Kyu, Schüler des Shu-Yun

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Judge Fredd
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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Judge Fredd » So 20. Nov 2016, 10:39

Die Nacht im Vermächtnis

Mein Pferd trägt mich in sanftem Trab über die Reichstraße in Richtung Magnimar. Der Herbst hat das Land bereits fest in seinem Griff und ich lasse die bunte Landschaft auf mich wirken. Mit einem tiefen Atemzug nehme ich die nasskalte Luft in mich auf und bin froh, dass ich vor unserer Abreise in Sandspitze noch warme Reisegewänder erstanden habe.
Meine Gefährten und ich sind noch keine Stunde geritten, doch ich spüre bereits wie sich die Anspannung zu lösen beginnt unter der wir alle in letzter Zeit gelitten haben. Diese Reise, auch wenn sie uns vermutlich großen Herausforderungen entgegen trägt, stellt eine willkommene Abwechslung dar.
Das sanfte Auf und Ab meines Reittieres wirkt irgendwie meditativ und ich lasse die Ereignisse der vergangenen Tage Revue passieren.

Seit der Bestattung unseres Kameraden Wilhelm waren zwei Tage vergangen, da saßen Alvas, Arya und ich im Schankraum des „Rostigen Drachen“ und berieten was als nächstes zu tun sei. Tarmin trauerte noch um einen großen Teil seiner Familie und wir wollten ihn damit nicht weiter behelligen. Da Ameiko keine Nachkommen hatte, war das Lokal in der Zwischenzeit einem alten Bekannten von uns zugesprochen worden – Pappo Bundschuh – der sich hier, neben seiner Schauspielkunst, ein zweites Standbein schaffen wollte. Auch er war über den Tod des Barbaren bestürzt gewesen und so herrschte allgemein eine eher bedrückte Stimmung.
Allerdings blieben wir nicht lange alleine. Zunächst betrat eine junge Dame die Gaststätte, die recht forsch ein Mitglied der Kajitsu- Familie zu sprechen verlangte. Die zahllosen, mit abstrusen Flüssigkeiten gefüllten Fläschchen an ihrem Gürtel, sowie der beißende chemische Geruch an ihrer Kleidung wiesen sie unverkennbar als Alchemistin aus.
Wir setzten sie über das Schicksal der Amaikos und ihrer Familie in Kenntnis, doch sie schien mehr verärgert als betroffen. Jedenfalls stellte sie sich als Palytoxia vor. Sie bot an, unsere Gruppe mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten zu unterstützen.
Für meinen Geschmack zeigte sie ein bisschen zu viel Interesse an den Vorgängen mit den Untoten in der Gegend, doch die Dienste einer guten Alchemistin auszuschlagen hätte sich als unklug erweisen können.

Noch während wir mit Palytoxia sprachen, betrat ein weiterer Gast den Raum. Es war ein dunkel gekleideter, großer Mann. Sein Gesicht war von einer Kapuze verdeckt, wirkte aber seltsam vertraut und er strahlte etwas aus, das man am ehesten als Kälte bezeichnen konnte. Die große Sense, welche er über der über der Schulter trug machte seine Erscheinung nicht unbedingt sympathischer.
Pappos Schankmaid – Bethana – brachte ihm Wein und Brot und konnte dabei wohl einen Blick unter die Kapuze erhaschen, denn sie kam aufgebracht zu mir.
„Der sieht genau wie Aldern Fingerhut aus.“ flüsterte sie mir ins Ohr.
Sofort richtete sich meine volle Aufmerksamkeit auf ihn. Der reiche Geldadel war irgendwie in die hässlichen Vorgänge um die Sägemühle und den Hambling-Hof verstrickt und wir wollten Antworten.
Alvas war es inzwischen gelungen ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Ich war zu aufgewühlt um diplomatisch vorzugehen, so sprach ich ihn direkt auf seine Ähnlichkeit an.
Akash – so nannte er sich – war in keinster Weise überrascht. Er stellte sich als Aldan Fingerhuts Bruder vor, den im fernen Korvosa ein Brief erreicht hatte. In diesem wurde er auf das alte Landgut der Familie eingeladen, um einer Hochzeit beizuwohnen. Auch wäre, so stand geschrieben, das Anwesen renoviert worden und würde in neuem Glanz erstrahlen. Akash Fingerhut versicherte uns, sich einst im Streit von seinem Bruder getrennt und schon sehr lange nichts mehr von ihm gehört zu haben. Er schien ob des Briefes beunruhigt, gar misstrauisch. Als wir ihm anboten ihn zu begleiten, wirkte er erleichtert.
Bevor wir aufbrachen hatte Bethana, die Halblings-Schankmaid, noch ein paar Informationen für uns – gegen Bezahlung versteht sich.
Sie erzählte uns von der Geschichte des Anwesens, welches im Volksmund bloß „das Vermächtnis“ genannt wurde. Neben Berichten über den Brand im Gesindehaus und Schauermärchen über einen Teufelsdrachen war vor allem eine Information wichtig für uns. Ein Mann namens Rogner war lange Zeit Wirtschafter des Gutes Fingerhut gewesen und hätte sicher wertvolle Details für uns. Leider mussten wir erfahren, dass er unter den Opfern des Hambling-Hofes war.
So beschlossen wir die Stadtwache zu bitten, uns Zugang zu seinem Haus zu gewähren. Wir hofften dort Kartenmaterial zu finden.

Bei der Vogtei der Stadt angekommen sahen wir, wie gerade ein großer Trupp Soldaten aufbrach und abmarschierte. Man berichtete uns, dass es Gerüchte gab, die Waldläuferfeste im Norden sei gefallen und die Männer würden sich der Streitmacht anschließen, welche ausgesandt würde um sie zurück zu erobern.
Es tat gut zu sehen, dass Sandspitze, trotz der herben Schläge in letzter Zeit, sein Selbstvertrauen nicht verloren hatte. Doch ich konnte mich auch des mulmigen Gefühls nicht erwehren, das in mir aufkam. Die verbliebene Stadtwache hatte dadurch einiges an Schlagkraft eingebüßt.
In der Vogtei zeigte man sich jedenfalls sehr hilfsbereit und begleitete uns zum Haus des unglücklichen Rogner. Dort fanden wir auch tatsächlich die erhofften Karten und ritten los.

Das Anwesen der Fingerhuts lag ziemlich abseits von Sandspitze. Akash erwies sich als guter Führer, war er doch in dem Gebiet aufgewachsen. Je näher wir kamen, desto mehr veränderte sich aber die Landschaft. Die Bäume wurden kahl und knorrig, das Gras kränklich braun und es war weit und breit kein einziges Tier zu sehen. Es schien fast als wäre der Boden rund um das Landgut vergiftet. Mit einem unguten Gefühl ritten wir durch die tote Gegend.
Als das große Haus in Sichtweite kam, stand die Sonne bereits sehr tief. Uns fiel sofort die Brandruine des Gesindehauses auf, doch als wir näher kamen sahen wir, dass es um die Villa kaum besser stand. Vor uns erhob sich ein ehemals prachtvolles Gebäude aus Stein und dunklem Holz. Doch von den im Brief erwähnten Renovierungsarbeiten fanden wir keine Spur. Fenster waren zerbrochen, Risse im Mauerwerk, das Dach ganz offensichtlich an mehreren Stellen eingebrochen und überall aus Ritzen und Fugen kam ein silbrig glänzender Schimmel.
Das Haus selbst stand auf einem Felsvorsprung der ins Meer ragte. So war es von drei Seiten von Wasser umgeben und wir hörten beständig die Brandung, welche gut 40 Meter unter uns gegen die Steilküste rauschte.

Vorsichtig betrat unsere Gruppe das Gebäude über verschiedene Zugänge, doch dafür, worauf wir hier stießen, waren wir nicht gewappnet. Jeder Raum des großen Anwesens war mit magischen Geisterfallen gespickt, die Schabernack mit unseren Sinnen trieben und uns teils gar ganz beherrschten.
Kaum war ich durch ein Fenster gestiegen, hatte ich Visionen und konnte gerade noch rechtzeitig wieder Herr meiner Sinne werden, bevor ich auf unsere Alchemistin losging.
Arya konnte ich gerade noch festhalten, bevor sie Hals über Kopf das Weite gesucht hätte und Akash verletzte sich selbst mit einem großen Holzsplitter.
Diese Fallen stellten eine ernstzunehmende Gefahr dar, doch an eine Umkehr war nicht mehr zu denken. Kaum dass wir das Haus betreten hatten war es draußen ungewöhnlich schnell dunkel geworden und die Finsternis hatte einen gewaltigen Schwarm hässlicher schwarzer Vögel mitgebracht, die beständig das Gebäude umkreisten.
Langsam durchsuchten wir vom Erdgeschoß bis unter das Dach jeden Raum. In den großen, dem Meer zugewandten Zimmern fielen uns besonders die kunstvoll gearbeiteten Glasfenster ins Auge. Von Meisterhand waren hier bunte Motive geschaffen worden, die allerlei Szenen mit Tieren aber auch Menschen zeigten. Palytoxia, die sich offensichtlich mit arkaner Symbolik gut auskannte, erklärte uns, dass diese Abbildungen Zutaten und Zauberformeln darstellten, die sich alle um das Thema der Leichnamwerdung drehten.
In diesem Haus hatte sich jemand intensiv mit dunkler Magie beschäftigt.
Allgegenwärtig war auch der Schimmel, welcher sich durch das ganze Haus zog und von dem Palytoxia immer wieder Proben nahm.

Am Dachboden angelangt, fanden wir hinter einer Türe einen Schwarm aggressiver Ratten, der uns angriff. Wir machten ihnen schnell den Gar aus und zogen weiter. Da hörten wir einen Schrei, bei dem sich uns die Haare im Nacken aufstellten. Schnell war das Zimmer gefunden aus dem er gekommen war und die Türe geöffnet.
In jenem Raum, ganz hinten am Dachboden, stand eine Frau nicht älter als ich. Sie schien seltsam apathisch und wiegte sich selbst von einem Bein auf das andere. Ihr langes schwarzes Haar fiel glatt auf ihre schmalen Schultern und sie sah uns aus blutunterlaufenen Augen in einem kreidebleichen Gesicht an.
„Aldern, bist du es?“ fragte sie, und in ihrer Stimme lag eine Zerbrechlichkeit, die zu ihrer dünnen Gestalt passte.
Akash trat an sie heran, denn er erkannte sie von den Gemälden im Haus als seine Schwägerin Iesha. Mit ruhiger Stimme begann er mit ihr zu sprechen, doch sie schien ihn kaum zu bemerken. Geistesabwesend drehte sie sich ihm zu und strich sanft, mit eisigen Fingern, über sein Gesicht.
„Aldern, bist du es?“ fragte sie nochmal.
Dann plötzlich legte sie mit einer blitzschnellen Bewegung ihre Hand um seine Kehle und drückte zu. Akash röchelte mit schmerzverzerrtem Gesicht nach Luft während Iesha ihn mit einem Mal eingehend musterte.
„Du siehst ihm so ähnlich, aber du bist es nicht.“ erklang wieder die zarte Stimme, bevor sie ihn mit übermenschlicher Kraft von sich stieß, sodass er durch die morsche Holzwand ins Nebenzimmer geschleudert wurde. Mit geballten Fäusten stand sie da und stieß einen Schrei aus, der uns alle in einer Wolke aus Schmerz und Furcht zusammenkauern ließ. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich mich in meinem Leben noch nie derart gefürchtet habe.
„So Aldern, jetzt bist du an der Reihe.“
Iesha, oder zu was auch immer sie geworden war, stürmte an uns vorbei. Sie ließ uns links liegen und machte sich auf den Weg die Treppe hinunter.

Keiner von uns verspürte das dringende Bedürfnis ihr auf dem Fuß zu folgen, also durchsuchten wir noch die verbliebenen Räume und fanden tatsächlich einen länglichen Kupferschlüssel.
Da wir sonst im ganzen Haus bisher auf niemanden getroffen waren, beschlossen wir noch den Keller zu inspizieren. Lediglich Arya konnte dem nichts abgewinnen und blieb.
Wieder im Erdgeschoß angekommen, stand plötzlich Pollus vor uns. Wie der Kleriker durch den Vogelschwarm gekommen war, der nach wie vor um das Haus tobte, war mir ein Rätsel. Er jedenfalls hatte Phiolen mit Weihwasser dabei, war über und über mit Knoblauch behangen und hatte den üblichen entschlossenen Ausdruck auf seinem Gesicht. In knappen Worten teilte er uns mit, dass er geschickt worden sei diesen Ort vom Bösen zu reinigen. So stiegen wir gemeinsam hinab in den Keller.

Hier unten war der Schimmelbefall massiv und wir wateten fast knöcheltief durch eine Mischung aus Pilz und Rattenkot. Der Gestank war fürchterlich und durch die Risse in den Wänden hörten wir das unablässige Tapsen und Rascheln kleiner Füße.
Doch genauso abstoßend wie es hier unten war, so unaufregend waren die dunklen Kammern auch. So dauerte es nicht lange, bis wir auf die Werkstatt stießen, in der einst wohl alles für das Ritual der Leichnamwerdung vorbereitet worden war. Jetzt war auch dieser Raum modrig und verfallen. Ein schmaler Gang führte aus der Werkstatt in ein Hinterzimmer, in dem der Boden mit Spitzhacken aufgerissen war, um eine Wendeltreppe in die Tiefe frei zu legen. Sofort schossen mir Erinnerungen an die Distelkrone in den Kopf.
Unsere gruppe sammelte sich in dem Raum und blickte die Stufen hinab in die Tiefe. Von unten drang ein bestialischer Gestank nach oben. Niemand hatte so richtig Lust dort hinunter zu steigen, aber Pollus schritt unerschrocken voran. Wir folgten.

Ähnlich wie unter der Distelkrone stiegen wir auch hier so weit hinab, dass wir uns gewiss unterhalb des Meeresspiegels befanden. Die Stufen waren ausgetreten und der Stein aus dem sie gehauen waren uralt. Was auch immer hier unten war, das Anwesen war erst später darüber errichtet worden. Die Höhlen am Ende der Treppe waren von tiefschwarzer Dunkelheit erfüllt. Im Licht unserer Fackeln sahen wir uns um. Die Wände wirkten glatt und natürlich, wiesen nur stellenweise Spuren von Werkzeugen auf. Dieses Höhlensystem war wohl im Laufe der Jahrtausende in den Fels gespült und erst nachträglich an ein paar Stellen erweitert worden, um es passierbar zu machen.
Auch hier wuchs der Schimmel, hatte aber eine seltsam schmierige Konsistenz und die Alchemistin warnte uns davor, allzu lange Kontakt damit zu haben.

Vor uns lagen drei Gänge und wir wählten den Südlichsten. Langsam tasteten wir uns durch die Dunkelheit vorwärts, die genau wie der allgegenwärtige Gestank nach faulendem Fleisch, immer dichter zu werden schien. Als sich schließlich eine Höhle vor uns öffnete konnten wir auch den Ursprung ausmachen. Vor uns auf einem Berg aus Fleisch und rottenden Gedärm saß ein Wesen, das geradewegs einem Alptraum entsprungen war. In seiner Form ähnelte es einer Fledermaus, war aber gut zwei Mann groß und schien aus menschlichen Leichenteilen zusammengestückelt. Brüllend und zischend stürzte es sich auf uns.
Der Kampf war hart und wir mussten einiges einstecken, doch mit vereinten Kräften rangen wir die Bestie nieder. Nun wussten wir, was Bethana gemeint hatte, als sie vom Teufelsdrachen gesprochen hatte.
Nachdem die Höhle eine Sackgasse war machten wir uns auf den Weg zurück. Alvas fand noch einen Siegelring unter den Knochen. Ein berüchtigter Wegelagerer namens Rotklinge Pilger hatte hier unten wohl sein Ende gefunden. Irgendjemanden würde das gewiss interessieren.

Die beiden verbliebenen Abzweigungen mündeten schließlich im selben Gang, wo der Schimmel ganz besonders dick wucherte. Drei Ghoule waren hier am Werk und schienen den Pilz zu ernten. Sie fanden ein schnelles Ende durch unsere Waffen.
Weiter hinten mündete der Gang in einer großen runden Kaverne, deren Boden sich wie ein Trichter nach unten verjüngte und mit Meerwasser gefüllt war. Dieses Becken maß gut 30 Meter im Durchmesser und hatte ca. 2 Meter unter uns einen Vorsprung, auf dem man bequem stehen konnte, der aber etwa kniehoch unter Wasser lag.
Zu unserer Rechten zweigte eine Höhle ab, in der wir mehrere Ghoule fanden, die wohl erst vor kurzem im Kampf gefallen waren. Ihre entstellten Körper waren zerrissen, gespalten oder an die Decke geschleudert und zerschmettert worden. Es schien offensichtlich, das Iesha hier gewütet hatte. Doch weder von ihr, noch von ihrem Bruder war auch nur die geringste Spur zu finden.
Schließlich sahen wir, dass an der gegenüberliegenden Wand der Kaverne eine Türe in den Felsen eingelassen war. Gerade wollten Alvas und ich hinüberklettern, da wurden wir unter Beschuss genommen.
Aus schmalen Tunneln, die in die Höhle mündeten, waren drei Goblins gekrochen die mit ihren Bögen auf uns anlegten. In der Dunkelheit hatten wir sie nicht bemerkt.
Zunächst war ich noch verwundert, dass sich die kleinen Grünhäute hier zwischen den Untoten aufhielten, doch als ich ihre toten milchigen Augen sah und die in grauen Fetzen herabhängende Haut wurde mir einiges klar.
Diese Goblin-Ghoule waren keineswegs bessere Krieger als ihre lebendigen Brüder, dennoch schränkten uns der schmale Rand, die Dunkelheit und das Wasser sehr ein. So war der Kampf länger und kräfteraubender als zunächst gedacht.
An dessen Ausgang änderte das freilich nichts. Der erste Goblin wurde von Akashs magischen Geschoßen zerrissen, der Zweite von Alvas´ Schwertern durchbohrt und der Dritte sank mit zerschmettertem Schädel vor mir in die Tiefe.

Nun wandten wir uns wieder der Türe zu. Sie war verschlossen, ließ sich aber mit dem gefundenen Kupferschlüssel öffnen und gab den Blick auf eine in den Fels gehauene Kammer frei. Die Wände waren über und über mit dickem schleimigen Schimmel bezogen, der aus einer siebenseitigen Kiste am Boden spross. Es hatte den Anschein als wäre hier der Ursprung des Pilzbefalls. Der süßlich faulige Gestank hier raubte uns beinahe die Sinne.
In der Mitte des Raumes stand ein hölzerner Schreibtisch, an den ein Gemälde von Iesha Fingerhut gelehnt war und dahinter stand, mit dem Rücken zu uns, ein alter Ledersessel. Die Lehne war mit Blut und Fleisch verklebt.
„Bist du endlich gekommen?“ stöhnte eine schaurige Stimme und eine Gestalt erhob sich aus dem Sessel. Vor uns stand etwas, das irgendwann einmal Aldern Fingerhut gewesen sein mochte. Seine Haut war grau, teils grün und stank ganz erbärmlich; seine Hände waren zu langen Klauen mutiert, was ihn aber nicht daran hinderte, ein übergroßes Fleischerbeil darin zu halten; und sein Gesicht war zu einer abnormen Fratze mit langer Zunge und spitzen Zähnen verzerrt. All das steckte in völlig verdreckten Adelsgewändern.
Er musterte unsere Gruppe mit kalten bösen Augen und schien enttäuscht, als er Arya nicht erspähen konnte.
„Dass du nicht selbst gekommen bist verletzt mich!“ schrie er an uns vorbei und trat einen Schritt hervor. Nun konnten wir sehen, dass hinter ihm am Boden ein regloser Körper lag. Iesha hatte ihre Rache nicht nehmen können.
„Vielleicht wird der Tod deiner Freunde dich dazu bewegen, endlich zu mir zu kommen.“
Einen Atemzug später war er mitten unter uns. Noch nie habe ich erlebt, wie sich ein Wesen derart schnell bewegt. Ein mächtiger Schlag beförderte Pollus ins Wasser und das Beil hieb nach Alvas. Vergeblich versuchte ich den Unhold mit gezielten Schlägen kampfunfähig zu machen. Seine Reaktionen waren zu schnell, ich musste mich mit Zufallstreffern zufriedengeben. Alvas zeigte, wie phantastisch er mit dem Schwert umgehen konnte und schnitt dem Ungeheuer tief in die Seite. Doch dieser wischte ihn fast beiläufig zur Seite und stürzte sich auf Akash. Dieser hatte uns mit seinen Zaubern unterstützt.
„Dich, kleiner Bruder, mit der Rune zu schmücken wird mir ein besonderes Vergnügen sein.“ Seine Klauen hatten sich bereits in die Brust des Hexers gegraben als er die Worte sprach.
Unweigerlich kamen die Bilder aus dem Sägewerk wieder hoch. Ich beeilte mich ihm nachzukommen.
Palytoxias Versuche mit der Armbrust Treffer zu landen verliefen ergebnislos und ich sah wie ihr Blick zu den verbliebenen Bomben an ihrem Gürtel huschte.
Da tauchte plötzlich ein völlig durchnässter und grimmig dreinschauender Pollus wieder auf. Mit erhobenem Streitkolben rief er laut und voller Wut die Unterstützung Abadars herbei – und wurde erhört.
Eine Welle reinigender Energie schlug die Abscheulichkeit zurück.
Wir erkannten die Gelegenheit und nutzten sie. Rasch hatten wir Aldern eingekreist und setzten ihm von allen Seiten zu. Knochen splitterten, Muskeln rissen, Magie wirkte und endlich brach unser Gegner vor uns mit einem hasserfüllten Gurgeln zusammen. Kurz bevor das unheilige Leben ihn verließ richtete er seinen Blick nach oben und formte mit seinen blutleeren Lippen ein Wort – ich glaube es mochte „Arya“ heißen.

Der Kampf war vorbei, doch Entspannung wollte sich nicht einstellen und unser Gefühl gab uns recht. Auf dem Schreibtisch in der Kammer fanden wir einen Brief, der uns vor Augen führte, dass wir noch immer nicht zum Kern der abscheulichen Vorgänge durchgedrungen waren. Im Gegenteil noch mehr Fragen wurden aufgeworfen. Doch es offenbarte sich auch ein neues Ziel – Magnimar, die Hauptstadt.

In Sandspitze gab es noch ein paar Sachen zu regeln, dann brachen wir auf.

Nun sind wir unterwegs um Antworten zu suchen oder zumindest neue Puzzleteile. Egal was wir in Magnimar finden mögen, eines ist klar. Was auch immer hier vor sich geht, es ist nicht bloß auf Sandspitze beschränkt.

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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Judge Fredd » Sa 26. Nov 2016, 12:44

Wenn jemand eine Reise macht…

Meine Hände schwitzen und meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Wenn das nur mal gut ausgeht! Fünf Armbrüste sind auf uns gerichtet und gut doppelt so viele Schwerter; von dem gewaltigen Greif, der gerade durch die Äste der Bäume im Innenhof kracht, ganz zu schweigen.
Ich widerstehe dem Drang meine übliche Kampfpose einzunehmen. Diejenigen, die bereits ins Haus eingedrungen sind, wären kaum zu überwältigen und der Mob vor der Türe macht bereits den Nächsten Platz. Es sind einfach zu viele. Diesen Kampf können wir nicht gewinnen.
Langsam hebe ich die Arme und lasse zu, dass sie mich packen. Von draußen erklingt ein Jubelgeschrei. Ich höre die Menge rufen
„Mörder!“
„Diebe!“
„Kinderschänder!“
„Knüpft sie auf!“
„Abadar…!“
Wenn das nur mal gut ausgeht. Verdammt! Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Wie konnten wir bloß in so eine Situation geraten?

Beinahe zwei Wochen ist es her, dass wir das Anwesen der Fingerhuts von dem Bösen befreiten, welches sich dort eingenistet hatte und damit auch der Ghoul-Plage rund um Sandspitze ein Ende bereiteten. Der mysteriöse Brief, den wir fanden, lenkte unsere Aufmerksamkeit auf das Stadthaus Aldern Fingerfuts in Magnimar und wir beschlossen der Hauptstadt einen Besuch abzustatten.
Die Reisevorbereitungen von Arya, Alvas, Pollus, Akash und mir selbst waren schnell getroffen. Wir erhielten sogar Empfehlungsschreiben von Vater Zantus und Vogt Schierling, damit wir in unserer Angelegenheit zu Haldmeer Grobaras – dem Bürgermeister – vorgelassen werden würden.
So brachen wir vor elf Tagen auf.

Die Reise war eine willkommene Abwechslung und so vergingen die Tage, trotz der herbstlichen Kälte, wie im Flug. Wir trafen unterwegs einige Händler, mit denen wir uns austauschten, und gar nicht selten reisten sie dann ein Stück des Weges mit uns. Abends, wenn es dunkel wurde, schlugen wir unser Lager am Wegesrand auf und versammelten uns um ein Feuer. Arya sorgte für Nahrung aus den umliegenden Wäldern und Alvas erfreute uns mit etlichen Geschichten über erlebte Abenteuer und begangene Gaunereien. Und obwohl Pollus dazu nie mit bösen Blicken und Aufrufen zum rechtschaffenden Lebenswandel geizte, bin ich mir sicher, auch ihn das eine oder andere Mal schmunzeln gesehen zu haben.
Sechs Tage reisten wir so unbeschwert dahin. Ich war gerade der Ansicht, das Böse sei weit hinter uns, in Sandspitze, geblieben, als wir etwas Seltsames bemerkten.
Es war schon später Nachmittag und der Himmel begann sich bereits rot zu färben. Wir ritten die Straße entlang, die sich durch einen dichten Wald wand, da sahen wir vor uns, mitten am Weg, einen Karren stehen. Kein Mensch, kein Pferd weit und breit. Nur ein großer Wagen stand da, einsam und verlassen. Misstrauisch stiegen wir ab und näherten uns. Es war ein stabiler Lastkarren, wohl um Fässer und Kisten zu transportieren. Doch von der Fracht war nicht mehr viel da. Der Wagen selbst war, wie von einem gewaltigen Schlag, in der Mitte quer durchgebrochen. Wir begannen die Umgebung zu untersuchen und Arya fand schnell Spuren, die tief in den Wald führten. Irgendetwas war hier geschehen, und dem wollten wir auf den Grund gehen.
Ich kletterte auf einen Baum um mir mehr Übersicht zu verschaffen, da fiel mir eine dünne Rauchsäule auf, die sich etwa einen Kilometer entfernt in den Himmel kräuselte. Den Spuren in eben jene Richtung folgend, sahen wir vor uns bald eine Lichtung im Wald, auf der mehrere Gestalten um ein Lagerfeuer herumhüpften. Da waren einige Goblins, zwei Wesen, welche Arya uns als Bugbären beschrieb und ein Troll. Letzterer war eine imposante Erscheinung. Gute drei bis vier Meter groß stand er da und wirkte im flackernden Schein des Feuers als hätten sich Steine, Holz und Moos aus purer Bosheit auf einen Haufen geworfen um ein Wesen aus roher Kraft und Gewalt zu schaffen.
Unweit der Feuerstelle lag eine weitere Gestalt regungslos am Boden- ein Zwerg. Noch schien er am Leben zu sein, doch die Grünhäute hatten bereits einen großen Spieß gerichtet und schürten eifrig in der Glut.
Das konnten wir nicht zulassen.
Noch bevor sie wussten wie ihnen geschah, brach der erste Goblin unter Pollus‘ Streitkolben zusammen und ein weiterer griff nach zwei Pfeilen, die aus seiner Brust ragten, ehe er mit einem Seufzen niedersank.
Dieser Kampf wäre schnell entschieden gewesen, hätten wir es nur mit den kleinen Quälgeistern und ihren großen Brüdern zu tun gehabt. Doch ein Troll ist ein furchtbarer Gegner. Mit einem ohrenbetäubenden Brüllen schnappte er sich den großen Eisenspieß und griff uns an. Cyral, die treue Seele, tat sein bestes um Arya zu schützen, wurde dabei aber schwer verwundet. Ebenso erging es Alvas. Gerade hatte er noch die Klinge mit einem Bugbären gekreuzt, da stach der Troll von hinten herab und fügte ihm eine schwere Wunde zu. Ich kämpfte keine zehn Meter entfernt, als ich seine Schmerzensschreie vernahm. Dem Bugären, dem ich gegenüberstand, jagte ich, mit schnellen Schlägen, seine Rippen durch die Lunge und stürzte mich selbst ins Gefecht mit dem Troll. Ich kann Akash gar nicht genug danken. Ohne seine magische Unterstützung hätte ich mehrere Goblin-Messer im Rücken stecken gehabt. Während ich die Aufmerksamkeit des Trolls von Alvas ablenkte, waren mir zwei der grünen Unholde in den Rücken gefallen. Der Troll selbst schien von meinen Schlägen und Tritten unbeeindruckt – ich schlug im wahrsten Sinne des Wortes auf Granit. Schon recht verzweifelt, ob der Wirkungslosigkeit unserer Angriffe, war ich umso erstaunter, als die Kreatur plötzlich mit einem lauten Schrei zusammenbrach. Hinter ihr kam Alvas zum Vorschein. Der Halbelf stand mit schmerzverzerrtem Gesicht und schwer atmend da und besah sein Werk. Eine Hand auf die blutende Wunde gepresst, hielt er in der Anderen noch den brennenden Ast, welchen er aus dem Lagerfeuer gezogen und dem Troll zwischen die Schultern gerammt hatte. Die Flammen reduzierten das Wesen auf einen Haufen Geröll. Die verbliebenen Goblis wollten fliehen, doch Arya ließ sie nicht weit kommen.
Pollus versorgte unsere Wunden und gemeinsam nahmen wir uns des Zwerges an, den wir gerettet hatten.
Es war ein Händler aus Magnimar, der von der Bande überfallen worden war. Der größte Teil seiner Waren war nun verloren, doch er war froh nochmal mit dem Leben davon gekommen zu sein.
Gemeinsam setzten wir unsere Reise fort und gelangten fünf Tage später an unser Ziel.

Magnimar ist eine beeindruckende Stadt und von überwältigender Größe. Das gute Sandspitze wirkt im Vergleich beinahe wie ein kleiner Weiler. Zahllose Häuser unterschiedlicher Größe drängen sich dicht an dicht, sodass den ebenso unzählbaren Menschen in manchen Gassen kaum Raum zum Atmen bleibt. Es scheint keinen Platz zu geben um für sich alleine zu sein und die allgegenwärtige Betriebsamkeit pulsiert lautstark über die Plätze. Wenn man sich der Stadt nähert scheint es völlig unmöglich sie zu verfehlen, denn der Lärm und der Geruch senden ihre Boten weit voraus; und als wäre das nicht genug, überragt, bereits von weitem sichtbar, das größte Monument der Stadt die gesamte Landschaft. Der Arvensteig. Magnimar hält nichts von vornehmer Zurückhaltung; unüberhörbar posaunt es seine Existenz in die Welt hinaus.

Nachdem wir die Stadttore hinter uns gelassen hatten, verabschiedeten wir uns von dem Zwerg und machten uns auf den Weg in Richtung Alabaster-Bezirk. Pollus hatte von Vater Zantus ein paar Schriftrollen erhalten, die er in der Kathedrale von Abadar abliefern sollte.
Ein Glück, dass Alvas eine Karte besaß, sonst hätten wir uns wohl hoffnungslos verlaufen.
Der Weg führte uns fast zwei Stunden lang durch mehrere Bezirke, auch knapp am Hafen vorbei, auf einen großen Markt. Hier machten wir einen kurzen Abstecher zu „Pucks Feinmechanik“, wo Alvas etwas über die Rattenkäfige in Erfahrung bringen wollte, welche er in der Werkstatt des Anwesens Fingerhut gefunden hatte. Meister Puck gab uns auch tatsächlich Auskunft und bestätigte, dass vor einigen Wochen Aldern Fingerhut persönlich die Fallen bei ihm bestellt hatte. Für eine kleine finanzielle Gegenleistung, markierte er uns auf der Karte auch noch das Stadthaus der Fingerhuts.
Wir zogen weiter und mussten feststellen, dass die noblen Stadtteile Naos und Alabaster von der Stadtwache abgeriegelt worden waren. Mit unseren Empfehlungsschreiben durften wir aber ungehindert passieren.
Beim Tempel angelangt, übergab Pollus die Pergamente und wir konnten uns ein wenig stärken. Auch unsere Pferde fanden eine sichere Unterkunft.

Gesättigt beschlossen wir keine Zeit zu verlieren und machten uns auf, das gesuchte Haus zu finden. Durch die Informationen von Meister Puck war das auch durchaus kein Problem und so standen wir bald davor. Es war eine zweistöckige Villa, an die ein Innenhof samt Nebengebäude anschloss, welche von einer beachtlichen Mauer umgeben waren. Das Gebäude wirkte gut gepflegt und machte auch durchaus einen einladenden Eindruck. Einzig sonderbar war, dass im Erdgeschoß sämtliche Fenster, von innen, mit Brettern vernagelt waren.
Unweit der Villa pries ein Straßenhändler seine Ware an, vor dem wir uns als Boten ausgaben und ein paar Fragen über die Fingerhuts stellten. Ich musste mich beherrschen den Mann nicht ungläubig anzustarren, als er uns mitteilte, dass Aldern Fingerhut in diesem Moment zu Hause sei und wir ihn doch selbst fragen sollten.
Misstrauisch aber doch neugierig traten wir an das Haus heran und klopften an die Türe. Es verging keine Minute, da öffnete eine wunderschöne junge Frau die Türe und fragte nach unserem Begehr. Die Worte: komplett überrumpelt, beschreiben nicht annähernd meine Verwirrung. Vor uns stand ohne Zweifel Iesha Fingerhut – so wie sie auf den Gemälden im Landgut dargestellt war.
„Werte Herren, wie kann ich euch helfen?“ Ihre Stimme war sanft und wohltuend und ihre Augen strahlten eine Freundlichkeit aus, die über jeden Zweifel erhaben schien. Wie vom Donner gerührt stand ich da und versuchte eine Antwort über meine Lippen zu bekommen. Doch Iesha schien gar keine zu erwarten.
„Ach, ihr wollt gewiss zu Aldern.“ sagte sie fröhlich und trat einen Schritt ins Haus zurück. „Bitte tretet doch ein. Ich werde ihn gleich holen.“
Mir war durchaus klar, dass hier etwas nicht stimmte, doch wir waren hergekommen um Antworten zu finden und die lagen nun mal nicht auf der Straße vor der Türe. Ich folgte der Einladung und mit mir betraten Arya und Pollus das Haus. Alvas und Akash waren im Hintergrund geblieben und machten keine Anstalten sich zu nähern. Iesha schien das gar nicht zu merken, denn sie schloss mit einem Lächeln die Türe und führte uns tiefer in das Gebäude.
In einem Saal mit hölzernem Esstisch bat sie uns zu warten und verschwand kurz. Wir nahmen die Gelegenheit wahr uns ein bisschen umzusehen, konnten aber nur das Offensichtliche feststellen; nämlich das wir uns in einem wohlgepflegten, schönen Haus reicher Leute befanden.
Als Iesha zurückkehrte hatte sie ein Tablett in der Hand auf dem Krüge mit Wasser und Bier standen sowie ein Teller mit Äpfeln, Käse und etwas Wurst.
„Greift zu, wenn ihr hungrig oder durstig seid. Aldern ist gleich bei euch.“
Arya und Pollus starrten die Speisen bloß misstrauisch an. Ich nahm der Höflichkeit halber einen Schluck Wasser. Gerade als unsere Verweigerung der entgegengebrachten Gastfreundschaft begann peinlich zu werden, hörten wir Schritte im Flur.
Von ungläubigen Augen begafft, betrat Aldern Fingerhut den Raum und musterte uns nacheinander. Er sah genau so aus, wie wir ihn vor fast eineinhalb Monaten kennengelernt hatten. Jung, von schlanker Statur, ein wenig arrogant und vor allem – menschlich.
Selbstbewusst trat er auf mich zu und setzte ein einnehmendes Lächeln auf.
„Meister Mönch, was führt euch hier her?“ fragte er und ließ seinen Blick über meine Gefährten schweifen. Doch ehe ich ihm antworten konnte, ruhten seine Augen wieder auf mir und er fuhr fort: „Ach, das ist eigentlich nicht von Belang, denn ihr sterbt jetzt ohnehin.“

Nun geschah alles auf einmal. Alderns Gesicht flackerte kurz auf und verschwand, sattdessen blickte ich nun in ein unbestimmbares androgynes Antlitz mit leeren Augen. Das Selbe geschah bei Iesha und auch um uns herum endete schlagartig jede Illusion. Wir standen nun in einem heruntergekommenen staubigen Zimmer, das wohl seit Monaten nicht mehr bewohnt worden war. Das Essen auf dem Tablett war faulig und das Wasser im Krug eine brackige Brühe. Unvermittelt krampfte sich mein Magen zusammen.
Ohne Vorwarnung schlug das Wesen mit langen Klauen nach meinem Gesicht. Ich konnte mich gerade noch unter seinem Hieb weg ducken und ein wenig Distanz zwischen uns bringen. Wütend auf mich selbst ging ich zum Gegenangriff über. Wie ein dummer Novize war ich in die Falle getappt.

Nachdem das Überraschungsmoment verflogen war, lag das Kampfesglück auch wieder auf unserer Seite. Neben mir ließ Pollus seinen Streitkolben krachend auf den Schädel jenes Wesens niederfahren, welches Aldern dargestellt hatte. In blaues Blut getränkt brach es zusammen. In seinem Todeskampf begann seine Haut in allen Farben zu schimmern.
Ich war fest entschlossen Antworten zu bekommen und setzte Iesha mit gezielten Schlägen außer Gefecht. In der Zwischenzeit waren auch Alvas und Akash zu uns gestoßen.
Wir fesselten den Wechselbalg auf einen Stuhl und begannen ihn zu verhören. Obwohl wir nicht zimperlich waren verspottete es uns bloß und wechselte mehrmals seine Gestalt. Weder bitten noch drohen oder auch rohe Gewalt entlockten dem Wesen auch nur die geringste Information. Mit einem Mal jedoch begann es zu lächeln und nahm die Gestalt eines Kindes an. Dann schrie es aus Leibeskräften um Hilfe. Gerade als Pollus zu einem weiteren Schlag ausholte sah ich ihn. In der offenen Eingangstüre stand der Straßenhändler von vorhin und betrachtete fassungslos die Szenerie. „… schlagen kleine Kinder…“ hörte ich ihn murmeln.
Ich trat einen Schritt auf ihn zu und wollte ihm die Situation erklären, doch der Mann stieß einen Schrei aus und rannte davon.

Von da an wusste ich, dass uns nicht mehr viel Zeit blieb. Ich schloss die Türe und schob einen schweren Holztisch davor. Alvas und Arya durchsuchten eilig das Gebäude und fanden, in einem Geheimfach, eine beträchtliche Summe Geld, sowie einen weiteren Brief. Alvas und Pollus versuchten derweil weiter an Informationen zu gelangen.

Binnen Minuten hatte ein Mob die Villa umstellt und feuerte eifrig die Stadtwache an, die sich gerade daran machte die Türe einzutreten. Der noble Bezirk war gut bewacht und so hatte sich schnell eine beachtliche Anzahl an Soldaten eingefunden.
Während die Schreie draußen immer lauter wurden und die Türe bereits zu splittern begann setzte ich dem Leben des Wechselbalgs ein Ende. Wir hatten schon genug Schwierigkeiten und ich wollte verhindern, dass es die Stadtwachen mit seinen Lügen beeinflusste.
Sekunden später barst die Türe und, unter johlendem Jubel der Menge, stürmten die Männer der Wache das Haus.

Ich stehe da und versuche Ruhe zu bewahren, während der Mob lautstark unseren Tod fordert. Tausend Gedanken jagen durch meinen Kopf. Ich überlege, den Männern das Siegel von Vogt Schierling zu zeigen und zu verlangen dem Bürgermeister vorgeführt zu werden. Doch auch das scheint mit gewagt. Wir haben es mit einem Gegner zu tun, der jede Gestalt annehmen kann und wer weiß wen sie noch ersetzt haben. In dieser Stadt können wir keinem trauen.
Pollus, ich hoffe du hast ausgiebig gebetet, wir brauchen jetzt jede Hilfe, die wir kriegen können.

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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Judge Fredd » So 11. Dez 2016, 21:40

Die Mühle sie klappert am rauschenden Bach…

Es tut gut wieder frei und unbeschwert durch die Stadt zu gehen. Unsere Unschuld ist bewiesen und man hat alle Anklagen gegen uns fallengelassen. Wir sind wieder freie Bürger. Doch es ist nicht einfach gewesen, dem Strudel aus Lug und Intrigen zu entkommen; und kostenlos war es auf keinen Fall. Wir haben alle einen Preis gezahlt, auf die eine oder andere Weise. Wie hoch er ist, wird sich möglicherweise erst sehr spät herausstellen.

Vier Tage waren vergangen seit die Stadtwache uns in der Villa Aldern Fingerhuts gefangen nahm. Ohne die Möglichkeit uns zu rechtfertigen oder auch nur im Entferntesten angehört zu werden, schleifte man uns in ein Gebäude nahe dem Rathaus und warf uns in ein finsteres Loch. Arya, Pollus, Alvas, Akash und ich mussten uns eine winzige feuchte Zelle teilen. Es gab keine Möglichkeit sich zu wärmen, keinen Ort zum Schlafen und nur einen versifften Kübel als Abort. Die Umstände waren erschöpfend und entwürdigend. Von den Wachen, die sich vor unserer Türe unterhielten, erfuhren wir von den Verbrechen, die uns zur Last gelegt wurden. Raub, Mord, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Kindesmord und schließlich noch Kannibalismus. Die Liste war ungeheuerlich. Mehrfach ersuchten wir bei, dem für uns zuständigen, Richter Eisendorn – der uns bereits in Sandspitze begegnet war – vorzusprechen, doch wir wurden nur belacht. Wir könnten unsere Geschichten bei der Gerichtsverhandlung erzählen, bekamen wir zu hören. Als wir schließlich noch vernahmen, dass Eisendorn in ganz Magnimar damit prahlte, im Alleingang die Goblins vor Sandspitze und in der Feste auf der Distelkrone bezwungen zu haben, wussten wir, dass wir keine guten Karten hatten.

In der Zwischenzeit hatten auch Tarmin und Palytoxia ihren Weg nach Magnimar gefunden und sich beim Bürgermeister für uns stark gemacht. Leider konnten auch sie nicht viel erreichen. Bei einem Besuch teilten sie uns mit, dass die Verhandlung bereits für den nächsten Tag angesetzt war; und unsere Hinrichtung gleich im Anschluss. Damit war klar, dass wir schleunigst verschwinden mussten. Hier würde uns kein fairer Prozess erwarten.
Lange überlegten wir, wie wir wohl entkommen könnten und schmiedeten die abenteuerlichsten Pläne, doch zu guter Letzt wurde uns die Entscheidung abgenommen. Gegen Abend trat ein Mann an unsere Zellentüre und sprach uns an. Er war von gedrungener Gestalt und hatte sein Gesicht unter einer weiten Kapuze verborgen. Mit raunender Stimme bot er uns ein Geschäft an. Seinen Namen wollte er uns nicht nennen, er gab lediglich an einer Gesellschaft anzugehören, der unser Richter ein Dorn im Auge war. Normalerweise hätte selbst Alvas die Gesellschaft einer solchen Gestalt tunlichst vermieden, aber das Angebot, welches er uns unterbreitete war für uns von großem Interesse. Der Mann bot uns an für unsere Flucht zu sorgen und uns die Gelegenheit zu geben, unsere Namen rein zu waschen. Als Gegenleistung forderte er, neben einer horrenden Summe Gold, zwei Bedingungen ein.
Zum einen sollten wir mit einem magischen Mal versehen werden, um der Bruderschaft der „Roten Mantis“ beizutreten. Weiters verlangte er, dass wir Richter Eisendorn bei der Siebenmühle aufspüren und ihn, bevorzugt lebendig nötigenfalls aber auch tot, an die Bruderschaft übergeben sollten.
Dass uns bei einem solchen Geschäft nicht wohl zu Mute war versteht sich von selbst, doch wir hatten kaum eine andere Wahl. In knapp zwölf Stunden wartete der Galgen auf uns. Nach kurzer, aber heftiger Diskussion willigten wir ein und empfingen das Mal auf die Hand. Mit einem magischen Stein brannte er uns schmerzlos, eine uns unbekannte, Insignie ein. Die leuchtete nur kurz auf und verschwand dann.
Genau so unvermittelt wie er gekommen, war verschwand der Mann auch wieder. Uns blieb nur zu warten.

Gegen Mitternacht war es so weit. Mit einem Mal schwang unsere Zellentüre wie von Geisterhand auf. Vorsichtig traten wir heraus und tasteten uns durch das Gebäude. In sämtlichen Zellen schliefen die Insassen und die wenigen Wachen, die Dienst hatten, saßen oder standen mit verklärten Gesichtsausdruck in der Gegend herum und schienen nichts zu bemerken. Ein starker Zauber war hier am Werk.
Nach kurzer Suche fanden wir nicht nur unsere Sachen wieder, die man uns abgenommen hatte, sondern auch den Ausgang. Vor dem Gebäude wartete bereits ein Karren samt Kutscher auf uns, der uns deutete rasch einzusteigen. Eilig fuhren wir davon und machten uns auf den Weg in Richtung Stadtrand.

Eine knappe Stunde später trafen wir bei der Siebenmühle ein, wo auch schon Tarmin und Palytoxia auf uns warteten.
Besagtes Gebäude war ein Sägewerk am Fluss und dem Lärm nach zu urteilen, der nach außen drang, herrschte, trotz der frühen Stunde, bereits voller Betrieb. Es war mehrere Stockwerke hoch – gewiss vier Etagen – und war selbst aus massivem Holz gefertigt. Von unserem Standpunkt aus waren keine Fenster sichtbar, doch durch unzählige Ritzen in der Wand schimmerte Licht.
Unser Kutscher parkte seinen Karren ein Stück entfernt, versteckt an einer Mauer und wartete. Aus dem Schatten heraus schien er jeden unserer Schritte zu beobachten.
Vorsichtig und von mehreren Seiten näherten wir uns der Mühle. Während Alvas, Arya und Pollus den direkten Weg Richtung Eingang wählten, machte ich mich daran die Fassade zu erklimmen, in der Hoffnung weiter oben ein Fenster zu finden. Der Aufstieg war schwerer als gedacht. Zum einen weil das feuchte Holz doch weniger Grifffläche bot als zunächst angenommen, zum anderen weil Schlafmangel und Nahrungsentzug während des Gefängnisaufenthaltes ihren Tribut forderten. Mühsam zog ich mich auf das Dach des Gebäudes und atmete erst mal tief durch. Vor mir befand sich tatsächlich ein vergittertes Fenster, durch welches Licht schien.
Als ich vorsichtig näher trat konnte ich erkennen, dass in diese Dachstube der Mühle wohl so eine Art Arbeitszimmer eingerichtet worden war. In der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch, auf einer Anrichte in der Ecke ein Vogelkäfig und die Wand zierten etliche Bilder. Vor dem Tisch, mit dem Rücken zu mir stand ein Mann. Er war in einen roten Mantel gekleidet und schien in Schreibarbeit vertieft.
Um wen es sich handelte, war unmöglich auszumachen. Das Glas des Fensters war krude gearbeitet und zog Schlieren, sodass ich keine genauen Details erkennen konnte.
Gerade wollte ich mich daran machen das Fenster leise zu öffnen, da lenkten Geräusche von unten meine Aufmerksamkeit auf sich. Trotz des unnachlässigen Dröhnen und Schlagens des Sägewerks hörte ich Cyral bellen und Pollus etwas rufen; gefolgt von dem Klirren von Waffen. Mit einem Schritt trat ich an den Rand des Daches und blickte hinab, gerade rechtzeitig um mit zu bekommen wie Akash von einer Gestalt gepackt und durch die Kellertüre ins Gebäude gezogen wurde. Ein fluchender Tarmin hastete hinterdrein. Die Zeit des Schleichens war also vorbei.
Ich stieß das Fenster auf und sprang in das Zimmer dahinter. Da ich in dem Mann Richter Eisendorn vermutete, wollte ich den Tumult nutzen, um ihn schnell und unbemerkt von seinen Handlangern auszuschalten. Rückblickend werte ich diesen Fehler als Lektion.
Kaum war das Fenster offen, wirbelte der Mann herum und sah mich verdutzt an. Es war tatsächlich Eisendorn. Das war aber auch schon alles, was von meiner Einschätzung stimmte. Das Zimmer, in dem ich mich nun befand, war alles andere als ein einfaches Arbeitszimmer; es war eine Galerie des Grauens. Die Bilder, welche ich vorher nur unscharf durch das Fenster hatte erkennen können, waren keine Gemälde. In die Rahmen waren die Haut und die Gesichter von Menschen eingespannt, zu grausamen Fratzen des Todes verzogen, und Eisendorn war wohl gerade dabei gewesen, ein weiteres abscheuliches Kunstwerk fertig zu stellen.
„Was macht ihr hier?“ zischte der kräftig gebaute Elf, mehr verärgert als überrascht. Seine Hand wanderte zum Schwert an seinem Gürtel.
Ohne weiter zu zögern griff ich an. Eisendorn aber war alles andere als ein feister Beamter, dieser Mann war taktisch geschult. Kaum hatte er ein oder zwei Schläge von mir kassiert, murmelte er etwas in einer fremden Sprache und verschwand. Ich benötigte einen Moment um zu realisieren was geschehen war. So etwas hatte ich schon einmal gesehen. In Sandspitze war der Goblin aus dem Kleiderschrank auf genau dieselbe Weise verschwunden; hier war Magie am Werk.
Gerade noch rechtzeitig spürte ich den Lufthauch und drehte mich zur Seite. Neben mir fuhr krachend eine unsichtbare Klinge in den Boden. Hastig machte ich einen Satz zurück.
Aus den unteren Stockwerken ertönten mehrere Explosionen, die Wände schepperten und dann war es mit einem Mal ruhig. Palytoxia hatte wohl den Sägemechanismus der Mühle gesprengt. Warum auch immer sie das getan hatte, mein Dank ist ihr gewiss, denn nun konnte ich Eisendorns Schritte auf den Dielen hören und mich besser auf meinen Gegner konzentrieren.
Gerade als ich mich fragte, wieso er nicht weiter angriff, schossen Blitze durch den Raum und trafen mich schwer. Elektrischer Schmerz zuckte durch all meine Glieder. Mit dem Mut der Verzweiflung ging ich zum Gegenangriff über, schlug jedoch nur ins Leere. Wieder fuhr ein heftiger Schmerz durch meinen Körper; diesmal hatte er mich mit dem Schwert erwischt. Ich zwang mich nicht in die Knie zu gehen. Längst war mir klar, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen konnte – nicht alleine. Doch ich hoffte, Eisendorn so lange zu beschäftigen, bis meine Freunde mir zu Hilfe kamen. Würde er jetzt fliehen, wäre alles verloren.
Der Kampfeslärm von unten war inzwischen verstummt und ich hörte Schritte die Stufen nach oben poltern. Ein jäher Schreck durchfuhr mich; was wenn das Eisendorns Leute waren. Im nächsten Moment aber machte mein Herz einen freudigen Sprung, denn ich hörte Pollus meinen Namen rufen.
Blutend und mit tauben Gliedern ließ ich mich durch die Falltür im Boden nach unten plumpsen. Während ich auf dem Boden darunter aufschlug sah ich wie gerade Arya und Cyral die letzten Stufen zu der Etage nahmen. Ich wollte ihnen noch nach oben deuten, doch der Wolf hatte bereits Witterung aufgenommen. Wie eine Einheit bewegten sich die Beiden genau so geschmeidig wie zielstrebig und verschwanden mit einem Satz durch das Loch in der Decke. Ein Poltern und ein Knurren waren zu hören, gefolgt von einem verbissenen Aufschrei. Die feine Nase Cyrals war klar im Vorteil.
Wenige Augenblicke später war auch Palytoxia angekommen und kletterte hinauf. Trotz des schweren Rucksackes, den sie trug kam sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit nach oben.
Kaum war sie durch die Falltür, zerriss eine Explosion die Luft und ich hörte wieder gedämpfte Schmerzenslaute. Zufrieden stellte ich fest, dass Eisendorn keine Atempause gegönnt wurde.
Während mir noch die Ohren klingelten, merkte ich wie Pollus sich über mich beugte, mir die Hand auflegte und einen Segen sprach. Ein Gefühl der Wärme durchströmte meinen Körper, als sich Wunden schlossen und Gefühl in meine Glieder zurückkehrte.

Als die zweite Explosion eine Welle heißer Luft nach unten schob, war ich wieder auf den Beinen.
Mit einem beherzten Sprung schwang ich mich durch die Luke nach oben und sah mich um. Zwei Detonationen hatten das Zimmer ordentlich um dekoriert. Ein Teil des Schreibtisches war zersplittert, die Bilder von der Wand gefegt und im Teppichboden gloste ein mannsbreites Brandloch. Die Druckwellen hatten sogar die Scheiben nach außen bersten lassen. In mitten des Brandloches stand Richter Eisendorn; schwer atmend, mit Holzsplittern seines Schreibtisches in der Brust und einer Bisswunde am linken Bein. Er blickte abwechselnd zum offenen Fenster und zur Falltür, wohl seine Fluchtmöglichkeiten abwägend. Ich glaube er war sich nicht ganz im Klaren darüber, dass er für alle sichtbar war, denn er begann sich behutsam in Richtung Fenster zu bewegen.
Ein Schritt reichte mir um bei ihm zu sein. Meine linke Faust schlug gegen einen Nervenknoten in der rechten Schulter und ließ eben jenen Arm nutzlos erschlaffen, während meine rechte Hand sich um seinen Hals legte. Mit meinen Fingern drosselte ich die Blutzufuhr der Halsschlagader zu seinem Gehirn gerade so, dass er binnen Sekunden bewusstlos auf die Knie sank.

Wirklich Zeit, unseren Sieg auszukosten, hatten wir nicht. Durch die, nun weit offenen, Fenster konnten wir erkennen, dass sich dort wo der seltsame Kutscher seinen Karren geparkt hatte, gut 20 Leute versammelt hatten. In der Hoffnung, dass es sich um Mitglieder der „Roten Mantis“ handelte und nicht um Bürger, die vom Lärm der Explosionen angelockt worden waren, schulterte ich den bewusstlosen Richter und trug ihn nach unten. Ich überlegte noch, was für eine Ironie es jetzt wäre, ihn nach all den Anstrengungen, zu Füßen eines Mitgliedes der Stadtwache zu legen.
Arya hingegen hatte wohl vollkommen andere Pläne. Kaum war ich unten aus der Mühle getreten, sauste ein Pfeil vom Dach herab und traf den schlaffen Körper auf meinen Schultern. Ein Aufschrei ging durch die wartende Menge. Unverzüglich zogen die Gestalten auf die ich nun zu hastete Armbrüste und nahmen das Dach unter Beschuss.
Warum die Waldläuferin sich so verhalten hat, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben; im Pfeilhagel musste sie sich aber zurückziehen.
Ich lud Eisendorns blutenden Körper auf den Karren, der sofort abfuhr. Der Rest der Menge zerstreute sich umgehend. Von irgendwo wurde etwas von „Abmachung erfüllt“, gemurmelt.

In der Zwischenzeit hatten meine Gefährten das Zimmer durchstöbert und ein Tagebuch des Richters entdeckt. Darin führte er minutiös Buch über alle Gräueltaten das Häuterkultes, dem er allen Anschein nach angehörte. Wir hatten den Beweis, den wir brauchten.

Bei Sonnenaufgang fanden wir uns im Rathaus ein und legten alles – in etwas geschönter Form – dem Bürgermeister dar. Nach dessen Einsicht des Buches und durch den Umstand, dass Richter Eisendorn wie vom Erdboden verschluckt schien, wurden wir frei gesprochen. Mehr noch. Bürgermeister Grobaras übertrug unserer Gruppe die weitere Untersuchung. Die Vermerke im Tagebuch über Xanescha und die Bruderschaft der Sieben schienen ihn sehr zu verstören.
Wir bekamen noch den Hinweis, ein Gebäude, das „die Schattenuhr“ genannt wurde, näher unter die Lupe zu nehmen. Ein Begriff der Ebenfalls im Tagebuch fiel.

Endlich konnten wir etwas durchatmen.

Meine Füße tragen mich jetzt zum Tempel und seiner umfangreichen Bibliothek. Es kann nicht schaden ein paar Nachforschungen über die „Rote Mantis“ und die „Bruderschaft der Sieben“ anzustellen. Ich bin mir sicher wir laufen ihnen wieder über den Weg. Xanescha, die Herrin der Sieben, wird den Verlust ihres Handlangers nicht einfach so hinnehmen.
Arya hat uns am Weg zum Rathaus gesagt, sie habe gesehen wie Eisendorn einen Raben los gesandt hat, als sie in der Dachstube angelangt ist. Wohin er auch immer geflogen sein mag, man wird uns suchen oder zumindest erwarten.

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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Rotfuchs » So 11. Dez 2016, 23:03

Dir ist schon klar, dass ich Deine Texte früher oder später per Copy-Paste-Autorentum veröffentlichen werde, um mit einem Fantasybestseller reich zu werden, oder? ;)
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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Judge Fredd » Mo 12. Dez 2016, 08:03

Kein Problem. Solange du von dem Geld ein Wulpertinger-Clubhaus finanzierst. ;)

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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von snotl » Mo 12. Dez 2016, 14:35

Eine ganz tolle Zusammenfassung, Danke lieber Kyu!
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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Judge Fredd » Di 20. Dez 2016, 18:24

Das Monster und die Uhr

Das Warten ist das Schlimmste. Ich habe mich immer für einen geduldigen Menschen gehalten, doch jetzt gerade werde ich an meine Grenzen geführt. Die Kälte, die meine Beine empor kriecht, das Jucken meiner heilenden Wunden, auch die verächtlichen Blicke, welche die wenigen vorbeikommenden Passanten uns zuwerfen; all das tangiert mich kaum – aber dieses verdammte Warten.
Es ist früh am Morgen und die Sonne wirft gerade ihre ersten roten Strahlen über die Dächer. Den Frost, der sich auf die Steinmauern und auf die Wege gelegt hat, stört das aber noch nicht. Arya, Pollus, Tarmin, Palytoxia, Akash und ich befinden uns am Festplatz vor dem großen Tempel Magnimars. Im dämmrigen Licht scheinen die umliegenden Gebäude seltsam geneigt und Tarmins Schritte hallen über den beinahe menschenleeren Platz. Außer uns befinden sich höchstens noch ein Duzend weitere Gestalten hier, die sich wartend auf der großen Fläche verteilt haben. Sie alle sind in ärmliche Lumpen gehüllt und frieren. Ihr Blick haftet auf den großen Toren des Tempels, in der Hoffnung, sie mögen sich endlich öffnen. Es sind Bettler, fahrende Sänger, vergessene Veteranen, Obdachlose. Nach einer langen, kalten Nacht hoffen sie auf eine warme Suppe und etwas Almosen von der Kleiderspende. Der Eingang zum Tempel aber bleibt eisern verschlossen – es ist noch zu früh.
Tarmin geht gedankenverloren an mir vorbei. Wieder und wieder tigert er in seiner Rastlosigkeit über den Platz und die Schritte seiner schweren Stiefel werden zum ruhelosen Rhythmus unserer Ungeduld.
Genau wie die armen Gestalten, warten wir darauf, dass der Tempel uns Einlass gewährt, doch unsere leeren Bäuche und tauben Finger sind unser geringstes Problem. Was wir von den Akolyten erwarten ist nichts Geringeres als ein Wunder.
Was, wenn sie es nicht schaffen? Es gibt keine Garantie, immerhin … Ich vertreibe die Gedanken aus meinem Kopf. Zweifel sind auch kein guter Zeitvertreib.
Pollus grunzt einen Fluch, als Tarmin ihm beinahe auf die Finger latscht. Der Kleriker hat sich mit Akash im Windschatten einer großen Statue niedergelassen und sie spielen ein mir unbekanntes, Würfelspiel. Keine Ahnung, wer gerade gewinnt.
Arya steht mitten am Platz und starrt vor sich hin. Sie wird eine Weile brauchen um das alles zu verkraften.
Palytoxia kauert beim Bretterverschlag des großen Brunnens. Sie mischt ein paar Flüssigkeiten in einem Fläschchen zusammen, bis es rot zu glühen beginnt. Zufrieden schließt sie die Finger darum und drückt es, unter ihrem Mantel, an ihren Bauch.
Ich selbst habe mich auf einer kleinen Steinmauer, nahe einem alten Marktstand, niedergelassen und versuche, die alte Meditationstechnik anzuwenden, die mir mein Meister beigebracht hat, um Kälte und Hunger zu widerstehen. Doch so recht will es nicht klappen. Ich schaffe es nicht, meinen Kopf frei zu machen.
Zu viel ist in den letzten Tagen passiert. Zu viel haben wir verloren. Und nun warten wir hier und hoffen, wenigstens ihn noch retten zu können.

Nach unserem Abenteuer in der Siebenmühle und unserem Freispruch durch den Bürgermeister hatten wir uns zwei Tage Ruhe gegönnt. Pollus war mit Aufgaben in der Kathedrale von Abadar beschäftigt, also machten Alvas, Akash, Palytoxia, Tarmin, Arya, Cyral und ich uns auf den Weg in den Stadtteil Unterbrück. In Eisendorns Tagebuch war mehrmals der Begriff „Schattenuhr“ gefallen und im Rathaus wurden wir darauf hingewiesen, dass es in Magnimar tatsächlich ein Gebäude mit einem solchen Namen gab. Wir wurden in jenen Bezirk geschickt, der vollständig vom Zornspann überdeckt wurde.
Unterbrück war ein ärmliches Viertel und ein dunkles obendrein, denn die gewaltige steinerne Brücke warf einen ständigen Schatten. Hier war nicht schön wohnen. Die Häuser zeigten sich größtenteils verfallen, die Straßen schmutzig und voller Löcher und es stank nach Fisch und Exkrementen. Mir schien, als hätte nicht nur die Stadtverwaltung, sondern auch die Götter diesem Ort den Rücken zugekehrt.
Hier fanden sich auch die meisten Opfer des „Monsters von Magnimar“. In den vergangenen Tagen hatten wir immer wieder Gerüchte gehört, es gäbe eine abscheuliche Kreatur mit Kürbiskopf, die in den ärmeren Vierteln ihr Unwesen trieb. Menschen, Elfen, Halblinge, sie alle waren mit zerschmetterten Knochen und teilweise zerstückelt in den Straßen gefunden worden. Die Stadtwache war ratlos, aber auch nicht sehr engagiert in ihren Ermittlungen. Allgemein wurden die Berichte über ein Monstrum als Mummenschanz abgetan, hielten sich aber hartnäckig.
Kein Wunder, dass wir ein ungutes Gefühl hatten, als wir Unterbrück betraten. Unser Ziel indes war leicht auszumachen. Der Bezirk war nicht sonderlich groß und die Schattenuhr – ein alter Uhrturm – war leicht über die flachen, teils eingestürzten Dächer zu sehen. In der Ferne wirkte sie, wohl ob ihrer Höhe, etwas windschief. Entschlossen hielten wir darauf zu.

Die verwinkelten, engen Gassen in diesem Teil der Stadt folgten aber einer ganz eigenen Logik und so mussten wir nach einer Stunde des Herumirrens feststellen, dass wir kaum vorangekommen waren. Akash überredete schließlich einen ortsansässigen Mann, der gerade vorbei kam, uns den Weg zu zeigen. Ein wenig misstrauisch willigte dieser ein. Unterwegs erfuhren wir von ihm, dass sich der Turm wohl in schlechtem Zustand befände und die Einheimischen bereits Wetten abschlossen, wann er einstürzen und wie viele er dabei unter sich begraben würde.
Wenig später waren wir am Ziel. Aus den engen Gassen heraus, traten wir auf einen annähernd quadratischen Platz, der mit Steinen gepflastert war und in dessen Zentrum sich die Schattenuhr erhob. Der Turm aus dunklem Stein war schwindelerregend hoch und schien beinahe von unten an den Zornspann zu stoßen. Hoch oben, knapp unterhalb des Daches, und bereits aus der Ferne sichtbar, war eine große Uhr eingelassen, deren Zeiger hartnäckig auf drei Uhr eingerastet waren. Auf dem Dach selbst konnten wir so etwas wie eine Engelsstatue ausmachen.
Unser Führer hatte nicht gelogen. Der Turm war in einem erbärmlichen Zustand. Das Mauerwerk war verwittert und wies an vielen Stellen Risse auf. Bis auf halbe Höhe war die Konstruktion von einem rostigen Eisengerüst notdürftig gestützt. Hatte das Gebäude aus der Ferne noch windschief ausgesehen, so war nun erkennbar, dass es bei jedem stärkeren Windstoß merklich schwankte. Ich hatte den starken Eindruck, dass die Schattenuhr bloß noch aus Gewohnheit aufrecht stand.
Um den Platz, der den Turm umgab, stand es nicht viel besser. Das Pflaster war alt und zerschlagen, überall lag Unrat herum und die meisten Gebäude ringsum waren entweder eingestürzt oder verlassen.

Wir berieten uns und kamen überein, die Schattenuhr vorerst eine Weile zu beobachten, ehe wir uns ins Innere wagten. Arya machte ein Versteck aus, von wo wir einen guten Blick hatten und ich kam mit einem Halbling ins Gespräch, der auf dem Platz Nägel sammelte, welche der Wind aus dem Turm wehte. Wir kauften ihm eine Hand voll ab, um mit herumliegenden Brettern einen Verschlag zu zimmern und richteten uns für die Nacht ein. Abwechselnd hielten wir Wache und den Turm im Blick. Tarmin verstand sich gut mit Ferentsch, so der Name des Halblings. Er hatte wohl mehr Pech als Glück in seinem Leben gehabt und war so in dieser Gegend gelandet. Als Tarmin ihm anbot, als Erntehelfer am Hof seiner Eltern anzuheuern, willigte er freudig ein.
Ansonsten verlief die Nacht ereignislos. Niemand betrat oder verließ den Turm. Bloß Arya sagte, sie habe kurz ein Licht in der Dachstube gesehen. So blieb uns nichts weiter übrig als den Turm von innen zu erkunden.

Die breite Türe, welche gegenüber von unserem Versteck lag, war zwar verklemmt, aber nicht verschlossen und ließ sich mit ein wenig Kraftaufwand öffnen. Alvas stemmte sich fest mit seinen Schultern dagegen und sie schwang gemächlich, mit hölzernem Knarzen, auf. Dahinter lag ein großer, nach oben offener Raum. Es war ziemlich dunkel, denn die spärlichen Lichtstrahlen, die sich nach Unterbrück verirrten, konnten lediglich durch die geöffnete Türe und Risse in den Wänden hinein. Vorsichtig traten wir ein, entzündeten ein paar Fackeln und sahen uns um. Der große Raum war wohl einst durch Bretterverschläge geteilt gewesen. Diese lagen aber nun morsch und teils verwittert am Boden verstreut. Es war nicht mehr zu erkennen, ob es sich einst um Lagerräume, Stallungen oder Zimmer gehandelt hatte. Teile von Möbeln, Lumpen und allerlei Unrat lag in der Gegend herum. Der Turm war schon vor langer Zeit verlassen worden. Arya fand am Boden verschiedene Fuß und Schleifspuren, die darauf hinwiesen, dass alles Wertvolle bereits weggeschafft worden war.
Ein Blick nach oben machte uns einmal mehr die schwindelerregende Höhe des Gebäudes klar. Im Erdgeschoß beginnend, schraubte sich eine hölzerne Treppe die Innenwand des Turmes entlang. An ihrem Ende, gut 80 Meter über unseren Köpfen, fiel durch ein paar Fenster Licht auf vier große Glocken. Unbewusst machte ich einen Schritt zur Seite. Den morschen Brettern am Boden und dem maroden Stiegengeländer nach zu urteilen, konnte das Holzgestell, das diese vier Ungetüme trug, in keinem guten Zustand mehr sein.

Wir verteilten uns im Raum und begannen im Schutt zu stöbern. An einem Aufstieg über die Holztreppe kamen wir wohl nicht vorbei, doch wir wollten dort unten nichts übersehen. Ich ging zu einem alten Holzkarren mit fehlenden Rädern, der etwas schief im hinteren Teil des Raumes lag. Das Holz war an vielen Stellen nass und modrig und auf der Ladefläche stapelte sich ein großer Haufen Lumpen. Eher gelangweilt begann ich die Stofffetzen bei Seite zu schieben und wunderte mich, was hier alles herum lag. Eine rostige Sense, ein alter Kürbis –alles Müll. In Gedanken machte ich mich bereits den Weg die Treppe empor.
Plötzlich schlug der Kürbis die Augen auf, ergriff die Sense und richtete sich vor mir zu gut drei Metern Größe auf. Ein Schlag traf mich in die Seite und ließ mich quer durch den Raum segeln. Als sich der rote Nebel vor meinen Augen verzog, blickte ich auf ein brüllendes Ungetüm, das selbst für ein Monster seltsam deformiert aussah. Arme, Beine, Brust, Kopf – das alles wollte nicht so recht zusammenpassen. Während es schwerfällig auf mich zu stapfte, erkannte ich grobe Nähte, die verwesendes Fleisch zusammen hielten. Ein ähnliches Wesen war uns schon einmal begegnet – die Ghoulfledermaus in den Höhlen unter Vorels-Vermächtnis. Wir mussten das Monster von Magnimar nicht länger suchen.
Als ich mich nach dem schweren Treffer aufgerichtet hatte, war der Fleischgolem bereits über mir und holte zum Schlag aus. Ich war schon gefasst, einen weiteren schmerzhaften Hieb einzustecken, da sprang Cyral über mich hinweg und ließ das Ungetüm, alleine durch die Wucht seines Angriffes, zwei Schritte zurück taumeln. Knurrend schnappte er zu und riss einen großen Bissen aus dem linken Oberarm des Ungetüms. Auch Tarmin war nun mit gezogenem Schwert zur Stelle. Der Riese aber ließ seine Sense sprechen und brachte den jungen Krieger in Bedrängnis. Schlag um Schlag hagelte auf meinen Freund nieder und nicht jeden konnte er parieren.
Die Pfeile, mit denen Arya und Alvas das Monster spickten, schien es gar nicht zu bemerken.
Endlich hatte Akash mich erreicht und sprach einen Zauber, der meine Haut magisch verstärkte. Ermutigt stürmte ich vor. Als ich ein paar Treffer landete, ließ der Fleischgolem endlich von Tarmin ab. Cyral kostete es sichtbar Überwindung, doch erneut grub er seine Fänge in das modrige Fleisch. Wütend brüllte der Riese auf. Diese Atempause nutzte Tramin aus und hieb eine große klaffende Wunde in die Brust des Monstrums. Der Golem aber war nun voll auf Cyral fixiert. Seine klobige linke Hand packte den großen Wolf beim Nacken und hob ihn mühelos hoch. Schnalzend löste sich ein großer Fleischbrocken aus dem Bein, in welches sich Aryas Beschützer verbissen hatte und fiel zu Boden, als er ein schmerzvolles Winseln ausstieß. Ein Winseln, das sich zu einem Jaulen steigerte, als die rostige Klinge der Sense sich tief in den Bauch des Tieres grub.
Arya schrie hinter mir auf, als wäre sie selbst verletzt und stürzte vor.
Ich weiß nicht, ob ein solches Wesen etwas empfindet, doch ich bin überzeugt ein Grinsen auf seiner Fratze erkannt zu haben, als es den leblosen Körper des Wolfes in die Lacke aus eigenem Blut und Eingeweiden plumpsen ließ.
Tarmin und ich setzten zum Gegenangriff an, wurden aber von der herumwirbelnden Sense zurückgetrieben. Die Elfe duckte sich behände unter der Klinge durch und beugte sich über ihren gefallenen Gefährten. In ihren Augen spiegelte sich das blanke Entsetzen.
Der Golem nahm die Sense nun in beide Hände und hob sie hoch über den Kopf. Die Toten Augenhöhlen in seinem Kürbiskopf ruhten auf Arya und der madenzerfressene Mund stieß ein Grollen aus. Der folgende Schlag war dazu gedacht die Elfe zu spalten.

Da geschah etwas Unerwartetes.

In dem chaotischen Kampfgetümmel hatte sich Palytoxia dem Fleischgolem unbemerkt genähert. In der Hand hielt sie eine Phiole mit einer blauen Flüssigkeit, die heftig brodelte. Während das Monstrum seine Arme hob, steckte sie das Glasgefäß in die klaffende Wunde, die quer über seine Brust verlief. Sie tat dies mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, als würde sie ein Buch in ein Regal zurückstellen. Dann huschte sie zur Seite weg und duckte sich hinter einen Bretterverschlag.
Alvas war der Erste, der kapierte was hier los war. „Deckung!“ rief er; dann verschwand die Welt in einem weißen Blitz.
Die Phiole in der Brust des Golems zerbarst mit metallischem Dröhnen und die Kreatur wurde von einem hellen weißen Licht in Stücke gerissen. Reflexartig bedeckte ich meine Augen und sprang ein Stück zurück. Neben mir klatschte Fleisch an die Wand.
Es brauchte eine Weile, bis die tanzenden Lichter vor meinen Augen verschwanden, doch es war Ruhe eingekehrt. Blinzelnd erkannte ich Tarmin, der angewidert Fleischbrocken von seinem Schild putzte, welches er sich schützend vorgehalten hatte und ich sah Palytoxia, die sich zufrieden grinsend hinter dem Verschlag erhob.
Aber ich sah auch Arya, kniend neben Cyral, die Hände in das Fell des Wolfes gekrallt. Ihre Kleidung und ihre Haare waren mit Überresten des Golems verschmutzt, doch sie schien es nicht zu bemerken. In den Augen der Waldläuferin lag ein Blick, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Langsam erhob sie sich und blickte die Holzstiege nach oben. Ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten und hörte sie immer wieder den selben Satz murmeln: „ero cuil ancar an cuil“. Wieder und wieder, wie ein Mantra. Leider verstehe ich kein Elfisch, aber Alvas legte sein Gesicht in finstere Falten
Ohne weiter auf uns zu achten, machte Arya sich daran die Treppen hoch zu steigen.
Als ich meine Hand ausstrecken wollte um sie zurück zu halten, trat Alvas neben mich und schüttelte den Kopf.
„Sie sagt: Nur ein Leben vergilt für ein Leben. Das ist ein Racheschwur und sie wird ihn erfüllen.“
Dann deutete er Tarmin, ihm zu folgen und wandte sich ebenfalls der Treppe zu.
Der Rest von uns blieb etwas ratlos zurück. Während ich noch damit haderte, ob es wirklich das Beste wäre, wenn alle gemeinsam den Turm nach oben steigen, klopfte mir Akash von hinten auf die Schulter.
„Was soll‘s. Ich denke, wir müssen da sowieso rauf.“ Sagte er und setzte ein breites Grinsen auf. „Und jetzt scheint mir genau so gut wie jeder andere Zeitpunkt. Geh vor, ich folge dir“
So fand sich bald unsere ganze Gruppe auf einer alten ächzenden Turmtreppe wieder, der ich zunächst nicht einmal zugetraut hätte, einen Halbling zu tragen.

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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Fabse » Mi 21. Dez 2016, 11:08

Sehr super geschrieben :D Ich sehs bildlich wieder vor mir!
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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von snotl » Mi 21. Dez 2016, 17:01

Wie immer "großes Kino" - wann kommt Kyu - die Geschichte eines Mönchs eigentlich ins Fernsehen?
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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Judge Fredd » Fr 23. Dez 2016, 09:59

Ich verhandle noch mit den Disney-Studios. :mrgreen:

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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von snotl » Fr 23. Dez 2016, 13:43

Da kannst du schon einmal mit dem Oscar Team weiterverhandeln! Weiter so!
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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Judge Fredd » Mi 28. Dez 2016, 21:16

Der Engel und die Schlange

Der Weg den Turm hinauf war kräfteraubend und gefährlich. Die morsche Holztreppe wand sich über viele Etagen die Innenwand der Schattenuhr empor und hatte schon wesentlich bessere Tage gesehen. Bei jedem Schritt knarrten und quietschten die modrigen Planken bedrohlich und wir mussten höllisch Acht geben, wo wir unsere Füße hinsetzten. Nicht selten gab der Boden unter uns nach, sodass nur ein beherzter Sprung nach vorne einen Absturz verhinderte.
Da die Treppe nicht den Eindruck machte auch nur zwei von uns am selben Fleck tragen zu können, hatten wir uns verteilt. An der Spitze eilte leichtfüßig unsere elfische Waldläuferin voran, dann folgten mit etwas Abstand Alvas und Tarmin. Zu guter Letzt folgte ich mit Akash und Palytoxia im Schlepptau. Arya legte in ihrem Zorn ein ziemliches Tempo vor, sodass wir Mühe hatten zu folgen. Besonders Tarmin in seiner Rüstung und Palytoxia mit ihrem schweren Rucksack bangten bei jedem Schritt.
Zurecht wie sich herausstellte. Ich musste etwa in der vierten Etage angekommen sein, da brachen plötzlich Füße über mir durch das Holz. Wilde Flüche erfüllten den Turm; sowohl von Tarmin über sein Missgeschick, als auch von Alvas vor Anstrengung den Krieger wieder hoch zu ziehen. Ich musste ein Stück die Wand hinauf klettern und von unten anschieben, damit er sich wieder empor wuchten konnte.
Und Tarmin war nicht der einzige. Keine zwei Minuten später vernahm ich erneut ein Krachen über mir und Arya landete, in einem Regen aus Holzsplittern, direkt vor meinen Füßen. Ob der schieren Vielzahl ist es mir schlicht unmöglich, die elfischen Verwünschungen wiederzugeben, die sie von sich gab.

Wir kamen also nur schleppend voran. Weiter oben befand sich ein Vogelschlag, in dem einige Raben hausten. Frisches Futter am Boden der Käfige und die fehlende Scheu vor uns Menschen zeigten uns, dass wir hier wohl richtig waren. Die Vögel begannen zu krächzen und mit den Flügeln zu schlagen, als sie Arya erblickten. Die Elfe legte interessiert den Kopf auf die Seite und setzte einen wissenden Blick auf. Von der Fähigkeit vieler Waldläufer, mit wilden Tieren zu kommunizieren, hatte ich bereits gehört, aber es noch nie gesehen.
Was auch immer die Raben mitzuteilen hatten, ging in einem hohlen Knall unter. Ich hob den Kopf und sah gerade noch, dass eine der vier Glocken über uns sich von den Balken losgerissen hatte und gegen die Steinmauer schwang. Ein ohrenbetäubender Laut war die Folge, in dem meine geschriene Warnung ungehört blieb. Mir schoss sofort die Befürchtung durch den Kopf, der ganze Turm würde in sich zusammenfallen, aber die Schattenuhr blieb trotzig stehen. Die Glocke jedoch stürzte ungebremst und unaufhaltsam in die Tiefe und riss alles mit, was sich in ihrem Weg befand.
Wir hatten wohl mehr Glück als Verstand, dass es sich dabei bloß um morsches Holz und Mauerteile handelte. Als der Lärm des Aufschlages verklungen war und wir alle noch unter den Lebenden weilten, erlaubte ich mir einen Moment naiven Zorns auf die Glocke. Warum in drei Teufels Namen musste sie sich gerade dann los reißen, wenn wir zugegen waren.
Der Bolzen, welcher Sekunden später neben Akashs Gesicht in der Wand einschlug, holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Auf der Brüstung, im obersten Stock, waren drei Gestalten aufgetaucht. Die Luft begann zu sirren, als sie uns mit Armbrüsten aufs Korn nahmen.
„Beschuss!“ hörte ich Alvas rufen, der bereits selbst die Armbrust spannte.
Ich wehrte zwei Geschoße ab und schätzte die Distanz ein. Mit meinen Shuriken war hier nicht viel auszurichten, doch weil der Turm sich nach oben hin verjüngte, konnte ich mit ein paar kräftigen Sprüngen zum Gegner hinauf kreuzen. Da meine Freunde auf der schmalen Treppe wie auf dem Präsentierteller standen, überlegte ich nicht lange und stieß mich ab. Diesmal hatte ich die Brüchigkeit des Holzes unterschätzt. Kaum war ich eine Etage höher aufgekommen, brach eine Planke und ich machte eine unsanfte Bauchlandung. Während des Sprunges konnte ich jedoch einen Blick auf die Angreifer erhaschen und traute meinen Augen nicht. Wir wurden von einem Zimmermädchen, einem Soldaten der Stadtwache und Tarmin beschossen. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Zumindest so lange nicht, bis Arya unter mir einen Pfeil fliegen ließ, der den Soldaten genau im Auge traf. Mit einem schmerzerfüllten Keuchen taumelte er gegen die Wand und sank zusammen. Nachdem er seinen letzten Atemzug getan hatte, schimmerte er plötzlich in vielen Farben und kehrte zu seiner androgynen Urgestalt zurück.
„Verdammter Wechselbalg.“ hörte ich die Elfe murmeln, als sie einen weiteren Pfeil auflegte.
Ich beeilte mich oben anzukommen, trat im Vergleich zu Pfeil und Bolzen aber auf der Stelle.
Das Zimmermädchen brach gurgelnd in die Knie, nachdem Alvas ihr einen Bolzen durch den Hals getrieben hatte.
Ich lief weiter. Nur noch eine Etage trennte mich vom falschen Tarmin, der inzwischen seine Armbrust weggelegt hatte. Stattdessen schwang er sich nun mit einem Messer in der Hand auf die Holzbalken, an denen die drei verbliebenen Glocken hingen. Verbissen machte er sich daran die dicken Taue zu durchtrennen. Mir wurde plötzlich heiß. Die erste Glocke war nur durch Zufall an uns vorbeigerauscht; wenn er eine weitere los schnitt, waren die Folgen nicht abzusehen.
So weit sollte es nicht kommen. Gerade, als der sich der falsche Tarmin nach vorne beugte, um das Messer neu anzusetzen, manifestierte sich hinter ihm eine Hand aus dem Nichts und gab ihm einen kräftigen Stoß. Ein entsetzlicher Schrei begleitete seinen Sturz; geradewegs an Akash vorbei, der eben seinen Zauber beendete.

Nach und nach fanden wir uns am oberen Absatz der Holztreppe ein. Wir mussten nun direkt unterhalb der großen Uhr sein. Die Treppe führte im Inneren nicht höher hinauf, doch befand sich in der Wand ein kleines Tor, von dem ein Holzsteg außen die Turmmauer nach oben führte.
Einzeln und vorsichtig tasteten wir uns voran. So gelangten wir in die Turmstube, die sich hinter der großen Uhr verbarg. Die Kammer befand sich in keinem besseren Zustand, als der Rest des Gebäudes, den wir bisher gesehen hatten. Ein paar verwitterte Möbel, Taubenkot und ein gewaltiges, vollkommen verrostetes Uhrwerk war alles was wir fanden.
An der Wand gegenüber der Stelle, an der wir die Turmstube betreten hatten, befand sich wieder ein kleines Tor, sowie ein weiterer Holzsteg, der aufs Dach führte. Unnötig zu erwähnen, dass wir auch hier mit äußerster Vorsicht vorgingen.

Das Dach selbst war rund und flach. Die überraschend stabilen Holzplanken am Boden wurden ringsum von einem Bogen aus Dachschindeln überspannt. In der Mitte entstand so ein Loch, durch welches der Sockel ragte, auf dem die Engelsstatue thronte, die wir bereits von unten gesehen hatten. Es herrschte eine gespenstische Stille. Der Wind blies heftig und trug den salzigen Geruch des nahen Hafenviertels mit sich.
Alvas war der Erste, der oben ankam. Vorsichtig begann er sich umzusehen, während nach und nach der Rest von uns folgte. Alles war in ein seltsames Zwielicht getaucht, denn der Zornspann, der sich jetzt nur wenige Meter über uns befand, raubte der Vormittagssonne das meiste Licht.
Ich betrat das Dach gleich hinter Tarmin. Es leer vorzufinden enttäuschte mich irgendwie. Nach den Kämpfen, dem Verlust von Cyral und dem beschwerlichen Aufstieg hatte ich gehofft endlich einen Schlussstrich unter den Häuterkult in Magnimar ziehen zu können.
Alvas schien es nicht anders zu gehen. „Hier gibt es nur Lumpen und Vogeldreck. Keine Spur von Xanescha.“ Die Enttäuschung in seiner Stimme war unüberhörbar. Auch ich sah mich etwas um. Da war eine Kiste mit Werkzeug, dort ein Sack Nägel. Auf diesem Dach gab es nichts zu holen.
Alvas knirschte laut mit den Zähnen. „Wenn ich diesen verdammten Turm jetzt umsonst raufgekrochen …“
Als er nicht weitersprach, drehte ich mich alarmiert um. Der Halbelf stand mit aufgerissenen Augen und offenem Mund da und gaffte zur Engelsstatue empor. Ich brauchte eine Sekunde um es ebenfalls zu entdecken. Der Sockel trug nämlich nicht die Statue alleine. Um das gehauene Kleid des Engels wand sich der Schwanz einer großen Schlange, der im Oberkörper einer zierlichen Frau endete. In ihren zarten Händen hielt sie einen langen Speer und ihr Gesicht war hinter einer goldenen Maske verborgen. Die Meduse blickte von oben auf uns herab und wirkte nicht im Geringsten überrascht oder verängstigt. Im Gegenteil; in dem Moment, als Alvas nach seinen Schwertern griff, stieß sie sich ab und landete kaum drei Schritte vor ihm am Boden. Der Speer macht eine wirbelnde Drehung und seine lange Spitze stieß ihrem Gegenüber entgegen. Ein durchdringendes Zischen kündete von Wut.
Alvas sprang behände nach hinten, hatte aber sichtlich Mühe, der immer wieder nachsetzenden Speerspitze auszuweichen.
All das hatte keine drei Sekunden gedauert.
Tarmin war am nächsten und eilte seinem Kameraden zu Hilfe. Knurrend hob er sein Schwert und schlug zu. Die Klinge schnitt aber bloß durch die Luft. Mit einer Geschwindigkeit, die ich einfach nur als unnatürlich beschreiben kann, wand sich das Schlangenwesen unter dem Schlag weg. Im nächsten Moment tauchte ihr Kopf vor Tarmins Gesicht wieder auf und die leeren Augen der Maske starrten in seine. Sie gab ein paar schnelle zischende Laute von sich und der Krieger erstarrte mit einem Mal in seiner Bewegung. Ich konnte sehen wie seine Augen sich vor Panik weiteten; er wollte schreien, aber seine Lippen waren bereits grau und kalt.
Xanescha – es konnte sich nur um sie handeln – wandte sich von meinem versteinerten Freund ab.
Entsetzt stürzte ich vor und schlug nach ihr, doch sie wehrte mühelos ab. Die Finger ihrer linken Hand vollführten derweil schnelle, komplizierte Gesten in der Luft. Kaum waren die Bewegungen beendet, krochen drei identische Schlangenwesen aus den Schatten ringsum und verteilten sich. Die Illusionen bewegten sich so rasch wie das Original und alle tauschten beinahe im Sekundentakt ihre Plätze, sodass die echte Xanescha nicht mehr auszumachen war.
Arya machte das Beste aus der Situation und nahm einfach alle nacheinander unter Beschuss. Ihre Augen trugen wieder diesen kalten Blick.
Während die Pfeile durch die Luft segelten, hatte ich meine liebe Mühe, nicht von einem Speer aufgespießt zu werden. Die Xanescha vor mir imponierte überaus real und als sie mir den Speerschaft in die Magengrube hieb, tat das auch wirklich weh.
Alvas schien aber dasselbe Problem mit seiner Gegnerin zu haben.
Ich begann mich zu fragen, ob dieser Kampf für uns zu gewinnen war. Da hörte ich hinter mir seltsame Worte.
Am Ende des Holzsteges war nun auch Akash erschienen und hob seine Hand. Mit kräftiger Stimme rief er Zauberformeln in den Wind und diese verfehlten ihre Wirkung nicht. Wie unter starken Krämpfen krümmten sich alle Schlangenwesen zusammen.
Ich nutzte die Gelegenheit und trat meiner Gegnerin heftig gegen die Schädelbasis, worauf diese plötzlich verschwand.
Eine weitere Xanescha hatte sich gerade Arya zugewandt, da kullerte ein kleines Fläschchen vor ihr über den Boden und zersprang in einem Feuersturm – sie war nicht mehr gesehen.
Auch Alvas wusste die Pause gut zu nutzen. Als die Meduse vor ihm unter Schmerzen einsank, stach sein langer Dolch von oben herab und grub sich zwischen Hals und Schulter in ihren Körper.
Ein zufriedenes Lächeln lag auf seinem Gesicht, als sich die Illusion vor ihm in flackernde Luft auflöste.
Im selben Moment jedoch erstarb dieses Lächeln und Alvas stöhnte gequält. Genau wie wir alle starrte er ungläubig auf die heftig blutende Wunde in seiner Brust, aus der gut zwei Hand breit eine Speerspitze ragte.
Mit einem triumphierenden Laut, stieß Xanescha hinter ihm den Speer nochmals an und ließ Alvas so zunächst auf seine Knie zusammenbrechen und dann bäuchlings zu Boden fallen.
Wir alle waren wie eingefroren vor Entsetzen.
Beinahe beiläufig zog sie ihre Waffe aus dem Rücken unseres Freundes und wischte einen Pfeil von Arya aus der Luft, während aus der Wunde ungebremst Blut sprudelte.
Ihr maskiertes Antlitz wandte sich mir zu und sandte ein herausforderndes Zischen aus.
Ich nahm an. Mit geballten Fäusten und angespannten Muskeln rannte ich los –

- und musste plötzlich Acht geben nicht über ihren Kopf zu stolpern, der mir zwischen die Füße kullerte.
Über dem zuckenden, sich windenden Körper schwebte Tarmins Klinge an seinem ausgestreckten Arm in der Luft. Dieses Mal hatte sie ihr Ziel gefunden.
Der Versteinerungszauber war, zum Glück, nur temporär gewesen. Immer noch steif und ungelenk steckte Tarmin das Schwert weg und blickte betrübt auf den toten Körper von Alvas hinab.
„Verdammt, verdammt! Nur ein paar Sekunden früher.“ Hörte ich ihn leise sagen.

Nachdem nun Ruhe eingekehrt war, suchten wir das Dach genauer ab. Neben einer beträchtlichen Summe Geld fanden wir ein Schriftstück, in dem von einem Angriff auf die Rannig-Feste die Rede war. Sofort befiel uns ein ungutes Gefühl. Wir erinnerten uns daran, wie noch in Sandspitze eine Kompanie Soldaten zu eben jener Feste aufgebrochen war.
Doch momentan hatten wir andere Probleme. Unter großem Zeit- und Kraftaufwand schafften wir Alavs‘ sterbliche Überreste den Turm hinunter. Wenn es eine Möglichkeit gab, unserem Freund zu helfen, dann lag diese im Tempel.

So treiben wir uns, wie all die anderen armen Gestalten, früh am Morgen am Platz vor dem Tempel herum. Gerade steigt die Sonne hoch genug, um die Tore des imposanten Gebäudes in ein goldenes Licht zu tauchen, da hören wir wie große Riegel beiseitegeschoben werden. Sofort hasten die Bedürftigen die Stiegen hinauf und drängen ins Innere.
Auch wir erheben uns und treten näher. Ich kann die Unruhe eines jeden spüren. Heute erfahren wir, ob die heiligen Rituale erfolgreich gewesen sind und uns unseren Freund wieder gebracht haben.
Die Eisenbeschläge der Tore reflektieren die Sonnenstrahlen und blenden mich. Als wir eintreten muss ich ein paarmal blinzeln bevor ich etwas erkennen kann.
Die große Halle des Tempels ist pompös verziert, es herrscht ein reges Treiben und doch blicken unsere Augen bloß auf einen Punkt. Aus einer unscheinbaren kleinen Holztür, in der Nähe des großen Altares, tritt ein Mann und kommt schnurstracks auf uns zu. Er ist in eine weiße Robe gekleidet, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und wird von zwei Akolyten begleitet.
Als er uns erreicht, schlägt er die Kapuze zurück und wir blicken in das grinsende Antlitz von Alvas
„Was sollen die langen Gesichter?“ fragt er zynisch. „Ist jemand gestorben?“

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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von snotl » Do 29. Dez 2016, 13:49

Lieber Judge,
wie immer eine absolut gelungene Zusammenfassung der letzten Geschehnisse in Magnimar. In weniger als 2 Wochen geht es schon wieder weiter und ich freue mich schon auf den nächsten Teil von Kyus Saga!
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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Rotfuchs » Di 24. Jan 2017, 22:43

Wann geht das Epos weiter? :P
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Re: Kyu, Schüler des Shu-Yun

Beitrag von Judge Fredd » Di 24. Jan 2017, 22:47

Bin momentan leider beruflich und auch privat sehr eingespannt. Derzeit geht es ich für mich nicht aus, mich in Ruhe hinzusetzen und zu schreiben. Sobald ich wieder Zeit habe, mache ich gerne weiter.

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