstsein, gemeinsam mit Erinnerungen an das sorgfältige Ersinnen von Halbwahrheiten, während Niv-Mizzets heißer Atem über ihn hinwegstrich.

Jace kam nicht umhin, den Blick zur Seite zu wenden, um Rals Gesichtsausdruck zu sehen. Sorge legte die Stirn des Mannes in Falten.

Rals Bewusstsein fuhr fort: „Die Detektoren schlagen noch immer an, wenn jemand weltenwandelt. Von Zeit zu Zeit sehe ich mir die Ergebnisse an, aber meistens verberge ich sie einfach nur vor Niv-Mizzet und meiner Gilde. Ich wandte mich erst an Euch, als ich Vraskas Weltenwandeln bemerkte."

Jace war deutlich unbegeistert, den Namen der Gorgo zu hören.

Sie hat Ravnica verlassen", dachte Ral. „Ohne Ziel."

Ohne Ziel?"

Sie ist nicht zu einer Welt gereist. Sondern nur von einer fort."

Das ergibt keinen Sinn."

Ganz genau."

Ein Fehler der Detektoren?"

Ral winkte ungeduldig ab. „Das Experiment ist hervorragend verlaufen. Die Muster der Abreise waren authentisch, aber der Endpunkt wurde als Anomalie aufgezeichnet. Vraska wurde seither nicht mehr gesehen. Als wäre sie ins Nichts gereist."

Jace sah das elektrische Muster in Rals Bewusstsein – das aufgezeichnete Weltenwandeln, das ganz klar an einem Punkt endete, an dem sich nichts befand. Er spürte, wie sehr das Ral Sorgen bereitete. Kein anderer Befund in seinem Experiment hatte dieses Muster ergeben.

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Das ist faszinierend", dachte Jace. „Augenblick. Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr immer noch sehen könnt, wenn ich Ravnica verlasse?"

Erst nach Zendikar, dann nach Innistrad, richtig?" Ral schaute noch immer den Gauklern zu, doch seine erhobenen Augenbrauen galten allein Jace. „Werdet Ihr diesmal länger bleiben? Oder müssen wir damit rechnen, dass Ravnica schon bald erneut ohne seinen Gildenbund auskommen muss?"

Das ist ... Ähm ... Ral, hört zu –"

Ral stand auf, um zu gehen. „Ich dachte jedenfalls, dass Ihr davon erfahren solltet. Vraska hielt nicht sonderlich viel von Euch, wenn ich mich recht entsinne."

Ich ... Danke. Ral, wartet."

Jace kletterte über verärgerte Zuschauer hinweg und folgte Ral aus dem Theater. „Ral ..." Auf der Straße schloss er endlich zu dem Izzet-Magier auf.

„Hört auf, Euch Sorgen zu machen", sagte Ral und wedelte mit dem Handschuh. „Ich verrate nicht all Eure Geheimnisse. Bedenkt nur, dass es jene gibt, die liebend gern genau die Position innehätten, die Ihr Euch erschlichen habt. Vielleicht solltet Ihr Euch etwas mehr anstrengen, solange Ihr noch hier seid, ja?"

„Das werde ich", sagte Jace. Dann dachte er an Lavinia, die davon überzeugt war, dass Jace in diesem Augenblick in seinem Arbeitszimmer war, über einen Stapel Papiere gebeugt, um seinen Pflichten bei der Aufrechterhaltung des zerbrechlichen Gleichgewichts zwischen den Gilden nachzukommen. Oder vielleicht hatte sie die fleißige Illusion bereits bemerkt, die er zurückgelassen hatte, und schrie gerade „GILDENBUND!", wie sie es immer tat.

Ein Finger tippte auf Jaces Schulter. Er drehte sich um und Liliana stand vor ihm, umgeben vom schwachen Duft einer anderen Welt.

Sie warf Ral einen Blick zu und schaute Jace mit Grabesmine an. „Du. Kaladesh. Gehen wir."

Ral verschränkte die Arme und hob diese vielsagenden Brauen so hoch es nur ging.

Jace knirschte mit den Zähnen und sagte grummelnd: „Das ist kein guter Zeitpunkt."

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„Mir doch gleich", sagte Liliana. „Das hier ist wichtiger." Sie hob gebieterisch die Schultern, aber Jace fiel auf, dass sie mit den Füßen wippte. Ihr übliches, leicht grausames Necken war durch kurze, barsche Forderungen ersetzt worden.

„Hast du Chandra gefunden?"

„Ich habe jemand anderen gefunden", sagte sie. „Tezzeret. Am Leben und wohlauf."

Jace sah sich plötzlich außerstande, kräftig zu schlucken, und hustete erstickt.

Liliana funkelte den Himmel, die Pflastersteine und die Räder eines vorbeifahrenden Händlerkarrens an und sah im Grunde überall hin, außer zu Jace. Sie sprach mit tiefer Stimme: „Ich weiß. Ich bin genauso unglücklich damit, dich zu fragen, wie du. Hätte ich irgendeine andere Wahl ... Pass auf. Komm nach Kaladesh. Bring den Fleischklops mit."

Ehe Jace antworten konnte, begann ihre Gestalt durchschimmernd zu werden. Es sah ihr nicht ähnlich, mitten auf der Straße vor jemandem, den sie nicht kannte, eine Welt zu verlassen. Als sie fort war, blickten Jace und Ral einander an. Jace hatte Mühe, Worte zu finden.

„Lasst mich raten, Gildenbund", sagte Ral. „Ihr ..." Jace zuckte mit den Schultern und breitete die Hände in völliger Ermangelung einer brauchbaren Entschuldigung aus. „... müsst gehen." Jace zog ein winziges Stückchen die Schultern hoch.

Ral warf Jace einen finsteren Blick zu, schüttelte den Kopf und ging davon. Jaces Verstand ersann eine Reihe möglicher Erklärungen, doch keine davon schien angemessen. Stattdessen sammelte er sich, holte Atem und machte sich in eine Gasse auf, um Gideon zu holen.
__________

KALADESH

Nissa suchte nach den Wachen. Es schien, als wären sie für den Augenblick sicher – sie und Chandra, die gemeinsam mit Frau Pashiri und dem großen Katzenmann unter einer Brücke haltgemacht hatten. Keine Soldaten des Konsulats, keine Dhund-Agenten – nur das Summen der Stadt um sie herum. Eines dieser gewaltigen, schweren Fahrzeuge ratterte über die Brücke über ihnen. Sonnenlicht flackerte über die Lücken in den Gleisen. Nissa keuchte ob des Gewirrs aus Licht und Klang, aber zumindest waren sie Barals Falle entkommen.

„Das war eine gute Sache, die du da getan hast, Ajani", strahlte Frau Pashiri, blies die Wangen auf und hielt sich an einem Büschel Fell an seinem Bizeps fest, um auf den Beinen zu bleiben. „Danke."

„Du hast mir einen Schrecken eingejagt, Großmutter", grollte Ajani sanft.

„Danke, Ajani", sagte Nissa. Sie hatte noch kein Wesen wie ihn auf Kaladesh gesehen und fragte sich, wie sie ihre knifflige Frage wohl am besten stellte. „Bist du schon ... lange hier?"

„Dort, wo ich herkomme, bin ich weniger ... auffällig", sagte Ajani und legte sich seinen Umhang um die breiten Schultern. „Wir haben Tezzerets Bewegungen von hier aus seit Wochen verfolgt."

Frau Pashiri tätschelte Ajanis große Tatze. „Chandra suchte ebenfalls nach jemandem. Ihre liebe Mutter Pia. Sie wurde von Tezzerets Soldaten gefangengenommen."

Nissa blickte Chandra mit wachsender Sorge an. Die Pyromagierin tigerte wie ein aufgeregtes Schaupferd umher und trat gegen die Mosaiksteine auf der Straße.

„Ich bringe Großmutter Pashiri in Sicherheit", sagte Ajani. „Und dann sollten wir uns aufteilen und unsere Suche über die Stadt ausdehnen."

„Gut", sagte Nissa. „Wenn wir alle zusammenarbeiten, werden wir sicher eine Vorstellung davon bekommen, wo sie ... Wo sie vielleicht .... Chandra, was ist los?"

Chandra war zu einer Flammensäule geworden. Sie stand stocksteif da und schaute zur anderen Straßenseite. Ihr Haar stand in Flammen. Sie folgten ihrem Blick an den Seiten der Türme hinauf.

Die Banner hatten sich entrollt und entfalteten sich mithilfe irgendeines Mechanismus entlang der Türme. Sie waren groß und identisch und überlebensgroß mit einem Bildnis aus schwungvollen Linien bedruckt. Ein stilisierter Oberster Preisrichter Tezzeret stand hoch erhoben inmitten von Säulen aus Licht. Über seinem Kopf spannten sich gewaltige Buchstaben. „ERFINDER! KOMMT UND WERDET ZEUGE DES SCHAUSPIELS DES JAHRHUNDERTS!"

In einer Ecke des Banners leuchtete von hässlich gezackten Linien umgeben eine Karikatur Pia Nalaars.

Die Buchstaben darunter verkündeten: „DER OBERSTE PREISRICHTER TEZZERET TRITT DER VERBRECHERISCHEN RENEGATIN PIA NALAAR ENTGEGEN. DER ULTIMATIVE KAMPF DER GENIALITÄT. DIE GROSSE AUSSTELLUNG."

Und weiter stand da: „MORGEN ZUR MITTAGSSTUNDE."

„Chandra", sagte Nissa sanft.

„Er fordert mich heraus", sagte Chandra. „Ich muss mich ihm stellen."

„Das tut er. Aber wir sind gerade erst einer Falle entkommen ..."

„Meine Mutter ist am Leben. Das ist alles, was zählt."

Nissas Blick pendelte zwischen Frau Pashiri und Ajani hin und her.

Ajani nickte. „Das ist alles, was zählt. Doch wir vier werden nicht genug sein, um ..."

Drei bewaffnete Soldaten des Konsulats überquerten die Straße und kamen auf sie zu. Einer von ihnen deutete geradewegs auf Nissa. „Da sind sie – da drüben!"

Instinktiv versuchte Nissa, die lebendigen Wurzeln unter der Straße zu erspüren, und bereitete sich darauf vor, sie wachsen und die Beine der Soldaten umschlingen zu lassen. Mit einem Blick nach oben fragte sie sich, ob sie die gesamte Brücke einreißen konnte, um ihre Flucht zu begünstigen. Ajani knurrte und griff nach dem Heft der großen Doppelaxt auf seinem Rücken. Chandra stand bereits in Flammen, aber ihre Finger krümmten sich, als sie sich zu ihnen umdrehte und kleine Kometen aus Feuer bereit machte. Selbst Frau Pashiri handelte: Sie zog einen kleinen Automaten hervor, der mit ineinandergreifenden Zahnrädern wirbelnd zum Leben erwachte.

Als sich die Soldaten näherten, verschwammen ihre Konturen jedoch und ihre Gestalten verblassten. Ihre Körper schienen wie Wasserfarben von einer Leinwand gewaschen zu werden, auf der dadurch nach und nach etwas anderes zutage kam. Als die sonderbare Verzerrung abebbte, sahen ihre Gesichter vertraut aus: Jace, Liliana und Gideon.

„Offenbar ist dies hier eine Angelegenheit für die Wächter", sagte Jace.

Nissa ließ ihren Zauber fallen und strich sich mit einer Hand übers Gesicht. „Eure Verkleidungen sehen ein bisschen zu überzeugend aus. Wir waren gerade dabei, euch sehr schwer zu verletzen."

„Wir versuchen nur, nicht aufzufallen", sagte Jace. „Wir hörten, dass Tezzeret hier ist?"

„Das ist er. Und er hat Chandras Mutter", sagte Ajani.

„Was macht denn der Leonide hier bei euch?", fragte Liliana und musterte Ajani.

„Was sind die Wächter?", fragte Ajani und blickte auf sie herab.
__________

Anders als die Aberhunderte von anderen Thoptern, die über der Stadt kreisten, hing dieser eine Thopter einfach nur in der Luft.

Er sah genauso aus wie diese Aberhunderte von anderen Thoptern – mit den surrenden Rotoren und der Linse, die unter der gläsernen Hornhaut umherschwirrte. Dieser eine Thopter jedoch hatte auf seiner Route angehalten und schwebte in der Luft. Er richtete die Linse auf einige Menschen und menschenähnliche Geschöpfe auf der Straße, und eine winzige Messingblende schnappte schnell mehrfach auf und wieder zu. Eine Reihe interner Zahnräder und Prismen verwandelten die reflektierten Lichtbilder in kristallisierten Äther, der auf kleinen Kupferplatten gefror, welche an einer Trommel im Chassis des Thopters angebracht waren.

Zufrieden klappte dieser eine Thopter die Stabilisatoren ein, setzte die Hilfsrotoren in Bewegung und gewann an Höhe.

Der Thopter sauste über die Dächer und immer weiter, vorbei an einem Schwarm in V-Formation vorüberziehender Kraniche auf dem Weg gen Süden. Er winkelte die Flügelklappen an, um der Flugbahn eines besonders neugierigen Sceadas auszuweichen, stieg höher und höher hinauf, bis er auf einen dunklen Fleck am Himmel zuhielt. Eine kleine, runde Pforte öffnete sich im enormen, hölzernen Bauch des Luftschiffs Himmelsfürst. Die Himmelsfürst nahm den Thopter auf und verschlang ihn. Die Öffnung schloss sich sanft.

Der Thopter landete mit dem Bauch nach unten auf einer Reihe mechanischer Greifarme, die an einem Fließband befestigt waren. Seine Rotoren kamen surrend zum Stehen. Die Greifer umfingen den Thopter, als das Band ihn durch einen lichtlosen, mechanischen Schacht im Leib der Himmelsfürst beförderte. Plötzlich ließen sie los und den Thopter ins Licht rollen, wo er auf einem schnelleren Fließband durch die Aufklärungsbrücke der Himmelsfürst getragen wurde. Hier trudelte er und hüpfte von einem Fließband zum nächsten, bis er klickend an einem reich verzierten, metallenen Karussell andockte. Dieses begann sich zu drehen und beförderte den Thopter in menschliche Hände.

Konsul Kambal stellte den Thopter auf einem Schreibtisch ab. Er schnippte die Kappe eines Werkzeugs ab, wand es in den Bauch des Thopters und öffnete eine Platte. Er entfernte die Trommel mit den Bildern und hielt sie gegen das Licht. Bei jedem murmelte er vor sich hin. Er wählte ein besonderes aus – eines, das sein Ziel zeigte: Nalaar, die Tochter der Ersten Renegatin. Sie und ihre Kumpanen hatten die Banner entdeckt.

„Wo ist der Kurier?", blaffte Konsul Kambal.

Eine junge Frau erschien, die Hände an den Nähten ihrer Uniform. „Eine Nachricht, mein Herr?"

„Benachrichtigen Sie Inspektor Baan. Der Köder ist ausgelegt. Zur Konfiszierung bereithalten."
__________

Pia schaute auf das Metall an ihren Handgelenken hinunter und dachte an ihre Tochter. Juwelenartige Handfesseln bissen in Pias Haut, genau wie sie damals in Chandras Haut gebissen hatten, an jenem Tag, als Chandra elf Jahre alt gewesen war. Pia lehnte sich mit der Schulter gegen die Wand eines Wartungstunnels hinter der Arena, an die man sie gekettet hatte. „Hinter der Bühne."

So muss es auch für sie gewesen sein, dachte sie. Das Warten. Heiße Demütigung staute sich auf. Genau wie an jenem Tag würde ein Mann der Menge entgegenlächeln und einen metallenen Arm für ein Spektakel der Gewalt vorbereiten. Es war sogar dieselbe Arena. Pia vermutete, dass dies als besondere Schmähung für sie gedacht war. Dies war der Ort, an dem Chandra die Reihen nach ihrer Mutter abgesucht hatte, ehe sie dieser Welt entrissen worden war.

Pias größte Hoffnung war es, Chandra heute nicht in den Reihen zu sehen. Bleib einfach fort, liebe Tochter, dachte sie. Bleib in Sicherheit. Bleib am Leben. Die Banner verkündeten, dass es sich hierbei um ein Schauspiel im Flinkschmieden handelte: ein Duell der Erfinder mittels behelfsmäßiger Materialien zwischen dem Obersten Preisrichter und der berüchtigten Ersten Renegatin. Doch sie wusste, wie Lügen funktionierten. Tezzeret würde sie nicht nur für die Erfindermesse vorführen. Sie war ein Köder.

Sie konnte die Lautsprecher in der Arena durch die Wände hören. Ein Ansager verkündete, dass Rashmi beim Wettstreit den ersten Preis gewonnen hatte. Jubel brach los. Die Stimme des Obersten Preisrichters war ein knisterndes Beispiel brillanter Rednerkunst, als er all die Vorzüge des großen Privilegs beschrieb, an seiner Seite arbeiten zu dürfen. Mehr Jubel, wenn auch freudloser und von den Korridoren gedämpft.

Ein Offizier traf mit dem Klirren zweier Schlüsselringe ein. Pia blickte nicht auf, bis der Mann sprach. Sie hatte seine Stimme erkannt – sie war voller rauer Bosheit.

„Bereit, deine Rolle zu spielen, Nalaar?", fragte Baral und nahm die Maske ab. Die bleichen Brandnarben auf der einen Seite seines Gesichts verzerrten sein Lächeln und ließen seine Backenzähne hervorblitzen.

Pia zerrte kurz an ihren Fesseln, beherrschte sich jedoch rasch wieder. Eine Woge aus Abscheu durchströmte sie, aber sie hob das Kinn und schaute an ihm vorbei. „Warum auch immer du so sehr von meiner Familie besessen bist", sagte sie, „und welcher kranke Teil deines Verstandes dir auch immer einredet, dass unsere Bestrafung dir irgendwie auch nur einen Hauch von Würde und Wert verleihen würde – all das spielt keine Rolle. Denn nichts, was du tust, kann ihr ein Leid zufügen."

„Oh, du hast es bestimmt nur noch nicht gehört", tadelte Baral sie. „Sie haben nach dir gesucht. Traurigerweise am völlig falschen Ort. Der Rettungsversuch einer Tochter, der grässlich fehlschlug."

Sie warf ihm einen entsetzten Blick zu, erinnerte sich jedoch daran, dass sie das Gesicht eines Lügners vor sich hatte. Sie starrte wieder zur Arena und presste Worte durch die Zähne hervor, eines nach dem anderen. „Wenn du ihr auch nur ein Haar gekrümmt hast ..."

„Das werden wir beizeiten sehen, nicht wahr?", meinte Baral. „Wird sie hier sein? Wenn Tezzeret dich dort draußen demütigt, wird sie dir zu Hilfe eilen?"

Bleib einfach fort, Tochter, dachte sie. Bitte tu einmal, was deine Mutter dir sagt.

„Es ist Zeit, Erste Renegatin", sagte er. „Wenn du mir bitte folgen möchtest?"

Er nahm ihre Fesseln und zog, aber sie riss die Handgelenke nach hinten und ging aus eigener Kraft.

An einer kurzen Treppe, die in das Gleißen der vom Mondlicht erhellten Arena hinaufführte, hielten sie inne. Wachen des Konsulats geleiteten die Elfe Rashmi und eine Reihe anderer Erfinder an ihnen vorbei die Stufen hinunter. Sie waren in eine atemlose Diskussion vertieft. Aufregung schwebte über ihnen wie Duftwasser, so stark, dass sie nicht einmal bemerkten, wie Baral Pia die Fesseln abnahmen oder wie die Wachen sie sanft von ihren preisgekrönten Erfindungen trennten.

„Und nun, Freunde und Bürger", gurrte der Ansager. „Bleiben Sie bitte auf Ihren Sitzen für den letzten Akt der heutigen Ausstellung. Das Duell im Flinkschmieden, das zweifellos das Gesprächsthema der gesamten Messe sein wird. Lassen Sie mich den ersten Wettstreiter verkünden: Ihren ehrbaren Direktor der Messe ... den Obersten Preisrichter Tezzeret!"

Pia hörte den Jubel nun nicht einmal mehr. Ihre Gedanken rasten. Durch die Tür spähte sie auf die Tribünen. Sie konnte keine Renegaten entdecken, keine Chandra, niemanden, den sie kannte. Tezzerets Leute mussten die Eingänge streng bewacht und all ihre Verbündeten aufgehalten haben – vielleicht war sie doch kein Köder. Ihre einzige Hoffnung war es, so unterhaltsam wie möglich zu sein und das Publikum für sich zu gewinnen – alles zu tun, um einer Zelle und Handfesseln fernzubleiben.

„Ich bin so froh, dass ich hier sein kann, um das mitzuerleben", sagte Baral grinsend mit entblößten Backenzähnen. „Ich würde um nichts in der Welt die Gelegenheit verpassen wollen, mich zu verabschieden."

Was sollte das nun wieder bedeuten? Kälte breitete sich in ihrer Magengegend aus.

Der Ansager rief sie in die Arena. „Und nun, Freunde und Bürger, sein Gegner", dröhnte die Stimme. „Sie ist die verurteilte Ätherverbrecherin, die daran scheiterte, Ihnen Ihre Erfindermesse zu verderben ... Pia Nalaar!"

Baral trieb sie mit der stumpfe Seite einer Klinge an, und sie trat in einen Chor aus Jubel und Buhrufen. Sie ging auf ihre Position und musterte Tezzeret. Er stand auf der anderen Seite der Arena und machte sich nicht einmal die Mühe, die Zuschauer anzustacheln. Vor ihr stand ein Behälter, der mit einem bestickten Tuch abgedeckt war. Ein identischer Behälter stand vor Tezzeret.

Die Stimme des Ansagers begann als ein Flüstern und steigerte sich immer mehr zu einem manischen Kreischen. „Nun, in dieser historischen Arena, kommen wir zur finalen Herausforderung. Nun wird sich entscheiden, wer von diesen beiden der größte Erfinder ist. Schauen Sie genau auf dieses Duell, Bürger von Ghirapur, denn es wird wahrlich über das Schicksal unserer Stadt und unserer Welt bestimmen. Lasst das Duell ... beginnen!"

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Pia zog das Tuch von dem Behälter und begutachtete rasch dessen Inhalt. Eine Ansammlung von Zahnrädern und Metallplatten. Ein paar Stücke geblasenen Glases. Eine einfache Ätherleitung. Einige rudimentäre Werkzeuge. Nicht viele Möglichkeiten. Nicht viel, was eine Menge spannend unterhalten würde.

Sie schaute kurz auf. Tezzeret wühlte bereits durch seine Bauteile. Er hatte schon etwas mit Beinen halb fertig gebaut. So schnell!

Sie rammte die Hände in den Behälter mit Bauteilen, und als sie das Metall berührte, erwachte ihre erfinderische Intuition. Sie nutzte ihre Stärken – Einrasten, Anpassen und Punktschweißen. Sie ließ die Komponenten ihr verraten, was sie sein wollten, so wie in ihren frühen Tagen als Erfinderin ... und langsam formte sich ein einfaches Gerät mit vier Flügeln. Sie verlieh ihm ein schmales Chassis der Geschwindigkeit wegen und einen Stachel als Nase. Wäre nur Kiran hier ... Er hätte für etwas mehr Wendigkeit sorgen und dem Publikum vielleicht etwas mehr bieten können, was nach seinem Geschmack war ...

Konzentriere dich. Bring es nur zum Fliegen.

Sie befestigte die Ätherleitung am Antrieb und der Thopter erwachte zum Leben – mit einem hörbaren „Ohhh!" des Publikums. Sie schickte ihn surrend Tezzeret entgegen und hoffte, dass er ihn ablenken würde, während sie an ihrem nächsten Entwurf arbeitete.

Tezzeret hatte bereits eine Art silbrigen Krabbler gebaut. Das Ding entrollte sich und wuchs, bis es ihn überragte und einen Unterbauch voller scharfer Zangen und Beine präsentierte. Die Zuschauer applaudierten frenetisch. Wie hat er das aus den vorgegebenen Teilen gebaut? Versucht er denn überhaupt, nicht zu betrügen? Der Thopter umkreiste Tezzeret. Sein Stachel schnitt um seinen Kopf herum durch die Luft. Tezzeret schlug ihn mühelos beiseite, während er den Krabbler auf sie zuschickte.

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Flink fertigte sie einen einfachen Servo und schweißte ihm noch die Platten fest, als er schon auf den Krabbler zusauste, der vorwärts huschte und den Servo auseinanderriss. Pia hatte jedoch eine Überraschung darin verborgen: einen kleinen Zünder. Der Servo zerbarst in eine Kugel aus Rauch und Splittern und sprengte dem Krabbler die Beine weg. Eine starke Reaktion der Menge. Vielleicht kann ich mehr tun, als das Unvermeidbare hinauszuzögern. Vielleicht kann ich gewinnen.

Pia sprang vor, um Teile von Tezzerets Krabbler zu bergen. Wenig überraschend war er voller Teile, auf die sie keinen Zugriff hatte – und da waren sogar Metalle, die selbst sie nicht identifizieren konnte. Sie wühlte durch das Chassis und begann, es für eine andere Schöpfung auszuschlachten, immer in der Hoffnung, dass ihr Thopter ihren Gegner ablenkte.

Sie kämpfte weiter und verband Bauteile zu kühnen neuen Entwürfen. Doch ganz gleich, wie viel Gewitztheit in ihren Geräten steckte – Tezzeret erwiderte sie stets mit etwas, was schneller, stärker und robuster war. Sie war sich sicher, dass ihre Baukunst die seine bei Weitem übertraf, aber dennoch verschlangen seine Gräte ihre eigenen und zehrten ihren Vorrat an Bauteilen auf.

Sie drehte sich um, um zurück zu ihrem Behälter zu eilen, aber ein spitzes Metallbein stach sich in den Boden neben ihr und sie stolperte. Sie blickte auf und sah einen neu erschaffenen, krabbenartigen Automaten, an dessen Bein ihr Thopter aufgespießt war. Er flatterte schwach mit den Flügeln und regte sich nicht mehr.

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Sie spähte zu Tezzeret hinüber. Er schlenderte in ihre Richtung und hob seine metallene rechte Hand. Metallstreifen bogen sich auf sein Geheiß in unnatürlicher Weise und wurden zu einer kleinen Schar weiterer Automaten mit scharfen Beinen. Sie erhoben sich, eine silberschultrige und gesichtslose Armee, die sie einzukreisen begann.

Das Publikum rief Tezzerets Namen und bejubelte seinen Sieg.

„Du hast verloren, Nalaar", sagte Tezzeret gerade laut genug, dass sie es hören konnte. „Und nun, an ebenjenem Ort, an dem deine Tochter Gerechtigkeit für ihre Verbrechen erfahren hat, werde ich Gerechtigkeit für die deinen üben."

Er hob den Arm und die Armee silberner Automaten marschierte auf sie zu. Das Metall auf der Brust des nächsten verformte sich zu einer spitzen Gliedmaße, die nur dazu geschaffen war, Dinge aufzuschlitzen. Tezzeret hielt den Arm hoch und blickte mit funkelnden Augen auf sie herab.

Er unterhält nicht nur die Zuschauer, dachte sie. Er wird mich töten.

Tezzeret ließ den Arm herniederfahren und seine metallene Schöpfung griff an. Pia versuchte, sich aus dem Weg zu rollen oder den unausweichlichen Hieb abzuwehren ...

Der Automat verbeulte sich, taumelte und krachte auf die Seite. Er rauchte aus einer heiß glühenden Wunde. Die Menge hielt den Atem an und wandte sich der Ursache des Defekts zu. Der Feuerstoß war aus den Reihen der Zuschauer gekommen – von einer verärgert aussehenden jungen Frau mit feurigen Haaren.
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Noch nicht!"

Wie oft habe ich es dir jetzt schon gesagt, Jace?", dachte Chandra. „Nicht. Meine. Liebsten. Worte!"

Chandra sprang von den Tribünen auf den Boden der Arena. Der Illusionszauber hatte sein Möglichstes getan, sie zu verbergen, brach aber schimmernd zusammen, als sie ihre Pyromagie einzusetzen begann.

Wir müssen verstehen, was hinter seiner Anwesenheit hier steckt", kamen Jaces drängende Gedanken. „Halte ihn beschäftigt!"

Ihre Mutter wirkte erstaunlich streng. „Chandra, verschwinde von hier. Sofort", sagte sie. „Es ist eine Falle!"

„Öhm, ja, ich weiß?" Chandra sammelte Mana für einen neuen Zauber. „Und ich bin hier, um dich aus ihr zu befreien."

„Das ist genau das, was er wollte!", herrschte ihre Mutter sie an. „Lass mich zurück und geh. Sofort, junge Dame!"

„Ich bin nicht mehr jung", erwiderte Chandra. „Und ich werde dich nicht noch mal verlieren!"

„Bist du es – die kleinere Nalaar?" Tezzeret rieb seine verschieden großen Hände aneinander. „Trittst du dem Wettstreit bei, den deine Mutter gerade verloren hat? Ach, wie rührend."

Chandra konnte sehen, wie sich die von dem Familiendrama entzückten Zuschauer überall um sie herum in ihren Sitzen vorbeugten. „Ich werde nicht gegen dich anschmieden, Tezzeret", sagte sie. „Aber ich werde dich besiegen."

„Aber hier?", gurrte Tezzeret. „In ebendieser Arena? Wagst du es, dich mir an demselben Ort zu stellen, an dem du beinahe –"

„JA", beharrte Chandra. „Ich hab‘s verstanden. Ich sollte hier hingerichtet werden. Sehr poetisch. Können wir jetzt bitte kämpfen?" Sie konzentrierte sich auf einen Punkt auf ihrer Handfläche und eine Kugel aus Feuer wuchs in ihrer Hand.

Ein Raunen ging durch das Publikum. Soldaten des Konsulats eilten herbei, um Chandra zu umzingeln und zu verhaften. Tezzeret jedoch hob die Hand, um ihnen Einhalt zu gebieten. Er beriet sich kurz mit einem der Soldaten, entließ ihn dann und wandte sich erneut Chandra zu. Seine Automaten drehten sich wie Marionetten mit ihm.

„Ich werde mich dir stellen, Kind", verkündete Tezzeret nun für das Publikum. Seine Automaten machten einen Schritt vorwärts. „Doch nur du allein gegen mich wäre wohl kaum ein gerechter Kampf."

Chandra spaltete ihre Feuerkugel und ihre beiden Fäuste standen in Flammen. „Niemand hat irgendetwas von einem gerechten Kampf gesagt."

Ein Schar Illusionen löste sich hinter Chandra auf, und einer nach dem anderen enttarnte sich eine Gruppe Planeswalker.

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Ihre Gefährten zogen die Waffen und bereiteten Zauber vor. Chandra bemerkte, dass Tezzeret seinerseits einen kaum wahrnehmbaren Schritt rückwärts machte.

Nach einem Augenblick des Schweigens erhoben sich die Zuschauer unter einer Kakophonie aus Rufen aus ihren Sitzen. Soweit es diese Leute betraf, dachte Chandra, war dies alles nur Teil des Schauspiels, das dramatische Finale der Messe. „Erledige sie, Oberster Preisrichter!", rief jemand. „Tretet ihm in den Hintern, Renegaten!", erwiderten andere. Ein paar Stimmen riefen aus: „Tezzeret betrügt!"

Chandra", erklang Jaces Stimme in ihrem Kopf. „Ich glaube, seine Automaten blockieren irgendwie meine Telepathie. Du musst uns irgendwie dichter heranbringen."

Also Metall in die Luft jagen", dachte Chandra. „Alles klar."

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Sobald sie sah, dass Ajani und Gideon vorstürmten, um ihre Mutter zu schützen, streifte Chandra alle Hemmungen ab. Feuer flog und rammte wie Fäuste in Tezzerets Maschinen, um sie der Reihe nach zu Boden zu schicken. Ein Automat schmolz auf der Stelle. Einer kam nahe genug heran, um nach ihrer Seite zu schlagen und ihr einen Kratzer an der Wange zu verpassen, wurde aber sofort zum Herzstück eines spontan gewachsenen Rankengartens.

Nach einem Wink von Tezzerets gekrümmter Metallklaue bog sich Metall und formte sich zu neuen Mechanismen, die unter Chandras Feuerstößen davonkrochen und sich aus Nissas Ranken befreiten. Als sie näherkamen, teilte Chandra Faustschläge aus, die zu Feuerstößen wurden. Sie war sich vage bewusst, dass Gideon und Liliana ihre Flanke schützten und Ajani und Nissa einen verirrten Automaten erledigten, der ihre Mutter bedroht hatte.

Die Zuschauer brauchten einen Augenblick, sich für eine Reaktion zu entscheiden. Offenes Zauberwirken ohne mechanische Hilfsmittel war selten auf Kaladesh. Doch dann konnte Chandra hören, wie sie beschlossen, dem Spektakel zuzujubeln.

Tezzeret stolperte zurück, und zum ersten Mal glaubte Chandra ein Zögern vor seinem nächsten Angriff zu sehen. Sie wandte ihre Gedanken an Jace. „Hast du ihn schon lesen können??"

Nein", dachte Jace. Sein mentaler Zustand ließ das Wort wie einen Fluch klingen. „Irgendetwas blockiert mich immer noch."

Beeil dich!"

Er ist zu abgeschottet", erwiderte Jace. „Wir haben deine Mutter. Ich glaube, wir sollten jetzt gehen."

Chandra blickte zu ihrer Mutter und dann wieder zu Tezzeret. „Ich glaube, ich sollte dem allem ein Ende machen. Gleich hier.. Die Flamme in ihrer Faust erstreckte sich nun über ihren Arm, und ihr Blick war vom Feuer verzerrt.

Jaces Gedanken klangen warnend. „Chandra, wenn er daran gedacht hat, sein Bewusstsein zu verschließen, dann war er hierauf vorbereitet. Er wusste, dass wir alle kommen würden. Wir haben einen Fehler gemacht ..."

Chandras Faust schloss sich und verdichtete das Feuer zu einem winzigen Punkt blendender, sengender Hitze. Sie biss die Zähne zusammen und zitterte. „Ich könnte einfach ..."

Lilianas Gedanken durchdrangen die Telepathie laut und klar: „Erledige ihn."

Ein gewaltiger Schatten glitt über die Arena und Chandra blickte auf, um zu sehen, wie das Luftschiff Himmelsfürst den Himmel verdunkelte. Sein majestätischer Rumpf überschattete die gesamte Arena, als es mit dem dröhnenden Brummen seiner Motoren in der Luft schwebte. Ein gewaltiges Geschütz drehte sich an seiner Unterseite. Es knisterte vor Äther und zielte nach unten. Es feuerte nicht, aber es drohte zu feuern.

Mit einem breiten Grinsen verkündete Tezzeret der Arena: „Und damit ist die Erfindermesse beendet. Zu den brillanten Erfindern dieser Welt sage ich: Danke." Er verneigte sich anmutig und erhob sich auf einer Säule aus filigranem Stahlgeflecht vom Boden.

Ein Panharmonikon spielte eine Hymne, und festliches Feuerwerk leuchtete über den Türmen um das Stadium herum auf. Die Geräusche klangen grell und eigenartig vor dem vollkommenen Schweigen der Menge.

Chandras Blick huschte zwischen dem heißen Punkt in ihrer Handfläche und Tezzerets höher aufsteigendem Gesicht hin und her. Er zog sich zurück. Nachdem er ihre Mutter bedroht hatte, entkam er nun.

„Es ist vorbei", Nissa leise neben ihr, und Chandra war verblüfft, wie verzweifelt sie darauf gehofft hatte, dass ihr das jemand sagte. „Ein anderes Mal. Es ist vorbei."

Chandra nickte ihr zu und unterdrückte eine brausende Woge aus Dankbarkeit und Erleichterung. Das verdichtete Feuer in ihrer Hand löste sich in Nichts auf.

Als elfjähriges Kind hatte Chandra quer durch diese Arena geschaut, die Reihen abgesucht und sich an die schwache Hoffnung geklammert, das Gesicht ihrer Mutter zu entdecken. Es war ihr nie gelungen. In diesem Augenblick schaute sie erneut quer durch die Arena und sah sie einfach dort stehen.

Ihre Mutter breitete die Arme aus. Chandra rannte auf sie zu und warf sich hinein.

Chandra hatte sich diesen Augenblick wohl tausende Male ausgemalt, während sie auf das rauchende Vulkangestein des Keralberg-Klosters geblickt hatte. Hätte sie nur einen Augenblick mit ihrer Mutter – wie wäre das wohl? Würde sie noch immer leicht nach Schweißerfett und Rosenblüten duften? Was würde sie sagen? Welche bedeutsamen Worte könnte sie denn nur finden, die ihre Zuneigung, ihre Dankbarkeit und ihr Sehnen ausdrückten, wieder daheim bei ihr und in Sicherheit zu sein?

Sie öffnete den Mund, ihr Blick verschwamm und alles, was aus ihr heraussprudelte, war: „Mutter ... es tut mir leid."

Ihre Mutter murmelte tröstliche Worte in ihr Haar, zog sie zu sich heran und drückte sie innig.

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Über ihnen stieg Tezzeret höher und höher. Das Stahlgeflecht entfaltete sich weiter und weiter, um ihn in die Luft zu heben. Die Himmelsfürst empfing ihn in ihrem Rumpf, der sich hinter ihm wieder schloss. Das Panharmonikon spielte noch immer seine hohle Feiermusik. Das Publikum verstummte, als die Himmelsfürst langsam wendete und davonflog und der Himmel wieder heller wurde.

Erst als die Menschen die Arena zu verlasen begannen, hörte Chandra sie protestierend rufen. Sie bewegte sich durch die Menge, den Arm um ihre Mutter gelegt, und die anderen folgten ihr hinaus. Sie bemerkte die neuen Strähnen von Eisengrau im dunklen Haar ihrer Mutter und die Falten in ihrem Gesicht, als die Menge angespannt auszusehen begann und sich nach und nach lautstarke Panik ausbreitete.

Eine Frau mit verschlungenen goldenen Verzierungen um ihr Kleid herum tauchte auf und blickte Chandra und deren Mutter geradewegs an. „Meine Name ist Saheeli Rai", sagte sie, „und ich muss mit Ihnen sprechen. Und mit Ihnen auch, Madame." Ihre Miene war todernst.

„Was gibt es?", fragte Chandra. „Was ist denn los?"

„Die Erfindungen. Sie sind fort."

„Was?", machten Pia und Ajani gleichzeitig.

„Ich glaube, sie haben Rashmi und die anderen mitgenommen", fuhr Saheeli fort. „Zusammen mit jedem Gerät, das auf dem Wettstreit vorgeführt wurde. Die Siegererfindungen. Die Herzensprojekte. Rashmis Durchbruch. Alles ist fort. Mitgenommen. Ich habe gesehen, was Sie auf der Messe getan haben ... Können Sie helfen?"

Nun konnte Chandra verstehen, was die Menschen um sie herum riefen. Sie waren Erfinder, Teilnehmer am Wettbewerb. „Meine Schöpfung!" „Ich habe alles in diesen Entwurf gesteckt!" „Wie konnten sie ihn einfach mitnehmen?" Zahlreiche Soldaten des Konsulats und Automaten kamen näher. Sie konnte sich nicht erinnern, beim Betreten der Arena so viele Sicherheitskräfte gesehen zu haben.

„Das war Tezzerets Plan", sagte Pia stirnrunzelnd. „Das alles war nur eine einzige gewaltige Ablenkung."

„Wir müssen dieses Stadium verlassen und uns neu sammeln", sagte Jace. „Und dann müssen wir ihn aufhalten. Er hat irgendetwas vor."

Ajani grollte tief. „Er bautirgendetwas."

Veröffentlicht in Magic Story on Oktober 12, 2016

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Re: Kaladesh

Beitrag von Judge Fredd » Mi 2. Nov 2016, 20:20

Der Dank des Konsulats


Der Metallmagier Tezzeret hatte vor, an Pia Nalaar ein Exempel zu statuieren, indem er sie zu einem öffentlichen Duell herausforderte. Die Planeswalker der Wächter jedoch – angelockt durch Tezzerets Anwesenheit auf Kaladesh – unterbrachen den Zweikampf und befreiten Pia aus der Gefangenschaft des Konsulats. Tezzerets Pläne sind allerdings nie geradliniger Natur, und selbst das öffentliche Spektakel diente einem anderen Zweck – wie Dovin Baan bald erfahren wird ...

Dovin Baan schüttelte verärgert den Kopf. Überall um ihn herum entfaltete sich ein unvollkommener Plan zu völligem Chaos.

Auf dem gesamten Messegelände beschlagnahmten die Soldaten von Sicherheitschefin Ranaj auf ihre typisch grobschlächtige Art Erfindungen, während Automaten eine kaum verhohlene Bedrohungskulisse aufbauten, um der Autorität der Vollstrecker Nachdruck zu verleihen. Zu allen Seiten war Streit ausgebrochen, hier und da kam es zu Handgemengen und Erfinder drückten lautstark die erwartete Bandbreite an Gefühlen aus: von wütender Empörung bis hin zu niederschmetternder Verzweiflung. Und über allem lag eine Panik, ein Drängen der Menge weg von der Arena, wo Tezzeret eigentlich gerade seine Vorstellung gegen die Renegatin Pia Nalaar zu Ende hätte bringen sollen. Doch Tezzeret war mit dem Flaggschiff des Konsulats zum Ätherturm hinaufgetragen worden, wohin folglich auch Dovin gelangen musste – durch all dieses Chaos.

Hätte Tezzeret mich einfach konsultiert, bevor er die Vollstrecker aussandte, dachte Dovin, würde das alles so viel reibungsloser vonstattengehen.

„Sie!“, herrschte er eine Vollstreckerin in der Nähe an, deren Schärpe sie als Offizierin kennzeichnete. „Es ist erforderlich, diese Menschenmenge aufzulösen, bevor sie sich zu einem gewaltsameren Ausdruck ihres Verdrusses hinreißen lässt.“ Die Offizierin folgte seinem ausgestreckten Finger und nickte bestätigend. Sie öffnete den Mund, um seine Anweisung weiterzugeben, doch er war noch nicht fertig.

„Weiterhin muss dieser Mann dort etwas vorsichtiger mit seinem Schwert umzugehen lernen, bevor er noch einem Bürger – oder sich selbst – einen Arm abhackt. Dieser Karren dort kann das Gewicht jenes sogenannten „Manaschatzes“, der auf ihm verladen wird, nicht tragen, und Sie müssen sicherstellen, dass es keinem Ihrer Vollstrecker in den Sinn kommt, ihn zu betreten.“ Er war es gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass dieses Gerät – eine Erfindung der ätherologischen Gesellschaft – auf der Messe zur Sicherheit der Besucher eingezäunt worden war. Er zuckte zusammen, als eine Achse unter dem Gewicht des Geräts brach und sechs kräftige Soldaten in dem Versuch umherstolperten, es daran zu hindern, auf einen von ihnen herunterzukippen.

Die Offizierin rannte auf die Katastrophe zu, vergaß in ihrer Eile all seine anderen Mahnungen und Dovin seufzte. Es war also an ihm, das nächste Unglück zu verhindern. Er eilte auf die Schar trotziger Erfinder zu und griff sich unterwegs zwei Vollstrecker.

„Gehen Sie weiter, Bürger“, sagte er. „Zu Ihrer eigenen Sicherheit.“ Er schubste die beiden Soldaten vor sich und sie begannen, die Leute zu verscheuchen. Gut. Weiter.

Ah, wieder zu spät! Der Tollpatsch mit dem Schwert hatte sich bereits geschnitten. Glücklicherweise war die Wunde weit weniger schwer, als sie hätte sein können, und jemand kniete schon neben ihm, um ihm den Arm abzubinden. Dovin nickte zufrieden, dass diese Versorgung der Verletzung ausreichend war, zeigte sich aber noch immer irritiert darüber, dass sie sich überhaupt als nötig erwiesen hatte.

In der Nähe wiegte eine Erfinderin einen eleganten Thopter in den Armen, als wäre er ein Kind. Als ein Vollstrecker auf sie zutrat, sah Dovin sofort, wie sich alles abspielen würde: Der Vollstrecker würde ihr das Ding aus den Armen reißen, die Erfinderin würde ihren Ärger hinausschreien und versuchen, sich den Thopter wiederzuholen, und dann würde der hinter dem Vollstrecker aufragende Bastion-Automat sie festhalten müssen. Würde es so viel länger dauern, es richtig zu machen? Die Marke vorzeigen, das Anliegen vortragen, versprechen, den Thopter mit allergrößer Vorsicht zu behandeln, und sich vergewissern, dass er mit dem Namen der Erfinderin versehen ist.

Doch offensichtlich war das zu viel verlangt. Ehe er am Ort des Geschehens hätte eintreffen können, spielte alles sich genau so ab, wie Dovin es vorhergesehen hatte, und der Automat musste die Erfinderin so lange in Schach halten, bis sie sich abwandte und – offenkundig zum Handeln bereit – in die andere Richtung davonstürmte.

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Es war ein unvollkommener Plan, der schlampig ausgeführt wurde. Von seinem geliebten Konsulat hatte er mehr erwartet. Doch andererseits war er es auch gewohnt, konsultiert zu werden und die Gelegenheit zu haben, derartige Pläne zu verfeinern, bevor sie umgesetzt wurden, anstatt hinterher die Scherben aufzulesen. Das Konsulat hatte seine Talente erkannt und so war er zum leitenden Inspekteur aufgestiegen, um neue Entwürfe zu begutachten und Sicherheitsstandards festzusetzen. Auch Tezzeret hatte sein Potenzial erkannt: seine Fähigkeit, nicht nur in Erfindungen, sondern auch in den verzwickten, komplexen Abläufen der Bürokratie des Konsulats, der Erfindermesse und Tezzerets eigenem Aufstieg an die Macht Unzulänglichkeiten aufzuspüren. Ja, auch Letzteres war Dovin aufgefallen, und er hatte dem Metallmagier unmerklich dabei geholfen, den einen oder anderen Makel in seinem Plan zu bereinigen. Und dafür hatte Tezzeret ihn belohnt.

Was war nur geschehen?, fragte er sich.

Hatte er aus irgendeinem Grund Tezzerets Gunst verwirkt? Machte Tezzeret ihn für die Ankunft dieser anderen Planeswalker verantwortlich? Dovin spürte, wie er trotzig wurde. Diese anderen Planeswalker – die „Wächter“ – zu kontaktieren, war unter den Umständen und mit den ihm damals zur Verfügung stehenden Informationen die bestmögliche Herangehensweise gewesen. Das konnte Tezzeret ihm kaum übel nehmen.

Nun, der Schaden war angerichtet. Die Planeswalker waren hier und die Vollstrecker taten das, was Tezzeret ihnen aufgetragen hatte. Und es war an Dovin Baan, alles zu richten, so wie er tatsächlich alles in der Stadt richtete, was er im Rahmen seiner Fähigkeit richten konnte. Seine Talente hatten auch ihre Schattenseiten ... Man brauchte nur zu bedenken, wie schwer es ihm fiel, Fehler, die er bemerkte, unkorrigiert zu lassen. Er konnte nicht danebenstehen und zusehen, wie seine Stadt, sein Konsulat ins Chaos gestürzt wurden.

Als er sich weiter dem Turm näherte, schallte ein Geräusch wie von einer Trompete über den Platz. Gleich voraus schwang ein erlesen gefertigtes biotronisches Konstrukt nach dem Abbild eines Elefanten – der Erfinder hatte sich sogar die Mühe gemacht, sein lautes Schmettern zu imitieren – den Kopf hin und her und stieß mit den riesigen, gewundenen Stoßzähnen Vollstrecker zu Boden. Die Soldaten versuchten, sich darunter wegzuducken oder die biotronische Bestie mit ihren Speeren zu stechen, aber die Speerspitzen klapperten wirkungslos gegen seine Metallplatten. Dovin schürzte die Lippen, während er auf den Tumult zueilte.

Ich kann nicht überall dort sein, wo ich gebraucht werde, dachte er, um die Folgen dieser Fehlentscheidungen zu mildern.

Er griff nach dem Arm eines Vollstreckers und zog ihn gerade rechtzeitig zurück, um dem ausschlagenden Rüssel des Elefanten zu entgehen. „Hören Sie“, sagte er.

„Ich bin hier ziemlich beschäftigt“, erwiderte der Vollstrecker barsch.

„Wenn Sie ohne Plan beschäftigt sind, dann könnten Sie genauso gut nichts tun“, sagte Dovin. „Aufgemerkt und aufgepasst.“

Der Vollstrecker blinzelte ihn verwirrt an und Dovin ergriff die Gelegenheit zu einer Erklärung. „Schauen Sie hin. Stößt man mit dem Speer in Richtung der Kehle des biotronischen Tiers, so erhebt es sich auf die Hinterbeine. Jedes Mal. Danach tritt es mit den Vorderbeinen. Los, sagen Sie es ihnen.“

„Zielt auf die Kehle!“, rief der Vollstrecker und einer seiner Begleiter gehorchte.

Mit einem Trompeten bäumte sich der Elefant auf und trat mit beiden Vorderbeinen, um den gehorsamen Vollstrecker aufs Pflaster zu schicken. Dovin seufzte.

„Sehen Sie dort“, sagte er und deutete auf den Bauch des Elefanten. „Die Qualität der Arbeit dort ist mangelhaft, typisch für Renegaten. Ein Kabel in der Nähe der Hüften liegt frei, wann immer es sich auf diese Weise aufbäumt. Alles, was nötig ist, ist, dieses Kabel zu durchtrennen, um den gesamten Automaten zum Zusammenbrechen zu bringen.“

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Der Vollstrecker nickte und warf sich zurück ins Getümmel, um zu tun, was Dovin ihn geheißen hatte. Dovin verschränkte die Arme und hielt ein Auge auf den Elefanten gerichtet, während er die Menge nach dem Biotroniker absuchte, der für diese Unordnung verantwortlich war.

„Ah“, sagte er, als er einen Elfen in der Menge erspähte.

Er trat vor und griff nach den Schultern einer anderen Vollstreckerin. „Die Aufgabe, das Kabel zu durchtrennen, fällt nun Ihnen zu“, sagte er zu ihr. Er drehte sie ein wenig nach links, gerade als sein neuester Schüler den Elefanten erneut zum Aufbäumen brachte.

„Los doch“, sagte er und schubste sie sanft nach vorn.

Der Elefant drehte sich leicht, als sie sich näherte, und schlug mit dem Rüssel nach ihr. Sie wich ihm aus – Gut gemacht, dachte Dovin – und schaffte es, das freiliegende Kabel mit ihrer Stangenwaffe zu erwischen. Sie verlagerte ihren Griff, zog, die Klinge durchschnitt das Kabel, der Elefant fiel –

Und sein Rüssel ließ den elfischen Biotroniker zu Boden taumeln.

Dovin zeigte ihn den Vollstreckern. „Nehmen Sie diesen Elfen in Gewahrsam für diesen Aufruhr.“ Und damit schritt er weiter – Keine Ablenkungen mehr! – auf den Ätherturm zu, um Tezzeret zu finden.
__________

Dovin erreichte den Turm und sah Tezzeret durch einen Gang stolzieren und Befehle blaffen. Er beeilte sich, um den Obersten Preisrichter einzuholen, und legte eine Hand auf Tezzerets Arm.

Hastig zog er die Hand zurück, als er gezacktes Metall unter dem Ärmel spürte. Natürlich. Er hatte schon vermutet, dass diese leuchtende Kralle, die aus dem Ärmel ragte, ein bestimmtes Gerät war, das vielleicht an Tezzerets Arm befestigt war, doch nun erkannte er, dass sie Teil des Arms war – ausgehend von seiner kurzen Berührung konnte er sogar Rückschlüsse auf die genaue Form unter dem weiten Stoff ziehen. Eine Ersatz-Gliedmaße? Und weit davon entfernt, elegant zu sein, wenngleich die Hand auch ausgesprochen funktional wirkte. Interessant. Eigenartig, dass Dovin das noch nie zuvor aufgefallen war. Hatte Tezzeret es verborgen gehalten?

„Was gibt es, Baan?“, fragte Tezzeret. Seine Haltung signalisierte Ungeduld, während sein Gesicht versuchte, unerschütterliche Ruhe auszustrahlen.

„Was ist denn das?“, erwiderte Baan und gestikulierte mit dem Arm hinter sich, um das Chaos der sich auflösenden Erfindermesse in seiner Gänze mit einzuschließen. „Welche Umstände könnten denn wohl derart drakonische Maßnahmen notwendig machen?“

Tezzeret deutete mit der Metallhand über Dovins Schulter. „Ich nehme an, Sie haben nicht gesehen, was in der Arena vorgefallen ist?“, meinte er.

„Ihr Erfinderduell mit der Renegatin? Ein überdramatischer Zug mit endlosem Potenzial für eine Katastrophe, worauf ich Sie, wenn ich mich recht erinnere, hingewiesen habe, sobald Sie mir Ihre Absichten mitteilten.“

„Ich bezog mich im Besonderen auf diese Meute aus sechs Planeswalkern, die dieses Duell unterbrachen und sich mit der Renegatin aus dem Staub gemacht haben.“ Tezzerets Gesicht zeigte nun klar seine Verärgerung. „Ich erinnere mich nicht daran, dass Sie diese mögliche Katastrophe vorausgesehen hätten.“

Dovin zählte an seinen Fingern ab. Da war natürlich die junge Nalaar, die durch ihre Ankunft das Spektrum möglicher Ausgänge der Situation stark erweitert hatte. Der Telepath, die Elfe, der Krieger, die Nekromagierin. Er hielt seinen kleinsten Finger fest. Wer war der sechste?
„Sie haben die Renegaten ermutigt“, sagte Tezzeret. „Die Lage gerät außer Kontrolle.“

„Doch war all dies wirklich nötig? Warum ihre Erfindungen beschlagnahmen und dann noch auf eine solch grobschlächtige Art? Ein kurzer Blick auf den Platz hätte ergeben, dass diese Handlung nur für weitere Provokationen sorgen und, wie Sie korrekt sagten, jene ermutigen würde, die sich der Autorität des Konsulats widersetzen.“

„Ruhig, Baan. Es ist ja nicht so, als stehlen wir ihre Erfindungen. Wir bewachen sie. Wir wollen doch nicht, dass derart kostbare Gerätschaften bei einem Angriff der Renegaten beschädigt werden?“

„Es gibt keinen Grund, in dieser Angelegenheit meine Meinung zu ändern, aber –“

„Und diese Gerätschaften sind nicht vollständig erprobt, wie Sie sehr wohl wissen. Sie sind nicht sicher. Wir können nicht so viel unlizenzierte Technologie einfach in der Stadt herumstehen lassen.“

„Das wäre selbstverständlich verantwortungslos“, sagte Dovin. „Doch es wäre produktiver gewesen, das vernünftig zu erklären. Anstatt Ranajs Vollstrecker auszuschicken, um Geräte aus den Händen ihrer von Trauer überwältigten Besitzer zu reißen, hätten wir Bürokraten mit Formularen zum Ausfüllen, komplizierten Zusicherungen und beruhigenden leeren Worten entsenden können.“

„Dazu ist keine Zeit“, knurrte Tezzeret.

Interessant, dachte Dovin. Tezzerets gesamte Haltung änderte sich, nur für einen kurzen Augenblick – als hätte ein Wutanfall von ihm Besitz ergriffen, seinen Körper einen Wimpernschlag lang zusammengedrückt und ihn dann ebenso schnell wieder freigegeben.

Dovin schlug einen besänftigenden Tonfall an. „Ich bin sicher, dass es immer lohnenswert ist, sich mehr Zeit zu nehmen, um den Frieden und die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Es ist zweifellos wahr, dass einige dieser Gerätschaften großes Potenzial haben, Personen und Eigentum zu beschädigen –“

„Ja. Ganz erhebliches Potenzial. Sehen Sie das nicht? Es ist wesentlich besser, wenn das Konsulat diese Dinge an sich nimmt und untersucht, anstatt dies wer weiß wem zu überlassen. Wir können sie weiterentwickeln, verbessern, perfektionieren.“

Dovin hielt einen Augenblick inne. „Ja, natürlich. Eine solche Entwicklung war schon von Beginn an bei der Planung der Erfindermesse ausschlaggebend. Der Fortschritt der Technologie zugunsten der Gesellschaft unter dem wachsamen Blick des Konsulats. Warum also –“

„Und wer wäre besser dazu geeignet, diese Bemühungen anzuleiten, als Sie?“

Dovin blinzelte und war einen Augenblick sprachlos. „Ich?“ Selbstredend war das die logische Wahl. Gerade eben hatte er noch geglaubt, Tezzerets Gunst verloren zu haben, und nun bot er ihm eine enorm wichtige Position an.

„Bevor ich Sie jedoch mit einer solch gewaltigen Aufgabe betrauen kann, müssen Sie etwas für mich klären. Diese anderen Planeswalker. Sie haben sie hergebracht?“

„Nun, streng genommen habe ich das nicht, nein. Ich habe einige von ihnen hierher eingeladen als Schutz vor einem möglichen Sicherheitsrisiko auf der Erfindermesse, insbesondere der Gefahr durch die Renegaten um Pia Nalaar. Die Planeswalker lehnten meine Einladung jedoch ab. Erst dann bekam die junge Nalaar Wind von meiner Einladung und kam auf eigene Faust hierher. Ich habe nur eine von ihnen mitgebracht. Die Elfe. Nissa.“

„Und sehen Sie, das bereitet mir Sorgen, Baan“, sagte Tezzeret und legte seine Hand aus Fleisch und Blut auf Dovins Schulter. „Ich schätze Ihre Voraussicht. Ihre Interaktion mit diesen Planeswalkern wirkt wie ein ganz und gar untypischer Fehler.“

Ein Fehler? Dovin runzelte die Stirn. „Tatsächlich war meine Entscheidung genau die richtige angesichts der mir zur Verfügung stehenden Informationen. Wer ist angesichts einer Gefahr durch die Renegaten besser geeignet, diese abzuwenden, als eine Gruppe selbst ernannter Helden mit solch gewaltiger Macht? Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auf die Seite jener Renegaten schlagen, war verschwindend gering, und es geschah nur aufgrund eines persönlichen Grolls, den vorherzusehen mir unmöglich war.“

„Und dies ist das Ergebnis“, sagte Tezzeret. „Sie treten mir in der Arena entgegen. Ich bin gezwungen, schneller zu handeln und ... so grobschlächtig, wie Sie es zu Recht nannten. Sie haben mich zum Handeln gezwungen.“ Er spannte die Metallhand an und Dovin machte unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Sie müssen das in Ordnung bringen, Baan. Sie haben recht, dass diese Ereignisse die Renegaten anstacheln werden. Also halten Sie sie auf. Ich brauche ein sicheres Inquirium, in dem ich ohne Furcht vor Angriffen der Renegaten arbeiten kann. Die konfiszierten Erfindungen müssen für Ihre Untersuchung eingelagert und katalogisiert werden. Die Bastion muss in ständiger Alarmbereitschaft und bereit sein, sich jeder denkbaren Bedrohung zu stellen. Wir müssen sie daran erinnern, dass wir hier den Ton angeben.“

„Sie brauchen ein Inquirium?“, fragte Dovin. „Wozu?“

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„Ich habe meine eigenen Forschungen anzustellen“, sagte Tezzeret und setzte seinen Weg den Gang hinunter fort. Dovin eilte ihm nach. „Rashmis Arbeit für den Wettbewerb hat beeindruckende Implikationen. Größer als diese kleine Rebellion, größer sogar als Kaladesh. Darauf will ich mich konzentrieren. Der Rest der Erfindungen gehört Ihnen.“

Wirklich?, dachte Dovin. Er hatte nichts anderes auf der Messe so sehr Tezzerets Aufmerksamkeit erregen sehen. „Also schön“, sagte er.

„Nachdem Sie den Rest dieses Chaos beseitigt haben.“

„Selbstverständlich.“ Zuerst, dachte er, die Planeswalker.

Tezzeret drehte sich um und schritt ohne ein weiteres Wort davon. Dovin wandte sich an den Vollstrecker, der am nächsten bei ihm stand.

„Stellen Sie eine Einheit aus erfahrenen Soldaten zusammen“, wies er ihn an. „Gut ausgebildet, wenn es Ihnen nichts ausmacht, und verfolgen Sie diese ... Diese Fremden, diese Renegaten aus der Arena. Merken Sie sich meine Worte: Sie haben Schwächen, die ihr Versagen sicherstellen, wenn sie nur entsprechend ausgenutzt werden.“ Er zählte sie an seinen Fingern auf. „Sie haben keinen klaren Anführer, können also in unterschiedliche Richtungen gezogen werden. Die junge Nalaar ist hitzköpfig und leicht zu überstürztem Handeln zu provozieren. Die schwarzhaarige Frau genießt nicht das volle Vertrauen einiger der anderen, besonders nicht das des Kriegers. Sie sind dem traurigen Glauben erlegen, Helden zu sein, und man darf davon ausgehen, dass sie sich auch so verhalten. Sie werden versuchen, ihre schwächeren Verbündeten, wie etwa Oviya Pashiri, zu beschützen. Und sie rechnen damit, mit nur einem Minimum an Kosten oder Opfern zu gewinnen. Nutzen Sie diese Schwächen auf sämtliche Arten und Weisen aus, die Ihnen einfallen. Gehen Sie!“
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In dem Augenblick, in dem er zurück nach draußen trat, schwirrte Dovin der Kopf. Der Platz war nun noch überlaufener als zuvor, wahrscheinlich vom Publikum aus der Arena. Viele von ihnen waren Erfinder, die nun herausfanden, dass die Vollstrecker Anspruch auf ihre kostbaren Erfindungen erhoben oder diese bereits fortgebracht hatten. Erneut schüttelte Dovin den Kopf über die Grobheit des Ganzen. Er musste sich nicht einmal auf dem Platz umsehen, um all das zu erkennen, was hier schiefging oder jeden Moment schiefgehen würde. Es war ein Chaos, wie Tezzeret gesagt hatte, und es war nicht seine Schuld. Doch Tezzeret hatte ihn mit der Aufgabe betraut, es zu beseitigen und niemand – seiner bescheidenen, aber präzisen Einschätzung nach – war besser dafür geeignet.

Er schlug sich erneut quer über den Platz, diesmal ohne Eile, und sammelte dabei eine kleine Schar Bastionsoffiziere um sich. Nach allem, was nun leider bereits unternommen worden war, war die wahrscheinlichste Schwachstelle, dass sich die öffentliche Meinung gegen das Konsulat richtete. Und das war keine einzelne Schwachstelle, sondern Dutzende, die die Integrität jener gesamten anfälligen Maschinerie namens Ghirapur bedrohte. Verstreute Ansammlungen unzufriedener Erfinder wurden wie Stechfliegen von seiner Wahrnehmung erfasst – ein Problem, dessen sich die Vollstrecker unter seiner Aufsicht annehmen mussten. Sie sanft mit wohlklingenden Beteuerungen auseinanderzutreiben, war an diesem Punkt vermutlich ausreichend, wobei auch ein paar strategische Verhaftungen notwendig sein dürften. Er schickte Offiziere zu jedem problematischen Punkt.

Andere Schwierigkeiten wurden wohl besser durch individuelle Interventionen behoben. Er bahnte sich seinen Weg zu einem Schauplatz brodelnder Emotionen. Ein hitzköpfiger, menschlicher Erfinder verkündete einer zwergischen Vollstreckerin seinen Unmut, während ein paar Automaten der Bastion versuchten, eine ausgefeilte Apparatur, deren Zweck nicht sofort ersichtlich war, anzuheben.

„Vielleicht kann ich hier behilflich sein“, sagte er und postierte sich zwischen Erfinder und Vollstreckerin. In solchen Situationen, so hatte Dovin festgestellt, konnte die typische Ruhe der Vedalken jene starken Gefühle besänftigen, die andere Spezies so offenkundig zur Schau stellten.

„Sie haben kein Recht dazu!“, schrie der Erfinder und brachte sein gerötetes Gesicht viel zu dicht an das Dovins, während er ihm einen Finger in die Brust stach.

„Zweifellos verstehe ich Ihre Verbundenheit mit diesem prachtvollen Gerät“, sagte Dovin und strich mit der Hand über das komplizierte Metallgeflecht. Nun verstand er seinen Zweck: Es stellte Thopter her. Schlau. Natürlich wurden auch seine zahlreichen Makel sofort offenbar, doch dies war nicht der Zeitpunkt, darauf hinzuweisen. „Eine wahrhaft erstaunliche Arbeit. Ihre Anwendung des Dujari-Prinzips hier ist genial.“ Und das war sie. Er machte sich eine geistige Notiz, das Gerät näher zu untersuchen, sobald es sicher in einem Laboratorium verstaut war. Nachdem man das gefährliche Ätherleck, das zweifellos Gremlins anzog, versiegelt hatte. „Ganz erhebliches Potenzial.“

Die gerunzelte Stirn des Erfinders glättete sich und seine Schultern strafften sich vor Stolz. „Ich danke Ihnen.“

„Ich versichere Ihnen, mein Herr, dass Ihr Gerät mit der allergrößten Sorgfalt behandelt wird, während es sich in der Obhut des Konsulats befindet.“

„Aber ...“

„Gewiss sind Sie mit dem Prozess vertraut, Erfindungen zwecks Sicherheitsinspektionen beim Konsulat einzureichen. Und sicherlich begreifen Sie auch, dass unter solch ungewöhnlichen Umständen wie diesen ...“, er machte eine ausladende Geste, die von der Erfindermesse selbst bis hin zu dem Moment der Konfiszierung durch das Konsulat alles hätte bedeuten können, „dieser Prozess etwas angepasst werden muss. Das Ergebnis wird jedoch das Gleiche sein. Und Ihre Arbeit könnte sehr wohl die Grundlage für den nächsten Durchbruch in der Fabrikationstechnologie darstellen. Das Konsulat ist sehr dankbar dafür.“

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Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Dovin an die Vollstreckerin, die stirnrunzelnd das Gespräch verfolgt hatte. „Ich empfehle Ihnen nun, sich mindestens einen weiteren Automaten zu beschaffen, um dieses Gerät mit der gebührenden Sorgfalt bewegen zu können. Falls Sie warten möchten, schicke ich Ihnen einen her.“

Die zwergische Vollstreckerin sah aus, als sei Warten das absolut Letzte, was sie tun wollte, doch Dovin warf ihr einen strengen Blick zu, um klarzustellen, dass diese höfliche Formulierung nicht als Erlaubnis zu verstehen war, sich ihrem Inhalt zu widersetzen.

Dies war jene Art von Feingefühl, die Ranajs Vollstreckern fehlte, und Dovin fürchtete, dass das Ergebnis katastrophal ausfallen könnte.

Ähnliche Gespräche verlangsamten seinen Weg vom Ätherturm bis zu der Lagerhalle, in die die Erfindungen gebracht wurden. Er beruhigte ein halbes Dutzend Erfinder, löste drei weitere Gruppen entstehender Renegaten auf und half einem Eindämmungstrupp, mit einer Meute Gremlins fertigzuwerden, die sich auf dem biotronischen Elefanten niedergelassen hatte, als Äther aus seinem durchtrennten Kabel ausgelaufen war.

Im Gegensatz zur Furcht und Anspannung in der Stadt war die Lagerhalle von einer ganz anderen Art von Energie erfüllt, die augenblicklich Dovins Puls beschleunigte. Hochrangige Wissenschaftler und Erfinder aus jedem Inquirium des Konsulats in der Stadt waren zu einem einzigen Zweck hierhergeschickt worden: die monumentale Aufgabe anzugehen, all diese Erfindungen zu katalogisieren, einzulagern und zu erforschen. Diese Mauern bargen das Potenzial für einen technologischen Entwicklungssprung, der jenem des Großen Äthersturms ähnelte, der vor sechs Jahrzehnten den jetzigen Stand der Innovation eingeläutet hatte.

Und er trug für all dies die Verantwortung. Sämtliche Zweifel, die er ob Tezzerets guter Absichten gehegt hatte, verflogen.

Er konnte es kaum abwarten, endlich anzufangen. Sobald die Planeswalker in Gewahrsam genommen und die Renegaten zum Schweigen gebracht worden waren. Bald.

Erhöhte Präsenz der Bastion. Vielleicht Ausgangssperren. Wenn nötig eine Drosselung der Ätherversorgung, um Aktivitäten der Renegaten einzudämmen. Und angesichts der Makel der Wächter als Gruppe würden sie im Handumdrehen gefasst und eingesperrt werden. Sicherheit und Ordnung würden wiederhergestellt werden.

Und danach würde er all dies hier ganz in Ruhe erforschen können.

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Veröffentlicht in Magic Story on Oktober 19, 2016

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